»Gut' Nacht, Herr Lehrer!«
Die Klasse wartet, bis der kleine Schüler in den Flur des niederen Häuschens eingetreten ist. Herr Karler gibt das Zeichen, und vorwärts gehts im Schritt, dem Städtchen zu.
Aus einem Fenster des zurückgelassenen Häuschens beugt sich vom zweiten Stock ein müdes Köpfchen voller krauser wirrer Locken und nickt der Klasse grüßend zu, und über ihm neigt sich ein runzeliges, greises Haupt und sieht mit glücklichem und stolzem Lächeln auf das dunkle Köpfchen seines Sohnes nieder.
Sie war ein unscheinbares Ding von zartem Körperbau und einem blassen, unauffälligen Gesicht, das ganze Gegenteil von dem robusten strammen Brüderchen, das so geräuschvoll treppauf treppab trampelte, mit lauter Stimme seine Wünsche kundgab und das ganze Haus gründlich tyrannisierte.
»Wie verschieden doch ihre Kinderchen sind!« meinten die gelegentlichen Besucher der Familie Holfers, vergleichende Blicke auf die Kleinen werfend, und Frau Holfers pflegte mit einem Kopfnicken über den glatten braunen Scheitel Gretchens fort auf das blondgelockte Köpfchen ihres Knaben niederzuschauen und dann – Gretchen kannte den Hergang genau – mit mütterlichem Stolze die übermütigen Streiche des Söhnchens aufzuzählen, ihn in jeder Zwischenpause drei-, viermal zu streicheln und endlich – wie gut Gretchen das immer voraussah – die lange seidene Locke aus der verschlossenen Lade vorzunehmen und sie lächelnd stolz zu zeigen:
»So goldig war das Kerlchen! Ich habe ihm die Strähne abgeschnitten, als er kaum zwei Jahre zählte!«
Gretchen hatte die lichte Strähne oft gesehen. Zuerst mit der ihr eigenen stillen Bewunderung und dem leicht geweckten Kindesinteresse und später mit einem staunenden Verwundern darüber, daß die Mutter niemals die von ihrem Haupt geschnittene Locke zeigte, die doch jedenfalls auch in der Lade liegen mußte; und aus dem Staunen wuchs ein inniger Wunsch, ein einzigesmal hineinzublicken in das verschlossene Fach, das – Gretchen zweifelte nicht einen Augenblick daran – die andre Strähne barg. Gewiß war sie nicht schön, wie die des Knaben – die Mutter hatte es ja oft gesagt, daß sie stets häßlich war – sie konnte also auf sie nicht stolz sein, wie auf das Brüderchen, das sie ja auch so ungeheuer liebte. Gretchen hatte, wenn sie diesen Gedanken nachhing, ein so eigentümliches Drücken im Halse, und eine solche Schwere in der Brust, daß sie ungeachtet der mütterlichen Mahnung, doch »ihr ewiges Gejammer ohne Grund« mal endlich einzustellen, – trotz der stürmischen Liebkosung Arthurs, in helle Thränen ausbrach. Ja, diese leidigen Thränen! Gretchen wußte wohl, wie sehr die Mutter Thränen haßte – und diese trugen auch die Schuld, daß die so heitere Natur der Mutter sich immer mehr dem Brüderchen zuwandte, dessen leidenschaftlich zärtliche Natur von allen Liebe forderte und allen Liebe gab, der, wo er ärgerte, auch gleich wieder versöhnte, und dessen Thränen, wenn sie fielen, gleich einem sonnigen Regenguß, im Hintergrunde lichte Strahlen zeigten.
»Wenn sie nur etwas von des Knaben Art in ihrem Wesen hätte,« hörte Gretchen ihre Mutter klagen, »ich finde mich in dieser kalten unfreundlichen Natur gar nicht zurecht. Wenn sie vor sich hin weint, weiß sie sicherlich selbst nicht, warum sie's thut!«
Das Kind hatte die Klage, unbemerkt am Fenster sitzend, mit angehört, und lange darüber nachgesonnen. Gewiß, sie war gerecht. Selbst wußte sie ja nicht, was ihr das Herz bedrückte, bis es ihr eines Morgens klar wurde, und von da ab weinte sie nicht mehr.
Sie hat nie davon gesprochen, niemand erzählt, wie es gekommen, daß sie an einem Tage, da wiederum die schöne goldene Locke Arthurs vorgezeigt und bewundert wurde, von einem instinktiven Etwas angespornt, ganz heimlich an die nachlässig aufgebliebene Lade schlich. Auf einem Schemel stehend, mit vorgestrecktem Halse und eifrig hastigem Auge, hatte sie das Fach durchstöbert, um neben der goldblonden Locke die noch niemals vorgezeigte dunklere zu suchen, um doch zu wissen, ob sie denn so häßlich – gar so unansehnlich häßlich war!
Das kleine Mädchen hatte lange regungslos vor dem verräterischen Fach gestanden. Niemand hörte je ein Wort darüber, was in dem Kinderherzen vorgegangen war, da Gretchen in der mit Seide ausstaffierten Schachtel die Stelle neben Arthurs Locke leer fand, und es zum erstenmal ihr dämmerte, daß man von ihrem Kopf nie eine Strähne abgeschnitten hatte, um sie aus Liebe und aus Zärtlichkeit aufzubewahren. Wie die mageren Hände zitterten, die mühsam erst die Lade schlossen und sich dann bebend vor die Lippen preßten, wie um den Aufschrei aus des Kindes Brust zu unterdrücken.
Der Abend fand die Familie Holfers um den Speisetisch versammelt, und zweimal hatte man die Kinder rufen lassen.
»Wo bleibt denn Gretchen?« fragte über seine Zeitung fort der Vater, als Arthur frischgewaschen in der Thür erschien.
»Nicht gesehen!« erwiderte der Kleine, und Frau Holfers sagte, dem Söhnchen liebevoll zunickend: »Sie wird wohl oben sein, sie läßt sich gern zweimal rufen!«
Oben war sie; aber ihr Nichterscheinen war weder Trotz noch Prätension. Im guten Zimmer lag das Kind halb hingekauert vor dem Schrank, die Augen weit geöffnet, das blasse Köpfchen hintenüber an die Wand gelehnt.
»Was ist mit ihr? Gretchen!« Sie hört den Angstruf nicht, mit dem die Mutter sich an ihrer Seite niederwirft.
Es währte lange, bis der starre Ausdruck aus dem Kinderantlitz schwand, und als er schwand, lag in den blauen Tiefen ihrer Augen ein der Mutter fremder, düsterer Ausdruck.
»Bist du gefallen, Kind?« Die Lippen sprachen nicht sogleich. Es war, als käme langsam von dem Herzen zu dem Mund herauf ein kaltes, hartes Etwas, das die Stimme Gretchens heiser machte:
»Gefallen – nein!«
»Was ist dem Kinde nur – sie ist so anders?« Die Mutter fragte sich's von jenem Tage an gar oft, wenn sie das stille Kind mit dem verschlossenen Antlitz kommen und gehen sah und es deutlich erkannte, daß sie ihr scheu auswich und mit Beharrlichkeit die Zärtlichkeiten des goldhaarigen Bruders schroff von sich wies.
»Sie hat mich nicht mehr lieb,« wehklagte Arthur, und Frau Holfers nickte schmerzlich bitter vor sich hin und sagte nur:
»Sie hat gar niemand lieb, mein Kind!«
Das blasse Mädchen hörte Klage und Antwort und sagte nichts.
War's wahr, daß sie gar niemand liebte? War's möglich, daß die blauen Augen, die so sehnsüchtig und heiß die Mutter streiften, wenn sie sich ungesehen glaubte, von einem kalten Herzen sprachen? War's denkbar, daß das Kind, das sich allabendlich, wenn alles schlief, mit nackten Füßchen leise an das Bett des Brüderchens heranschlich, um lange in das schlafende Gesichtchen zu blicken, kalt war und lieblos?
Und doch! Wie schroff verstand der Mund den Morgengruß zu sprechen, wie fremd und interesselos blieb sie den Freuden und den Ärgernissen der Familie gegenüber, wie scheu entwich sie jeder Annäherung des liebevollen kleinen Bruders! Die Zeit verstrich; mit ihr gewöhnte man sich daran, das stille Kind ganz ungehindert seinen Weg gehen zu lassen und die herben, schroffen Züge ihres Wesens mit Geringschätzung und Kühle zu erwidern.
Der Sommer war gekommen. Die Zeit, in der man in die Bäder zog. Im Hause Holfers machte man die ersten Vorbereitungen zur Reise, und so gewann der kleine Arthur Zeit, mehr als gewöhnlich unbewacht im Freien zu sein, und die Mama unternahm nicht ohne Besorgnis die kleine Reise über Land, um die Beschlüsse über die in Aussicht genommene Sommerwohnung endgültig zu treffen.
