De La Motte geleitete später verschiedene Konvois, nach Europa bestimmte, von Cap Français, dem üblichen Sammelplatze, aus, so weit in den Atlantik, bis sie vor feindlichen Kreuzern sicher schienen; am 13. August trat er, erhaltenem Befehle gemäß, die Heimfahrt an und traf Ende Oktober in Cadiz ein.
De Guichen und Rodney in Westindien 1780. Lieutenant-Général de Guichen[149] hatte am 3. Februar Brest mit 16 Linienschiffen und 4 Fregatten — nach Angabe der französischen Quellen schlecht ausgerüstet — nebst einem Konvoi von 83 Segeln verlassen; er traf am 22. März in Martinique ein und vereinigte sich mit de Grasse. Er war entrüstet, nicht auch La Motte vorzufinden, da er dann dem Gegner sehr überlegen gewesen wäre. Seine Order wies ihn an, auf der Reise besonders den Konvoi zu hüten, weil es in den Kolonien sehr an Nahrungsmitteln sowie anderen Bedürfnissen mangele, in Westindien dann „die Seeherrschaft zu erringen“; von etwa genommenen Inseln solle er einzig Sta. Lucia besetzen, auf anderen nur die Befestigungen und Magazine zerstören. Der Befehl enthielt aber wieder den lähmenden Zusatz: „Die See zu halten, soweit es die Stärke des Gegners erlaube, ohne die eigenen Kräfte zu sehr einzusetzen.“ Der Admiral hoffte nun, Sta. Lucia überraschen zu können; er schiffte deshalb nur seine Kranken aus und ging schon am 23. März wieder in See. Er fand aber Hyde Parker mit seinen 16 Schiffen in der Gros-Islet-Bucht derartig verankert, daß er keinen Angriff wagte und nach Fort Royal zurücksegelte. Eine ähnlich günstige Gelegenheit, Sta. Lucia zu nehmen, kam nicht wieder; am 27. März vereinigte sich Rodney, von seiner spanischen Expedition angekommen, mit Hyde Parker, und die nun 20 oder 21 Linienschiffe starke englische Flotte war der französischen ungefähr gleich.
Die Stärke der Gegner. Die englische Flotte bestand aus: der Vorhut, Kontreadmiral Hyde Parker, dem Flaggschiff zu 90 Kanonen, 4 Schiffen zu 74, 2 zu 64, 1 Fregatte; der Mitte, Rodney, Flaggschiff zu 90, 3 zu 74, 1 zu 70, 2 zu 64, 3 Fregatten; der Nachhut, Kontreadmiral Rowley, 4 zu 74, 1 zu 64, 1 zu 60, 1 zu 50 Kanonen (dieses sollte im Notfalle die Linie verlängern), 1 Fregatte.
Die französische Flotte zählte: Vorhut, Chef d'Escadre Comte de Sade, Flaggschiff zu 80 Kanonen, 3 Schiffe zu 74, 2 zu 60, 1 zu 60; Mitte, de Guichen, Flaggschiff zu 80, 4 zu 74, 3 zu 64; Nachhut, Chef d'Escadre Comte de Grasse, 6 Schiffe zu 74, 1 zu 64; hinzu traten 5 Fregatten und 1 Korvette.
Die drei Gefechte bei Martinique 1780. Schon am 2. April zeigte sich Rodney vor Fort Royal, da Guichen aber nicht aus dem Hafen kam, ging er nach Sta. Lucia zurück und ließ den Feind durch Fregatten beobachten. Der französische Admiral war mit dem Gouverneur de Bouillé, der sich mit 3000 Mann auf der Flotte einschiffte, übereingekommen, bei günstiger Gelegenheit unbemerkt in See zu gehen, zunächst einen nach St. Domingue bestimmten Konvoi eine Strecke nach Norden zu geleiten und dann den Angriff auf die englischen Inseln zu beginnen. In der Nacht des 13. April verließ die französische Flotte den Hafen, aber die englische folgte sofort. Schon am 16. sichteten sich beide in Lee der Insel Martinique; die englische kam von Südosten heran, als die französische gegen Nordostpassat auf den Kanal zwischen Martinique und Dominica zu aufkreuzte.
In den nun folgenden Manövern zur Gewinnung der Luvstellung hatten die Engländer den Erfolg für sich. Bei Tagesanbruch am 17. April stand die englische Flotte etwa 12 Seemeilen östlich der französischen, und etwa 20 Seemeilen westlich vom Eingange des genannten Kanals erfolgte die erste Schlacht. Sie blieb unentschieden, ist aber bemerkenswert für die Geschichte der Seetaktik. Rodney versucht in ihr, abweichend von der bisherigen Angriffsart, einen Teil des Gegners überlegen anzugreifen; es mißlingt jedoch, da seine Untergebenen die Absicht nicht verstehen. Sie wurde dann in alter Weise zu Ende geführt und brachte die bekannten Folgen: Die Engländer standen nach dem ersten Zusammenstoß wegen der Beschädigung der Schiffe von weiterem Kampfe ab, und auch der französische Admiral drang im Hinblick auf den einschränkenden Zusatz zu seiner Instruktion nicht auf seine Fortsetzung bis zur Entscheidung.
Die erste Schlacht bei Martinique am 17. April 1780[150]. Bei Tagesanbruch lag die französische Flotte unter östlichem Winde in Kiellinie über Steuerbordbug mit etwa SSO-Kurs, die englische steuerte über Steuerbordbug nördlich. Rodney stellte die über Nacht etwas verloren gegangene Ordnung her und schloß die Entfernungen zwischen den Schiffen von zwei auf eine Kabellänge. Beide Flotten steuerten also einen parallelen, aber nahezu entgegengesetzten Kurs; es war für die zu Luward stehenden Engländer Gelegenheit, sich mit ihrer enggeschlossenen Linie überwältigend auf die hintere Hälfte der etwas auseinandergezogenen französischen zu werfen und diese niederzukämpfen, ehe die vordere Hälfte wenden und zur Hilfe herankommen konnte. Dies war Rodneys Absicht. Er machte sie um 8 Uhr vormittags durch Signal bekannt — bereits früher scheint er durch Zusätze zur Gefechtsinstruktion derartige Manöver vorbereitet zu haben. Um 8½ Uhr kommandierte er dann „Linksum“ und hielt mit vollen Segeln in Dwarslinie auf den Gegner zu.
Guichen erkannte die Gefahr und ließ alle Schiffe zugleich halsen, so daß der Stoß nur die vordere Hälfte getroffen haben würde, der die hintere leicht Unterstützung bringen konnte. Rodney bildete darauf die Kiellinie über Steuerbordbug, um sein Manöver am anderen Ende der feindlichen Linie zu versuchen (vgl. Plan, Lage 1). Er öffnete jetzt zwar die Abstände wieder auf 2 Kabellängen, blieb aber immer noch geschlossener als der Gegner; die beiden Flotten lagen nun von neuem auf entgegengesetzten Kursen. Um 10¼ Uhr war Rodney mit seinem Flaggschiff querab von dem de Guichens, gab Befehl, mit allen Schiffen zugleich zu halsen, und ließ, als dies geschehen und die Linie wieder gut ausgerichtet war, etwa um 11 Uhr mehr nach Backbord, also schräg auf den Feind zu, steuern. Um 11¾ erfolgten schnell hintereinander die Signale: „Gerade auf den Feind abhalten; ein jedes Schiff auf seinen Gegner in der feindlichen Linie (dies war ein Signal gemäß seines Zusatzes zur Gefechtsinstruktion); Nahgefecht.“ Rodney nahm dabei an, daß die Admirale und Kommandanten seiner um 8 Uhr bekanntgegebenen Absicht entsprechend das Schiff angreifen würden, das ihnen „augenblicklich“ in der feindlichen Linie gegenüberstand.
