Als wir am Nachmittage stromab fuhren, fühlten wir in allen Gliedern große Mattigkeit, gegen die wir energisch anzukämpfen versuchten. Deshalb gingen wir gegen Abend ans Ufer und machten einen Pirschgang bis zur Dunkelheit.
Wir schossen zwei Riedböcke und ein Wildschwein und kehrten zu den Booten zurück.
Die Mattigkeit nahm zu; der Appetit fehlte. Ich kam zu der Überzeugung, daß ich Malariafieber hatte, und nahm Chinin.
Mein Begleiter hatte noch kein Fieber und glaubte deshalb (wie viele, die im Anfang damit verschont blieben), er bekomme es nicht.[55] Er sagte, es könne auch ein Erkältungsfieber sein und nahm kein Chinin.
Es ist ein Unglück, wenn die Europäer einer Expedition krank sind. Es ist, als ob die Spannkraft aller Neger sofort nachlasse, wenn der Weiße von einer Krankheit gedemütigt wird. Die Neger verlieren den Glauben an ihn. Bummelei und Ärgernis treten auf und Mißerfolge erhöhen das Leiden des Weißen.
Ein Posten schlief auf Wache, so daß ich ihm sein geladenes Gewehr wegnehmen konnte.
Die Wache bei den Booten hatte auch nicht aufgepaßt; ein ganzes Boot mit Lasten fehlte am Morgen.
Das Marschieren wurde uns an diesen Tagen sehr schwer. Es war kein Wind und die Sonne brannte auf den Sumpf hernieder, während wir meilenweit bis an die Knie im Wasser und durchweichten Boden wateten. Da war es oft, als wollte das Herz seinen Dienst versagen und man hatte den Wunsch, sich lang im Wasser hinzulegen.
Mein Begleiter war ganz still; wir konnten uns gegenseitig wenig Mut abgeben.
An dem Abend dieses Tages erreichte mein Fieber den Höhepunkt. Mit glühend heißen Schläfen lag ich im Zelt und kühlte mit nassen Tüchern.
Die Boys zeigten ihr Mitgefühl dadurch, daß sie nahe bei unseren Zelten die Trommel zum Tanze schlugen. Es war mir eine Qual das zu hören, aber ich fand nicht den Entschluß, es zu verbieten. Ja, es beruhigte mich innerlich geradezu, durch den Lärm an dies trotzige, gedankenlose Leben erinnert zu werden.
Glücklicherweise hatten wir das fließende Wasser wieder erreicht und konnten am nächsten Tage die Boote benutzen. Lauer mußte gestützt werden; er nahm immer noch kein Chinin.
Mit unglaublicher Schnelligkeit trieben wir an überschwemmten Dörfern vorbei: die Borassuspalmen von Mayenge tauchten aus Nebelschleiern auf.
Da lagen die Berge von Kitschi; noch eine Biegung des Stromes, an der die Eingeborenen Nothütten gebaut hatten, dann waren wir in Mayenge.
Hier war der kranke Unteroffizier Kuehn gerade von Feldwebel Münch abgelöst.
Auch diese Boma wurde geräumt und wir fuhren zwei Stunden weiter stromab zu einer hohen Landzunge, auf der ich einen Platz für das neue Bezirksamt am Rufiyi aussuchen wollte.
Die nächsten Nächte wären für uns Kranke schlimm gewesen, wenn nicht Feldwebel Münch mit bewundernswerter Geduld und Sicherheit unsere Pflege übernommen hätte. Er gab uns das Chinin zerstoßen in Oblaten. Ich wurde schnell besser, weil in mir das Gift den Kampf mit den Parasiten schon aufgenommen hatte; bei Lauer aber war das Fieber zu weit vorgeschritten, er war kaum imstande das Chinin hinunterzuschlucken.
Er litt sehr, phantasierte und sprach von Schwäche und Sterben; aber Münch ließ sich nicht beirren und sagte ganz ruhig: „Machen Sie doch keine Witze.“
Ich habe oft daran denken müssen, daß solcher Zuspruch besser ist, als hilfloses, sichtbares Mitleid!
Trotz seiner Erfahrung mit dem Fieber — Münch hatte monatelang an Schwarzwasserfieber gelitten — durften wir uns unserm Pfleger nicht ganz anvertrauen, wenn es möglich war, Mohorro in diesem Zustande zu erreichen.
