Während der langen Leidenszeit, welche die Einfälle der Dänen hervorriefen, war in England die Bildung von ihrer Höhe herabgesunken, aber in den letzten Dezennien des 9. Jahrhunderts gelang es Alfred d. Gr., einen neuen Aufschwung herbeizuführen. Wie Karl d. Gr. bemühte sich Alfred den Wissensstand der Geistlichkeit zu heben und noch erfolgreicher als der Frankenherrscher wußte er das Volkstum für Bildungsbestrebungen empfänglich zu machen. Neben der lateinischen entwickelte sich bei den Angelsachsen — ein Unikum damals im Abendlande — eine nationale Literatur, welche nicht nur Dichtungen, sondern religiöse und wissenschaftliche Schriften umfaßte. Den Weg hierzu mußten Uebersetzungen aus dem Lateinischen bereiten, womit der König selbst begann, indem er die geschichtlichen Werke des Orosius und Beda, das Buch Gregors über die Seelsorge, des Boethius Schrift über die Tröstung der Philosophie mehr oder minder frei ins Angelsächsische übertrug. Ein Teilgebiet der nationalen Prosaliteratur bildete das angelsächsische medizinische Schrifttum, von dem noch Reste erhalten sind. Aus der Zeit Alfreds d. Gr. und bald nach ihm rühren her die Uebersetzungen des Apulejus (mit der pseudonymen Schr. de herba Vettonica) und des Sextus Placitus (ed. O. Cockayne in Leechdoms, Wortcunning and Starcraft of early England, London 1864-66, vol. I ═ Rer. britannic. med. aevii scriptor. XXXV, 1) und das Leech book (ed. Cockayne l. c. vol. II ═ Rer. britannic. med. aevii scriptor. XXXV, 2 mit englischer Uebersetzung), ein in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts niedergeschriebenes Arzneibuch in angelsächsischer Sprache in drei Büchern. Das erste Buch (nach Krankheiten a capite ad calcem geordnetes Rezeptbuch) und das zweite (mehr wissenschaftlich gehalten, besonders die inneren Affektionen betreffend) gehören zusammen und bilden das Leech book des (Arztes) Bald[66], während das dritte Buch für sich ein eigenes, kürzer gefaßtes, ähnliches Werk darstellt. Der Inhalt des Leech book erweist sich als ein merkwürdiges Gemenge von antiker Buchweisheit (aus lateinischen Autoren und lat. Uebersetzungen griechischer Werke[67] geschöpft) und einheimischer Empirie. Die Therapie steht weitaus im Vordergrunde. Die nur stellenweise auftauchende Krankheitstheorie, Symptomatologie und Diagnostik (weder Pulsbeobachtung noch Harnschau ist erwähnt) geht auf die antike Ueberlieferung zurück; neben den wissenschaftlichen finden sich auch angelsächsische Krankheitsnamen (z. B. Fever-adle ═ Fieberkrankheiten, darunter lent-adle ═ Tertiana, Poccas oder Poc-adle ═ Variola). Der Heilschatz besteht teils aus rationellen und empirischen Mitteln (wobei die überraschend große Zahl einheimischer pflanzlicher Arzneistoffe, das Vorwalten der Simplicia und die primitive Zubereitungsweise auffällt[68]), teils aus magischen, zumeist christianisierten, Gebräuchen (Besprechen, Beschwören, Amulette, Transplantation, symbolische Handlungen etc.). Die Chirurgie (Wund- und Frakturenbehandlung, Skarifikation, Schröpfen, Kauterisation, Aderlaß, Amputation gangränöser Glieder u. a.) ist verhältnismäßig schwach vertreten. Bei der Schilderung mancher komplizierter Eingriffe (Inzision des Leberabszesses, Hasenschartenoperation) bleibt es zweifelhaft, ob dieselben wirklich ausgeführt wurden oder ob es sich nur um kompilierte Buchweisheit handelt. — Größtenteils mit der, auf angelsächsische und keltische Volkstraditionen zurückgehenden, Zaubermedizin beschäftigt sich das Buch Lacnuga (Cockayne l. c. vol. III ═ Rer. britannic. med. aevii scriptor XXXV, 3). Die angelsächsische medizinische Literatur setzte sich bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts fort.

Bei aller Anerkennung des literarischen Sammeleifers der Klöster und trotz aller Würdigung des praktischen Wirkens einzelner Klerikerärzte darf man sich aber die medizinischen Zustände dieser Epoche nicht in allzu hellen Farben ausmalen. Nicht nur, daß der Wissensschatz der antiken Heilkunde nur in sehr geringem Ausmaße und noch dazu nicht immer in bester Vertretung bekannt wurde[69], daß die Praxis selbständiger Beobachtungen entbehrte, über karge Hilfsmittel verfügte, im Banne schematischer Regeln stand, ohne aus dem Borne eigener Forschung Neues zu empfangen, war die Medizin in der Hand zahlreicher Mönche nichts anderes als eine fromme Krankenwartung, die nur losen Zusammenhang mit profaner Gelehrsamkeit besaß, und der überwiegenden Menge galten noch immer die kirchlichen Wundermittel oder die christianisierten Heilgebräuche des Volkes weit heilsamer als alle Arzneien[70]. Wie konnte dies auch anders sein in einer Zeit, da der religiöse, vom Irdischen abgewandte Gedanke die Vorherrschaft besaß und sich unbeschadet der Erhaltung antiker Praxis[71] die geistige Selbständigkeit höchstens in der symbolisierenden, allegorisierenden Naturbetrachtung offenbarte[72].

Dem Charakter der Priestermedizin entsprach namentlich die Behandlung, welche die Geisteskranken, mit Ausnahme der Schwachsinnigen, erdulden mußten; man hielt sie für Besessene und demgemäß bildete der Exorzismus das souveräne Mittel[73]. Im Anschlusse daran sei gleich hier erwähnt, daß man schon frühzeitig im Hinblick auf das allgemeine Wohl nicht unberechtigte Maßnahmen zur Absonderung der Leprösen in eigenen unter geistlicher Aufsicht stehenden Aussatzhäusern traf[74].

