[1] Seine Vorschriften fußen zum großen Teile auf den mosaischen, unterscheiden
sich aber dadurch, daß manches vereinfacht oder den örtlichen Verhältnissen angepaßt
ist, wodurch oft vernünftige Erleichterungen, manchmal aber auch hygienische
Rückschritte erzielt wurden. Eine große Tat war das, sonst in keinem Religionssystem
mit solcher Strenge ausgesprochene Verbot, berauschende Getränke
zu genießen. — Merkwürdigerweise ist eine der wichtigsten Zeremonien des Islam,
die Beschneidung, im Koran (im buchstäblichen Sinne) gar nicht erwähnt.
[2] In der Krankheitsätiologie des Koran spielen jedenfalls neben rationellen
Momenten auch Satan und Dämonen eine wichtige Rolle.
[3] Widerraten ist das Schröpfen in der Nackengegend, weil es den Verlust des
Gedächtnisses, das im hinteren Teile des Gehirns seinen Sitz habe, nach sich ziehe.
[4] Als ein Kranker dem Propheten gegenüber den Wunsch äußerte, Schweinefleisch
zu essen, gestattete es dieser und sagte: „Wenn ein Kranker irgend etwas
begehrt, muß man es ihm verschaffen.”
[5]Der Umstand, daß Muhammed selbst einen Ungläubigen zum
Arzte genommen und denselben empfohlen hatte (vgl. S. 143), erleichterte
der wissenschaftlichen Medizin außerordentlich das
frühzeitige Eindringen in die Länder des Islam.
[6] In der Glanzzeit soll Bagdad 2 Millionen Einwohner gehabt haben. Die Stadt
war mit prächtigen, im Innern luxuriös eingerichteten, Palästen geschmückt; in der
Umgebung gab es Villen, Tiergärten etc.
[7] So wie Bagdad in politischer Hinsicht Damaskus in den Hintergrund drängte,
so überstrahlte es bald auch in Bezug auf das wissenschaftliche Leben die bisherigen
Pflegestätten Basra und Kufa.
[8] Die Uebersetzungen wurden oftmals erneuert; in dem Maße, als man auf das
Original zurückging, und die arabische Sprache durch wissenschaftliche Technizismen
bereichert wurde, schwand die anfängliche Fehlerhaftigkeit.
[9] Die wichtigsten der übersetzten philosophischen Autoren waren: Aristoteles,
Platon, Theophrastos, Nikolaos von Damaskos, Alexandros von Aphrodisias, Plotinos,
Porphyrios, Themistios, Jamblichos, Proklos. Die Mathematiker und Physiker sind
besonders repräsentiert durch Euklid, Archimedes, Apollonios von Pergae, Diophantos,
Pappos, die Astronomen durch Hipparchos und Ptolemaios.
[10] Beispielsweise befand sich von den anatomischen Schriften Galens weit mehr
im Besitze der Araber, als auf uns gekommen ist. Die kolossale Lücke im Original
der ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις Bücher IX-XV wird nur durch die arabische Uebersetzung
ausgefüllt. Seit kurzem liegt uns dieselbe in deutscher Uebertragung vor: Sieben
Bücher Anatomie des Galen, zum ersten Male veröffentlicht nach den Handschriften
einer arabischen Uebersetzung des 9. Jahrh. n. Chr., ins Deutsche übertragen und
kommentiert von Dr. med. Max Simon, 2 Bde., Leipzig 1906. Es bedarf keines
besonderen Hinweises, wie sehr diese verdienstvolle Publikation unsere bisherigen
Kenntnisse über die galenische Anatomie erweitert.
[11] Der hervorragende Bildungssinn dieses Kalifen, dem im Gegensatze zu seinen
Vorgängern al-Mansur und Harun neronische Anlagen fremd waren, steht vielleicht
damit im Zusammenhang, daß er als Sohn einer Perserin geboren wurde.
[12] Als Uebersetzer wird z. B. der indische Arzt Manka genannt, der den Kalifen
Harun ar-Raschid erfolgreich behandelte.
[13] Der glänzendste Repräsentant der Polyhistorie war im 9. Jahrhundert der
„arabische Philosoph” al-Kindi.
[14] Unter dem Kalifen al-Mamun wurde das rationalistische (auch die Atomenlehre
vertretende) System der Mutaziliten sogar staatlich anerkannt.
[15] Der im Abendlande unter diesem Namen bekannte Großmeister der Alchemie
hieß Dschabir ben Hajjan es-Sufi und lebte um die Mitte des 8. Jahrhunderts
in Kufa; er stammte vielleicht aus dem Kreise der Sabier (Harran) und war Schüler
des sechsten Imam der Aliden Dschafer es-Sadik, welcher sich wegen seiner Kenntnisse
in der Astrologie, Alchemie etc. großen Ruf erworben hatte.
[16] Es sei hier nur erwähnt, daß unter al-Mamun die Messung eines Breitengrades
zur Bestimmung des Erdumfangs ausgeführt worden ist.
[17] Bücherliebhaberei gehörte zu den noblen Passionen, es gab eigene Büchermärkte,
und nicht wenige, welche Neigung und den nötigen Fonds besaßen, legten
sich Privatbibliotheken an, die zuweilen hinter den öffentlichen nicht gar weit zurückgeblieben
sein sollen.
[18] Gute Straßen, Brücken, Karawanen, Herbergen, Brunnen etc., begünstigten das
Verkehrsleben im ganzen Reiche; die Aufhebung der Binnenzölle gewährleistete Freizügigkeit.
Für die Schiffahrt wurde durch Hafenanlagen gesorgt.