Jetzt aber machte sich das Kleben am bisherigen Brauch, an dem buchstäblichen Befolgen der Gefechtsinstruktion, geltend. Der Kommandant des Spitzenschiffes, Kapitän Carkett, glaubte, er müsse das feindliche Spitzenschiff angreifen, steuerte auf dieses zu und zog seine drei Hintermänner einschließlich des Admirals der Vorhut, Hyde Parker, hinter sich her. Diese 4 Schiffe eröffneten gegen 1 Uhr nachmittags das Feuer, zunächst auf weitere Entfernung; die übrigen führten den Angriff richtiger aus, besonders die drei letzten der Vorhut, obgleich sie von ihrem Admiral den Befehl erhielten, in der Linie zu bleiben und ihm zu folgen. Es scheint demnach, als ob auch Hyde Parker die Absicht des Flottenchefs nicht verstanden habe. Rodney griff mit dem Flaggschiff etwas nach 1 Uhr in nächster Nähe an. Er war auf das zweite Schiff (64 Kanonen) hinter dem feindlichen Flaggschiffe gestoßen, trieb dies aus der Linie und ebenso das folgende, das die Lücken schließen wollte (Plan, Lage 2). Wohl während des Kampfes den Weichenden etwas nachdrängend, sah er sich plötzlich um 2½ Uhr in Lee der feindlichen Linie und deren Flaggschiff zu Luward; er rief seine beiden Vordermänner zur Unterstützung näher heran.
So wurde der Kampf an dieser Stelle ziemlich heiß, und Guichen gewann den Eindruck, daß Rodney hier durchbrechen wolle. Dies ist indes kaum anzunehmen, da die Engländer bisher nicht viel vom Doublieren hielten; Rodney war wohl nur durch Zufall nach Lee geraten. Guichen gab deshalb gegen 4 Uhr den Befehl, mit allen Schiffen zugleich zu halsen, um den Durchbruch zu verhindern und weiter in Lee aufs neue Stellung zu nehmen. Da das Manöver ziemlich viel Raum erforderte, faßte Rodney es als Rückzug auf, er folgte aber nicht, wohl weil die Ordnung seiner Linie gestört war und das Flaggschiff sehr gelitten hatte; es hatte Fockmast sowie Großraa verloren und 80 Schüsse in den Rumpf erhalten, von diesen 3 unter Wasser, so daß es während der nächsten 24 Stunden nur mit Mühe flott erhalten werden konnte. Der Kampf fand um 4¼ Uhr nachmittags sein Ende und die Flotten trennten sich.
Die Verluste bezifferten sich englischerseits auf 120 Tote und 354 Verwundete, französischerseits auf 222 bzw. 537. Die englischen Schiffe waren in der Takelage wesentlich mehr beschädigt als die französischen.
Soweit die Schilderung, die besonders auf englischen Angaben, Berichten und Auslassungen Rodneys beruht, da die französischen sehr dürftig sind. Rodney erklärte später, diese Schlacht sei die beste Gelegenheit seines Lebens für einen großen Schlag gewesen; sein Plan würde Erfolg gehabt haben, wenn er richtig durchgeführt worden wäre. Er war mit seinen Untergebenen sehr unzufrieden und lobte nur 5 Kommandanten: seinen Flaggkapitän, die Führer der drei Vorhutschiffe und einen Kommandanten der Nachhut, der wie er selber nahe an den Feind herangegangen war. Dem Führer des Spitzenschiffes sowie dem Admiral Hyde Parker warf er die bereits hervorgehobenen Fehler vor, allen übrigen, daß sie ihre Schiffe nicht scharf genug ins[303] Gefecht gebracht hätten. Auch Admiral Rowley traf sein Vorwurf, die Signale nicht genau befolgt zu haben.
Dies verhielt sich so: dem Schiffe der Nachhut, das dicht herangegangen war, hatte beim Aufdrehen zum Kampfe das Ruder versagt und es war über den falschen Bug zum Gefecht gekommen. Als darauf einige Franzosen wendeten, tat Rowley das gleiche. (Alle diese Schiffe legten sich übrigens bald wieder über Backbordbug.) Hierin sah Rodney einen Fehler, Rowley wandte aber ganz richtig dagegen ein, daß er mit seinem Manöver der Weisung entsprochen habe, wonach der Hauptangriff auf den hinteren Teil der feindlichen Linie gerichtet werden sollte. Rodneys Darlegungen wurden zwar nicht veröffentlicht, aber doch durch Privatbriefe und Gespräche bekannt. Der Kommandant des Spitzenschiffes, Kapitän Carkett, schrieb daraufhin an den Admiral, und dessen Antworten geben neben seinen Berichten genauen Aufschluß über seine Absicht; man ersieht aus ihnen auch, daß eben Mangel an Verständnis im englischen Offizierkorps den Plan des Admirals vereitelte. (Vgl. Clowes III, Seite 460 ff.)
Nach der Schlacht segelte Guichen nach Guadeloupe, um Verwundete und Kranke auszuschiffen. Rodney besserte auf See notdürftig aus und folgte dann dem Gegner, um sich zwischen ihm und Martinique zu halten, war aber bald genötigt, bei Sta. Lucia zu ankern, da er Wasser nehmen mußte. Er verlor jedoch die Absicht, die Rückkehr der Franzosen nach Fort Royal, ihrem besten Hafen und Ausrüstungsplatze, zu hindern, nicht aus dem Auge. Er ließ Fregatten östlich sowie westlich von Martinique kreuzen und erhielt so rechtzeitig Nachricht, sobald der Feind sich rührte. Guichen verließ an einem der ersten Maitage Guadeloupe und steuerte östlich von Martinique zu einem neuen Versuche gegen Sta. Lucia südlich.
De Bouillé hatte sich mit einem Teile der Landungstruppen auf Fregatten eingeschifft, die der Flotte um einige Stunden voraussegelten, als er jedoch am 9. Mai in der Straße zwischen Martinique und Sta. Lucia ankam, sah er die englischen Schiffe schon aus der Gros-Islet-Bucht herauskommen. So traten sich die beiden Flotten südöstlich der erstgenannten Insel wiederum entgegen und manövrierten dann, beide mit großem Geschick, 10 Tage lang in Sicht voneinander. Franzosen wie Engländer behaupten eine Schlacht gesucht zu haben, aber der Gegner sei ausgewichen oder habe günstige Gelegenheiten zum Angriff nicht benutzt.
Ein vorurteilsfreier Vergleich zeigt, daß beide hiermit nur bedingt recht haben, am meisten noch die Engländer. Da die Franzosen während der ganzen Zeit (eine Stunde am 15. Mai ausgenommen) die Luvstellung in dem regelmäßig wehenden Passat innehatten, ist ihre Behauptung unhaltbar, es sei unmöglich gewesen, den Feind zur Schlacht zu bringen, denn die Flucht hat dieser nie ergriffen. Guichen ging häufig, gewöhnlich wenn nachmittags der Passat am stetigsten wehte, näher an die Engländer heran, nahm aber den Nahkampf nie auf; wahrscheinlich wollte er, wie üblich, seine Flotte schonen und rechnete damit, dem Feinde nach und nach oder bei ganz besonders günstiger Gelegenheit Abbruch zu tun. Rodney nahm den auf weitere Entfernung angebotenen Kampf nie auf, um seine Munition nicht zu verschleudern, auch wollte er wohl nach englischem Brauch nur aus der Luvstellung fechten; er suchte also diese zu erreichen, wobei er gleichzeitig den Feind sowohl von dessen Stützpunkt wie auch von seinem Angriffsobjekt abdrängte. Beide Male aber, als die Umstände ihm eine Gelegenheit zum Angriff boten, benutzte er sie auch; man kann mithin nicht sagen, daß er jedem Zusammenstoß grundsätzlich ausgewichen sei.
