Eine Dhau aus Kilwa auf dem Mohorrofluß.

An der Küste.

Die über siebenhundert Kilometer lange Küste Deutsch-Ostafrikas ist reich an guten Häfen für die größten Schiffe, an Creeks und stillen Buchten für den Dhauverkehr und die Fischerei der Eingeborenen. Inseln und Bänke sind dem Festlande vorgelagert und schützen gegen die Dünung des Indischen Ozeans.

Dadurch zeichnet sich die Küste aus vor der des südlichen und westlichen Afrikas, die schwer zugänglich ist, und an der sich die Schiffahrt der Eingeborenen nicht hat entwickeln können. Der Küste gegenüber liegen die großen, fruchtbaren Inseln Pemba, Sansibar und Mafia.

Die Nähe der Insel Sansibar und das Vorhandensein reichbevölkerter Inselgruppen im Indischen Ozean, die Wind- und Wetterverhältnisse, die den Verkehr mit Indien und Arabien begünstigten: dies alles hat dazu beigetragen, daß hier zu allen Zeiten ein reger Handelsverkehr bestand.

Der Segelschiffverkehr an der Küste von Deutsch-Ostafrika steht im Zeichen von regelmäßig alljährlich auftretenden Winden; sieben Monate lang weht bei Sansibar der Südwest-, drei Monate der Nordost-Monsun. In der übrigen Zeit ist der Wind unbestimmt; die beiden regelmäßigen Winde aber sind die Grundlage des Handels zwischen Ostafrika und Indien.

Gegen Ende November, wenn der Nordostwind seine volle Stärke erreicht hat, füllt sich der Hafen der schönen Nelkeninsel mit Inderdhaus. Aber auch Mombasa, Daressalam und Mocambique werden von diesen altertümlichen Holzschiffen angelaufen.

Die Unsicherheit der Festlandsküste war vor allem Ursache der großen Bedeutung Sansibars; es wurde der Stapelplatz für alle Güter, die aus Ostafrika herauskamen und die Operationsbasis für Unternehmungen nach dem Innern des Kontinents.

Zugleich war es der günstigste Platz für den Sklavenmarkt, weil die Insel als fast einziger Produzent der Gewürznelken in der ganzen Welt stets Arbeiter in den Pflanzungen beschäftigen konnte, und Menschenkräfte dort nicht brach zu liegen brauchten.

An die Geheimnisse dieses Handels wird erinnert, wer in den Gewässern zwischen den Inseln und dem Festlande tagelang kreuzt, wie wir es mit S. M. S. Bussard taten.

Die lieblichen Einfahrten, mit hellgrün schimmernden Korallenbänken, die vielen, kleinen, mit dichtem Busch bestandenen Inseln; die weit ins Land greifenden Creeks, eintönig mit Mangroven geschmückt: das ist der Hintergrund für die Schiffahrt schwarzer Menschen in naturfarbenen, wenig gepflegten Holzkästen mit Baststricken und großen, kühn im Winde geschwellten Segeln über blauer Flut.

Die Fischerei wird noch immer selbständig von den Eingeborenen ausgeübt; in selbstgefertigten, schmalen Auslegerbooten; mit Angelschnur und Korbreuse in tiefem Wasser, mit Netzen und Rohrgeflecht in den flachen Buchten, die teilweise zur Ebbezeit trocken fallen.

An der Fischerei ist ebenso wie an der Schiffahrt alles althergebracht und der europäische Einfluß hat wenig daran geändert.

Der Fischreichtum ist groß; das beweisen die Märkte und die gefüllten Fischerboote, die man auf dem Heimweg zur Stadt antrifft.

Sansibar.

Da wir ein Interesse daran hatten, die deutschen Küstenplätze vor Sansibar zu bevorzugen, ging das Kriegsschiff nur selten nach der Sultansinsel, obschon sie dem Festlande so nahe liegt, daß man von Saadani aus den Mittagsschuß hören kann, der vor dem Palast des Sultans gefeuert wird.

Ich persönlich bedauerte, daß wir so selten in Sansibar waren; denn dort ist immer noch eine starke Kolonie deutscher Kaufleute, und die Insel bietet dem Besucher eine Fülle des Sehenswerten. Wohl an keinem Platz der Erde ist ein solches Völkergemisch vertreten, wie dort; wenn auch meist nur in wenigen Vertretern. Die Asiaten sind zur Stelle, vom Japaner bis zum Inder; Bewohner der Seychellen, der Komoren und Madagaskars, Araber, Belutschen und Neger fast aller Volksstämme könnte man nachweisen. Dementsprechend ist, was die Händler in ihren dunklen Läden anzubieten haben.

In Sansibar trifft man leider schon freche Neger; in den vom Fremdenverkehr berührten Hafenplätzen können die Schwarzen den bescheidenen Charakter offenbar auf die Dauer nicht behalten. Sehr bald wird man auch in Daressalam und in Tanga von der guten, alten Zeit sprechen, mit ihrer großen Auswahl an anständigen Boys, mit mäßigen Löhnen, die die Neger doch zufrieden machten.

Ich weiß nicht, ob der Deutsche fähiger ist als der Engländer, den Eingeborenen zu distanzieren, traue aber dem Deutschen ein sicheres Gefühl für seine Stellungnahme zu; denn dem Deutschen ist die Kolonie nicht nur ein Ort für Gelderwerb, sondern zweite Heimat, die er sich nicht verleiden lassen will; auch nicht durch Verderb der Eingeborenen, und durch Minderung des Rassenprestige. Daher kommt vielleicht auch die sichtbare Abneigung der Deutschen gegen die Missionen, die zum Teil ohne nationales Interesse auf den Neger einwirken, und ihren sehr verschiedenen Aufgaben entsprechend, selten eine gemeinsame Kulturarbeit mit dem Ansiedler betreiben; daher auch der gute Klang des Titels „alter Afrikaner“ und das Mißtrauen gegen jeden, im Verhalten zu den Schwarzen noch nicht gefestigten Neuling. —

Im allgemeinen geht der Handel Sansibars zurück. Die Ladung der Dampfer der Deutschen Ostafrikalinie verteilt sich jetzt auf alle kleinen Küstenplätze, während früher fast der gesamte Handel der Ostküste bis nach Lamu und Somaliland hinauf über Sansibar nach Europa ging.