Neben den Klerikerärzten gab es wohl Empiriker (Wundärzte)[75], aber keine gebildeten Laienärzte, mit Ausnahme der bürgerlich abseits stehenden jüdischen Heilkünstler, deren Existenz sich schon sehr früh auf dem Boden des fränkischen Reiches nachweisen läßt.

Nach einer Chroniknachricht vom Jahre 576 (Aronius, Regesten z. Gesch. d. Juden) heißt es, der erblindet gewesene Erzhelfer Leonast von Bourges habe durch ein Wunder in der Martinskirche zu Tours das Augenlicht erhalten, er sei dann nach Hause zurückgekehrt und hätte, um die Sehkraft noch mehr zu stärken, einen jüdischen Arzt zu Rate gezogen, der ihm Schröpfköpfe auf die Schultern setzen ließ, worauf er aufs neue erblindete — eine Erzählung, deren Tendenz recht durchsichtig ist. — Unter Karl d. Gr. begleitete ein sprachkundiger jüdischer Arzt die fränkische Gesandtschaft an den Kalifen nach Bagdad. — Ludwig der Fromme und sein Sohn Karl der Kahle hatten den Juden Zedekias zum Leibarzt. Die Gunst, welche derselbe genoß, und sein überlegenes Wissen brachten ihn beim Volke in den Verdacht eines Zauberers; nach dem Tode Karls des Kahlen wurde er grundlos verdächtigt, seinen Herrn vergiftet zu haben — merkwürdigerweise spricht aber kein Autor von seiner Bestrafung, und in den Annalen von Fulda heißt es von Karl dissinteriae morbo correptus cum magna periit tristitia. — In einem Schreiben aus der Zeit 798-821 bittet ein ungenannter Erzbischof einen Grafen, ihm und einem anderen Bischof einen jüdischen Arzt zu senden (Aronius, Regesten).

Ein jüdischer Arzt Italiens ist es auch, von dem allein unter allen Laienärzten aus so früher Zeit ein medizinisches Werkchen (in hebräischer Sprache) wenigstens fragmentarisch auf uns gekommen ist, nämlich Donnolo (10. Jahrhundert), dessen Antidotar durchaus auf rein griechisch-römischer Tradition beruht.

Sabbatai ben Abraham, genannt Donnolo (═ Domnulus) jüdischer Arzt aus Oria bei Otranto (913 bis nach 965), war an verschiedenen Orten Unteritaliens tätig und erfreute sich eines bedeutenden Rufs als Praktiker. Dies geht unter anderem aus der Biographie des hl. Nilus (Acta Sanctorum, September, Bd. VII, p. 313) hervor, wo es heißt: Postero die vir sanctus de loco illo descendit, et cum ingressus esset in civitatem, accessit ad eum Judaeus quidam, Domnulus nomine, qui notus illi erat a prima aetate, quod esset admodum studiosus et in medendi arte non vulgariter doctus. Coepit ergo ad patrem ita dicere: audivi de aspera vivendi ratione, qua te exerces, magnaque abstinentia et mirabar, sciens corporis tui habitudinem, quod non esses lapsus in epilepsiam. Ergo si lubet, dabo tibi pharmacum temperamento congruens, ut posthac toto vitae tuae, tempore nullum pertimescas morbum. Et magnus Pater, Unus, inquit, ex vestris Hebraeis dixit nobis: Bonum (sic!) est confidere in Domino quam, confidere in homine. Nos igitur confidentes nostro medico Deo et Domino nostro Jesu Christo, non indigemus pharmacis a te confectis, quam si te jactes, quod Nilo dederis de tuis medicamentis. Medicus, his auditis, nihil respondit. Das in hebräischer Sprache geschriebene Bruchstück seines Antidotars (ed. Steinschneider, „Donnolo, Fragment des ältesten medizinischen Werkes in hebräischer Sprache”, Berlin 1868, deutsche Uebersetzung und Kommentar in Virchow Arch. 38-42) erweckt den Anschein eines Originals. Es enthält eine Aufzählung von 120 (meist pflanzlichen) Arzneimitteln mit Vorschriften für die Zubereitung von Medikamenten, Salben und Pflastern. Abgesehen von wenigen aus Bibel und Talmud entlehnten Drogen und einem unzweifelhaft arabischen Präparate („Kelkh” ═ galbanum), handelt es sich durchaus um die Materia medica griechisch-römischer Herkunft.

Donnolos Lebenszeit fällt in jene, vom Lichtstrahl der Geschichte noch wenig erhellte, Epoche, da sich in Italien die ersten Anzeichen aufstrebender medizinischer Entwicklung zu zeigen begannen. Wohl hatten sich auch dort nicht wenige Kleriker im 9. und 10. Jahrhundert rühmlichst als Heilkundige hervorgetan, wohl bildete dort Monte Cassino, dessen Mönche von ärztlichem Ruhm umwoben waren[76], eine reiche Rüstkammer der medizinischen Literatur[77], aber schon trat der, auf dem Gebiete der Heilkunst nie ganz durch die Geistlichkeit zurückgedrängte, Laienstand in seine Rechte.

Von seiner Organisation, von der gilden- und schulmäßigen Vereinigung solcher Männer, die ganz in ihrem Berufe aufgehen konnten, rein wissenschaftliche anstatt der seelsorgerischen und theologischen Zwecke an die Spitze stellten, hing die Zukunft der Medizin ab. Diese Voraussetzung wurde zuerst in Salerno erfüllt. Dort zuerst ist die Heilkunst nach langer Vormundschaft wieder mündig geworden!

[1] Der Zweck, der mit der Konservierung der Antike verfolgt wurde, spiegelt sich deutlich in der christlichen Kunst ab, welche das Material antiker Bauwerke zur Errichtung von Kirchen benutzte.