»Wenn nur dem Kleinen nichts geschieht!« rief sie vom Wagenschlag besorgt zurück; »wenn ich nur wüßte, daß man auf ihn achten wollte!« – Der Mutter Blick lag auf dem Antlitz Gretchens, die, an der Thüre stehend, ihr unverwandt ins Antlitz sah. Es war ein eigenes Etwas in den Augen beider, da sie sich zum erstenmal seit lange in einander senkten. Zum erstenmale empfanden vielleicht zu gleicher Zeit die Mutter und das Kind, daß in der Seele beider – von dem andern unverstanden – etwas lag, was ungeklärt zu schlummern schien.
Was war's, das plötzlich die Mutter bestimmte, aus dem Wagenfenster zu schauen und dem stillen bleichen Kinde einen liebevollen Gruß zuzunicken? Was gab's dem Mädchen ein, die kleine Hand fast unwillkürlich auszustrecken – an den Mund zu führen – nochmals auszustrecken?
Der Wagen fuhr davon, und langsam fielen ungesehen zwei schwere Thränen, die eine in den Schoß der Mutter, die andere auf die Hand des Kindes, das regungslos an der Thür stand und dem Gefährt mit großen Augen lange nachsah.
»Gretchen! Gretchen!« Der Kopf des Kindes fuhr aus seinen Träumen auf. Das war Arthurs Stimme. Sie klang so hell, so jubelnd. Woher kam sie nur?
Aus dem Stall vielleicht!
»Ist Arthur dort?« Sie ruft es in den Stall hinein, und ehe der Diener Antwort giebt, sieht sie durch die weit offene Stallthür den kleinen Burschen allein auf dem noch ungezähmten Füllen sitzen, das der Vater neuerdings dem Kleinen zum Geschenk gemacht. Gretchen schreit ängstlich auf.
»Wie können Sie nur?« ruft sie dem Diener zu; doch dieser zieht verlegen beide Schultern hoch.
»Er schrie und strampelte so sehr, was sollt' ich machen?«
»So geh'n Sie nach und halten ihn! Arthur!«
Der Ruf entfährt erschreckt den blassen Lippen Gretchens, da sie gewahrt, wie Arthur unerschrocken seine Zügel hält und dem erregten Tier zuschnalzt.
»Arthur!« Es hilft nichts mehr, daß der verlegene Diener dem Kinde nacheilt, der gelenkige Bursche trabt ganz unbekümmert um die Rufe seiner Schwester durch den Thorweg auf die Straße, und diese eilt, von einem Angstgefühl erfüllt, durchs Haus, um durch den kürzern Weg dem Brüderchen den weiten um die Straße abzuschneiden. Der Gartenzaun ist offen. Gretchen ist angelangt, nicht einen Augenblick zu früh. Von einem Stein, aus eines Nachbarkindes Hand geworfen, wild zur Flucht getrieben, kommt Arthurs Tierchen auf sie zugesaust. Der kleine Reiter hängt bleich, voll Todesangst die Mähne seines Tieres fest umklammert, zitternd da. Von allen Seiten stürzen sich die Menschen vor und suchen ihn durch Rufen anzuhalten.
»Wenn es ihn abwirft, ist das Kind verloren! Der arme kleine Bursche!«
»Ach Gott! Ach Gott!«
Gretchen hört die Worte, die Jammerrufe. Ihre Augen sind weit aufgerissen, die Hände fest ineinander geschlungen. Ein entschlossenes blasses Gesichtchen hebt sie zu dem Bruder.
»Halte fest, Arthur, halte fest!«
»Um Gotteswillen, was macht das Mädchen?« Die Menge schreit auf, und um sie her erschallen Warnungsrufe. Zu spät!
Mit ihrem kleinen Körper hat sich das Mädchen dem Tier in den Weg geworfen. Die Arme hoch empor haltend fällt sie dem schäumenden, erregten Tier in die Zügel – – ein Sturz, ein Schrei – das arme, arme Kind!
Die Pferdehufe hatten sie getreten, nachdem der zarte Kinderleib schon eine Strecke weit geschleift und arg mißhandelt worden war.
So lag sie denn bewußtlos auf dem weichen Bettchen, und fremde Menschen standen um sie her und weinten laut.
Die schnell herbeigerufenen Ärzte schütteln stumm die Köpfe.
»Es ist nichts mehr zu machen!«
Es war schon spät, als sie die Augen langsam öffnete und auf das Rollen nahender Räder horchte.
»Arthur!« Sie flüsterte den Namen leise fragend – und Margaret –
Die alte Köchin zeigte auf das Bettchen ihr zur Seite.
»Er schläft ganz gut, der kleine Mensch!«
Ein Lächeln gleitet über Gretchens Antlitz. Sie hat die Augen auf die Thüre geheftet, die von erregten Händen aufgestoßen wird.
»Arthur ist nicht verletzt, erschrick nicht Mutter!«
So leis die Worte sind, die blasse Frau hat sie gehört.
»Arthur ja, aber du, mein armes liebes Kind?«
»Ich? o Mama!«
Es war das erstemal, daß sie den Namen Mutter mit dem kindlichen »Mama« vertauschte, das erstemal, daß sich die zarten Arme um der Mutter Nacken legten, Es war, als ob das überfüllte Kinderherzchen all den Kummer seines kurzen Daseins von sich wälzen, all die unterdrückte Zärtlichkeit von Jahren in die einzige letzte Stunde ergießen müßte. Halb klagend, halb kosend bewegten sich die erbleichenden Kinderlippen, und sprachen leise Geständnisse von Liebe und Kummer und Herzweh.
»Ich war immer so einsam – ich – –«
»O still, Kind, still!«
»Thut es – dir leid – Mama?« Es war das Letzte, was sie sprach. Die Augen sahen noch sekundenlang mit großer Andacht auf zur Decke – dann schlossen sie sich langsam. Still, unauffällig wie es gelebt, so starb das Kind, und über dem Bettchen lag die Mutter und schluchzte verzweiflungsvoll auf.
»Das alles fühlte sie, das arme kleine Ding! und ich erfuhr es erst – zu spät!«
Meine erste Liebessache spielte in der kleinen Hafenstadt Hoboken. Das Städtchen hatte neben der großen Freischule für unbemittelte Kinder nur eine Privatschule, und diese leitete, in dieser unterrichtete ein sehr frommer Pastor, der seinen Zöglingen mehr Frömmigkeit beibrachte als Gelehrsamkeit. Als dann nach kurzer Zeit ein rühmlichst bekannter Deutscher die ersten Schritte zur Gründung eines großen deutsch-amerikanischen Lehrinstitutes that, schlossen sich ihm die ehrenwerten Bürger und Familienväter mit Enthusiasmus an, und nach kaum einem halben Jahre wanderten die frommen Zöglinge des salbungsvollen Pastors, unter denen auch ich, in die neugegründete »Hoboken Akademie« über. Das Institut hatte einen besonderen Reiz. Die Klassen enthielten auch Knaben.
Welch ein Übergang von dem demutsvollen »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, vom würdigen Pastor allmorgentlich wiederholt, zu dem Frühgruß der Besucher der Akademie mit den begleitenden feuchtgerollten fliegenden Papierklümpchen und den gelegentlichen wundervollen Balgereien.
Das Institut hatte noch einen Reiz. Man wurde vierteljährlich versetzt. Ich durchreiste, Dank meinen guten Befähigungen mehr, wie meinem Fleiß, mit großer Geschwindigkeit die untere Klasse und saß als zehnjähriges, blondkrauses, sehr selbstbewußtes, sehr unordentliches junges Dämchen mit frischgewaschenen Schürzen und mangelhaft sauberen Taschentüchern in Klasse vier, inmitten einer Reihe älterer zum Teil sehr wohlerzogenen Studiengenossinnen und einer tollen Bande der reizendsten halberwachsenen, courmacherlichsten Knaben, welche je unter diese stolze Kategorie gestellt zu werden verdienten. Ich habe niemals an dem Verkehr mit Männern so hohen Genuß erlebt, wie ihn mir die sehr ausgezeichneten jungen Mitbürger aus Klasse vier der »Hoboken-Akademie« jener Zeit gewährten. Was ist denn auch wirklich so ein devoter Handkuß eines salonfähigen Kavaliers – gegenüber dem wonnig unerzogenen herzlichen Ellenbogenstoß – gegenüber dem unerwarteten, kräftig liebevollen Schlag auf die Schulter und dem dazu aus frischer Kehle gebrüllten »Halloh old girl!«, wie ihn meine hochverehrte, mir mit Leib und Seele ergebene, kleine Garde aus Zimmer vier zu verabreichen im Stande war! –
Wir hatten, ich bedauerte die Thatsache, einen Klassenlehrer. Noch mehr aber bedauerte ich die Abneigung, welche dieser lange ehrwürdige Herr gegen das kleine – hm – Einvernehmen hatte, das zwischen mir und Tommie Sievers bestand. Tommie hatte – es ist vielleicht geschmacklos von mir, die Vorzüge eines abwesenden jungen Herrn in Gegenwart anderer hervorzuheben – indessen, der Wahrheit die Ehre, Tommie hatte sehr hübsche Augen. Er war sommersprossig, nur sein Haar – es hätte weniger borstig sein dürfen, und ich fand selbst, daß seine Figur zu sehr gedrungen war – indes – was thut das einem jungen Mädchen, das, wie ich, diesen denkwürdigen Tommie mit großer Willenskraft, aus herzlichstem Selbstgefühl und ohne jede Zuneigung für ihn aus den Fesseln einer Daisy Rimpel gerissen, und der es nun gegenüber der Klasse ehrenhalber zur Notwendigkeit wurde, die Aufmerksamkeiten des edlen Tommie über sich ergehen zu lassen.
