G. Silbermann * 1801, † 23. Juni 1876.

Kaum giebt es unter den neueren Typographen einen Namen, ausser dem Didotschen, der überall einen so guten Klang hat wie der Gustav Silbermanns in Strassburg[116]. Die Anfänge des Hauses sind in einer dortigen kleinen Buchdruckerei des Andreas Ulrich zu suchen, welche die Grossmutter Silbermanns 1798 ankaufte. Letzterer lernte bei Didot und ging dann zu seiner Ausbildung nach England und Deutschland. Als 1840 Engelmann, ebenfalls ein Elsässer, mit seinen Chromolithographien die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, gründete Silbermann 1846 ein Etablissement in Paris, zur Herstellung chromoxylographischer Drucke, gab dies jedoch bald in die Hände seines Mitarbeiters, Ernst Meyer, der trotz seiner Tüchtigkeit nicht recht prosperierte und 1863 das Etablissement an Marc verkaufte. Silbermann war nach Strassburg zurückgekehrt und vervollkommnete fortwährend den Buntdruck. Eine seiner ersten Arbeiten dort war eine Ausgabe von Pfeffels Fabeln mit bunten Einfassungen. Für die englischen Modezeitungen lieferte Silbermann in grossen Auflagen farbige Stickmuster. Einer seiner bedeutendsten Drucke ist die Nachbildung des Banners der Stadt Strassburg, ein Blatt von 60 × 50 Centimeter. Da das Banner selbst 1793, das Bild, nach welchem es angefertigt war, 1870 zugrunde ging, so hat das Blatt einen um so grösseren Wert. Als eifriger französischer Patriot verliess Silbermann nach dem Kriege Strassburg und verkaufte sein Geschäft an M. Schauenburg in Lahr, erwarb es jedoch 1872 wieder, um es in die Hände seines früheren Schülers und durch 35 Jahre treuen Mitarbeiters Fischbach zu geben[117].

G. Engelmann * 17. Aug. 1788, † 25. April 1839.

War auch die lithographische Kunst dem Worte nach durch den Grafen Lasteyrie 1814 nach Frankreich gebracht worden, so ist dem Sinne nach Gottfried Engelmann[118] aus Mülhausen der eigentliche Einführer. Im Jahre 1816 etablierte Engelmann ein Atelier in Paris, 1820 brachte er die Lithographie nach Spanien, 1826 gründete er ein Haus in London. Er muss als der bedeutendste Förderer der Kunst Senefelders bezeichnet werden und steht zu dieser etwa in dem Verhältnis wie Schöffer zu der Erfindung Gutenbergs. Engelmann ist der eigentliche Schöpfer der Chromolithographie. 1837 ward ihm für seine Erfindungen ein zehnjähriges Patent erteilt und 1838 erhielt er den Preis der Gesellschaft zur Aufmunterung der Künste.

Joh. Engelmann † 25. Juli 1875.

Den Ruhm des Vaters behauptete der Sohn Johann Engelmann. Seine im Verein mit Aug. Graf betriebene Chromolithographie blieb lange die einzige in Paris. Ganz besonders widmete sich diese der Reproduktion von Glasgemälden und Miniaturen älterer Manuskripte. Das erste Livre d'heures in Chromolithographie ging nach dreijähriger Arbeit aus dem Atelier hervor. Ein Meisterwerk sind auch die Statuts de l'ordre du Saint-Esprit 1853.

Ganz vorzüglich sind die sogenannten Diaphanie-Bilder von Engelmann und Graf, welche in transparenter Chromolithographie die Glasmalerei täuschend nachahmen. Mit acht bis höchstens neun Farben, — mehr dürfen der Durchsichtigkeit wegen nicht verwendet werden, — brachten sie, nachdem die Bilder mit Firnis getränkt waren, die vortrefflichsten Effekte hervor.

Lemercier.

Ein bedeutender Künstler in jeder Branche der Lithographie ist A. Lemercier. In den polychromen Unternehmungen fast aller Pariser Verleger finden sich die Erzeugnisse seiner Thätigkeit vor. Sein grosses Musterbuch ist eine so lehrreiche Geschichte der Lithographie, A. Racinet.wie man sie nur wünschen kann. Auch die Anstalt von Didot unter des verdienten A. Racinets künstlerischer Leitung nimmt in dem Chromodruck eine höchst bedeutende Stellung ein. Weltruf hat des letzteren L'Ornement polychrome erworben.

Lithographischer Buntdruck.

Im Bilderdruck leistete Frankreich im Verhältnis zu Deutschland wenig; die besten Leistungen sind die von Jehenne, Hangard-Maugé, J. F. Dupuy, Omer-Henry. Dagegen ist es Deutschland quantitativ und qualitativ voraus in der Verwendung des Farbendruckes zu illustrativen Zwecken. Es entstand in dieser Weise eine Reihe unvergleichlich schöner Werke, namentlich über Architektur, Kunstindustrie, Kulturgeschichte, ja selbst über Kochkunst, welche Meisterstücke sind sowohl hinsichtlich der korrekten Zeichnung als auch der technischen Durchführung und Naturtreue des Kolorits und dabei zu ungewöhnlich billigen Preisen geliefert werden. Auch in der Verwendung des Farbendruckes für die unzähligen Gegenstände der Papeterie behaupteten die Franzosen lange Zeit den Vorsprung. In dieser Branche zeichneten sich Testu & Massin (jetzt Champenois & Co.) und F. A. Appel aus. Letzterer lieferte Vorzügliches im Miniaturdruck und ist zugleich Spezialist im Plakatdruck auf Zink, dessen eigentlicher Erfinder Max Cremnitz ist. Ebenfalls im Plakatdruck erzielt J. Chévet grossen Effekt mit wenigen Farben; für Arbeiten zu wissenschaftlichen Zwecken ist Bequet & Fils bekannt. Etikettendruck betreiben in grossem Umfang Pichot & Co. Als ein seltener Fall ist noch das gute Gelingen der Assoziations-Anstalt unter der Firma Romanet & Co. zu erwähnen. Im Zinkdruck steht Monroq obenan. Die hervorragendste Erscheinung in der Photochromie ist Vidal und seine Trésor artistique de la France und Histoire générale de la tapisserie sind nicht übertroffen; doch dürfte seine Methode, als zu teuer und umständlich, nicht rasch in die Praxis dringen.