Die Gefechte bei Martinique am 15. und 19. Mai 1780. Am 15. Mai nachmittags kam Guichen etwas näher als gewöhnlich heran; beide Flotten lagen bei Ostwind über Steuerbordbug mit SSO-Kurs. Schon war das französische Spitzenschiff etwa querab von der englischen Mitte imstande, das Feuer zu eröffnen, da drehte der Wind schnell auf SSO, so daß sämtliche Schiffe etwa SW anlagen. Rodney benützte dies, wendete im Kontremarsch und führte seine Flotte nach Osten; er würde die feindliche Spitze zu Luward passiert haben, wenn nicht auch Guichen sofort mit allen Schiffen zugleich gehalst und gleichfalls östlich gesteuert hätte (also in einer Linie, in der sich seine Schiffe etwa SSO peilten). Die englische Flotte stand somit gewissermaßen windwärts der französischen, aber noch hinter ihr zurück, und es war nur eine Frage der Geschwindigkeit, ob sie herankommen würde.
Aber schon nach einer Stunde sprang der Wind auf Ost zurück. Guichen ging nun an den Wind und legte seine Schiffe schnell wieder in Kiellinie über Steuerbordbug (Kurs SSO); Rodney, der die Kiellinie durch Abhalten im Kontremarsch über Backbordbug (Kurs NNO) bildete, stieß mit seiner Spitze auf die Mitte der französischen Linie. Die englischen Schiffe hielten dann nacheinander auf NNW ab, und so glitten die Flotten aneinander vorüber. Die Engländer hätten vielleicht Gelegenheit zum Durchbrechen gehabt, doch war die französische Linie wohl zu gut geschlossen, und so kam es nur zu einem Feuergefecht der englischen Vorhut mit der französischen Nachhut auf nähere Entfernung, wobei die Franzosen wie gewöhnlich die feindliche Takelage als Ziel wählten. Als die Nacht hereinbrach, trennten sich die Gegner. (Genaueres vgl. Clowes III und Troude II.)
Am 19. Mai nachmittags begegneten sich die Flotten über verschiedenem Bug liegend, die Franzosen zu Luward, so nahe, daß Rodney wiederum mit seiner Spitze auf das fünfte französische Schiff stieß, und es folgte ein ganz gleiches Passiergefecht. Nach französischen Angaben soll Rodney dann mit seiner Vorhut, sobald diese das Schlußschiff des Gegners passiert hatte, die französische Linie hinten zu doublieren versucht, aber davon abgelassen haben, als Guichen Vorhut und Mitte, alle Schiffe zugleich, wenden ließ, um seiner Nachhut zu Hilfe zu kommen. Zu einem zweiten Zusammenstoß kam es auch diesmal wegen einbrechender Dunkelheit nicht. (Vgl. Troude II, Bonfils III.)
Die Verluste in diesen beiden Gefechten betragen englischerseits 68 Tote und 213 Verwundete, französischerseits waren sie wahrscheinlich um so viel größer als die englischen wie in der Schlacht am 17. April.
Der letzte Zusammenstoß am 19. Mai fand etwa 120 Seemeilen östlich von Martinique statt und beweist sicher, daß Rodney nicht vor dem Feinde gewichen war, denn er hatte ihn um diese Strecke nach Luward getrieben. Jetzt aber sahen sich beide Flotten genötigt, ihre Unternehmungen abzubrechen; die französische hatte nur noch für 6 Tage Wasser und Proviant, von der englischen bedurften mehrere Schiffe einer sorgfältigen Ausbesserung, endlich waren die Besatzungen durch die fortwährende Gefechtsbereitschaft sowie die vielen Segelmanöver überanstrengt[151]. Rodney sandte am 20. Mai die vier schadhaftesten Schiffe nach Sta. Lucia und segelte mit den übrigen nach Barbados, Guichen ging nach Fort Royal; sie erreichten ihr Ziel am 22. Beide konnten Erfolge verzeichnen, aber nur negative. Der erstere hatte Angriffe auf englische Inseln verhindert, letzterer entscheidende Schlachten vermieden und doch die feindliche Flotte für einige Zeit geschwächt.
De Guichen verläßt Westindien. Die Unternehmungen der Flotten waren für 1780 zu Ende, obgleich sich die Lage durch das Auftreten spanischer Seestreitkräfte scheinbar sehr zugunsten der Franzosen änderte. Anfang Juni erhielt Guichen durch eine spanische Fregatte die Nachricht vom Nahen der Flotte unter Don Solano — 12 Linienschiffe, einige Fregatten und 83 Transporter mit 12000 Soldaten, starker Artillerie sowie reichlichem Kriegsmaterial —, die am 28. April Cadiz verlassen hatte (Seite 295). Auch Rodney hatte hiervon erfahren und sofort eine Beobachtungskette von Barbados bis Barbuda ausgelegt, auch beschleunigte er die Instandsetzung seines Geschwaders und ging am 7. Juni mit 17 Linienschiffen in See, um östlich von Martinique zu kreuzen. Er kam jedoch zu spät. Solano war bei seiner Fahrt nach dieser Insel etwa 150 Seemeilen windwärts von ihr auf eine der englischen Fregatten gestoßen, hatte deshalb den Kurs nördlich um Guadeloupe herum genommen und traf am 9. Juni westlich von Dominika auf Guichen, der ihm mit 15 Linienschiffen entgegengekommen war. Die Kriegsschiffe der Verbündeten ankerten dann in Fort Royal, die spanischen Transporter vor Basse-Terre.
Die Verbündeten verfügten jetzt über 34 Linienschiffe gegen 22 englische, sowie über eine ungemein starke Truppenmacht. Das englische Westindien schwebte in großer Gefahr, es schien leicht für den Gegner, Sta. Lucia und Jamaika zu erobern; der Gewinn dieser Insel war auch wohl Spaniens Absicht bei Entsendung der Flotte, während Frankreich in erster Linie den Besitz der Kleinen Antillen erstrebte. Aber die Übermacht wurde nicht benutzt. Vergebens bemühten sich Guichen und Bouillé, den spanischen Admiral zu gemeinsamem Vorgehen zu bewegen. Solano erklärte, er habe Befehl, nach Havanna zu segeln, ja er verlangte, daß die französische Flotte ihn sicher dorthin geleite. Die spanische Expedition befand sich allerdings in traurigem Zustande; auf den überfüllten und unreinlichen Transportern war eine Epidemie ausgebrochen, so daß die Soldaten zunächst einige Zeit zur Erholung ausgeschifft werden mußten.
Guichen sollte im Spätherbst die in St. Domingue sich sammelnden Westindienfahrer mit seiner Flotte nach Europa geleiten und entschloß sich, schon früher die Kleinen Antillen zu verlassen, um Solanos Wunsch zu erfüllen. Er segelte am 5. Juli mit den in Martinique gesammelten Handelsschiffen ab, geleitete die Spanier bis zum Ostende von Kuba und ging dann nach Cap Français. Hier fand er Briefe des französischen Gesandten bei den Vereinigten Staaten, sowie Lafayettes und Washingtons vor, in denen er dringend ersucht wurde, nach Nordamerika zu kommen; er lehnte dies jedoch mit Hinweis auf seine Order ab. Am 16. August trat er mit dem größeren Teile der Flotte die Heimfahrt nach Europa an, wohin die Division La Motte wenige Tage vorher schon abgesegelt war, und traf wie diese am 24. Oktober in Cadiz ein (Seite 296). 9 Linienschiffe verblieben in Westindien.
