Nach Epid. I, 26 tritt die Krise bei Fiebern mit Steigerung an geraden Tagen am 4., 6., 8., 10., 14., 20., 24., 30., 40., 60., 80. und 120. Tage, bei solchen mit der Exazerbation an ungeraden Tagen, am 3., 5., 7., 9., 11., 17., 21., 27. und 31. Tage, auf. Bei Nichteinhaltung dieser Tage deutet die Krise auf Rückfall oder Tod. Im 37. Kapitel des Buches der Prognosen heißt es, daß am 4. Tage gutartige Fieber zur Krisis, bösartige zum Tode führen. „Das ist also der Endpunkt ihrer ersten Periode, die zweite aber erstreckt sich bis zum 7., die dritte bis zum 11., die vierte bis zum 14., die fünfte bis zum 17., die sechste bis zum 20. Tage. Diese am meisten akuten Krankheiten endigen also, indem sie von vier zu vier Tagen bis zu zwanzig aufsteigen.“ Aphor. II, 24 lautet: „Von sieben Tagen gibt der vierte die Erkennung, bei der anderen Woche ist der achte der Anfangspunkt; achten aber muß man auf den elften, denn dieser ist der vierte Tag der anderen Woche; achten aber muß man wieder auf den siebzehnten Tag, denn dieser ist der vierte vom vierzehnten an gerechnet, und der siebente vom elften an gerechnet.“ Prognostisch gutartig galt kritischer Fieberausbruch am 3., 5., 7., 9., 11., 14., 17., 21., 27., 31. und 34. Tage. (Aph. IV, 36.) Die Schrift „Die kritischen Tage“ gibt als Entscheidungstage der Fieber den 4., 7., 11., 14., 17., 21., 30., 40. und 60. Tag an. Im Buche de carne wie in de sept. partu ist die Zahlenspielerei bereits in ein System gebracht. In ersterem heißt es: „Die akuten Krankheiten entscheiden sich nach Ablauf von vier Tagen, d. h. von einer halben Woche, an zweiter Stelle in einer Woche, an dritter Stelle in elf Tagen, d. h. einer ganzen und einer halben Woche, an vierter Stelle in zwei Wochen und an fünfter Stelle in zwanzig weniger zwei Tagen, d. h. in zwei Wochen und in einer halben Woche.“ Nach der letzteren Schrift muß der Arzt auf alle ungeraden Tage achten, aber auch auf den 14., 28. und 42. Tag. „Denn dieses ist die Grenze, welche von manchen der Lehre von der Harmonie gesetzt wird, und die gerade und vollkommene Zahl. Auf diese Weise aber muß man seine Betrachtungen anstellen, nach Gruppen von dreien und vieren, nach Gruppen von dreien, indem man alle zusammenfaßt, nach Gruppen von vieren, indem man die Gruppen auch paarweise zusammenfaßt, diese Paare jedoch noch obendrein zusammenkuppelt.“ Die Triadenreihe verläuft also: 1 2 3 / 3 4 5 / 5 6 7 / 7 8 9 u. s. w. bis 42; die Tetradenreihe hingegen: 1 2 3 4 / 4 5 6 7 / 8 9 10 11 / 11 12 13 14; 15 16 17 18 / 18 19 20 21 / 22 23 24 25 / 25 26 27 28; 29 30 31 32 / 32 33 34 35 / 36 37 38 39 / 39 40 41 42.

Die Beobachtung der Krisen bildet eine der Säulen, auf welcher die Vorhersage des Krankheitsausgangs ruhte.

Die Prognostik verleiht dem ärztlichen Denken der Hippokratiker die charakteristische Färbung und läßt die Diagnostik an Bedeutung weit hinter sich. Dieses Verhältnis — umgekehrt in der heutigen Medizin — wurde durch die damalige Entwicklungshöhe der Untersuchungstechnik bedingt und stellt den Ausdruck des rein praktischen Strebens der hippokratischen Heilkunst dar. Ist es doch das Schicksal des Kranken, nicht so sehr die Erkenntnis des Krankheitswesens, was der Künstlerarzt zu erfassen sucht, und geben doch tatsächlich kritisch geeichte klinische Beobachtungen auch ohne tieferes Verständnis ihres inneren Zusammenhangs manchmal das Mittel an die Hand, die Schwere und den wahrscheinlichen Krankheitsausgang eines Leidens zu bestimmen, Anhaltungspunkte für die Behandlung zu gewinnen.

Bei dem Mangel der Hilfswissenschaften und auf der Basis der damaligen Untersuchungstechnik war es dem schauenden und sehenden Arzte weit öfter möglich, aus der Zusammenfassung möglichst vieler Wahrnehmungen am einzelnen Falle und ihrer Vergleichung mit ähnlichen (selbst beobachteten oder von anderen überlieferten) Symptomgruppen einen klaren, die Prognose in sich schließenden Gesamteindruck des Krankheitsverlaufs zu gewinnen, als zu einer realen Diagnose der Krankheitsspezies zu gelangen. Im Lichte der engeren Zwecke des ärztlichen Berufes ist der Weg des hippokratischen Praktikers — der auch heute dort, wo anatomische Krankheitsbilder fehlen, beschritten wird — nur der längere, mit größerer Unsicherheit, mit höheren Anforderungen an das Talent des Individuums verbundene Weg; aber auch er kann zu dem Ziele hinführen, das die moderne an anatomisch-physiologische Diagnostik mit ökonomischer Sparung der individuellen Leistung in kürzerer Zeit und mit weit überlegenerer Gewißheit erreicht. Diese Erwägung läßt erst so recht verstehen, wie wenige, nicht nur dem Worte, sondern der Tat nach, Aerzte im hippokratischen Sinne werden konnten, und weshalb das Beobachtungstalent sich auch auf solche minutiöse Einzelheiten erstrecken mußte, deren Berücksichtigung wir heute überhoben sind, gleichwie für den Seefahrer vor Erfindung der Bussole die Sternbeobachtung weit wichtiger war als jetzt.

Die Prognostik nimmt in den hippokratischen Schriften einen breiten Raum ein, sind ihr doch mehrere der wichtigsten Schriften ausschließlich gewidmet[46]. „Es scheint mir am besten zu sein,“ sagte der Verfasser des Prognosticums, „daß sich der Arzt im Voraussehen des Krankheitsausganges Uebung erwirbt, denn wenn er bei seinen Patienten vorher erkennt und vorhersagt den status praesens, das Vorausgegangene und die Prognose, ferner das, was die Patienten bei dem Berichte über ihren Krankheitszustand weglassen, so wird man das feste Zutrauen zu ihm haben, daß er den Zustand der Patienten besser kenne, und es werden sich infolgedessen die Leute dem Arzte gern anvertrauen. Aber auch die Behandlung wird er am besten durchführen können, wenn er den späteren Ausgang der Krankheit voraussieht“[47].