Als Kunstdrucker für Stiche ist Chardon hervorragend. Im Stichverlage dürfte wohl Goupil mit den Filialen in London, New-York, Brüssel, Haag, Berlin und Wien die erste Weltfirma sein. In ihren grossartigen Ateliers in Asnières bei Paris, unter der künstlerischen Leitung von Rousselon, wird der photographische Lichtdruck, hauptsächlich jedoch der Woodburydruck und die heliographischen Methoden in vortrefflichster Weise geübt.

E. Schieble * 1823, † 23. Okt. 1880.

Im Kartendruck erwarb sich Erhard Schieble (gen. Erhard) aus Forchheim in Baden einen bedeutenden Namen. Er verwendete alle Erfindungen der Neuzeit und brachte durch pastosen Auftrag der Farben vortreffliche reliefartige Wirkungen hervor. Die schönsten Karten der Regierung sowohl als der privaten Verleger stammen aus seiner Offizin.

A. Collas.

Erwähnt sei hier noch die von Achill Collas geübte Methode, erhabene Medaillons u. dgl. mittels des Storchschnabels zu gravieren (Glypthotik), in welcher die mehr oder weniger anschwellenden Linien vollständig den Eindruck von Reliefs gewähren. Le Trésor de numismatique in dieser Weise durchgeführt giebt einen glänzenden Beleg für den Wert der Glypthotik. Die ersten Versuche dieser Kunst hatte schon ein Deutscher Christ. Gobrecht in Philadelphia 1817 gemacht. 1819 kam die Maschine nach London und wurde von Turrel & Saxton verbessert. Für die Bank zu London konstruierte 1829 Bate eine die früheren weit übertreffende Maschine, die jedoch immer noch gegen die von Collas sehr zurückstand.

J. Gavard.

Joseph Gavard lieferte mittels des von ihm erfundenen Diagraphen, unterstützt von Calamatta und Mercuri, in drei verschiedenen Ausgaben die Galerie historique de Versailles in 13 Bänden mit 3 Supplementbänden (1837–1847) mit 1550 Stahlstichen.

Von den Werken der Kupferstichkunst sei noch als eines der bedeutendsten das Musée français von Robillard-Péronville mit 344 Kupfertafeln der bedeutendsten Stecher Frankreichs erwähnt, während die Lithographie zur Ausschmückung des grossartigen Werkes Voyages de la commission scientifique du Nord, 29 Bände, mit 762 Tafeln in gr. Folio, in hervorragender Weise diente.

Morel & Co.

Was Curmer für die Luxusbücher war, ist die Firma Veuve A. Morel & Co. in Benutzung des Chromodruckes für die Zwecke des praktischen Lebens. Im Fache der Architektur ist sie unerreicht und die Zahl der Prachtwerke in dieser Richtung, die mit Aufgebot allen Raffinements in der künstlerischsten Ausführung von dieser Firma geliefert wurde, ist eine so grosse, dass es kaum möglich ist besondere Gründe zu finden, um eins oder das andere aus der Reihe hervorzuheben. Bei Morel (jetziger Inhaber der Graf des Fosez) erscheint auch das weitverbreitete Journal L'Art pour tous.

J. Baudry.

In ähnlicher Richtung wirkten mit Umsicht und Erfolg, ohne jedoch den Höhepunkt Morels in der Ausstattung zu erreichen, Ducher & Co., Dunod und J. Baudry. Des letzteren, 1834 gegründete, Librairie polytechnique in Paris und Lüttich legte sich seit 1863 ganz besonders auf die Fächer der Berg- und Hüttenwissenschaft, der Eisenbahn und Wegebautechnik und förderte eine bedeutende Anzahl grosser Tafelwerke an das Licht. Auch Dunod kultiviert diese Spezialität. Unter den Prachtwerken von Ducher & Co. befinden sich: Architecture privée an XIX siècle; Le nouvel Opéra von Charles Garnier.

Roret.

Für die Popularisierung der technischen und naturwissenschaftlichen Litteratur wirkte Roret durch seine, 1824 begonnene Encyclopédie des sciences et des arts, besser bekannt unter dem Namen Manuels Roret. Er brachte auch eine neue vollständige Ausgabe von den Werken Buffons mit den Suites de Buffon, gegen 100 Bände mit unzähligen Abbildungen.

Für die Medizin und die Naturwissenschaften sind die leitenden Firmen J. B. Baillère, Germer-Baillère, V. Masson und Vve A. Delahaye & Co. Die Kataloge dieser Firmen sind getreue Zeugen der wissenschaftlichen Bewegung nicht nur in Frankreich, sondern auch in England und Deutschland, denn es erschien im Ausland kaum ein einschlägiges Werk, das nicht von einer dieser Verlagshandlungen in tüchtigster Bearbeitung herausgegeben wurde.

J. B. Baillère * 1798.

J. B. Baillère[119] (seit 1818) machte grosse Unternehmungen, darunter Cruveilher, Anatomie pathologique 1830–42; Hippokrates' Werke, griechisch und französisch, 1839–50; Iconographie ophthalmologique 1852. Im Jahre 1840 wurde eine Filiale in London, 1848 eine in New-York errichtet und heute sind die Seitenzweige dieser Familie über alle Erdteile, Australien nicht ausgenommen, verbreitet. Germer-Baillère druckt ausser naturwissenschaftlichen auch viele philosophische Werke und mehrere Journale.

Victor Masson * 1807, † 13. Mai 1879.