Die Abneigung unseres Klassenlehrers gegen die in Zimmer IV bestehenden kleinen Kommunikationen von den Knabenpulten zu denen der Mädchen hinüber weckte in mir den innigen Wunsch nach der Entfernung des guten Mannes, und da dieser ohnehin leidend war, Aufregungen scheute und leicht in Zorn geriet, wurde es mir nicht allzu schwer, tagtäglich mit Hilfe einiger der Mitschülerinnen neue Missethaten zu ersinnen, die den armen Mann in steter Aufregung hielten und ihn veranlaßten, gesundsheitshalber – so hieß es – seine Entlassung zu fordern. Wir atmeten auf. Unter den uninteressierten Augen der Hilfslehrer wurden wir zu freien Menschen. Tommie konnte ungehindert seine Liebesdienste verrichten, und er war ein ausgezeichneter Liebhaber; gerade nicht von besonderer Geistesanlage, auch sonst auf den Inhalt seiner Bücher nicht neugierig, war er doch von rührender Opferfähigkeit. Er schleppte mir mit ritterlicher Unverdrossenheit die Mappe nach und überbrachte mir, ohne den geringsten Anspruch auf Halbierung zu erheben, die ihm von der blaßblonden Daisy Rimpel heimlich zugesteckten Äpfel. Ich verzehrte sie ohne Gewissensbisse – ja, ich besaß die Kaltblütigkeit, sie vor seinen Augen mit Fanny Dayson, der ältesten der Klasse, zu teilen – mit ihr sogar über die tölpelhafte Treue meines Tommie zu spotten; denn, um wahr zu sein, muß ich gestehen, daß mich an der Person des treuen Sklaven, nachdem ich es zu Stande gebracht, ihn der Daisy Rimpel abspenstig zu machen, nachdem ich weiter die Luchsaugen des Klassenlehrers nicht zu scheuen hatte, wenig fesselte, und mein leichtaufflackerndes Interesse am Schwinden war.
So weit hielten wir, als der neue Klassenlehrer uns gemeldet wurde. Es war an einem Mittwoch – Vormittagsstunde. Wir packten gerade die in der Schreibstunde benutzten Hefte fort, ich steckte noch hinter meinem aufgeklappten Pultdeckel, als sich die Thüre der Schulstube öffnete. Vor uns stand unser neuer Lehrer. Er war gar nicht sommersprossig, sein Haar war gar nicht borstig. Aufs modischste gekleidet, aufs sorglichste gescheitelt stand er vor uns – das junge bartlose Gesicht mit den ernst blickenden, graubraunen Augen uns grüßend zugekehrt. Es wäre unmöglich, die Aufregung zu schildern, in die sein Erscheinen uns, die Klasse, mich und – ich sah es mit einigem Staunen – die sonst so kühle Fanny Dayson versetzte. Wenn ich jemals die vornehme Ruhe dieser unserer ältesten Mitschülerin bewundert hatte, wenn mich ihre Reserve je entzückt hatte – an diesem Morgen war mir die Gemessenheit mit der sie Antwort gab, die Sicherheit, mit der sie sich verneigte, aufs Empfindlichste zuwider, um so mehr als ich gewahrte, daß Herr Page – so hieß der neue Lehrer – sie mehrfach angeblickt und sie, deren Äußeres etwas Gleichgiltiges hatte, die Augen – Fanny hatte seltsame schläfrige Augen – unter langen Wimpern hervor auf ihn gerichtet hielt. Ich weiß nicht, ob ich dieses Mädchen liebte oder haßte. Gewiß ist, daß mich ihre Kühle verletzte und ihre Überlegenheit reizte – gewiß ist weiter, daß ich, nicht ohne Trotz gestand ich mir's, unter ihrem Einfluß stand. Diesem Einfluß dankt' ich es – das sah ich jetzt – daß ich die Liebesbezeugungen Tommies gering geschätzt und diesem Einfluß dankte ich es ferner, daß ich – ihrem Beispiele folgend – den neuen Lehrer mit ganz eigenen Gefühlen ansah. Wenn er die reservierte Fanny interessierte, so war das grund für mich, ihn anzubeten. Ich war es nicht gewohnt, lange unbeachtet zu bleiben – ich steckte noch immer hinter meinem aufgeklappten Pulte und sah's mit heißen Wangen, wie der Lehrer Fanny angeblickt – mein Herz begann zu klopfen – die trotzige Unbändigkeit des Wesens ließ mich die Folgen einer Missethat nicht übersehen – ich schlug mit einem lauten »Klaps« mein Pult zu – warf den Wulst störrischen blonden Gekräusels, der mir mähnenartig in die Stirne hing, zurück, und der Augenblick war da. Die Blicke des jungen Gottes begegneten den meinen, ein halb überlegenes, halb belustigtes Lächeln ging über seine Lippen, meine Schläfen begannen ein wildes Hämmern, meine Wangen glühten – vergessen war Fanny – Daisy Rimpel – Tommie – alles – – ich liebte! Es war zum lachen und doch ist es etwas Rührendes um so ein junges Lieben. Ich wurde, Sie dürfen es mir glauben, ein wahrhaft vornehmes Geschöpf in dem Zeitabschnitt dieser, meiner ersten Liebe, und es ist schade um die enttäuschende Katastrophe – – aber ich greife vor.
Der Gegenstand meiner Anbetung bevorzugte mich sichtlich – die gehässige Haltung der Mitschülerinnen – die grimmigen Blicke Tommies, bewiesen dies zur Genüge. Ich durchlebte alle Wonnen, die der Anbetungsdienst eingiebt und alle Schmerzen, die er fordert. Ich war eifersüchtig. Zwischen meinem Idol und Fanny bestand eine gewisse Reserve, die zu den von mir mit Argusaugen bewachten Blicken beider nicht im Einklang stand. Fanny war eine vorzügliche Schülerin, sie war tadellos von Benehmen, und ihr Äußeres! – es war unleugbar, daß der Anflug von dunklem Flaum, der einem jeden andern Gesichte einen unreinlichen Anstrich gegeben hätte, ihrem gelblich blassen Teint einen besondern Reiz verlieh. Ich war eifersüchtig! – Ich bewachte mit neidischen Blicken die Geberden des Lehrers – ich haschte mit selbstquälerischer Lust nach einem jeden kleinen Zeichen eines Einvernehmens – und schämte mich, wenn ich bei ruhigem Sinnen nichts Verräterisches fand. Fanny war gütiger gegen mich als sonst, so gütig, daß ich begann, mein böses Mißtrauen zu verlieren, als ein kleines Ereignis mich von Neuem in die alte Erregung brachte. Es war nach einer Freipause. Die große Glocke hatte die Stunde bereits eingeleitet – die Kinder kamen in eiligen Gruppen vom Hofe in die Schulstube gerannt und nahmen ihre Plätze ein. Fanny fehlte. Ich rückte schon ungeduldig auf meinem Platze umher, meine Blicke flogen vom Lehrerpult, an dem auch er noch nicht erschienen war, zur Thüre und meine Hände wühlten unruhig in den Griffelkasten herum, da – trat Tommie auf mich zu.
»Sie können beide noch nicht heraufkommen,« flüsterte er mit nichtswürdigem Augenzwinkern, »er hat sich die Hand beschädigt, und sie verbindet sie ihm mit ihrem Taschentuch.« Ich fuhr in die Höhe. Das Blut strömte mir in die Schläfen.
»Beschädigt!« schrie ich, »und sie – sie« – selbst wußte ich nicht, ob mein Mitgefühl oder meine eifersüchtige Wut größer war. Tommie stand lächelnd, höhnisch lächelnd vor mir. Ich fühlte, daß ich ihn haßte.