Der Weg, um zu einer richtigen Prognose gelangen zu können, ist ein induktiver und nimmt seinen Ausgangspunkt von der Krankengeschichte[48], deren Bedeutung an der Hand früherer Eigenerfahrung und fremder Kasuistik[49] zu messen ist, unter Berücksichtigung des Alters, Geschlechts, der Lebensweise, der Wohnung des Kranken, der klimatischen und epidemischen Verhältnisse. Von Krankengeschichten — die ersten im heutigen Sinne — finden sich im Corp. Hipp. bewundernswerte Beispiele, namentlich in den „Epidemien“. Im 3. Buche Kap. 16 heißt es: „Ich halte es für einen wichtigen Teil der ärztlichen Kunst, über das schriftlich Niedergelegte ein richtiges Urteil fällen zu können; denn derjenige, welcher das versteht und anwendet, scheint mir in Bezug auf die Kunst keinem bedeutenden Irrtum verfallen zu können.“

Mit Aug' und Ohr, ja mit der gesamten Sinnes- und Verstandestätigkeit suchte man ein Erfahrungsurteil über den Gesamtzustand des Patienten zu erreichen, und ohne die subjektive Symptomatologie[50] zu vernachlässigen, wurde die objektive Untersuchung vom Scheitel bis zur Sohle mit einer Sorgfalt, mit einer Rührigkeit vorgenommen, die einen hervorstechenden Wesenszug des Hippokratismus ausmacht. Diese peinlich genaue Beobachtung und Untersuchung hatte aber auch den Zweck, die vom Grundtypus der Krankheit abweichenden Nüancen des Krankheitsverlaufes aus den im speziellen Falle zusammenwirkenden äußeren Einflüssen und individuellen Eigentümlichkeiten zu erklären. Darum bildet die Krankengeschichte als solche, eines der wichtigsten Charakteristika der hippokratischen Medizin gegenüber dem Schematismus der orientalischen Heilkunst, die Krankengeschichte trägt der Individualität Rechnung. Es wäre sehr zu verwundern, wenn man ermangelt hätte, aus den reichen und zum Teil gründlichen klinischen Beobachtungen auch diagnostische Schlüsse, in modernem Sinne, zu ziehen. Immerhin ist festzuhalten, daß nicht rein wissenschaftliches Streben für die Pflege und Ausbildung der Diagnostik maßgebend war, sondern daß man die Diagnostik nur, wo die Möglichkeit vorlag, als untergeordnetes, abkürzendes Verfahren betrachte, um zur Prognose zu gelangen und für die Therapie klare Leitideen zu erhalten.

Beispielsweise zählt das Buch de morbis I gewisse Verletzungen (des Herzens, des Gehirns, der Leber, des Magens, der Blase etc.), sowie gewisse Krankheiten (z. B. Schwindsucht, Wassersucht, Erysipel des schwangeren Uterus) auf, aus denen sich a priori eine infauste Prognose ergibt; von gewissen Affektionen (Schwindsucht, Ruhr, Hüftweh, Nierenerkrankungen alter Leute, Blutfluß der Frauen, Hämorrhoiden) wird gesagt, daß sie langwierig sich hinziehen, während andere (Lungenentzündung, Brennfieber, Phrenitis, Angina etc.) rasch zur Entscheidung kommen.

Prognostisch wichtig war auch die Kenntnis von Folgezuständen, die nach bestimmten Affektionen notwendig eintreten: „Wenn einen Starrfrost befällt, muß ihn hinterher notwendig Fieber befallen; wenn ein Nerv durchschnitten wird, Konvulsionen — auch wächst ein durchschnittener Nerv nicht wieder zusammen und führt zu heftiger Entzündung —; wenn das Gehirn erschüttert wird oder bei einem Schlage leidet, so muß der Betreffende alsbald die Sprache verlieren und kann weder sehen noch hören, falls es aber verletzt wird, so muß Fieber und Erbrechen von Galle hinzutreten, der Körper irgendwo vom Schlagfluß betroffen werden und der Betreffende sterben. Wenn das Netz herausfällt, muß es vereitern“ (l. c. Kap. IV).

In demselben Buche wird es auch als Kunstfehler getadelt, wenn jemand z. B. ein Empyem nicht erkennt, weil dann der rettende therapeutische Eingriff versäumt wird.

Ohne prinzipiell Diagnostik und Prognostik zu trennen, enthalten die hippokratischen Schriften allgemeine Vorschriften über die Untersuchungsmethode und eine Semiotik von geradezu unübersehbarem Reichtum.

Wurde schon eine äußerliche Lokalaffektion aufs genaueste besichtigt und betastet, um deren Lage, Größe, Form, Konsistenz, Schmerzhaftigkeit, Temperatur, Färbung u. s. w. zu ermitteln, so kam bei inneren („unsichtbaren“) Erkrankungen eine ganze Summe von Sinnes- und Verstandestätigkeiten zur Anwendung.

So waren zu beachten: Alter, Temperament, Geisteszustand (Gedächtnis, Delirien, Flockenlesen etc.), Gesichtsausdruck, Zunge, Stimme, Haltung oder Bettlage, Ernährungs- und Kräftezustand, Bewegungsfähigkeit, Schmerzempfindlichkeit, Verhalten des Schlafes, Hungergefühl und Durst, Temperatur, abnorme Pulsationen, Atmung, Ausdünstung, Beschaffenheit der Haut, Haare, Nägel, Zustand der Sinnesorgane, besonders der Augen, etwaige Abnormitäten der Hypochondrien (Milz- oder Leberschwellung), Auftreibung des Unterleibes, etwaige Tumoren, Abszesse etc., Menge, Farbe, Konsistenz, Geruch, Geschmack des Blutes und der Exkretionen, auffallende Symptome, wie Zähneknirschen, Gähnen, Aufstoßen, Niesen, Nasenbluten, Blähungen, Jucken, Zittern, Zuckungen u. s. w.

Allgemeine Vorschriften über die Untersuchung finden sich namentlich in de Epid. I, 23 und IV, 43, sowie in de humoribus, Kap. 2-4.

