Oxford.

Von den Buchdruckereien der beiden englischen Universitäten nimmt die in Oxford den bei weitem wichtigeren Platz ein. Nachdem sie von 1669–1713 in dem Sheldonian Theater installiert gewesen war, wurde sie in den Clarendonbau übergeführt und blieb dort, bis sie 1830 die schöne und geräumige Lokalität bezog, die sie jetzt noch innehat. Bei der Abgesondertheit von dem grossen Verkehr war es notwendig, alle Branchen, sogar Farbe- und Walzenfabrikation, zu vereinigen. Gebunden wurden die Bücher in der Universitätsbuchbinderei in London. Das Papier lieferte eine der Universität gehörende Fabrik in Wolvercote. Eine besonders gepflegte Spezialität war neben dem Bibeldruck die Herstellung orientalischer Werke. Die Druckerei erhielt seit der Clarendonschen Stiftung noch öfters wertvolle Dotationen, so z. B. 1785 eine von Lord Godolphin im Betrag von 5000 £ Sterl.

Cambridge.

Die Universitätsdruckerei in Cambridge, Pitt-Press genannt, befindet sich seit 1834, gerade drei Jahrhunderte nach ihrer Begründung, in einem neuen, im Stil des XV. Jahrhunderts, erbauten kirchenähnlichen Gebäude, das 1860 erweitert wurde. Die Kosten wurden zumteil aus den Überschüssen des zu einem Denkmal für William Pitt gesammelten Fonds bestritten. Die Offizin kann sich an Bedeutung für die Wissenschaft zwar nicht mit der Clarendon-Press in Oxford messen, hat jedoch in neuerer Zeit einen raschen Aufschwung genommen, welcher namentlich C. J. Clay, seit 1856 Direktor und Teilnehmer sowohl des Cambridger als des Londoner Geschäfts der Universität, zuzuschreiben ist.

Edinburgh.

In Edinburgh, dem „Neuen Athen“, herrschte zu Beginn des laufenden Jahrhunderts ein sehr bewegtes litterarisches und typographisch-bibliopolisches Leben.

James Balantyne * 1772, † 16. Juni 1821

Der bekannteste Buchdrucker war dort James Balantyne[58]. Nachdem er der Jurisprudenz, seinem vorherigen Berufe, Lebewohl gesagt hatte, etablierte er in seiner Vaterstadt Kelso eine Buchdruckerei. Ein Zufall brachte ihn auf einer Reise mit seinem früheren Schulkameraden Walter Scott zusammen, woraus eine, für beide erst glänzende, dann verhängnisvolle Geschäfts-Verbindung entstand. Die von Balantyne gedruckte Ausgabe der Balladen Walter Scotts erregte durch ihre schöne Ausstattung solche Aufmerksamkeit, dass man Balantyne veranlasste, nach Edinburgh überzusiedeln. Seine Offizin nannte er The Border-Press, nach dem Werke Scotts Minstrelsy of the Scottish Border. Bis 1826 druckte er nun alle Werke Walter Scotts, der Teilhaber der Druckerei und des wöchentlich erscheinenden Edinburgh Journal wurde. Walter Scott sowohl als sein Drucker erlitten — wie es kam, ist nicht ganz aufgeklärt — einen gemeinschaftlichen finanziellen Ruin. Thatsache ist, dass ihre Freundschaft diesen überlebte. Balantyne war auch ein von Walter Scott gern gehörter Kritiker, der mit grosser Sorgfalt und vielem Verständnis die manchmal flüchtigen Manuskripte des Dichters verbesserte.

Die letzte Veranlassung zu der erwähnten Katastrophe gab der plötzliche Fall des Verlegers Walter Scotts Archibald Constable, der zugleich Verleger der Encyclopaedia Britannica geworden und 1802 das Edinburgh Review begründet hatte, welche Werke später alle auf A. Ch. Black übergingen.

A. Black * 1784.

Der Begründer dieser Firma war Adam Black im Verein mit seinem Neffen Charles Black. Das Edinburgh Review erwarben sie 1826 gemeinschaftlich mit Th. N. Longman, allein kauften sie die Encyclopaedia Britannica, die eine glänzende Aufnahme fand. Die Kosten der 1842 beendigten siebenten Auflage, 21 Bände in Quarto, betrugen über 2½ Millionen Mark; 1851 wurden Blacks Besitzer des Verlagsrechtes auf Scotts Romane.

Ebenfalls einen bedeutenden Ruf hatten die Firmen W. Blackwood & Sons und R. & W. Chambers.

Blackwood d. ä. * 20. Dez. 1776, † 16. Sept. 1834.
Blackwood d. j. * 7. Dez. 1818, † 29. Okt. 1879.

Erstere wurde von William Blackwood 1804 begründet. Blackwood trieb erst Antiquariatsgeschäfte; 1811 fing er an zu verlegen. Das 1817 begonnene Edinburgh Monthly Magazine wollte nicht „ziehen“. Nach sechs Nummern erschien als Nr. 7 Blackwoods Magazine, das sofort Beifall fand. 1827 wurde die Edinburgh Cyclopaedia in 18 Bänden vollendet. Der Sohn Will. Blackwood, der von 1840–1845 das Londoner Geschäft der Firma verwaltet hatte, dann aber nach Edinburgh gezogen war, redigierte das Magazin bis zu seinem Tode mit der äussersten Sorgfalt[59].