Der Reisedrang, durch die gewaltige Ausdehnung der arabischen Herrschaft angeregt,
war sehr verbreitet, er entsprang nicht bloß religiösen Momenten (Pilgerzüge)
oder Handelsinteressen, sondern auch reiner Wißbegierde. Soll doch schon ein Ausspruch
Muhammeds gelautet haben: „Wer sein Haus verläßt, um der Wissenschaft
nachzuforschen, der wandelt auf dem Pfade Gottes bis zu seiner Heimkunft.” Das
Bewußtsein, überall im weiten Reiche auf Kenntnis der arabischen Sprache, auf Gesinnungsgenossen,
auf gastfreundliche Aufnahme rechnen zu können, ließ auch die
weitesten Entfernungen überwinden, wenn es galt, neue Kenntnisse zu erwerben,
berühmte Lehrer zu hören. „Durchwanderer aller Zonen” war ein Ehrentitel. Ganz
besonders kam dieser wissenschaftliche Reisetrieb der Erdkunde zu gute — einem
Gebiete, auf welchem die Araber wahrhaft Großes geleistet haben. Der vollendetste
Typus eines solchen Forschungsreisenden, der durch Beobachten und Nachfragen,
nicht durch Traditionsglauben und reine Vernunftschlüsse das Leben seiner Zeit
kennen lernen wollte, war der Geograph Makdisi (10. Jahrhundert), welcher nur
Selbstgeschautes beschrieb und sein Wanderleben folgendermaßen schildert: Ich habe
allgemeine Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin als Prediger aufgetreten und
habe von dem Minarette der Moscheen den Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten
Sitzungen und frommen Uebungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den
Sufis, Brei mit den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen. Ich ging
mit den Einsiedlern des Libanon um und dann wieder lebte ich am fürstlichen Hofe.
Kriege habe ich mitgemacht, auch saß ich gefangen und wurde als Spion in den
Kerker geworfen. Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloß ich
mich wieder einer Räuberbande an und saß als Kleinhändler auf dem Markte.
[19] Ein Fürst beneidete den anderen um besonders hervorragende Gelehrte; manche
von diesen zogen bald flüchtig, bald unter sicherem Geleit von Hof zu Hof.
[20] Wie ein Symbol nimmt es sich aus, daß er auf spanischem Boden die erste
Palme pflanzte — ein Ereignis, das in einer, von ergreifender Sehnsucht nach Bagdad
erfüllten, Elegie verherrlicht wurde.
[21] Unter den Geschenken, welche diese Gesandtschaft überbrachte, befand sich
auch ein Exemplar des Dioskurides. Auf Wunsch des Kalifen kam der gelehrte
Mönch Nikolaos nach Cordoba und besorgte eine Uebersetzung dieses Autors.
[22] Beispielsweise leistete Abu Jusuf Chisdai ibn Schaprut, welcher unter Abdarrahman
III. und seinem Nachfolger als Finanzminister fungierte, sehr wichtige
Dienste bei der unter Leitung des Mönches Nikolaos angefertigten Dioskuridesübersetzung.
[23] Im Auftrage Hakims stellte Ibn Junis berühmt gewordene Sterntafeln her.
[24] Das Arabertum, dessen Wehrkraft gesunken war, wurde im Staatsleben im
Westen von den Berbern, im Osten von Söldnern (Seldschuken, Mameluken) zurückgedrängt.
Steuerdruck, unaufhörliche Kriege, Seuchen etc. vernichteten den Wohlstand.
[25] Die Angriffe von seiten der abendländischen Welt (Kreuzzüge) erregten begreiflicherweise
allmählich religiöse Intoleranz und nährten die Orthodoxie.
[26] Als längst die Blüte vorbei war, besaß Bagdad noch 36 Bibliotheken, in
Merw bestanden um 1200 zehn, von denen eine 12000 Bände zählte.
[27] In Persien bestanden Wissenschaft und Literatur sogar während der Mongolenherrschaft
fort. Sogar der blutige Hulagu gründete eine großartige Sternwarte
in Meraga.
[28] Der Sprachschatz der europäischen Völker und der europäischen Wissenschaft
enthält eine Fülle von Worten, welche auf die arabische Kultur und ihre weitreichenden,
nachhaltigen Einflüsse hindeuten. Hierher gehören nicht nur zahlreiche
Bezeichnungen der Astronomie, Mathematik, Chemie, Pharmazie, des Seewesens, des
Handelsrechts u. s. w., sondern auch viele Namen von Genußmitteln, Stoffen, Kleidungsstücken,
Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens etc.
[29] Unter den Künsten blühte — da die Bildhauerei und Malerei durch religiöse
Grundsätze behindert war — am meisten die Baukunst (Spitzbogen, Hufeisenbogen,
starke Verwendung von Stuck, Vorliebe für Farbe und Ornament: Arabesken). Zu
großartiger Entwicklung gelangte auch die Tonkunst (Streichinstrumente), wobei die
Perser als Lehrer dienten. Die seit alten Zeiten gepflegte Dichtkunst bereicherte in
der Glanzperiode der Kalifen ihren Stoff außerordentlich und spiegelte einerseits
Lebensfreude (Liebeslieder, Weinlieder), anderseits den philosophischen Pessimismus
wieder; später entartete sie durch Sprachkünstelei und Ueberladenheit.
[30] Die fast unübersehbare Literatur erstreckte sich auf alle Wissenszweige und Künste
(z. B. Musiktheorie), auf die verschiedensten Gewerbe, auf die Landwirtschaft, die
Kriegskunst etc., aber auch auf Wahrsagerei, Zauberei, Taschenspielerkunst u. s. w.
Sehr wichtig waren die zahlreichen Sammelwerke, Enzyklopädien, Lexika.
[31] Die Sprachwissenschaft entwickelte sich auf nationaler Grundlage zu vollendeter
Meisterschaft. — Die anfangs bloß annalistische und lokale Geschichtsschreibung
reifte allmählich zum Universalismus und zur philosophischen Betrachtungsweise
heran. Ein später Vertreter der letzteren — Ibn Khaldun (1332-1406) — stellte
gründliche Forschungen über den kausalen Zusammenhang der geschichtlichen Geschehnisse
an und rückte bereits das soziale Leben, die gesamte geistige und materielle
Kultur in den Mittelpunkt der Betrachtung. — Sehr sorgfältig wurde auch die Geschichte
einzelner wissenschaftlicher Zweige, einzelner Stände, der Parteien etc. und
die Biographik bearbeitet.
[32] Die Werke mancher arabischer Geographen, welche jahrzehntelang durch die
Welt zogen, sind von höchstem Interesse wegen ihrer lebendigen Schilderungen der
Länder und Städte, der Volkssitten, der Landesprodukte u. s. w.
[33] Das Aräometer benutzten bereits die Alexandriner. Durch Bestimmung der
Dichte glaubte man auch in das Wesen alchemistischer Prozesse eindringen zu
können.
