Die Prosa ist mehr auf die Mitteilung der Gedanken gerichtet, die Poesie dagegen strebt vor allem nach Schönheit der Darstellung. Der Schöpfer der prosaischen Rede ist daher im allgemeinen der Verstand, der Schöpfer der poetischen Rede die Phantasie. Während die prosaische Rede vor allem Deutlichkeit und Übersichtlichkeit erfordert, verlangt der poetische Stil in erster Linie Anschaulichkeit, Lebendigkeit und Schönheit der Form. Selbstverständlich darf auch der prosaische Stil nicht unschön und der poetische Ausdruck nicht unklar und ohne Verstand sein, aber es handelt sich hier darum, was an erster Stelle dem Stile das eigentümliche Gepräge gibt. Die höchste Stufe erreicht der poetische Ausdruck, wenn er in genau abgemessenen Rhythmen, in Versen und Strophen sich darstellt, und gewöhnlich nennt man poetischen Stil nur den, der in diesen Formen zur Erscheinung kommt. Doch spricht man auch von poetischer Prosa, und man sieht schon hieraus, daß die Begriffe „prosaischer und poetischer Stil“ sich wegen ihrer Dehnbarkeit wenig zu einer wissenschaftlichen Bestimmung der Stilgattungen eignen. Man teilt daher den Stil besser in folgende Arten: a) Stil des Verstandes; b) Stil des Gemütes.[21] Der Stil des Verstandes soll berichten und belehren, der Stil des Gemütes rühren und bewegen.
Anmerkung. Prosa, entstanden aus oratio prorsa, d. i. die vorwärts gerichtete, geradeaus gehende Rede (proversa), bei der sich nicht wie bei der poetischen Rede (oratio versa) die gleiche rhythmische Gliederung wiederholt; die poetische Rede kehrt gleichsam immer wieder um, während die Prosa vorwärts schreitet.
Der Stil des Verstandes zerfällt zunächst in den berichtenden und belehrenden (didaktischen) Stil.
Zu dem berichtenden Stile gehören:
a) Der Geschäftsstil. Hierher rechnet man alle Arten von amtlichen Berichten, Verträgen, Vermächtnissen, Zeitungsanzeigen, Geschäftsbriefen, Beschreibungen von Bauten, Maschinen usw. Der Geschäftsstil fordert vor allem Deutlichkeit, Sprachrichtigkeit, Bestimmtheit und Kürze. Bilder, veraltete und neugebildete Wörter, mehrdeutige Ausdrücke, müßige Attribute sind streng zu meiden. Die Uneigentlichkeit des Ausdruckes wird hier zum Fehler; man gebe jedem Begriffe die gebräuchlichste Benennung und suche nicht etwa das Abstrakte durch Bilder zu versinnlichen oder den einfachen Ausdruck durch Redefiguren auszuschmücken.
b) Der erzählende Stil. Hierher gehören alle Erzählungen von Begebenheiten, alle Beschreibungen und Schilderungen von Naturereignissen, Erlebnissen usw. In der Idylle, im Roman, in der Novelle und im Märchen verbindet sich der erzählende Stil mit dem Gemütsstil und erhebt sich zu poetischer Darstellung. Der erzählende Stil verlangt vor allem Anschaulichkeit und Lebendigkeit; Bilder und Figuren sind hier oft von guter Wirkung. Doch darf darüber niemals einfache Deutlichkeit und Natürlichkeit der Rede verloren gehen. Lange Perioden, Häufung von Attributen und präpositionalen Ausdrücken, Überladung mit Nebensätzen sind ganz besonders zu meiden. Die Sätze seien vor allem leicht zu überschauen und unmittelbar verständlich.
c) Der historische Stil. Da die Geschichte die Schicksale und Taten einzelner Menschen und Völker darstellt und in diesen Schicksalen zugleich die ewigen Gesetze einer göttlichen Weltordnung zeigt, so muß in der Erzählung weltgeschichtlicher Ereignisse immer ein gewisser feierlicher Ernst mit zum Ausdrucke kommen. Durch diesen sittlichen Ernst unterscheidet sich der historische Stil vom erzählenden. Während der erzählende Stil oft zum einfachen Volkston herabsteigt und gerade dadurch seine schönsten Wirkungen erzielt, verlangt der historische Stil vor allem geistige Durchdringung und völlige Beherrschung des Stoffes und eine glänzende Form, die dem Gedanken genau entspricht. Bestimmtheit und Kürze, vor allem aber Wahrheit und Sachlichkeit sind die ersten Erfordernisse dieser Stilart. Der eigentliche Schöpfer eines deutschen historischen Stiles ist Schiller.[22] — Im Epos wird der historische Stil zum poetischen Stile.