Victor Masson, einer der hervorragendsten Buchhändler, geb. zu Beaume, trat 1838 als Teilhaber in das Geschäft Chrochard, das 1846 in Massons alleinigen Besitz überging. 1847 wurde die Bibliothèque polytechnique angefangen, der eine grosse Anzahl von technischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Werken folgte, darunter Cuvier, Le Règne animal; Bonamy et Beau, Atlas d'anatomie[120]; der grosse Dictionnaire encyclopédique des sciences médicales u. v. a. Nach 35jähriger rastloser Thätigkeit überliess G. Masson.Masson seinem Sohne Georges das Geschäft, das dieser in derselben grossartigen, französische und deutsche Vorzüge vereinigenden Weise glänzend fortführt. Die Firma verlegt nicht weniger als 17 periodische Fachzeitschriften und ist die Buchhandlung für die bedeutendsten Akademieen und Gesellschaften. Trotz des vorwiegend wissenschaftlichen Charakters des Verlags ist der Verleger bestrebt, demselben auch eine anziehende äussere Form zu geben. Als Vorsitzender des Cercle hat Masson sich bedeutende Verdienste um das Ausstellungswesen desselben, namentlich bei der Weltausstellung in Wien 1873, erworben.

Delahaye hält sich streng an Medizin und Chirurgie und verlegt mehrere Journale und viele bedeutende Werke, unter welchen der Traité d'Anatomie descriptive von Sappey als ein hervorragendes Monument gilt.

Spezialfirmen sind für Landwirtschaft J. A. Bixio; für Mathematik A. L. J. Bachelier; für Militärwissenschaft J. Dumaine und Corréard Jeune; für Geschichte und Staatswissenschaften G. Guillaumin, P. F. Amyot, A. Baudouin; für Kalenderverlag Pagnerre.

Ch. Hingray * 1796.

Charles Hingray, erst Militär, dann Buchhändler, wurde durch seinen juristischen und sprachlichen Verlag bekannt, in Deutschland namentlich durch das vortreffliche Wörterbuch von Schuster und Régnier. Das Werk eines enormen Fleisses ist der Dictionnaire de la langue française von Littré. Das Manuskript umfasste 415636 Blätter. Der Satz dauerte, mit einer durch den Krieg 1870 herbeigeführten Unterbrechung, 13 Jahre. In einer Spalte gesetzt würde das Buch eine Länge von 37525 Meter haben.

Maisonneuve.

Der Druck orientalischer Werke ist keine Lieblingsaufgabe der französischen Buchdrucker. Als Verlagshandlung in dieser Richtung haben Maisonneuve & Co. den Vorrang. Im Jahre 1851 kaufte Maisonneuve, früher Associé von Cormon & Blanc in Lyon, von Théophile Barrois eine Anzahl orientalischer Verlagswerke, die er später mit vielen neuen vermehrte. Der Verlag enthält eine grosse Anzahl grammatikalischer und lexikalischer Werke der orientalischen Sprachen und die Namen der bedeutendsten Orientalisten als Eug. und Emile Burnouf, Eichhoff, Abbé Favre, G. de Tassy, Stan. Julien, J. Oppert, Abel Rémusat, L. de Rosny u. a. sind mit der Firma Maisonneuve & Co. verknüpft. — Unter den wenigen Buchdruckern in der Provinz, die in der Herstellung orientalischer Werke etwas leisten, ist Dejussieu in Châlons zu nennen.

J. P. Migne * 1800.

Eine merkwürdige Erscheinung ist der Abbé J. P. Migne. Er wurde 1824 Priester, nahm jedoch anlässlich einer Differenz mit dem Erzbischof seiner Diözese seine Entlassung und ging nach Paris, wo er das Journal L'Univers gründete, welches er 1836 verkaufte. In Petit-Montrouge vor den Thoren von Paris gründete er eine Buchdruckerei, um katholische Werke zu drucken. Die Anstalt gewann eine grosse Ausdehnung und umschloss vom Schriftsteller ab bis zum Buchbinder alle Persönlichkeiten und alle technischen Apparate, die zur Herstellung des Verlags des Instituts notwendig waren. Die Sammlungen der Kirchenväter- und anderer älterer theologischen Schriftsteller zählen nach hunderten von Bänden.

In ähnlicher Richtung wie Migne wirkten Gaume Frères.

Eug. Belin.

Im Unterrichtsfache weist der Buchdrucker und Verleger Eugène Belin mehr als 1000 Werke auf. Armand Collin & Co., eine Firma neueren Datums (1870), liefert Schulatlanten in Farbendruck zu sehr billigen Preisen. Ch. Delagrave hat, unter Mitwirkung bedeutender Fachmänner, das Institut géographique de Paris gegründet, aus welchem Brues Atlas universel, von E. Levasseur revidiert, hervorging. Er verlegte ferner viele biographische und technische, reich illustrierte Dictionnaire, grosse Wand- und Reliefkarten, Globen etc.

P. Ducroq (1836) war einer der ersten, die für Bildungswerke die Illustration mittels Stahlstichs im Verein mit Holzschnitten einführten. Seine Bibliothèque des familles in Bänden zu 2 Franken ist sehr beliebt. Delarue giebt gute Klassiker-Ausgaben zu billigen Preisen heraus.

Eine Spezialität aus liturgischen und archäologischen Werken macht die Société générale de librairie catholique und sie sucht die belgische Produktion nach dieser Richtung hin aus dem Felde zu schlagen. In ihrem Verlag erscheint auch eine Ausgabe der Acta sanctorum der Bollandisten; ferner der Recueil des historiens des Gaules et de la France; die, 1626 begonnene, Gallia christiana, auch Werke im alten Stil mit kunstreichen Einfassungen, als: Notre-Dame de Lourdes und Christoph Colombe, werden dort gedruckt.

Unter den grossen Nachschlagewerken müssen genannt werden: Die Biographie universelle (1811) von J. und L. G. Michaud, 84 Bände; W. Ducketts Dictionnaire de la conversation, 68 Bände (1812–1814); ein ähnliches Werk erschien in 52 Bänden bei Belin-Mandar. Als ein seltenes Beispiel der grossen Verbreitung eines gelehrten Werkes steht die bei diesem Verleger (1838) erschienene Konkordanz von Dutripont da, lateinisch geschrieben, ein in 28000 Expl. verkaufter Quartband von 200 Bogen in dreispaltigem Satz.