Rodney segelt nach Nordamerika und kehrt zurück. Der englische Admiral hatte sich nach der Ankunft der Spanier beobachtend verhalten, da er für Angriffsunternehmungen zu schwach war. Zwar hatte man auch ihm Verstärkungen zugedacht, sie aber nicht oder doch nicht rechtzeitig abgeschickt. Ein an Admiral Arbuthnot in Nordamerika gegebener Befehl, Schiffe nach Westindien zu senden, erreichte diesen nicht, da ein Unfall das überbringende Schiff traf; eine Division von 5 Linienschiffen war durch widrige Winde drei Monate lang (!?) in England festgehalten und langte erst am 12. Juli in Sta. Lucia an. Nun rührte sich Rodney. Er ließ 5 Schiffe unter Kommodore Hotham als Schutz der Kleinen Antillen zurück und geleitete selber mit der Hauptflotte (am 17. Juli) den Sommerkonvoi von Handelsschiffen der Windwardinseln nach St. Christoffer, von wo diese nebst denen der Leewardinseln unter dem Schutz zweier Linienschiffe nach England abgingen. Unterwegs erhielt er Kenntnis von der Fahrt der Franzosen und Spanier nach Kuba, von deren Uneinigkeit und dem schlechten Zustande der spanischen Expedition.
Da nun Guichen den großen Konvoi mit sich führte und die schlimmste Jahreszeit für Wirbelstürme bevorstand, glaubte Rodney annehmen zu können, daß nur ein kleiner Teil der französischen Kräfte bei St. Domingue bleiben würde und daß größere Unternehmungen der Verbündeten nicht mehr zu befürchten wären. Anderseits nahm er aber auch an, daß nur ein Teil der Franzosen den Konvoi nach Europa geleiten, ein anderer jedoch nach Nordamerika segeln würde. Er beschloß, gleichfalls während der Orkanmonate dort zu operieren und wurde hierin durch die Nachricht bestärkt, daß ein französisches Geschwader (de Ternay vgl. Seite 291) am 12. Juli in der Narragansettbucht eingetroffen sei. Ende Juli sandte er 10 Linienschiffe zur Unterstützung des Admirals Sir Peter Parker gegen etwaige Vorstöße der Verbündeten von Kuba oder St. Domingue nach Jamaika und segelte im August mit 12 (14?) nach dem Norden. Auf der Fahrt trat er mit dem englischen Heere in Charleston in Verbindung und traf dann am 14. September in New York ein. Diese Teilung der Flotte Rodneys war bei der Ungewißheit über die Bewegungen der Gegner ein großes, durch nichts berechtigtes Wagnis; falls Guichen mit allen seinen Kräften gegen Jamaika oder nach Nordamerika gegangen wäre, so wäre keiner der beiden Teile der englischen Flotte ihm gewachsen gewesen.
In Nordamerika richtete Rodney nichts aus, wie wir später sehen werden. Am 16. November 1780 ging er mit 9 Schiffen wieder nach Westindien unter Segel und traf am 6. Dezember in Barbados ein. Im Oktober hatten schwere Wirbelstürme Westindien, besonders Barbados, Sta. Lucia sowie Jamaika heimgesucht; 13 englische Kriegsschiffe — 2 Linienschiffe, 6 Fregatten, 5 Sloops — gingen unter, viele andere wurden entmastet und fast alle Vorräte vernichtet, so daß die Schäden kaum ausgebessert werden konnten. Rodney hörte bei seiner Ankunft, daß auf St. Vincent die Befestigungen zerstört seien und machte am 15. Dezember den Versuch, sich dieser Insel zu bemächtigen, fand aber die Nachricht übertrieben. Im Januar 1781 traf dann ein Geschwader von 8 Linienschiffen unter Kontreadmiral Sir Samuel Hood nebst Transportern bei ihm ein. Jetzt konnten die beschädigten Schiffe wieder instand gesetzt werden und Rodney verfügte über 21 Linienschiffe — 2 zu 90 Kanonen, 1 zu 80, 15 zu 74, 3 zu 64 —. Am 27. Januar erfuhr er den Ausbruch des Krieges mit Holland und erhielt Befehl, gegen dessen Besitzungen vorzugehen.
Die Eroberung Pensacolas, die im Herbst 1780 eingeleitet wurde, war ein kleiner Erfolg der Verbündeten. Der Chef d'Escadre de Monteil, der das von der französischen Flotte zurückgelassene Geschwader, 5 Schiffe zu 74 und 4 zu 64 Kanonen, befehligte, hatte Auftrag, bei geeigneter Gelegenheit mit Solano zusammenzuwirken. Die Spanier waren aber zu größeren Unternehmungen zunächst nicht gewillt oder nicht imstande, obgleich der französische Admiral mit 5 Linienschiffen nach Havanna kam, während seine anderen 4 die Station in Martinique übernahmen. Endlich wurde im Oktober eine gemeinsame Expedition unter Solanos Oberbefehl nach Florida ins Werk gesetzt, um einen Angriff der Spanier von Louisiana her auf Pensacola zu unterstützen. Das Unternehmen schritt jedoch nur langsam vorwärts, und erst am 9. Mai 1781 ergab sich die Stadt, ein Erfolg, der für den Großen Krieg ohne jede Bedeutung war. Die Franzosen wären besser zum Handelsschutze in den Gewässern von Haiti geblieben. Monteil traf am 10. Juli 1781 wieder in Cap Français ein und trat im August zu der Flotte des Admirals de Grasse, ehe diese nach dem Norden segelte.
In Nordamerika brachte das Jahr 1780 keine Ereignisse zur See. Die Engländer hatten zwar zeitweise ziemlich starke Geschwader dort, verwendeten sie aber nur zum Festhalten des französischen und im Dienste des Landkrieges, den wir jetzt kurz weiter verfolgen müssen. Ende 1779 lagen sich die Hauptheere bei New York fast nur beobachtend gegenüber (Seite 268), und die Engländer hatten im Süden den Angriff auf Savannah abgeschlagen. Nach diesem Erfolge setzte dann ein kräftiger Angriff der Engländer in den Südstaaten ein. Während im Norden der Winter zur Waffenruhe zwang, stellte sich General Clinton in Person an die Spitze einer Expedition gegen Charleston. Er übergab den Oberbefehl in New York an den General von Knyphausen und ging am 26. Dezember 1779 mit einem Geschwader unter Vizeadmiral Arbuthnot, dem Chef der nordamerikanischen Station — 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 3 zu 64, 1 zu 50, 2 zu 44, 6 Fregatten, Transporter mit 7750 Soldaten —, in See. Infolge einer langen und stürmischen Überfahrt, auf der die Schiffe auseinander kamen, war die Expedition erst Ende Januar 1780 in Savannah versammelt. Hier zog Clinton Nachrichten über die Verhältnisse ein, beorderte die dort befindlichen Truppen zum Vormarsch auf Charleston und ging am 10. Februar wieder unter Segel. Am 11. und 12. landeten dann die Truppen an der Mündung des Edistoflusses, etwa 30 km südlich der Stadt, und rückten vor. Eine regelrechte Berennung folgte, bis der amerikanische General Lincoln am 11. Mai Charleston übergab.
