Einige Tage später dampfte der ‚Bussard‘ dem Süden der Kolonie entgegen, als wir, wie gewöhnlich nach dem Abendbrot auf der Hütte saßen.
Es war ein prachtvoller Abend.
Vom Westen kam goldenes Licht der untergehenden Sonne. Das Land darunter war nur am Dunst zu vermuten.
Der Himmel sah kalt aus, weil das Auge in dem unendlichen Blau vergeblich nach Gebilden suchte, die das wärmende Licht auffingen; nur im Osten stand tief eine massige Wolke; das Abendlicht färbte sie rosig rot und die einzelnen Kuppen warfen dunkle Schatten.
Die unteren Teile waren unbeleuchtet, und schwächer umrissen, schon in das Blau der Ferne zurückgetreten.
Roter Widerschein spiegelte in dem glatten Wasser. Von unten herauf hoben sich die Schleier des Abends, Vorboten der Nacht, und erklommen die Gipfel des vergänglichen Gebirges bis es mit erstarrten Zügen dalag.
Jetzt schwand auch im Westen das Gold. Aus der Tiefe des Meeres schien hier die Nacht heraufzukommen.
Jedes Blau, das kühnste Violett mit Rot und Gelb gemischt, breitete sich aus und dicht an der Schiffswand zeichnete die Bewegung der Wellen blitzende Linien in die schwarze Flut.
Bei klarem Wetter näherte sich S. M. S. ‚Bussard‘ von Süden kommend, der Insel Mafia. Von weitem erinnert der Anblick des dunklen Grün über dem weißen Strand und der freundlichen Farbe des Wassers an die pommernsche Ostseeküste; erst aus der Nähe erkennt man, daß die Bäume keine Kiefern sondern Mangroven, Mangos und Kokospalmen sind; flache Bänke sind hier im Westen der Insel vorgelagert und fallen zur Ebbzeit weithin trocken.
Die Tirenibucht, in deren hellem Wasser wir den Anker fallen ließen, ist von hohen Palmen umsäumt; ein rechter Ort des Friedens. Selbst der Westwind hat nicht Raum, hohe See aufzubringen; denn das Festland mit dem Mündungsdelta des Rufiyi ist nicht weit.
Im Norden der Bucht fehlen die Palmen; die Vegetation geht in Busch über und dann verläuft das Land dem Auge als heller Sandstreifen nach der See hin.
Zahllose Wasservögel beleben die zur Ebbzeit trockenen Riffe. An dem steilen Ufer sieht man hellere Stellen, vermutlich Kalkgestein. — Baumann sagt allerdings, nur im Innern, im nördlichen Teil der Insel, komme Kalkstein vor. — Im übrigen ist die ganze Insel sandig und hervorragend geeignet zur Anlage von Kokospflanzungen; schon jetzt hat Mafia eine große und stetig wachsende Ausfuhr an Kopra.
Die Palmpflanzungen sind zum großen Teil in den Händen von reichen Arabern. Auf den Schamben wird Vieh gehalten, und die Regierung hat ein wachsames Auge auf die Erhaltung und Vermehrung des Viehbestandes, der für die Düngung der Palmen von großer Bedeutung ist. Bei der Nähe der Küstenstädte mit ihrem großen Bedarf an frischem Fleisch und bei den leichten Transportverhältnissen lag die Gefahr vor, daß der Viehbestand der Insel zum Schaden der Pflanzungen vermindert wurde. Deshalb bestand ein Ausfuhrverbot, und nur mit Erlaubnis des Herrn Steiner, der dem Bezirksamt in Tschole vorstand, durften die Araber diesmal dem Kriegsschiff fünf Rinder schenken; als Dank für die Freundlichkeit, mit der ihnen die Matrosen während der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Daressalam die Einrichtung des „Manovari“[6] gezeigt hatten.