W. Chambers * 1800.
Rob. Chambers * 4. Febr. 1802, † 17. Mai 1871.

Vor etwa sechzig Jahren gründeten die Brüder William und Robert Chambers erst eine Buchhandlung und dann eine Buchdruckerei mit einem Kapital von 3 £ Sterl., einem halben Zentner Schrift und einer elenden Holzpresse in der Absicht, gute und billige Bücher zu drucken. Tüchtigkeit und Energie brachten das Geschäft rasch in die Höhe. Am 4. Februar 1832 wurde das heute noch blühende Chambers Edinburgh Journal, das sofort 50000 Abnehmer fand, und 1845 deren 90000 zählte, gegründet. Dieses Journal, das vier Wochen vor dem Penny Magazine begann, hat sehr viel zu der Bildung des englischen Publikums beigetragen. 1844 begann Rob. Chambers ein höchst verdienstliches Werk: Cyclopaedia of English Litterature, enthaltend Biographien und kritische Charakteristiken von 832 Autoren nebst Proben ihrer Werke. 130000 Exemplare davon wurden in England verbreitet, eine nicht geringere Anzahl in Amerika[60].

Buchdrucker in der Provinz.

Von den bedeutenden Buchdruckern Edinburghs in neuester Zeit nennen wir Nelson & Co. mit ihrer grossen, sehr praktisch eingerichteten Offizin und W. C. Blackie & Co., namentlich in Accidenzien bedeutend. Unter den Buchdruckern der Provinz zeichnet sich Stephan Austin in Hereford durch seine schönen orientalischen Drucke aus. John Heywood in Manchester besitzt vier Etablissements von grösster Ausdehnung, namentlich für die Stationery. Durch ein kleines Werkchen: The bona fide Pocket Dictionary hat sich John Bellow in Gloucester einen Namen unter den Meistern aller Zeiten erworben. Die zu dem Büchlein verwendete Schrift, nur 3⅜ typographische Punkte gross, schnitten Millar & Richard in Edinburgh und London.


Die Zeitungspresse.

Am staunenswertesten ist die Entwickelung, welche die Zeitungspresse trotz des erschwerenden Zeitungsstempels nahm. 1761 wurde letzterer auf einen Penny, 1776 auf anderthalb, 1789 auf zwei Pence festgestellt; 1794 musste der ganze Bogen drittehalb, 1799 viertehalb, schliesslich gar vier Pence zahlen. Im Jahre 1833 brachte diese Steuer dem Staate gegen 10½ Millionen Mark ein, zu welchen die Times allein zeitweilig über zwei beizutragen hatten. Für jedes Inserat musste 3 sh 6 d Abgabe gezahlt werden, infolge dessen die kleinste Bekanntmachung mit 7 sh berechnet wurde. Jede Zeitungsnummer kostete gewöhnlich 7 Pence.

Die Times.

Es ist nicht hier die Aufgabe, die Entwickelung des Zeitungswesens Schritt für Schritt zu verfolgen, geboten scheint es jedoch, in einem Handbuch der Buchdruckerkunst wenigstens der historisch gewordenen Offizin der Times, welche für alle folgenden grossartigen Zeitungsoffizinen als Muster galt, einige Worte zu widmen, um so mehr, als die Besitzer immer voran waren, wenn es galt, neue Erfindungen zu benutzen oder selbst die Initiative zu solchen zu ergreifen.

John Walter d. ä.

Der Begründer der Times, John Walter d. ä., war ein bedeutender Kohlenhändler. Als er sich vom Geschäft zurückgezogen hatte, verlor er als Beteiligter bei Schiffsassekuranzen sein ganzes Vermögen, nicht aber den Ruf eines braven und redlichen Mannes. Zum Glück für den Journalismus wurde durch einen Ministerwechsel seine Hoffnung auf eine Staatsanstellung zunichte. Damals führte ihn der Zufall mit einem Setzer Henry Johnson, einem Schwärmer für ein ihm patentiertes Logotypsystem, zusammen. Walter erwarb dessen Patent, modifizierte das System jedoch so wesentlich, dass man es wohl als „System Walter“ bezeichnen kann. Die Typen wurden wie andere, jedoch etwas niedriger als üblich, gegossen, durch Untergiessen von Metall verbunden und auf die richtige Höhe gebracht. Walter etablierte sich nun als Logographic Printer und wurde von Benjamin Franklin und Sir Josuah Banks, Präsident der Gesellschaft der Wissenschaften, aufgemuntert. Er selbst nährte die ausschweifendsten Hoffnungen in betreff der Erfolge und teilte die Menschheit in zwei Klassen, Freunde und Feinde der Logotypen. In jedem, der Zweifel an seinem System hegte, erblickte er einen persönlichen Feind, so in dem bisher mit ihm eng befreundeten Schriftgiesser Caslon und dem berühmten Buchdrucker John Nicol. Der gekränkte Walter wollte, nachdem er es bereits mit einem Büchlein: Gabriel, the Outcast, versucht hatte, nun auch der Welt zeigen, dass man Zeitungen mit Logotypen zweckmässig herstellen könne. Am 1. Januar 1785 erschien Nr. 1 des Daily Universal Register. Es fand jedoch keinen grossen Beifall und mit dem 1. Januar 1788 wurde der Titel in Times umgeändert, deren erste Nummer jedoch in der angefangenen Reihenfolge weiter als Nr. 940 erschien.

So war der Anfang der Times, die später zwar den Besitzern reichen Segen, anfänglich jedoch schwere Sorgen brachten. Das Logotypsystem wurde von Walter selbst als unpraktisch über Bord geworfen.

John Walter II.

Dem alten Walter folgte der Sohn John Walter ii. Denselben klaren Blick, welcher ihn sofort sich der Erfindung Friedr. Königs bemächtigen liess, zeigte er auch in allen anderen Verhältnissen. Es giebt Zeitungen mit einer weit grösseren Auflage, als die Times sie je gehabt, aber kein Blatt hat je eine bedeutsamere Stellung eingenommen. Sie wurden eine förmliche Macht, auf deren Stimmabgabe Behörden, Richter, die Vertreter des Handels und der Industrie spannten und mit der Regierungen wie mit einer gleichberechtigten unterhandelten. Jeder Engländer betrachtete dieses Institut wie einen Teil seines eigenen Ichs und eine Schädigung desselben wie eine ihm selbst zugefügte. Kein Fremder, der nach London kam, vergass, wenn er die Erlaubnis zu einem Besuch in der Offizin im Printinghouse-Square erhielt, einen solchen abzustatten.