Als bedenkliches Zeichen galt jene Veränderung der Gesichtszüge, die noch heute mit dem Namen „Facies Hippocratica“ bezeichnet wird: „Spitze Nase, hohle Augen, eingefallene Schläfen, kalte und zusammengezogene Ohren, abstehende Ohrläppchen, eine harte, straffe und trockene Stirnhaut, eine gelbe, schwärzliche, livide oder blaufarbige Färbung des ganzen Gesichtes (Prognost., Kap. II). Jedoch wußte man, daß diese Erscheinungen nicht bloß bei Sterbenden, sondern vorübergehend auch infolge von Erschöpfungszuständen (Hunger, Wachen, Diarrhöen) auftreten können.

Anhaltende Rückenlage, namentlich wenn zugleich die Extremitäten gespreizt sind und der Mund offen steht, ebenso Bauchlage, wenn sie nicht auf Gewohnheit beruht, wurden ungünstig gedeutet.

Bezüglich der äußeren Erscheinung und des Körperbaues wird Epid. III, 14 als Kennzeichen der Schwindsüchtigen hervorgehoben: ein wenig behaarter Körper, eine weißliche Haut, ein linsenfarbiger Teint, gelbe Augen, eine Haut, ähnlich wie bei Anasarka, hervorstehende Schulterblätter. Günstig ist es dagegen (Prorrhet. II, 7), wenn der (schwindsüchtige) Patient möglichst wenig mager ist, einen viereckigen, mit reichlichem Haarwuchs versehenen Brustkasten besitzt.“

Die Temperatur wurde mit der auf die Brust gelegten Hand untersucht. Was den Puls anlangt (σφυγμός, παλμός, παλία), so ist (im Widerspruch gegen manche Angaben) hervorzuheben, daß die Hippokratiker zwar die regelmäßige Zählung und die Untersuchung mit all den Feinheiten, worauf später geachtet wurde, nicht pflegten, aber es keineswegs unterließen, aus der Beobachtung und Betastung stärkerer (stürmischer) Pulsationen prognostische Schlüsse zu ziehen. Nicht wenige Stellen beweisen, daß man Pulsationen in der Schläfengegend, am Halse, in der Herzgegend, am Bauch, am Arm und am Handgelenk etc. sowohl inspizierte als palpierte.

Großer prognostischer Wert wurde den Erscheinungen zugesprochen, die an den Augen zur Wahrnehmung gelangten; Stellung und Beweglichkeit der Augäpfel (Strabismus, Protusion), Verfärbung der Augenlider; auch die ungleiche Weite der Pupillen bei Gehirnkrankheiten war bekannt.

Die höchste Aufmerksamkeit richtete man auf die Beschaffenheit der Absonderungen, wobei nicht bloß das Auge, sondern auch Geschmack und Geruch in den Dienst der Untersuchung gestellt wurden. Der Geruch des Schweißes, des Sputums, des Erbrochenen, des Urins, des Stuhles, der Wundsekrete; der Geschmack der Hautsekrete, des Ohrenschmalzes, des Nasenschleimes, der Tränen, des Sputums (süß oder widerlich) und der verschiedensten anderen Körperflüssigkeiten sollte durch den Arzt, zum Teil auch durch den Patienten selbst ermittelt werden. „Die Nase,“ heißt es Vorhersagungen I, 3, „gibt bei Fiebernden viele schöne Anzeichen, denn die Gerüche sind gar sehr voneinander verschieden.“ Die kalte, warme, klebrige Beschaffenheit u. s. w. der Schweiße, ihr Auftreten an kritischen oder nichtkritischen Tagen, die (der Farbe, Konsistenz und Menge nach) verschiedenen Arten des Sputums, des Erbrochenen, des Harnes, des Stuhles bildeten einen Hauptfaktor bei der Stellung der Prognose.

Es seien hier beispielsweise aus der überreichen Semiotik einige Notizen angeführt: Das Sputum muß leicht ausgesondert werden, und das Gelbe mit dem Sputum innig vermengt erscheinen. ... Schlimm sind ganz gelbe und schleimige Sputa. Wären sie aber so wenig vermischt, daß sie schwarz erscheinen, so wäre das noch schlimmer. ... Gelbes Sputum, mit ein wenig Blut vermischt, ist bei an Lungenentzündung Erkrankten, wenn es zu Beginn der Krankheit ausgeschieden wird, ein Zeichen, daß sie davonkommen, und sehr von Nutzen; tritt es erst am siebenten Tage oder noch später auf, so ist es ein wenig sicheres Anzeichen. — Das Erbrochene ist dann im höchsten Grade zuträglich, wenn Schleim und Galle möglichst miteinander vermengt sind. ... Wenn das Erbrochene grün wie Lauch, blaß oder schwarz aussieht, so muß man es für schlecht halten. ... Bricht der Mensch aber in all diesen Färbungen, dann wird es für ihn sehr gefährlich. ... Der beste Stuhl ist der weiche und konsistente. ... Der Stuhl muß dick werden, wenn die Krankheit zur Krisis kommt. ... Geht sehr wässeriger, weißlicher, gelber, ganz roter oder schaumiger Kot ab, so ist das stets schlimm. Schlimm ist es auch, wenn der Kot reichlich, zähe und gelblich ist und keine Klumpen enthält. Sicherer als dieser weist auf den Exitus hin schwarzer, fetter, blasser, rostfarbener und übelriechender Kot. ... Der Urin ist am besten, wenn der Bodensatz weißlich, ohne Klumpen und gleichmäßig ist während der ganzen Zeit bis zur Krisis. ... Kleienähnliche Sedimente sind bedenklich, schlimmer als diese sind die lamellenförmigen; weiße und dünne Sedimente sind sehr schlecht, gefährlicher noch als sie die schorfartigen. Wenn Wölkchen im Urin mitgeführt werden, sind sie gut, falls sie weißlich, schlecht, wenn sie schwarz aussehen. ... Verderblich ist der übelriechende, wässerige, schwarze und dicke Urin. Bei Erwachsenen ist der schwarze Urin am gefährlichsten, bei Kindern der wässerige. Man lasse sich nicht durch den Fall täuschen, daß die Blase selbst erkrankt ist und dem Urine solche Eigenschaften verleiht, weil das kein allgemeines Symptom für den ganzen Körper, sondern nur ein spezielles für die Blase ist. ... Im Urin sind weiße und unter sich absetzende Wolken von Nutzen, rote, schwarze und blasse Wolken aber sind etwas Mißliches. ... Wenn die Blase versperrt ist, so deutet das, zumal bei Kopfschmerz, auf Konvulsionen. ... Bei Epileptischen kündigt ungewöhnlich dünner und ungekochter Urin einen Anfall an. ... Bei denjenigen, auf deren Urin Blasen stehen, deuten sie auf eine Erkrankung der Nieren und auf eine lange Dauer des Leidens. ... Schaumiger Urin in Verbindung mit Bewußtlosigkeit und Schwäche der Augen deuten auf nahe bevorstehende Konvulsionen.