»'s ist eine Lüge!« rief ich, am ganzen Leibe zitternd, und mit erhobener Rechten zielte ich auf die einst geliebten blauen Augen los.
»Keine Lüge!« knurrte er, den Kopf wie eine Dogge gesenkt, die Blicke lauernd schadenfroh aufwärts gerichtet, »sie standen versteckt an der Flurthür und plauderten – und der Wind schlug die Thüre auf seine Hand, und sie nahm sie so« –
Tommies anschauliche Geste raubte mir den Rest meiner Fassung. »Fort von mir!« befahl ich – selbst nun mit unterdrückter Stimme – und im selben Augenblick wurde die Klassenthüre geöffnet. Fanny trat ein, hinter ihr – ein wenig blaß aber schön wie ein Apoll – die Hand, die wundervolle Hand in einer weißen Schlinge – kam er. Ich brauchte ihn nur zu sehen, und mein Mitleid verdrängte jedes andere Empfinden. Er war verwundet, er litt und – ich liebte ihn. Über das Geschichtsbuch gebeugt, fielen meine Thränen auf das Blatt herab und verwischten vor meinen Augen den weiten Druck. Er stand vor seinem Pulte. Mit der Linken führte er das Blei, mit dem er die eingehändigten Abschriftseiten durchstrich und zeichnete. Wenn er mit leis' verzogenem Munde innehielt und mit der guten Hand im Schmerz die kranke faßte, durchfuhr mich's wie ein Stoß. Von neuem lebte die fatale Eifersucht in meinem Herzen auf. Ihr Tuch lag um die Wunde – es war ihr weißes Linnen, das er sanft berührte. Sie saß so ruhig da – die selbstbewußte Samariterin, deren Tuch so weiß war – so abscheulich weiß und sein – ich zog verlegen an dem meinen. Es sah beschämend aus. Ich stopfte – ohne Kommentare – das gefleckte arg zerknitterte Häufchen einst rein gewesener grober Leinwand mit Hast in sein Versteck zurück und ließ mein nasses Angesicht nur tiefer sinken. Was hatten sie sich plaudernd auf den Flur zu stellen, er und sie? Weshalb blieb sie vor uns so reserviert, wenn sie im Flur mit ihm so viel zu plaudern hatte? Vor meinen Augen schwirrte es. Die krummgezogenen Finger kritzelten unleserliches Zeug ins Heft und strichen durch und fingen wieder vorne an, und immer wieder fielen meine Thränen auf das Heft. O – ich war tief unglücklich. Da trat er auf mich zu.
»Nun Kleine – will es nicht gehen?« Ich fuhr zusammen. Meine Hände zitterten. Er beugte sich und sah auf mich herab. Fort war der heftige Schmerz, den ich gefühlt – fort auch – meine mühsam bewährte Tapferkeit. Wie goldiger Sonnenschein durchflutete es mein Inneres – ich warf aufschluchzend meinen Kopf auf meine Arme nieder und fühlte, am ganzen Körper erbebend, die Hand – die angebetete – auf meinem Haar; dann ertönte grell die Schulhausglocke. Die Stunde war zu Ende.
Die Welt war plötzlich schön geworden. Von jenem Tage an vertraute ich Fanny Dayson all meinen Liebesschmerz – haßte ich Tommie, der den Verräter spielte – liebte ich mehr denn je – den Lehrer, der mich verzog, und als das Schreckliche geschah – fiel es vernichtend auf mein liebendes Gemüt. Mr. Page ward plötzlich entlassen. Wieso – warum – woher – darüber herrschte unverbrüchliches Schweigen. Wie eine Todesbotschaft traf uns die Vermeldung seines bevorstehenden Scheidens, und wir wehrten uns redlich dagegen. Leider vergebens. Eine Petition mit Namensunterschrift sämtlicher Schulkinder wird vom Direktor mit Nichtachtung beiseite gelegt. Trauermienen – zu allen Stunden an den Tag gelegt – erfuhren die schärfste Rüge. Die Wochen gingen zu Ende, der Tag des Abschieds war da. Wie eine Versammlung leidtragender Vereinsglieder umzingelten wir Mädchen den geliebten Erzieher. Fanny fehlte an jenem Tage. Der Tisch des Lehrers prangte von Feldblümchen und schöngebundenen Rosenbouquets – kleine Andenken und Liebesgaben aus enthusiastischen Kinderhänden. Die Abschiedsrede des Mannes hatte die Klasse in Thränen überfließen lassen. Wohl zehnmal machte er abschiednehmend unter ihr die Runde, wohl zehnmal hatten ausgestreckte tintebekleckste Hände den Ausgang an der Thüre gesperrt.
Ich stand – ein nie genug zu preisender Glückszufall hatte mich mit einem denkwürdig reinlichen Taschentuch versehen – dicht an des Lehrers Tisch und schluchzte still in meine Hände hinein. Als der entscheidende Moment seines Abschieds wirklich gekommen war, und er mit einigen Schritten an mir vorüber wollte – überkam's mich plötzlich wie eine bange Ahnung bevorstehenden tiefen Schmerzes. Ich sollte ihn verlieren, ihn, den ich liebte, den ich immer lieben würde – – ehe ich mir dessen selbst bewußt wurde – hatte ich mich auf ihn gestürzt. Mit meinen Händen krallte ich mich an seinen Arm, während meine glühenden Wangen von Naß überströmt an den Zweireihknöpfen seines Rockes umherwühlten. Mit welchen Mitteln weicher Zuredungskunst es ihm gelang, mich zu beruhigen – ich weiß es nicht, gewiß ist, daß wir alle der in ein graues kurzes Jaquet gekleideten elastischen Gestalt die Treppe hinab das Geleit gaben, dem Scheidenden in herzzerreißender Weise unser »Farewell Mr. Page« nachschluchzend.
Mit ernsten Mienen standen die übrigen Lehrer des Instituts an den Ausgangsthüren ihrer Klassen. Die gemessene Art, mit der sie unserem Abgott ihr »Leben Sie wohl!« sagten, war für uns – für mich geradezu empörend. Von Mitgefühl überwältigt, trabte ich – im Gefolge der ganzen Klasse – neben dem Manne her, immer von neuem das klagende »Oh, Mr. Page! Farewell, Mr. Page!« in die Sonne hinausweinend.
Die Straße, in der wir uns trennen mußten, war erreicht. Weiße Tücher, von Thränen feucht, flatterten dem Idol Abschied winkend nach. Gebrochen, schmerzgelähmt – gramerfüllt kam ich nach Hause. Was hatte das Leben nun noch frohes für mich? Die Dämmerstunde war gekommen. Ich hatte mir eine jede einzelne Zärtlichkeitsäußerung meines Helden vor die Erinnerung gerufen – ich hatte in meinem Schmerz gewühlt, bis zur Unerträglichkeit. Mein Herz schrie nach Mitteilung. Ich mußte von ihm sprechen, seinen Namen nennen, nennen hören – mußte klagen und mich trösten lassen. Aber wo – wer? Ah – ein Gedanke. Fanny. Sie hatte in der Schule gefehlt. Sicherlich war sie krank. Das war eine Ausrede, als ich – ein Tuch über den Kopf schlingend – im Dämmerlichte an den Häusern entlang schlich, bis ich das Eckhaus erreichte, dessen Vorgarten zu durchschreiten war, um an die kleine Pforte zu gelangen, die zur Freitreppe führte. Die Gartenthür stand offen und ich trat ein. Unter den halb gesenkten Jalousien des Wohnzimmers zu ebener Erde leuchtete eine niedergeschraubte Lampe über den frischgeworfenen Kiesweg. War Fanny drinnen? Schlief sie vielleicht? Diese Gedanken jagten mir durch den Kopf, als ich zögernden Fußes über den Weg schritt. Plötzlich hörte ich Stimmen. Flüsternde Stimmen. Ich stand still, um zu lauschen. Sie kamen über den Zaun, der den Garten von der freien Wiese trennte. Ich stand im Nu auf den Stufen der Freitreppe. Von dort übersah ich den Zaun. Die Wiese lag im Dunkel. Stimmen drangen zu mir herüber und mein Auge – an die Dunkelheit rasch gewöhnt – erblickte zwei Gestalten. Warum ich – mit ahnungsvollem Herzen – hinüberstarrte, wußte ich nicht. Was ich sah, machte mich schwindelig, was ich hörte raubte mir das Bewußtsein. An einen Baumstamm gelehnt stand – mein Idol – bei ihm, die weißen Hände auf seiner Brust gefaltet – den Kopf zurückgeworfen – Fanny – meine heimtückische Rivalin. Ich hörte ihre Worte.