Die neue Times-Druckerei.

Doch diese historisch berühmten Räume wurden dem Blatt nach und nach zu eng und mussten durch Neubauten ersetzt werden. Die Hauptfaçade derselben, in einer Länge von 100 englischen Fuss und einer Höhe von 60 Fuss, die für den breiten Giebelteil auf 80 Fuss steigt, liegt nach der Victoriastrasse. Das Kellergeschoss bildet einen grossen, 16 Fuss hohen Raum und ist ausschliesslich dem Bau der „Waltermaschine“ gewidmet. Das Gebäude, von roten und gelben polierten Ziegeln aufgeführt, enthält ausserdem noch ein Parterre und vier Stockwerke; jede Etage hat neun halbbogenförmige Fenster. Der Eingang, architektonisch reich geschmückt, in gehauenen Steinen ausgeführt und mit Bogen, die auf polierten Granitsäulen ruhen, befindet sich an dem westlichen Ende. Ein vier Fuss hoher Karnies aus gehauenen Steinen wird durch den Giebelbau, der fast zweidrittel der Länge einnimmt, unterbrochen. Als Ausschmückung sind auf diesem drei grosse offene Bücher, von reichem Eichenlaub mit Eicheln umgeben, angebracht. Auf dem mittelsten derselben ist mit grossen schwarzen Buchstaben zu lesen: Times; auf dem links: Past Times; auf dem rechts: Future.

Die Times haben direkte Drähte von Wien, Berlin und Paris. Mit den Sälen der Parlamentshäuser stehen sie durch telephonische Leitung in Verbindung. Das Endstück in der Offizin ist mit zwei Tuben versehen, welche an den Ohren des an der Kastenbeinschen Setzmaschine arbeitenden Setzers angebracht sind. Der Reporter spricht ihm die Verhandlungen zu, der Setzer spielt sie auf seinem Klavier ab, und der Satz ist fertig. Man hat dabei alle die Vorteile des mündlichen Verkehrs, um Nichtverstandenes zu wiederholen und Missverstandenes aufzuklären. Gegen die bisherige telegraphische Verständigung bietet die telephonische den Vorteil, dass die Wiedergabe der Berichte über die in der Nacht stattfindenden Parlaments-Debatten fast um eine Stunde weiter reichen kann, als früher der Fall war.

John Delane.

Von 1841–1879 leitete John Thaddeus Delane das Blatt als Hauptredacteur mit grossem Geschick und feinem Takt, ohne jedoch bei der Herausgabe litterarisch thätig einzugreifen. Wenn man die Times so oft als das „leitende Blatt“ bezeichnet, so ist dies insofern vielleicht nicht ganz korrekt, als sie nicht den Anspruch erheben, die öffentliche Meinung zu „machen“. Ihr Hauptverdienst ist, rasch und sicher zu fühlen, was die öffentliche Meinung will, und dies dann bestimmt auszusprechen, oft ehe sich das Publikum selbst darüber recht klar geworden ist. Ihre Ansichten gegen den Strom durchsetzen wollen die Times nicht, und deshalb sind oft Vorwürfe gegen dieselben erhoben worden, als hätten sie einen nachteiligen Einfluss auf den englischen Volksgeist und die englische Politik geübt. Damit haben wir es jedoch hier nicht zu thun; als Institution des Buchgewerbes muss den Times unbedingte Bewunderung ausgesprochen werden und es mögen die von Sir Ed. Lytton Bulwer im Parlament gesprochenen Worte noch hier stehen: „Wenn ich in der Lage wäre, ein Denkmal unserer Civilisation der späteren Nachwelt hinterlassen zu müssen, so würde ich nicht in erster Reihe unsere Docks, unsere Eisenbahnen, nicht unsere öffentlichen Gebäude, selbst nicht den Prachtbau, in welchem wir tagen; ich würde einen Band der Times wählen“. John Walter II. speziell muss jeder Deutsche seine Achtung zollen wegen der Art und Weise, wie er für Friedr. König eintrat. Ohne den festen Rückhalt, den letzterer an Walter fand, wäre er wahrscheinlich, als ein zweiter Gutenberg, in den Händen kleinlicher Geldmenschen, verkümmert.

Das Fallen der Stempelsteuer.

Das Sinken der fesselnden Steuer auf Zeitungen ging rascher als das Steigen. 1851 war sie ganz abgeschafft, 1861 die Papiersteuer. Jetzt stand der Entwickelung einer wohlfeileren Zeitungspresse, dem sogenannten Monopol der Times gegenüber, nichts im Wege, und man verfehlte nicht, rasch von der Lage Gebrauch zu machen. Zwar fehlte es nicht an ängstlichen Gemütern, welche gerade in den Erleichterungen einen Ruin der „guten Presse“ und ein Heraufbeschwören der bösen Geister erblickten. Diese Stimmen sind durch die mit den Times um den Einfluss kämpfenden Penny-Blätter zum Schweigen gebracht und noch jetzt gelten die Worte Macaulays: „Während eines Zeitraums von 170 Jahren ist die Freiheit unserer Presse immer vollständiger geworden und während dieser 170 Jahre ist die Beschränkung, welche das allgemeine Urteil der Leser den Schriftstellern auferlegt, immer strenger geworden. Noch heutzutage sind Fremde vollständig ausser Stande, zu begreifen, wie es geschehen kann, dass die freieste Presse in Europa zugleich die rücksichtsvollste ist.“


Statistik der Zeitungspresse.

