Die Vorzüge des Herakleides treten deutlich hervor, wenn man ihn mit anderen Empirikern, insbesondere mit seinem vielschreibenden Vorgänger Serapion vergleicht. Dieser erblickte in der Anzahl der Arzneimittel das Wesen der Medizin. Bei den wahllos aufgenommenen Heilmitteln des Serapion lief zwar manches Gute mit unter, z. B. Schwefel gegen Hautkrankheiten, dafür aber schadete er durch rohe Behandlung des Ileus und bereicherte die (schon bei den Knidiern beliebten und auf ägyptischem Boden ganz besonders gedeihenden) seltsamen Mittel.
So empfahl er gegen Epilepsie Kamelhirn, Robbenlab, Hasenherz, Schildkrötenblut, Eberhoden. Unter solchen Einflüssen wurde unter anderem der Krokodilskot ein so begehrter Arzneistoff, daß Verfälschungen vorkamen. Es dürften wohl bei Empfehlung derartiger Wundermittel auch die oft unverstandenen, falsch gedeuteten Rezepte der ägyptischen (hermetischen) Medizin eine Rolle gespielt haben.
In der Literatur werden von der großen Zahl der Empiriker (unter Angabe von Rezepten und Titeln von zumeist pharmakologischen Schriften) nachfolgende erwähnt: Zeuxis (der Aeltere, Kommentator des Hippokrates, um 250 v. Chr.), Apollonios der „Empiriker“ und Apollonios Biblas („der Bücherwurm“ um 180/160 v. Chr.), Zopyros (klassifizierte die Arzneimittel nach ihrer Wirkung und erfand ein allgemeines Gegengift „Ambrosia“ um 100/80 v. Chr.), dessen Schüler Apollonios von Kition (um 60 v. Chr., Verfasser eines Kommentars zu Hippokrates' Schrift über die Gelenke und einer Schrift über Epilepsie) und Poseidonios (Schrift über die Pest); aus der nachchristlichen Zeit: Heras aus Kappadokien, Menodotos aus Nikomedeia, der Anatom Theodas von Laodikeia (um 100 n. Chr.), Ailios Promotos, Agrippa und der als skeptischer Philosoph berühmte Sextus Empiricus (Blütezeit um 190-200 n. Chr.).
Der Kommentar des Apollonios von Kition, περὶ ἄρθρων πραγματεία, auf Befehl eines Königs Ptolemaios (in der Zeit zwischen 81 und 58 v. Chr.) verfaßt, ist handschriftlich in einer Sammlung des Byzantiners Niketas auf uns gekommen und zuerst von Reinhard Dietz, sodann 1896 von Schöne (nach einem Florentiner Kodex) herausgegeben worden. Weniger wegen seines Inhalts als wegen der beigegebenen Abbildungen von den Repositionsmethoden der Hippokratiker (z. B. der berühmten Streckbank, βάθρον) ist das Werk von hoher Bedeutung.
Was die Empiriker oder die hervorragendsten Vertreter der übrigen Sekten für die chirurgischen Fächer und die Arzneimittellehre geleistet, wurde auch durch andere Praktiker und Forscher, welche, keiner besonderen Schule angehörig, spezialistisch die eine oder andere Disziplin kultivierten, bedeutend weitergebracht.
Hinsichtlich der Chirurgie wissen wir, daß die Leistungen des späteren Altertums die damals erklommene Stufe kaum überstiegen, ja nicht einmal immer erreichten und jedenfalls durchaus auf der Vorarbeit der alexandrinischen Epoche beruhten. Von dem chirurgischen Schrifttum ist zwar nichts erhalten geblieben, doch zeigte uns das Studium späterer Autoren, wie große Fortschritte in der Lehre von den Knochenbrüchen und Verrenkungen, in der Kenntnis und Behandlung der Hernien, in der Verbandtechnik, in einzelnen Operationsmethoden (z. B. Steinoperation, Starstich) erzielt worden sind. Von den einzelnen hervorragenden Praktikern erfahren wir beinahe nichts mehr als die Namen. So reihen sich an die Chirurgen, welche in der Geschichte der Sekten erwähnt wurden, noch Amyntas (Erfinder eines Verbands für den Bruch der Nasenbeine), Gorgias, Heron (Nabelhernien, Geburtshilfe), Neileus (Apparat zur Einrichtung von Luxationen, „Plinthion“ genannt), Nymphodoros (Streckbank), Protarchos, Sostratos (Bandagen, Hernien), Philoxenos (Verfasser eines Gesamtwerkes über Chirurgie, auch um die Gynäkologie verdient), Ammonios, der Lithotom (Erfinder eines Instruments zur Zertrümmerung solcher Blasensteine, welche sich nach gemachtem Steinschnitt nicht ausziehen lassen).
In Alexandreia erhielten auch die von Celsus erwähnten Chirurgen Tryphon, Euelpistos und Meges von Sidon, welche in Rom praktizierten, ihre Ausbildung. Letzterer beschäftigte sich viel mit Fisteloperationen, untersuchte die Ursachen des Nabelvorfalls (Durchbruch der Eingeweide, des Netzes, Flüssigkeit) und zeichnete sich durch die Methode der Steinoperation (halbmondförmiger Perinealschnitt) aus.
Als Gynäkologe machte sich Kleophantos verdient, der übrigens auch durch seine Fieberlehre (bloß erhöhte Pulsfrequenz), durch seine Ausbildung der Diätetik, durch seine Vorschriften über die medizinische Verwendung des Weins auf spätere Aerzte starken Einfluß ausübte. Als Gewährsmann für Heilmittel, namentlich animalische, erlangte auch der Hippokrateer Lysimachos (2. Jahrhundert v. Chr.) Bedeutung.
Die Pharmakologie und Toxikologie erfreute sich nicht allein des fleißigen Studiums der Aerzte, sondern auch des regsten Interesses von Dilettanten; nur ein getreuer Ausdruck des Zeitgeistes war es, daß sich die didaktische Poesie die Lehre von den Heilkräutern und Giften als Stoff für ihre Dichtungen nicht entgehen ließ.