[2] Ohne auf Einzelheiten hier einzugehen, sei nur ganz im allgemeinen bemerkt, daß bei der Seltenheit der griechischen Sprachkenntnisse sekundäre Quellen, d. h. bloß lateinische Werke oder lateinische Uebersetzungen griechischer Schriften, das wissenschaftliche Grundmaterial bildeten, wobei hinsichtlich letzterer die geringe Zahl zu berücksichtigen ist. In der Blüteepoche bedurften die gebildeten Römer kaum der Uebertragungen aus dem Griechischen, da sie dasselbe beherrschten, die lateinische Uebersetzertätigkeit beginnt, abgesehen von Cicero, erst in der Verfallszeit der Antike einen etwas größeren Umfang anzunehmen.
[3] Daß Uebertragungen von Anbeginn an möglich gewesen wären, beweist die Bibelübersetzung des Ulfilas und späterhin namentlich die angelsächsische Literatur, welche nicht wenige gelehrte Werke umfaßte, zur Genüge. Spuren früher Anteilnahme von Germanen an wissenschaftlichen Studien sind deutlich nachweisbar, wenn auch ihrem einfachen Wesen im allgemeinen „die fremde Kunst” ferne lag.
[4] Uebrigens bestand das Imperium Romanum fiktiv in der politischen Auffassung noch fort, und die römische Kaiseridee bestimmte wesentlich den Gang der Geschichte des Mittelalters; von der tiefgreifenden Veränderung der Dinge hatte jedenfalls anfangs niemand das rechte Bewußtsein.
[5] Unzweifelhaft in Italien und Gallien.
[6] Z. B. in der Physik und Astronomie.
[7] Nach Prokopios meinten die Goten, wer einmal die Rute des Lehrers gefürchtet habe, könne keinem Schwert und keinem Speere mehr mit festem Blick begegnen.
[8] Gegen den Willen der gotischen Großen, welche einen tapferen Krieger, aber keinen Grammatiker zum König haben wollten.
[9] Die öffentlichen Lehrer der Heilkunst — doctores — nahmen also von ihren Schülern ein Gelöbnis entgegen.
[10] Neben den litteratores werden grammatici, oratores, juris expositores genannt. Von der lernbegierigen Jugend besuchte höhere Schulen gab es noch in allen bedeutenderen Städten Italiens. In Rom selbst lehrten oratores und expositores an der durch Valentinian III. begründeten Hochschule als öffentlich angestellte Staatsbeamte, ja ein aus der Gotenzeit erhaltener Erlaß schärft ausdrücklich dem Senate ein, für die unverkürzte Auszahlung der Gehalte an dieselben Sorge zu tragen.
[11] Boëthius (um 480-524), von dessen Werken das im Kerker geschriebene Buch de consolatione philosophiae dauernde Berühmtheit besitzt, beeinflußte die Bildung des Mittelalters namentlich durch seine Uebersetzungen bezw. Bearbeitungen und Interpretationen der logischen Schriften des Aristoteles, der mathematischen Werke des Nikomachos, Euklides, Archimedes, Ptolemaios u. a. In gerechter Würdigung seines Wirkens schrieb Theoderich (oder vielmehr in dessen Namen Cassiodor) an ihn: Du hast die Weisheit der Griechen den Römern zu eigen gemacht, denn du hast aus ihren reinsten Quellen geschöpft. Deine Uebersetzungen in der Hand liest der Römer den Pythagoras, den Meister der Harmonien, und Ptolemäus, den Astronomen; er liest den Arithmetiker Nikomachos und den Geometer Euklides. Plato, der Theolog, und Aristoteles, der Logiker, reden nun in der Sprache Latiums, und den Siciliern hast du den Mechaniker Archimedes in lateinischem Gewande wiedergegeben.
[12] Nach Anthimus soll die Milch auch von Gesunden, entweder gekocht oder gemischt mit Honig, Wein oder Met, resp. mit einem Zusatz einer geringen Menge von Salz genossen werden. Die Milch ist beim Melken in einem Tongefäß aufzufangen.
[13] Die fast ein halbes Jahrhundert hindurch grassierenden Seuchen werden unter dem Namen der „Pest des Justinian” zusammengefaßt, welche seit 543 auch in Italien unzählige Opfer forderte, vgl. S. 97. Unter den ungewöhnlichen Naturereignissen sind zahlreiche Erdbeben, Vulkanausbrüche, Kometen, Ueberschwemmungen genannt.
[14] In den letzten Jahren des ostgotisch-byzantinischen Krieges waren Ober- und Mittelitalien einer beispiellosen Hungersnot ausgesetzt.
[15] Der Zweifel, ob die antike Bildung mit wahrem Glauben zu vereinigen sei, reicht weit zurück und brachte zwei verschiedene Richtungen, eine ablehnende und eine freundliche, hervor, welche schon bei den Kirchenvätern ihre Vertretung finden, vgl. S. 40. Doch im Grunde war auch den Verteidigern das Studium der heidnisch-klassischen Schriften nur ein, den geistlichen Zwecken untergeordnetes, Hilfsmittel zur formalen Bildung und zur Erklärung der kirchlichen Schriften. In Gregor dem Großen, der so tief auf Dogma und Kultus der mittelalterlichen Kirche eingewirkt hat, kam zwar die ablehnende Richtung zum Worte — rühren doch von ihm die Aussprüche her: es sei eines Christen unwürdig, die Weissagungen der göttlichen Propheten unter die Regeln des Donatus zu zwingen, und das Lob Christi und Jupiters könne nicht aus einem Munde fließen — dennoch hält es schwer, den Papst, der selbst vielseitige Gelehrsamkeit besaß, für einen wirklichen Verächter derselben zu halten, wenn man erwägt, daß gerade unter seinem besonderen Schutz der wissensfreundliche Orden der Benediktiner seine verdienstliche Tätigkeit begann. Uebrigens erklärt sich die Stellungnahme des Papstes gegen den heidnischen Klassizismus aus temporären Verhältnissen, welche den substantiellsten Teil der Kirche bedrohten.