Was die Zahl der Organe betrifft, steht die englische Zeitungspresse nicht nur weit hinter Amerika, sondern selbst gegen Deutschland und Frankreich zurück, ihre Macht ist jedoch nicht in der Zahl, sondern in dem Umfang, der Reichhaltigkeit und der starken Verbreitung der Zeitungen zu suchen[61].

Im Jahre 1881 hatte Grossbritannien 1986 Zeitschriften, von welchen 378 in London, 1087 in der Provinz, 66 in Wales, 181 in Schottland, 181 in Irland und 20 auf den Kanalinseln erschienen. Unter diesen waren nur 153 Tagesblätter, von welchen 18 London, 94 der Provinz, 3 Wales, 21 Schottland, 16 Irland, 1 den Kanalinseln gehörten. 69 derselben kosteten nur 1/2 Penny, 70 1 Penny, die übrigen waren im Preise verschieden bis zu 3 Pence. Die Post allein versandte im Jahre 1880 131 Millionen Zeitungsblätter, was jedoch nur einen Bruchteil des Konsums, namentlich der Wochenblätter, repräsentiert. Der Daily Telegraph druckte eine amtlich beglaubigte Auflage von täglich 242215 Exemplaren im Durchschnitt; der Standard versandte 209555 Exemplare. Das macht für die zwei Blätter jährlich 135531000 Nummern, während die Gesamtzahl aller Tageszeitungen im Jahre 1851 nur 18 Millionen erreichte, zu welchen die Times allein etwa zweidrittel beitrugen. 1821 brachten es alle Zeitungen und Zeitschriften zusammen auf gegen 25 Millionen Nummern, heute beträgt die Jahressumme Einer Wochenschrift: Lloyds Weekly, bei einer Durchschnitts-Auflage von 612902 Exemplaren, 32 Millionen.

Und dabei, welchen Umfang haben die jetzigen Zeitungen! An einem aufs Geratewohl gewählten Tage, dem 13. Mai 1880, wiesen Times 120 ihrer Riesenspalten auf, davon 80 mit Anzeigen. Daily Telegraph hatte 96 Spalten, von welchen die Inserate 62 in Anspruch nahmen. Daily News und Standard brachten je 64 Spalten, erstere 36 Anzeigenspalten, letzterer 28. Eine Nummer eines Provinzialblattes, The Scottsman in Edinburgh, bestand aus 112 Spalten in Folio mit 33000 Zeilen und über 2 Millionen Buchstaben, etwa doppelt so viel, als ein dreibändiger Roman enthält.

Das Anzeigewesen ist sehr praktisch eingerichtet und man kennt in England nicht das Übermass von Accidenzschriften, Abbildungen u. dgl., von welchem der Inseratenteil der deutschen Zeitungen strotzt. Der Preis einer Inseratzeile ist gewöhnlich 1 sh.

Der telegraphische Verkehr.

Von enormer Bedeutung ist der telegraphische Verkehr der Zeitungen. Es gab eine Zeit, wo die Tagespresse sich rühmte, jetzt nur fünf Monate für die Herbeischaffung von Nachrichten aus Gegenden zu gebrauchen, wozu früher dreizehn Monate gehört hatten. Am 1. Oktober 1880 war 23 Minuten nach der Eröffnung der Welt-Ausstellung in Melbourne die Nachricht davon bereits von Reuters Bureau in London gedruckt ausgegeben, obwohl die Depesche fast durch ein Dutzend Linien hatte gehen müssen.

Im Jahre 1880 wurden 313500000 Wörter für die Zeitungen in England telegraphiert. In einer Nacht beförderte das Hauptamt in London oft 100000 Wörter, wobei der bedeutende Verkehr der Privatleitungen der Zeitungen nicht gerechnet ist.

Grosse Summen werden von englischen Blättern auch auf die Spezialkorrespondenten verwendet, die ebenfalls mit Telegrammen nicht sparsam sind. So erzählt man von einem Korrespondenten in Paris, dass er, um für eine zu erwartende wichtige Nachricht sich die Benutzung des Drahtes vorher zu sichern, stundenlang ganze Kapitel aus der Bibel telegraphiert habe.


Statistik der Buchdruckerei.

Die Anzahl der Buchdruckereien in Grossbritannien wird auf 4000 geschätzt. England besitzt eine verhältnismässig kleinere Zahl von Schnellpressen, was sich durch die grosse Leistungsfähigkeit der neuen Rotationsmaschinen erklärt. Rechnet man die graphischen Nebengeschäfte mit, so ist die Zahl der direkt und indirekt dem Pressgewerbe angehörenden eine enorme. London allein zählte im Jahre 1881 871 Druckereien, 60 Schriftgiessereien, Stereotyp- und galvanische Anstalten, 74 Maschinen- und Utensilien-Fabriken, 32 Farbe- und Walzenfabriken, 231 lithographische Anstalten, 80 Kupferdruckereien, gegen 2000 Papierhandlungen, 400 Buchbindereien, 850 Sortimentshandlungen, 460 Buch- und Musikalienverleger, 950 Zeitungshandlungen, 130 Inseratagenturen.

Da viele Geschäfte 300–1000 Personen beschäftigen, so ist das Heer der Arbeiter ein mächtiges. Im Jahr 1882 betrug die Zahl der Mitglieder des Londoner Setzer-Vereins 4960; die Einnahme war 10000 £ Sterl., das Einkommen der verschiedenen Gehülfen-Organisationen bezifferte sich im ganzen auf 257439 £ Sterl., die Fonds betrugen 272413 £ Sterl.

Die Frauen als Setzerinnen.

Die Versuche, Frauen als Setzerinnen auszubilden, haben keine bedeutenden Erfolge gehabt. Miss Emily Faithfull, die Gründerin der seit 1858 bestehenden „Victoria-Druckerei“, gab 1880 ihren Posten auf. Nur bei den Setzmaschinen finden Frauen in grösserer Zahl Beschäftigung.