»Wer hat uns verraten?« fragte sie.
»Ich weiß es nicht,« flüsterte er.
»Und die Briefe?« sagte wieder sie.
»Ich habe sie« – er.
»Und du mußt fort?« Die Schamlose duzte ihn.
»Muß wohl,« seufzte das verräterische Idol, »aber ich sehe dich wieder!«
»O mein Gott!« stöhnte sie, und dann war es still und der Mond drängte sich durch die Zweige des Baumes, dessen Laub sie deckte, und ich sah – sah's mit wilder Qual, wie er den angebetenen Kopf neigte und sie küßte.
»Die Kleine?« hört ich sie fragen, »hat sie getobt?« Wie ein Messerstich durchfuhr es mein Herz bei seiner lächelnden Antwort.
»Wie eine Katze – das wilde kleine Geschöpf – es that mir fast leid!«
Sie lachten beide. Der Mond war nun voll durch die Wolken gedrungen. Sein Silberlicht durchkreuzte die vom Winde leicht bewegten Zweige. Ich sah's noch, wie er den kleinen Reif vom Finger zog, um ihn an ihre Hand zu stecken, wie er sich beugte, um die kleine Hand zu küssen. – »Braut« sagte er leise und in meinem Innern ward es plötzlich totenstill. Schweigend – heimlich, wie ich gekommen – schlich ich mich wieder davon. In dem hohen Grase auf der andern verborgenen Seite der Wiese – lag ich bis zu später Stunde hingeworfen – das Gesicht zur Erde gekehrt, und weinte – weinte schmerzzerrissen – leidenschaftlich erzitternd, meine erste Enttäuschung – in die feuchten Gräser hinein, unter dem Glanze des stillfahrenden Mondes, in der tiefdunklen Einsamkeit der Nacht.
Aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes lugte der blonde Krauskopf eines Kindes. Die kleine Gestalt mußte auf Fußspitzen stehen und aufs äußerste gereckt sein, denn den vorübergehenden Passanten ward nur die Spitze einer aufwärtsgehenden kleinen Nase und ein Wulst in die Stirne fallender krauser gelber Haare sichtbar. Um so deutlicher aber drang eine Kinderstimme auf die Straße herab, welche in monotoner Wiederholung mit der ganzen Beharrlichkeit eigensinniger Kleinen halb klagend halb gereizt den Ruf »Jinnie oh Jinnie« ertönen ließ.
Die Ausdauer des Kindes, verbunden mit dem drollig vorgestreckten unsicher schaukelnden Köpfchen hätte etwas Lächerliches gehabt, wenn nicht in dem tiefen, von Thränen erstickten Tonfall etwas Rührendes gelegen, das den Vorübergehenden unwillkürlich zurückblicken ließ.
Frau Martha Terris hob gerade mit Hilfe ihres Hausmädchens den Kinderwagen von den Stufen ihres gegenüber gelegenen Wohnhäuschens, um darin ihr acht Wochen altes Erstgeborenes in der Morgensonne auf und ab zu fahren, als der Ruf des kleinen Menschen vom zweiten Stockwerk des Thompsonschen Hauses zu ihr herabdrang:
»Jinnie oh Jinnie!«
»Thompsons Junge hat schon wieder seinen Anfall,« bemerkte sie mit einem Aufblick nach der Richtung der gelben Locken – dann nahm sie mit einem besorgten »leise, leise« der Dienerin das schlafende Baby ab und bettete es sorglich in die Kissen des Wagens.
»Ich sehe es kommen, daß der Schreihals sie weckt,« murmelte sie halb vor sich hin, einen ängstlichen Blick von ihrem schlafenden Sproß fort zum Fenster hinaufsendend, und mit der ihr eigenen entschlossenen Hast setzte sie das kleine Gefährt in Bewegung, damit das Räderrollen ihre Stimme übertönte, und wandte sich geärgert dem beharrlich rufenden Krauskopf zu.
»Neddie Thompson – wen rufst du denn?«
Die zwei kleinen Hände, die zur besseren Stütze des hin und her balancierenden Körpers die Fensterbank umklammert hielten, fuhren weiter hinaus und klammerten sich von neuem ein. Das Kind mußte sich innen an der unter dem Fenster entlanglaufenden Holzeinrahmung festgestemmt haben, denn der blonde Lockenkopf tauchte plötzlich über der Brüstung hervor, und ein sehr verweintes blaues Augenpaar heftete sich auf die Fragerin.
»Wen du rufst, wollte ich wissen!« Der Ton der guten Frau war wenig geeignet, das Zutrauen eines Kindes zu erwecken; der Schmerz des Kleinen mochte indes alle anderen Bedenken in den Hintergrund gedrängt haben – das Köpfchen nickte wie zur Bekräftigung seines Rechtes zweimal und der zuckende Mund erklärte beharrlich ernsthaft: »Jinnie will ich!« Frau Terris blickte während einiger Sekunden vor Mißbilligung stumm geradeaus.
»Hat man je so etwas« – murmelte sie, unterbrach sich aber mit einem sehr beredten Achselzucken. »Wo ist denn deine Jinnie?« fragte sie streng.
»Fort!« Der Antwort folgte jene Pause, in der von oben der sehnsüchtige Kindesruf wieder angestimmt wurde, und gleich darauf drang aus dem Innern des Wagens leises Wimmern.
»Ein abscheulicher Junge,« schimpfte die junge Frau, indem sie das Gefährt energisch hin und her schaukelte, »wenn meine junge Dame da drinnen sich jemals einfallen lassen sollte, einen solchen Singsang anzustimmen, ich wollte ihr meine Meinung über derartige Anwandlungen klar machen – das wollt' ich. Sei doch mal still du – Neddie Thompson – such' doch deine Jinnie!« Frau Terris sah sich nach diesem ihrem Ausbruch wohlgemeinter Entrüstung genötigt, ihr nun hellweinendes Baby eine Strecke zu fahren. Sie bog ohne weitere Beachtung des Gegenstandes ihres Verdrusses in die Straßenecke ein. So bemerkte sie denn auch nicht, wie die Rufe vom zweiten Stock nachließen, wie die kleinen Hände sich nach der empfangenen Strafpredigt von dem Fenstersims lösten und das Stumpfnäschen – darüber der gelbe Lockenwulst – aus dem Rahmen desselben verschwand. Es hätte sie jedenfalls in Erstaunen gesetzt, zu bemerken, wie nach einer Viertelstunde die kleine dicke Kindergestalt sich unbeholfen rückwärts schiebend die steile Wendeltreppe hinabkletterte, durch die wegen der milden Sommerluft offenstehende Hausthüre trat und mit unbeschuhten Füßchen und barhäuptig die Straße erreichte und unbekümmert darum, daß die heiß und heißer werdenden Sonnenstrahlen ihm auf das unbedeckte Köpfchen fielen – seinen Weg geradeaus nahm und um die scharfe Ecke verschwand. Noch mehr würde es die junge Frau gewundert haben zu hören, wie der kleine Fußgänger von einem alten Gärtner angehalten, nach dem Ziel seiner Wanderung befragt, mit wohlgelungener Nachahmung des Terrisschen Tonfalls »ich such' meine Jinnie« erwidert hatte.
Als Frau Terris nach einstündigem Spaziergang die Richtung ihres Hauses wieder einschlug – das Gefährt mit dem schlafenden Terrisbaby vor sich herschiebend – gewahrte sie zwischen dem ihren und dem Thompsonschen Hause eine Anzahl gestikulierender Menschen, welche unter bedauerlichem Achselzucken nach allen Richtungen hindeuteten und die Köpfe schüttelten.
»'s ist der Junge von drüben,« erklärte das herbeigeeilte Hausmädchen, das – ihrer Pflichten eingedenk – die Vorkommnisse der Nachbarschaft in Abwesenheit der Herrin getreulich überwachte und zungengeläufig herzählte. »'s ist der Junge von drüben!«
»Gestürzt?« fragte Frau Terris rasch – etwas Neugier, etwas Angst im Ton.
»Gestürzt nicht. Verschwunden – verloren – fort. Sie suchen ihn überall!«
»Gracious Goodness! (»Herr des Himmels!«) welch ein Junge! Wo mag er nur sein!«
Ja – wo mochte er sein? Die trostlos versammelten Nachbarn sprachen einer dem andern den Satz nach und blickten mit der allen müßigen Gaffern eigenen Albernheit die Häuser zuerst, dann die Bäume und endlich sich gegenseitig mitleidsvoll an.
Frau Terris verlor unter ihnen die Geduld. Ohne weiter auf die immer größer werdende Menschenzahl zu achten, faßte sie behutsam die Räder des Kinderwagens und bedeutete dem redseligen Dienstmädchen, ein gleiches auf der Rückseite zu thun.