Die Eroberung von Charleston, Frühjahr 1780. Während 1776 der Angriff auf die Stadt (vgl. Seite 231) ganz auf den Seestreitkräften beruhte, die nach Niederkämpfen der Befestigungen an der Einfahrt gegen Charleston vorgehen sollten, eröffnete man diesmal die förmliche Belagerung, während das Geschwader nur unterstützend eingriff. Die Stadt war gut geschützt. Das Fort Moultrie an der engsten Stelle der Einfahrt, das 1776 die feindliche Flotte zurückgewiesen hatte, zählte jetzt 40 Kanonen; bei der Art des diesmaligen Angriffes kam es jedoch kaum in Betracht, ebensowenig eine kleine Flottille amerikanischer sowie französischer Kriegsschiffe (Fregatten und kleinere Fahrzeuge), die bei Ankunft der Engländer bei dem Fort lag. Hinter der engen Stelle der Einfahrt wendet sich das Fahrwasser nach Westen auf die Stadt zu, die auf einer Landspitze zwischen den Flüssen Ashley und Cooper liegt; diese vereinigen sich hier und decken die Stadt auf der Ost- sowie der Südwestseite. Die Hauptbefestigungen befanden sich im Norden und Nordwesten auf der Landzunge. Die Küste im Süden Charlestons besteht aus verschiedenen, durch Creeks und Wasserläufe getrennten Inseln; von diesen liegt Morris-Island an der engsten Stelle der Einfahrt, an sie schließen sich westlich bis zum rechten Ufer des Ashley-Flusses, also der Stadt gegenüber, James-Island und südlich St. Johns-Island.
Die angreifenden Truppen marschierten vom Edisto über diese Inseln gegen die Stadt. Als die Ausschiffung des Belagerungskorps beendet war, wurden die schweren Linienschiffe nach New York zurückgesandt, die übrigen Fahrzeuge passierten die Barre, worauf sich die feindliche Flottille in den Cooperfluß zurückzog und zum Teil versenkt wurde. Am 29. März überschritt das Heer den Ashley; den Übergang deckten und ermöglichten die Boote des Geschwaders, die sich durch die Wasserläufe zwischen den Inseln dorthin begeben hatten. Am 9. April eröffnete dann Clinton die erste Parallele gegen die Nordfront der Stadt. Am gleichen Tage passierte Arbuthnot bei Flut und günstigem Winde mit den Schiffen die Einfahrt, wobei Fort Moultrie diesen nur wenig Schaden zufügte, und ankerte im Süden der Stadt nördlich vor der Jamesinsel. Die Schiffe erhielten zwar Feuer, beantworteten dieses aber nicht, obgleich die Geschosse sie erreichten, und der Feind schwieg bald, da er sie außer Schußweite glaubte. Charleston war so bis auf die Ostseite, den Cooperfluß, eingeschlossen. Ein Versuch, mit den Schiffsbooten auch in diesen einzudringen, wurde durch Sperren sowie Batterien verhindert, aber den Landungsabteilungen der Schiffe gelang es, am 7. Mai Fort Moultrie vom Rücken her zur Übergabe zu zwingen. Die Belagerung nahm ihren Verlauf, auch der Cooperfluß ward im Norden der Stadt gesperrt, und nachdem am 6. Mai die dritte Parallele fertiggestellt war, ergab sich Charleston am 11.
Mit der Übergabe der Stadt wurden gegen 7000 Mann, darunter über 1000 amerikanische und französische Seeleute, kriegsgefangen; 5 amerikanische, sowie 2 französische Kriegsschiffe fielen dem Sieger in die Hände, 3 wurden vernichtet. Clinton segelte am 5. Juni nach New York, 4–5000 Mann unter General Cornwallis zurücklassend. Dieser geschickte Befehlshaber brachte schnell Südcarolina zur Ruhe und entsandte seinen Unterführer, Lord Rawdon, nach Nordcarolina hinein. Jetzt stellte diese Provinz im Verein mit Virginia 6000 Milizen unter General Gates ins Feld, und von Washingtons Heer traf Baron von Kalb mit 2000 Regulären ein. Infolgedessen und weil sich Rawdon grobe Ausschreitungen, Erpressungen sowie Verheerungen hatte zuschulden kommen lassen, brach die Empörung in Südcarolina aufs neue aus. Gates drang nun im Juli in diese Provinz vor, wurde aber von Cornwallis am 18. August bei Camden mit weit geringeren Kräften vernichtend geschlagen (Kalb fiel hier), und dieser rückte in Nordcarolina ein. Er kam Ende September bis zur Stadt Charlotte, wurde dann aber durch schwierige Kämpfe mit zahlreichen kleinen feindlichen Schwärmen, sowie durch Unruhen im Rücken am weiteren Vorgehen gehindert.
Als endlich am 8. Oktober ein abgezweigter Teil seines Heeres unter Oberst Ferguson, der unvorsichtig in die gebirgige Gegend der Kolonie vorgedrungen war, bei Kingsmountain teils vernichtet, teils gefangengenommen war, mußte Cornwallis nach Südcarolina in der Richtung auf Charleston zurückgehen; er traf Ende Oktober bei Winsborough ein und nahm hier Stellung. Der Kongreß ernannte den sehr tüchtigen General Greene zum Oberbefehlshaber im Süden; dieser sammelte ein Heer und führte es nach Charlotte. Damit waren die größeren Operationen auf diesem Kriegsschauplatze für 1780 beendet. Greene fühlte sich zum Angriff nicht stark genug und auch Cornwallis sah sich zur Untätigkeit gezwungen, bis sich seine durch Strapazen und Entbehrungen entkräfteten Soldaten erholt hatten und Verstärkungen aus New York eingetroffen waren. Bis dies eintrat, Mitte Dezember, blieb die Macht der Engländer auf Charleston beschränkt.
In den nördlichen Kolonien änderte sich in den ersten Monaten des Jahres 1780 nichts. Knyphausen mußte sich während der Abwesenheit Clintons mit einem Teile des Heeres auf die Verteidigung New Yorks beschränken, aber auch Washington blieb in der festen Stellung bei Westpoint, da er nach wie vor Mangel an Offizieren, Soldaten, Geld und Vorräten litt; die Fahnenflucht in seinem Heere war groß. So konnte er auch die günstige Gelegenheit zu einem Angriff auf New York nicht benutzen, als im Januar 1780 die Flüsse mit einer Eisdecke belegt waren, die schwere Artillerie trug und dem Verteidiger eine Unterstützung durch seine Seestreitkräfte nahm. Clintons Rückkehr verstärkte die Macht der Engländer, aber auch die Amerikaner erhielten eine lang erhoffte Unterstützung, denn am 11. Juli 1780 traf das französische Geschwader unter dem Chef d'Escadre de Ternay — 1 Schiff zu 84 Kanonen, 2 zu 74, 4 zu 64, 2 Fregatten — nebst 6000 auserlesenen Soldaten unter General Graf Rochambeau bei Rhode-Island ein.
Seegefecht bei den Bermuda-Inseln, Juni 1780. De Ternay verließ am 2. Mai Brest. Am 20. Juni stieß er bei den Bermudas auf ein englisches Geschwader unter Kapitän Cornwallis — 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 2 zu 64, 1 zu 50 und eine Fregatte —, das von Jamaika bis hierher Kauffahrer geleitet hatte. Der französische[310] Admiral näherte sich zwar in Schlachtlinie dem Feinde, aber nur in der Absicht, diesen von seinen Truppentransportern abzuhalten; zugleich versuchte er, ein vom englischen Geschwader getrenntes Schiff abzuschneiden. Cornwallis, der seiner Unterlegenheit halber keinen Kampf wagen durfte, wenn er auch die Luvstellung hatte, manövrierte, um das bedrohte Schiff zu retten; als ihm dies gelungen war, brach er das Feuergefecht ab, zu dem es während des Manövrierens mehrfach gekommen war, und de Ternay nahm seinen Kurs nach Nordamerika wieder auf. Es ist ihm vorgeworfen, daß er die Gelegenheit nicht ausgenützt habe, und auch seine Offiziere äußerten ihre Unzufriedenheit darüber, aber er hat in diesem Falle wohl mit Recht die sichere und schnelle Weiterbeförderung des Transportes für wichtiger gehalten. (Clowes III, Seite 474, beschreibt das sonst belanglose Gefecht sehr genau, um die wirklich geschickten Manöver des englischen Führers hervorzuheben.)