[16] Das Werk sollte den Mangel einer theologischen Hochschule im Abendlande einigermaßen ersetzen.
[17] I, 31. quodsi vobis non fuerit graecarum litterarum nota facundia, imprimis habetis Herbarium Dioscoridis, qui herbas agrorum mirabili proprietate disseruit atque depinxit. post haec legite Hippocratem atque Galenum latina lingua conversos i. e. Therapeutica Galeni ad philosophum Glauconem destinata et Anonymum quendam qui ex diversis auctoribus probatur esse collectus. deinde Aurelii Caelii de medicina et Hippocratis de herbis et curis (cibis?), diversosque alios de medendi arte compositos quos vobis in bybliothecae nostrae sinibus reconditos dereliqui.
[18] Sichere Nachrichten darüber, daß in Monte Cassino eigentliche Krankenanstalten bestanden, gehen freilich nicht über das 11. Jahrhundert zurück, doch ist zu bemerken, daß das Kloster mehrmals zerstört wurde.
[19] Auf seine Veranlassung soll das Benediktinerkloster in Mailand erbaut worden sein.
[20] Es sei hier bloß darauf verwiesen, daß in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts Alexander von Tralleis in Rom wirkte und daselbst vielleicht sogar Lehrtätigkeit ausübte, ferner daß Papst Gregor den brustkranken Erzbischof von Ravenna, Marianus, zu einer ärztlichen Kur nach Rom einlud.
[21] Longobarden zeichneten sich als Handwerker und Künstler, aber auch als Gelehrte aus.
[22] Guidoald (727), Fredus (748), Leon (777). Im Codex Lombardus finden sich viele Namen von Aerzten aus verschiedenen italienischen Städten. — Im Edictum Rotharis (643) ist den Aerzten in gewissen Fällen eine begutachtende Stelle angewiesen, auch wird des Honorars gedacht, jedoch über dessen Höhe ist nichts angegeben.
[23] Für andere Berufe sind Innungen schon früh nachweisbar.
[24] Vgl. die aus Cassiodorius angeführte Stelle S. 252.
[25] Das 4. Buch ist ein Auszug aus Gargilius Martialis, das 5. stammt aus der lateinischen Uebersetzung aus Alexander von Tralles, es ist der liber diaetarum Alexandri et aliorum.
[26] Eine zweite Uebersetzung oder richtiger Bearbeitung ist der handschriftlich erhaltene Dioscorides de herbis femininis (ebenfalls illustriert, in 71 Kapiteln, ed. Kästner, Hermes XXXI). Der, erst in der Epoche der Schule von Salerno entstandene, im Mittelalter überwiegende, „Dyascorides” beruht auf der wörtlichen lateinischen Uebersetzung des Dioskurides, ist aber alphabetisch geordnet und durch Exzerpte aus Oreibasios, Gargilius Martialis, Pseudoapulejus, der pseudogalenischen Schrift de simplicibus ad Paternianum, Isidorus u. a. bereichert (gedruckt zu Colle 1478).
[27] Die früher verächtlich als Leges barbarorum bezeichneten germanischen Volksrechte, welche hauptsächlich in der Zeit vom 6.-8. Jahrhundert lateinisch niedergeschrieben wurden, gehen auf alte heimische Ueberlieferungen zurück, zeigen aber starken römischen Einschlag. Die schon Ende des 5. Jahrhunderts begonnene schriftliche Fassung der westgotischen Gesetze übte in ihren Anfängen auch auf andere germanische Völker (Burgunder, Franken u. a.) Einfluß. Von medizinischem Interesse sind namentlich die Bestimmungen über die Strafen von Verletzungen und anderen Verbrechen gegen die Person, wobei auch manches Streiflicht auf die soziale Stellung der Aerzte geworfen wird. Solche Beschränkungen der ärztlichen Wirksamkeit, wie sie sich bei den Westgoten finden, kommen in anderen Volksrechten nicht vor, häufig spielt sogar in diesen die ärztliche Aussage keine unbedeutende Rolle für die Urteilsverhängung (so heißt es z. B. in den, im 8. Jahrhundert niedergeschriebenen, Leges Alamannorum tit. 59, c. 6, si autem testa transcapolata fuerit, ita ut cervella appareat, ut medicus cum pinna aut cum fanone cervellam tangat, cum XII sol. componat). Sehr schwer wurde nach dem westgotischen und anderen germanischen Volksrechten der kriminelle Abortus bestraft — hier hatte sich der Einfluß der Kirche (vgl. Augustinus, S. 80) stark geltend gemacht. Nach der Lex Bajuvariorum tit. VII, c. 19 hatte nicht nur derjenige, welcher ein abtreibendes Mittel gegeben hatte, sondern auch seine Nachkommen bis zum siebenten Grade einen Solidus zu zahlen.
[28] Paulus, von dem erzählt wird, daß er aus dem Orient nach Merida gekommen sei und ärztliche Ausbildung genossen habe (natione Graecum, arte medicum, de Orientis partibus in Emeritensium urbem advenisse), war ungefähr 530-560 Bischof. Der Fall, um den es sich handelte, betraf eine vornehme Erstgebärende mit einem schon längst abgestorbenen Kinde; die Operation selbst dürfte eine wenig umfängliche Laparotomie bei einer Extrauterinschwangerschaft gewesen sein (mira subtilitate incisionem subtilem subtili cum ferramento fecit atque ipsum infantulum jam putridum membratim compadiatim abstraxit). Zur Ausführung derselben entschloß sich der Bischof, auf Bitten des Gatten und der Mönche, erst nach langem Widerstreben. (Die Geschichte findet sich in dem Werke des Paulus, Diaconus von Merida, De vita et miraculis patrum Emeritensium, in Florez, Espana sagrada Tom. XIII.)