»Tragen Sie sie leise hinauf,« befahl sie – »ich gehe zu Thompsons hinüber, um zu hören!«
Frau Terris hörte bei den Thompsons wenig, aber das Wenige genügte, um sie einigermaßen zu verstimmen. Frau Thompson fiel von einer Ohnmacht in die andere, während Thompson Gatte mit Hilfe der willigen Nachbarn die nahegelegenen Straßen absuchte. Die Dienerschaft allein vermochte es, der energischen Frau Terris schluchzend Rede und Antwort zu stehen.
»Jinnie war entlassen worden – Jinnie das schwarze Kindermädchen. War zu spielerisch – machte keine Arbeit mehr ordentlich. Missus hatte recht und Neddie – der süße Engel – Kinder seien ja alle gleich – und die Jinnie, das raffinierte Ding, geberdete sich so toll, kein Wunder, daß der »süße Engel« Neddie anfing zu weinen und sich an sie hängte, so daß »Missus« ihn nach oben trug. Missus habe beim Einkochen aufgepaßt, sie hätten Quittengelee gemacht, und während sie in der Küche beschäftigt waren – hätte der süße Engel – der herzige Engel –
»Ob ihm denn niemand begegnet sei?«
»Ja – der alte Gärtner von der Bahnhofsecke. Er habe den Kleinen angehalten – das »süße Kind« habe mit dem Kopfe vorwärts gedeutet und immer gesagt: »Such' meine Jinnie – such' meine Jinnie!«
»Und der gräßliche Mensch habe ihn gehen lassen?« Stummes Kopfschütteln – erneuetes Schluchzen – weiter erfuhr Frau Terris nichts, und was sie gehört, ließ sie etwas von ihrem vielgepriesenen Selbstvertrauen einbüßen.
»'s ist keine Kleinigkeit,« erzählte sie später dem heimgekehrten männlichen Terris; »wenn ich bedenke, daß ich es war, der den abscheulichen Jungen ausschimpfte, daß ich es war, der ihm sagte, er solle das Frauenzimmer suchen, anstatt sich – hörst du mich auch, mein lieber Terris?«
Es machte Terris einige Schwierigkeiten zu hören, wenn seine Frau, wie das hier der Fall war, so auffällig beim Decken des Tisches mit den Tellern klapperte, und er, nebenbei gesagt, hinter dem Zeitungsblatt versteckt, die Kurse studierte; trotzdem hob er mit einem vorwurfsvollen Blick den Kopf und versicherte, daß er mit dem größten Interesse aufpasse, und aufs Lebhafteste gespannt sei – der Schluß des Satzes verlor sich in erneuetem Tellergeklapper.
»Es ging mich vielleicht nichts an, wirst Du sagen,« sprach Frau Terris mit erzwungen gleichmütigem Tone weiter, »wenn der Junge da herunter lamentiert, aber wenn man mit Mühe und Not sein eigenes Baby in den Schlaf gekriegt – Mary Ann ist seit zwei Tagen schwer einzuschläfern – und man will sie ein Stückchen auf und ab fahren, und so ein Junge maltraitiert einen mit seinem Singsang – da kann es dem besten Menschen passieren, daß man einmal derb die Meinung sagt und –«
Das Klappern der Teller hatte allmälig nachgelassen – die Stimme der ehrenwerten kleinen Frau ward allmälig unsicherer und Herr Terris fuhr nicht ohne Schrecken zusammen, als sich seine Gattin ohne alle Vorbereitung mit der ihr eigenen Heftigkeit plötzlich neben ihm niederwarf, ihr Gesicht an seiner Schulter barg und erst weinerlich, dann heftig schluchzend weitersprach:
»Wenn ich ihm auch gesagt habe, daß er seine dumme Jennie suchen sollte – dann brauchte er doch nicht – wenn ich bedenke, daß unsere Mary Ann eines Tages auf und davon – – oh Talbot, ich hätte es ihm nicht so zu sagen brauchen – hätt' ich?« Herr Terris hatte alle Ursache, sich zu schämen. Er hatte nicht einen Augenblick zugehört und befand sich in der unbehaglichen Lage, trösten zu sollen, ohne zu ahnen, um was es sich handelte. Der Erregung der Frau war es zuzuschreiben, daß es ihm gelang.
»Was kann ich in der Sache thun?« fragte er im Bewußtsein, daß nur eine Handlung ihm in den Augen seiner Martha Gunst verleihen würde, und wirklich blickte dieselbe dankerfüllt zu ihm auf.
»Du wirst gleich nach Tisch gehen und den abscheulichen Jungen suchen helfen, mein guter Talbot, nicht wahr?«
Der »gute Talbot« erfuhr zum Glück im Hinausgehen vom Hausmädchen, um welchen »abscheulichen Jungen« es sich eigentlich handelte.
Das Kind war fort. Der Tag verging – der zweite kam – das Kind blieb fort. Die Nachbarn bestätigten es mit Trauermienen und bedauerndem Aufblick zu den herabgelassenen Thompsonschen Jalousien, hinter denen die Herrin von Weinen erschöpft darniederlag und die alte Köchin während des langen Tages unter weinerlichen Stöhnlauten einherging und mit immer neuen Gefühlsausbrüchen die Anfragen der Nachbarn mit dem stets gleichen Jammerruf: »Das Kind ist fort – fort«, beantwortete.
Der melancholische Ton weckte so sehr das Mitgefühl wie die traurige Thatsache selbst. Was Wunder also, daß die guten Nachbarn aufhorchten, als am Abend desselben Tages die Stimme der alten Köchin vor den Stufen des Hauses in ganz anderer Weise erscholl. Allem Anscheine nach war sie ergrimmt. Man sah eine drohend geballte Faust – hörte eine unterdrückte, erregte, zornbebende Stimme:
»Fort ist das Kind. Jawohl, du schwarzes Ungeheuer, fort ist es, und wenn der süße Engel zu Tode hungert oder auf den Eisenbahnschienen umkommt – wer hat die Schuld, du nichtswürdiges Geschöpf? wer anders als du – du – was willst du überhaupt noch hier? Nach ihm fragen? So? Wenn du mir wieder unter die Hände kommst – ich – ich – fort von hier, sag ich, du schwarzes Ungeheuer oder ich« –
»Mit wem sie nur reden mag,« fragten sich die teilnahmvollen Beobachter, deren neugierige Köpfe bei dem ungewohnten Geräusch zu den Fenstern herauskamen, »wer mag denn da unten sein?«
Bevor sie sich indessen klar werden konnten, war die Thüre des Thompsonschen Hauses ins Schloß gefallen und von den Stufen erhob sich eine halberwachsene Mädchengestalt, die sich eingeschüchtert an den Häusern entlang hinschlich und im Dunkeln verschwand.
»'s war das Frauenzimmer, die Jinnie, ich wette, was du willst,« sagte Frau Terris, ihren vom Abendwind zerzausten Kopf von der Fenstereinrahmung zurückziehend und den männlichen Terris herausfordernd ansehend, »das freche Ding – hier noch herzukommen, nachdem sie die ganze Sache angerichtet – so ein Nigger!« Es gab in der Umgegend noch andere, die das Gebahren des Negermädchens für frech erklärten, so zum Beispiel schien es dem hinter seiner Schnapsflasche eingeschlafenen Bahnbeamten eine nie dagewesene Dreistigkeit von einem halberwachsenen Mädchen, ihn zu wecken, um zu fragen, ob sie auf eine Viertelstunde die Laterne nehmen dürfe, um etwas, was sie verloren, zu suchen, und dann hatte er in seinen Flüchen innehalten müssen, als sich das junge Ding so ängstlich seitwärts drückte und ihn aus großen Augen so eigen hilflos anstarrte.