Ein Sammelwerk von grossem Umfang war Collection Baudry, zahllose deutsche, italienische, spanische und andere schönwissenschaftliche Werke, leider allerdings lauter Nachdrucke, enthaltend. Als die Franzosen so heftig über die Brüsseler Nachdrucker herfielen, hätten sie nicht vergessen sollen, dass sie es selbst nicht besser gemacht haben. Dass die grossen Ausgaben der deutschen Klassiker, die bei Tetot erschienen, keinen Erfolg hatten, beweist nicht den Mangel an gutem Willen zu schädigen.

G. Charpentier * 1805.

Durch den Buchdrucker Henri Delloye unternahm G. Charpentier eine Sammlung französischer Werke in dem nach ihm benannten und oft zur Verwendung gekommenen hübschen Format in 18°. Diese elegant und kompakt gedruckten Bände, von denen in wenigen Jahren über 400 erschienen, fanden durch ihre Eleganz und den damals wohlfeilen Preis von 3½ Franken grossen Beifall.

Unter den Herausgebern von Werken der schönen Litteratur ist Ch. A. Perrotin, der Verleger Bérangers, zu nennen. Er erwarb des letzteren Gedichte gegen Zahlung einer Jahresrente, die er freiwillig bedeutend erhöhte, und blieb Bérangers Freund bis an dessen Ende und nachher sein Testamentsvollstrecker. Pourrat Frères druckten eine sehr schöne Ausgabe von Chateaubriands Werken in 36 Bänden. Bekannt waren auch Gustave Barba, Vater und Sohn, welche den Roman in Heften zu 20 Cent. einführten. Mit immensem Erfolg lieferte Charles Gosselin die Werke W. Scotts, Coopers, Lamartines u. a.

Die bedeutendsten Romanverleger waren jedoch Michel Lévy Frères (1836), jetzt Calman Lévy, deren jährliche Produktion etwa 1¾ Millionen Bände beträgt, in etwa 200 neuen Werken und 650 neuen Abdrücken. Sie gaben eine grosse Zahl der Werke Scribes, Dumas' u. v. a. heraus und führten die billigen Ausgaben in Bänden zu 1 Frank (jetzt 1 Frank 25 Cent.) ein, deren Zahl mehr als 1500 beträgt, während die Zahl der Theaterstücke an 6000 heranreicht. Sie gründeten auch L'Univers illustré.

Wir wenden uns jetzt einer Firma zu, welche sich in keine Klasse einordnen lässt, fast einzig in ihrer Art dasteht und, obwohl zu den jüngeren gehörend, alle anderen überflügelt hat: L. Hachette & Co.

L. Hachette & Co.

„Sollte jemand dem Verleger die Eigenschaft als Produzent streitig machen, und ihn zu einem einfachen Händler stempeln wollen, der nichts zu thun hat, als das Manuskript in die Druckerei zu tragen und dann das zurückempfangene Druckwerk einfach zu verkaufen, so möchten wir ihm die Leistungen der Firma Hachette entgegensetzen“[121], sagt ein Bericht über die Wiener Ausstellung 1873 und diese Worte müssen sich unwillkürlich dem aufdrängen, welcher das Entstehen und das Wachstum dieses Hauses[122] ins Auge fasst. Sein Begründer Louis Hachette, geboren in Rethel, lag erst den Studien ob und begründete dann, 1836, eine pädagogische Buchhandlung unter der Devise: Sic quoque docebo. 1837 erhielt er auch Brevet als Buchdrucker, die Firma übte jedoch dies Geschäft nicht. Im Jahre 1859 traten seine Schwiegersöhne L. Breton und A. Templier dem damals bereits bedeutenden Geschäfte als Teilhaber bei. Unverrückt wurde von der Begründung ab die Thätigkeit auf alles gewendet, was für die Erziehung des Kindes, die Belehrung und Veredlung des Jünglings oder der Jungfrau, die Fortbildung des Mannes oder der Frau dient, und mit Stolz kann die Firma auf ihren, eine ganze und grosse Bibliothek bildenden Verlag zurückblicken und mit dem Bewusstsein, nie die edelste der Künste anders als in würdiger Weise verwendet zu haben. Und dies bezieht sich nicht allein auf das Innere der Bücher, sondern auch äusserlich ist alles in der besten Ausstattung hergestellt, manchmal zu erstaunlich billigen Preisen. Dieses konsequente, nie nachlassende Streben hat auch seinen äusseren Lohn gefunden und das Haus Hachette steht durch seine Grösse und die vortreffliche Organisation wohl unübertroffen da. Die mit 300 Angestellten arbeitende Anstalt unter Leitung der Teilhaber G. Hachette, Breton, E. und A. Templier und R. Fouret versendet monatlich gegen 18000 Kolli und hat einen jährlichen Umsatz von etwa 15 Millionen Franken. Wie Mame widmen sie dem billigsten Buche dieselbe Sorgfalt wie dem teuersten, und was dies sagen will begreift sich, da die Verlagswerke der Zahl 5000 nahekommen. Aus dieser Masse Einzelnes herauszugreifen hat seine Schwierigkeiten, es seien nur kurz erwähnt die bändereichen Kollektionen Bibliothèque variée; Bibliothèque des chemins de fer; die Guides-itinéraires; die Bibliothèque rose illustrée; der Dictionnaire des contemporains von G. Vaperau; das in mehr als 150000 Exemplaren gedruckte illustrierte Journal pour tous, schliesslich ein monumentales Druckwerk für Jahrhunderte: die Prachtausgabe der vier Les Évangiles.Evangelien, zwei Bände im grössten Folioformat. Bida lieferte hierzu im Format des Werkes 128 Zeichnungen, die von fünfzehn der besten Künstler radiert wurden. Die Zeichnung zu der von der fonderie générale geschnittenen Schrift rührt von Ch. Rossigneux her, der ebenso 290 Zeichnungen zu den in Stahl gestochenen Anfangs- und Schlussvignetten, sowie zu den Initialen, unter Vermeidung der Anwendung jeder menschlichen Figur, komponierte. Jules Claye führte den typographischen Druck aus. Rote, quer über das ganze Format gehende Linien umgeben den Text. Die Anwendung der verschiedenen Druckweisen, Kupfer- und Bücherdruck, und der rote Druck, verlangten, dass jeder Bogen 32 mal durch die Hände der Arbeiter ging, ehe er als fertig bezeichnet werden konnte. Elf Jahre wurden unausgesetzt auf die Arbeit verwendet.