Nach der Nelkenernte riecht die ganze Stadt nach Gewürznelken; am meisten der Zoll, der an der Landungsstelle liegt.

Der angenehme Duft empfing auch mich als ich eines Tages mit einem Kameraden an Land ging.

Wir machten Einkäufe in den Läden der Hauptstraßen: silberne Kannen, aus Ebenholz geschnitzte Elefanten, Elfenbeinschnitzereien und seidene Decken aus Japan; nahmen einen Wagen und fuhren durch die engen Straßen hinaus nach Mnazi moja, einer breiten Allee, die zu den Sportplätzen der Europäer hinführt.

Das Hochwasser füllte die Lagune, die die Stadt von den Negerdörfern trennt.

Auf guten, festen Straßen rollte unser Wagen dahin, durch reiche Vegetation: dunkle Mangobäume mit Kokos- und Betelpalmen hinter weißen Gartenmauern.

In den Gärten lagen Landhäuser der Inder und Araber; zum Teil verfallen und von Pflanzen überwuchert. Viele Negerweiber in sauberen Tüchern gingen nach dem Ngambo, dem Negerdorfe, zum Tanz; sie hatten nach Landessitte ein großes Tuch um den Kopf gewickelt.

Ich fragte einen Neger, der mit zufriedenem Gesichtsausdruck dastand, was seine Arbeit sei?

„Ich passe auf eine Schamba auf!“

„Wem gehört die Schamba?“

„Dem Eigentümer.“

„Wer ist der Eigentümer?“

„Ein Araber, Ali Sefru.“

Gegen Abend trafen wir den deutschen Konsul und die Vertreter der Firmen Hansing, O’Swald, die Herren von der Agentur der Ostafrikalinie, der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft und andere Mitglieder des Deutschen Klubs in der sogenannten Klubschamba, einem schattigen Garten mit der Aussicht auf das Meer.

Als es dunkel wurde, schrien die kleinen Ohrenmakis rundum in den Bäumen; nur bei scharfer Aufmerksamkeit erkannte man die „Komba“, die eifrige Kerbtierjäger sind und zur Nachtzeit auf Raub ausgehen.

Die Wagen brachten uns in die Stadt, wo ich einer Einladung folgte und in einem der malerischen alten Araberhäuser bei deutschen Kaufleuten dinierte.

Die Punka, ein großer hängender Fächer, wehte über der Tafel, und wie überall an der Ostküste servierten schneeweiß gekleidete Boys, die barfuß und ohne Geräusch um den Tisch eilten. Nach dem Essen gingen wir in den Klub und saßen hoch oben auf dem Dache beim Whisky-Soda.

Man sah den hellerleuchteten Sultanspalast und die vielen Schiffe im Hafen.

Der Klub soll früher schwere Sitzungen erlebt haben; jetzt ist das anders geworden. Die Rücksicht auf die ernste Tätigkeit des Tages und auf die Gesundheit mahnt auch die lustigste Gesellschaft zur Nachtruhe, und in Afrika ist man, was Mäßigkeit betrifft, im Kneipen schon ebenso modern wie in Deutschland. Die Natürlichkeit, mit der sich die jungen Kaufleute rechtzeitig empfahlen, empfanden wir sehr angenehm.

Am folgenden Abend blieb ich an Bord, weil ich als Piquetoffizier den Tag über mehrere Komplimentierbesuche auf fremden Kriegsschiffen zu machen hatte. Konsuln verschiedener Nationen kamen an Bord, und über vierzig Schuß Salut wurden im Laufe des Tages gefeuert.

Auch ein großer Passagierdampfer von Südafrika war eingelaufen.

Der Vollmond hob sich über die Türme und Dächer der Stadt und sein Licht trat in Wettstreit mit den elektrischen Bogenlampen des hellerleuchteten Sultanspalastes am Wasser. In der Flut glänzte der silberne Spiegel. Dunkel zeichnete sich davor die Silhouette eines italienischen Kriegsschiffes ab.

Die Mannschaft hatte längst Hängematten, da kam eine Dampfbarkasse an Steuerbord längsseit. Eine junge Dame führte das Wort: „Ich will den ersten Offizier sprechen“ rief sie dem Bootsmannsmaaten der Wache zu.

Der wachthabende Offizier rückte sich Schärpe und Mütze zurecht, ging auf das Fallrepp und übernahm die Verhandlung mit dem späten Gast persönlich. Sie wollte gerne das Kriegsschiff sehen; der wachthabende Offizier aber verweigerte ihr dies in höflicher Form, da die Schiffsetikette es verbiete, nach sechs Uhr Fremde an Bord zu lassen.

„Ach was, Schiffsetikette. Fahren Sie weiter,“ sagte sie schließlich zu dem Bootssteuerer und dann zu dem wachthabenden Offizier und den inzwischen versammelten Matrosen: „Ihr seid ja gar keine rechten Soldaten Kaiser Wilhelms!“

Der Insel Sansibar gegenüber liegt auf dem Festlande die alte Handelsstadt Bagamoyo, der Ausgangspunkt für die Karawanen nach Tabora und Udjiji; nördlich von Bagamoyo, an der Mündung des Wami der kleine Ort Saadani, wo Dr. Peters im Jahre 1884 gelandet ist, um Land zu erwerben.

Beides sind keine Hafenstädte und ihr Handel geht deshalb gegen den Handel Daressalams und Tangas langsam zurück. Bagamoyo war der Hauptausfuhrplatz für Elfenbein; gerade dieser Artikel wird immer seltener und macht allmählich der Baumwolle, dem Hanf und anderen landwirtschaftlichen Produkten Platz.