Interessant ist es, daß man bereits zu Hilfsmitteln griff, um die Untersuchung zu erleichtern. Aphorismen V, 11 lautet: „Bei von Schwindsucht Befallenen deutet es auf Tod, wenn ihr Auswurf auf Kohlen geschüttet widrig riecht.“ Epid. VII, 25 heißt es: „Der Urin legte sich an einem Strohhalme an und war zäh und samenartig.“ De arte XII wird gesagt: „Wenn die Krankheitszeichen nicht deutlich zu Tage treten lassen, so hat die Natur Zwangsmaßregeln erfunden.“ Dahin gehörten z. B. probeweise angewendete Abführmittel, Beobachtung des Kranken nach anstrengendem Gehen und Laufen.

Nebst der Inspektion, für welche die häufige Beobachtung des Nackten in den Ringschulen als beste Vorschulung diente, wurde die Palpation zu einem so erstaunlichen Grade entwickelt, daß man ohne weiteres im stande war, sich über Lage, Größen- und Konsistenzverhältnisse der Leber, Milz, der Gebärmutter (hier kam noch Exploration per vaginam durch die Hebamme hinzu) zu unterrichten. Darüber, ob sich die Hippokratiker zur Diagnose des Aszites und Meteorismus der Perkussion bedienten, ist nichts überliefert; die Auskultation[51] hingegen spielte eine gewisse Rolle bei der Untersuchung von Brustaffektionen.

Es scheint, daß eine von irrtümlichen Voraussetzungen ausgehende, therapeutische Methode den Anlaß zur Lungenauskultation bildete, nämlich die Sukkussion, d. h. die Erschütterung des Thorax vermittelst der auf die Schultern des Patienten gelegten Hände. Dieses Schütteln (παράσεισμα) sollte den Abfluß des Eiters aus dem Lungenparenchym in die Bronchien bewirken. Die Wahrnehmung der bei diesem Verfahren zuweilen auftretenden Plätschergeräusche (bei Pyo- oder Seropneumothorax, aber auch bei Bronchiektasien und Kavernen) führte alsbald dahin, die Succussio (heute noch S. Hippocratis genannt) auch als diagnostisches Mittel anzuwenden, nämlich um festzustellen, ob und wo sich Eiter in der Pleurahöhle befindet[52], ferner wo die Inzision für die Thorakozentese am passendsten gemacht werden könne.

De morb. II, 47 wird die Succussio zunächst zu therapeutischem Zwecke bei Empyem erwähnt. Nützt sie nichts und ebensowenig die Eingießungen in den Schlund, welche Husten erregen und damit den Eiter herausbefördern sollen, dann tritt die Thorakozentese in ihre Rechte. „Einem solchen bereite man ein reichliches Warmwasserbad, setze ihn auf einen Sessel, welcher nicht wackelt, ein anderer halte ihm die Hände, man selbst aber schüttle ihn an den Schultern und horche, auf welcher Seite sich ein Geräusch vernehmen läßt. An eben der Stelle — es ist aber wünschenswert, daß es die linke sei — mache man einen Einschnitt.“ Ebenso wird von den Geräuschen bei Sukkussion an mehreren anderen Orten (in de morbis I und III, 16, de loc. in hom. 14) gesprochen. Nach Praenot. Coac. 424 haben diejenigen Empyemkranken, bei welchen ein starkes Geräusch entsteht, weniger Eiter als diejenigen, bei welchen bei größeren Atembeschwerden ein schwaches Geräusch entsteht. Voll von Eiter und in Lebensgefahr sind jene, bei welchen hochgradigste Dyspnoe und Cyanose, aber kein Geräusch wahrgenommen wird.

Außer dem Plätschergeräusch bei Sukkussion beobachteten die Hippokratiker noch andere Schallphänomene: Trachealrasseln, kleinblasige Rasselgeräusche und pleuritisches Reiben.

Eine gefährliche Erscheinung ist es (de loc. in hom. 16), „wenn im Innern der Lunge noch blaßgelbe Massen vorhanden sind und dabei der Auswurf aufhört. An folgendem Merkmal aber hat man daran zu erkennen, ob noch welche darin sind oder nicht; wenn noch welche darin sind, so läßt sich beim Atmen in der Kehle ein Geräusch hören“. — Bei der Diagnose des „Hydrops der Lunge“ wird (de morb. II, 61) gesagt: „Wenn man das Ohr an die Seite hält und während längerer Zeit horcht, so siedet es innen wie Essig.“ — Ein pleuritisches Reibegeräusch wird wohl de morb. II, 59 beschrieben: „Es läßt sich ein Knirschen vernehmen, welches von einem Lederriemen herzurühren scheint.

Von all den diagnostischen Methoden, welche die hippokratische Schule verwendete, wurden gerade die Anfänge der physikalischen Diagnostik am meisten verkannt und brach liegen gelassen, um erst nach vielen Jahrhunderten wieder weiter entwickelt zu werden. Historisch verbürgt ist es immerhin, daß der Begründer der modernen Auskultation, zum Teil von den hippokratischen Schilderungen angeregt wurde und somit schlummernde Gedankenkeime der Antike in ungeahnter Höhe zur Entfaltung brachte!

Die Therapie der Hippokratiker ist von der klaren Einsicht geleitet, daß nur innerhalb der Grenzen und durch das Walten der Physis Genesung erfolgen kann, daß es Aufgabe des Arztes ist, die zumeist aber nicht immer zweckmäßigen natürlichen Reaktionsvorgänge so zu lenken, daß die Erhaltung des Organismus angestrebt wird[53].

Mit dem Vollbewußtsein der Ziele, der Grenzen und Leistungsfähigkeit seiner Kunst wendet sich der Hippokratiker nur den voraussichtlich heilbaren Krankheiten zu und tritt ans Krankenbett, erfüllt von dem Grundsatze, „zu nützen oder wenigstens nicht zu schaden[54]. Bemüht, dem Gange der Ereignisse beobachtend zu folgen, die Wendungen vorauszusehen, greift er unter steter Berücksichtigung der individuellen Eigentümlichkeiten, im Hinblick auf das Ganze, nur dann im richtigen Zeitpunkt[55] tatkräftig ein, wenn die versagende Energie der organischen Spannkräfte, übermäßige oder dem Gesamtzwecke nicht entsprechende Reaktionen, den glücklichen Ausgang gefährden. „Nichts zwecklos tun, nichts übersehen.