Jetzt zeigte sich der Fehler, den Clinton 1779 durch das übereilte Aufgeben von Rhode-Island gemacht hatte. Das französische Geschwader fand in der Narragansettbucht einen sicheren Hafen und Stützpunkt, sowie die beste Gelegenheit, Truppen zu landen und mit Washingtons Heer zu vereinigen. Aber im Jahre 1780 sollte dies noch keine Folgen haben. De Ternay und Rochambeau waren zunächst bemüht, ihre Stellung durch Ausbau der Befestigungen gegen einen Angriff von See aus zu sichern. Auch hatte das Landungskorps nach der langen Seereise viele Kranke, und einige Transporter mit etwa 350 Mann, die vom Geschwader abgekommen waren, fehlten noch. Die Sicherung der Stellung erwies sich bald als sehr nötig, denn die englische Flotte erhielt am 13. Juli eine wesentliche Verstärkung durch Kontreadmiral Thomas Graves, der von England mit 6 Linienschiffen in New York anlangte; Arbuthnot verfügte in diesem Hafen jetzt über ein Schiff zu 98 Kanonen, 6 zu 74 und 3 zu 64.
Admiral Graves war von Portsmouth fast zu gleicher Zeit wie de Ternay von Brest mit der Aufgabe in See gegangen, der französischen Expedition den Weg zu verlegen. Obgleich er durch westliche Stürme 14 Tage in Plymouth festgehalten wurde, erreichte er doch nur 24 Stunden nach den Franzosen die amerikanische Küste.
Die Engländer wollten die Franzosen noch vor der Vereinigung mit den Amerikanern angreifen. Ihre Flotte erschien am 21. Juli zur Erkundung vor Rhode-Island, vermied aber einen Angriff, und Clinton traf Vorbereitungen, Truppen dorthin zu führen. Hierdurch gewannen die Gegner Zeit. Die Franzosen verstärkten die Befestigungen weiter; Washington machte die größten Anstrengungen zur Vermehrung seines Heeres, beorderte Truppen zur Vereinigung mit den Franzosen und entfaltete eine regere Tätigkeit vor New York. Infolgedessen stand Clinton von der Expedition ab, zu der die Soldaten bereits eingeschifft waren. Die Verbündeten blieben gleichfalls untätig, wahrscheinlich erwarteten sie die Ankunft de Guichens oder doch eines Teiles seiner Flotte. De Ternay hatte am 3. August ein Schiff mit der Bitte um Unterstützung nach Cap Français gesandt; die Botschaft traf aber dort erst ein, als de Guichen schon abgesegelt war, und Monteil konnte sie nicht entziffern, da ihm der Schlüssel fehlte. Als das zurückkehrende Schiff dies meldete, wurde am 28. Oktober der Sohn des Generals Rochambeau nach Frankreich geschickt, um dort um Hilfe zu bitten.
Am 14. September 1780 traf Rodney von Westindien ein, so daß nun die englische Flotte in New York mehr als 20 Linienschiffe zählte; mit einer solchen Macht hätte die französische Expedition sicher vernichtet werden können. Aber Rodney bewies hier nicht seine sonstige Schneidigkeit, wohl weil er infolge des plötzlichen Klimawechsels ganz besonders schwer unter der Gicht litt. Er ließ zwar die feindliche Stellung nochmals erkunden, tat dies aber nicht selbst, sondern begnügte sich mit der Meldung, daß sie zu stark sei. Der französischen Flotte war es allerdings 1779 gelungen, trotz der Befestigungen in die Narragansettbucht einzulaufen, aber die Werke waren jetzt auch bedeutend vermehrt und wurden durch 7 Linienschiffe unterstützt, so daß die Franzosen selber ihre Stellung für uneinnehmbar hielten. Dennoch zeigte diese Schwächen auf, und Admiral Graves war der Ansicht, ein kühner Angriff würde Erfolg haben; er trat lebhaft für einen solchen ein, drang aber nicht durch[152].
Am 16. November trat Rodney mit 9 Linienschiffen die Rückfahrt nach Westindien an, 12 blieben unter dem Oberbefehl von Admiral Arbuthnot auf der Station zurück. Dieser ließ nun von der Gardinerbucht aus — am Ostende von Long-Island und etwa 35 Seemeilen von Rhode-Island gelegen — die Franzosen durch Fregatten bewachen, und hier sammelte sich die Flotte, wenn man eine Bewegung des Gegners vermutete; dieser verhielt sich jedoch ruhig. Am 22. September waren Washington, Rochambeau und de Ternay in Hartford, der Hauptstadt des Staates Connecticut, zu einer Beratung zusammengetreten und hatten beschlossen, mit allen Kräften New York anzugreifen. Sie erkannten aber, daß dazu eine „unbedingte und andauernde“ Seeherrschaft nötig und daher eine Verstärkung der Seestreitkräfte abzuwarten sei; daraufhin wurde dann die Bitte um eine solche nach Paris gesandt. Auch die Engländer unternahmen nichts, sie benützten wie im Vorjahre die Winterruhe im Norden zu Unternehmungen im Süden. Ende Dezember ging General Leslie mit Truppen nach Charleston ab, und General Arnold, als amerikanischer Offizier uns schon bekannt, führte eine Expedition nach Virginia. — Am 15. Dezember starb de Ternay, für ihn ward Kapitän Des Touches stellvertretender Kommandeur des französischen Geschwaders.
Arnolds Verrat. Als Washington nach Eintreffen der französischen Expedition lebhafter gegen New York vorging, drohte der amerikanischen Sache eine große Gefahr. General Benedikt Arnold, der sich in den ersten Jahren des Krieges besonders ausgezeichnet hatte und hoch in Washingtons Achtung stand, war nach der Einnahme von Philadelphia 1778 dort als Gouverneur eingesetzt, um in der im allgemeinen wenig patriotisch gesinnten Stadt wieder geordnete Zustände herzustellen. Er zog sich bei dieser schwierigen Aufgabe den Haß der Bevölkerung derart zu, daß seine Gegner ihn wegen Unterschlagung von Geldern anklagten und das Kriegsgericht ihn mit einem Verweise bestrafte, worauf er sein Amt niederlegte.
Washington stellte ihn zwar bald darauf wieder an, aber er blieb verbittert und sann auf Rache. Als nun der Oberbefehlshaber gegen New York vorging und Arnold inzwischen in Westpoint befehligte, trat er mit Clinton in Verbindung, um die wichtige Stellung den Engländern auszuliefern. Der Plan wurde jedoch vereitelt, denn der englische Major Andrée, der die Verhandlungen führte, fiel den Amerikanern in die Hände und Washington konnte rechtzeitig Gegenmaßregeln ergreifen. Andrée wurde trotz aller Bemühungen Clintons zu seinen Gunsten als Spion gehängt; Arnold floh zu den Engländern, ward von diesen als General verwendet und zeigte sich von nun an, wie häufig Renegaten, von besonderm Haß gegen seine Landsleute, sowie besonderem Eifer für die englische Sache erfüllt. (Näheres hierüber vgl. Schlosser, 18. und 19. Jahrh., Band III, Seite 494 ff.)
Rückblick auf den Krieg in Westindien und Nordamerika 1780. Die Schwäche von Bündnissen, die in den verschiedenartigen Endzwecken der Verbündeten, sowie in ihren widerstreitenden Ansichten über die Wege zum Ziel ihre Erklärung findet, zeigt sich besonders auf diesen Kriegsschauplätzen. Frankreich hatte für 1780 von einem größeren Vorstoß gegen England in Europa abgesehen, um den Gegner hauptsächlich in Westindien anzugreifen und zu gleicher Zeit die Amerikaner kräftig zu unterstützen. Beides aber wurde mit ungenügenden Mitteln unternommen und blieb deshalb ohne Erfolg.
