B. Bilder und Figuren.

14. Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke.

Für den Gebrauch bildlicher Wendungen gelten folgende Regeln:

a) Die Bilder müssen wahr sein, d. h. sie müssen erstens mit dem übereinstimmen, was wir von den als Bildern verwendeten Dingen wissen, und sie dürfen zweitens nicht untereinander in Widerspruch stehen. Wenn jemand schriebe: „Der Ruhm dieses Mannes ging wie der Polarstern auf und nieder“ oder: „Die Parze knickte den Stengel seines Lebens“, so würden diese Bilder, da sie nicht mit dem übereinstimmen, was wir von dem Polarstern und den Parzen wissen, einen unangenehmen Eindruck hervorrufen. — Den zweiten Fehler gegen die Wahrheit der bildlichen Wendungen nennt man Katachrese (d. i. Mißbrauch). Die Katachrese besteht darin, daß ein Gedanke durch verschiedene Bilder dargestellt wird, die einander widersprechen, z. B.: „Ich sah die Bronnen rauschen der Ewigkeit um mich.“ Rückert. „Mit leisem Tritte schlüpfte ein weiblicher Fuß ins Zimmer und löschte mit eigener Hand die Kerzen.“ Phil. Galen. „Wir wollen diese brennende Frage nicht erschöpfen“ usw. Die Katachrese beleidigt sowohl den Verstand, als auch die Anschauungskraft; man hüte sich daher, aus dem Bilde herauszufallen.

Anmerkung. In der höheren Sprache der Dichtung, namentlich wenn Kühnheit und Schwung der Darstellung gefordert wird, ist der Übergang aus einem Bilde in das andere nicht unbedingt zu verwerfen (vgl. hierüber Vischer, Ästhetik III, Abschnitt 2, 1230). Vollkommen tadellos ist z. B. der Bilderwechsel in Schillers Lied an die Freude: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium.“ Derselben Beurteilung unterliegen zahlreiche Stellen in Shakespeares Dichtungen. Hier zeigen uns die wechselnden Bilder den Gegenstand von verschiedenen Seiten.

b) Die Bilder müssen leicht verständlich und nicht zu weit hergeholt sein. Wenn in orientalischen Dichtungen die Schlacht Lanzenmesse, das Schwert Lebensräuber genannt wird, so sind diese Bilder nicht schön, weil sie schwer zu enträtseln sind. Zu gesucht ist es, wenn Kleist die Dünste als „die Augenlider, die jetzo das Auge des Weltkreises deckten“ bezeichnet, oder wenn Klopstock das stürmische Meer ein „gebirgiges Meer“ nennt. Namentlich Jean Paul hat sehr viele schwerverständliche und gesuchte Bilder.

c) Die Bilder müssen edel, neu und angemessen sein. (Vgl. hierüber S. 15. 16.)

d) Die Bilder müssen treffend sein und mehr sagen, als der gewöhnliche Ausdruck; z. B.: „Wenn der Stamm zum Himmel eilet, sucht die Wurzel still die Nacht.“ Schiller. — „Nur verstohlen durchdringt der Zweige laubiges Gitter sparsames Licht, und es blickt lachend das Blaue herein. Aber plötzlich zerreißt der Flor. Der geöffnete Wald gibt überraschend des Tages blendendem Glanz mich zurück.“ Schiller.

e) Die Darstellung darf nicht mit Bildern überladen werden. Durch eine solche Überladung wird der Stil schwülstig und unnatürlich. (Vgl. S. 13. 19.)

15. Die Bilder oder Tropen.

Die Alten unterschieden Tropen und Figuren, und es soll der Übersichtlichkeit wegen diese Einteilung hier beibehalten werden, obwohl die schaffende Phantasie des Dichters einen solchen Unterschied nicht kennt.