Für die Aerzte bildeten wohl hauptsächlich die einschlägigen Werke des Diokles von Karystos und des Apollodoros des Jologen (um 300 v. Chr.) den Ausgangspunkt. Als Verfasser von Schriften über Arzneimittel, resp. Gifte oder giftige Tiere oder von zusammengesetzten Mitteln werden, abgesehen von den schon oben erwähnten Autoren, unter anderen genannt, Aratos, Aristogenes von Knidos, Ophion (kurz vor Erasistratos), Diagoras von Kypros (von Erasistratos zitiert), Andron (von Herakleides erwähnt), Polyeides, Neileus (vor Herakleides von Taras), Nymphodoros, Sostratos.
Der bedeutendste Vertreter der Pharmakologen war der Rhizotom Krateuas (Cratevas), welcher am Hofe des Mithradates VI. Eupator lebend, zwei bedeutende Werke verfaßte, nämlich ein mit Abbildungen versehenes Kräuterbuch (ῥιζοτομικόν) und eine allgemeine Arzneimittellehre, welch letztere namentlich wegen vortrefflicher Schilderung der Wirkung der Metalle sehr gerühmt wurde. Krateuas wurde in der Folgezeit von vielen Autoren kompiliert.
Fragmente sind noch erhalten im Cod. Constantinopolitanus des Dioskurides der Wiener Hofbibliothek. Die Pflanzenabbildungen dieses Kodex, sowie des gleichfalls daselbst befindlichen Cod. Neapolitanus sind dem Originalwerk des Krateuas entlehnt.
Von toxikologischen Werken sind die θηριακὰ und ἀλεξιφάρμακα des Nikandros von Kolophon auf uns gekommen. Die Theriaka behandeln in 958 Hexametern die Symptome und Behandlung der Vergiftung durch den Biß giftiger Tiere, die Alexipharmaka in 630 Hexametern die Intoxikationen durch Pflanzen- (aber auch tierische und mineralische) Gifte und die entsprechenden Gegenmittel. Trotz vieler abergläubischer Angaben ist diesen Schriften, welche zwar von ärztlichen Autoren wenig zitiert wurden, aber sehr große Verbreitung fanden, ein bedeutender Wert zuzusprechen.
Nikandros wurde im Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. zu Kolophon in Lydien geboren und bekleidete in dem bei seiner Vaterstadt gelegenen Orte Klaros das in seiner Familie erbliche Amt eines Priesters des Apollon; dort starb er auch zwischen 135 und 130 v. Chr. Er erfreute sich eines großen Rufs als Dichter, Grammatiker und Arzt. Vielseitig veranlagt schrieb er über Medizin, Landwirtschaft, Grammatik, Literatur, Mythologie und Geographie. Die meisten seiner Werke, wie die von Ovid nachgeahmten Heteroiumena (Verwandlungen) und die von Vergil benützten Georgika sind verloren gegangen. Der dichterische Wert der Alexipharmaka und Theriaka wurde von Plutarch scharf verspottet mit den Worten, daß darin außer dem Metrum nichts von Poesie enthalten sei. Ausgaben von O. Schneider, Lips. 1856. Deutsche Uebersetzung von M. Brenning, Allg. Med. Zentral-Zeitg, 1904, Nr. 6/7. Nikandros ist der erste, der von der medizinischen Verwendung der Blutegel spricht.
Weniger Wissensdurst als Furcht oder Grausamkeit waren es, welche bei mehreren Herrschern dieser politisch so bewegten Epoche (ähnlich wie in der Renaissancezeit) die Liebhaberei für Versuche mit Giften und Gegengiften erregten. Attalos III. Philometor von Pergamon (138 bis 133 v. Chr.), der in beständiger Angst vor den Nachstellungen seiner Feinde lebte, „baute mit eigener Hand giftige Gewächse, Bilsenkraut, Nieswurz, Schierling, Sturmhut und Dorknyon in den königlichen Gärten und sammelte ihre Säfte und Früchte, um ihre Kräfte zu studieren“.
Um sich über die Wirkung der Gifte Kenntnis zu verschaffen und Gegenmittel aufzufinden, stellte er Versuche an Verbrechern an; die erworbenen Erfahrungen mit giftigen und Heilkräutern hinterließ er in Schriften, aus denen so manche seiner Arzneimischungen überliefert wurde. Gleicher Liebhaberei huldigten Nikomedes von Bithynien und Antiochos (wahrscheinlich Epiphanes) von Syrien; von diesem stammte auch ein angebliches Universalmittel gegen Vergiftung jeder Art. Die größte Berühmtheit erlangte aber der kenntnisreiche König von Pontos, Mithradates VI. Eupator (120-63 v. Chr.). Nach ihm wurden im Altertum drei Pflanzen (Mithridatia, Eupatoria, Scordion) benannt, um seine botanischen Leistungen in ehrendem Gedächtnis zu erhalten. Mithradates experimentierte an Untertanen und Verwandten — die er aus Liebhaberei auch chirurgisch behandelte — mit den verschiedensten Giften und Gegengiften. Das berühmteste der letzteren, ein Universalantidot — Mithridation — war aus 54 Bestandteilen zusammengesetzt und erhielt sich in zahlreichen Modifikationen viele Jahrhunderte lang im Heilschatz der wissenschaftlichen Medizin. Um sich vor Vergiftung zu schützen, nahm der König täglich erst das von ihm entdeckte Antidot, dann Gift. Im Lichte der Gegenwart ist es höchst interessant, daß er hierbei bezweckte, sich durch steigenden Gebrauch gegen Gifte zu immunisieren, wie er auch mit merkwürdiger Intuition seinen Gegengiften das Blut von pontischen Enten deshalb beimengte, weil es von Tieren stamme, die sich von Gift nähren und deshalb giftunempfindlich seien. Nach der Niederlage und dem Selbstmord des Mithradates fand man seine wertvollen Aufzeichnungen toxikologischen Inhalts vor, welche sodann auf Befehl des Pompejus von dem Grammatiker Lenäus ins Lateinische übertragen wurden. — Auch unter dem Namen der Kleopatra gingen nicht wenige Rezeptformeln, die von den ärztlichen Autoren überliefert worden sind und zwei Schriften, von denen die eine, über Kosmetik, in Verlust geriet, während die andere über Frauenkrankheiten (γενέσια) noch erhalten ist.