[29] Masona hatte jedenfalls byzantinische Vorbilder vor Augen. Paulus, Diakon von Merida l. c. erzählt von ihm: Xenodochium fabricavit, magnisque patrimoniis ditavit, constitutisque ministris vel medicis peregrinorum et aegrotantium usibus deservire praecepit, taleque praeceptum dedit, ut cunctae urbis ambitum medici indesinenter percurrentes quemcumque servum, seu liberum, Christianum seu Judaeum reperissent aegrum, ulnis suis gestantes ad xenodochium deferrent. straminibus quoque lectulis itidem praeparatis eundem infirmum ibidem superponentes, cibos delicatos et nitidos eousque praeparantes, quousque cum Deo aegroto ipsi salutem pristinam reformarent.
[30] Die Bevölkerung von Merida hatte einen starken griechischen Einschlag und erhielt auch zu dieser Zeit bedeutenden Zufluß aus dem byzantinischen Orient. Es ist denkbar, daß manche Nestorianer zu den arianischen Goten flohen.
[31] In der oben erwähnten Erzählung sagt der Bischof Paul von Merida: dabimus medicos Ecclesiae, qui illi adhibeant medicinam.
[32] Es gab solche z. B. in Saragossa, Toledo, Sevilla.
[33] Nam et grammaticam medicus scire jubetur, ut intelligere vel exponere possit, quod legit; similiter rhetoricam, ut veracibus argumentis valeat definire quod tractat, nec non et dialecticam propter infirmitatum causas ratione adhibita perscrutandas atque curandas. Sic arithmeticam propter numerum horarum in accessionibus et periodis dierum; non aliter et geometriam, propter qualitates regionum et locorum situs, in quibus doceat, quid quisque observare debeat. Porro musica incognita illi non erit. Nam multa sunt, quae in aegris hominibus per hanc disciplinam facta leguntur. ... Postea et astronomiam notam habebit, per quam contempletur rationem astrorum et mutationes temporum.
[34] Es hängt dies damit zusammen, daß die Franken viele römische Einrichtungen übernahmen. Chlodwig und die Merowinger des 6. Jahrhunderts zeigten Interesse für römische Bildung. An ihrem Hofe wurde die Blüte des Adels nach römischem Muster in einer schola palatina erzogen, wirkten Romanen als Erzieher, Gesandte, ja sogar Rhetoren und Dichter (z. B. Venantius Fortunatus). Erst Ende des 6. Jahrhunderts beginnt der gänzliche Verfall der Kultur im fränkischen Reiche, unaufhaltsam bis zur tiefsten Barbarei fortschreitend. Während Childebert II., wie manche seiner Vorgänger, die sich sogar im Versemachen übten, noch gelehrtes Wissen besaßen, vermochten die Merowinger des 7. Jahrhunderts kaum ihren Namen unter die Urkunden zu setzen. Das Werk Fredegars (erste Hälfte des 7. Jahrhunderts) und die Schriftzüge jener Zeit bezeugen hinlänglich den Tiefstand der Epoche.
[35] Zu den ersteren gehören Reoval und Marileif (Gregor. Turon. Hist. Francor. X, 16, V, 14), zu den letzteren Petrus (Fredegar. Chron. c. 27), im 5. Jahrhundert nennt Apollinaris Sidonius den bischöflichen Leibarzt Palladius.
[36] Die einst blühenden Schulen Galliens (Marseille, Toulouse, Lyon, Arles u. s. w.) verfielen gegen Ende des 6. Jahrhunderts und kamen kaum mehr für die Medizin in Betracht. Reoval, der eine Hodenexstirpation mit glücklichem Erfolge auszuführen verstand, hatte nach eigener Angabe seine Kenntnisse in Byzanz erworben. Aus einer Bemerkung Gregors über ihn geht hervor, daß die Aerzte bei den Franken bisweilen als Sachverständige zu Gerichtsverhandlungen zugezogen wurden.
[37] Marileif, Archiater König Chilperichs, wurde gegeißelt, seines Eigentums beraubt und der Kirche als Leibeigener übergeben. — Als Austrichildis von einer Seuche, die 580 im ganzen Reiche wütete, ergriffen wurde und ihren Tod herannahen fühlte, verlangte sie von ihrem Gatten, dem König Guntram, daß ihre beiden Aerzte, Nicolaus und Donatus, zur Strafe dafür, daß die verordneten Mittel wirkungslos geblieben waren, enthauptet würden. Der Wunsch der Sterbenden wurde getreulich erfüllt, damit, wie es höhnisch hieß, die Herrin nicht allein das Reich des Todes betrete.
[38] Die Kirche trat manchen derselben entgegen und steuerte dem Unfug. Einer der berühmtesten Scharlatane war Desiderius von Tours, welcher vorgab, Wunder tun zu können, ein anderer heilte durch Berührung mit den Händen, bei einem dritten Zauberarzt fand man einen großen Sack, der mit Wurzeln, Maulwurfszähnen, Mäuseknochen, Bärenklauen etc. gefüllt war.
[39] Childebert I. gründete 542 das Hôtel-Dieu zu Lyon, Radegunde, die Gemahlin Chlotar I., das Hospital von Poitiers, um dieselbe Zeit entstanden Hospitäler zu Rheims und Autun, d. h. Hospize, welche auch der Krankenpflege dienten. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts (660), nach anderen vor 691, fällt die Gründung des Hôtel-Dieu zu Paris, welches jedoch erst seit dem 12. Jahrhundert ausschließlich Krankenanstalt wurde. — Aussatzhäuser gab es z. B. in Verdun und Metz.
[40] Es wanderten so zahlreiche Pilger (besonders auch Laienpersonen aus der Mittelschicht) nach der Apostelstadt, daß dort schon 718 zu ihrer Aufnahme und zur Beherbergung der höhere Ausbildung suchenden Geistlichkeit eine Schola Saxonum gegründet wurde, die aber um die Mitte des 9. Jahrhunderts vollständig abbrannte.