Ich fühlte mich wieder frisch. Ein großes Boot wurde ausgerüstet und am Abend Lauers Bett hineingestellt. Ich lag dahinter im Lehnstuhl; die Askari und Neger folgten in neun anderen Booten.
Der Mond war aufgegangen, als die Boote vom Ufer ablegten.
Lautlos trieb die kleine Flotte auf dem Strom.
Ich zog mein Buch aus der Tasche und schrieb. Elf Uhr.
Am Ufer brennt ein Feuer; da übernachten Flußschiffer und schwatzen fröhlich und laut. Es klingt übers Wasser in der stillen Nacht und sie hören unsere Boote nicht, die leise plätschernd nahe bei ihnen vorbeitreiben.
Kein Wölkchen ist am Himmel. Die Sterne stehen über mir. Das Mondlicht glänzt auf den Blättern der Büsche.
Dahinter erhebt sich der Wald und die Berge. Ein hoher Sandrücken kommt näher; er neigt sich weit über den Strom. Auf der Höhe steht ein plumper Affenbrotbaum.
Es ist so still als ob die Natur ihren Atem anhält.
Da dröhnt vom Berge herab deutlich durch die Stille eine einzige, tiefe Löwenstimme; ein Ruf an die Nacht, die nur im Schweigen Antwort gibt.
„Simba“ flüstert der Neger hinter mir.
Schwach saß ich im Lehnstuhl und war erfüllt von den wundervollen Eindrücken, die wie eine Abschiedsfeier auf mich wirkten. Ich dachte zurück an vergangene Bilder, an stille Nächte, in denen der Mond schien.
Ich sah auf den Kranken, legte ihm die Kissen zurecht und schloß sein Moskitonetz. Dann streckte ich mich im Boot lang aus und schlief.
Manchmal erwachte ich aus festem Schlaf, wenn das Boot auf eine Sandbank auflief und von den Baharias wieder abgeschoben wurde. Einmal stieß das Boot auf einen Baumstamm, der im Wasser lag. Es wurde von der Kraft der Strömung in den Zweigen hochgehoben und schlug quer, sodaß das Wasser, das ihm sonst fördernde Kraft war, plätschernd gegen die Bordwand drängte.
Oft dröhnte die tiefe Stimme eines Flußpferdes aus nächster Nähe; ein kurzer Zuruf der Leute, eine gewaltsame Wendung des Bootes, und weiter ging es in gleichmäßiger Ruhe.
Gegen vier Uhr am Morgen wurde ich geweckt. Wir waren in Ndundu. Die Neger alarmierten das Dorf. Der Akide kam. Strohfackeln brannten.
Aus dem fensterlosen Seitenraum eines Hauses wurden Lasten herausgeschleppt, die ich dem Akiden zum Aufbewahren gesandt hatte.
Noch war dunkle Nacht. Aber der Vollmond stand schon tief am Himmel und der Morgen war nahe, als ich weiterfuhr, und die Gruppe der Neger mit ihren Fackeln am Ufer zurückblieb.
Ich wußte eine reine Freude vor mir: auf dieser Fahrt das erste Licht des Tages kommen zu sehen.
Und es kam. Die Ufer schimmerten im Morgenlicht. Bäume und Hütten nahmen Form und Farben an. Helles Licht breitete sich über das Wasser aus. Wölkchen zogen von der See herüber und unterbrachen die Strahlen.
Als es Tag war hörten wir das laute Treiben der Menschen.
Die Boote landeten am Ufer von Mosmene, wo Händler ihre Lasten aufgestapelt hatten und fleißige Hände bei der Arbeit waren, Frachten umzuladen.
Der Aufstand lag hinter mir; ich war wieder an der Küste.
[54] Über die wirtschaftlichen Aussichten in diesen Gebieten findet man Näheres in dem Buche: Hermann Paasche, Deutsch-Ostafrika. Verlag von E. A. Schwetschke und Sohn, und in den Berichten des Kolonialwirtschaftlichen Komitees.
[55] Man findet die wunderlichsten Theorien bei Menschen, die kein Fieber bekommen. Einer sagt: er passe auf, daß ihn keine Mücke steche (sehr gut; es ist aber nur ein Teil der Schutzmaßregeln!), ein anderer: er fühle das Fieber kommen und trinke dann eine Flasche Sekt, dann sei er sicher. Wirkliche Konfusion bestand, bevor man das Wesen der Malaria kannte, und in den alten Reisewerken bekommen die Reisenden von starkem Kaffee z. B. Fieber. Es gibt Menschen, die oft Malaria hatten und die immun geworden sind.