Der Fuchsbau.

Verzierung

Erstes Kapitel.
Die Forstei im Spessart.

Oben im Spessart, an der nördlichen Abdachung desselben und ziemlich versteckt in einem wilden hochstämmigen Nadelholzwalde, lag eine alte Forstei, deren Insasse, der alte Förster Buschmann, schon lange um einen Gehülfen petitionirt hatte, weil ihm die Wilddieberei zu arg wurde und er’s in dem weiten und wilden Revier nicht mehr allein „ermachen“ konnte.

Ja petitioniren — das sollte Alles „kein Geld kosten“, wie er meinte, und dabei wurde das Gesindel immer dreister und stahl zuletzt an Wild mehr weg, als es gekostet haben würde, zwei Gehülfen anzustellen. Es kam und kam eben keiner, bis er zuletzt wild wurde und das Gesetz in seine eigene Hand nahm.

Alle Schliche und Wege kannte er, aus dem über Nacht draußen im Holz liegen machte er sich auch nichts, und Streusucher fanden bald nacheinander zwei übelberüchtigte junge Bursche aus dem nächsten Dorf erschossen auf einem der Waldpfade liegen und trugen sie zu Thal.

Jetzt kamen freilich die Gerichte auf die Beine; eine Untersuchung jagte die andere, und Buschmann wurde alle Augenblicke vorgefordert, um Auskunft über die Erschossenen zu geben — aber was wußte er davon? Er stak allein da auf seiner Forstei im Walde, überall konnte er natürlich nicht sein, und wenn sich das Wilderergesindel unter einander selber todtschoß — ei, dann wohl bekomm’s: er hatte nichts dagegen. Wissen thue er übrigens nichts von der ganzen Geschichte, und da er vergebens und immer wieder vergebens Hülfe von der oberen Forstverwaltung erbeten, aber nie auch nur einmal eine Antwort erhalten habe, so müssen sie es sich eben jetzt gefallen lassen, wenn es Mord und Todtschlag auf dem Revier gäbe.

Das half. Schon in nächster Woche wurde nicht allein ein aus drei Schützen bestehender Forstschutz in das Revier gelegt, sondern eines Sonnabend Abends traf auch ein junger kräftiger Forstgehülfe auf der Forstei ein, gab sein Einführungsschreiben ab und wurde von dem alten Förster auf das Herzlichste empfangen.

Bis jetzt hatte Buschmann mit seiner „Alten“, da ihre Ehe kinderlos geblieben, hier allein die langen Jahre gewirthschaftet. Nur eine alte Magd war noch im Hause, die die Küche und ein paar Kühe besorgte, und zwei Kreiser oder Forstläufer schliefen ebenfalls dort oben, wenn sie ihre Pflicht nicht zwang, auf irgend einem andern Punkt des Reviers zu übernachten. Daß das ein einsames Leben im Walde gewesen, läßt sich denken, besonders wenn draußen der Schnee seine weiße Decke über das Land breitete. Die beiden alten Leute hatten dann mit der Magd im Zimmer gesessen, der Förster seinen kurzen Pfeifenstummel im Mund, die Frauen am Spinnrocken, während oft stundenlang kein Laut, als das Schnurren der Räder, die Stille unterbrach.

Jetzt kam junges Leben dahinein, und der neue Forstgehülfe Bernhard Raischbach, der schon in Aschaffenburg, Würzburg und selbst in München gewesen, ja gar in den Alpen seine Lehrzeit bestanden, und sonst auch ein manierlicher Bursche und guter Leute Kind war, konnte von allem Möglichen erzählen und erzählte auch, und die alten Leute trugen ihn dafür auf Händen. Was ihm die alte Frau an den Augen absehen konnte, that sie ihm, und besserer Kaffee war noch nicht in der Forstei gebraut, so lange sie stand, als seit der junge Raischbach dort eingezogen. Ja sogar ein Fäßchen Bier wurde angeschrotet — und zwar Lagerbier, kein einfaches — damit er nicht versucht werden sollte, Abends in das allerdings immer noch gut anderthalb Stunden entfernte Wirthshaus hinabzusteigen — was er freilich auch nur sehr selten that. Der Hinweg ging noch — aber der Rückweg durch den stockdunklen Wald und über die rauhen Wege war nichts weniger als angenehm.