[41] Insbesondere der Arithmetik und Astronomie.
[42] So soll z. B. der Stifter des Klosters Reichenau, St. Pirminius, aus seiner Heimat 50 Bücher mitgebracht haben.
[43] In einer Glosse zu einer (jetzt in Karlsruhe befindlichen, aus dem Kloster Reichenau stammenden) Handschrift der Schrift de ratione temporum des Beda aus dem Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts liest man das Wort archiater erklärt durch das irische Wort huasallieig.
[44] Den Antrieb zu seinen Bestrebungen empfing Karl der Große durch Italien, dessen Kulturdenkmale und Bildung er schon auf seinem Zuge gegen die Longobarden kennen gelernt hatte, entscheidend aber war sein Zusammentreffen mit dem Zögling der Schule von York, Alkuin, in Rom im Jahre 781.
[45] Außer Alkuin und seinen Genossen gehörten zu derselben z. B. die Iren Clemens und Dungal, die Longobarden Paulus Diaconus und Paulinus von Aquileja, der Westgote Theodulf. Bei Alkuin und Petrus von Pisa erwarb sich Karl der Große seine eigene Bildung.
[46] Im Saale der Kopisten las man Verse Alkuins, welche ihnen Sorgfalt anbefahlen.
[47]
Accurrunt medici mox Hippocratica tecta
Hic venas fundit, herbas hic miscet in olla,
Ille coquit pultes, alter sed pocula praefert
Et tamen, o medici, cunctis impendite gratis
Ut manibus vestris adsit benedictio Christi.

(Alcuinii carmina ed. Dümmler, Poet. lat. aevi Carolini t. I, p. 245.)

[48] L. c. p. 410.
[49] Karl der Große folgte allerdings, was seine Person anlangte, mehr dem eigenen Gutdünken als dem Rat der Leibärzte, so erzählt sein Biograph Einhard (Vita Carol. in Pertz Mon. hist. II, 455): „Et tunc quidem plura suo arbitratu quam medicorum consilio faciebat, quos pene exosos habebat, quod ei in cibis assa, quibus assuetus erat, dimittere et elixis adsuescere suadebant.” In der Vita St. Sturmi (in Pertz Mon. hist. II, 377) erwähnt Eigil den Wintarus als einen der Leibärzte. Der Kaiser selbst hatte in seiner Bibliothek das Buch des Serenus Sammonicus. Gelegenheit zu botanisch-pharmakologischen Studien boten die kaiserlichen Gärten und die Klostergärten. In den ersteren wurden 73 Medizinalpflanzen gezogen (Capitulare de villis), z. B. Rheum Rhaponticum, Erythraea, Centaureum, Squilla, Levisticum.
[50] St. Gallus und St. Pirminus hatten früher, freilich erfolglos, die Votivgaben für Heilungen (Nachbildungen von Körperteilen) als heidnischen Gebrauch gebrandmarkt.
[51] Dies bezieht sich aber nur auf die kirchlichen Kreise, denn sehr bald nach Karls Hinscheiden verlor sich das Interesse der Laien an wissenschaftlichen Bestrebungen, die schola palatina büßte ihre weittragende Bedeutung schon unter Ludwig dem Frommen ein und namentlich die Volksbildung geriet ins Stocken. Seit 817 wurde in den Klöstern die eigentliche Mönchsschule (schola interior) von der, für Laienzöglinge bestimmten, Außenschule (schola exterior) getrennt.
[52] Z. B. Poitiers, Marmoutiers, Ferrières, Lisieux, Soissons, Fontenay, Luxeuil, Lyon, Rheims, Fleury u. s. w., Fulda, Reichenau, St. Gallen, Hersfeld, Osnabrück, Corvey u. s. w. Auch in Italien wurden — gemäß dem Capitulare Lothars von 824 — eine Menge von Studiensitzen von Friaul bis Vicenza, von Cremona bis Fermo geschaffen.
[53] Die Idee der septem artes liberales geht wohl auf griechische Quellen zurück, Martianus Capella stützte sein im ganzen Mittelalter als Schulbuch benütztes Werk auf Varros enzyklopädische Zusammenfassung (Disciplinarum libri IX), welche aber außer den genannten Zweigen auch die Medizin und die Architektur behandelte. Ein bekannter Mönchsvers aus später Zeit gibt folgende Charakteristik der sieben freien Künste:
Gram. loquitur, Dia. vera docet, Rhe. verba colorat,
Mus. canit, Ar. numerat, Ge. ponderat, As. colit astra.
[54] So wird es verständlich, daß Isidorus (vgl. S. 260) das Studium „der Geometrie” für den Arzt als besonders wichtig erklärt. Der Grammatiker Virgilius Maro des 6. Jahrhunderts sagt in einem seiner Briefe: Geometria est ars disciplinata, quae omnium herbarum graminumque experimentum enuntiat, unde et medicos hac fretos geometres vocamus, id est, expertos herbarum.
[55] Fecit et bibliothecam, quam tanta librorum multitudine ditavit, ut vix dinumerari queat, sagen die alten Akten von Fulda.
[56] Dieses Verzeichnis wurde unter Hrabans Anleitung von Walahfrid Strabo hergestellt. Hrabans Interesse für die Muttersprache bekunden auch die, ihm zugeschriebenen, althochdeutschen Glossen zur Bibel, die Mitteilung der Runen u. a.
[57] Um die Mitte des 9. Jahrhunderts schreibt Bischof Ermenrich von Passau an den Abt Grimaldus von St. Gallen: Physica dividitur in arithmeticam, astronomiam, astrologiam, mechanistiam, medicinam, geometricam, musicam ... (Mon. Germ. Epist. V, 541).