Der Tropus oder die Trope (d. i. Wendung, griech. τρόπος, lat. tropus, von griech. τρέπειν, wenden) bezeichnet die Wendung des Ausdrucks vom Gewöhnlichen und Eigentlichen zum Bildlichen und Uneigentlichen. Die Tropen verändern die Vorstellung und mit ihr den Ausdruck, die Figuren dagegen nur den Ausdruck, nicht die Vorstellung; die Tropen verleihen der Rede Anschaulichkeit, die Figuren erhöhen die Lebendigkeit derselben. Wenn Calderon den Bach eine silberne Schlange nennt, so wird die gewöhnliche Vorstellung mit einer anderen, ungewöhnlicheren vertauscht und mit der Vorstellung zugleich der Ausdruck; diese Bezeichnung ist daher ein Tropus. Wenn dagegen Rückert vom Wasserfall sagt: „Er rauscht und rauscht und rauscht, die Gegend hört ihn rauschen“, so bleibt die Vorstellung unverändert, es wird nur derselbe Begriff und derselbe Ausdruck mehrmals wiederholt, wir haben es hier also mit einer Figur zu tun.

Man unterscheidet folgende Tropen:

a) die Vergleichung veranschaulicht den Gegenstand durch ein Bild und stellt Bild und Gegenstand nebeneinander. Das Bild besteht entweder nur in einem Worte oder Satze, z. B. er kämpfte wie ein Löwe; „dem dürren Laube gleich verwehten meine Träume“ (Freiligrath); oder es ist weiter ausgeführt, z. B.:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.
Goethe.

b) Die Metapher (d. i. Übertragung) setzt das Bild statt des Gegenstandes, ist also gleichsam eine abgekürzte Vergleichung. Die Vergleichung sagt: „Der Wein ist wie flüssiges Gold“, die Metapher: „Der Wein ist flüssiges Gold.“ Die Metapher gibt dem Ausdruck Adel, Würde und Neuheit, und die Sprachgewalt eines Dichters oder Schriftstellers offenbart sich am deutlichsten in der Fähigkeit, treffende Metaphern zu bilden. Beispiele: Hör’, es splittern die Säulen ewig grüner Paläste. Goethe. Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder. Schiller. Ein Tropfen Haß, der in dem Freudenbecher zurückbleibt, macht den Segenstrank zu Gift. Schiller. Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß. Goethe. — Man unterscheidet substantivische, adjektivische und verbale Metaphern. Substantivische Metaphern sind: Haupt des Staates, Schiff der Wüste, Segler der Lüfte (Wolke), Kinder im Walde verirrt und bedeckt mit Blättern im Schlummer (die Blumen), schlafendes Sonnenlicht (der Mond), Hefe des Volkes usw. Adjektivische Metaphern: eine schwarze Seele, der blasse Neid, der süße Schlaf, die goldenen Himmelsfrüchte, die goldene Sonne, ein hartes Herz usw. Verbale Metaphern: die Sonne blickt durch der Zweige Grün; die Woge bäumt sich am Gestade; die Täler singen und die Höhen schweigen, die Tannen schauern in der Felsenkluft usw.

Wie die Vergleichung kann auch die Metapher weiter ausgeführt werden, sie wird dann zur Allegorie (von ἀλληγορέω, d. h. etwas anders sagen, als der eigentliche Sinn verlangt). Der Satz: „Die Dichtung war zu Rom eine ausländische Blume“ enthält eine Metapher; fügt man hier zu dem Bilde Blume noch weitere sinnliche Beziehungen hinzu (z. B. Same, Garten, Wachstum, Blüte usw.), so erhält man eine Allegorie. So sagt Herder: „Die römische Dichtkunst war aus griechischem Samen in den Garten eines Kaisers verpflanzt, wo sie als schöne Blume dastand und blühte.“ Beispiele: Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen. Schiller. In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. Schiller.

c) Die Metonymie (d. i. Umnennung, Vertauschung des Namens) setzt wie die Metapher einen Gegenstand für den anderen, aber nicht wie die Metapher wegen der Ähnlichkeit, sondern wegen der natürlichen und nahen Verbindung, in der die Gegenstände miteinander stehen. Die Metonymie nimmt Rücksicht auf:

α) das Raum- oder Zeitverhältnis. Man setzt den Ort statt dessen, was sich an demselben befindet, oder den Zeitraum statt derer, die in demselben leben, z. B.: „Ganz Rom geriet in Erregung“ (statt: alle Römer); „bei Abendglockenläuten ging die Natur zur Ruh“ (statt: die Geschöpfe). „So fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken“ (statt: die Menschen).