Arbeitsweise.

In den grossen Buchdruckereien werden die Arbeiten in fabelhaft kurzen Fristen ausgeführt und das vorhandene Material ist ein enormes. Umfangreiche Werke in mehreren Bänden bleiben oft in Formen geschlossen stehen, bis über einen etwaigen Neudruck entschieden wird. Solche Arbeiten müssen selbstverständlich den Anforderungen entsprechend bezahlt werden, während gewöhnliche, die mit Musse betrieben werden können, billig zu haben sind. Hierbei zeigt sich so recht der geschäftliche Vorteil, der darin liegt, erstens nur eine Druckschrift nötig zu haben, und dann nicht von dem individuellen Geschmack eines jeden Bestellers abhängig zu sein, wie es in Deutschland der Fall ist, wo, abgesehen von Fraktur oder Antiqua, bald eine breite, dann eine schmale, bald eine runde, dann eine eckige Schrift verlangt wird, stets natürlich zugleich eine neue.

Für seine wirkliche Arbeit wird der englische Setzer gut bezahlt, den „Speck“ der deutschen Buchdruckereien kennt er nicht. Die Setzer teilen sich in Establishment hands (oder Stabhands), die den festen Stamm bilden und im festen Gelde arbeiten; Full framers, die nach Stück bezahlt werden und in der Regel auch tüchtige Arbeiter sind; Suppers, die nur volle Arbeit haben, wenn das Geschäft flott geht, denen jedoch ein Minimum garantiert wird; und Grasscutters, die täglich nachfragen, ob augenblicklich Arbeit vorhanden ist.

Die Lokale sind in der Regel nicht besonders bequem eingerichtet, weil der Raum ein sehr kostspieliger, so dass in dem von einer deutschen Buchdruckerei in Anspruch genommenen eine englische Druckerei des doppelten Umfanges Platz finden würde.


Die Accidenzarbeiten.

Eine enorme Quantität von Arbeiten zu einem Betrage von jährlich etwa 10 Mill. Mark absorbiert der Staat. Als Beispiel übernahm eine Firma, McCorquodale & Co., eine Lieferung von 2610 verschiedenen Regierungsaccidenzen, in Auflagen, die von 10 bis zu 300000 Exemplaren variierten, ausserdem eine von 40 Millionen Briefcouverts. Die Firma beschäftigte in sechs enormen Offizinen an verschiedenen Orten gegen 2000 Personen und etwa 550 Maschinen aller Art fast nur mit Regierungs- und Eisenbahn-Arbeiten. Eine andere Firma, Harrison & Co., erhielt auf einmal eine Bestellung auf 137 Millionen Telegrammformulare. Grosse Summen setzt jedesmal eine Parlamentswahl in Umlauf. Die beiden Parlamentshäuser beanspruchen für ihre jährlichen Druckarbeiten etwa 1500000 Mark. Die Bank von England druckte im Laufe eines Jahres 15000000 Noten zu einem Geldwert von 338 Millionen £ Sterl. Die Druckarbeiten der Bank mehren sich bedeutend dadurch, dass sie eine an sie zurückgekehrte Banknote, und wenn sie nur eine Stunde in Zirkulation gewesen, nie wieder ausgiebt. Eine solche wird ungiltig gemacht und fünf Jahre aufgehoben. In dieser Weise liegen bis gegen 100 Millionen Noten in einer Weise geordnet, dass eine etwa zur Stelle gewünschte im Augenblick zu finden ist.

Ansehen des Pressgewerbes.

In welcher hohen Achtung das Pressgewerbe in England steht, zeigte unter anderem die imposante Caxtonfeier in London im Jahre 1877 mit ihrer interessanten Ausstellung[62]. In Ermangelung eines Portraits von Caxton beschloss man, von einer Statue zu seiner Erinnerung abzusehen, und stiftete in der Margarethenkirche in Westminster, nahe dem Schauplatz seiner Thätigkeit, ein gemaltes Fenster. Als ein fernerer Beweis von der bedeutenden Stellung der Pressgewerbe muss auch betrachtet werden, dass schnell hintereinander drei Ausüber derselben: der Schriftgiesser Besley, der Buchdrucker Sidney Waterlow und der Drucker und Stationer Francis Truscott das angesehenste bürgerliche Ehrenamt der Welt, das eines Lord Mayors von London, bekleidet haben; es spricht zugleich für den Flor des Geschäfts, denn es ist ein mit grossen Ausgaben verbundenes Amt. Den Kostenanteil für „seinen Tag“ muss der Lord Mayor auf 50000 Mark anschlagen, und es heisst, Sir Truscott habe für die Zeit seiner Amtsführung eine Summe von 10000 Mark wöchentlich als Repräsentationskosten ausgeworfen.


Der Buchhandel.

Der Buchhandel, ohne welchen die Buchdruckerei nicht die eigentliche Blüte erreichen kann, nahm in England, besonders in London, mächtige Dimensionen an und weist eine Reihe der intelligentesten und bedeutendsten Verleger auf. Im allgemeinen ist der Buchhandel weit einfacher organisiert, als in Deutschland. Der Verlagsbuchhändler beschäftigt sich selten mit Buchdruckerei und anderen Nebengeschäften und zersplittert nicht seine Kräfte, behält damit den freien Blick und kann jede Konjunktur rasch benutzen. Kommissions- und Halbpartgeschäfte kommen oft vor, während berühmte Autoren grossartige Honorare beziehen. Der Absatz eines Buches ist rasch durch die mit einem splendiden Diner verbundenen Verlagsauktionen und die Subskriptionen der Zwischenhändler und grossen Leihbibliotheken entschieden. Eine der letzteren, die von Muddie, welche die grösste ist, nimmt nicht selten 1–2000 Exemplare von einem hervorragenden Werke. Durch das Alleinrecht des Verkaufs auf allen Eisenbahnstationen spinnt die grosse Zeitungsanstalt und Buchhandlung von Smith & Son ihre Fäden über das ganze Land. Mit einer Abonnementskarte von ihnen versehen, kann man überall auf den Stationen Bücher leihen und sie wieder auf jeder beliebigen Station abgeben. Die sogenannten Wholesale-booksellers, unter welchen Marshal & Co. die bedeutendsten sind, versehen die eigentlichen Sortimentshändler (Retaillers), welche in der Regel ihren Bedarf nur aus einer Hand beziehen. Bedeutenden Anteil an dem Absatz haben die Stationers (Schreibmaterialienhändler) und die vielen Secondhand-Booksellers. Das deutsche System mit seinen Kommissionssendungen kennt man nicht, weshalb auch die Buchläden in den kleineren Städten nicht so gut assortiert sind, wie dies in Deutschland der Fall ist.