Die Bibliophilie.

Wie Frankreichs Fürsten ausnahmslos die Typographie liebten, wenn sie auch die Presse hassten, so erhielt sich im Volke fortwährend eine Liebe für schöne Bücher, und der Wunsch, solche zu besitzen. Es war weniger eine Bibliophilie oder Bibliomanie im Sinne der englischen Sammler, die enorme Summen für ein mangelhaftes Produkt zahlten, nur weil es alt und selten war; man fand in Frankreich Lust an dem Besitz „schöner“ Ausgaben auf Extra-Papier und in feinen und kostbaren Einbänden mit Stichen in ersten Abdrücken. Es wurden, um dieser Liebhaberei zu genügen, sehr viele Bücher in Frankreich gedruckt und gekauft nur der Ausstattung halber, und ein Bücherliebhaber erwarb unter Umständen zehn Exemplare eines und desselben Werkes, wenn es in zehn schönen Ausgaben zu haben war.

Die archaïstische Druckrichtung.
L. Perrin * 12. Mai 1799.

Natürlich war es demnach auch, dass das Zurückgreifen auf die Renaissance vornehmlich von Frankreich ausging und dort Nahrung fand. Unter den französischen Buchdruckern dieser Richtung zeichnen sich besonders zwei aus, Louis Perrin und D. Jouaust. Louis Benedict Perrin, in Lyon geboren, war mit bedeutendem Sinn für Kunst begabt. 23 Jahre alt etablierte er sich mit Durand. Perrin war von dem Gedanken beseelt, die Druckerei zu regenerieren. Das Mechanische sei zwar vollendeter geworden, jedoch die Kunst in der Schriftgiesserei fehle. Ein tüchtiger Maler Pierre Revoil bestärkte Perrin in seinen Ansichten, dass man zu den Formen zurückkehren müsse, deren sich Vascosan, de Tournes und andere bedient hatten. Perrin war nicht in der Lage, seine Ideen ohne Rücksicht auf die Kosten durchsetzen zu können, und in Frankreich war es einem Provinzialbuchdrucker doppelt schwierig, durchzudringen. Gegen das Jahr 1846 liess er eine Sammlung von schönen Kapitalschriften aus der Zeit des Kaisers Augustus schneiden. Die damit gedruckten Inscriptions antiques de Lyon 1854, ein grosser Quartband mit über 400 Inschriften, machte grosses Aufsehen und Didot erklärte das Buch für ein Meisterwerk ersten Ranges. 1854 konnte Perrin das erste Werk mit der von ihm nach Mustern des XVI. Jahrhunderts veranlassten Antiqua und Cursiv drucken: Luigi Cibarios Delle Artiglerie, welches er auch mit Vignetten im Renaissancestil schmücken liess.

In seinen Bestrebungen war ihm auch der Zufall günstig. Beim Durchsuchen der Nachlassenschaft des alten Hauses Rey in Lyon fand er eine vollständige Sammlung von Matern aus dem Ende des XVI. Jahrhunderts oder aus dem Anfang des XVII. Jahrhunderts, so dass er imstande war, eine Ausgabe von Rabelais mit denselben Typen zu drucken, die seinerzeit François Just und Etienne Dolet verwendeten. Unter seinen Drucken gelten für besonders schön Le Théâtre du Molière mit Vignetten von Hillemacher; die Généalogie de la maison de Savoye; Parfums, chants et couleurs. Der Sohn setzte das Geschäft mit Marinet fort.

D. Jouaust.

Als sein Rival ist D. Jouaust[123] zu nennen, welcher namentlich die Werke der Académie des bibliophiles, den Verlag des Herausgebers der Bibliothèque Elzévirienne, P. Janet, später Paul Daffis', sowie des A. Lemerre druckte. Seine Ausgabe des Dichters Régnier gilt als eine Musterleistung. Der Druck solcher Ausgaben erfordert je nach der Verschiedenheit des Papiers eine andere Behandlung und bedingt eine fortwährende Aufmerksamkeit. Das Papier Whatman, von einer feinen, festen und durchsichtigen Masse, zeichnet sich durch eine blendende Weisse aus, welche nicht das Resultat irgend eines chemischen Prozesses ist, sondern nur von der Vorzüglichkeit des verwendeten Materials herrührt. Das chinesische Papier, in welches die Schwärze leichter eindringt, giebt einen Druck von milderer und gleichmässigerer Färbung und ist namentlich für Bücher mit Vignetten geeignet. Das Pergament zeigt sich dagegen widerspenstig in der Annahme der Farbe und verlangt die allergrösste Sorgfalt in der Behandlung.

Derjenige Verleger, der sich am meisten um die Verbreitung der Ausgaben für Bücherliebhaber und die archaïstische Richtung in der Druckerei bemüht hat, ist Pierre Janet, aus Bordeaux gebürtig. Seine Elzevierbibliothek alter und klassischer französischer Autoren des XVI. und XVII. Jahrhunderts umfasst mehr als 100 Bände und wurde von Paul Daffis fortgesetzt. Daneben beschäftigte sich Janet eifrigst mit der Verbesserung der Zeichen für die chinesische Sprache, welche er sich selbst zu eigen gemacht hatte.

Unterstützung fanden solche Bestrebungen nicht minder bei Bachelin-Deflorenne durch dessen Bibliophile français illustré; Album de Relieures; Armorial du Bibliophile und seine Collection des bibliophiles français. Léon Téchener Fils ist Herausgeber von Bulletin du bibliophile und Bulletin universel de la Bibliographie.