Frankreich rechnete in Westindien wohl auf eine starke Unterstützung durch Spanien. Da es allein dort gegen 28 Linienschiffe ins Feld führte, hätten die Verbündeten mit Überlegenheit auftreten können, wenn das spanische Kontingent rechtzeitig und leistungsfähig eingetroffen wäre. So aber fand de Guichen zunächst fast gleichstarke englische Kräfte vor, und er war nicht der Mann kühnen Wagemutes, sondern vorsichtigen Handelns, worin er durch seine Order noch bestärkt wurde, und seine Pläne zur Eroberung englischer Inseln scheiterten an der Geschicklichkeit und Entschlossenheit seines Gegners Rodney. Als dann Solano eintraf, hatte er weder den Willen, noch die Fähigkeit, sich mit den Franzosen zu großen Unternehmungen zu vereinen, er bedurfte im Gegenteil deren Schutz und zog sie dadurch, früher als ursprünglich beabsichtigt war, vom Felde ihrer Tätigkeit ab.
Frankreich war zu Anfang des Jahres nicht imstande, allein eine größere Macht in Westindien aufzustellen. Die Expedition nach Nordamerika sollte abgehen, in Brest mußte ein Beobachtungsgeschwader verbleiben, und man hatte sich verpflichtet, die spanische Flotte in Cadiz zu verstärken. Dies hielt man wohl für nötig, um den lauen Bundesgenossen anzuspornen. Als später noch über weitere Schiffe verfügt werden konnte, lohnte es nicht mehr, diese nach Westindien zu senden. Dagegen muß es wundernehmen, daß die Division La Motte-Picquet nicht Guichen unterstellt, sondern vor dessen Ankunft nach St. Domingue beordert wurde. Da man angriffsweise vorgehen wollte, mußte man auch alle Kräfte zusammenziehen und von dem Schutze des Handels in den westlichen Gewässern absehen; wurden dann bedeutende Erfolge bei den Kleinen Antillen erzielt, so hätte dies den Schaden aufgewogen, wahrscheinlich aber auch schon die wenigen Schiffe der englischen Jamaikastation überhaupt festgehalten.
Guichen ging dann nach Europa zurück, ohne etwas erreicht zu haben. Infolge seiner Vorsicht war es nicht einmal zu ernstem Kampfe gekommen. Wenn er nun, wie d'Estaing 1779, von seiner Order abgewichen und nach Nordamerika gesegelt wäre, oder doch einen Teil der Flotte dahin abgezweigt hätte, so hätte wenigstens dort die große französische Rüstung Nutzen gebracht. Der von den Spaniern und den zurückgebliebenen Franzosen Ende 1780 eingeleitete Erfolg in Florida und die Eroberung Pensacolas im Mai 1781 waren von keiner Bedeutung für den Krieg; ein französischer Autor (Lacour) nennt sie bezeichnend „dem Feinde versetzte Nadelstiche“.
England konnte bei seinem Grundsatz, überall einem Angriff gewachsen zu sein, in Westindien nicht überlegen auftreten. Sein Admiral Rodney mußte sich deshalb darauf beschränken, dort den Gegner zu beobachten. Er hielt ihn mit Geschick im Schach und tat auch sein Bestes, wenigstens einen ernsten Waffengang herbeizuführen, allerdings vergeblich. Wäre die Verstärkung für ihn statt erst am 12. Juli einige Monate früher angekommen, wie es beabsichtigt war, so hätte es sich noch mehr gezeigt, daß die französische Flotte für ihre Aufgabe zu schwach war.
Rodneys Teilung der Flotte, um sowohl Jamaika zu decken, wie in Nordamerika aufzutreten, nachdem Guichen die Kleinen Antillen verlassen hatte, muß dagegen als ein strategischer Fehler, jedenfalls als ein großes Wagnis angesehen werden. Leicht konnte ein Teil vernichtet werden, wenn die ganze französische Flotte gegen ihn stand, und deren Bewegungen waren unbekannt, ja Rodney war der Überzeugung, daß der größere Teil ihrer Schiffe nach dem Norden segeln würde.
Frankreich hätte in Nordamerika gleichfalls stärker auftreten müssen. Man hatte auch ein Heer von 12000 Mann hinüberführen wollen, war aber wegen Mangels an Transportmitteln auf die Hälfte hinunter gegangen, denn die Expedition nach Westindien hatte alles aufgebraucht. Wahrscheinlich wäre es aber doch möglich gewesen, mehr als 6000 Mann einzuschiffen, wenigstens hat de Ternay über die Mitnahme eines unnütz großen Trosses geklagt. Wenn auch das französische Landungskorps vielleicht mehr wert war als das ganze amerikanische Heer von Regulären und Milizen, so waren doch nach Ansicht Washingtons und Rochambeaus beide vereint nicht stark genug zu angriffsweisem Vorgehen. Dabei sprach der Umstand mit, daß die Seestreitkräfte denen des Gegners nicht gewachsen waren; diese Schwäche gefährdete sogar die ganze Expedition, solange Rodney — zu ihrem Glück untätig — an der Küste weilte. Man hielt also zurück, um Verstärkungen zu erwarten.
Weshalb wurden nun solche nicht gesandt? Während des Sommers gingen noch Schiffe von Brest zur Cadizflotte ab, obgleich man sich doch überzeugt haben mußte, daß Spanien zu nichts zu bringen sei, sondern an der Belagerung von Gibraltar halte; zu einer Unterstützung dieser, von der sich Frankreich nicht einmal einen Nutzen versprach, war die Cadizflotte schon stark genug, und mit dem Beobachtungsgeschwader in Brest war sie auch der englischen Flotte in Europa gewachsen. Warum wurde nicht Guichen oder doch ein Teil seiner Schiffe nach Nordamerika beordert, wie es Washington und Rochambeau erhofften und selbst Rodney annahm? Wohl nicht mit Unrecht wird vermutet (so von Mahan), daß Frankreich gar nicht die Absicht gehabt habe, die Amerikaner zu dieser Zeit schon kräftiger zu unterstützen, da es keinen Vorteil darin erblickte, den Landkrieg schnell zu beenden, selbst nicht zuungunsten Englands; dieses hätte dann ja seine Machtmittel für den Seekrieg zusammenfassen können.
Die später zur Verfügung stehenden Schiffe wären, wie oben schon gesagt, nach Westindien wohl zu spät gekommen, aber in Nordamerika konnten sie noch von Nutzen sein. Nicht seekriegsgeschichtliche Werke (wie z. B. Schlosser und Zimmermann) und ebenso Mahan I geben an, man hätte beabsichtigt, eine zweite Division dorthin zu senden, sie sei aber von den Engländern blockiert gehalten. Tatsächlich kreuzte ja die englische Kanalflotte vom 8. Juni bis 18. August. Aber in keinem der französischen oder englischen Seekriegswerke wird erwähnt, daß die Absendung einer Verstärkung beabsichtigt und dann verhindert gewesen sei; nicht einmal Clowes erwähnt dergleichen, obwohl der Krieg hier auch von Mahan bearbeitet ist.
England hatte infolge der rechtzeitigen Ankunft der Verstärkung unter Graves in Nordamerika stets genügend Schiffe, um die Gegner wenigstens im Schach zu halten. Wäre genannter Admiral früher von England gesegelt und Arbuthnot dann mit seiner durch ihn erlangten Überlegenheit der französischen Expedition entgegengetreten, ehe sie die Narragansettbucht erreichte, so hätte deren Schwäche an Kriegsschiffen sich schwer rächen können.