Im Laufe eines Jahres erscheinen zwischen 5–6000 Werke (1881, neue Auflagen ungerechnet, 5406), darunter eine bedeutende Zahl der schönsten illustrierten Reisewerke, Prachtausgaben der englischen Klassiker, philologischen, theologischen und Geschichtswerke und eine grosse Menge von Romanen. Die Zahl ist, wie bei den Zeitungen, eine viel kleinere, als in Deutschland; aber man muss, wie bei diesen, nicht bloss zählen, sondern auch wägen, sowohl was Umfang, als was Auflage betrifft.

Die Stationers Company.

Gegen Nachdruck schützt die Eintragung in die Rolle der Stationers Company und die Abgabe von 5 Pflichtexemplaren. Der Schutz gilt für 42 Jahre — jedenfalls bis zum Tode des Verfassers und 7 Jahre nach demselben. Vor dem Jahre 1709 ist es nicht zu ermitteln, wie viel Bücher jährlich in die Rolle der Stationers Hall eingetragen wurden. Von 1709–1766 betrug die Durchschnittszahl ungefähr 50; im Jahre 1732 war die Zahl auf die tiefste Stufe, 17, gefallen. Beim Beginn dieses Jahrhunderts hatte sie sich wieder auf 3–400 gehoben; 1814 auf 541; 1815 auf 1244; von da ab und bis 1826 blieb die Durchschnittszahl etwa 1000.

Ausfuhr.

Der Absatz des Buchhandels nach dem Ausland übersteigt 20 Millionen Mark, der der Stationary-Artikel wird auf etwa 14 Millionen, des Papiers auf etwa 16 Millionen gerechnet. Fügt man noch den Umsatz in Druckfarbe und Druckmaschinen hinzu, so wird die Gesamtausfuhr von allen zu dem Druckgewerbe gehörenden Gegenständen die Summe von 60 Millionen Mark nicht unbedeutend übersteigen.

Die Fachpresse.
J. M. Powell * 2. Juni 1822, † 17. Sept. 1874.

Unter den Blättern der Fachpresse, die sich zunächst mit der Typographie beschäftigen, nehmen namentlich zwei eine bedeutende Stellung ein. Joseph Martin Powell gab seit dem Jahre 1863, unter dem Titel Printers Register, ein Fachblatt heraus, welches viele Verdienste, namentlich um die Förderung der Maschinen-Fabrikation, hat und oft die Maschinenbauer zu Erfindungen anregte. Das Blatt wird jetzt von Powells ältestem Sohne Arthur geleitet. Eine mehr ideelle und theoretische Richtung verfolgt The Printer and the Lithographer, welches Blatt die Firma Wyman & Son verlegt und mit vielem Geschick und Geschmack redigiert. Es bringt hauptsächlich sehr ausführliche belehrende Artikel, aus welchen, zu besonderen Lehrbüchern gesammelt, bereits manches tüchtige Werk entstanden ist. Auch das Printers Register lieferte solche Artikelreihen. Ein Vorzug der englischen Pressorgane ist, dass sie sich hauptsächlich nur mit dem Technischen abgeben, und die sozialen Verhältnisse und die darin einschlagenden Kontroversen nur leise berühren und alles vermeiden, was zu einem gehässigen Federkrieg Veranlassung geben könnte.

Im Interesse des Buchhandels erscheinen das vierzehntägige Publishers Circular (gegründet 1837) und der monatliche The Bookseller (gegründet 1838), seit 1860 mit dem, 1802 begonnenen, Bents Literary Advertiser vereinigt. Der von Whitaker herausgegebene Reference-Catalogue of current Literature giebt in der Form von Verlagskatalogen eine Übersicht der gangbarsten litterarischen Erscheinungen Englands.


Die Annuals.
R. Ackermann * 30. April 1764, † 26. März 1834.

Eine Episode in dem englischen Buchhandel bildet die Herausgabe der illustrierten Annuals, hervorgerufen 1822 durch den Kunsthändler Rudolph Ackermann. Geboren zu Stollberg, kam er als einfacher Sattlergehülfe nach London. Erst erwarb er durch seine Zeichnungen Aufmerksamkeit, dann wurde er Kunsthändler und Verleger bedeutender Prachtwerke. Die später so beliebten Taschenbücher wurden von diesem „Vater der Almanache“ mit dem Forget me not zuerst in Scene gesetzt und eine Reihe von Jahren hindurch von den besten künstlerischen Kräften Englands unterstützt[63]. Mit Heaths Book of Beauty wurde 1833 eine Reihe von poetischen Werken von Klassikern und neueren Schriftstellern mit Illustrationen sowohl in Stahlstich wie in Holzschnitt begonnen, denen eine grosse Anzahl von illustrierten geographischen und ethnographischen Werken folgte. Als Drucker und Herausgeber solcher machte sich namentlich Henry Fischer bekannt.