β) das Kausalitätsverhältnis. Man vertauscht Ursache und Wirkung, z. B.: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ (statt: Kummer). „Aus der Wolke quillt der Segen“ (statt: Regen). „Hütten, um die der Landmann stille Schatten pflanzt“ (statt: Bäume). Oder man setzt für die Verrichtung das Werkzeug, z. B. Schwert (statt: Krieg), Pflug (statt: Ackerbau). „Der Degen hat den Kaiser arm gemacht, der Pflug ist’s, der ihn wieder stärken muß.“ Schiller.

γ) das Stoffverhältnis. Man setzt den Stoff statt der Sache, die daraus verfertigt ist, z. B. Eisen (statt: Schwert), Stahl (statt: Dolch), Blei (statt: Kugel), Eisen (statt: Fessel) usw. „Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein die schimmernde Wolle, den schneeichten Lein.“ Schiller.

δ) das Symbolverhältnis.[9] Man setzt das sinnliche Zeichen statt des abstrakten Begriffes, der dadurch bezeichnet wird, z. B. Lorbeer (für Sieg, Ruhm), Zepter, Krone (statt: Herrschaft, Regierung), Ölzweig (statt: Frieden) usw. „Ist denn die Krone ein so einzig Gut?“ Schiller.

d) Die Synekdoche (eigentlich: das Mitverstehen) ist genau genommen nur eine Unterart der Metonymie. Sie setzt statt des Allgemeinen das Besondere, z. B. den Teil für das Ganze: Dach (für Haus), Mast oder Kiel (für Schiff), Welle (für Meer), Brot (für Nahrung) usw.; oder das einzelne statt der Vielheit: „Freiheit liebt das Tier der Wüste“ (Schiller); oder die bestimmte Zahl für die unbestimmte: „O daß ich tausend Zungen hätte“ usw.

e) Die Prosopopöie (d. i. Vermenschlichung) oder Personifikation stellt leblose Dinge oder abstrakte Begriffe als lebende Wesen dar. Viele Metaphern sind zugleich Prosopopöien, z. B.: Die Sonne verbirgt sich, der Winter kommt, die Natur schläft, der Himmel lacht herab, die Erde dürstet nach Regen, der Sturm heult oder brüllt, die Wolken fliehen, der Strom zürnt usw. Unter Prosopopöien im engeren Sinne versteht man aber weiter ausgeführte Darstellungen dieser Art, z. B.:

Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehn,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf
Und möchte vor Lust vergehn.
Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren
Und läßt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.
Geibel.

Erzittre Welt, ich bin die Pest,
Ich komm’ in alle Lande,
Und richte mir ein großes Fest,
Mein Blick ist Fieber, feuerfest
Und schwarz ist mein Gewande.
Ich komme von Ägyptenland
In roten Nebelschleiern,
Am Nilusstrand im gelben Sand
Entsog ich Gift dem Wüstenbrand
Und Gift aus Dracheneiern.
Hermann Lingg.

f) Die Allusion oder Anspielung bringt einen Begriff dadurch zu lebendiger Anschauung, daß sie auf bekannte Zustände, Tatsachen und Begebenheiten hindeutet, z. B. er hat eine Herkulesarbeit vollbracht, eine Sisyphusarbeit, Hiobsgeduld, ein salomonisches Urteil, lakonische Kürze usw. „Ich werde hinter diesen Wolf im philosophischen Schafspelz Hunde zu bringen wissen, die ihn zausen sollen.“ Lessing. — Hierher gehört auch die Bezeichnung von Personen durch Hinweis auf geschichtliche Ereignisse oder besondere Eigentümlichkeiten, wenn man z. B. jemand einen Homer, einen Spartaner, einen Epikuräer, einen schönen Ort ein Paradies oder Elysium, ein reizendes Tal ein Tempe usw. nennt, oder wenn man statt Pindar sagt: der dirkäische Schwan, statt Menelaus und Agamemnon: die beiden Atriden, statt Dresden: Elbflorenz usw. — Die Allusion muß immer verständlich sein, und es ist tadelnswert, wenn auf Vorgänge angespielt wird, die nicht allgemeiner bekannt sind, wie das namentlich Jean Paul tut, der viele seiner Anspielungen erst durch Anmerkungen erläutern muß.

g) Die Periphrase oder Umschreibung besteht darin, daß eine Person oder Sache oder eine Tätigkeit nicht mit dem gewöhnlichen einfachen Ausdrucke, sondern durch Aufzählung einzelner Merkmale oder Wirkungen u. ähnl. bezeichnet wird, z. B.:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Goethe.
Von dem ich Ehre und irdisches Gut
Zu Lehen trage und Leib und Blut
Und Seele und Atem und Leben. (d. i. alles.)
Schiller.