Saadani.

Bei Saadani hat das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee auf dem ausgedehnten Alluvialland der Wamiebene eine Art Baumwollbau- und Dampfpfluggenossenschaft gegründet, deren Teilnehmer schon 20000 ha in Pacht genommen haben; Dampfmaschinen für die Entkernung der Baumwolle wurden im Jahre 1905 aufgestellt.

Uns zeigte Herr Wendt damals die ersten Erfolge; die Mitafifi Baumwolle, (die von der Leipziger Baumwollspinnerei mit 85–86 Pfg. pro ½ kg bewertet wurde), die Schamben der Kommune Saadani und einiger Ansiedler; das gute Vieh: Buckelrinder und Esel. In Saadani ist das erste große Bauwollunternehmen in Deutschostafrika.

Der Gedanke, in Kolonien Baumwolle zu bauen, ist vielleicht älter, als man in Deutschland allgemein glauben mag.

Jetzt, wo das Interesse dafür so groß ist, sei es erlaubt, auf eine solche frühe Anregung hinzuweisen.

Johann Jakob Sturz, einer der rührigsten Vorkämpfer deutscher Überseepolitik, hat schon ein Jahrzehnt bevor Deutschland die ersten Schritte in dieser Richtung tat, an eine Kolonisierung Afrikas gedacht; eine der vielen, anregenden Schriften, die er, unermüdlich anspornend unter den Gebildeten seines Vaterlandes verbreitete, trägt auf dem Umschlag eine Kartenskizze Ostafrikas vom Sambesi bis zum Juba.[2]

Wie vieles, was dieser seltene Mann, seiner Zeit vorauseilend, gedacht hat, ist auch dieser Traum zur Wirklichkeit geworden. Freilich anders als er zu hoffen wagte; Sturz schlug vor, ein neutrales Ostafrika zu schaffen, in dem Deutschland gleichberechtigt neben England Handel treiben könne. „Vielleicht schon in zwanzig Jahren“, schrieb er (der immer das größte hoffte), „entwickelt sich dort eine Baumwollkultur, welche die aller anderen Länder zusammengenommen in Schatten stellt; denn Millionen von Händen werden sich ihr widmen, sobald sie nur Abnahme ihres Produktes finden, und wie sollten sie das nicht bei dem sicherlich leicht herzustellenden Transport zur Küste, teils durch bereits weit befahrbare Flüsse, teils durch wohlfeil herzustellende Straßen und Bahnen jeder Art?!“

Nördlich von Saadani liegt die Stadt Pangani an der Mündung des Pangani. Der Pangani kommt vom Kilimandscharo; seine Mündung ist sehr verschieden von der des Wami, des Rufiyi und des Rovuma; er durchbricht an der Küste einen niedrigen Höhenzug und hat nur einen Mündungsarm.

Der Bussard ankerte auf Reede etwa zwei Seemeilen von der Stadt entfernt. Es fuhren nur wenige Routineboote, die je nach dem Strom gut oder schlecht vorwärts kamen.

Ich besuchte die alte Araberstadt und die Plantage Buschirihof und kam spät am Abend zurück, zum Bezirksamtsgebäude am Ufer des Flusses.

Der Bussard sollte am Morgen um drei Uhr nach Saadani in See gehen; ich mußte also unter allen Umständen sofort an Bord fahren. Die Europäer der Stadt waren alle mit den Booten fort, und mir stand kein Ruderboot zur Verfügung. Nach langem Hin- und Hersuchen fand ich endlich eine kleine, offene Dhau mit drei Negern, die mich hinaussegeln wollten.

Das Fahrzeug machte keinen guten Eindruck; da es aber stockdunkle Nacht war, sah ich das erst, als ich mit Büchse und Rucksack an Bord gestiegen war und der Anker hochgenommen wurde. Es war kein Wind und das große Segel hing lose an der Raa; als der Anker aus dem Grunde war, trieb das Boot schnell zwischen anderen Fahrzeugen hindurch der Mündung des Stromes entgegen.

Ein kurzer Wortwechsel entstand zwischen dem Neger am Steuerruder und den beiden schwarzen Matrosen vorne; ich achtete nicht darauf. Plötzlich aber sprangen die beiden über Bord, schwammen an Land und kletterten an das Ufer.

Mein Bootsführer sagte, er könne nicht allein fahren; draußen wehe heftiger Wind und schwere See sei gegenan.

Ich entgegnete, er solle die Schot und das Segel, ich würde die Ruderpinne nehmen.

Er traute mir oder seinem Fahrzeug nicht und meine Lage war nicht erfreulich.

Hinter Ras Muhesa, das sich dunkel zur Rechten erhob, und über Kikogwe stand eine noch dunklere Wolkenwand, und das Rauschen der hohen Brandung zur Linken kam immer näher.

Auf weitere Fragen antwortete mein Kapitän nur mit einem „bismillah“; und einmal müßten wir ja doch sterben. Dazu hatte ich allerdings noch keine Lust.

Noch war die Luft ruhig, das Boot fing an, einer langsamen Wellenbewegung zu folgen und plötzlich straffte ein heftiger Wind das morsche Segel; die Baststricke knarrten und ich fühlte starken Druck auf dem Ruder. In schneller Fahrt, von Wind und Strom getrieben, ging es einer immer wachsenden Dünung entgegen. An Backbord blieb die Brandung zurück, an Steuerbord tauchte die Wracktonne auf, die unter Ras Muhesa liegt und eine Stelle bezeichnet, die zu meiden ist, weil ein gesunkenes Schiff dort liegt.

Das Boot stampfte mächtig ein und starke Spritzer kamen über.

Der Neger schlug vor, umzukehren und abzuwarten bis der Wind nachlasse.

Da war wieder eine Gefahr; denn eine Dhau wie diese wendet nicht, sondern geht vor dem Wind über den andern Bug, was man in der Seemannssprache „halsen“ nennt.