Auch draußen im Wald erwies sich der junge Forstgehülfe bald außerordentlich brauchbar und kannte seine Pflicht so genau, daß der alte Förster eigentlich nichts zu thun hatte, als ihm nur die verschiedenen Schläge und Pflanzorte, wie auch besonders die Grenzen zu zeigen, damit er nicht einmal aus Versehen in das Hessische hinübergeriethe. Allerdings war Förster Buschmann, wie er seinem Gehülfen sagte, mit dem nächsten hessischen Förster befreundet, aber sie kamen doch nur sehr selten zusammen, und besser ist immer besser.

Erzählen that übrigens der Alte ungemein gern, und an Stoff dazu fehlte es wahrlich nicht, denn es gibt wohl kein ergiebigeres Sagengebiet — den Rhein vielleicht ausgenommen — in ganz Deutschland als eben den Spessartwald mit seinen dunklen, nadelholzbewachsenen Höhen. Wenn er ihm dann die verschiedenen Namen der Plätze, die theils auf eine solche Sage, theils auf früher hier heimische wilde Thiere Bezug hatten, angab, wußte er ihm dabei allerlei wunderliche Dinge zu berichten, was noch dadurch viel geheimnißvoller klang, daß er es nur immer mit leiser flüsternder Stimme that. Nicht um die Welt hätte er im Wald laut gesprochen, war er doch von Jugend auf daran gewöhnt, sich immer so zu benehmen, als ob er auf der Pirsche sei.

Gelegenheit zu solchen Geschichten fand er also genug, denn der Wald wimmelte von derartigen Plätzen. Da gab es einen Teufelsfelsen und einen Eckardtsstein; da lief der Elfenbach durch’s grüne Moos; Luchssteig, Wolfsschlucht, Bäreneck und Auerhorn hießen einzelne vorragende Plätze im Wald, und die Phantasie des Alten bevölkerte sie nicht allein mit dem wilden Jäger und dem bösen Feind, mit Alraunen und überirdischen Geschöpfen, sondern er berief sich dabei auch noch auf das Zeugniß seines jetzt leider verstorbenen Vaters, der in stürmischen Nächten den wilden Jäger selber oft und oft gehört haben sollte, wie er, besonders im Frühjahr und Herbst, mit Hussah! und Halloh! über den Forst gebraust.

Solche Gespräche spannen sich übrigens auch noch, wenn sie Abends nach Hause kamen, aus, denn von derartigen Erzählungen wußte die Frau Försterin fast noch mehr als ihr Mann, ja selbst die Lisei, wie die alte Magd hieß, nickte nur immer bestätigend mit dem Kopfe, wenn sie auch selber entsetzlich schwer zum Reden zu bringen war, denn sie stieß ein wenig mit der Zunge an und war von anderen jungen Leuten, denen sie früher manchmal derlei erzählt, wohl nur ausgelacht und verspottet worden.

Der junge Raischbach lachte sie aber nicht aus. Selber etwas romantischer Natur, wenn auch nichts weniger als was man abergläubisch nennt, wirkte die ganze Umgebung doch nach und nach auf ihn ein, und er fing an, sich nirgends wohler zu fühlen als Abends, nach einem tüchtigen Rundmarsch in der stillen, schweigenden Waldung, in seiner Ecke neben seinem Krug Bier und mit der kurzen Jagdpfeife im Munde.

Er wußte selber auch Manches zu erzählen: von dem Bergstutzel in den Alpen, von der Gemsmaid, von den weißen Fräulein und dann aus anderen Forsten von einer Freikugel, die ein Jäger gehabt, mit der er nachher, wider Willen, seinen eigenen Vater erschossen; von einem andern Frevler, der sein Feuerrohr auf einen gekreuzigten Jesus abgebrannt hätte und von Stund an blind geworden wäre, und manche andere Dinge, wie sie sich die Jäger wohl an langen Winterabenden erzählen.

Deßhalb scheute er sich aber doch nicht, bei Nacht und Nebel draußen im Wald herumzusteigen, und wenn er einmal irgendwo in einer Richtung einen Schuß gehört, von dem man sich keine Rechenschaft geben konnte, so ruhte und rastete er auch nicht, bis er die richtige Fährte ausspürte, und wenn er drei Nächte hinter einander hätte draußen lagern sollen.