Mit Kleopatras tragischem Schicksal († 30 v. Chr.) war die schon längst vorher bestehende Oberherrschaft Roms über Aegypten auch äußerlich besiegelt. Die medizinische Schule Alexandreias behielt aber — wenn auch die lebendige Forschung immer mehr durch spitzfindige unfruchtbare Gelehrsamkeit verdrängt wurde — auch im römischen Weltreich ihren hervorragenden Rang, allerdings im Wettstreit mit neuen Zentren der ärztlichen Wissenschaft.
Bei dem Angriff Cäsars auf Alexandreia (47 v. Chr.) ging die Bibliothek des Museions in Flammen auf und wurde durch die von Antonius geschenkte pergamenische ersetzt.
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Dem Eroberer mit seinen rauhen soldatischen Tugenden folgt zumeist der Machthaber mit seinem Verlangen nach Lebensgenuß, mit seinem Streben nach Verfeinerung der Sitten, auf dem Fuße. Dieses geschichtliche Gesetz zwang endlich auch die Herrin des Erdkreises, das unwiderstehliche Rom, zur Waffenstreckung vor der noch gewaltigeren Herrscherin, vor der griechischen Kultur, welche früher als der Legionsadler die zivilisierte Welt unterworfen hatte.
In seiner gebietenden Stellung bedurfte Rom mehr des Glanzes, mehr des geistigen Lichts, als Latium aus Eigenem auszustrahlen vermochte; sollte sich die Macht mit der Bildung und Schönheit vereinigen, so mußten die Römer, da beide ihnen überall nur im griechischen Gewande entgegentraten, dem Geist, der Sprache, der Sitte, der Kunst der Hellenen Eingang gewähren, wenn schon die freie, selbständige Leistung durch die allzu nüchterne Naturanlage des Volkes verwehrt war.
Mag der griechische Einfluß mit voller Deutlichkeit erst im Zeitalter der punischen Kriege hervortreten, Spuren desselben führen schon in die Königszeit (Tarquinier) zurück, wo sie die von den Etruskern gegebenen Grundelemente der Kultur ergänzten; von Großgriechenland vordringend, fand der griechische Schönheitssinn bereits in der älteren Epoche der Republik seinen Weg zur ewigen Stadt in Form von Religionsvorstellungen, in Form von Denkmälern der Baukunst.
Die Etrusker waren die ersten Lehrmeister der altitalischen Völker im Religionswesen, im Rechtswesen und in der Kunst[8]. Die erhaltenen Reste ihrer Kultur weisen auf einen düsteren Kult, auf ein gelehrtes schriftkundiges Priestertum (Prophezie aus dem Blitz, Vogelflug und Eingeweideschau), auf eine ausgebildete staatliche Organisation, auf künstlerische und technische Fertigkeit (Städte- und Tempelbau, Grabkammern, Straßen, Torbogen, Abzugskanäle, Wasserleitungen; Metallurgie, Tonbildnerei, Gemmen, Statuen). Nicht wenig, was späterhin als spezifisch römisch galt, rührt von den Etruskern her, z. B. die religiösen Grundvorstellungen mit ihrer ausgeprägten Nüchternheit, das formale Zeremonialwesen, verschiedene Institutionen (z. B. Auguren, Haruspices, Liktoren, sella curulis, Purpurgewänder, Gebrauch von Kriegstrompeten u. a.), manche hygienische Gebräuche und Maßnahmen (Bau von Kanälen, Wasserleitungen, Straßen), verschiedene das Rechtsleben ordnende sehr alte Gesetze, der Gewölbebau, die Idee der Gladiatorenkämpfe (ursprünglich Totenopfer) u. s. w.
Seit die Scipionen den Beweis geliefert, wie sich römischer Heldenmut mit hellenischer Feinheit vermählen kann, sickerte allmählich der Hellenismus in alle Poren des römischen Daseins; er verschönerte und vergeistigte die Religion, er wirkte auf Sitte und Familienleben umgestaltend, er brachte die Erziehung und den Unterricht auf eine vorher ungeahnte Stufe, und kaum anders, als eine mehr oder minder gelungene Kopie nach griechischen Vorbildern nimmt sich das aus, was Rom in der Dichtkunst, in der Philosophie und Rhetorik, in der Technik und im Gewerbe hervorbrachte. Das Griechische wurde zum Repräsentanten alles Geschmacks, aller Eleganz, der Wissenschaft und Kunst. Nur die Architektur, die Kriegs-, Staats- und Rechtswissenschaft bewahrten ihre Originalität.
Die Beeinflussung Roms durch das Hellenentum tritt schon äußerlich in der überraschend großen Menge von griechischen Wörtern im Sprachschatz hervor. Seit den Zeiten der Tarquinier fanden griechische Götter und griechischer Kult Eingang, im 2. Jahrhundert v. Chr. formte sich die einheimische Religion ganz nach der griechischen um; um die Mitte des 3. Jahrhunderts beginnt die römische Literatur mit dem tarentinischen Freigelassenen Livius Andronicus, welcher ein aus dem Griechischen übertragenes Schauspiel in Rom zur Aufführung brachte und mit seiner lateinischen Uebersetzung der Odyssee ein Schulbuch lieferte; seine Nachfolger Nävius, Plautus, Ennius, Pacuvius, Statius, Terentius leiteten die Tragödie, Komödie, das Epos mehr oder minder sklavisch in griechische Bahnen, die auch im augusteischen Zeitalter nicht mehr verlassen wurden; die Lyrik hielt sich später an alexandrinische Muster. Die ältesten Geschichtschreiber der Römer bedienten sich der griechischen Sprache, die altrömische Beredsamkeit wich mehr und mehr von der, mit Phrasen überladenen alexandrinischen Rhetorik zurück. Die Philosophie der Römer, an deren Fortbildung sie keinen selbsttätigen Anteil nahmen, war nur eine Popularisierung und praktische Umformung der stoisch-epikureischen Vorlagen. Was auf dem Gebiete der Mathematik, Astronomie, Naturwissenschaften und Geographie geleistet wurde, stützt sich zum größten Teile auf alexandrinische Grundlagen; selbst die römisch-originale Architektur erlitt viele griechische Einwirkungen, die Plastik und Malerei blieb ganz in den Händen der Griechen.