Mit nur einem Mann für das große Segel ist es ein gewagtes Stück; man weiß nicht, wo das Segel während des Manövers bleibt und ob nicht die Schot brechen wird, wenn der Wind von der anderen Seite plötzlich hineinfährt.

Zudem kannte ich das Material nicht, daß ich in der Hand hatte.

In der Mündung des Pangani.

Mir blieb also nichts übrig, als ein „inshallah“ zu murmeln, das Ruder zu legen und abzuwarten, was vorne der Neger unterdessen in der Dunkelheit fertig bringen würde. Und es gelang; das Segel schlug heftig, aber die Stricke hielten, die Schot stand jetzt an Steuerbord und derselbe Wind trieb uns wieder der Mündung des Stromes zu, bis er hinter dem Kap schwächer wurde und die entgegenwirkende Strömung des Wassers ihm das Gleichgewicht hielt, so daß das Boot zwischen den beiden entgegengesetzt wirkenden Kräften auf einer Stelle lag.

Ich war völlig durchnäßt; bald kam rechts die Brandung zu nahe, bald links die Wracktonne; denn ich war jetzt in der nur etwa 150 m breiten Fahrrinne. Ras Muhesa aber blieb in derselben Peilung, trotzdem der Wind voll im Segel stand und das Wasser rauschend an dem Boot vorbeiging.

Da sagte ich dem Neger, er solle den Anker werfen, weil wir nicht vorwärtskamen und in Gefahr waren, dem Riff oder dem Wrack zu nahe zu kommen. Er ging nach vorne und warf den eisernen Anker über Bord; der hielt und als wir das Segel festgebunden hatten, lag das Boot auf dem Strome.

Nach einer Stunde machte ich einen neuen Versuch, mußte aber wieder umkehren und ankern; denn der Wind hatte noch nicht nachgelassen. Ich schöpfte das übergekommene Wasser aus und hielt mich durch diese Arbeit leidlich warm.

Endlich schien der Wind abzuflauen, und ich nahm wieder den Kurs nach See hin.

Der Neger hatte noch einmal Einwände, aber ich konnte nicht länger warten.

Es war eine aufregende Fahrt. Stockdunkel; nur die Lichter des ‚Bussard‘ in der Ferne. Das alte zerbrechliche Boot stampfte tief in die See ein und füllte sich immer mehr mit Wasser. Der Wind sauste und trieb mir salzige Tropfen ins Gesicht.

Aber die Lichter kamen näher; das Kriegsschiff nahm greifbare Gestalt an.

Wir waren nur noch zweihundert Meter vom Heck entfernt, als eine heftige Regenböe herniederfuhr und uns das Schiff fast den Blicken entzog. Kein Mensch sah uns von Bord aus, denn Lichter führten wir nicht.

„Wirf die Schot rechtzeitig los!“ rief ich dem Neger zu, weil mir der Gedanke kam, wir könnten an dem Schiff vorbeitreiben und es dann aus Sicht verlieren.

„Die Schot ist fest, gib mir schnell ein Messer“ antwortete hastig der Schwarze.

Ich suchte unter mir, wo der Rucksack im Wasser lag, konnte aber das Messer nicht finden; jetzt bekam ich wirklich einen Schreck. Ich wollte wenigstens bemerkt werden, um eine Leine zu bekommen und rief so laut ich konnte: „Bussard!“

Die Stimme des ersten Offiziers antwortete, der an Deck kam und die Bootsgäste der Wache ans Fallreep schickte.

In voller Fahrt hielt ich an der Bordwand entlang. Irgend etwas mußte geschehen und wenn der Mast unter der Backspier abbrechen sollte!

Da flatterte plötzlich das Segel lose im Winde. Der Neger hatte mit aller Kraft an dem Tau geholt; die Schot war gebrochen. Eine Leine wurde mir zugeworfen und ich turnte an Bord. Ich konnte von Glück sagen, daß die Fahrt in dem schwachen Boot so gut abgelaufen war.

Tanga.

Am nächsten Tage ankerte S. M. S. ‚Bussard‘ in dem stillen Hafen von Tanga, dem Ausgangspunkt der Usambarabahn.

Von Tanga aus machte ich einen Jagdausflug nach dem Sigital. Da der Dienst mich lange an Bord festhielt, verpaßte ich den Zug der Usambarabahn, der nur einmal täglich fährt, und bestellte mir einen Bahnwärterwagen, den mehrere Neger schoben und auf dem ich, mit den Boys und dem Gepäck gegen Abend auf der Station Ngomeni, eintraf.

Photographie aus Tanga.

Löwenfalle aus Baumstämmen.

In der Umzäunung rechts wird eine Ziege angebunden. Wenn der Löwe in den Gang hineingeht, berührt er einen Abzug; die schweren Stämme fallen nieder und erschlagen ihn.

Die Nacht verbrachte ich in Pingoni, auf der Agavenpflanzung eines Herrn Stauffer, an den mich ein Bekannter empfohlen hatte. Herr Stauffer riet mir, am Morgen in der Nähe der Pflanzung auf Rappantilopen zu birschen und erzählte, ein starker Bock sei noch am Nachmittag auf den Rodungen gesehen worden.

In dieser Nacht hörte ich zum erstenmal das Heulen von Hyänen.