[35] Diese großen Errungenschaften sind dem, im Abendlande unter dem Namen
Alhazen bekannten, Ibn al-Haitam zu danken, welcher auch als Mathematiker
(Monographie über den Asymptotenbegriff u. v. a.) und Astronom Hervorragendes
leistete und sich mit philosophischen Fragen eifrig beschäftigte. Ibn al-Haitam
stammte aus Basra und wurde von al-Hakim nach Aegypten gerufen, um daselbst,
wie er sich dessen berühmt hatte, das Steigen des Nils (durch eine Stauwehranlage?)
gleichförmig zu gestalten. Da ihm dies aber nicht gelang, so zog er sich den Zorn
des Fürsten zu, simulierte Wahnsinn und mußte sich bis nach dessen Tode verborgen
halten. Er verdiente sich sein Brot als Abschreiber mathematischer Texte und starb
1038. Besonders wichtig ist seine Sehtheorie, welche die griechische Irrlehre,
daß vom Auge ausgehende Strahlen das Sehen bewirken, bekämpfte.
[36] Repräsentiert wird die arabische Chemie (Alchemie) durch Geber (vgl.
S. 150). Er kannte sehr genau das Wesen der Amalgamation und Legierung, verstand
die Metalle zu oxydieren, zu sulfurieren. Der wesentlichste Fortschritt bestand
darin, daß sich, neben der bisher vorzugsweise betriebenen Chemie der Schmelzprozesse,
das Verfahren auf nassem Wege entwickelte, mittels Anwendung der
Salpetersäure (gewonnen durch Erhitzen von Salpeter und Vitriol), der Schwefelsäure
(gewonnen durch Glühen von Alaun), des Königswassers (Zusatz von
Salmiak zur Salpetersäure, Lösungsmittel des Goldes) — das Altertum kannte nur
die Essigsäure. Durch das Auflösen der Metalle kam man zur allerdings unreinen
Darstellung von bisher unbekannten Verbindungen, namentlich
von Salzen, wobei außer dem Destillieren auch das Umkristallisieren, die
Sublimation, das Filtrieren als geeignete Verfahren dienten (auch Wasserbäder
und Oefen zum chemischen Gebrauch waren bekannt). Dargestellt wurden
Höllenstein, Quecksilberoxyd, Pottasche, Kalilauge, Natronlauge, Schwefelmilch u. v. a.
— An die großen Leistungen der Araber erinnern viele Bezeichnungen in der Chemie,
z. B. Elixier, Alkohol, Alkali, Salmiak, Soda, Alaun etc.
[37] Diese wurde ganz besonders dadurch gestärkt, daß Berbern und
Türken anstatt der mehr indifferenten oder skeptischen Araber
die Hegemonie erlangten.
[38] So erhielt sich z. B. die Lehre von den vier Elementen trotz der chemischen
Fortschritte.
[39] Eines der Hauptprobleme war der sogenannte Universalienstreit, d. h. die
Frage, ob die allgemeinen Begriffe, Gattungen und Arten etwas Wirkliches oder
bloße Gedanken seien. Angeregt wurde dieses Problem durch die Isagoge des (neuplatonischen
und als Vorkämpfer des Vegetarianismus interessanten Philosophen)
Porphyrios (vgl. S. 31), in welcher die fünf Begriffe (Universalia) γένος, διαφορά,
εἶδος, ἴδιον und συμβεβηκός ═ Gattung, Wesensverschiedenheit, Art, Proprium, Accidens
abgehandelt werden. Die Isagoge (Εἰσαγωγὴ περὶ τῶν πέντε φονῶν), eine Einleitung
zum aristotelischen Organon, diente jahrhundertelang als Lehrbuch der Logik.
[40] Er suchte im Gewande eines Romans „Hai ibn Jakzan” zu zeigen, daß der
Mensch, ganz abgesehen von aller Offenbarung, im stande sei, zur Erkenntnis der
Natur und Gottes zu gelangen. Ibn Tofaïl war Vezier und Leibarzt.
[41] Averroës betrachtete den Aristoteles als die höchste Inkarnation des, einem
Sterblichen überhaupt erreichbaren, Wissens und setzte es sich daher zur Aufgabe,
die vielfachen Mißverständnisse der früheren Erklärer zu beseitigen, die Lehre des
Stagiriten, richtig erfaßt, darzustellen. Averroës sah die Welt als einen streng an den
Kausalnexus gebundenen, ewigen Werdeprozeß an, durchdrungen von der Gemeinvernunft,
welche Erkenntnis schaffend in die Seele des Menschen hineinleuchtet; er
lehrte die Vergänglichkeit alles Individuellen.
[42] Die Abhandlungen der lauteren Brüder (vgl. die Schriften von Fr. Dieterici)
gewähren ein abgerundetes Bild von der Naturanschauung und dem Wissen der
Araber im 10. Jahrhundert. Für uns sind besonders die Abhandlungen 22-30, welche
über die leibliche und geistige Beschaffenheit des Menschen handeln, von großem
Interesse. Es heißt dort (vgl. Dieterici, Die Anthropologie der Araber etc., Leipzig
1871): „Als Gott den Körper des Menschen schuf ... glich die Gründung dieses
Körperbaues und die Fügung seiner Teile der Gründung und dem Bau einer Stadt. ...
Also verfuhr Gott. Zuerst begann er mit der Schöpfung und Herstellung der vier
für sich bestehenden Naturen (Hitze, Kälte, Feuchte, Trockenheit), die mit einander
sich befehdenden Kräften versehen sind. Darauf verband er je zwei derselben, so
daß vier Elemente, mit sich entsprechenden Kräften, entstanden. Das sind die
Elemente (Feuer, Luft, Wasser und Erde). Darauf begründete Gott den Bau
dieses Körpers aus den vier Elementen und rief die vier Mischungen mit zwar
einander widerstreitenden Naturen, doch sich entsprechenden Kräften hervor (Blut,
Schleim, Gelbgalle, Schwarzgalle). Darauf tat Gott diese vier Mischungen zusammen
und schuf daraus neun verschieden gestaltete Substanzen (Knochen,
Mark, Nerven, Adern, Blut, Fleisch, Haut, Nägel, Haar). Diese sind die Stütze
des Körperbaues; dann fügte und setzte er eines über das andere als zehn geometrisch
genau verbundene Stufen zusammen (Kopf, Hals, Brust, Bauch, die zwei
Weichen, Unterleib, die zwei Schenkelpfannen, zwei Ober-, zwei Unterschenkel, die
zwei Sohlen). Diese verband er und stellte sie als 248 Säulen (Knochen) von gleichem
Schnitt her. Er zog die Bänder derselben und band ihre Gelenke zusammen mit
720 dehnbaren darüber gewundenen Bändern (Ligamente). Darauf bestimmte er die
Depots und verteilte die Schatzkammern, er setzte deren elf, die mit verschieden gearteten
Substanzen angefüllt wurden (Gehirn, Lunge, Herz, Leber, Milz, Galle, Magen,
Eingeweide, zwei Nieren, zwei Hoden, zwei Röhren [Luft- und Speiseröhre]). Er zog
die Gänge, öffnete Weg und Tor und bestimmte 360 Laufgänge (Schlagadern)
für die Bewohner der Stadt. Er ließ Quellen aus den Depots hervorgehen und zerteilte
von ihnen aus 360 verschiedene Bäche (Venen), die nach allen Seiten hinliefen.