(Die Mannschaft bekommt bestimmte Verpflegungsgelder; Ersparnisse werden ausgezahlt oder zu Vergnügungen ausgegeben. Das weiß jeder an Bord genau und wer der Menage etwas stiftet, ist des Dankes jedes einzelnen gewiß. So wurde auch das Geschenk der Araber entsprechend gewürdigt, um so mehr, als diese baten, wir möchten auch Kokosnüsse nach Bedarf bestellen. — Die Nüsse wurden von den Matrosen stets sehr gern gegessen und getrunken.)
Herr Steiner war mit diesem Verhalten seiner Schutzbefohlenen sehr zufrieden; er benachrichtigte das Kriegsschiff rechtzeitig und riet, die Geschenke anzunehmen.
Das Landen war in der Tirenibucht nicht einfach; bei Flut konnten die Boote unmittelbar an Land fahren, bei Ebbzeit aber mußte man weit durch das Wasser waten oder sich dem Rücken eines Schwarzen anvertrauen. Doch ein Spaziergang in der wunderbaren Pflanzenwelt der Ufer dürfte auch größere Mühe und Umstände lohnen. Im Wasser gedeiht ein dünner Mangrovengürtel, den eine breite Sandstraße von der üppigen Ufervegetation trennt. Hier glänzen die fein gefiederten Wedel der wilden Phönixpalme, wie an der Mündung des Rufiyi; große und kleine Laubbäume wechseln ab mit Büschen, die eine Fülle duftiger, weißer Schmetterlingsblüten tragen; einzelne Betelpalmen schießen hoch empor und tragen auf dünnem Stamm die künstlerisch ausgebaute Krone. Mit erstaunlichem Eifer haben sich die Pflanzen auch einer am Strande stehenden Ruine bemächtigt. Vor einem halben Menschenalter mag dieses Haus erbaut sein; wer aber nicht weiß, wie schnell unter tropischer Sonne Mauern dem Verfall geweiht sind, wird sich versucht fühlen, die Ruine auf die Portugiesenzeit wohl vierhundert Jahre zurückzuführen und den Bäumen nach europäischem Maßstabe ein hohes Alter zuzutrauen.
Die Abendsonne durchleuchtete hier die Blattgewebe der üppigen Bäume, die sich an das verwitterte Baugestein anlehnten. Dicht dabei glitzerten die Sonnenstrahlen in der klaren Salzflut. In den Zweigen der Mangroven hatten sich hunderte von blauen Reihern und kleinen, weißen Kuhreihern zur Nachtruhe niedergelassen. Milane und Schildraben umkreisten die Wipfel der schlanken Kokospalmen.
Ein heller Morgen sah mich wieder am Strand, wo ein kleiner weißer Esel mit langen, steifen Ohren auf mich wartete. Er wurde nach arabischer Art gesattelt. Der hübsche Eseljunge, (der offenbar arabisches Blut in den Adern hatte), legte vier weiche Decken auf, zog mit großer Ruhe und Ausdauer jede einzelne sorgfältig hin und her und faltete sie gehörig; dann befestigte er eine weiche Kordel so, daß der fertige Sattel durch den Schwanz des Tieres am vorrutschen gehindert wurde. Nach vorn führte gar kein Geschirr; der fertige Sattel ruhte über dem Kreuz des Tieres. Ein einfacher Strick diente als Zügel; mehr war auch nicht nötig, denn das Tier war gewohnt stets hinter dem Eseljungen herzulaufen; der warf sein weißes Gewand über und setzte sich nach Art der Neger in Trab, indem er Kopf und Oberkörper, besonders beim Anlauf, stark auf dem niedergehenden Fuß hin und her bewegte. Für die Gangart des Tieres war also ganz der Junge maßgebend; ich durfte meine Reitkünste zu Hause lassen und konnte nur durch ein paar auf Kisuaheli zugerufene Worte meinen Willen zum Ausdruck bringen.