[58] In den Annalen der alten Klöster werden gewöhnlich einige Mönche als besonders heilkundig erwähnt, so wie andere Mönche z. B. als Dichter, Maler, Kunsthandwerker etc. hervorragten.
[59] So enthielt z. B. die Bibliothek des Klosters Reichenau (bei Konstanz) nach einem Bücherverzeichnis etwa aus dem Jahre 841 außer naturwissenschaftlichen Werken (z. B. die Etymologiae und De naturis rerum des Isidorus) einen „Liber perisfegmonis de positione et situ (statu) membrorum” (galenischen Schriften über den Puls und über Anatomie entsprechend?), einen liber Alexandri, einen liber Vindiciani de olei[s] confectionibus, von demselben Autor „epistolae” und confectionum malagmatum antidotum et emplastrorum et dicta medicinae in codice uno, Prognostica Democriti, den Herbarius des Apuleius Platonicus sowie andere nicht genauer bezeichnete medizinische Bücher und „Excerpta” aus solchen.
[60] D. h. der Schieler.
[61] Bauriß des Klosters St. Gallen v. J. 820, herausgegeben von Ferdinand Keller, Zürich 1844.
[62] Es werden z. B. folgende Briefformeln angeführt: „Pigmenta ac medicamenta, quae vobis congrua puto, vestrae dilectioni dirigere puto” — Posco, ut, si ullo modo fieri valeat, post festivitatem ... jubeatis illum medicum ad me venire, quia adjutorio ejus indigo (Pertz, Mon. Germ. Leges Sect. V, p. 421 u. 374).
[63] Richer, der sich nachmals durch seine Geschichte Frankreichs „Historiarum libri IV” (in Pertz, Mon. Germ. V. Scriptor. III) berühmt machte, erzählt darin (IV. cap. 50), daß er Heribrand aufsuchte, um bei ihm die Erklärung der Aphorismen des Hippokrates zu hören. Da ihm aber dieses Studium allein nicht genügte (cum tantum prognostica morborum accepissem et simplex egritudinum cognitio cupienti non sufficeret), so las er mit dem Lehrer auch das Buch „de concordia Hippocratis, Galieni et Surani”. Von der erlangten medizinischen Bildung machte Richer auch in seinem obengenannten Geschichtswerke Gebrauch, indem er sich in weitläufigen Schilderungen der Krankheiten einzelner berühmter Personen gefällt.
[64] Gerbert, welcher in Aurillac, Vich (in der spanischen Mark) und Rheims studiert hatte, überstrahlte alle seine Zeitgenossen nicht nur als gründlicher Kenner der klassischen (lateinischen) Literatur, als Rhetor und Dialektiker, sondern insbesondere durch seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Mathematik, Astronomie und Mechanik (Konstruktion astronomischer Instrumente, Apparate etc.). Anregung zu den realen Studien hatte er in reichlichem Maße während seines Aufenthalts in der spanischen Mark empfangen, wo er mindestens unter dem indirekten Einfluß der arabischen Kultur stand. Gerbert drang weit über den engen Gesichtskreis der vorausgegangenen kirchlichen Enzyklopädisten hinaus, blieb nicht am leeren Formalismus hängen, erkannte den Wert der realen Fächer und suchte die Bildung praktisch fürs Leben nutzbar zu machen. In diesem Sinne lehrte er in Rheims, mit dessen Schule sich während seiner Wirksamkeit keine andere des christlichen Abendlandes messen konnte; später wurde er nach mancherlei Wechselfällen am deutschen Kaiserhofe Erzieher Ottos III., dessen Gunst er endlich das Pontifikat (Sylvester II.) verdankte. Die Bewunderung, welche Gerbert (besonders durch physikalisch-chemische Kunststücke) erregte, hatte natürlich den Argwohn der geistig Zurückgebliebenen zum Begleiter, und noch nach Jahrhunderten schimmert in den Sagen, die sich um seine Gestalt spannen, der schlecht verhüllte Neid hindurch; selbst vor der päpstlichen Würde nicht zurückbebend, erklärte man Gerbert bezw. Sylvester als einen Schwarzkünstler, der mit dem Teufel im Bunde stand und diesem seine Ueberlegenheit verdankte.
[65] Nec me auctore, quae medicorum sunt, tractare velis, praesertim cum scientiam eorum tantum adfectarim, officium semper fugerim (Ep. 151). Aus Ep. 9 und 130 geht hervor, daß Gerbert auch die verloren gegangene Augenheilkunde des größten antiken Okulisten Demosthenes in lat. Uebersetzung kannte, aus Ep. 15, daß man Celsus noch las (Quem morbum tu corrupte postuma, nostri apostema, Celsus Cornelius a Graecis ἡπατικὸν dicit appellari).
[66] Am Schlusse des zweiten Buches steht der Vers: Bald habet hunc librum, Cild quem conscribere jussit.
[67] Z. B. des Alexander von Tralles.
[68] Arzneiformen waren: Infuse, Dekokte, Mischungen (z. B. mit Milch, Honig), Pulver, Salben, Pflaster (auch medikamentöse), Dampfbäder, Klystiere (mit einem Horn appliziert). — Der Theriak und andere hochzusammengesetzte Präparate der griechisch-römischen Medizin waren den Angelsachsen unbekannt, resp. konnten nicht zubereitet werden. In einem Kapitel des Leechbook ist erwähnt, daß Helias, Patriarch von Jerusalem (Ende des 9. Jahrhunderts) eine Reihe von Rezepten (wahrscheinlich zugleich auch die zugehörigen orientalischen Drogen) sandte.
[69] So übten z. B. die allgemein beliebten und weit verbreiteten, häufig bearbeiteten Rezeptbücher des Serenus Samonicus und Pseudoapulejus einen sehr ungünstigen Einfluß aus.
[70] Zumindest war es eine sehr verbreitete Anschauung, daß die natürlichen Mittel nur in Verbindung mit theurgischen, mystischen Prozeduren ihre Wirksamkeit entfalten, erst aus diesen ihre Heilkraft ziehen.