Daß so ein flinker kräftiger Bursche — und außerdem noch ein vortrefflicher rascher Schütze, wie er sich bald erwies — dem Wilderergesindel unbequem werden mußte, läßt sich denken. In ganz kurzer Zeit hatte er auch drei von der Gesellschaft auf frischer That ertappt und sie nach und nach ganz allein eingebracht, und die Wilddiebe mußten anfangen, sich nach einem andern Revier umzusehen, denn auf dem Buschmann’schen schien’s für sie nicht mehr geheuer.

Eines Tages — es war im August — hatte der Förster einen Feisthirsch zum Abschuß bekommen, der noch an dem nämlichen Abend eingeliefert werden sollte, und Bernhard wie der Alte waren mit Tagesgrauen hinausgegangen, um ihr Glück auf der Pirsche zu versuchen. Nach vorher genommener Verabredung sollte aber Keiner mehr schießen, wenn er vom Andern einen Schuß fallen höre, damit sie nicht etwa bei dem heißen Wetter zwei Stück statt eines auf die Decke brächten, und sie nahmen nun, Einer den linken, der Andere den rechten Flügel, um an einer bezeichneten Stelle wieder zusammen zu treffen. Hatte dann Keiner von ihnen Etwas geschossen, so waren die Kreiser und der Forstschutz schon auf einen gewissen Punkt im Wald bestellt, um nachher ein paar Dickungen durchzutreiben, wobei sie gewiß ihr Ziel erreichten, denn Hirsche gab es damals noch genug in jenen Forsten.

Das Letzte schien aber nicht nöthig zu werden, denn schon um neun Uhr Morgens hörte Förster Buschmann den scharfen Krach einer Büchse, und als er nun, die eigene Waffe über die Schulter gehangen, direkt der Richtung zuhielt, traf er auch bald darauf mit seinem Forstgehülfen zusammen, der einen kapitalen Achter auf der Decke hatte.

Bernhard schwenkte ihm auch lustig seinen mit dem „Bruch“ schon besteckten Hut entgegen, und der Alte nickte vergnügt vor sich hin, als er den braven Hirsch, mit dem Eichenzweig im Geäß und die Kugel wie abgezirkelt mitten auf dem Blatt, verendet im Schatten eines alten Eichenbaums, nahe einer zu Thal rieselnden Quelle liegen sah.

„Bravo, mein Junge!“ rief er aus, „das war gerade das rechte Stück und ein tüchtiger Schuß, mit dem wir Ehre einlegen können; er spart uns auch eine Masse Schererei, und wenn die Kreiser jetzt kommen, können sie ihn gleich auf ihren Wagen packen und fortschaffen. — Der scheint auch nicht mehr weit gegangen. Kam er flüchtig?“

„Gleich dort am Rand von den Felsen äste er sich,“ erzählte der junge Forstmann, „und ich war mit gutem Wind und Deckung bis auf fast achtzig Schritte angepirscht, denn ich konnte nur manchmal die Stangen zu sehen bekommen, wenn er den Kopf hob, um zu sichern. Weiß aber der liebe Gott, was ihn verscheucht haben mag, denn meinen Schritt auf dem weichen Moos konnte er wahrlich nicht hören, äugte auch nicht einmal der Richtung zu, wo ich mich befand. Wie ich aber daneben hinter den Büschen vorkrieche, höre ich, daß er flüchtig wird, und jetzt war ich mit einem Satz auch draußen im Freien. Rechts ab konnte er nicht, der Kluft wegen, so mußte er hier über die Lichtung, und wie er die Kugel kriegte, machte er einen Satz so hoch.“

„Das ist ein famoses Zeichen“, schmunzelte der Alte.

„Er ging auch nicht mehr weit. Dort drüben, bei der jungen Weißtanne, ist der Anschuß und hier unter der Eiche hielt er plötzlich, that sich nieder und verendete auch gleich darauf, da ich versteckt blieb und ihn nicht weiter störte.“

Der alte Förster nickte leise und zustimmend mit dem Kopf, und trat indessen, während sein junger Gehülfe den kurzen Bericht abstattete, an den Rand der hier ziemlich steil abfallenden Felsen, um das da unten ausgebreitete Terrain zu überblicken.