Die Nobilität ließ die Jugend von griechischen Ammen und Hofmeistern erziehen und schickte die Söhne zur höheren Ausbildung nach Griechenland; die vornehmen Römer gebrauchten seit Sulla die griechische Sprache in der Konversation, wie die eigene, viele römische Schriftsteller schrieben griechisch u. s. w.
Leider verstand nur eine Minderzahl aus der hellenischen Bildung die intellektuellen und moralischen Werte organisch in sich aufzunehmen und selbsttätig zu gestalten, die meisten blieben an den Formen haften und begnügten sich mit dem äußeren Firnis, statt wahrhaft in den Geist einzudringen. Zudem wirkte nicht das Zeitalter des Perikles, sondern mehr das manierierte, skeptische, auch sittlich nicht ganz einwandsfreie Alexandrinertum auf Rom, und was die (besonders nach der Einverleibung Achäas unter die römischen Provinzen) scharenweise nach der Hauptstadt strömenden „Graeculi“ oder gar die als Hofmeister dienenden Sklaven als Hellenisch ausgaben, war manchmal wohl weit entfernt von dem echten hellenischen Wesen. Für äußere Eleganz wurde gewiß oft die römische Virtus, für gelehrt schillernden Dilettantismus die naturwüchsige Originalität zum Opfer gebracht. Doch vergeblich bemühten sich national gesinnte Römer, das Wissen der Zeit in der Schale des Lateinischen enzyklopädisch darzubieten, um die Aufpfropfung eines fremden Volkstums entbehrlich zu machen, umsonst erschöpften sich Cato und in der Kaiserzeit Juvenal, in Polterreden oder spitzigen Satiren, um das Nationalgefühl aufzustacheln — die suggestive Werbekraft des Griechentums einerseits und die zu Schöpfungen auf idealen Gebieten wenig befähigte Anlage des römischen Volkes anderseits, bildeten ganz ungleichwertige Gegner; die erstere mußte siegen. Graeci capta ferum victorem cepit et artes Intulit agresti Latio (Horaz).
Nicht als direkte Folge des eindringenden Hellenismus, wie die Vertreter altrömischer Zucht und Sitte unter Führung des Cato Censorius behaupteten, aber als auffallende Begleiterscheinung machte sich bald der Verfall der nationalen Virtus geltend, trat an Stelle des nationalen Patriotismus ein farbloser Kosmopolitismus, zersetzte philosophische Skepsis den ehrwürdigen Götterglauben, ohne Besseres an dessen Stelle zu setzen.
Die Epoche des Lucullus mit ihrem verfeinerten Lebenssinn hatte andere Bedürfnisse und eine andere Weltanschauung als das einfache, grobkörnige Rom des Cincinnatus! Der steigende Luxus mit seiner Gefolgschaft von Weichlichkeit und bisher kaum beachteten oder ungekannten Krankheiten, der Skeptizismus einer neuropathischen Nobilität, erheischte auch eine andere Heilkunst, als die von der Einfalt einer schlichten Landbevölkerung erworbene Empirie, als die auf Gläubigkeit beruhende Theurgie römischer Priester. Gerade hier war alles von dem gefeierten Hellas zu erwarten, dessen Heilkunst schon zu einer Zeit weithin leuchtete, da man in Latium noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen war, daß es außer Opfern, Gebeten, Sühnungen, magischen Gebräuchen, primitiven Handgriffen, eine auf rationeller Erfahrung, auf kritischer Beobachtung aufgebaute medizinische Wissenschaft geben könne.
Mancherlei Ursachen haben es bewirkt, daß das römische Volk aus sich heraus keine Kulturmedizin zu schaffen im stande war, die einfache Lebensweise des kerngesunden, von Jugend auf abgehärteten Stammes verhinderte die Entstehung vieler Krankheiten, die zeitweilig hereinbrechenden Seuchen nährten nur den ohnedies krassen Aberglauben, ohne den Erkenntnistrieb anzufachen, die fortwährenden Kriege ließen wissenschaftliches Interesse nicht aufkommen, die ganze Tatkraft, der ganze Scharfsinn des Strebenden war in den Dienst einer Idee, des Staatswohls, der Machtvergrößerung, gestellt; das Forum oder das Schlachtfeld galt dem Nationalrömer als einzig würdige Bühne, alles übrige war Sklavenhänden übergeben und konnte sich nicht aus dem Staube der Knechtschaft erheben.
Sechs Jahrhunderte hindurch verblieb die autochthone römische Medizin auf einer Stufe, die andere Kulturvölker Jahrtausende vorher überwunden hatten; an religiösen Mystizismus und rohe Volksgebräuche geknüpft, ragte sie wie ein Anachronismus in eine Epoche hinein, welche den Hippokratismus schon wieder unter der pedantischen, spekulativen Gelehrsamkeit Alexandriens erdrückt sah!
Altehrwürdige Hausmittel, einfache chirurgische Handgriffe, magische Prozeduren (Zaubersprüche), wie sie zum größten Teile von Etruskern, Marsern und anderen altitalischen Völkerschaften herstammten, bildeten das ganze Um und Auf der altrömischen Medizin — ein Zustand, der am besten durch Senecas Ausspruch gekennzeichnet wird: Medicina quondam paucarum fuit scientia herbarum, quibus sisteretur fluens sanguis, vulnera coirent. Vertreter dieser Volksmedizin — bei Epidemien oder langdauernden Uebeln konnten nur die Götter und deren Priester helfen — waren vor allem der Pater Familias, welcher seinen Angehörigen und auch der Familia rustica hilfreich beistand, Frauen, Freunde, Sklaven. Mit größter Wahrscheinlichkeit läßt sich aber annehmen, daß es in Rom schon in sehr alten Zeiten Leute gegeben hat, welche gewerbsmäßig als Haupt- oder Nebenbeschäftigung den Heilberuf ausübten (anfangs Etrusker, Haruspices?). Im Kriege verbanden sich die Soldaten gegenseitig, doch wie unvollkommen die Hilfe war, geht z. B. aus der Nachricht hervor, daß nach der Schlacht bei Sutrium mehr Krieger den Verletzungen erlagen, als vom Feinde getötet worden waren.