An den Pflanzungen sieht man, daß die Palmen auf der ganzen Insel gedeihen. Ich durchritt sandiges, mit niedrigem Gras bestandenes Hügelland, in dem von Zeit zu Zeit kleine Schamben lagen; ein Dutzend Kokospalmen, ein Garten mit Mohogo, dabei eine kleine Hütte. Das ganze Besitztum sorgfältig gegen Wildschweine eingezäunt. In langen Talsenkungen stand Wasser; hier gedieh eine artenreiche, dichte Sumpfvegetation und blaue Wasserrosen deckten den Wasserspiegel. In der Regenzeit sind diese Täler ganz mit Wasser ausgefüllt. Die Wege zeigten streckenweise Pflege; an den Seiten war eine Reihe niedriger, blaugrauer Agaven gepflanzt. Einmal durchschnitt der Weg übermannshohes Gebüsch von Heidekraut, das zum Teil niedergebrannt war; an einer Stelle, wo ich zum Frühstücken hielt, stand ein merkwürdiger Busch mit glänzenden Blättern; es sah aus, als ob gelbe und rote Blüten nebeneinander auf einem Ast saßen, aber bei näherem Hinsehen konnte man erkennen, daß nur die gelben Blüten, Blüten waren und die roten, alte Kelchblätter, die in ziegelroter Farbe abwechselnd grüne, unreife und schwarze, reife, glänzende Beeren umkränzten. Gewiß eine Merkwürdigkeit; erhöht durch die Tatsache, daß die Kelchblätter, solange sie frische Blüten umschlossen, klein und nur zart gefärbt waren.
Nach mehrstündigem Ritt näherte ich mich der Ostseite der Insel. Die Kokospalmen wurden häufiger und bildeten bald regelmäßigen Waldbestand. Die hohen, gleichmäßig starken Stämme erhoben sich aus niedrigem Graswuchs; doch, wie um dem Auge einen festeren Halt zu geben, waren dunkle, volle Mangobäume in diesen einförmigen Wald hineingestreut und trugen wie Weihnachtsbäume, eine Fülle von Früchten an dünnen Fäden. Zwischen den Bäumen lagen die naturbraunen, mit Palmblättern gedeckten Hütten der Menschen; Rinderherden zogen durch den Wald, gefolgt von schneeweißen Kuhreihern, die in Zusammenleben mit Haustier und Mensch ihren Bedarf an Insektennahrung an der Haut der Rinder suchen; ein Umstand, der den Viehzüchtern erwünscht ist. (Die Kuhreiher und Madenhacker werden in Deutsch-Ostafrika durch das Jagdgesetz geschützt, weil angenommen wird, daß sie auch die von den Rindern abfallenden Küstenfieberzecken verzehren. Man ist aber weit davon entfernt, den Nutzen der Vögel zu überschätzen; sie hacken Löcher in die Haut der Rinder und bringen ihnen häßliche Wunden bei. Die Insel Mafia selbst ist vor Seuchengefahr ziemlich sicher und die Vieheinfuhr wird durch Quarantäne sorgfältig überwacht).
Auf einem sauber gehaltenen Platze unter hohen Palmen hielt mich der Jumbe der Insel an, ein Araber, der aus einer wohlgebauten Hütte heraustrat. Die hagere Gestalt bekleidete ein langes, weißes Hemd aus dem die zierlichen Glieder und der fein geformte Kopf heraussahen. Über der glatten, weichen Stirnhaut war das Kopftuch zu einem Turban zusammengeschlungen. Die lebhaften, großen Augen glänzten und durch die feinen Lippen leuchteten beim Sprechen weiße Zähne. Vor der Mitte des Leibes stak im Gürtel der fein verzierte, gebogene Dolch in silberner Scheide; an den Füßen trug er weit überstehende Ledersandalen. Er bot mir einen Stuhl an und ließ eine Kokosnuß holen, eine frische, wie er versicherte; ich konnte das nicht bezweifeln, denn ich sah, wie der Junge auf die Palme kletterte und umständlich die beste Nuß auswählte und herunterschlug.
Die Auswahl muß, wie mir der Araber erläuterte, erlernt werden. Man unterscheidet Trinknüsse (Madafu) und reife Nüsse zur Kopragewinnung oder zur Aussaat. Die Trinknüsse haben noch nicht viel Fleisch angesetzt und sind, nachdem der Bast durchgehauen ist, leicht zu öffnen. Der Saft macht auf weißen Anzügen braune Flecken, die durch waschen nicht hinausgehen.