Es war ein wilder eigenthümlicher Platz hier mitten in den Bergen, und Bernhard selber auf all’ seinen Streifzügen noch nie in die Nähe desselben gekommen.

Gerade zu ihren Füßen fielen die Sandsteinfelsen wohl achtzig oder neunzig Fuß steil ab, und nach rechts und links, wohin er sah, schien eine ganz ähnliche Mauer eine unten liegende flache und moorige Ebene, auf der auch wenig mehr als Haidekraut und kleines niederes Gestrüpp wuchs, einzuschließen. Der ganze innere Raum mochte übrigens ein paar Morgen umschließen, und sah genau so aus, als ob er in früheren Jahrhunderten — oder vielleicht Jahrtausenden — die ganze offene Stelle ausgefüllt hätte und nur einmal, bei einer inneren Erderschütterung vielleicht, weggesunken wäre.

„Sind Sie schon an dem Platz hier gewesen, Raischbach?“ sagte der Alte nach einer längeren Pause, in der er schweigend über die wüste Stelle hinausgeschaut.

„Nein, Herr Förster,“ sagte der junge Mann; „das ist ein wildes wunderliches Terrain; bin aber noch nie hierher gekommen — heute zum ersten Mal. Es kann hier gar nicht so weit von der Grenze sein.“

„Ist es auch nicht,“ nickte der Förster; „die Schlucht, die von dort herüberkommt, wo Sie neulich die wilde Katze geschossen haben, bildet die Grenze, und die Stelle hier heißt ‚der Fuchsbau‘ — gibt auch schmählich viel Füchse hier, denn da drinnen sind sie ungestört, und man darf nicht einmal einen Hund hineinlassen, weil die Wand voller Risse und Spalten steckt, die oft Gott weiß wie tief hinuntergehen. Gleich im ersten Jahr, als ich herkam, habe ich dort drüben in dem einen Loch meinen besten Dachshund verloren, und mich nachher wohl gehütet, wieder einen in die Nähe zu bringen.“

„Sonderbar,“ sagte Raischbach, „ob der Platz nicht wie eingesunken aussieht —“

„Hm,“ brummte der Alte und sah sich vorsichtig dabei um — „wir wollen hinüber nach dem Rendezvous gehen, wohin wir die Kreiser bestellt haben — ’s ist gar nicht so weit von hier, und wenn wir der Schneuße folgen, kommen wir ganz in die Nähe.“

Damit rückte er sich seine Büchse wieder auf die Schulter und schritt langsam voran, Bernhard folgte ihm, und Beide gingen auch die ganze Strecke lang schweigend neben einander hin; nur unterwegs brach sich der Förster ebenfalls einen Bruch ab und steckte ihn sich, alter Sitte folgend, auf den Hut — war doch ein jagdbarer Hirsch erlegt, und dabei durfte keine althergebrachte Form versäumt werden.

So erreichten sie nach einer Weile das bestimmte Rendezvous, eine kleine offene Waldblöße, an deren Rand ein Pirschhaus gebaut war, um den Kreisern, wenn sie hier in der Nähe Dienst hatten, ein Obdach zu bieten. Der Förster trug allerdings den Schlüssel dazu in der Tasche, aber bei dem prachtvollen Wetter dachten die beiden Jäger nicht daran, sich in das dumpfige Haus zu setzen, und Buschmann, mit seinem Hirschfänger, einen Zweig von einem dort stehenden breitästigen Weißdorn schlagend, hing seine Büchse an den Zacken und warf sich dann auf das Moos im Schatten des Baumes nieder, welchem Beispiel sein junger Forstgehülfe folgte.

„Wenn wir jetzt eine Flasche Bier hätten,“ sagte dieser, indem er sich, in Ermangelung eines andern Labsals, wenigstens seine kurze Pfeife stopfte und in Brand setzte — „das müßte jetzt schmecken.“

„Die Kreiser bringen ein paar Flaschen mit,“ nickte der Förster, „denn ich wußte ja nicht, was wir noch für Arbeit mit dem Hirsch bekamen.“

„Das ist gescheidt — und die müssen bald kommen.“

„Etwa in einer halben Stunde spätestens,“ sagte der Förster und qualmte stärker — „aber — was ich gleich sagen wollte, Raischbach — Sie — Sie meinten vorher da drüben am Bau — am Fuchsbau meine ich — an der wunderlichen Stelle, die rings von steilen Sandsteinfelsen wie eingedämmt ist, daß sie fast so aussähe, als ob der Platz eingesunken wäre.“