In der Nähe der Küste sind Raubtiere durchaus nicht selten. Besonders Löwen finden sich dort in großer Zahl und in manchen Jahren hört und liest man von einer Raubtierplage, weil Neger zur Nachtzeit aus den Hütten geholt werden. In meiner Zeit aber hörte ich merkwürdigerweise viel öfter von einer Wildschweinplage, weil die Zahl der Löwen stark abnahm, und ich bin in Gegenden gekommen, wo mir gesagt wurde: „Aber schießen Sie bitte meine Löwen nicht!“

In seltenen Fällen wird man Löwen auf der Pirsch oder beim Spazierengehen antreffen; die meisten werden in dem Busch oder den Pflanzungen der Küste durch Treibjagden zur Strecke gebracht. Gerade, als wir einmal nach Tanga kamen, war eine solche Jagd gewesen und unglücklicherweise war ein Feldwebel der Schutztruppe dabei erschossen worden, ohne daß man wußte, wer der Schütze gewesen war. — Der Löwe war angeschossen in hohem Grase verschwunden und wurde bei der Verfolgung plötzlich in unmittelbarer Nähe des Feldwebels gesehen. Bei dem heftigen Gewehrfeuer der Askari hat ein Geschoß auch den Feldwebel getroffen. —

Löwenjagd.

Am Morgen nach meiner Ankunft in Pingoni ging ich in Begleitung eines Negerjungen früh hinaus.

Die Regenzeit war noch nicht lange vorbei und das Gras war etwa meterhoch und sehr taufeucht. Ich ging auf der rechten Lehne eines schmalen, mit üppigem Grase bestandenen Tals, so daß ich in das unter mir liegende Terrain hineinsehen konnte.

Plötzlich sah ich auf etwa neunzig Schritt einen braunen Schimmer in dem grünen Grase; ich blieb stehen und sah durch mein Doppelglas, daß es ein Stück Wild war; ohne Hörner. Ich fragte den Neger: „Was siehst du da?“

„Etwas Rotes“ antwortete er.

Jetzt erkannte ich die Luser des Tieres, die für eine Antilope auffallend weit auseinander lagen, und sprach den Kopf, scharf hinsehend, als den einer Löwin an. Sie hatte die Seher auf uns gerichtet, hob den Fang und windete.

„Ein Löwe“, sagte ich ganz ruhig; doch der Schwarze fand unsere Lage wohl ungemütlich und sagte: „Wirklich Herr?, wir wollen weglaufen.“

Ich befahl ihm hastig, stehen zu bleiben, hatte die Büchse schon gehoben, entsichert und gestochen und zielte auf den Kopf des Löwen, zwischen die Lichter.

Der Stecher meiner Büchse knackt; aber der Schuß geht nicht los. Ich steche noch einmal, ohne abzusetzen. Der Löwe richtet sich vorne etwas auf, so daß rechts von dem Kopfe ein Teil des Rückens sichtbar wird. Unwillkürlich folge ich mit der Büchse sofort nach rechts, der Schuß fällt und der Löwe springt mit gewaltigem Satz aus seinem Lager heraus, die linke hintere Pranke lang nach hinten streckend; die nächsten beiden Sprünge gerade auf mich zu. Nach dem dritten Sprung fällt mein zweiter Schuß und schlägt dicht vor dem Löwen in das Gras hinein; er biegt ab. Der nächste Sprung geht wieder nach links, dann sehe ich es nur noch einmal gelb zwischen den Zweigen schimmern.

Ein schmerzvolles Knurren folgte; dann war es still.

Ich blieb noch eine Weile stehen und lauschte; zugleich prägte ich mir den Ort genau ein. Dann verbrach ich meinen Stand und pürschte in der alten Richtung weiter. Um zu vermeiden, daß die kranke Löwin von mir Wind bekam, ging ich nicht einmal auf den Anschuß. Im Weitergehen kreuzte ich den Paß des Löwen. Wild sah ich nicht mehr; die Raubtiere hatten offenbar in der letzten Nacht alles verjagt.

Zwei Stunden später war ich mit Herrn Stauffer und etwa vierzig speerbewaffneten Negern zur Stelle, erklärte den Anschuß und schickte die Neger im Bogen herum, damit sie das Gebüsch durchtrieben. Ich verbot ihnen, den Löwen, wenn er tot sei, mit den Speeren zu durchstechen (was sie in der Aufregung gerne tun).

Als die Schwarzen auf den bezeichneten Platz losgingen, sah ich, wie sich ein Stück Wild über den jenseitigen Hang drückte; vielleicht war es der männliche Löwe, der sich in der Nähe seiner Gattin aufgehalten hatte.

Wir gingen zum Anschuß. Wo das Raubtier gelegen hatte, war nichts zu sehen, als der tiefe Eingriff der linken Hinterpranke beim Absprung; kein Schweiß, kein Geschoßaufschlag.

Während ich noch suchte, erhob sich ein Geschrei — es klang so ängstlich, als ob der Löwe jemand angenommen habe. Stauffer und ich liefen dorthin so schnell wir konnten und sahen einige zwanzig Schwarze mit gehobenen Speeren dastehen. Zehn Schritt vor ihnen schimmerte im Grase etwas Gelbes. Ich teilte das Gras auseinander, hob mich auf die Zehen und rief, als ich den Kopf des Löwen erblickte, voller Freude: „er ist tot“!

Die Schwarzen begannen einen Höllenlärm.

Herr Stauffer beglückwünschte mich zu dem Weidmannsheil und ich steckte einen grünen Bruch in den kleinen Einschuß der Decke.

Ein Löwe geschossen! Nie hätte ich es gedacht, daß ich dazu kommen würde. Der Schuß saß hochblatt und war dicht unter der Wirbelsäule durchgegangen. Der Ausschuß war nicht groß, obwohl ich ein ¾ Mantelgeschoß benutzte hatte, eine Geschoßart, die meist große Zerstörung im Wildkörper verursacht.

Es wurden Bäume gehauen, um den Löwen daran fest zu binden und nach Hause zu tragen. Ich schärfte die Pranken an der Innenseite so aus, daß die Bastbänder unter der Haut durchgenommen werden konnten und keine Druckstellen auf dem Haarkleid entstanden. Unter dem Gesang der Wanyamwezi bewegte sich unser Zug nach der Pflanzung.

Teich bei Kilwa.


GRÖSSERES BILD

Der rote Schweiß tropfte noch lange aus den Schußlöchern und färbte das Gras auf dem Wege.