Bewundernswert ist, wie die Neger die Palmen erklettern.
Während wir den Druck der Knie beim Klettern benutzen müssen, gestattet dem Neger sein Körperbau an dem dünnen Stamm einer Palme empor zu gehen, wobei er den Stamm mit den Händen umfassen kann, weil er sehr lange Arme hat. In den Stamm der fruchttragenden Palmen sind, um das Ersteigen zu erleichtern, meist Treppenstufen eingeschnitten.
Auf dem sauber gefegten Platze vor dem Hause lagen aufgeschnittene Kokosnüsse zum Trocknen. — Als ich am Abend wieder vorbeikam, waren sie unter das überstehende Dach der Hütte gelegt, um sie vor dem hier reichlichen Nachttau zu schützen. —
Ich ritt weiter und hatte bald den Blick zwischen Palmen hindurch auf das Meer, auf die große Bucht, deren Südseite die Insel Tschole vorgelagert ist. An den Korallenriffen stand eine hohe Brandung.
Zwischen den Riffen hindurch führt die Einfahrt in die Tscholebucht, die bei Hochwasser auch von den kleinen Gouvernementsdampfern angelaufen werden kann.
Rinderherde. Kokospalme und Mangobäume.
In dem weißen Seesand, dicht am Meere, stand eine sechsjährige Kokospflanzung, nach dem Wasser hin durch eine Hecke abgeschlossen. Die Palmen waren gleichmäßig hoch, die Blätter zeigten eine gesunde Farbe.
Die Kokospalmen blühen im sechsten Jahre und bringen im siebenten Jahre die erste Ernte. Eine Palme liefert jährlich 75 bis 100 Nüsse, je nach der Bearbeitung und Düngung, die man ihr gibt. Der schlimmste Feind der Palme ist der große Nashornkäfer, dessen Larven von den Eingeborenen eifrig verfolgt werden.
Am Strande klopfte ein Mann Bast von Kokosnüssen, um Schiffstaue davon zu machen.
Zu dem Zwecke wird die Umhüllung der Nüsse im nassen Sand einige Zeitlang eingegraben, damit die Fleischteile sich von dem eigentlichen Bast lösen, dann wird der Bast ausgeklopft und getrocknet. Das Material ist uns bekannt in der Form von Kokosmatten.
Das Tauwerk aus dem Bast muß sehr stark sein, und sieht deshalb plump aus.
Mein Esel ging ohne Zögern durch die glitzernde Flut auf das Boot los, das etwa 400 m weit vom Strande entfernt im flachen Wasser lag; ich konnte vom Rücken des Esels in das Boot hineinsteigen. Leider erlaubte der Wind nicht, Segel zu setzen; ich mußte, um mein Ziel, die Insel Tschole zu erreichen, in weitem Bogen um eine, bei Ebbe trocken fallende Landzunge herumrudern lassen. Die Baharias (Matrosen) sangen laut und kamen dadurch über die eintönige, anstrengende Arbeit hinweg. Fast eine halbe Stunde lang sangen sie dieselben Worte. „Bringt mich zu meiner Mutter Faida!“
Die schwarzen Bootsleute können, wenn es nötig ist, acht bis zehn Stunden lang ohne Unterbrechung rudern; kein Weißer könnte das aushalten. Aber merkwürdig: dieselben Leute sind zu anderer Arbeit ungeschickt und nur auf die eine Bewegung des Ruderns trainiert. Man kann wohl annehmen, daß so außerordentliche Anstrengungen ihrer Gesundheit schaden, aber daran denken sie nicht; wenn sie krank werden, sind sie für den Dienst unbrauchbar und verschwinden in der Menge. So sind es immer die kräftigsten und gesundesten aus vielen Negern, die den Dienst gerade tun und die der Weiße um sich sieht.