In die Mauer brach er zwölf rundliche Tore (zwei Ohren, zwei Augen, zwei
Nasenlöcher, zwei Gänge [Geschlechtsteile], zwei Brüste, Mund und After) als Ausgänge
für die Depots. Er übergab dann die so angelegte Stadt den Händen von
acht sich einander helfenden Werkleuten (die anziehende, anhaltende, reifmachende,
scheidende, mehrende, zeugende, nährende, formbildende Kraft). Dies sind die
Meister jener Stadt, auch betraute er mit ihrer Bewachung fünf Wächter (die fünf
Sinne), um ihre Grundelemente zu überwachen.” ... „Die natürlichen Kräfte und
angeborenen Anlagen zerfallen in drei Gattungen: a) Die Kraft der Pflanzenseele hat
ihre Stätte in der Leber, ihre Wirkung reicht durch die Venen bis zu allen Enden
des Leibes. b) Die Kraft der Tierseele hat ihren Sitz im Herzen und übt durch
die Pulsadern ihre Wirkung bis zu allen Enden des Leibes aus. c) Die Kraft der
Vernunftseele hat als Stätte das Gehirn, durch die Nerven reicht ihre Wirkung bis
zu allen Enden des Leibes. Diese drei Seelen sind aber nicht als einzelne, voneinander
getrennte, zu betrachten ... die Seele ist dem Wesen nach eine und hat
je nach ihren Wirkungen verschiedene Namen. Schafft sie im Körper Ernährung und
Wachstum, heißt sie Pflanzenseele, bewirkt sie im Körper sinnliche Wahrnehmung,
Bewegung, heißt sie Tierseele, und schafft sie Ueberlegung und Unterscheidung, so
heißt sie Verstandesseele.” — Nach der Darstellung der lauteren Brüder werden
die Funktionen durch 23 Kräfte hervorgebracht, die in mannigfacher
Wechselbeziehung (Diener-Herrscher) zueinander stehen. „Vier
davon” — der Vergleich des Körpers mit dem städtischen Leben wird bis ins einzelne
durchgeführt — „sind den Häuptlingen vergleichbar (Wärme, Kälte, Feuchtigkeit,
Trockenheit), acht, die einander entgegengesetzt wirken, gleichen den
Handwerkern (die anziehende, festhaltende, reifmachende, scheidende,
nährende, formende, zeugende und Wachstum verleihende Kraft), fünf, die
einander gleichgeartet sind, entsprechen den Händlern (die fünf Sinne), drei andere
reichen sich einander zu, wie die Diener (Vorstellungskraft, Denkkraft, Gedächtniskraft),
drei aber endlich befehlen wie Herren” (Begehr-, Zornes- und
Verstandeskraft). — Bemerkenswert ist der Satz: „Jedes Glied des Körpers
hat eine ihm speziell zukommende Kraft. Die Seele schafft durch diese
Kraft und dieses Glied eine Wirkung, welche sie nimmer mit einem anderen Glied
und einer anderen Kraft schaffen kann. Man nennt nun diese Kraft die Spezialseele
jenes Gliedes.” — Aus den Störungen im Kräftespiel werden Krankheiten erklärt.
— Es sei hier noch die Ansicht über die Lokalisation der Geisteskräfte und
über die Apperzeption angeführt. „Die Seele denkt mit dem Mittelhirn über die
Dinge nach, stellt sich das sinnlich Wahrgenommene mit dem Vorderhirn vor
und bewahrt die Wissensobjekte mit dem Hinterhirn.” ... „Vom Vorderhirn
breiten sich feine Nerven aus, diese verbinden sich mit den Sinnen, d. h. den Organen,
sie zerteilen sich dort und bilden hinter denselben ein Gewebe wie das Gespinst
der Spinne. Gelangt nun die Qualität des Wahrgenommenen zu den im (normalen)
Mischungszustand befindlichen Sinnen und ändert es dieselben in ihrer
Qualität, so gelangt diese Aenderung von diesen Nerven aus zum Vorderhirn. Weil
nun alle Sinne ihre Empfindung hieher senden, sammeln sich alle Bilder des sinnlich
Wahrgenommenen bei der Vorstellungskraft. ... Haben sich bei ihr die Bilder
gesammelt, so übergibt sie dieselben der Denkkraft, deren Sitz im Mittelhirn ist, um
dieselben zu betrachten, ihren Sinn zu erfassen, ihre Eigentümlichkeiten, eigentliche
Eigenschaft, ihren Nutzen und Schaden zu erkennen, dieselben der bewahrenden
Kraft (im Hinterhirn) zuzustellen und sie dann bis zur Zeit der Erinnerung aufzubewahren.”
— Unverändert oder bloß modifiziert finden sich die physio- und psychologischen
Anschauungen der lauteren Brüder auch bei den späteren arabischen Philosophen
und bei den Aerzten.
[43] In Betracht kommen z. B. die Werke des al-Masudi, al-Biruni, al-Idrisi
Abd-al-Latif, al-Kazwini. Auch Dichter behandelten gelegentlich medizinische
Stoffe, z. B. einer der bedeutendsten, Mutanabbi beschrieb in einem Lehrgedicht das
Fieber, welches er selbst infolge mangelnder Bewegung bekommen haben will (lat.