Fortschritt oder Rückschritt?

Liegt nun der Reiz der Renaissance-Schriften nur in dem Alter oder haben sie wirkliche Vorzüge? Letzteres muss unbedingt bejaht werden. Dass grosse Fortschritte in der Schriftschneiderei gemacht sind, setzt keineswegs voraus, dass alle älteren Schriften geringer oder weniger geschmackvoll gewesen sind als die heutigen, auch nicht, dass solche Schriften älteren Datums nur in Rücksicht auf die Zeit ihres Entstehens Anerkennung verdienen. Würde es jemand einfallen, ein bedeutendes Kunstwerk der Glanzzeit der Malerei oder ein bewundernswertes Hausgerät aus der besten Periode der Renaissance nur in Anbetracht seines Alters erträglich zu finden? Nicht besser ist es aber, wenn man in Bezug auf die Meisterwerke aus der Blütezeit der Typographie Stimmen hört, wie: „Es ist zwar alles mögliche, wenn man bedenkt, wie alt die Bücher sind!“ Als ob nicht diese Schriften an und für sich mustergiltig wären und uns als Vorbilder dienen könnten. Sie bedürfen nicht einer schonenden Beurteilung „des Alters wegen“; letzteres sagt uns aber, dass sie zu einer Zeit entstanden sind, in der die Liebe zur typographischen Kunst, der individuelle Charakter, der geläuterte Geschmack und das ästhetische Gefühl sich weit stärker geltend machten, als es jetzt der Fall ist, wo die meisten fertig zu sein glauben, wenn sie nur neue Schriften, feines Papier und teure Schwärze zur Verwendung bringen, dagegen um Stil und Charakter eines Druckwerkes sich gar nicht bekümmern.

Es dürfte sehr fraglich sein, ob die Schriften neueren Schnittes mit den grossen Unterschieden zwischen Grund- und Haarstrichen, welche letztere wegen ihrer Feinheit oft kaum zu bemerken sind, eine wirkliche Verbesserung seien und ob der Leser verpflichtet ist, jedes Produkt der Laune des Schriftgiessers, mit welchem er seinen Konkurrenten den Rang abzugewinnen sucht, schön zu finden, oder ob wirklich ein Mensch alles guten Geschmackes bar ist, weil ihm die Renaissance-Schriften mit ihrer dem Auge so wohlthuenden Ruhe sympathisch sind.

Schliesslich sei noch bemerkt, dass die Bezeichnung Elzevier-Schriften eine ungerechtfertigte ist, denn die Originale bestanden schon ein Jahrhundert vor den Elzevieren, zutreffender wenigstens ist die Bezeichnung Aldinsche Schriften.


Die Bibliographie.

Unter den Männern, die, waren sie auch nicht selbst ausübende Typographen, doch einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der Typographie verdienen wegen ihres Einflusses auf das Buchgewerbe, sind namentlich Brunet und Renouard zu nennen.

J. Ch. Brunet * 2. Nov. 1780.

Jacques-Charles Brunet, Sohn eines kleinen Buchhändlers in Paris, widmete sich dem Beruf des Vaters. Er war der eigentliche Gründer des antiquarischen Buchhandels in Frankreich; seine Berühmtheit verdankt er aber seinem Werke Manuel du libraire, von dem 1810 die erste, 1865 die fünfte Auflage erschien. Die Vervollkommnung dieses Werkes war seine Lebensaufgabe. Er nahm keinen Titel auf, wenn er das Werk nicht selbst in den Händen gehabt hatte. Von Firmin Didot Frères & Co. für die Abtretung des Eigentumsrechtes an das Manuel eine Leibrente geniessend verbrachte er sein Leben still und rüstig arbeitend.

A. A. Renouard † 1853.

Antoine-Augustin Renouard, der in hervorragender Weise die Eigenschaften des Buchhändlers, Sammlers und Schriftstellers in sich vereinigte, wurde 1765 in Paris geboren. Schon frühzeitig ward er von Bewunderung für die Familie des Aldus Manutius in Venedig erfüllt und von dem Wunsche beseelt, ihre Geschichte zu schreiben. Dazu sammelte er erst die Ausgaben dieser berühmten Drucker in einer an Vollständigkeit grenzenden Weise und schrieb nun seine Annales de l'imprimerie des Aldes 1803. 2 Bde. Die 3. Auflage, welche das letzte Wort der Bibliographie in Bezug auf die Aldi spricht, erschien 1834. Kaum mit diesem Werke fertig, lenkte er seine Studien auf die Familie Stephanus und 1837 erschienen seine Annales de l'imprimerie des Étienne, von welchen 1843 die zweite Auflage folgte. Das Werk hat ebenfalls seine bedeutenden Verdienste, wenn es auch nicht die Arbeit über die Aldi erreicht. Von seiner eigenen vorzüglichen Bibliothek liess er 1818 den Catalogue de la bibliothèque d'un amateur in 4 Bänden erscheinen, in welchem ein Schatz von interessanten Notizen niedergelegt ist. Sein Sohn Jules Renouard im Verein mit Jules Tardieu lieferte viele tüchtige Verlagswerke, darunter Galerie des peintres.

L. C. Silvestre * 1762.

An den obigen schliesst sich nicht unwürdig an Louis Catherin Silvestre, dessen Auktionsinstitut Weltberühmtheit erlangte. Eine Spezialität von ihm waren die Buchdruckermarken und er liess, als Fortsetzung der Werke Roth-Scholtz', seine Marques typographiques mit 1237 Abbildungen von Druckerzeichen erscheinen. Silvestre hatte in Pierre Janet einen würdigen Nachfolger.

Die neuere französische Bibliographie ist in den besten Händen und zwar in denen zweier Deutschen: C. Reinwald & Co., welche den Catalogue annuel de la librairie française herausgiebt und O. Lorenz, der den Catalogue de la librairie française seit 1840 erscheinen lässt.