Nach einstündiger Fahrt landete ich auf der Insel Tschole. Links über den hellen Strand hin gingen viele Menschen und löschten die Ladung einer Dhau. Man hatte das Fahrzeug auf den Strand auflaufen lassen und so war es den Trägern jetzt, bei halbem Wasser ein leichtes, die Ladung zu löschen. Auch ein Rind wurde aus dem Schiff gezerrt und unter Geschrei am Lande entlang getrieben. — Eine andere Dhau lag dort, dicht besetzt mit Passagieren, und wartete die Flut ab, um nach der Insel hinüberzusegeln.
Herr Steiner führte mich in sein schön gelegenes Haus, von dessen Veranda wir die Aussicht auf die Bucht und die Insel Mafia hatten; am jenseitigen Ufer, soweit das Auge sah, standen Palmen, der Reichtum der Insel.
Das Haus einer italienischen Handelsgesellschaft schaute freundlich, aber verlassen herüber. Wie so oft, waren auch hier grobe Fehler, nicht die gegebenen Bedingungen an dem Mißlingen des Unternehmens schuld. Die Gesellschaft hatte Geld an Araber und freie Suahelineger verborgt, die keine Palmen besaßen und war dadurch in Schulden geraten. Nun hatte die Gesellschaft das gesegnete Land verlassen; die Schuldner taten Strafarbeit an der Kette.
Straße auf Tschole (Mafia).
Links ein Araberhaus. Rechts Negerhütten. Kasuarinen und Kokospalmen.
Als wir vom Mittagessen aufstanden, wartete ein Araber im Vorraum. Wir wurden gebeten, einer Begräbnisfeier beizuwohnen. Der reichste Mann der Insel war in der letzten Nacht an Herzschwäche gestorben. Sein Vermögen wurde auf 800000 Mk. geschätzt, wovon eine hohe Erbschaftssteuer der Regierung zugute kommen sollte.
Wir gingen durch die breiten, sauberen Straßen, die von zwei Reihen dicht belaubter Akazien beschattet wurden. Die Häuser sind aus Korallenstein gebaut und mit Palmblättern gedeckt. Baumann, in seinem liebevoll dem Neger angepaßten Geschmack, hatte diese geraden Straßen verspottet; wir müssen in dieser Anlage einen Fortschritt sehen, denn mit den dicht belaubten Bäumen wird ebensogut Kühle und Schatten in den Straßen erreicht, als durch die kreuz und quer durcheinander gebauten Hütten oder die engen Straßen, wie sie Sansibar hat.
Neger und Araber in großer Menge standen vor dem Hause, in dessen dunklen Eingang wir genötigt wurden. Als ich von der hellen Straße in das Dunkel des Hauses trat, stolperte ich über ein Hindernis, und merkte mit Schrecken, daß es die Leiche war, die man nahe an der Tür aufgebahrt hatte!
Aus dem Innern des Hauses erscholl ein eintöniges Klagen vieler Weiberstimmen, das sich steigerte, als die Bahre fortgetragen wurde; die Leiche war mit kostbaren Tüchern überdeckt. Von beiden Seiten drängten sich die Freunde des Verstorbenen hinan, um jeder einmal mitgetragen zu haben. Die Weiber kamen in die Gärten und setzten dort ihr Geschrei fort; den gleichgültigen Gesichtern glaubte man anzusehen, daß hinter der Heulerei keine wirkliche Trauer steckte.
Nach arabischer Sitte gehören Frauen nicht in die Moschee, auch nicht auf den Kirchhof.
Der Kirchhof war ein Platz an der Straße; einige verfallene Grabmale standen darauf. Zwischen den Gräbern hatte ein mehr materiell als fromm denkender Mann schon wieder mit Erfolg Mohogo gepflanzt. Dicht bei der Moschee war ein etwa drei Meter tiefer Schacht gegraben, an dessen Sohle nach der Seite hin ein Raum ausgehöhlt war, in dem die Leiche gerade hineinpaßte, und der durch ein Brett verschlossen werden konnte.