Unter einer großen Bananenstaude wurde nahe bei dem Hause Strecke gemacht. Ich nahm die Maße des Tieres und begann dann sofort die Haut abzudecken. Die ganze Länge der Löwin betrug 2,42 Meter, die Schulterhöhe 1,00 Meter, der Brust- und Leibesumfang 1,03 Meter.

Im linken Hinterschenkel saß innen unter der Decke eine alte Bleikugel; in dem rechten befand sich ein altes Geschwür, auf dem Schmeißfliegen schmarotzten; rundherum war das Gewebe infiltriert und oben wallartig verdickt. Der Mageninhalt bestand nur aus einer Handvoll Schweinsborsten und einem kleinen Knochensplitter. In der Wandung saßen Dutzende von weißen Fadenwürmern, die ich einzeln mit der Pinzette herauszog und in Whisky aufbewahrte. Schwierig war das Auslösen der Handknochen. Als die Hand nachher dalag, sah sie aus wie eine Affenhand! Die Krallen drückte ich einzeln nach innen durch und machte mich dann sorgfältig an das Präparieren der Nase und der Ohren. Zuletzt wurde das Fell mit der Innenseite nach oben auf der Erde ausgespannt und mit dünnen Drahtstiften befestigt. Der Kopf kochte unterdessen in einem großen Blechgefäß.

Ich fragte die Wanjamwesi, ob sie das Fleisch essen wollten und erhielt als Antwort nur Ausdrücke des Ekels und der Entrüstung; als ich jedoch unter dem Dach der Hütte saß und einige Notizen über meine Jagd aufschrieb, kam der erste Neger vorsichtig hinter einer Banane hervor und schnitt sich das Fettnetz über dem Gescheide ab. Sofort fielen auch die andern darüber hin, rissen sich besonders um das Geräusch und sagten, wie zur Entschuldigung, es sei gute „dawa“. Aber auch das übrige Fleisch, der Magen und das Gescheide fanden schnell ihren Weg in die Hütten. Die Suaheli setzten sich im Halbkreis um dieses Bild und lachten aus vollem Halse: „Die Wanjamwesi fressen alles“, sagten sie, „Schweine und Löwen. Alles ist bei ihnen „dawa“: das Herz, die Knochen und das Fleisch.“

Am Nachmittage trennte ich mich von meinem Gastgeber, und ritt auf seinem Reittier von dannen. Als ich durch das Dorf niedriger Wanjamwesihütten ritt, riefen mir die Leute ein lautes Lebewohl zu, worin der Dank für den Löwenbraten liegen mochte. Die vier Neger, die mich begleiteten, mußten laufen, um mit dem Esel Schritt zu halten. Durch den Kulumuzi, einen kleinen Fluß, ließ ich mich tragen und den hübschen, weißen Esel hinterher führen; den Fluß überdeckte dunkler, kühler Wald.

Bergauf, bergab ging es in leichtem, schnellem Trabe durch hohes Gras, durch niedrigen Buschwald und bewohnte mit Kokospalmen, Bohnen, Mohogo und Negerhirse bebaute Flächen. Die aus dem Felde mit der Hacke arbeitenden Leute sahen auf; meine Begleiter versäumten nicht, ihnen die frohe Nachricht zuzurufen, ich sei der Jäger, der heute früh einen großen Löwen geschossen habe.

Wir erreichten einen Ort mit Namen Kikuruni. (Diesen Namen konnte ich in den nächsten Tagen schwer behalten, es schien, als sei mein Gedächtnis nun nachgerade übersättigt mit Zusammenstellungen der wenigen Silben ki und ku, ni und na, aus denen die Kisuahelinamen bestehen.)

Ich dachte an die Abendpirsche und freute mich, daß die Sonne noch hoch stand. Blau schimmerten hinter der düsteren, grünen Waldfläche des Sigitals die hohen Berge von Ostusambara, eingerahmt von hochstämmigen Kokospalmen dicht vor mir.

Ich schien heute Glück zu haben; der mir empfohlene Führer stellte sich in einem der entgegenkommenden Neger vor und folgte mir sofort. Im Orte strömte das Volk zusammen aus fertigen und halbfertigen Häusern. Ich suchte einen Platz für das Lager aus und ordnete an, daß mein „Reisemarschall“ Hans und die Träger dorthin gewiesen werden sollten. Dann ritt ich noch bis zum Sigi und gab dem Eselboy rukhsa[3]. Mein Führer brachte mich zuerst in Stagenwald mit mäßiger Aussicht; hier waren deutliche Spuren, daß die Neger täglich Holz zum Hüttenbau holten; ich befahl, mich in freie Baumsteppe zu führen; die war bald erreicht und hier sah man Fährten von großen Antilopen. Eine Stunde verstrich ohne daß die vorsichtige, lautlose Pürsche durch den Anblick größeren Wildes belebt wurde. Nur eine Herde schnell flüchtender Hundsaffen; endlich — fünfhundert Meter weit im Winde ein Rudel von drei Wildschweinen, die ruhig einherzogen.

Warzenschweine.

Ich ließ die Neger halten und niederknien und pirschte selbst in kniehohen, zusammengefallenem Grase, das bei jedem Schritt unangenehm knisterte, hinter einem Hügel näher. Es waren nur Schweine; in Ostafrika ein recht gemeines Wild. Doch gibt es nichts Aufregenderes, als diese Art von gewissermaßen blindem Anpürschen. Der Schlachtplan ist beim ersten Blick gemacht und dann das Handeln bestimmt bis zu dem Moment, in dem ich bei jenem Hügel das Wild von neuem zu Gesicht bekomme, wenn es nicht bereits verschwunden ist. Die Erfahrung mahnt zur Vorsicht und Ruhe, der Wunsch, über das Verhalten des Wildes Gewißheit zu erhalten, treibt zur Eile. Deshalb die Aufregung und eine gewisse Anstrengung! Wenn man das Wild beim Anpirschen im Auge behält, dann kann man laufen, wenn es äst, und stehen bleiben, wenn es äugt oder sichert, und kann nötigenfalls auf weite Entfernung schießen. Beim Anpirschen hinter einer Deckung aber ist es zwecklos, stehenzubleiben; denn gerade das laute Weitergehen, kann mit dem Augenblick zusammenfallen, in dem das Wild sichert. Wer sagt mir, ob es nicht dicht vor mir auf den Hügel zieht oder schon weit hinter den nächsten Büschen verschwunden ist? Diese vielen Fragen erregen in dem Jäger eine lebhafte, wohltuende Aufregung.