Gereicht schon die Herstellung schöner Luxuswerke den englischen Buchhändlern und Buchdruckern zur Ehre, so gebührt ihnen eine noch grössere Anerkennung, weil sie allen anderen Nationen vorangegangen sind, als es sich darum handelte, die Verbindung der Xylographie mit der Typographie zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse und allgemeiner Bildung selbst in Kreisen der nicht mit Glücksgütern Gesegneten zu benutzen. Das Penny Magazine, später die Illustrated London News, sind massgebend geworden für die ähnlichen Erscheinungen aller anderen Länder.

Das Penny Magazine.

Das epochemachende Ereignis des Erscheinens der ersten Penny Magazine-Nummer fand am 1. April 1832 statt. Charles Knight[64], der bekannte Buchhändler und Schriftsteller, war der geistige Urheber des Unternehmens, welches von der Society for the diffusion of usefull knowledge ausging; gedruckt wurde das Blatt bei Clowes. Von den Nummern 1–106 fanden 20 Millionen Exemplare Verbreitung. Die gewöhnliche Auflage war 200000. Im Jahre 1780 schätzte Edm. Burke die Gesamtzahl der Leser in England auf 80000; 1833 zählte das Penny Magazine allein jedoch deren mehr als eine Million[65]. Zwei Applegath- und Cowpersche Maschinen verrichteten in zehn Tagen die Arbeit, zu welcher zwei Drucker an der Handpresse ein halbes Jahr nötig gehabt haben würden, in Clowes' Buchdruckerei, die mit 18 Schnellpressen und 15 Handpressen und einem wöchentlichen Papierverbrauch von 2000 Ries, neben der Times-Druckerei, geradezu ein Weltwunder war.

Ch. Knight.

Ganz abgesehen von dem durch das Penny Magazine geübten Einfluss erwarb sich Charles Knight grosse Verdienste durch eine Reihe von ihm veröffentlichter, zumteil von ihm geschriebener oder herausgegebener populärer illustrierter Unternehmungen, unter welchen The Library of Entertaining Knowledge, 43 Bde.; The Penny Cyclopaedia, 1833–1858, 30 Bde.; die Shillings Volumes, 186 Bde.; The English Cyclopaedia, 23 Bde.; Popular History of England, 8 Bde.; Pictorial Bible, 4 Bde., u. a. m. hervorzuheben sind.

Die illustrierten Zeitungen.

Waren die Herausgeber des Penny Magazine und ähnlicher Blätter hauptsächlich bemüht, allgemein nützliche Kenntnisse unter dem Volke zu verbreiten, so versuchten als Bahnbrecher die Illustrated London News, begründet von Cook & Ingram, die Tagesgeschichte in den Bereich der Illustration zu ziehen. Mit ihrer ersten Nummer vom 14. Mai 1842 beginnt eine illustrierte Geschichte der Gegenwart von grossem Wert, der mit den Jahren noch steigt. Die gewöhnliche Auflage ist etwa 100000 Exemplare. Viele Versuche wurden gemacht, dem Blatte Konkurrenz zu machen, jedoch nur The Graphic gelang es auf die Dauer, sich neben der älteren Schwester in der Gunst des Publikums zu halten. Die Weihnachtsnummern beider Zeitschriften werden mit einem Kostenaufwande von je 300000 Mark in etwa 400000 Exemplaren gedruckt. Grosse Verbreitung erreichten auch die vielen illustrierten technischen und Modeblätter. In der humoristischen Zeitungspresse trug der Holzschnitt den Sieg über die Radierung, deren hauptsächlichster Vertreter George Cruikshank (geb. 1792, gest. 1878) war, davon; der Punch, begründet 1841, behielt seine Popularität bis auf den heutigen Tag.


Den hauptsächlichsten Schauplatz des pressgewerblichen Lebens und Treibens in London bildeten von der ältesten Zeit bis auf heute Fleet-Street, St. Pauls Church-Yard, Farringdon-Street, Printinghouse-Square und Paternoster-Row. Letztere wird bereits 1367 genannt, kam aber namentlich nach dem grossen Brande im Jahre 1666 in Aufnahme und wurde in der letzten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts besonders fashionable als Sitz der grossen Verlagshandlungen, während Fleet-Street vorzugsweise dem Journalismus und den Buchdruckereien Obdach bot. Hier reihen sich als Glieder einer ununterbrochenen Kette an einander Druckoffizinen, Zeitungsbüreaus, Telegraphenstationen, Inseratagenturen, Associationen der Presse, Sortiments-, Zeitungs-, Stationers-Laden und andere Geschäfte, die mehr oder weniger mit der Typographie in Verbindung stehen. Hier hat auch der Londoner Setzer-Verein sein Büreau, und je nach dem grossen oder kleinen Belagerungszustand, in welchem die Zugänge zu diesem sich befinden, kann man mit Sicherheit auf den Gang des Londoner Geschäfts schliessen.