M. Bossange * 1766.
H. Bossange.

Für die Verbreitung der Erzeugnisse der französischen Litteratur im Auslande hatten Martin Bossange Père[124] und dessen Sohn Hector Bossange grosse Verdienste. Nach dem Frieden mit England etablierte Bossange ein grosses Haus in London, später auch in Leipzig. Der Sohn Hector Bossange setzte das Werk des Vaters fort, gründete Buchhandlungen in Montréal in Canada, in Quebeck, New-York, Rio de Janeiro, Odessa. Sein grosser Katalog vom Jahre 1845 von gegen 31000 Werken galt als ein Musterkatalog.


Die französische Bücherproduktion hält ungefähr mit der deutschen Schritt. An Drucksachen erschienen im Jahre 1879: Bücher und Broschüren: 14122, Musikstücke 2424, Kupferstiche, Lithographien etc. 4661.

So bedeutend die Bücherausfuhr aus Frankreich sich gestaltet, so wenig konkurrieren die französischen Buchdrucker mit dem Auslande, während Belgien, England und Deutschland in der Lage sind, Druckarbeiten für das Ausland zu übernehmen. Mehr als die Arbeitsverhältnisse trägt wohl dazu bei, dass die französischen Buchdruckereien nicht so gut auf schwierige Arbeiten eingerichtet sind, wie namentlich die deutschen.

In Paris absorbiert die Journalistik fast alle tüchtigen Setzerkräfte, trotzdem ist es auf Grund der Eigentümlichkeiten der französischen typographischen Art und Weise dem fremden Arbeiter schwer, in Paris fortzukommen[125]. Viele Bücher, bei welchen übertriebene Schnelligkeit nicht notwendig ist, werden jetzt ausserhalb Paris gedruckt; besonders gilt dies von Neudrucken älterer Werke, sodass den grossen Pariser Werkdruckereien namentlich diejenigen Werke verbleiben, bei welchen, zudem unter gedrückten Preisen, grosse Ansprüche an Material und Schnelligkeit gestellt werden. Unter solchen Verhältnissen verlieren diese die Lust an der Lohndruckerei und legen sich selbst auf das Verlegen. Die Typographie in Paris steht auf einem Vulkan; selbst kurz vor der Weltausstellung 1878, wo es galt, alle Kräfte zusammenzunehmen, trug die Société typographique kein Bedenken, einen sehr kostspieligen und wenig erfolgreichen Strike in Scene zu setzen. Die Lokale der eigentlichen Werkdruckereien liegen meist zwischen Häusermassen eingeklemmt und haben sich erst nach und nach mit dem wachsenden Geschäft erweitert, sodass ihnen meist die ersten Erfordernisse: Raum, Licht und Luft, fehlen. Alle diese Verhältnisse fangen an, den Provinzdruckereien zugute zu kommen. Dringen auch die Fortschritte etwas langsamer in diese ein, so haben sie dafür ein festeres, anhänglicheres und gut geschultes Personal. Zweckmässige Lokaleinrichtungen sind weniger kostspielig als in Paris und manche Provinzdruckerei kann sich schon mit tüchtigen Pariser Offizinen messen. Einen wesentlichen Vorschub leisten die vielen lokalen Gesellschaften für Kunst und Wissenschaft, namentlich Archäologie, welche viele Werke mit Aufwand hinsichtlich Ausstattung, Illustration und Beigabe von Kunstblättern für ihre Rechnung drucken. Auch fangen die Provinzbuchdrucker an, selbst zu verlegen und Depots in Paris zu errichten. Kurz, wenn auch die Zentralisation noch eine bedeutende ist, so bereitet sich offenbar eine Dezentralisation im Sinne des deutschen Buchgewerbes vor und man fängt mit Versuchen an, sich von dem allmählich überwältigend gewordenen Einfluss des Pariser Geschäfts zu emanzipieren.

Mit Ausnahme der administrativen Arbeiten, welche in grosser Zahl und mit grossem Geschick ausgeführt werden, haben die Accidenzien weder in Quantität noch Qualität eine solche Bedeutung, wie in Deutschland. Im allgemeinen werden, und wohl nicht ganz mit Unrecht, dort nicht eine solche Sorgfalt und solche Kosten wie hier auf diese sehr schnell dem Papierkorb verfallenden Drucksachen verwendet; diese lässt man lieber den Werken selbst zukommen.

Ein ziemlich klares Bild von dem Zustand des Accidenzdruckes in Frankreich, soweit dieser dem Buchgewerbe dienstbar ist, liefern die Kataloge zu den Fachausstellungen, die in dem Hause des Cercle in den letzten Jahren abgehalten wurden. Diese Kataloge sind durch die vereinten Kräfte einer Anzahl der bedeutendsten Buchdruckereien hergestellt, von welchen jede einen halben oder einen ganzen Bogen geliefert hat, ohne dass eine andere Grenze auferlegt war, als die Innehaltung des Papierformats. Man darf also annehmen, dass das möglichst Beste geliefert wurde. Es geht aus diesen Katalogen hervor, dass man seit dem vortrefflichen Derriey fast stehen geblieben ist.

Die Zeitungslitteratur hatte in Frankreich mit manchen Hindernissen zu kämpfen, die nun durch das Pressgesetz von 1881 beseitigt sind. Die grossen Journale haben fast alle denselben äusseren Umfang, vier Seiten in gross Folio. Die Franzosen, im ganzen mässig, mögen auch nicht täglich eine solche Masse von geistiger Kost geniessen, wie sie ein englischer Lesermagen verträgt. Versuche mit Blättern nach letzterem Mass eingerichtet sind vollständig fehlgeschlagen. Durch ihre, den nationalen Eigentümlichkeiten ganz Rechnung tragende Organisation darauf berechnet, das, worauf es ankommt, mit Leichtigkeit ins Fleisch und Blut dringen zu lassen, üben jedoch die französischen Journale einen ausserordentlichen Einfluss auf die Partei, deren Interessen sie verfechten. Des grossen Anlagekapitals, wie ein solches in England notwendig ist, bedarf ein neues französisches Journal nicht; es genügt eine mässige Summe, wenn sich mit dieser die genügende Intelligenz und journalistische Routine des wirklichen Leiters verbindet. Ist dieser ein beliebter Schriftsteller oder eine politische Grösse, so stellt sich das Publikum rasch ein.