Die medizinische Mythologie der Römer ging ursprünglich aus dem Volksglauben der Etrusker und der alten italischen Stämme hervor, bereicherte sich aber zunehmend durch Entlehnungen aus dem Götterkreise fremder Nationen. Religion und Menschenleben waren bis in die kleinsten Einzelheiten verknüpft; physiologische Vorgänge, Krankheitsursachen und Krankheiten wurden personifiziert. Altitalischen Ursprungs sind Carna (die Beschützerin der Eingeweide; an ihren Festen „Carnalia“ betete man „ut jecinora et corda, quaeque sunt intrinsecus viscera, salva conservet“), Bona Dea (eine geheimnisvolle Heilgöttin, deren Tempel kein Mann betreten durfte), Minerva memor oder medica (Göttin der Weisheit, speziell der Heilwissenschaft), Diana (Mond- und Geburtsgöttin, als D. Thermia Göttin der heißen Quellen), Mars (als Beschützer vor Seuchen), Dea Febris, Mefitis (Göttin der Miasmen, Personifikation der gefährlichen Schwefeldämpfe), Meditrina (oskische Göttin der Heilkunst, Feste Meditrinalia), Dea Salus (sabinische Göttin der Gesundheit), Angitia (ursprünglich von den Marsern verehrte Göttin der Gegengifte), Silvanus u. a.
Unter dem Schutz einer ganzen Reihe von Gottheiten stand das Geschlechtsleben und die Kindesentwicklung. Geburtsgöttinnen waren Diana und Juno, unter dem Namen Lucina (Dea Natio, Sospita, Conservatrix), ferner Carmenta (Feste „Carmentalia“, je nach der Kindeslage als Porrima [Anteverta] oder Postverta angefleht); die geschlechtlichen Vorgänge des Weibes bis zur Empfängnis leiteten die Götter Pilumnus, Fascinus, die Göttinnen Rumina, Deverra, Cunina, Mena, Uterina; Fruchtbarkeit spendete (entsprechend dem Priapus) der Gott Mutunus Tutunus, welchem die Frauen verhüllt zu opfern pflegten; bei zweifelhafter Potenz erwarteten die jungen Ehemänner Hilfe von den Gottheiten Deus Subigus, Dea Prema, Dea Pertunda, Dea Perfica etc., deren Namen deutlich genug ihre Wirksamkeit kennzeichnen; beim Neugeborenen behütete Intercidona den Nabel, Ossifraga das Knochenwachstum des Kindes. — An den Luperkalien, welche zu Ehren des Wald- und Feldgottes Faunus gefeiert wurden, nahmen auch Frauen teil, um Fruchtbarkeit zu erlangen.
Von den Griechen wurden übernommen: Apollo (salutaris), sodann Asklepios als Aesculapius (291 v. Chr. wurde sein Kult nach einer schweren Pest nach Rom verpflanzt), Hygiea, Herakles (als Gott der warmen Quellen) u. a. In der Kaiserzeit gewann der Kult der ägyptischen Heilgottheiten Isis, Osiris, Serapis große Bedeutung; auf Votivtafeln, die man in Spanien fand, wird der rätselhafte Gott Endovellicus genannt.
Die Heilquellen, welche bei den Römern von alters her ein sehr großes Ansehen genossen, beherrschten Nymphae salutiferae, und viele Inschriften beweisen die Verehrung, welche man ihnen erwies. Bei einzelnen, namentlich heißen Quellen, befanden sich Heilstätten und Traumorakel.
Die Genesenen dankten für die überirdische Hilfe durch Weihgaben, Donaria. Zahlreiche Funde gewähren uns Einblick in die verschiedenen Arten derselben. In die heiligen Quellen warf man Schmuckgegenstände, Münzen, kleine Götterbilder etc.; in den Heiligtümern hing man Votivgaben aus Marmor, Metall oder gebrannter Erde auf, welche in körperlicher Nachbildung oder in Reliefbildern teils krank gewesene Körperteile (Augen, Ohren, Brüste, Unterleibsorgane, Geschlechtsteile, Arme, Hände, Beine, Füße, das Haupthaar etc.), teils kranke Personen (z. B. mit Schwindsucht oder Brustwunden behaftete) darstellen.
Die Darstellungen von Eingeweiden, welche man auffand, beruhen nicht auf der Kenntnis des menschlichen Körpers, sondern auf der Uebertragung tierischer Formen. Sie sondern sich in Darstellungen der geöffneten Leibeshöhle, in Darstellungen einer Gruppe von Eingeweiden (auf Tafeln) oder einzelner Eingeweide (Herz, Trachea, Lunge, Zwerchfell, Nieren, Milz, Magen, Darmkanal, Harnblase, männliche, weibliche Geschlechtsorgane).