Da es vor allem darauf ankommt, das nötige Maß der Körperenergie zu erhalten oder herzustellen, so bildet nach hippokratischer Auffassung die Regelung der Lebensweise, die richtige Bestimmung der Nahrungszufuhr und ihres Verhältnisses zum Kräfteumsatz, die diätetische Therapie im weitesten Sinne Grundlage der Behandlung. Von der Diät, auf welche die früheren Aerzte zu wenig Rücksicht genommen, leitet der Verfasser der „alten Medizin“ die ganze Heilkunst ab.

Bei den akuten Affektionen, besonders zur Zeit ihres Höhepunktes, ist im allgemeinen Nahrungsverminderung, bei Fieberkranken und Verwundeten flüssige Nahrung angezeigt. Eine Hauptrolle spielte die πτισάνη, die Abkochung von Gerstengraupen, wobei wieder, je nach den individuellen Verhältnissen und dem Krankheitsstadium, eine bestimmte Quantität zunächst der dünnen, durchgeseihten, dann der nicht durchgeschlagenen Suppe verabreicht wurde. Als Getränke dienten Honigwasser, Sauerhonig (Essig, Honig und Wasser, ὁξυμέλι), Milch und verschiedene Weinsorten. Außer der Ptisane wurden auch andere Krankensuppen verwendet, die man aus Hirse, Mehl und Weizengraupen bereitete. — Mit bewundernswerter Sorgfalt sind namentlich in de diaeta II die einzelnen Lebensmittel nach ihren Wirkungen abgehandelt. Bei den chronischen Affektionen regelten die Hippokratiker nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern entlehnten auch die Erfahrungen der Gymnasten und verordneten, aber nicht schablonenhaft, Spaziergänge, Leibesübungen, körperliche Arbeit (z. B. Holzsägen), Bäder, Massage, lautes Lesen, Reden, Singen etc. Fettleibigkeit erzeugte man durch anfangs täglich gesteigerte Märsche mit allmählicher Nahrungsentziehung und darauffolgender anwachsender Nahrungsaufnahme bei gleichzeitiger Einschränkung der Bewegung.

Wichtig war die Regel, daß man sich bei Verordnung der Lebensweise von Vorsicht leiten lasse, jedes Uebermaß (Hungerkur, anstrengende Läufe etc. der Gymnasten) meide, nicht zu rasch die bisherigen Gewohnheiten ändere, „denn jedes Viel ist der Natur feindlich, das Allmähliche hingegen ist gefahrlos, besonders wenn man sich von dem einen zu dem anderen wendet“ (Aph. II, 51). Im Buche de victu in acut. wird empfohlen, bei der Vermehrung der Nahrungsmittel vorsichtig vorzugehen und bei Nahrungsentziehung darauf zu sehen, ob die Kräfte des Patienten es aushalten (vergl. auch Aph. I, 9).

Ganz besonders bei fieberhaften Krankheiten leuchtet der Zweck hindurch, durch knappe Diät, durch flüssige Nahrungsmittel die Natur in ihrem Wirken zu unterstützen. Hier sollten nämlich einerseits die natürlichen Kräfte nicht durch die Verdauungstätigkeit in Anspruch genommen und von ihrem Heilstreben abgezogen werden — „je mehr man ungereinigte Körper nährt, desto mehr schadet man ihnen“ (Aph. II, 10) —, anderseits beabsichtigte man, durch kühlende, schleimige Getränke die Wege zur Entleerung der verdorbenen Säfte schlüpfrig zu machen. Zur Zeit des Höhepunktes, vor der Krisis, schien leichte Diät ein Gebot der Notwendigkeit zu sein.

Die arzneiliche Therapie verfolgte vorzugsweise den Plan, die Ausscheidung der krankmachenden Stoffe zu unterstützen, bald zu steigern, bald zu mäßigen oder von abnorm ungünstigen Durchbruchsstellen abzulenken. Bevor das Fieber seinen Typus nicht verriet, im Stadium der „Roheit der Säfte“ nahmen die Hippokratiker keinen Eingriff vor, sondern erst im Stadium der „Kochung“, wenn es durch gewisse Erscheinungen angezeigt war. „Abführen und in Fluß bringen soll man Gekochtes, nicht aber Rohes und auch nicht gleich zu Anfang, wenn es nicht nach außen drängt“ (Aph. I, 22). „Sich Abscheidendes oder eben erst Abgeschiedenes soll weder getrieben, noch von neuem geschärft werden, weder durch Arzneien, noch andere Reize, sondern in Ruhe gelassen werden“ (Ibid. 20). Mittel zur Unterstützung stockender Entleerung waren milde Abführmittel, Brechmittel, Blutentziehung, daneben auch Diuretika, keineswegs aber eigentliche Schwitzmittel. Die Wege, welche die Säfte selbst einschlagen, sollen in der Regel auch Ziel des ärztlichen Eingriffes sein, d. h. der Abfluß ist in seiner Richtung zu fördern: „Was man ableiten muß, soll man da, wohin es sich wendet, abführen, durch die dazu geeigneten Stellen“ (Aph. I, 21). Wollen die Säfte aber dahin gehen, wo es nicht förderlich ist, z. B. der Schleim nach der Lunge, so muß man sie einen Seitenweg führen oder sogar ihren Strom wenden, indem man diejenigen nach unten zieht, die nach oben streben und umgekehrt.

Die Wahl von meistens milden Abführ- und Brechmitteln beweist schon, daß es sich den Hippokratikern zumeist weniger um drastische Entleerung handelte — die sie sogar verwarfen —, als vielmehr um Ableitung der schädlichen Säfte. Hierzu diente, namentlich bei heftigen Entzündungen, als mächtigstes Mittel der Aderlaß, welcher verhältnismäßig selten, dann aber in dringenden Fällen auch energisch angewendet wurde. Die Venäsektion nahm man zumeist am Arme, am Fuß, in der Kniekehle, an der Zunge u. s. w. vor und trieb sie, je nach dem Kräftezustand, soweit als möglich, selbst bis zur Ohnmacht[56]; denn „für äußerste Leiden sind mit Umsicht angewandte äußerste Heilarten am besten“. Aehnliche, aber weit geringere Wirkung erfolgte durch das Schröpfen[57] oder Skarifikationen; der Gebrauch der Blutegel war noch nicht bekannt. Zugleich mit der Ableitung der Säfte wurde bei der Blutentziehung ebenso wie bei der Kauterisation die Linderung der Schmerzen[58] beabsichtigt.