Uebers. bei Reiske opusc. med. ex monum. Arab. ed Gruner 1776).
[44] Wir gebrauchen hier, wie im folgenden, vorzugsweise die im abendländischen
Mittelalter aufgekommenen Autorennamen und Büchertitel und erwähnen fast nur
jene ärztlichen Schriftsteller, welche eine über den arabischen Kulturkreis hinausgehende
Bedeutung erlangt haben.
[45] Die Isagoge des Johannitius, nach dem Muster der galenischen verfaßt, gehört
zu den, am frühesten ins Lateinische übersetzten Schriften.
[46] resp. den Kanon der galenischen Schriften vgl. S. 128.
[47] Bei Serapion d. Ae. finden sich subtile Vorschriften über den Ort der Aderlässe.
Im Anschluß an die galenische Gefäßlehre entwickelte sich bei den Arabern eine
praktisch eminent wichtige Lehre von der Wahl der Vene, je nach dem Krankheitssitz.
Meistens wurde die Revulsio e contrario bevorzugt, d. h. es wurde der
Aderlaß (z. B. bei Pleuritis) nicht auf der leidenden, sondern auf der gesunden Seite
vorgenommen. Während Hippokrates und Galen in der Regel auf der kranken Seite
den Aderlaß ausführten, machten im Altertum die Methodiker aus der Revulsio
e contrario ein Gesetz, und auch Archigenes sowie Aretaios venäsezierten gewöhnlich
auf der gesunden Seite.
[48] Sohn des jüdischen Arztes und Astronomen Zein at-Tabari (═ aus Tabaristan).
[49] Als Naturphilosoph wendete er sich einerseits gegen die Leugnung eines Weltschöpfers,
anderseits verteidigt er die Ewigkeit der Urmaterie und lehrte, daß der
Körper das Prinzip der Bewegung in sich selbst habe. Bemerkenswerterweise
war er der Dialektik sehr abhold.
[50] Die Erblindung wird zumeist auf eine Mißhandlung von seiten des Fürsten
al-Mansur von Chorasan zurückgeführt; dieser habe ihm nämlich aus Zorn darüber,
daß die in der Confirmatio artis chemiae beschriebenen Experimente nicht glücken
wollten, einen Peitschenschlag über den Kopf versetzt. Anfangs wollte er sich operieren
lassen, doch stand er davon ab, da der Augenarzt seine Frage, „wie viel Häute
das Auge habe”, nicht zu beantworten wußte. Als man ihm dennoch zur Operation
weiter zuredete, sagte er: Ich habe von der Welt so viel gesehen, daß ich ihrer
überdrüssig bin.
[51] Im Widerstreit der pathologischen Theorien der alten Autoren mußte nach
einem festen Anhaltspunkt gegriffen werden. Galen war anscheinend am meisten
berufen, die oberste Autorität zu bilden.
[52] Unter den verloren gegangenen Schriften befand sich eine Sammlung von Beobachtungen
aus dem Krankenhaus in Bagdad.
[53] Die betrügerische Harnschau hatte manchen zu Reichtum und Würden verholfen.
Es sei beispielsweise nur erwähnt, daß im Jahre 766 der Apotheker Abu
Koreisch Isa deshalb zum Leibarzt des Kalifen al-Mahdi erhoben wurde, weil er der
Gemahlin desselben die Geburt eines Sohnes mittels Uroskopie vorausgesagt hatte.
[54] Dies war eine Konsequenz seiner eifrigen Beschäftigung mit der Alchemie,
welche er in einer eigenen Schrift gegen al-Kindi (vgl. S. 167) verteidigte. Rhazes
war sichtlich bemüht, die Chemie in den Dienst der Medizin
zu stellen.
[55] Im Koran, Sure 105 und bei den arabischen Geschichtschreibern (al Wagidi und
Abd el Malik ben Hischam) ist die Rede vom sogenannten Elefantenkrieg, in welchem
das Heer der Abyssinier während der Belagerung von Mekka durch eine Seuche aufgerieben
wurde.
[56] Er hält die Masern im allgemeinen für gefährlicher als die Blattern, mit Ausnahme
der durch letztere häufig bewirkten Erblindung. Der Begriff Hasbah war
übrigens gewiß weiter als der heutige Begriff Morbilli und schloß wahrscheinlich
Scharlach u. a. in sich. — Außer der Spezialschrift handeln auch Stellen im Continens
(Lib. XVIII, cap. 8), im liber ad Almansorem und im liber divisionum (cap. 149)
von demselben Gegenstand.
[57] In den „Aphorismen” heißt es: Qui quamplures medicorum interrogaverit, in
errorem incidit plurimum. — Eine Schrift bezog sich auf das Thema „quod medicus
non solum prudens esse debeat, sed aegrotorum desideriis indulgens.” Von edelster
humaner Gesinnung zeugt die, in den „Aphorismen” ausgesprochene, Mahnung,
daß der Arzt auch dann den Patienten noch trösten solle, wenn bereits die Zeichen
des bevorstehenden Todes sichtbar werden. Man beachtet hier gegenüber der Antike
den, unter dem Einfluß der monotheistischen Religionen eingetretenen Fortschritt im
humanen Auftreten der Aerzte, vgl. hierzu S. 40 und 85.
[58] Z. B. der Geburtshilfe und der Kinderkrankheiten.
[59] Abgesehen von anderen Spitzfindigkeiten achtete er sogar auf die Temperatur
des Pulses. In der Einleitung macht er es dem Rhazes zum Vorwurf, daß er auf
die allgemeinen Prinzipien zu wenig eingegangen sei.
[60] Eine kulturhistorisch interessante Hinterlassenschaft dieser Epoche ist der sogenannte
Kalender von Cordoba (arabisch mit hebräischen Lettern und lateinisch
erhalten), welcher neben Astronomischem, Meteorologischem, Landwirtschaftlichem
auch hygienisch-therapeutische Vorschriften für die einzelnen Monate enthält.
[61] Das Medizinische ist zum Teil aus dem Hawi des Rhazes geschöpft. Besonders
bemerkenswert sind die Abschnitte über die Zubereitung der Arzneipräparate (der
mineralischen hauptsächlich durch Sublimation). Bei der Destillation kam ein besonders
konstruierter Ofen zur Verwendung, dessen Feuerungsmaterial sich automatisch
ersetzte.