Den belehrenden Stil kann man in zwei Unterarten einteilen, nämlich in:
a) Den eigentlichen Lehrstil. Diese Stilart wird hauptsächlich in Lehrbüchern angewendet, also überall da, wo es sich nicht um die Erörterung und Begründung eines einzelnen wissenschaftlichen Satzes handelt, sondern wo eine ganze Summe von Lehrsätzen dargestellt wird, die als hinlänglich anerkannt und feststehend gelten. Deutlichkeit, Bestimmtheit und Kürze sind die unentbehrlichen Eigenschaften dieser Stilart.
b) Den abhandelnden Stil. Dieser Stil wird angewendet, wenn es sich um die Erörterung, Begründung oder Widerlegung eines einzelnen wissenschaftlichen Satzes handelt. Schärfe und Strenge der Untersuchung, Genauigkeit und Ausführlichkeit der Beweisführung sind unerläßliche Forderungen, wenn die Abhandlung den Leser überzeugen soll. Die größte Klarheit ist hier die größte Schönheit.
Der Stil des Gemüts erwächst aus dem Gefühl des Sprechenden oder Schreibenden und will zugleich das Gefühl des Hörenden oder Lesenden ergreifen oder bewegen. Bewegung des Gefühls ist also das eigentliche Kennzeichen dieser Stilart. Je nachdem nun mehr die Schilderung der eigenen Gefühle oder das Streben, den Hörer oder Leser durch die Darstellung zu bewegen, in den Vordergrund tritt, unterscheidet man den lyrischen Stil und den rednerischen Stil.
a) Der lyrische Stil tritt am reinsten zutage in der lyrischen Poesie. Er wird aber auch in prosaischen Darstellungen erfordert, wenn in Erzählungen, Trauerreden, feierlichen Glückwünschen usw. die Gefühle der beteiligten Personen zum Ausdruck gebracht werden sollen. Der lyrische Stil erscheint jedoch in der Prosa gewöhnlich anderen Stilarten untergeordnet. Die höchste Steigerung des lyrischen Stiles nennt man den erhabenen Stil, der auf überwältigender Größe der Empfindung beruht. — Der lyrische Stil fordert vor allem Wahrheit der Empfindung und Lebendigkeit der Darstellung. Krankhafte Empfindelei ist ebenso zu meiden wie bloße trockene Beschreibung der Gefühle. Bilder und Figuren sind dieser Stilart unentbehrlich. Der erhabene Stil namentlich bedient sich edler, nicht in der Alltagssprache gebrauchter Wörter, z. B.: Wange (für Backen), Zähre (für Träne), kiesen (für wählen), walten (für herrschen), Gewand (für Kleid) usw. Solche Wörter nennt man verba solemnia (d. i. feierliche Wörter), weil sie nur in gehobener Rede gebräuchlich sind.
b) Der Rednerstil. Der Redner strebt vor allem danach, dem Willen der Hörer eine bestimmte Richtung zu geben, und sucht das namentlich durch starke Erregung des Gefühls zu erreichen: er will begeistern oder erbauen. Eine nachhaltige Begeisterung wird er freilich nur dann erwecken können, wenn seine Rede die Hörer zugleich überzeugt hat; daher darf nicht bloß das Gefühl sprechen, sondern dem Verstande gebührt ein gleicher Anteil an der Gestaltung der Darstellung. Aber auf der verständigen Klarheit und Deutlichkeit der Rede baut sich dann jene belebtere Form der Darstellung auf, die das Gefühl des Hörers leidenschaftlich zu erregen und mächtig zu ergreifen sucht. Dadurch erst erhält der Rednerstil sein eigenartiges Gepräge. — Eintönigkeit im Bau der Sätze ist vor allem zu meiden; der Redner muß vielmehr nach reicher Gliederung der Perioden, nach einer großen Fülle verschiedenartiger Satz- und Periodenglieder und nach außerordentlicher Mannigfaltigkeit im Aufbau derselben streben. Schöner Rhythmus der Sätze ist hier ein Haupterfordernis. — Man unterscheidet geistliche und weltliche Reden; die weltlichen zerfallen wieder in Schulreden, politische Reden und gerichtliche Reden.