»Frech war es, ihn zu wecken, aber – na, die Lampe stand ja da – seinetwegen – aber wiederbringen – verstanden?« Eine Frechheit war es wiederum von dem hinterlistigen Ding – das doch nur wie alle Neger stehlen wollte, an der Apfel- und Kartoffelbude der irländischen Marktfrau zur Abendstunde anzuklopfen. »Ob ein Herr Smith hier wohne? Oho – die Frage kannte man. Als ob nicht jeder wüßte, daß an der Grenze der Stadt – wo die Eisenbahn halt machte, kein Smith, sondern sie selbst, die bekannte Apfel-Kennedy, wohnte. Was sie denn von dem Smith wollte, he?«
»Ein kleines Kind habe sich verlaufen und ein gewisser Gärtner Smith solle dem Kinde auf der Avenue begegnet sein, sie wollte nur fragen –«
»So, na ja. Ob sie dächte, daß man das Zeug glauben würde. Wenn weiße Leute ein Kind suchten, schicken sie doch keinen Nigger danach aus. Ein rotköpfiger Junge wäre gestern vorübergekommen. Vielleicht war's der! Na, was sollte das heißen? Nur nicht so dicht 'rankommen, sie hätt' ihn nicht weiter beachtet. Da 'runter wär' er gegangen und die Leute aus der Schlächterei hätten ihn angehalten – ob sie wohl in ihrer Hast den Korb nicht umstoßen wollte – solch ein Nigger! Na – gestohlen hatte sie nichts – Gott sei Dank.«
Gestohlen hatte sie nichts und doch mußten die Bewohner der armseligen, kleinen Hütten, dicht hinter der großen Schlächterei, die umherschleichende, sich bei jedem Geräusch scheu verbergende Gestalt des Negermädchens mit Argwohn betrachten. Es war nicht erwiesen, daß sie stehlen wollte, trotzdem sie in der gut gekannten Manier aller Diebe und Schleicher an den verschiedenen Thüren anklopfte, um mit verstellt harmloser Miene zu fragen, ob dies Nr. 19 wäre, und dabei mit großen, suchenden Augen die spärlich möblierten, inneren Raume zu überblicken.
Nein – es war nicht Nr. 19. Es gab überhaupt hier keine Nummern, und wenn sie vielleicht etwas ausspionieren wollte, so könnte man dem männlichen Hüter des Hauses rufen – aha – das wirkte! So ein diebischer Nigger! – Die Drohung hatte sie fortgeschreckt! Es war also keine Gefahr mehr vorhanden. Die aus der Schenke heimkehrenden Männer täuschten sich auch wohl, wenn sie im Schatten des im Zickzack entlanglaufenden Holzzauns eine sich verbergende Gestalt zu sehen wähnten. Wie sollte auch zu so später Abendstunde – – sie konnten vorsichtshalber die konferierenden Stimmen etwas senken. Und die Stimmen, welche ohnehin in halb ängstlicher Weise verhandelten, senkten sich vorsichtig zu noch leiserem Ausspruche:
»Schaff es fort,« riet die eine, »ich rate dir gut,« und eine zweite erwiderte zögernd und undeutlich:
»s'ist hart, ich mag nicht!«
»Willst du's hierbehalten bis man's entdeckt, und wir bestraft werden?« Der Ton des Mannes klang rauh und die Unschlüssigkeit des Nachbars gab ihm ersichtlich Mut. »Ich sage dir, es steckt 'ne Summe dahinter, verspiel dein Glück nicht – ich dächte die Armut hättest du mit Frau und Kindern ausgekostet – Arbeit, nichts wie Arbeit und was dafür? Morgen werden Plakate ausgehängt – große Belohnungssummen geboten – schaff es auf drei Wochen fort und die Summen werden verdreifacht – ich rate dir – Höll' und Teufel – siehst du nichts? Bewegt sich nicht etwas auf der Erde entlang – auf allen Vieren – ein Mensch – nein verdamm mich – ein Mädchen – da – fort ist's. Sahst du denn nichts – ich träume doch nicht – war da nicht jemand?«
»Nichts gesehen. Komm nach Hause!«
Tiefe Dunkelheit überall. Die Schritte waren verklungen. Von der nahe gelegenen Stadtuhr schlug es zehn. Die letzten herabgeglommenen Kerzen aus den einzelnen noch gering erleuchteten Hütten verloschen. Über den ärmlichen Stadtteil war tiefe Finsternis gefallen, und plötzlich hob sich aus der ringsum lagernden Stille der Nacht eine menschliche Stimme im Gesang. Eigenartig leise, eigenartig tief zugleich erscholl es aus einer Mädchenkehle in halb zitternden Tönen. Durch die ruhenden Straßen und so eigen gedämpft, so sehnsuchtsvoll innig kam die Melodie, daß die schlafende Stadt weiter schlief; und der leichte Nachtwind trug die zitternden Töne fort zu den Fenstern der niedern Hütten – durch diese zu dem Bettchen eines Kindes, das sich halb träumend aufrichtete und mit unbewußt vorgestrecktem Köpfchen auf die Stimme hinaus horchte. Der Gesang kam näher – die Worte wurden deutlicher – der Ton trauriger:
| »Oh my dear Nellie Grey |
| They have taken you away |
| And I'll never see my darling |
| Any more – any more – –« |
Die Stimme brach ab. Was war das? War es eine Täuschung oder fiel das Mondlicht auf ein klagendes schlaftrunkenes Kinderköpfchen, das sich hinter der Scheibe des Eckhüttenfensters abzeichnete?
| »I am sitting by the river, |
| I am weeping all the day –« |
»Jinnie oh Jinnie!«
Es war keine Täuschung. Es war wirklich ein sehnender Kinderschrei gewesen, der in die Straßen hinabtönte, und mit einem aufschluchzenden Jauchzer riß das Lied ab. Vor dem Fenster des Erdgeschosses, aus dem die kleine Stimme gekommen, stand hochaufgerichtet das Negermädchen und streckte, halb wie zum Dankesruf, halb im Triumph, beide Arme empor:
»Neddie, darling Neddie!«
Was that's, daß das Einschlagen des Fensters die Schlafenden weckte – was galt es ihr, daß in den Hütten sich's zu regen begann? Was kümmerte es sie, daß hinter ihr Flüche, Schimpfworte, Drohungen erschollen? Das schluchzende Kind im Arm haltend, durchflog sie die Straßen – stolperte, richtete sich auf – stürzte, hob sich wieder – fort, weiter und immer weiter durch die Nacht, aus dem verödeten düstern Stadtteil in den belebteren helleren, ein einzigesmal rastend, um das zerzauste Köpfchen an ihrer Schulter sorglicher zu betten, das blasse Gesicht des verwirrt blickenden Kindes mit ihren Lippen zu streifen und ihren Lauf fortzusetzen, bis sie, hastig atmend – zu Tode erschöpft das Thompsonsche Haus erreicht, die Stufen zur Hausthür erklommen hatte, um wie eine Wahnwitzige an der Glocke zu ziehen, daß es klirrend, dröhnend durch alle innern Räume ging.
Die da nach wenigen Augenblicken mit Licht erschienen, fanden auf der Thürschwelle die in sich zusammengesunkene Gestalt des Negermädchens und neben ihr das verlorene Kind Neddie, das den schwarzen Kopf des Mädchens aufzurichten suchte und in dem gekannten tiefen Klageton sein »Jinnie, Jinnie« rief.
Von der Bewegung, die noch in der Nacht in den Straßen entstand, wußten die guten Nachbarn noch lange zu erzählen.
Ob man wohl glauben könnte, daß ein Neger – und noch dazu ein Lied – ein sentimentales Lied, das dem Knaben beim Einschläfern vorgesungen worden war, ihn gelockt – es war seltsam.
»Verlange nicht von mir, daß ich dir meine Gefühle schildere,« bat Frau Martha Terris am Frühstückstisch ihren Gatten, indem sie mit energischem Schlag ihre Rechte auf den Tisch niederklappte – »verlange das nicht! Ich werde, solange ich lebe, den Nigger nicht ansehen können, ohne versucht zu sein, ihr eine Verbeugung zu machen, und daß du's nur weißt, ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich nicht direkt hinübergehe und dem schwarzen Ding einen herzhaften Kuß gebe; denn – du merkst wohl, Terris, daß ich mit dir rede.« Herr Terris glaubte so etwas bemerkt zu haben. Seine Wohlerzogenheit als Ehegatte verbot ihm, der schwatzhaften kleinen Dame seine Ansicht über ihr menschenfreundliches Vorhaben kund zu thun. Er begnügte sich damit, einen verständnisinnigen Blick auf das vis-à-vis gelegene Haus zu werfen, und verkroch sich eiligst wieder hinter seine Zeitung, als Frau Terris mit einem entzückten kleinen Schrei auf das Fenster zuflog.
»Da ist der Junge! Sieh ihn dir an! Du kannst noch so eigensinnig das Gegenteil behaupten, ich erkläre dir, daß es kein hübsches Kind ist. Die Nase ist platt. Wenn ich dagegen unsere Mary Ann, – da ist das Mädchen Jinnie und der Junge küßt sie. Nichts auf der Welt wird mich jemals veranlassen, das Mädchen wie ein irdisches Wesen zu betrachten, denn wenn das Fenster da drüben leer geblieben wäre – nachdem ich es war, die den Jungen – du kannst versichert sein, Talbot, daß es mein Tod gewesen wäre – thatsächlich mein« –
Der Satz wurde nicht vollendet. Frau Terris Aufmerksamkeit wurde auf das Thompsonsche Fenster gelenkt, aus dem sich der blonde Krauskopf des besprochenen Kindes herausbog und sich lebhaft nickend hin- und herbewegte.