Wie die Behandlung des Schmerzes zeigt, war die Denkweise der Hippokratiker auf die Beseitigung der Krankheitsgrundlage gerichtet, nicht bloß auf die Beseitigung der Symptome, sie erfüllten zum mindesten die Indicatio morbi, wie man in späterer Terminologie sagt. Darum wird es auch in de victu acut. (Kap. 44) als Fehler betrachtet, wenn ein Arzt einem Kranken eine zu große Menge von Nahrung zuführt, in der Meinung, er sei krank durch Leerheit der Gefäße, oder umgekehrt einen anderen, der wirklich infolge von Leerheit der Gefäße erkrankt ist, mit knapper Diät herunterbringt. Erscheint im Lichte unserer heutigen Krankheitsauffassung das tatsächliche therapeutische Wirken der Hippokratiker zumeist symptomatologisch, ihr Denken war im Rahmen der zeitgenössischen Pathologie ätiologisch.

Es entging ihrer Reflexion keineswegs, daß bisweilen zufällige Nebenwirkungen der Heilmittel von Erfolg begleitet sind[59]; dieselben Arzneien bei verschiedenen Kranken oder bei demselben Patienten in verschiedenen Zeiten ungleich, oft sogar gegensätzlich wirken; Substanzen, die anscheinend entgegengesetzte Eigenschaften besitzen, denselben Effekt hervorbringen[60]. Bei dieser Betrachtung kam man auch zu dem Ergebnis, daß Krankheiten zwar stets nur durch Aufhebung ihrer Ursache schwinden[61], die Behebung der Ursache aber zuweilen durch solche Heilmittel zu stande kommt, welche (bei Gesunden) Symptome erzeugen, die den behobenen Krankheitsphänomenen ähnlich sind[62]. Darum liegt es den Hippokratikern fern — was später geschah — das Dogma „Contraria contrariis“ aufzustellen, schon aus dem Grunde, weil man, wie es in de prisca medicina heißt, die Wirkung eines Mittels nicht a priori aus einer Elementarqualität (warm, kalt, trocken, feucht) ableiten kann, vielmehr nur die Erfahrung den Ausschlag gibt.

Die einzelnen medizinischen Wissenszweige
im Corpus Hippocraticum.

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Die anatomischen Kenntnisse der Hippokratiker sind zum größten Teile aus Tierzergliederungen, Erfahrungen bei der Schlachtung und Opferschau und aus der Beobachtung chirurgischer Fälle geschöpft. Von einer planmäßigen Sektion menschlicher Leichen konnte bei den strengen religiösen Vorschriften, welche die sofortige Beerdigung geboten, bei dem abergläubischen Abscheu vor dem Toten keine Rede sein. Wiewohl nicht einwandsfrei bewiesen, so doch nicht ganz abzuweisen ist dagegen die Annahme, daß einzelne hervorragende Forscher, wenn sich die seltene Gelegenheit darbot, auch vor der Untersuchung menschlicher Körper oder wenigstens Körperteile (namentlich Knochen) nicht zurückschreckten und dieselbe zur Korrektur der herrschenden Anschauungen verwendeten. Die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme ergibt sich, abgesehen von manchen Erzählungen[63] der antiken Autoren, insbesondere aus der Ueberlegung, daß die Leichen von Barbaren, Vaterlandsverrätern, Verbrechern dem Bannkreis der religiösen Satzungen entzogen waren und daher ebenso wie die zufällig angeschwemmten Leichenteile die Neugier wissenschaftlicher Forscher reizen konnten. Von den oft diskutierten Stellen im Corpus Hippocraticum, die nach der Auffassung einzelner Historiker für die Sektion menschlicher Leichen sprechen[64], ist keine absolut beweisend, und keinesfalls sind in der Pathologie tiefere Spuren von anatomischen Untersuchungen (an Krankheiten)[65] Verstorbener merkbar, hingegen wird von den Hippokratikern nicht selten vergleichend auf die zootomischen Tatsachen oder pathologisch-anatomischen Befunde, wie sie beim Schlachten der Tiere aufstoßen mußten, hingewiesen[66].

Der Unterricht in der Anatomie — worauf die Asklepiaden nach Galen so großen Wert legten — stützte sich neben mündlicher Ueberlieferung auf häufige Tierzergliederung; vielleicht wurden hierbei auch Nachbildungen von Skeletten benützt, nach Art desjenigen, welches in Delphoi als angebliches Weihgeschenk des Hippokrates verwahrt wurde[67].

Aus der Uebertragung zootomischer Forschungsergebnisse auf den Menschen erklären sich viele Mängel der hippokratischen Anatomie, z. B. die Lehre vom zweihörnigen Uterus, woran sich eine ganze Reihe phantastischer Hypothesen knüpft.