Als ich den Hügel erreichte und an ihm vorbeisah, hatten sich die Tiere in einen lichten Busch eingestellt und brachen dort; sie waren ziemlich dreist und unaufmerksam. Der stärkste stand breit, ich zog den Stecher ab und riß mit Gewalt durch, weil das Schloß, ebenso wie heute früh, dem Stecher nicht folgte. Die Rotte rannte breit nach links; das kranke Stück blieb etwas zurück und brach nach wenigen Sekunden verendet zusammen.

Die beiden anderen verhofften einen Augenblick; ich nahm das zweitstärkste Stück aufs Korn und schoß; es zeichnete auf den Schuß sehr merkwürdig und klagte laut. Die Bewegungen, die es machte, glichen denen eines biegsamen Stockes, den man in der Mitte festhält, während die Enden rund schwingen; der Schuß mag kurz weidewund gegangen sein.

Leider hielt die Geduld meiner Leute nicht länger, sie stürmten von hinten unter Geschrei und rohem Lachen heran. „Jetzt kommen wir dran“ hörte ich sie rufen. So kam es, daß das kranke Schwein in unregelmäßiger Flucht laut klagend das Weite suchte, ohne daß es mir gelang, noch einen Schuß anzubringen. Auch schnelles Nachlaufen auf erhöhte Stellen gab mir das Tier nicht noch einmal zu Gesicht. Leider konnte ich nicht mehr nachsuchen, weil es Abend wurde. Am nächsten Tage aber wäre es ganz zwecklos gewesen; denn die Hyänen würden das Schwein jedenfalls längst gefunden haben.

Ich schickte einen Mann ins Dorf zurück, mit dem Auftrage Träger zu holen, lüftete das erlegte Tier und ging schnell weiter, weil die Sonne längst hinter den Bergen stand. Kurz bevor das Büchsenlicht schwand, bemerkte ich zwei starke Schweine. Ich pürschte mich an, war aber fast froh, daß ich nicht auf Schußweite hinankam, so sehr stand ich unter dem Eindruck der nutzlosen Abschlachterei dieses Wildes, das sich meist so hilflos übertölpeln läßt.

Etwa achtzig Leute (zum Teil Kinder) waren ausgezogen um den erlegten Keiler einzubringen. Die Tatsache, daß ich zwei Schweine kurz hintereinander schoß, und daß das eine ganz tolle Sprünge machte, wurde immer wieder erzählt und belacht. Manche Leute grinsten auch wenn sie den Keiler nur ansahen. Der Grund war, daß die Schweine ihre Feinde waren und mit Pfeil und Bogen von den Mohogopflanzungen vertrieben werden mußten. Man tat also der Landwirtschaft einen Gefallen, wenn man sie totschoß.

Die Wanjamwesi schnitten das Wildpret in große Fladen, steckten Stöcke hindurch und stellten es an das Feuer.

Ich legte mich todmüde in mein kleines Zelt und sagte einem Boy, den ich neu angenommen hatte, er solle das Licht auslöschen; er sah mich ungläubig an und tat es erst auf meinen zweiten Befehl.

Borassuspalme.

Draußen erzählte er dem älteren Boy, ich schliefe ohne Licht! „Kein Europäer schläft bei Licht,“ belehrte der ihn, worüber der andere sich sehr wunderte; denn der Neger schläft immer bei Feuer, der Kälte wegen, und weil der Rauch die Insekten verscheucht und das Feuer die Raubtiere fernhält.

Gegen zwei Uhr wachte ich auf und hörte draußen ein Gemurmel; ich steckte den Kopf aus dem Zelt und sah die Träger dicht um das Feuer gelagert. „Weshalb schlaft ihr nicht?“ „Wir können nicht, es ist zu kalt,“[4] war die ganz natürliche Antwort. Und in der Tat ist es hart, sich jede halbe Stunde Schlaf durch Auflegen eines neuen Stückes Holz erkaufen zu müssen!

Wirklich war es bitter kalt. Im Osten über den düsteren Bäumen leuchteten zwei helle Sterne. Ich zog meine große Jagddecke über mich und fror selber, weil ich die Matratze zu Hause gelassen hatte, um die Bettlast zu erleichtern.

Eine halbe Stunde vor dem Morgengrauen ging ich durch den Sigifluß. Das Wasser reichte mir bis unters Knie. Die Kraft der Strömung drängte beim Vorwärtsschreiten den Fuß zur Seite. Hohe Bäume standen auf beiden Ufern. Ein ununterbrochenes Rauschen ertönte von fern und nah, wo der Fluß über Steine lief.

Am jenseitigen steilen Ufer stieg ich in die Höhe und kam in gute Pirschgegend. Die Fährten großer Antilopen waren zahlreich. Das Landschaftsbild erinnerte an deutschen Buchenwald; es gab breite Lichtungen mit frischer Äsung, gute Deckung und weite Ausblicke.

Bis gegen zehn Uhr, also beinahe fünf Stunden war ich gepirscht ohne ein einziges Stück Wild zu sehen. Ich war durch den Fluß zurückgegangen, ruhte mich unter dem Schatten eines Baumes aus und ließ mir eine der mitgebrachten Kokosnüsse öffnen.