»Ich glaube gar – es spricht zu mir!« Frau Terris geriet über die besondere Auszeichnung fast in Verlegenheit. Des Kindes Stimme tönte freudig erregt zu ihr hinüber.
»Meine Jinnie wieder da!« meldete der rote Mund beglückt eifrig, und Frau Terris grüßte ganz gerührt zu den gelben Locken herüber und nickte – eine Thräne im Auge mit einem kräftig gesprochenen »God bless her« dem Thompson Jungen zu – dann warf sie sich – wie um eine verräterische Rührung zu unterdrücken, ihrem Manne entgegen:
»Ich bin glücklich, daß der abscheuliche Junge wieder da ist, Talbot – wenn ich bedenke, daß unsere kleine Mary Ann – ich war es ja doch, die ihn« – hier geriet die tapfere Frauenstimme ins Wanken und von dem Rockärmel des männlichen Terris kamen abgerissen die Worte – »ich – ich – o Talbot – ich bin so froh.«
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Frei von allen Uebertreibungen und gesuchten Verwicklungen schildert die Verfasserin den einfachen Verlauf eines Mädchenlebens, bis zu der Zeit, wo dasselbe an der Seite eines geliebten Gatten die gottgeordnete Bestimmung des Weibes erreicht. Es werden dem jungen Mädchen, das die Hauptperson dieser Erzählung bildet, die Dornen des Lebens, welche sein Herz tief und schmerzlich verwunden, Leid, Noth, Kränkung aller Art, schwere Kämpfe nicht erspart, aber es fehlen ihm auch nicht die Freuden des Lebens, »die Rosen«, welche es erquicken und aufrichten. Unter dieselben werden vor Allem gerechnet die Liebe einer braven, einsichtsvollen Mutter, die zärtliche Hinneigung einer bis dahin verzogenen, nur durch seltene Gewissenhaftigkeit und selbstlose Liebe gewonnenen Schülerin und die innige, warme, aber in richtiger Erkenntniß der so verschiedenen Verhältnisse muthig bekämpfte Herzensneigung zu einem reichen edlen Manne, welcher das junge Mädchen, das als Gouvernante von dem Stolz, Hochmuth und der Eifersucht seiner Prinzipalin schwer zu leiden hat, diesen traurigen Verhältnissen entnimmt und zur glücklichen Gattin macht. Die Schilderung der »Dornen und Rosen« dieses Mädchenlebens ist eine so gelungene, daß der Leser unter den Dornen mitleidet und seufzt und der Rosen sich von Herzen freut. –
Eine Erzählung
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Marie Stein.
Hübsch gebunden. – 3 Mark.
In dieser Erzählung wird uns gezeigt, wie schwer es ist, den Sieg über althergebrachte Standesvorurtheile zu erringen. Nur sehr ungern gibt der alte Graf Waldemar von Felsburg, ein edler, aber sehr stolzer Aristokrat seine Einwilligung zur Verlobung seines Sohnes, des Grafen Hermann, mit Marie, der Tochter seines Predigers, wiewohl er das junge Mädchen wegen seiner natürlichen Einfachheit, großen Pflichttreue und seiner übrigen trefflichen Eigenschaften hochachtet und überdies eine innige, wahre Freundschaft ihn mit dem alten Pfarrer, Mariens Vater, verbindet. Die liebliche, aber zarte Comtesse Clara, die einzige Tochter des alten Grafen, kämpft in der Tiefe ihres Herzens erfolgreich den schwersten Kampf einer hoffnungslosen Liebe zu Egon von Bernsdorf, dem Freunde ihres Bruders, der als Gast auf dem väterlichen Schlosse weilt, während Letzterer lange vergeblich sich um die kalte, herzlose und hochmüthige Gräfin Angelika Arnheim bemüht, bis diese, besonders durch das edle Vorbild der Comtesse Clara, eine völlig andere wird und in demüthiger, mädchenhafter Liebe dem stets Geliebten sich hingiebt. So werden an verschiedenen Beispielen und nach verschiedenen Richtungen die in der Tiefe des Herzens durchzumachenden Kämpfe von der Verfasserin mit großem Geschick und Verständniß geschildert.
Verlag von Carl Krabbe in Stuttgart.
Der Schmutztitel wurde entfernt, das Frontispiz vor die Widmung verschoben.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua, fett.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidern" – "erwiedern", "gleichgiltig" – "gleichgültig, "tödlich" – "tötlich",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 10:
"»" eingefügt
(»Tanz, heute – hier?)
Seite 12:
"«" eingefügt
(abschlägigen Bescheid geben zu müssen, indes –«)
Seite 13:
"jemanden" geändert in "jemandem"
(nur kamen, um jemandem gutes zu erweisen)
Seite 14:
"," entfernt hinter "aushauchen – –«"
(die Gefühle meiner Seele aushauchen – –«)
Seite 17:
"sie" geändert in "Sie"
(fassen Sie zu, bitte!)
Seite 26:
"«" eingefügt
(»Vielleicht?!!« – Herr Harvey hatte das Wort)
Seite 27:
"«" eingefügt
(Aufregung gebracht zu haben. Darf ich?«)
Seite 33:
"ihre" geändert in "Ihre"
(daß nur Ihre vorherige Haltung Tom Warren gegenüber)
Seite 36:
"floßen" geändert in "flossen"
(Thränen aus den Augen und flossen unaufhaltsam)
Seite 39:
"nnd" geändert in "und"
(da hob er seine Stimme, kräftig und voll)
Seite 45:
"»" eingefügt
(»Fräulein Müller, Sie sind Tante Marie?)
Seite 46:
"weilchen" geändert in "Weilchen"
(nachdem sie ein Weilchen geplaudert hatten)
Seite 74:
"füllte" geändert in "hüllte"
(hüllte tagtäglich mehr denn ein Dutzend)
Seite 74:
"»Geschichte«," geändert in "›Geschichte‹,«"
(sie hat eine ›Geschichte‹,« flüsterten sie)
Seite 74:
"»" vor "Aber" entfernt
(Aber wenn sie gleich ihre Geschichte hatte)
Seite 77:
"»" vor "eines" entfernt
(nichts wußte; eines aber ist gewiß)
Seite 86:
"«" eingefügt
(Kamen nicht Schritte?« fragte sie)
Seite 87:
"sonniges" geändert in "sonnigen"
(eines sonnigen Tages ihre paar Habseligkeiten und ging)
Seite 90:
"Schluchslaut" geändert in "Schluchzlaut"
(mit einem lauten Schluchzlaut)
Seite 94:
".." geändert in "..."
(Dreimaliges Geläute! ...)
Seite 103:
"«" eingefügt
(nicht mit Bestimmtheit sagen,« erwiderte er)
Seite 104:
"»" und "«" geändert in "›" und "‹"
(›ich kenne ihn, er ist ein entsetzlicher Mensch,‹)
sowie (›er ist ein durchaus leidlicher Mensch,‹)
Seite 114:
"Ereignissen" geändert in "Ereignisse"
(keine fortschreitenden Ereignisse in Erfahrung bringt)
Seite 114:
"tröstete" geändert in "trösteten"
(sondern trösteten sie vielmehr mit der Hoffnung)
Seite 117:
"«" eingefügt
(mir mußte der liebe Gott ja zürnen.«)
Seite 119:
"abend" geändert in "Abend"
(Es ist Abend, eben erhellt der Mond das Dunkel.)
Seite 128:
"»" eingefügt
(»horch Mietze – ich höre was!)
Seite 139:
"«" hinter "nein!" entfernt
(in das kalte Wasser – o nein – nein!)
Seite 144:
"»" vor "O!" entfernt
(O! wenn doch Paul da wäre!)
Seite 144:
"!" hinter "wisse" entfernt
(Wenn sie dächte, man wisse nicht)
Seite 155:
"hochge-geschwungen" geändert in "hochgeschwungen"
(Strohhut hochgeschwungen, das dunkle Antlitz)
Seite 185:
"geblich" geändert in "gelblich"
(ihrem gelblich blassen Teint einen besondern Reiz)
Seite 186:
"»" eingefügt
(»sie standen versteckt an der Flurthür und plauderten)
Seite 195:
"unwillkührlich" geändert in "unwillkürlich"
(das den Vorübergehenden unwillkürlich zurückblicken ließ)
Seite 197:
"»" vor "Sei" entfernt
(Sei doch mal still du – Neddie Thompson)
Seite 199:
"«" hinter "Goodness!" entfernt
(»Gracious Goodness!)
Seite 199:
"müssigen" geändert in "müßigen"
(der allen müßigen Gaffern)
Seite 204:
"«" hinter "wohne?" entfernt
(Ob ein Herr Smith hier wohne?)