Die Osteologie ist in den hippokratischen Schriften gründlich behandelt; gute Beschreibung von Knochen und einzelnen Gelenksverbindungen (z. B. der Rippen mit den Wirbeln und dem Brustbein, Hüftgelenk, mangelhaft dagegen die Kenntnis des Knie- und Ellbogengelenks); man kannte Diaphyse und Epiphyse, das Periost, das Knochenmark, Schädelnähte, die Diploë, die beiden Schädelplatten und wußte von der Existenz der Synovia. — Die Muskeln werden von den Weichteilen überhaupt nicht scharf getrennt. Der Begriff der Sehnen (νεῦρα, τένοντες) ist unklar, sie werden mit Nerven und Bändern zusammengeworfen. Bekannt scheinen Schläfen-, Kau-, Nackenmuskel, Deltoides, Pectoralis major, Biceps, Triceps, Brachialis int., Hand- und Fingerbeugen, Psoas, Glutäen, Biceps femoris, Achillessehne, Rückenmuskeln. — Die Eingeweidelehre ist mangelhaft. Erwähnung, aber keine genauere Beschreibung finden die Einzelheiten der Mundhöhle, der Rachen, die Speiseröhre, der Magen, die Därme, die Leber (zweilappig) mit Pforte und Gallenblase, die Milz (ähnlich der Sohle des Fußes), das Mesenterion, Mesokolon, das Bauchfell, Nieren (herzförmig), Harnblase, Harnröhre, Hoden, Samenblasen, Ductus ejaculatorii, Uterus (zweihörnig) und Bänder des Uterus (Ovarien nicht beschrieben), äußerer und innerer Muttermund (Vagina gilt als Teil des Uterus, Hymen ist unbekannt). Was den Respirationstrakt anlangt, so kannten die Hippokratiker die Luftröhre (ἀρτηρίη), die Epiglottis, die Bronchien und beschrieben an der Lunge fünf Lappen. Von Drüsen sind die Tonsillen, Lymphdrüsen des Halses, der Achselhöhle und Inguinalgegend, die Mesenterialdrüsen, die Brustdrüsen genannt. Das Gefäßsystem wird in den einzelnen Schriften sehr verworren geschildert. Als Ausgangspunkt gilt der Kopf, später die Aorta und Hohlvene, welche von der Milz und Leber entspringen; nach dem Buche de morbo sacro treten alle Adern des Körpers in das Herz. Unter φλέβες sind ursprünglich alle Hohlgänge des Körpers, später die blutführenden Adern zu verstehen: ἀρτηρίη bedeutet zunächst die Luftröhre und Bronchien, später auch die vorwiegend oder ausschließlich Luft führenden Arterien. Am besten bekannt sind die großen und die oberflächlich verlaufenden Gefäße, aber ihre Verästelung ist zumeist ganz phantastisch[68] dargestellt (Kreuzung, vielleicht aus der Beobachtung der Kreuzungserscheinungen bei zerebralen Lähmungen ersonnen). In der Beschreibung des Herzens (pyramidenförmig) wird des Herzbeutels (eine kleine Menge harnähnlicher Flüssigkeit enthaltend), der Herzohren, der Scheidewand, der Kammern, der Halbmondklappen, der Sehnenfäden gedacht. Beide Kammern kommunizieren, die linke nährt sich vom feinsten Bestandteil des Blutes der rechten Kammer. Ganz unzureichend ist die Neurologie, da Nerven mit Sehnen, Bändern und Gefäßen zusammengeworfen werden, das Gehirn aber als eine mit kalter Flüssigkeit gefüllte Drüse gilt; eine dickere und eine dünnere Haut umgeben das in zwei Hälften zerfallende Gehirn, aus dem das gleichfalls umhäutete Rückenmark entspringt. Von Nerven sind angedeutet der Olfactorius, Opticus, Trigeminus, Vagus, Sympathicus, Plex. brachialis, Ulnaris, Ischiadicus, Intercostales etc. Von den Sinnesorganen fehlt jede tiefere Kenntnis. Am Auge beschrieb man drei Häute, die weiße, dünnere, spinnwebeartige Haut. Bei der obersten (weißen) Haut unterschied man die vor der Pupille (κόρη) gelegene Hornhaut (τὸ διαφανὲς, das Durchsichtige), bei der mittleren (dünneren) die Regenbogenhaut (τὸ μέλαν). Vom Ohre kannten die Hippokratiker den knöchernen Teil und das Trommelfell („dünn wie Spinngewebe“).

Die Physiologie der Hippokratiker entbehrt strenger Einheitlichkeit infolge des verschiedenartigen Ursprungs der einzelnen Schriften und läßt sich nur aus zerstreuten Bemerkungen zusammenstellen, welche nicht selten miteinander im Widerspruch stehen. Deutlich verrät sich der naturphilosophische Einfluß in den Grundideen, in der Auffassung des Lebensprinzips und der konstituierenden Elemente des Körpers, und nicht zum mindesten zeigen gerade die hippokratischen Schriften, wie wechselvoll und langwierig der Meinungskampf war, der sich über diese Fragen im Lager der Spekulation abspielte. Wir finden solche Schriften, deren Theorie von einzelnen der vier Elemente, der Luft, oder dem Feuer, oder dem Feuer und Wasser ausgeht, andere, in welchen der Antagonismus der Qualitäten des Warmen, Kalten, Trockenen und Feuchten, des Herben, Süßen, Saueren etc. die Hauptrolle spielt, endlich solche, wo alle Erscheinungen von den Körpersäften abgeleitet werden, in denen man das Analogon oder die besondere Modifikation der kosmischen Elemente und ihrer Qualitäten erblickte. Bald repräsentieren zwei Säfte: der Schleim und die Galle, den Gegensatz des Kalten und Warmen, bald sind es vier Kardinalflüssigkeiten, welche den vier Elementen oder vier Qualitäten entsprechen: das Blut, der Schleim, das Wasser, die Galle oder das Blut, der Schleim, die gelbe, die schwarze Galle. In dieser letzten Fassung, wie sie z. B. in der Schrift de natura hominis hervortritt, gelangt die Vier-Säftetheorie endlich zum Abschluß. — Auch der uralte Streit, ob die Luft oder die Blutwärme das eigentliche Lebensprinzip darstellt, findet bei aller Schwankung eine Lösung, die einem Kompromiß gleichkommt: Die Wärme wird zum eigentlichen Lebensprinzip erhoben, aber (vom Blute abstrahiert) von der Zufuhr des Pneuma abhängig gemacht.

Die beiden Hauptideen, welche die hippokratische Physiologie durchwalten, sind die Idee der Zweckmäßigkeit. — „Die Natur ist für alles in jeder Beziehung genügend“ (De alimento XI) und der Gedanke, daß alle Organe in ihrer Funktion zusammenwirken, zu einem einheitlichen Ganzen verbunden sind. — „Ein Zusammenströmen, eine Vereinigung, eine Sympathie“ (De alimento XXIII). Jede Störung ergreift daher den ganzen Organismus.

Von methodologischem Interesse ist es, daß die Hippokratiker sehr häufig physiologische Vorgänge durch diejenigen Stoffe und Kräfte erläutern, auf welche die tägliche Beobachtung hinweist[69]. Der nächste Schritt wird durch Vergleiche zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus, zwischen Tier- und Pflanzenleben oder, wie namentlich in den knidischen Schriften, durch physikalische Vergleiche bezeichnet.

Auch klinische Erfahrungen und Experimente wurden als Mittel zur Erkenntnis herangezogen. So weist der Verfasser von de musculis darauf hin, daß bei Selbstmördern nach Durchschneidung der Luftröhre Stimmlosigkeit entstehe, woraus hervorgehe, daß die Stimme vom Ertönen der Luft im Innern der Luftröhre abzuleiten sei. In der Schrift de corde wird die Behauptung vertreten, daß ein Teil der Flüssigkeit beim Trinken in die Luftröhre gelange und zum Beweise folgender Versuch angeführt: „Wenn man Wasser mit blauem Kupferocker oder mit Mennige verrührt, einem fast verdurstenden Tiere, vorzüglich einem Schweine, davon zu saufen gibt und ihm darauf, während es noch säuft, die Kehle durchschneidet, so wird man diese durch den Trunk gefärbt finden.“ In derselben Schrift wird gesagt, daß man sich durch den Versuch von der Schlußfähigkeit der halbmondförmigen Klappen überzeugen könne, denn „wenn einer das Herz herausnimmt und von den beiden Klappen die eine stützt und die andere sich außerdem noch (von den Wänden) zurücklehnen läßt, so wird weder Wasser, noch darauf auftreffende Luft hindurch in das Innere des Herzens dringen können“.