Wie die Rede für die Prosa, so ist das Drama für die Poesie der Gipfelpunkt, den die Darstellung erreichen kann. Auch im Drama ist, wie bei der Rede, das letzte Ziel eine starke Einwirkung auf das Gefühl des Hörers, und auch das Drama verlangt daher jenen höchsten Schwung des Stiles, der den Hörer mächtig mit sich fortreißt.
Anmerkung 1. Eine wohlgebaute Rede gliedert sich in der Regel in drei Teile: in den Eingang, die Ausführung und den Schluß. — a) Der Eingang (exordium oder expositio) hat den Zweck, Wohlwollen zu gewinnen, die Aufmerksamkeit zu erregen und die Wißbegierde der Zuhörer in Anspruch zu nehmen. Man teilt daher den Eingang gewöhnlich wieder in drei Teile: 1. die captatio benevolentiae, 2. die narratio facti, d. i. Bericht über den tatsächlichen Anlaß zu der Rede, 3. die expositio. Die captatio benevolentiae besteht darin, daß der Redner einige Worte voraufschickt, die seine Bescheidenheit und zugleich seine Freundlichkeit gegen den Hörer bekunden. In der narratio facti gibt der Redner kurz an, was ihn zu seiner Rede veranlaßt hat.[23] Die expositio legt den Hauptgedanken, das Thema der Rede, und zuweilen auch die einzelnen Teile dar, in die es sich zerlegen läßt. — Der ganze Eingang muß klar und deutlich und vor allem kurz sein. — b) Die Ausführung (disputatio) ist der eigentliche Kern der ganzen Rede. Man nennt diesen Teil auch die Beweisführung; denn hier wird der Hauptgedanke begründet und die entgegenstehenden Meinungen werden bekämpft. Der Redner sucht alle nur möglichen Einwendungen zu widerlegen, so daß zuletzt seine Gedanken als die Sieger in dem Kampfe erscheinen. — c) Der Schluß (conclusio) faßt noch einmal kurz die Hauptstücke der Ausführung zusammen (recapitulatio), sucht dann namentlich auf das Gefühl der Zuhörer nachdrücklich zu wirken (pathetischer Teil) und legt ihnen den praktischen Zweck der Rede ans Herz (eigentlicher Schluß). Den Kern der conclusio bildet der pathetische Teil, auf dessen Ausführung daher auch ganz besonderer Fleiß zu verwenden ist. Hier kann sich recht eigentlich das Talent des Redners zeigen.
Anmerkung 2. Als besondere Stilart wird zuweilen noch der Briefstil unterschieden. Dieser bildet jedoch keine besondere Stilgattung, sondern der Briefschreiber wird sich bald des Geschäftsstiles, bald des erzählenden Stiles, bald des didaktischen Stiles usw. bedienen, je nachdem er in dem Briefe etwas Geschäftliches verhandeln oder etwas erzählen oder über etwas belehren will. Der Unterschied besteht hier nur in dem Umstande, daß der Brief immer eine schriftliche Mitteilung an eine einzelne Person (selten an mehrere) ist. Dieser Unterschied kommt in der Anrede und am Schlusse zum Ausdruck. Für vertrauliche Briefe gilt die Regel, daß sie sich so eng als möglich an die Umgangssprache anzuschließen haben. Vornehm klingende Phrasen und gesuchte Formen des Ausdrucks sind geschmacklos und stören den Leser.
[21] Wir schließen uns hier in den Hauptpunkten der Einteilung an, die Becker gegeben hat, nur mit dem Unterschiede, daß wir bei dieser Einteilung prosaischen und poetischen Stil zusammenfassen, während Becker diese beiden Stilgattungen scheidet und wieder in Unterarten zerlegt. Wackernagel teilt den Stil in folgende Arten: a) Stil des Verstandes (lehrhafte Prosa); b) Stil der Einbildung (Epos, Drama); c) Stil des Gefühls (oratorische Prosa, Lyrik).
[22] Vgl. meine Darstellung der Entwickelung des historischen Stiles in Beckers deutschem Stil, S. 457 flg.
[23] Bei einer Predigt besteht die narratio facti in der Verlesung des Bibeltextes.