Wie bei Orientalen und Griechen spielte auch im Kultus der Römer die von den Etruskern[9] entlehnte Opferschau (consultatoria sacrificia) eine bedeutende Rolle; sie lag in den Händen der Haruspices, welche aus den Eingeweiden (exta) ebenso weissagten, wie die höher angesehenen Auguren aus der Beobachtung des Vogelflugs prophezeiten. Da der Opferpriester zum Zwecke der Wahrsagung die Körperteile des Opfertieres genau betrachten mußte (hinsichtlich der Lage, des Aussehens, des Verhaltens beim Durchschneiden), so entwickelte sich natürlich auf diesem Wege ein gewisses Maß von anatomischem und selbst pathologischem Wissen. Die überlieferten Kunstausdrücke der (griechischen und) römischen Opferschauer zeigen, daß man eine topographische Kenntnis der Organe[10], insbesondere der Leber, besaß. Man beobachtete bei derselben das allgemeine Aussehen der Lappen (fibrae), das Ausfließen des Blutes, das Aussehen des Processus pyramidalis (caput jecoris) und der Gallenblase, den Durchschnitt der Gefäße („cellae“). Nachbildungen von Schafs- oder Rindslebern aus Bronze oder Alabaster — es sind bereits zwei (die Bronzeleber von Piacenza und die Alabasterleber von Volterra) aufgefunden worden — dienten den Haruspices zum Modell (vergl. die analogen Verhältnisse bei den Babyloniern, S. 24). Neben der Leber und Gallenblase kamen bei der Opferschau auch die Lunge (Oberfläche, Einziehungen), das Herz (Lage, Größe, Fettbelag u. a.), das Netz in Betracht. Um die Götter zu versöhnen, bezw. Epidemien abzuwehren, veranstaltete man Göttermahlzeiten, Lectisternia, von Flötenspiel begleitete Tänze (woraus das Schauspiel entstand) etc. und mit ganz besonderer Feierlichkeit war die Sitte umgeben, gemäß welcher der eigens hierzu ernannte Diktator in Pestzeiten im Tempel des Jupiter Capitolinus einen Nagel einschlug (der Gebrauch war etruskisch und hing ursprünglich mit der Zeitmessung zusammen).
Es liegt die Annahme nahe, daß die Haruspices ihre anatomischen Kenntnisse auch als Wundärzte benützt haben. Die Existenz eines einheimischen Aerztestandes in Latium ist jedenfalls erwiesen: schon das Wort „medicus“, welches italischen Ursprungs ist und neben mederi, medicina bei den ältesten lateinischen Schriftstellern vorkommt, deutet darauf hin. Man bringt den Terminus „medicus“ mit dem oskischen Worte „meddix“ in Zusammenhang, welches (bei den Samniten) eine Art von Beamten bezeichnete; mederi = imperare, curare (vergl. oben die Göttin Meditrina). Dionysius von Halikarnass erwähnt Aerzte bei der Epidemie des Jahres 451 v. Chr.; das Aquilische Gesetz (aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.) „Si medicus, qui servum tuum secuit, dereliquerit curationem ejus et ob id mortuus fuit servus, culpae reus erit“ setzt einen freien Arzt voraus, den es für vernachlässigte Behandlung eines Operierten verantwortlich macht. Keinesfalls aber wußten sich die altrömischen Heilkünstler eine angesehene Stellung zu erwerben, sonst wären sie später nicht so rasch durch die eingewanderten Griechenärzte verdrängt worden.
Ueberraschend früh tauchen bei den Römern trotz des niedrigen Standes der Medizin hygienische Maßnahmen und sanitätspolizeiliche Gesetze auf. Zu den ersteren gehören die Anlage der Cloaca maxima, der Wasserleitungen (die erste wurde 312 v. Chr. durch Appius Claudius erbaut), von Myrten- und Lorbeerhainen am Meeresstrande (zur Abhaltung der Sumpfausdünstungen), von Bädern (das altrömische Haus besaß einen eigenen Baderaum, lavatrina). Alte Gesetze ordneten die Leichenbestattung (hominem mortuum in urbe ne sepelito nec urito), befahlen den Kaiserschnitt an schwanger Verstorbenen (Lex de inferendo mortuo, l. regia des Numa Pompilius; Caesi, Caesones, Caesari — sectio caesarea), setzten juristisch die Schwangerschaftsdauer auf 10 Monate fest (in decem mensibus homines gigni), stellten Geisteskranke unter die Vormundschaft von Verwandten (si furiosus sit, agnatorum, gentiliumque in eo pecuniaque ejus potestas esto), bestraften die Behexung (qui malum carmen incantassit, coerceto), verboten Frauen den Weingenuß (si vinum domi biberit, ut adulteram puniunto), wachten über den Verkauf von Lebensmitteln u. a.
Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. begannen, angelockt durch den wachsenden Reichtum Roms, griechische „Aerzte“ und Hebammen einzuwandern. Unter ihnen dürften anfangs gerade nicht die vornehmen Repräsentanten der hippokratischen Kunst die Mehrzahl gebildet haben, sondern eher gewinnsüchtige, von Gewissensskrupeln wenig geplagte Abenteurer, welche in der Heimat höchstens den Rang von Heilgehilfen in den Ringschulen eingenommen hatten und jetzt, ausgerüstet mit gehöriger Schlauheit, reklamehaft auf die Leichtgläubigkeit der Menge spekulierten — ein Befähigungsnachweis wurde ja in Rom nicht gefordert[11]. Solchen Individuen war es zum größten Teile zu danken, daß die griechische Heilkunst, von der man das Höchste erwartete, kaum daß sie bekannt geworden, wieder an Ansehen verlor. So sagt Plinius vom römischen Volke: medicinae etiam avidus, donec expertam damnavit. Freilich wirkten bei dem Mißerfolg auch die noch vorhandene Abneigung des Volkes gegen größere chirurgische Eingriffe und der von den einheimischen Volksärzten und Nationalisten gezüchtete Fremdenhaß in bedeutendem Maße mit.