Die Umschreibung ist nur mit Vorsicht anzuwenden, da sie leicht zu Weitschweifigkeit und Undeutlichkeit führt. Völlig geschmacklos sind namentlich Ramlers Periphrasen, der z. B. die Schlittschuhe in folgender Weise umschreibt: „Schuhe von Stahl, worin der Mann der freundlichen Venus (Vulkan) der Blitze Geschwindigkeit barg“ u. ähnl.

16. Die Figuren.

Die Figuren dienen nicht, wie die Tropen, dazu, der Rede größere Anschaulichkeit zu verleihen, sondern sie sind nur Wort- und Gedankenstellungen, welche die Lebendigkeit der Darstellung erhöhen. Man teilt die Figuren gewöhnlich in grammatische und rhetorische (Sinnfiguren). Die grammatischen Figuren beziehen sich nur auf die Stellung und Betonung der Worte und auf die äußere Form der Sätze, während die rhetorischen Figuren die Verhältnisse der Gedanken betreffen.

I. Grammatische Figuren.

a) Der Ausruf, als Ausbruch der Leidenschaft, z. B.: Furchtbares Schicksal! Schiller. — Was für ein Anblick! Welch ein Wiedersehen! Schiller.

b) Die Frage, als Ausdruck des Zweifels, der Verneinung oder einer lebhaften Gemütsbewegung, z. B.: Gibt es keinen Gott? Was? Dürfen in seiner Schöpfung Könige so hausen? Schiller. — Wann werdet ihr Poeten des Dichtens einmal müd? Anastasius Grün. — Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand? Schiller.

c) Die Anrede oder Apostrophe (d. i. Wegwendung, nämlich von der Sache zur Person), z. B.: Darauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau. Voß. — Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, ihr traulich stillen Täler, lebet wohl. Schiller.

d) Das Asyndeton. (Vgl. S. 19.)

e) Das Polysyndeton. (Vgl. S. 19.)

f) Die Ellipse. (Vgl. S. 19.)

g) Die Aposiopese (d. i. Verschweigung). Während bei der Ellipse nur das Wichtige genannt, das minder Wichtige weggelassen wird, besteht die Aposiopese umgekehrt darin, daß nur das minder Wichtige ausgesprochen, die Hauptsache aber verschwiegen wird, z. B.: „Dich schützt dein Wappenrock, sonst solltest du —“ Schiller. „Wer hier wagt zu mucken —“ Herder.

h) Die Inversion. (Vgl. S. 19.)

i) Das historische Präsens. In lebendiger Erzählung bedient sich der Schriftsteller zuweilen statt des Imperfekts des Präsens, z. B.: Und schaudernd dacht’ ich’s, da kroch’s heran, regte hundert Gelenke zugleich, will schnappen nach mir; in des Schreckens Wahn lass’ ich los der Koralle umklammerten Zweig; gleich faßt mich der Strudel mit rasendem Toben. Schiller.

k) Die Anakoluthie (d. i. Zusammenhangslosigkeit) besteht darin, daß die Konstruktion eines Satzes nicht dem Anfange entsprechend fortgeführt wird, so daß die Mitte oder das Ende des Satzes mit dem Anfange grammatisch in Widerspruch tritt, z. B.:

Wie wenn auf einmal in die Kreise
Der Freude mit Gigantenschritt
Geheimnisvoll nach Geisterweise
Ein ungeheures Schicksal tritt;
Da beugt sich jede Erdengröße
Dem Fremdling aus der andern Welt,
Des Jubels nichtiges Getöse
Verstummt, und jede Larve fällt,
Und vor der Wahrheit mächt’gem Siege
Verschwindet jedes Werk der Lüge:
So rafft von jeder eitlen Bürde,
Wenn des Gesanges Ruf erschallt,
Der Mensch sich auf zur Geisterwürde
Und tritt in heilige Gewalt.