Die kleinen Zeitungen erscheinen gewöhnlich in einem Format, halb so gross, als das ihrer grossen Schwestern, ihr Einfluss und ihre Verbreitung sind jedoch bedeutend. Das Petit Journal[126] wurde Ende 1880 in 598309 Exemplaren gedruckt und ergab einen Gewinn von drei Millionen Franken. La petite république hatte eine Auflage von 196372, die Lanterne von 150531, Le petit moniteur von 100476 Exemplaren. Die tägliche Gesamtproduktion der Journalnummern erreichte die Ziffer 1984521, von welcher dreiviertel auf die republikanische Presse kam.

Zum Beginn des Jahres 1869 erschienen[127] in Frankreich 2110 Journale aller Art, jetzt 3135. Von diesen kamen im Jahre 1869 auf Paris 816, auf die Provinz 1294; jetzt resp. 1355 und 1780. In Paris fand demnach ein Wachstum von 539 Journalen statt, in der Provinz von 425. Letzteres trifft namentlich die kleineren Städte, besonders solche, die früher kein Journal aufzuweisen hatten, während die grösseren Städte stabiler geblieben. Unter den Pariser Blättern waren 75 politische Tagesblätter, 168 Journale politischen Inhaltes.

Am 10. September 1870 waren die gesetzlichen Bestimmungen, welche hemmend auf die Errichtung graphischer Etablissements wirkten, gefallen und der erste Paragraph des Pressgesetzes von 1881 bestätigt dieses durch die Bestimmung: „Die Buchdruckerei und der Buchhandel sind frei“. Vergleicht man den Stand der graphischen Gewerbe vor dem Kriege mit dem heutigen, so begegnet einem selbstverständlich besonders eine grosse Vermehrung der Buchdruckereien in Paris, wo die Zahl der Brevets früher auf 80 beschränkt war. Doch muss man diese Zahl nicht ganz buchstäblich nehmen, sie betrug thatsächlich wenigstens 150, indem manche Buchdrucker auf Brevets von Kollegen arbeiteten.

Für den Buchhandel hatte die erlangte Freiheit nicht die Bedeutung wie für die Buchdruckerei, denn wenn ein Brevet auch für den Buchhändler erforderlich war, so hielt es doch, da die Zahl nicht beschränkt war, nicht schwer, ein solches zu erlangen. Es fand sogar in dieser Branche ein Rückgang statt. In den übrigen graphischen Gewerben zeigt sich, wenn man die Jahre 1868 und 1882 mit einander vergleicht, einigermassen ein Stillstand. Doch dürfen, wenn man daraufhin Schlüsse ziehen will, die schweren Jahre für das Land und auch der Umstand nicht übersehen werden, dass durch die Abtretung von Elsass-Lothringen sich der Bestand plötzlich um 259 Buchhandlungen, 35 Buchdruckereien und 59 lithographische Anstalten, sowie um drei Städte von 50000 Einwohnern verminderte, die bei einem Vergleich mit dem Wachsen der graphischen Anstalten in Deutschland dann doppelt wirken[128].

Die beifolgende Tabelle zeigt den Stand der verschiedenen Pressgewerbe in den Jahren 1868 und 1882.

1868 Frankreich zählte: 1882
1084 Buchdruckereien 1722
1549 Lithographische Anstalten 1692
244 Kupfer- und Stahldruckereien 169
6001 Buchhandlungen 6134
423 Musikalienhandlungen 536
245 Kunsthandlungen 288
  Von diesen kommen auf Paris:  
83 Buchdruckereien 244
436 Lithographische Anstalten 495
160 Kupfer- und Stahldruckereien 92
1649 Buchhandlungen 1072
119 Musikalienhandlungen 105
126 Kunsthandlungen 98
  Ausserdem in Paris andere graphische Gewerbe:  
42 Schriftgiessereien und Stempelschneidereien 52
15 Stereotypien und galvanoplastische Anstalten 17
167 Gravieranstalten für Metall und Stein 156
64 Xylographische Anstalten 102
25 Buchdruckerei-Utensilienhandlungen 44
43 Maschinen- und Pressenfabrikanten 56
20 Farbefabriken 29
87 Papierhandlungen en gros 74
992 Papierhandlungen en détail 906
348 Buchbindereien und Broschieranstalten 343
40 Kolorier- und Vergolder-Anstalten 49
42 Inseraten-Bureaus 35
  Ausserhalb Paris stellen sich die Zahlen:  
1011 Buchdruckereien 1478
1197 Lithographische Anstalten 1274
4352 Buchhandlungen 5062
413 Musikalien- und Kunsthandlungen 621

Die pressgewerblichen Verhältnisse der Städte aufwärts von 50000 Einwohnern (die Hunderte in abgerundeten Zahlen) sind folgende:

Städte Einwohnerzahl Buchdrucker. Lithogr. Anstalten Buchhandl. Zeitschriften
Lyon 324000 32 52 100 67
Marseille 300000 36 33   45 66
Bordeaux 197500 31 71   91 54
Lille 178000 32 40   66 34
Toulouse 127000 19 20   56 51
Nantes 122500 10 13   49 29
Saint-Étienne 111000 13 21   16 13
Rouen 102500 10 13   35 20
Havre 100000 19   9   35 13
Roubaix   84000   6   5   15   5
Reims   82000   8 12   30 12
Toulon   77000   6   4   11 19
Nancy   72000 10   9   37 28
Brest   67000   3   4   15   4
Amiens   61000   9   6   23 13
Besançon   60000   9   9   13 23
Limoges   60000 10   8   23   8
Besançon   60000   7   8   21 21
Angers   58500   9   7   23 20
Montpellier   55500 19 10   26 16
Nizza   53500 10   4   23 22
Grenoble   51000   8   7   29 16
Le Mans   50000   8   3   25 15
Orléans   50000   7   4   49 29
Rennes   50000   7   7   20 17
Versailles   50000   5   3   32 25