Es würde, ohne die gesteckten Grenzen zu sehr zu überschreiten, nicht möglich sein, alle grossen Druck- und Verlagsfirmen aufzuführen[66]. Ausser den bereits an anderen Orten genannten seien nur einige erwähnt. Eine mächtige Zahl von Zeitschriften drucken Spottiswoode & Co.; Accidenzien Spottiswoode & Eyre, Harrison & Co. Als Hersteller von Wertpapieren und kaufmännischen Arbeiten sind bedeutend Wilkinson & Co., Waterlow & Sons[67] und Blades, East und Blades. Der Senior dieser Firma William Blades ist namentlich durch seine typographisch-litterarischen Arbeiten bekannt, vorzugsweise durch seine klassische Biographie Caxtons, zu dessen Popularität in England Blades viel beigetragen hat. Sein neuestes Werk ist eine Medallic History of Printing mit vielen Abbildungen[68], das zuerst in den Printing-Times erschien. Eine der jüngeren Offizinen, die in kurzer Zeit riesenhafte Dimensionen angenommen J. Cassell * 23. Jan. 1817, † 1. Apr. 1865.hat, ist die von Cassell, Petter & Co. Der Gründer John Cassell war erst Zimmermann und lernte in den Werkstätten die geistigen Bedürfnisse der Arbeiter kennen. Als The Total Abstinance-Bewegung 1833 entstand, war er erst ein begeisterter Reise-Apostel derselben, entschloss sich aber dann in wirksamster Weise durch die Presse der Mässigkeits-Sache zu dienen. Zur Herausgabe angemessener Schriften vereinigte er sich mit den Besitzern einer bis dahin nicht bedeutenden Druckerei, Petter & Galpin. Bald ging man aber weiter und gab illustrierte Lieferungswerke heraus. Das Geschäft erhielt eine solche Ausdehnung, dass es 1880 34 illustrierte Werke in Lieferungen auf einmal in der Presse hatte. Das bedeutendste Verlagswerk war die Family-Bible, die, mit einem Aufwand von 2 Millionen Mark hergestellt, innerhalb sechs Jahren einen Absatz von 350000 Exemplaren erzielte. Bei John Cassells Tod hatte das Personal bereits die Zahl von 500 erreicht, jetzt ist diese auf 1000 gestiegen.

Sam. Bagster & Sons liefern namentlich polyglotte Werke, Gilbert & Rivington orientalische. In letzterer Richtung hat jedoch Deutschland ein Übergewicht und viele orientalische Werke werden für englische Rechnung in Deutschland gedruckt.

Von den grossen Verlagsfirmen haben besonders Longman, Green & Co. und John Murray Weltruf erlangt.

Th. Longman * 1699, † 10. Juni 1755.

Der Begründer ersterer Firma Thomas Longman erwarb 1724 den Verlag von Will. Taylor und damit zugleich zwei Häuser: „Der schwarze Schwan“ und „Das Schiff“ in Paternoster-Row. Er ward Mitbesitzer von Ephraim Chambers Cyclopaedia, das Vorbild der vielen in und ausserhalb Englands erscheinenden Encyklopädien, ausserdem auch von Johnsons Dictionary of the English Language. Th. Norton Longman * 1771, † 28. Aug. 1824.Noch folgten in drei Generationen Thomas Longmans, von welchen Thomas Norton Longman der bedeutendste war. Welche Grösse das Geschäft erreicht hatte, sieht man daraus, dass der Genannte ein Vermögen von 200000 £ Sterl. hinterliess, ein Teilhaber Green ebensoviel, während ein dritter Teilhaber Brown 100000 £ Sterl. in Legaten aussetzen konnte.

Obwohl Longmans Verlag ein universeller ist und auch die Namen der berühmtesten Dichter Englands (den Verlag von Byrons Schriften hatten sie abgelehnt) ihren Katalog schmücken, so haben sie doch namentlich ihren vielen encyklopädischen Verlags-Artikeln, und vor allem Macaulays Geschichte ihren Ruhm und ihre Stellung zu verdanken. Von der ersten Auflage des III. und IV. Teils des letztern Werkes waren 25000 Exemplare gedruckt. Diese waren jedoch bereits am Tage der Veröffentlichung, 17. Dezember 1855, verkauft und 11000 Bestellungen mussten unexpediert bleiben. Von den amerikanischen Ausgaben soll ein Buchhändler in zehn Tagen 73000 Bände verkauft haben. Innerhalb vier Wochen sollen überhaupt mehr als 180000 Exemplare verbreitet worden sein.

John McMurray * 1745, † 6. Nov. 1793.
John Murray II. * 1778, † 27. Juni 1843.

John McMurray gründete 1768 ein Geschäft und erzielte damit gute Erfolge. Sein Sohn John Murray ist namentlich als Verleger und Freund Byrons (1807–1823) bekannt und wurde bei seinem Tode wieder von einem Sohn John gefolgt. Grosse Verbreitung fand die billige Home and Colonial Library und die vielen bedeutenden illustrierten Reise- und naturwissenschaftlichen Werke. Murrays rote Reisebücher sind jedem bekannt, und wir können uns kaum einen reisenden Engländer ohne ein solches in der Hand oder unterm Arm denken.

H. Colburn † 16. Aug. 1855.

Unter den Verlegern der schönen Litteratur in Prosa sind Colburn und Bentley die bekanntesten. Henry Colburn verlegte eine Unzahl von Romanen, von James allein 225 Bände, einer wie der andere in drei, in Leinwand gebundenen, Bänden, jeder ziemlich genau 300 Seiten stark und einer wie der andere zum Preise von anderthalb Guineen (31 Mark 50 Pf.). Im Jahre 1819 gründete er Colburns Monthly; 1817 ward die Literary Gazette begonnen. 1832 R. Bentley † 1871.verkaufte er sein Geschäft an Richard Bentley, der früher sein hauptsächlichster Buchdrucker und kurze Zeit sein Associé gewesen war. Colburn verpflichtete sich, unter bedeutender Konventionalstrafe, kein Geschäft innerhalb 20 englischer Meilen Entfernung von London zu eröffnen. Der „Verlagsteufel“ liess ihn jedoch nicht auf seinen Lorbeern ruhen. Erst etablierte er sich in Windsor, dann zahlte er die Konventionalstrafe und zog wieder nach London. Bentley gründete 1837 Bentleys Miscellany, dessen erster Herausgeber Charles Dickens war.

Als Verleger von Shillings-Ausgaben erwarben Routledge & Sons einen Ruf. Die Verbreitung solcher Ausgaben war eine so grosse, dass die Verleger an Bulwer für die Erlaubnis, billige Ausgaben seiner Werke während zehn Jahren drucken zu dürfen, 200000 Mark Honorar zahlten und dabei einen sehr guten Erfolg für sich erzielten.