Da die Anakoluthe gegen die strenge Sprachrichtigkeit verstoßen, so sind sie nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Tadelnswert sind in prosaischer Rede namentlich Anakoluthe, die darin bestehen, daß ein als Nebensatz begonnener Satz in der Form eines Hauptsatzes zu Ende geführt wird, z. B.: „Sie wissen, daß, wenn die Vestalinnen im alten Rom einem Verbrecher begegneten, so hatten sie das Recht, ihn zu begnadigen“ (statt: daß sie das Recht hatten usw.). Heine. — In der Poesie dagegen ist ein Anakoluth oft von sehr guter Wirkung, weil hier große Innigkeit oder Leidenschaftlichkeit des Gefühls das Herausfallen aus der Konstruktion, das Aufgeben des strafferen Satzbaues erklärlich macht.

l) Die Wiederholung. Einzelne Wörter oder Satzabschnitte werden wiederholt, um den Begriff hervorzuheben oder dem Ausdruck größere Innigkeit zu verleihen. Das wiederholte Wort trägt immer den Hauptton, z. B.: lieber, lieber Freund! — Der Tod, der Tod ist mein Gewinn. Bürger.Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar. Rückert. — Nicht möcht’ ich deinen Geist in Sünden töten, nein, Gott verhüt’s! nicht deine Seele töten. Shakespeare.

Anmerkung. Gelehrte Spielerei hat hier nach der Stellung, die das wiederholte Wort im Satze einnimmt, viele Arten der Wiederholung unterschieden, und zwar folgende: 1. Anaphora, d. i. Wiederkehr desselben Wortes oder derselben Wendung am Anfange mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Sei mir gegrüßt, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel! Sei mir, Sonne, gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint! Schiller. — 2. Epiphora (bei Quintilian epistrophe), d. i. Wiederholung am Schlusse mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Wie sollt’ es mich freuen, Marquis, wenn der Freiheit endlich noch diese Zuflucht in Europa bliebe! Wenn sie durch ihn es bliebe! Schiller. — 3. Epanalepsis, d. i. Wiederholung der den Satz beginnenden Wendung am Schlusse, z. B.: Weinet um mich, ihr Kinder des Lichts! er liebt mich nicht wieder, ewig nicht wieder, ach, weinet um mich! Klopstock. — 4. Anadiplosis, d. i. Wiederholung eines den Satz beendenden Wortes am Anfang des folgenden, z. B.: Nicht der Frühling kann dir’s geben, geben mußt dem Frühling du. Rückert. — 5. Epanodos (d. i. Rückweg). Die wiederholten Worte stehen in umgekehrter Folge, z. B.: Ihr seid müßig, müßig seid ihr. Luther. — 6. Epizeuxis, die unmittelbare Wiederholung desselben Wortes oder Satzes, z. B.: So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. Geibel. Ach wie liegt so weit, ach wie liegt so weit, was mein einst war. Rückert. — 7. Symploke, die Verflechtung mehrerer Arten der Wiederholung, z. B.: Laß mich weinen, an deinem Herzen heiße Tränen weinen (Epiphora), du einz’ger Freund. Ich habe niemand, niemand (Epizeuxis), auf dieser großen weiten Erde niemand (Epiphora). Schiller. — 8. Polyptōton, die Wiederholung eines Wortes in verschiedenen Flexionsformen, z. B.:

Aber der Hörenden floß die schmelzende Trän’ auf die Wang’ hin;
So wie der Schnee hinschmilzt auf hochgescheitelten Bergen,
Welchen der Ost hinschmelzte, nachdem ihn geschüttelt der Westwind,
Daß von geschmolzener Nässe gedrängt abfließen die Bäche:
Also schmolz in Tränen der Gattin liebliches Antlitz.[10]
Voß, Odyssee.

9. Annominatio, die Nebeneinanderstellung mehrerer Wörter, die zu demselben Stamm gehören, z. B.: Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir. Goethe. Schreibend schreibt er im Schreiben geschriebene Schriften der Schreiber. Voß. — 10. Antanaklasis, Wiederholung des Wortes in anderer Bedeutung, z. B.: Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewiß nicht von den Besten.