„Ja wohl, Herr Förster, es hat merkwürdige Aehnlichkeit, und drin im Tyrol wüßt’ ich genau so eine Stelle, wo sich auch die Leute erzählen, daß dort vor uralten Zeiten eine Alm gestanden hätte — und jetzt ist’s ein See, kein Mensch weiß wie tief.“

„Es kommt Alles vor in der Welt, Raischbach,“ nickte der Alte still vor sich hin — „Alles — wir sehen’s nur manchmal nicht, oder wollen’s eben nicht sehen.“

„Und hat der Platz irgend eine Bedeutung?“

„Dort an Ort und Stelle,“ sagte der alte Mann, „mochte ich Ihnen nicht gern Red’ und Antwort stehen; man spricht nicht gern davon, wo die Worte bis hinunter in den Grund schallen können, und wenn Sie die Kreiser frügen, würde Ihnen wohl Keiner Auskunft geben; aber das ist Thorheit, denn einem frommen Christen kann der Spuk nichts anhaben.“

„Aber welcher Spuk, Herr Förster?“

„Der im Bau drunten.“

„Im Fuchsbau? also ist es wirklich ein eingesunkener Platz?“

„Das sieht ein Kind ein,“ nickte der alte Forstmann, der hier wieder vollständig auf seinem Steckenpferd saß. „Da hat vor alten Zeiten eine große und reiche Stadt gestanden, mit einem Kirchthurm, dessen Kuppel sie so dick vergoldet hatten, daß man Abends bei Sonnenuntergang das Blitzen bis drüben in die fernen Berge sehen konnte. — Aber auf einmal war’s aus — was sie getrieben, der Herr nur weiß es, aber übermüthig sind die Leute jedenfalls geworden, und eines Tages, als Jemand vom nächsten Dorf hinein zur Ortsbehörde wollte, trifft er an der Stelle, wo sonst die stolze Stadt gelegen, einen See mitten im Walde an. Erst glaubte er auch, er hätte den Weg verfehlt, und versucht’s dann mit einem andern, aber es war dasselbe. Alle die breiten Fahrwege, die sonst hinein in den Ort führten, liefen jetzt bis an den Rand der blanken Steinwand und grad in’s Wasser hinein, und der See muß lange an der Stelle gestanden haben, denn mein Großvater wollte sich noch erinnern, ihn gesehen zu haben. Seichter war er aber mit den Jahren geworden, zuletzt sickerte er ganz weg, und heutzutage ist nur noch der moorige Grund geblieben, den aber kein Mensch, nicht einmal ein Stück Wild betritt. — Nur die Füchse hausen da drin und finden da allerdings gar vortrefflichen Schutz.“

„Aber haben Sie mir nicht selber gesagt, Sie hätten schon einen Hund da drin verloren?“

„Allerdings — aber der Hund ist allein hineingelaufen, ich war selber nie drin und hab’ auch nie nachgeschaut, wo er geblieben sein kann. Jedenfalls ist er in eine der Spalten gestürzt. Was hat der Jäger auch dort unten zu suchen? Wild steht dort nicht — und sei’s nur aus dem Grunde, daß sie nirgends wieder auskönnen, wenn ihnen der einzige hineinführende Wechsel verstellt wird. Das ganze Terrain ist wie eine große Art Falle, und vor solchen Plätzen scheuen sie sich; außerdem mag aber auch die Aesung auf dem feuchten Boden sauer schmecken, denn von oben hinab sieht man eigentlich nichts als Haidekraut und eine Art schilfiges Gras und Schachtelhalm.“

„Aber was für ein Spuk war der, Förster, von dem Sie sprachen?“ sagte der junge Mann, durch das Alles neugierig gemacht — „der Spuk, der einem frommen Christen nichts anhaben könne?“

„Hm,“ brummte der Alte, doch nicht ganz sicher, wie seine Erzählung aufgenommen werden könne. „In neuerer Zeit hat man lange nichts mehr davon gehört —“