[62] Auch ins Hebräische und sogar ins Provenzalische.
[63] Man vgl. hierin und in anderen Zügen der Frühreife die Aehnlichkeit mit
Galen.
[64] Der Tod soll durch eine unzweckmäßige Selbstbehandlung beschleunigt worden
sein. Deshalb sagt ein arabischer Dichter boshaft von Avicenna, seine Philosophie
habe ihn nicht gute Sitten, und seine Heilwissenschaft habe ihn nicht die Kunst gelehrt,
sich Gesundheit und Leben zu erhalten.
[65] Es wurden ihm die Beinamen el Scheich, Arrajis, d. i. der Ehrwürdige, der
Erhabene, der Fürst gegeben.
[66] Vgl. hierzu S. 162. Die Kräftelehre macht sich z. B. in der Ernährungstheorie
stark geltend, wobei das temporale Verhältnis, d. h. die einzelnen Phasen des
Ernährungsprozesses, kausal ausgedrückt wurde. Zunächst sollte in den feinsten
Gefäßenden aus dem Blute eine Feuchtigkeit abgesondert werden, die zu den feinsten
gleichartigen Teilen gelange, aus dieser entstehe dann eine tauähnliche, endlich
eine konsistentere Flüssigkeit, welche (von den Geweben) assimiliert werde. Für
diese komplizierten Veränderungen setzte man eine eigene „umwandelnde”Kraft
voraus. Bemerkenswert ist es, daß man eine aktive Attraktion des Nahrungsstoffes,
eine spezifische Wahlanziehung und ein spezifisches Assimilationsvermögen in jedem
Körperteile annahm (vgl. Canon Lib. I, Fen. I, Doctr. VI, cap. 2).
[67]Biruni (973-1048), ein eminenter Polyhistor und positivistischer Philosoph,
beschäftigte sich mit Mathematik, Astronomie, Länder- und Völkerkunde, Geschichte
und Medizin. Er soll lange Zeit in Indien gelebt und daselbst wissenschaftliche
Studien gemacht haben. In einem allgemein naturgeschichtlichen und in einem
(noch erhaltenen) Werke über die Steine, besprach er auch Medizinisches.
[68] Im maurischen Spanien entfaltete sich die Philosophie verhältnismäßig recht
spät, lange nachdem schon Mathematik, Naturwissenschaften, Medizin, Geographie
und Geschichte eifrig betrieben worden waren. Da im Westen die mannigfachen
alten Kulturschichten und Parteiungen mit ihren Divergenzen fehlten, so bedurfte
es, nicht wie im Oriente, der vielfach abgestuften philosophischen Vermittlungsversuche
zwischen Glauben und Wissen, und ungestört von der Dialektik konnte die
Orthodoxie das Zepter führen. Gerade aber unter diesen einfacheren Verhältnissen
mußte sich bei einzelnen überlegenen Denkern der Gegensatz zur gläubigen Masse
viel schroffer entwickeln als anderswo. So wird es auch verständlich, daß eben in
der Zeit des höchsten Geistesdruckes, im Zeitalter der Almorawiden und Almohaden,
wenn auch im Verborgenen und von wenigen kühnen Anhängern getragen, jene
Strömung aufkam, welche schließlich in den, im Sinne der Theologie, irreligiösen
Averroismus einmündete.
[69] Ein Beispiel seiner aristokratischen Behandlungsweise ist folgendes. Als der
Emir Abd-al-Mumin Purgiermittel nehmen wollte, ließ Avenzoar einen Weinstock
mit Purgierwässern begießen; von der reif gewordenen Rebe genoß der Fürst, wonach
die erwünschte Wirkung eintrat.
[70] Beispielsweise verwirft er den Streit über die größere Wichtigkeit des Gehirns,
der Leber, des Herzens, da auf dem Zusammenwirken der Organe das Leben beruhe,
die spekulative Dosologie des Kindi (vgl. S. 167) u. a.
[71] Daß er solche Studien betrieben, betont er ausdrücklich.
[72] Vom Vorurteil befangen, hielten es vornehme Aerzte unter ihrer Würde, sich
mit manuellen Verrichtungen, chirurgischen und pharmazeutischen zu befassen,
Avenzoar hatte aber, wie er selbst sagt, in beiden während seiner Ausbildungszeit
gediegene Kenntnisse erworben. Nur die Ausführung des Steinschnitts von seiten
des Arztes verwarf er aus Gründen der Dezenz (Entblößung der Genitalien).
[73] Gelegentlich rüttelt er in speziellen Fragen an der galenischen Qualitätenlehre,
behauptet gegen Galen die Empfindungsfähigkeit der Knochen und Zähne etc.
[74] Z. B. Empfehlung der Konkremente von Hirschaugen gegen Ikterus, des Smaragds
gegen Dysenterie, des Magnetsteins gegen Exostosen — verschiedener Sympathiemittel.
[75] Averroës spricht in Ausdrücken größter Verehrung von Avenzoar und erklärt
ihn für den Größten nach Galen. Avenzoar widmete dem Averroës seinen Teïsir.
[76] Um die Erhaltung, Verbreitung und Verdolmetschung der Werke des Avenzoar
und Averroës haben sich die Juden die größten Verdienste erworben.
[78] Der Colliget ist gleichsam der kolossale Kommentar zum 1. Buch des Kanon,
Averroës kommentierte übrigens Avicennas Canticum, welches er für die beste Einleitung
zur Medizin erklärte.
[79] Interessant sind hingegen manche theoretische Erörterungen, z. B. die sehr
rationelle Widerlegung von Kindis Lehre über die Grade der Arzneimittel.
[80] Einen Kompromißversuch stellt seine Schrift concordia inter Aristotelem et
Galenum dar.
[81] Durch den Fanatismus der Almohaden vertrieben, waren auch andere jüdische
Aerzte Andalusiens nach Aegypten gezogen, wo sie zur Zeit Saladins eine ganz hervorragende
Rolle spielten.
[85] Abd el Letif (1162-1231) berichtigte auf Grund zahlreicher Untersuchungen
an menschlichen Schädeln den Irrtum Galens, daß der Unterkiefer aus zwei getrennten
Teilen zusammengesetzt sei, auch lehrte er, daß das Kreuzbein in der Regel nicht
aus sechs, sondern in der Regel nur aus einem Knochen bestehe.