Typisch wurde das Schicksal des Archagathos, welcher 219 v. Chr. aus dem Peloponnes eingewandert war, und der von Plinius gewiß irrtümlich als erster griechischer Arzt in Rom genannt wird. Archagathos erwarb anfangs durch hervorragende Geschicklichkeit in der Behandlung von Wunden und Geschwüren größtes Vertrauen und so hohe Anerkennung, daß ihm der Senat das Bürgerrecht erteilte und eine Offizin (Taberna) an einem sehr belebten Platze (am acilischen Kreuzweg, in der Nähe des Forum Marcelli) einrichtete. Ermutigt und in seinem Selbstbewußtsein allzusehr gehoben, wagte es der „Vulnerarius“ (Wundarzt), wie ihn das Volk ehrend nannte, jetzt auch größere Operationen vorzunehmen. Nicht lange währte es, so erregte seine Rücksichtslosigkeit im Schneiden und Brennen solchen Unwillen, daß das Volk den „Carnifex“, wie es ihn jetzt schmähte, nicht mehr dulden wollte und mit ihm alle Aerzte vertrieb. Diese Angaben rühren von dem national gesinnten Plinius her, und sind daher cum grano salis zu nehmen. Gerade auf die Aerzte konzentrierte sich der Griechenhaß ganz besonders, weil man wegen ihrer intimen Beziehungen zum Volke fürchtete, daß sie die alte Mannhaftigkeit und damit das altrömische Wesen mit der Wurzel auszurotten vermöchten. Wahrscheinlich lagen auch einzelne, tendenziös aufgebauschte, Anlässe vor, tatsächlich ließen sich, wie wir aus späterer Zeit wissen, freie und Sklavenärzte pochend auf ihre Straflosigkeit oder unter dem Zwange der Knechtschaft zu schimpflichen Diensten (sogar zu Giftmorden?) hie und da verwenden, fest steht es aber anderseits, daß trotzdem selbst die schärfsten Angriffe der Griechenfeinde das Vertrauen zur griechischen Medizin, die doch die römische Volksmedizin weitaus überragte, nicht gänzlich zu erschüttern vermochten. Wie erbittert namentlich der Pfleger altrömischer Zucht und Sitte, der ehrliche, aber harte Marcus Porcius Cato (234-149 v. Chr.) den Kampf führte, geht unter anderem aus den „Praecepta ad filium“ hervor, in denen er die griechischen Aerzte geradezu beschuldigte, daß sie sich gegen das Leben der Römer verschworen hätten. Cato wehrte ihnen sein Haus, er widmete sich als altrömischer Hausvater selbst der Behandlung seiner Familie und seiner Sklaven, indem er vorzugsweise eine alte volksmedizinische Schrift „Commentarium“ benützte. Mag ihm aber der Sohn gefolgt haben, die Römer taten es nicht; trotz der Verbannungsbeschlüsse, die wohl kaum ausgeführt wurden, behaupteten die griechischen Aerzte ihre Position, und täglich schwoll ihre Zahl mehr an.
Cato suchte den griechischen Einflüssen nicht nur durch seine Reden, sondern auch durch positive literarische Arbeit entgegenzutreten. Von dieser Absicht geleitet, schrieb er, ohne ausländische Quellen zu benützen, Werke über Staatswissenschaft, das Kriegswesen und den Landbau, sowie eine Geschichte Roms (Origines), damit der gebildete Römer es nicht nötig habe, auswärts Belehrung zu suchen. Was er von der Medizin für wichtig hielt, stellte er in der Schrift de agricultura (neueste Ausgabe von Keil, Leipzig 1884, Kommentar hiezu als Band II) zusammen. Der Inhalt ist deshalb wertvoll, weil er uns ein anschauliches Bild von der altrömischen, halb empirischen, halb mystischen Volksmedizin gibt. Cato besaß achtbare chirurgische Kenntnisse (über Luxationen und Frakturen, Geschwüre, Polypen, Strangurie und Mastdarmfisteln) und kannte eine Menge von Rezepten (Hausmittel). Mit besonderer Vorliebe und größtem Zutrauen wandte er diätetische Behandlungsweisen, namentlich aber den Kohl (Universalmittel der Etrusker und Lieblingsmittel der Pythagoreer) und den Wein bei allen möglichen Affektionen an; daneben spielten Besprechungen und magische Prozeduren keine geringe Rolle. Gegen Quetschungen diente ihm z. B. folgendes: „Luxum si quod est, hac cautione sanum fiet. Harundinem prende. — Incipe cantare in malo: S. F. (Sanitas Fracto) motas vaeta daries dardaries astata taries, die una paries, usque dum coeant“; gegen Luxationen: huat hanat huat ista pista sista. Domina damnaustra et luxato. Vel hoc modo, huat haut ista sis ardannabon dumnaustra. Derartige teilweise unverständliche und daher kräftig suggestiv wirkende „Carmina“ sind noch mehrere in der erwähnten auch sprachlich sehr interessanten Schrift angeführt.
An seinen Sohn schrieb Cato, wie aus Plinius zu ersehen ist: „Dicam de istis Graecis suo loco, Marce fili. Quid Athenis exquisitum habeam et quod bonum sit illorum literas inspicere, non perdiscere, vincam. Nequissimum et indocile genus illorum, et hoc puta vatem dixisse: Quandoque ista gens suas literas dabit, omnia corrumpet; tum etiam magis, si medicos suos huc mittet. Jurarunt inter se barbaros necare omnes medicina. Et hoc ipsum mercede faciunt, ut fides iis sit et facile disperdant.“
Da die griechischen Philosophen die Volksreligion untergruben und den römischen Jünglingen das Gift des Skeptizismus einflößten, verbot der Senat mehrmals einzelnen oder allen Philosophen und Rhetoren den Aufenthalt in Rom, ein solches Gesetz wurde z. B. 161 v. Chr. gegeben. Sechs Jahre später erschien eine Gesandtschaft aus Athen, bestehend aus dem Akademiker Karneades, dem Stoiker Diogenes und dem Peripatetiker Kritolaos, von denen namentlich der erstere durch seine Beredsamkeit auf die jüngere Generation — die Kenntnis der griechischen Sprache war schon damals sehr verbreitet — den größten Eindruck machte. Auch diesmal suchte die Nationalpartei durch baldige Abfertigung der Gesandtschaft die Gefahr einzudämmen. — Angeblich soll bald nach dem Tode Catos ein Dekret die Verbannung aller Griechen anbefohlen haben, wie wenig ernsthaft es durchgeführt wurde, beweist die Folgezeit, und selbst wenn man die Philosophen vertrieben hätte, die Aerzte besaßen schon hinreichende Stützen an den vielen Wohlwollenden, um das Verbot ignorieren zu können.