An dem Grabe hielt die Menge. Ein des Korans Kundiger las aus einem alten Buche vor, und die Umstehenden leierten mit stumpfsnnigen Mienen den Refrain. — Drei Männer sprangen in das Grab, ein Tuch wurde darüber gezogen und unter dem Tuch langsam der Körper des Toten in die Höhlung hineingeschafft. Keiner darf ihn sehen. Dann langte eine Hand mehrmals unter dem Tuche hervor und verlangte nach Erde, wahrscheinlich um das Brett abzustützen.
Festungsruinen in Kilwa (Deutsch-Ostafrika).
Portugiesen und Araber haben jahrhundertelang um die Küstenplätze Ostafrikas gekämpft. Reste alter Kirchen und Festungen stehen in Mombasa, Kilwa und Mocambique. Das alte Kilwa hatte in seiner Blütezeit über hundert Moscheen; jetzt wohnen nur einige Neger auf der Insel im Beaverhafen, der als Anfangspunkt der Bahn nach Wiedhafen in Aussicht genommen wurde.
Als ich am Abend zurückfuhr, baten mich zwei Araber, mitfahren zu dürfen. Sie kamen vom Begräbnis und sagten mir, daß der Tote mit dem Gesicht nach Mekka in das Grab gelegt würde und der eine fügte hinzu: „Viele Tote liegen schon in allen Ländern um Mekka herum; jeder hat seine Hoffnung!“
Ich mußte denselben Weg zurückreiten, den ich am Vormittag gekommen war; die Dunkelheit brach herein; die Reiher ruhten schon auf den Zweigen der Sumpfbäume. An einem kleinen See, der vom letzten Abendlicht beleuchtet wurde, stieg ich eine Weile ab.
Es war ganz still und auch der Seewind war eingeschlafen.
Das Schilfgras reichte weit in den See hinein; ein Saum hochstämmiger Kokospalmen stand am anderen Ufer.
Im Wasser spiegelten sich die Sterne des Tropenhimmels zwischen düsteren Pflanzen.
Quer auf dem Arabersattel sitzend, sah ich noch eine Weile zurück, bis das gewohnte Landschaftsbild mich umgab.
Einmal ging es steil bergan, da hielt der Esel und drehte plötzlich um. Ich ließ ihm seinen Willen; er ging einige Schritte zurück und dann seitlich durch das Gebüsch auf einen wenig betretenen Steig. So umging er die Steigung und kam auf den breiten Weg zurück.
Das selbständige Handeln des Tieres überraschte mich. Der kleine Bengel, der sich mir angeschlossen hatte, sagte: „Er will nicht fallen, deshalb sucht er sich seinen eigenen Weg!“
„Ein famoses Tier,“ antwortete ich.
„Es ist der Esel des Jumben,“ entgegnete der Bengel stolz.
Am Strande der Tirenibucht wieder angekommen, machte ich mit langen, brennenden Palmwedeln Feuersignale, die mit den Lampen des Nachtsignalapparates vom Kriegsschiff aus erwidert wurden; ein Ruderboot kam und holte mich an Bord.
In der Messe saßen noch mehrere Kameraden und feierten die Ergebnisse einer Perlhuhnjagd, die am Nachmittage stattgefunden hatte.
[2] „Der wiedergewonnene Weltteil. Ein neues gemeinsames Indien“. Berlin 1876. Andere Schriften sind:
„Kann und soll Deutschland eine Dampferflotte haben und Wie“ (1847). — „Kann und soll ein Neu-Deutschland werden?“ (1861). — „Der Fischfang auf hoher See“ (1862). — „Der Nord- und Ostseekanal durch Holstein, Deutschlands Doppelpforte zu seinen Meeren und zum Weltmeere“ (1864) u. a. m.
[3] Rukhsa = du kannst gehen. In Ostafrika gebräuchlicher Ausdruck.
[4] „hatuwezi: baridi.“
[5] Makuti = Palmblatt.
[6] Kisuaheli; gebildet aus „Man of war“.