[86] Als Verfasser von Schriften anatomischen Inhalts wären z. B. Jahja ben Masawaih,
Thabit ben Kurra, Rhazes hervorzuheben.
[87] Z. B. die Handschrift des Morched ═ Direktor des Muhammed el-Gafiki enthält
nicht nur Abbildungen von Instrumenten, sondern auch Darstellungen des Faserverlaufs
der Arterienhäute, der Schädelnähte und des Chiasma opticum, ebenso finden
sich in augenärztlichen Schriften schematische anatomische Abbildungen.
[88] Die Araber standen auch bei den Byzantinern als Prognostiker in hohem Ansehen.
[90] Gemäß der Elementarqualitätenlehre erfolgte (nach dem Grundsatze Contraria
contrariis) die Wahl der Mittel und in zusammengesetzten Arzneien die Bestimmung
der Dosis jedes einzelnen Bestandteils.
[91] Ein im abendländischen Mittelalter geschätztes Werk, welches diesen Gegenstand
betrifft, rührt von dem berühmten jüdischen Gelehrten Abraham ben Meïr ibn
Esra (Avenares, Avenerzel) aus Toledo (um 1150) her und zeigt, wie kompliziert sich
allmählich das astrologische System in seiner Einwirkung auf die Medizin gestaltete
(lat. unter dem Titel de diebus criticis, Lugd. 1496 u. ö.). — Von einzelnen überlegenen
Denkern wurde freilich die Berechtigung der Astrologie energisch bestritten
(z. B. Avicenna, Avenzoar, Averroës).
[92] Die gleiche Erscheinung läßt sich, trotz mancher Anläufe zur scharfen Kritik,
im Verhalten zum Ptolemäischen Systeme beobachten.
[93] Vgl. hierzu die byzantinischen Zustände S. 103.
[94] Die Augenheilkunde wurde zum großen Teile von wissenschaftlich gebildeten
Spezialisten betrieben. In Bagdad, Damaskus, Kairo gab es eigene Augenabteilungen
in den Krankenhäusern, ja sogar eigene Augenkliniken.
[95] So bei Rhazes, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna, Avenzoar, Averroës u. a.
[96] Bei Ali ben Isa sind 130 Augenkrankheiten beschrieben, bei einem Autor des
14. Jahrhunderts sogar 153.
[98] Operiert wurde (nach dem Vorbild der Griechen) in der Regel mit dem Lederhautstich
schläfenwärts (etwa 4 mm vom Hornhautrande entfernt); als Vorakt diente
(um ein sanfteres Eindringen der Starnadel zu bewirken) eventuell ein Einschnitt in
die Bindehaut (indisches Verfahren).
[99] Das Verfahren des Aussaugens mittels der Röhre stammte aus dem Irak, die
Anwendung einer Hohlnadel wurde wahrscheinlich zuerst von 'Ammar ersonnen.
[100] Die Operationskunst, sagt er, ist bei uns verschwunden, fast ohne irgendwelche
Spuren zu hinterlassen. Nur in den Schriften der Alten findet man noch einige
Hinweise darauf, aber auch sie sind durch schlechte Uebersetzungen, durch Irrtümer
und Verwechslungen nahezu unverständlich und unbrauchbar geworden.
[101] Von den Arabern „Alkawabeli” genannt, d. h. der Geburtshelfer (κατ' ἐξοχὴν).
[102] Hier sei übrigens bemerkt, daß sich die Aerzte bei ihren diätetischen Vorschriften
nicht immer streng an rituelle Gebote hielten, dies gilt namentlich hinsichtlich
des Weingenusses. So haben z. B. Abulkasim und Avicenna den Wein als
wichtiges Mittel verordnet. Der strenggläubige Muslim, der den in Oxford befindlichen
Kodex des Abulkasim abschrieb, setzte allerdings die Worte hinzu: „Wein
hat uns Allah verboten. Wenn es dem Kranken beschieden ist, gesund zu werden,
wird er auch ohne Wein gesund werden.” Interessant ist es auch, daß Isaac Judaeus
das Schweinefleisch als eine sehr gesunde Speise empfiehlt. Vgl. S. 144 Anm. 1.
[103] In arabischen Reisewerken finden sich Berichte über die Herkunft und Gewinnungsart
vieler Drogen (z. B. Kampfer, Moschus, Ambra, Santalum, Kubeben,
Aloe, Rheum, Crocus, Asa foetida etc.).
[104] Viele Aerzte waren eifrige Botaniker und machten botanische Exkursionen;
in später Zeit wurden auch botanische Gärten angelegt.
[105] Julep unterscheidet sich vom Sirup dadurch, daß er nicht so lange gekocht
wird, daher weit dünner ist.
[107] Auch hier war das Vorbild der Nestorianer in Dschondisabur (vgl. S. 165)
maßgebend.
[108] Zum Beweise diene folgende köstliche Prüfungsgeschichte. „Im Jahre 319 d. H.
erfuhr al-Muktadir (der Kalife), daß einer von den Aerzten einen Kunstfehler bei
einem Manne gemacht hatte, woran dieser gestorben war. Da befahl er dem
Polizeimeister, allen Aerzten die Ausübung der Praxis zu verbieten, falls sie nicht
Sinan ben Tabit ben Kurra geprüft und ihnen einen Praktizierschein ausgestellt
hätte, und er befahl dem Sinan sie zu prüfen und jedem einzelnen die Erlaubnis
zur Ausübung des Teiles der Heilkunde zu erteilen, den er verstand. Und es
erreichte ihre Zahl auf beiden Seiten Bagdads 800 und einige 60 Mann, abgesehen
von denen, die ihre Berühmtheit von der Prüfung entband ob ihrer hervorragenden
Bedeutung in der Kunst und von denen, die im Dienste des Kalifen standen. Und
zu dem drolligen, was bei der Prüfung der Aerzte passierte, gehörte, daß zu Sinan
ein Mann hineingeführt wurde, vornehm an Kleidung und Aussehen, ehrfurchtgebietend
und würdevoll. Da ehrte ihn Sinan nach Maßgabe seiner Erscheinung und gab ihm
einen Ehrenplatz und pflegte, wenn etwas passierte, sich an ihn zu wenden und
hörte nicht auf, so zu tun, bis er seine Aufgabe an diesem Tage beendet hatte;
da erst wandte sich Sinan an ihn und sagte: Ich würde mich freuen, etwas vom
Scheiche zu hören, was ich mir von ihm merken könnte und wenn er mir seinen
Lehrer in der Heilkunde nennen würde. Da zog der Scheich aus seinem Aermel
eine Rolle heraus, darin blanke Denare waren, legte sie vor Sinan hin und sagte:
Ich verstehe nicht zu schreiben und zu lesen und habe nie etwas gelesen, aber ich
habe eine Familie und mein Lebensunterhalt ist ein immer volles (?) Haus und ich
bitte dich, daß du mir das nicht abschneidest. Da lachte Sinan und sagte: Unter
der Bedingung, daß du nicht auf einen Kranken losgehst mit dem, was du nicht
kennst und nicht zu einem Aderlaß oder zu einem Abführmittel rätst, außer zu dem,
was von den Krankheiten naheliegt. Da sagte der Scheich: Das ist meine Methode;
mein Lebenlang bin ich nicht über Zuckerkand und Rosenwasser hinausgegangen.