II. Sinnfiguren.

a) Das schmückende Beiwort (Epitheton ornans) ist ein adjektivisches Attribut, das in sinnlich anschaulicher Weise eine Eigenschaft des substantivischen Begriffs hervorhebt, z. B.: Dich begrüß’ ich in Ehrfurcht, prangende Halle, dich, meiner Herrscher fürstliche Wiege, säulengetragenes herrliches Dach. Schiller. — Wir bewohnen ein glückliches Land, das die himmelumwandelnde Sonne ansieht mit immer freundlicher Helle. Schiller. — Sieh, die mondbestrahlte Fläche schlägt es mit den leichten Füßen! Freiligrath. — Die Epitheta müssen immer charakteristisch sein, sonst sinken sie zu müßigen Attributen herab, die, statt die Lebendigkeit der Darstellung zu erhöhen, den Stil unerträglich platt und weitschweifig machen. Nichtssagend und daher unschön sind namentlich die Beiwörter in den Alexandrinern der Dichter des siebzehnten und der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, z. B.:

Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele,
Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft:
Dort fliegt ein schnelles Blei in die entfernte Weiße,
Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleise
Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort.
Haller.

b) Die Steigerung (Klimax, Gradation) besteht darin, daß die Begriffe so angeordnet werden, daß durch den nachfolgenden der vorhergehende überragt wird, z. B.: Tapfer ist der Löwensieger, tapfer ist der Weltbezwinger, tapfrer, wer sich selbst bezwang. Herder. — Eine schöne Menschenseele finden ist Gewinn, ein schönerer Gewinn ist sie erhalten, und der schönst’ und schwerste, sie, die schon verloren war, zu retten. Herder.

O lieber als dem Grafen mich vermählen
Heiß von den Zinnen jenes Turms mich springen,
Da gehn, wo Räuber streifen, Schlangen lauern,
Und kette mich an wilde Bären fest,
Birg bei der Nacht mich in ein Totenhaus
Voll rasselnder Gebeine, Moderknochen
Und gelber Schädel mit entzahnten Kiefern,
Heiß in ein frischgemachtes Grab mich gehn
Und in das Leichentuch des Toten hüllen.
Shakespeare.

c) Der Gegensatz (Antithese) stellt Begriffe, die sich logisch gegenüberstehen, in parallelen Satzgliedern einander entgegen, z. B.: Ein Gott bist du dem Volke worden, ein Feind kommst du zurück dem Orden. Schiller. — Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt. Goethe. — Durch glänzende Antithesen zeichnet sich namentlich Schillers Stil aus. — Unterarten des Gegensatzes sind das Oxymoron und das Paradoxon. Das Oxymoron (ὀξύμωρον, von ὀξύς gescheit und μωρός dumm) stellt zwei einander widersprechende Begriffe in einer Wortverbindung zusammen, z. B.: lebendige Leiche (Gottschall, Mazeppa), süßer Schmerz, bittre Freude, beredtes Schweigen, schmerzlicher Genuß, erquickender Verdruß usw. Das Paradoxon (d. i. das Unerwartete) ist ein Gedanke, der mit dem, was nach dem Vorhergehenden erwartet wird, oder mit dem, was die gewöhnliche Vorstellungsweise annimmt, in Widerspruch steht, z. B.: Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd’ er in Ketten geboren. Schiller. — Den Kaiser will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben. Schiller.

d) Die Ironie (d. i. Verstellung) sagt das Gegenteil von dem, was sie meint, z. B.: Mit der Axt hab’ ich ihm’s Bad gesegnet. Schiller. Ein Muster der Ironie ist die Rede des Antonius in Shakespeares Julius Cäsar, 3. Akt. Als Meister der Ironie zeigen sich namentlich Rabener (in seinen Satiren) und Jean Paul. — Den mit Hohn verbundenen, bitteren und tief verletzenden Spott nennt man Sarkasmus (d. i. Zerfleischung).

e) Der Euphemismus setzt für etwas Anstößiges oder Gefürchtetes das entgegengesetzte Gute. So nannten die Griechen die Erinyen Eumeniden, d. h. die Gnädigen, die Römer nannten die Todesgöttinnen Parzen, d. i. die Schonenden. Euphemismen sind auch die Umänderungen heiliger und anderer Namen in Schwüren und Ausrufungen, wodurch der Mißbrauch derselben verhüllt werden soll, z. B.: Potz Blitz! (statt: Gottes Blitz!) Potz Wetter! (statt: Gottes Wetter!) Der Tausend! (statt: der Teufel!) Potztausend! (statt: Gottes Teufel!) usw.