Grundprinzip des Lebens ist jedenfalls die dem Körper „eingepflanzte“ Wärme (ὲμφυτὸν θερμόν), welche ihren Sitz im linken Herzen hat. Unter dem Einfluß der „eingepflanzten“ Wärme werden aus den Nahrungsmitteln die flüssigen Grundstoffe und aus deren verschiedenartiger Mischung wieder die festen Körperteile gebildet; die Mannigfaltigkeit der Organe erklärt sich aus den verschiedenen Graden, in denen die Wärme auf das Grundmaterial wirkt. Das Hauptmaterial zum Organaufbau stellt das Blut dar, welches in der Leber bereitet wird und im rechten Ventrikel die gehörige Temperatur erhält. Von dort strömt es, vom pulsierenden Herzen getrieben, durch die „Adern“ zu allen Körperteilen. Ueber den Inhalt des linken Ventrikels und der Arterien ist nichts Genaues überliefert; sicher ist nur, daß man sich denselben entweder nur aus Pneuma oder doch vorwiegend aus Pneuma (neben den feinsten Blutbestandteilen) bestehend dachte[70]. Das bei Verletzung der Arterien hörbare Zischen, die Tatsache, daß in der Leiche der linke Ventrikel blutleer gefunden wurde, spiegelte wohl einen „exakten“ Beweis für diese irrige Annahme vor. Ueber den Zweck der Lungen und die Respiration finden sich nur unbestimmte und vielfach abweichende Angaben. Nach de anatome dienen die an sich kalten Lungen dazu, die kalte Luft aufzunehmen und das Herz abzukühlen. Diese „Abkühlung“ werde auch noch dadurch unterstützt, daß beim Trinken eine kleine Menge von Flüssigkeit auf dem Wege der Luftröhre in den Herzbeutel dringe. (Beobachtung der Herzbeutelflüssigkeit in der Leiche!) Anderseits werde die dem Herzen eingepflanzte Wärme durch die Luft, welche aus den Lungen und Lungengefäßen zuströme, bezw. durch das (in der Luft enthaltene, belebende) Pneuma stetig unterhalten.

In gänzlicher Unkenntnis der Bedeutung des Nervensystems betrachteten die Hippokratiker das Pneuma als Quelle der Empfindung und Bewegung. Ueber den Zentralsitz desselben divergieren die Anschauungen. Nach de morbo verbreitet sich das Pneuma vom Gehirn aus zu den übrigen Körperteilen (koische Lehre: Atmung bloß durch Mund und Nase), nach de corde dagegen bildet das Herz den Ausgangspunkt der Pneumazirkulation (sizil. Lehre: Atmung durch die gesamte Körperoberfläche); damit hängt es zusammen, wenn in der erstgenannten Schrift das Gehirn als Sitz des Denkens, Fühlens und Wollens gilt, während der Verfasser von de corde den Verstand in das linke Herz verlegt.

Das Gehirn wird zumeist nur als Drüse angesehen, als Sitz des Kalten und Schleimigen, mit der Aufgabe betraut, das überflüssige Wasser des Körpers und den Schleim an sich heranzuziehen. (Treten in diesen Funktionen Störungen ein, so entstehen abnorme Schleimanhäufungen in anderen Organen = Katarrhe.) Nebstdem dient es als Sammelstätte des (vom ganzen Körper abgesonderten) Samens, von wo aus derselbe zu den Hoden geführt wird. — Was die Sinnesempfindungen anlangt, so erklärte man das Sehen durch Perzeption des Bildes, welches sich in der Pupille abspiegelt, das Hören durch den Widerhall der harten Schädelknochen und die Fortleitung zum Gehirn, der Geruch sollte dadurch zu stande kommen, daß die Riechstoffe auf dem Wege der Siebplatte in das Gehirn eindringen. — Die Embryologie des Corpus Hippocraticum beruft sich auf Beobachtungen an Frühgeburten oder an bebrüteten Hühnereiern. Längstens am 30. oder 42. Tage sollen alle Teile des Kindes deutlich entwickelt sein, die menschliche Form wird schon am 7. Tage deutlich erkennbar. Die Frucht wird durch die Nabelgefäße ernährt, saugt aber auch an den becherförmigen Erhöhungen der Innenwand des Uterus (Kotyledonen), welche Luft zuführen. — Was die Zeugungslehre anbetrifft, so glaubten die Hippokratiker, daß der Same nicht in den Hoden bereitet, sondern als Produkt des ganzen Körpers aufgestapelt werde. Der Uterus ist zweihörnig (nach Tierbeobachtungen), vor dem Eintritt der Menses Hochstand, vor der Geburt Tiefstand des Orificium uteri, bei Erstgebärenden weichen die Hüftbeine intra partum auseinander, zwischen Uterus und Brustdrüsen besteht eine Wechselbeziehung, die Ursache der Menstruation (normalerweise 3tägig) und der Milchsekretion ist physikalischer Natur (die Milch wird durch den aufgetriebenen Uterus aus dem Netze nach den Brustdrüsen gedrückt). Auch die Frauen haben Samen, nach de sem. besitzen beide Geschlechter beide Arten von Samen (männlichen und weiblichen), das Geschlecht des Kindes hängt vom Ueberwiegen des männlichen (stärkeren) oder weiblichen (schwächeren) ab, im ersteren Falle entsteht ein Knabe, im letzteren ein Mädchen. Bei wässeriger Diät der Schwangeren entwickelt sich ein Mädchen, bei feuriger ein Knabe. In der rechten (kräftigeren) Seite des Uterus werden Knaben, in der linken Seite werden Mädchen geboren. Siebenmonatliche Früchte sind lebensfähiger als achtmonatliche.

Ueber die Arzneimittellehre der Hippokratiker erfährt man das meiste aus den knidischen Schriften, namentlich den gynäkologischen. Im ganzen hat man gegen 300 Heilstoffe gezählt. Bemerkenswert für den Zusammenhang der griechischen mit der fremdländischen Heilkunde ist es, daß so manche Mittel ägyptischen oder indischen Ursprungs sind. An Aegypten erinnert außer manchen Heilstoffen schon die Form der knidischen Rezepte, auch finden sich sogar wörtliche Uebereinstimmungen mit Papyrus Brugsch oder Ebers vor[71]. Durch den ägyptisch-phönizischen Handelsverkehr mit Indien kamen z. B. Sesamum orientale, Cardamomum, Andropogon, Laurus Cinnamoraum, Amomum u. a. in die griechische Medizin.