Unleugbar haftete aber, in den Augen der Römer, den griechischen Aerzten noch geraume Zeit ein gewisser Makel an, und nachdem längst die Poesie, Kunst und Philosophie Griechenlands die größte Anerkennung in Rom gefunden hatte, entbehrte die hellenische Medizin noch immer einer warmen Anhängerschaft unter den Gebildeten, wie z. B. aus einem Worte Ciceros deutlich hervorgeht. Es genügte nicht allein, daß viele angebliche Aerzte zuströmten, es mußte ein Mann auftreten, der seine Kunst mit der Bildung und Weltanschauung des vornehmen Römers in Beziehung zu setzen verstand. Nur ihm konnte es wahrhaft gelingen, die griechische Medizin selbst nach Rom zu verpflanzen.
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Die Einbürgerung der griechischen Heilkunde in Rom war vorzugsweise das Werk des Asklepiades aus Prusa, eines rhetorisch gewandten, philosophisch geschulten und äußerst lebensklugen Arztes, der die nationalen Vorurteile durch imponierende praktische Leistungen zu überwinden verstand und die wissenschaftliche Medizin dem Zeitgeschmack des Römertums geschmeidig anzupassen wußte.
Asklepiades dürfte um 124 v. Chr. in Prusa (oder in Prusias), einer Stadt Bithyniens, geboren sein und wandte sich frühzeitig dem Studium der Rhetorik, Philosophie und Medizin zu. Zur Erweiterung seiner Kenntnisse scheint er eine Zeitlang in Parion, am Hellespont, in Athen, wahrscheinlich auch in Alexandreia verweilt zu haben, bevor er, um sein Glück zu machen, nach Rom ging. Hier gelang es ihm durch seine Rednergabe und gesellige Gewandtheit mit vornehmen Männern, wie L. Crassus, Cicero, Atticus, M. Antonius und Q. Mucius in freundschaftlichen Verkehr zu treten und sehr bald den Ruhm eines unvergleichlichen Heilkünstlers durch eine anscheinend ganz neuartige Heilmethode zu erwerben. Wie weit sein Name drang, beweist besonders die Tatsache, daß ihn Mithradates von Pontus zu sich berief; Asklepiades lehnte jedoch ab und schickte dem Könige bloß seine Werke. Von einigen Autoren ist uns eine Episode überliefert, die bald als Zeugnis der bewunderungswürdigen Beobachtungskunst, bald als Beweis seiner, auch vor groben Täuschungen nicht zurückschreckenden Scharlatanerie gedeutet wird. „Als er sich nämlich einmal,“ so wird erzählt, „von seinem Landgut in die Stadt begab, erblickte er einen großen Leichenzug; er trat näher, damit er erfahre, wer es sei, anderseits damit er selbst etwas bei jenem (Toten) den Regeln der Kunst gemäß entdecken könne. Obgleich er dessen Gesicht mit Spezereien bestreut und dessen Antlitz mit wohlriechenden Salben bestrichen sah, war er doch aus gewissen Anzeichen sehr aufmerksam auf ihn, beobachtete ihn und betastete immer wieder den Körper: und er fand, daß in jenem noch Leben sei. Sogleich rief er, der Mann lebt noch, man möge die Fackeln wegnehmen, die Feuer auslöschen, den Scheiterhaufen abtragen und den Leichenschmaus vom Grabmal zu Tische bringen. Es entstand ein Gemurmel; die einen sagten, man müsse dem Arzte glauben, die anderen spotteten über die Heilkunst. Dann erwirkte Asklepiades, obwohl sich alle Verwandten sträubten — entweder weil sie schon die Erbschaft hatten oder weil sie ihm noch nicht glaubten —, mit genauer Not einen kurzen Aufschub für den Toten. Den solcherart den Händen der Leichenträger Entwundenen brachte er, gleichsam aus der Unterwelt, nach Hause und sogleich stellte er das Atmen her, sogleich rief er durch gewisse Arzneien das Leben zurück, das in den Tiefen des Körpers verborgen war. Bei Tische wurde des weisen Mannes rühmend erwähnt.“ Berauscht vom Beifall der suggestiblen Menge, ließ sich Asklepiades als einen „vom Himmel Gekommenen“ feiern und verstieg sich in seinem ungemein entwickelten Selbstgefühl zu marktschreierischen Aeußerungen oder gar Handlungen, die sein Bild im Urteil der Nachwelt verdunkelten, die es verschuldeten, daß der treffliche, wenn auch etwas einseitige Therapeut und medizinische Philosoph geradezu als Scharlatan hingestellt wurde. Mit den meisten Reformatoren teilte er allerdings maßlose Eitelkeit und Verachtung der Vorgänger. Hochbetagt soll er durch den Sturz von einer Treppe gestorben sein und seinen Ausspruch bewahrheitet haben: „Er wolle nicht für einen Arzt angesehen werden, wenn er jemals erkranken würde.“
Noch von größerer Bedeutung aber, als die fruchtbringende Vermittlung, war die damit verbundene Reformbewegung, welche Asklepiades im medizinischen Denken und in der Therapie einleitete. Mit der ganzen Wucht seiner impulsiven Persönlichkeit trat er gegen die erstarrte Humoralpathologie — als Erster — in die Schranken und bekämpfte den traditionellen Unfug, der im Namen des Hippokrates oder gestützt auf angebliche „Empirie“ mit Purganzen, Brech- und Schwitzmitteln, mit der Venäsektion oder gar abergläubischen Methoden von Seite der späteren alexandrinischen Schule getrieben wurde und setzte an deren Stelle eine planmäßige diätetisch-physikalische Behandlungsweise, die sich aus einer spekulativen mechanistischen Physiologie und Solidarpathologie ableitete. Hierdurch wurde er ein Faktor von größtem Werte für die allseitige Entwicklung der griechischen Medizin, welche im Alexandrinertum bereits zu erstarren begann, eine der markantesten Gestalten in der Geschichte der Heilkunst, deren Leitgedanken zwar vielfacher Korrektur bedurften, aber, soweit die Therapie in Betracht kommt, bis auf unsere Tage fortwirken.