f) Die Litotes (d. i. Kleinheit) oder Verkleinerung besteht darin, daß ein geringerer Ausdruck gesetzt wird, als der Gedanke in Wahrheit verlangt, z. B.: Du hast deine Aufgabe nicht übel (statt: ausgezeichnet) gelöst. Du wirst nicht eben erfreut sein (statt: du wirst in große Betrübnis versetzt werden) usw.

g) Die Hyperbel (d. i. eig. Überschwang, Übertreibung) vergrößert die Dinge über die sinnliche Wahrheit hinaus, z. B.: Mein Herz ist heiß, es könnt’ ein Dolch drin schmelzen, wenn ich ihn jetzt ins Herz mir stieße. Hamerling. — Denn alle Fürstenthrone, aufeinandergestellt, bis zu den Sternen fortgebaut, erreichten nicht die Höhe, wo sie steht in ihrer Engelsmajestät. Schiller. Jungfr. v. Orl.

h) Die Onomatopöie. (Vgl. S. 18.)

17. Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil.

Hinsichtlich der Tropen und Figuren pflegt noch jetzt ein doppelter Irrtum zu herrschen, der nicht entschieden genug bekämpft werden kann. Einmal meint man nämlich, unsere deutsche Sprache habe die Tropen und Figuren erst der griechischen und römischen Sprache entlehnt und habe die Fähigkeit, Tropen und Figuren zu bilden, erst durch diese Sprachen erhalten. Man verwechselt hier, wie so oft, die Namen mit der Sache. Nur die Namen, die gelehrten Bezeichnungen haben wir zum Teil der griechischen und römischen Sprache entlehnt; die Sache selbst, der Drang, die Rede sinnlich anschaulich und lebendig zu gestalten, war unserem Volke von jeher eigen und ist nicht erst von außen in dasselbe verpflanzt worden. Man kann noch heute im Volke täglich Tropen und Figuren hören, von denen niemand behaupten wird, daß sie erst von den Alten entlehnt seien. Wenn eine Mutter zu dem Kinde sagt: „Du hast den Wein halb verschüttet“ (wo doch nur einige Tropfen verschüttet worden sind), oder: „Ich habe es dir schon hundertmal gesagt, aber du hörst nicht“ (wo sie es vielleicht zwei- oder dreimal gesagt hat) usw., so sind das Hyperbeln im eigentlichsten Sinne des Wortes, oder wenn jemand sagt: „Diese Frau ist die leibhaftige Güte, die reine Güte; dieser Mann ist die verkörperte Ehrlichkeit“ u. ähnl., so bedient er sich der Form der Prosopopöie ebensogut wie der, welcher sagt: „Sie ist die personifizierte Güte.“[11]

Das andere Mal ist man der Meinung, daß die Tropen und Figuren zur Ausschmückung der Rede dienten. Auch das ist nicht richtig. Sie dienen vielmehr dazu, der Rede sinnliche Kraft und Lebendigkeit zu geben, und sie dürfen daher nicht äußerlich, wie Schmuckstücke, zusammengesucht werden, sondern sie müssen mit Notwendigkeit aus der Darstellung selbst erwachsen. Man mache es sich daher zum Gesetz, niemals Tropen und Figuren anzuwenden, wo nicht innere Notwendigkeit dazu drängt. Ebenso vermeide man die Nachbildung römischer und griechischer Tropen und Figuren, vielmehr nehme man sie immer möglichst aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung oder entlehne sie deutschen Vorbildern. Wer diese Vorschriften streng befolgt, der wird bald bemerken, daß sein Stil an natürlicher Kraft und Schönheit gewinnt, während er im entgegengesetzten Falle in widerwärtige Künstelei und stelzbeinige Hohlheit verfällt.

[9] Ich entnehme diesen Ausdruck Wackernagel, der zuerst die Metonymie mit größerer Klarheit dargestellt hat, als es gewöhnlich geschieht.

[10] Eine gute Nachbildung des griechischen Originals, in dem der Begriff τήκειν, schmelzen, in den Formen τήκειο, κατατήκετο, κατέτηξεν, τηκόμενος, τήκετο wiederkehrt.

[11] Es sei hier auf Rudolf Hildebrands ausgezeichnete Schrift: „Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule und von deutscher Erziehung und Bildung überhaupt“, 7. Aufl., S. 103 flgg., 122 verwiesen, die zahlreiche Beispiele dieser Art behandelt.