Der Anblick der Landschaft vor mir war ganz besonders schön. Hier hatte der Fluß sein Bett in die Felsen eingewaschen, die sich von beiden Seiten vorschieben und ihn zu zahlreichen Windungen zwingen. Aus dem saftigen Grün der Ebene dazwischen ragten einige hohe Borassuspalmen, die großen Fächerpalmen mit kahlem Stamm.

Buschbockjagd am Sigi.

Nachmittags gegen zwei Uhr nahm ich einige zwanzig Wadigo mit und ließ sie durch den Busch gehen, wo ich Wild vermutete. Ein Wasserbock und zwei Buschböcke brachen nach den Seiten aus, ohne daß ich mir über ihre Stärke und Geschlecht klar wurde.

Auch einen Leoparden wollten die Leute gesehen haben.

Nun ging ich mit den Negern zum Fluß.

Mein „Büchsenspanner“, ein alter Kerl ohne Vorderzähne, mit vorzüglichen Augen, schnupfte andauernd Tabak und zog dabei — wenn er sich ungestört glaubte — die tollsten Grimassen. Es schien, als habe er Nahrung nicht nötig, wenigstens sah ich ihn an den beiden Tagen, wenn andere aßen, jedesmal nur schnupfen. Unter Mittag saß er mit einigen anderen Alten unter dem Makutidach[5] einer Hütte und rieb braunes Mehl in einer Schüssel. „Chakula cha pua“ (Essen für die Nase) nannte er es schmunzelnd.

Es war bereits vier Uhr; ich stand auf einer Höhe über dem Flusse. Die Ufer hatten einen breiten Streifen hohes Schilf; dort gingen die Schwarzen mit Geschrei hindurch. Etwa achtzig Schritt unter mir bewegte sich plötzlich das Schilf. „Schieß! ein Buschbock mit großem Gehörn,“ sagte der Alte, der hinter mir stand. Ich sah, wo der Bock sich auf der Stelle drehte, schoß und glaubte ihm den Schuß auf den Stich zu geben. Er stürzte; die Gräser bewegten sich mehrere Sekunden lang ungefähr an derselben Stelle, ohne daß ich noch einmal schießen konnte. Die Schwarzen kamen schreiend näher; die Bewegung im Schilf wurde heftiger und zog sich zum Fluß hin. Dann war wieder alles ruhig. Plötzlich riefen die Treiber: „Der Bock ist in den Fluß gesprungen!“ Ich lief auf eine höher gelegene Stelle und blieb auf einer vorspringenden Felsplatte stehen. Da sah ich etwa hundertundvierzig Meter entfernt im Fluß und schon kurz vor dem jenseitige Ufer den Kopf des Bockes als kleinen Punkt, wie er durchs Wasser zog und nach beiden Seiten einen Wellenstrich hinter sich warf; und ich schoß schnell. Kein Aufschlag war ringsum im Wasser zu sehen; der Kopf tauchte unter.

Ich ging zu dem Anschuß; hellroter Schweiß führte von dort bis zu der Stelle, wo der Bock den Fluß angenommen hatte.

Alle Schwarzen standen am Fluß; da war guter Rat teuer! Einer wollte nachspringen und tauchen, sagte aber, er dürfte es nicht, der Krokodile wegen, denn er habe gestern ein Rind geschlachtet.

Weiter unten floß der Strom über viele Steine. Dort stellte ich zwei Neger auf, die aufpassen sollten, ob der Bock vielleicht mit dem Strome antriebe.

Ich war noch nicht zehn Minuten weitergegangen, als ich rufen hörte: „Sie haben ihn gefunden! er ist an den Steinen! Du mußt nochmal schießen; die Krokodile halten ihn fest.“ Ich hielt die Büchse hoch und lief, so schnell ich konnte den steinigen Pfad hinunter an den Fluß. Unsicher war ein grauer Gegenstand, auf den die Schwarzen zeigten, oberhalb eines Steines als der Bock anzusehen, und man konnte erkennen, daß dem Körper eine fremde Bewegung mitgeteilt wurde. Der Neger, der dicht dabei auf einer trockenen Felsplatte im Strome stand, versicherte mir, er sehe ein Krokodil.

„Paß auf, ich schieße!“ Unterhalb des Steines tauchte der Kerl unter. Als ich geschossen hatte, trieb der Bock auf den Stein los (ich hatte etwas daneben ins Wasser gehalten).

Der Neger griff zu und zog den dunklen Bock ganz zu sich hinauf; da lag er nun.

Es war ein erfreulicher Anblick für das Auge eines Jägers: im Rot der untergehenden Sonne der Stein mitten im Fluß, rings umströmt von rauschendem Wasser, darauf lang hingestreckt der Buschbock mit dem wehrhaften, schwarzen Gehörn; daneben die Gestalt des Negers.

Halb gehend, halb schwimmend, zogen die Neger den Bock an den Hörnern zum Ufer.

Mitten zwischen den Hörnern, zwei Finger breit über dem Atlas war meine zweite Kugel eingedrungen und saß zwischen dem linken Unterkiefer und der Decke. Der erste Schuß hatte den Hals auf der linken Seite handbreit über der Schulter durchschlagen, ohne die Wirbel zu verletzen. Der Ausschuß war stark erweitert; vielleicht schon von den Krokodilen.

Als längst die Feuer brannten und die Unterhaltung der Träger verstummte, ging ich zwischen den Palmen hindurch und stand noch lange auf einer Anhöhe, über dem weiten Tal.

In Dunkelheit lag es, von wenigen Sternen beschienen.


Als ich nach Tanga zurückkehrte, waren Herren und Damen zum Nachmittagstee an Bord. Das Löwenfell wurde zum Schmuck aufgehängt, und mehr als einer beglückwünschte mich mit den Worten: „Ich bin soundsoviel Jahre in Afrika und habe noch keinen Löwen gesehen, und Ihnen läuft am zweiten Tage gleich einer in die Flinte.“

Und in der Suahelizeitung „Kiongozi“ erschien acht Tage später ein kurzer Bericht über meine Löwenjagd.