[71] So erhielt sich über die Jahrhunderte hinweg die Praxis in der Architektur, Mechanik und sogar in der Chemie (Färberei).
[72] Das Bestreben, in allen Naturdingen geheimnisvolle Beziehungen, allegorische Hindeutungen aufs Uebersinnliche ausfindig zu machen, tritt besonders in den Umarbeitungen des aus christlich alexandrinischen Kreisen hervorgegangenen Physiologus zu Tage, welcher (12) wirkliche oder phantastische Tiere als Versinnbildlichung gewisser Tugenden und Laster betrachtet (vgl. Lauchert, Gesch. des Physiologus, Straßburg 1889). Der Physiologus fand im Mittelalter eine fast beispiellose Verbreitung, indem er schon früh in orientalische Sprachen und ins Lateinische, späterhin ins Angelsächsische, Althochdeutsche, Altfranzösische, Provenzalische, Spanische u. s. w. mehr oder minder frei übertragen wurde. Dabei hat er natürlich bedeutende Umwandlungen erfahren.
[73] Darstellungen solcher Exorzismen finden sich in den Wandmalereien alter Kirchen, z. B. in Goldbach (am Bodensee), oder in den Miniaturen von Handschriften (z. B. Codex Egberti, 10. Jahrhundert), vgl. K. Künstle, Die Kunst des Klosters Reichenau im 9. und 10. Jahrhundert, 1906; F. X. Kraus, Die Miniaturen des Cod. Egberti, 1884.
[74] Die Leprösen waren zur Verhinderung der Ansteckung aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, für bürgerlich tot erklärt — einschlägige Bestimmungen erließen schon Pippin (757) und Karl d. Gr. (786) —, für ihren Unterhalt sorgte, soweit sie über keine eigenen Mittel verfügten, die christliche Wohltätigkeit; frühzeitig scheinen sie, wo sie in größerer Anzahl beisammen waren, in gemeinsamen Wohnungen untergebracht worden zu sein. Schon um 736 sammelte z. B. der hl. Otmar die Aussätzigen aus seinem Sprengel und vereinte sie in einem Leprosorium (hospitiolum ad suscipiendos leprosos) in der Nähe des Klosters von St. Gallen. — In den erwähnten Malereien des Goldbacher Kirchleins, der Kirche St. Georg zu Oberzell auf der Reichenau selbst und in den Miniaturen des Codex Egberti findet sich auch eine Darstellung des Aussätzigen, abgesehen von den Flecken der Haut, gekennzeichnet durch das Horn, das er trägt; wenn die Leprösen ausgingen, um Almosen zu sammeln oder Speise beizutreiben, mußten sie nämlich ihr Kommen durch das Hornsignal kundgeben, daher die Bezeichnung „Hornbrüder”.
[75] Sprachliche Zeugnisse verbürgen die wundärztlichen Kenntnisse der Volkspraxis, so die schon im 8. Jahrhundert vorkommenden Lehnwörter Pflaster, Salbe, Balsam, Büchse.
[76] Unter anderem wird eine merkwürdige Heilung berichtet, die an Kaiser Heinrich II., der an Blasensteinen litt, auf operativem Wege — allerdings nicht ohne das Eingreifen des hl. Benedictus — vollzogen wurde.
[77] Vgl. über die Bibliothek von Monte Cassino Tosti, Storia della badia di Monte Cassino, Napoli 1842-43 und A. Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino, M. Cass. 1869-70. Zu den ältesten medizinischen Handschriften (vgl. S. 257) zählen Sammelwerke und lateinische Uebersetzungen aus dem 9. und 10. Jahrhundert, darunter z. B. Uebersetzungen hippokratischer, galenischer (bezw. pseudohippokratischer und pseudogalenischer) Schriften, des Paulos von Aigina u. a., Schriften des „Apulejus”, „Aesculapius”; auch ein liber Aurelii wird de oculis erwähnt. — Die Titel der Traktate, welche Kodex 97 enthält, sind folgende: Prologus Galieni de pulsis (!) et orinis — De effemeris febribus — Prologus Galieni, libri primi de febrium diversitate — Capitula libri Aurelii de oculis (!) passionibus — Capitula Scolapii medici — Prologus super expositionem Aforismi — Capitula libri primi Alexandri Trosophiste — Alfabeta herbarum — Ex libris Dioscoridis feliciter — Herbarium Apulei Platonis quem accepit ab Scolapium et Chirone centauro magistro Achilli — De quadrupedibus. — Bei dieser Gelegenheit sei hier darauf verwiesen, daß ein Traktat über Arzneimittel (größtenteils in tironischen Noten) aus dem 9.-10. Jahrhundert (in Cod. Vatic. Lat. 846) veröffentlicht wurde, welcher hauptsächlich aus Apulejus und Pseudoplinius entlehnt ist, vgl. „Miscellanea Tironeana”, ed. Schmitz, Leipzig 1896.

Die Medizin im 11. und 12. Jahrhundert.

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Die Blütezeit der Schule von Salerno.

Die Geschichte der Wissenschaften erinnert lebhaft an das Wachstum organischer Gebilde. Wie in einem homogenen Plasma zunächst einzelne Kerne entstehen, welche sich vergrößern, als Kraftsphären wirken und später zur höheren Einheit verschmelzen, so läßt auch der historische Rückblick auf die abendländische Medizin des Mittelalters nach dem Stillstand eines halben Millenniums vorerst nur isolierte Zentren erkennen — rein ärztliche Schulen in spärlicher Zahl —, welche seit dem 11. Jahrhundert aus der Grundmasse eintöniger Gleichförmigkeit scheinbar spontan auftauchen und für lange alle wissenschaftliche Energie in sich konzentrieren. Mit ihnen erwacht das erstarrte medizinische Leben endlich wieder aus der Latenz zu frisch pulsierender Aktivität.