Und er ging davon. Und anderen Tags wurde ein Jüngling zu ihm hineingeführt,
prächtig im Anzug, schön von Antlitz und klug. Da blickte Sinan auf ihn hin und
sagte: Bei wem hast du gelesen? Er sagte: Bei meinem Vater. Wer ist denn dein
Vater? Er antwortete: Der Scheich, welcher gestern bei dir war. Sinan sagte: Ein
wackerer Scheich und du befolgst seine Methode? Er sagte ja. Da sagte Sinan:
Ueberschreite sie nicht, und ging in Begleitung ab.” — Eine ganz ähnliche Anekdote
wird aus dem 12. Jahrhundert von Ibn at-Talmid als Prüfer erzählt. — In Cordoba
setzte der Emir Dschedur ben Muhammed (im 11. Jahrhundert) eine ärztliche Prüfungsbehörde
ein und verfolgte die Scharlatanerie.
[109] Das Studium des Dioskurides wurde durch botanische Exkursionen
ergänzt.
[110] Ursprünglich konnte jeder als Arzt und medizinischer Lehrer auftreten, ohne
über die erworbene Ausbildung Rechenschaft geben zu müssen.
[111] Das Amt des Protomedikus versah gewöhnlich der Leibarzt des Fürsten.
[112] Ein Beispiel bildet Dschabril ben Bachtischua, dessen jährliches Einkommen
sich auf ungefähr 280000 Franken belaufen haben soll. Solche Aerzte verstanden
es auch, ihrem Reichtum entsprechend, zu leben. Von der luxuriösen Lebensweise
des Sohnes des Dschabril berichtet ein Augenzeuge folgendes: Ich besuchte ihn an
einem außerordentlich heißen Tage und fand ihn in einem tapezierten Sommergemache,
dessen kuppelförmiges Dach mit Rohrmatten bedeckt und von außen mit
feinster Leinwand überzogen war. Er trug einen schweren Kaftan aus südarabischem
Seidenstoff und hüllte sich noch überdies in einen Mantel ein. Ich staunte über
diesen Anzug bei solcher Hitze, aber kaum hatte ich Platz genommen, so empfand
ich eine auffallende Kälte. Da lachte er, ließ mir einen Kaftan und Mantel bringen
und befahl einem Diener, den Tapetenstoff von der Wand zu entfernen. Nun erst
sah ich, daß sich in der Wand Oeffnungen befanden, die in einen Raum gingen,
der ganz mit Schnee gefüllt war; Diener aber waren unablässig beschäftigt, mit
großen Fächern die kühle Luft, die sich dort ansammelte, in das Gemach zu fächeln.
Es wurde nun das Essen aufgetragen und der Tisch mit den köstlichsten Speisen
bedeckt. ... Ein anderes Mal besuchte ihn derselbe an einem kalten Wintertage,
wo er ihn in einem Gewächshause, wie in einem Garten sitzend, antraf. Vor ihm
stand ein silbernes Kohlenbecken, in welchem mit wohlriechenden Hölzern die Glut
unterhalten wurde. Als der Besucher sich über die angenehme Wärme wunderte,
ließ der Hausherr den Tapetenstoff der Wände entfernen, und da sah er, daß hinter
dem Gemache Sklaven beschäftigt waren, stets Feuer zu unterhalten, dessen Wärme
das Gemach füllte.
[113] Vgl. die Titel der standesärztlichen Abhandlungen des Rhazes und namentlich
seine Schrift „über die Umstände, welche die Herzen der meisten Menschen von den
achtbaren Aerzten abwenden”, S. 172 u. ff. Die Schriften über ärztliche Ethik
knüpften an die hippokratischen an.
Es ist auch nicht zu übersehen, daß bei der großen Menge beständig die rohempirischen
und abergläubischen Praktiken der Volksärzte (Tabib), ebenso die Zaubermedizin
(Amulette, Talismane) und die Theurgie (Händeauflegen, Koranstechen etc.)
auf starken Anhang rechnen konnten. Von den Arten des medizinischen Aberglaubens
ist der (unter indischem Einflusse) erstarkte Glaube an die Heilkraft
der Steine (in Form von Amuletten) der interessanteste. Ueber dieses Gebiet
handelte die mineralogische Literatur (Steinbücher) mit größtem wissenschaftlichen
Ernst. Den Ausgangspunkt bildete eine fälschlich dem Aristoteles zugeschriebene
Schrift arabischer Herkunft über die Steine (lat. ed. von Val. Rose, Zeitschr. f. d.
Altertum N. F. VI, 1875).
[114] Die Augenärzte bildeten eine besondere Korporation.
[115] Es gab Wundärzte, Schröpfer, Zahnärzte, Steinschneider etc.
[116] Wichtige Quellen aus späterer Zeit sind die Werke des Hasan Ibn Muhammed
Alwazzan, als Christ Leo Africanus, und das Lexicon bibliographicum des Hadschi
Khalfa (beide im 16. Jahrhundert).
Im folgenden sind nur die allerwichtigsten Autoren und vorzugsweise solche
Werke berücksichtigt, welche in gedruckten Uebersetzungen (ins Lateinische oder in
moderne Sprachen) vorliegen.