„Aber in früheren Jahren?“

„Da soll das alte Nest da drin ein Hauptplatz für Derlei gewesen sein,“ nickte der Alte, „man darf freilich nicht Alles glauben, was die Leute erzählen,“ setzte er gewissermaßen entschuldigend hinzu, „aber wenn nur die Hälfte von dem wahr wäre, reichte es aus. Daß der wilde Jäger hier im Spessart seinen Hauptsitz hatte, ist allbekannt. Von hier ging er aus — hierher kam er zurück, wenn er vor der Morgendämmerung seine tolle Meute wieder eintrieb, und die Kreiser, bei denen sich die Erzählung von Vater auf Sohn vererbt hat, viele Geschlechter durch, behaupten, daß er dort in dem versunkenen Bau eingefahren sei wie ein Fuchs, und es nachher noch stundenlang da drinnen getobt und gelärmt habe, als ob ein unterirdischer Donner durch den Wald führe. Irrwische sind da drunten genug gesehen worden, und nirgends hat’s mehr Erd- und Waldweible gegeben, als in der Gegend. Manchem Förster — vor meiner Zeit, denn ich müßte lügen, wenn ich was Derartiges behaupten wollte — sind auch Bewohner des weggesunkenen Ortes erschienen — einmal einem Jäger — einem fürstlichen Herrn — ein bildhübsches Mädchen in fremdartiger Tracht, die aber kein Wort gesprochen, sondern nur gewinkt hat, bis er ihr gefolgt ist. Der ist er nachgestiegen in den Kessel hinein — der Jägerbursche, den er bei sich gehabt und der ihm nicht folgen durfte, hat’s erzählt, und am Abend haben sie ihn da drin gefunden, todtenbleich — und er war tiefsinnig geworden und hat nie im Leben wieder gelacht oder auch nur verkündet, was er dort unten gesehen. Er durft’s wohl nicht.“

„Hm, das sind ja wunderbare Geschichten von dem alten Bau,“ sagte der junge Forstgehülfe kopfschüttelnd, „und ist nur merkwürdig, daß ich noch kein Wort davon gehört.“

„Bei uns wär’ wohl schon oft davon gesprochen,“ sagte der Alte, „aber wir thun’s nicht gern, wenn die alte Lisei dabei ist.“

„Die Lisei?“ sagte Raischbach erstaunt.

„Ahem,“ nickte der Förster. „Wenn sie den Ort nur nennen hört, steht sie jedesmal auf, geht hinaus und setzt sich in eine dunkle Ecke und weint. Es muß ihr da in ihrer Jugend was Liebes abhanden gekommen sein. Die Leute versichern wenigstens, ihr Schatz habe sich in ein Erdweible von da drunten her, das es ihm angethan, verguckt und Niemand wieder etwas von ihm gehört.“

„Aber kann der nicht auf andere Art verunglückt sein?“

„Möglich; doch wahrhaftig, da kommen die Kreiser — das ist gescheidt, mir ist die Zunge schon ordentlich am Gaumen angetrocknet, und ein Schluck Bier wird uns jetzt nicht schlecht munden. Also erst frühstücken und dann mit unserem Hirsch zu Thal, daß er zur rechten Zeit an Ort und Stelle eintrifft.“

Die Kreiser hatten ihre Zeit richtig eingehalten, ja waren eher noch eine Viertelstunde früher angekommen und sahen auch gleich an den grünen Brüchen auf den Hüten der beiden Forstleute, daß die Pirsche keine vergebene gewesen. Vor allen Dingen lagerten sich aber die Leute, denen sich auch die drei Mann Forstschutz beigesellten, im Schatten, um sich von ihrem mühseligen Marsch auszuruhen und einen Bissen zu essen. Dabei mußte Raischbach erzählen, wo er den Hirsch gefunden und wie er an ihn angekommen sei, was sie natürlich außerordentlich interessirte.

Nach beendetem Frühstück brachen dann Alle der Stelle zu auf, wo der verendete Hirsch lag, der dort aufgeladen und dem Ort seiner Bestimmung zugeschafft wurde. Die beiden Forstleute schlenderten aber auf einem näheren Weg, von einem der Kreiser begleitet, der ihr „Jägerrecht“[A] in einem Sack auf der Schulter mittrug, langsam nach der Forstei zurück.

[A] Jägerrecht, einzelne bestimmte Theile eines erlegten Stückes Hoch- oder Rehwild.