Nirgend ist zu ersehen, weshalb Graves nicht früher abgesandt wurde, obgleich man wohl sicher in England wußte, daß Frankreich in Nordamerika eingreifen wollte. Der Umstand, daß er vierzehn Tage durch stürmische Gegenwinde festgehalten wurde, gibt keine genügende Erklärung; mit einer derartigen Verspätung mußte man rechnen. Ähnlich verhält es sich mit der bei Westindien erwähnten Verstärkung für Rodney, deren Abfahrt gar „drei Monate“ durch Windverhältnisse verzögert worden sein soll. Es ist anzunehmen, daß beide Geschwader nicht rechtzeitig segelfertig gewesen sind.
Als dann Rodney eintraf, machte er von seiner großen Überlegenheit keinen Gebrauch. Dies wird mit seinem Gesundheitszustande entschuldigt, aber dann ist es unverständlich, weshalb Arbuthnot nun nicht für tatkräftiges Handeln eintrat, sondern anscheinend davon abgeraten hat. Vielleicht wird dies durch die Andeutung erklärt, die man in einer englischen Quelle (Clowes) findet, Arbuthnot habe deutlich und in ungehöriger Weise seinem Mißvergnügen über die Ankunft des älteren Admirals Ausdruck gegeben, der ihm durch sein Erscheinen den Oberbefehl abnahm und die Prisengelder auf der einträglichen Station kürzte.
Die Schwäche der Franzosen zur See auf diesem Kriegsschauplatze bedingt es, daß der Landkrieg in Nordamerika 1780 trotz des französischen Hilfsheeres im großen und ganzen einen für die Engländer günstigen Verlauf nahm. Ihr Vorstoß im Süden kam zwar zum Stocken, die ersten Erfolge hier hatten aber auf die Amerikaner niederdrückend, auf die Engländer belebend gewirkt. Letztere hofften, die Carolinas und Virginien ganz in ihre Hand zu bekommen und damit einen großen Schritt zur Niederkämpfung des Aufstandes zu tun; die Gefahr, die in der Trennung der beiden Kriegsschauplätze lag, die nur zu Wasser miteinander in Verbindung standen, war bei der Schwäche der Gegner zur See in diesem Jahre noch nicht hervorgetreten.
Mit Amerika stand es Ende 1780 schlecht. Bei vielen Kolonisten war die erste Begeisterung erloschen, und das englische Heer erhielt im allgemeinen mehr Unterstützung als das amerikanische; trotz aller Verbote führten ihm die Farmer Vorräte zu, während Washington solche nur durch gewaltsame Beitreibung erhielt. Von 36000 Mann, die der Kongreß für dieses Jahr in Aussicht genommen hatte, waren nie mehr als 18000 aufzubringen, die Milizen blieben unzuverlässig und liefen nach jeder Schlappe auseinander, dabei war kein Geld vorhanden und die Truppen blieben oft monatelang ohne Sold, obgleich Frankreich mit einem Geschenk von 6 Millionen und einem Darlehen von 10 Millionen Francs einsprang. Im Dezember meuterte sogar ein Teil, und Clinton machte den Versuch, Washingtons Truppen durch Versprechungen für sich zu gewinnen, aber hierauf gingen die Leute doch nicht ein, sondern hängten die Agenten. Das Jahr 1780, in dem die amerikanische Sache wohl am bedenklichsten stand, zeigt deutlich, daß die Befreiung der Kolonien weniger der allgemeinen Begeisterung der Bevölkerung als der Tatkraft und Ausdauer einzelner Männer zu verdanken ist. Doch diese Ausdauer ward belohnt; die englische Regierung war nicht imstande, noch mehr für den Landkrieg aufzuwenden. Schon war die Schuldenlast sehr gewachsen (1781 kam sie auf 198 Millionen Lstrl.), und der Seekrieg stellte immer größere Anforderungen, da nun Holland als Gegner hinzutrat und auch der „Bewaffneten Neutralität“ Aufmerksamkeit geschenkt, der gute Wille der Machthaber in Rußland erkauft werden mußte. Schon regte sich im englischen Volke der Wunsch nach Frieden mit den Kolonien.
In den europäischen Gewässern drehte sich die Kriegführung in diesem Jahre um zwei Hauptpunkte, nämlich um den Schutz des Handels und um den Angriff oder die Verteidigung von Gibraltar sowie Minorka. Obgleich England noch stärker rüstete als im vorhergegangenen Jahre — es waren vom Parlamente 90000 Mann (einschließlich 20000 Seesoldaten) sowie gegen 9 Millionen Lstrl. für die Marine bewilligt — und im Sommer insgesamt 115 Linienschiffe im Dienst hatte, standen doch wie 1780 nur etwa 40 für die heimischen Gewässer zur Verfügung. Eine Gefahr von seiten der „bewaffneten Neutralität“ hielt England allerdings durch diplomatische Künste von sich fern, und Hollands Marine war zu schwach, um als Gegner eine ernste Rolle zu spielen, aber immerhin sah sich England weiter auf die Verteidigung angewiesen.
Auch die Rüstungen der Verbündeten[153] erreichten die Stärke des Vorjahres, ja übertrafen sie wohl, wenigstens was Frankreich anbetrifft. Hier waren um die Mitte des Jahres zum mindesten 75 Linienschiffe im Dienst und in Spanien wahrscheinlich gegen 50.
Frankreich sandte im März 20 Linienschiffe unter Admiral de Grasse nach Westindien, wo sich bereits 9 befanden (zur Hälfte in St. Domingue, zur Hälfte in Martinique); zu gleicher Zeit segelten 5 nach Ostindien unter Kommodore Suffren zur Verstärkung der 6 dort befindlichen; in Nordamerika waren 7 stationiert und eins trat hinzu; im Juli führte de Guichen 19 nach Cadiz, und man muß annehmen, daß trotzdem einige Schiffe in Brest verblieben. Spanien hatte wenigstens 30 Linienschiffe in Cadiz und Algeciras, gegen 15 in Westindien und Zentralamerika und einige in Ferrol sowie in Cartagena.
Da aber Frankreich auch für dieses Jahr hauptsächlich die überseeischen Kriegsschauplätze im Auge hatte, blieben in Europa nicht genügend Streitkräfte zurück, um allein angriffsweise vorzugehen, und eine Vereinigung mit der spanischen Seemacht trat erst im Juli und nur für kurze Zeit ein. Bis dahin, sowie nach Trennung war England jedem einzelnen der Verbündeten gewachsen und dementsprechend spielten sich die Ereignisse im großen und ganzen zu seinen Gunsten ab. Vergeblich hatte Frankreich versucht, Spanien sowie Holland zu einem frühzeitigen Zusammenziehen der Flotten und zu gemeinsamem Vorgehen im Kanal zu bewegen. Holland war neben dem Schutze seines Handels und seiner Küsten dazu nicht imstande; Spanien hatte einzig Gibraltar im Auge ohne Verständnis dafür, daß der Belagerung kein größerer Dienst geleistet werden könne als durch die Niederkämpfung der englischen Flotte. Dieses Ziel aber scheint Frankreich für 1781 im Auge gehabt zu haben, um dadurch dem Handel Englands den Garaus zu machen, sowie seinen Verkehr mit den auswärtigen Besitzungen und Stationen zu unterbinden; von der Absicht einer Invasion, von Zusammenziehen eines Landungsheeres berichten die Quellen nichts.
Admiral Darby versorgt Gibraltar, April 1781. Die Belagerung dieser Festung, die später (1782) geschildert werden soll, machte zwar keine Fortschritte, aber die Stadt hatte seit der Versorgung durch Rodney im Januar 1780 keine Zufuhren mehr erhalten und litt Mangel; schon seit Oktober waren die Rationen vorsichtshalber herabgesetzt. Englands erste Sorge war deshalb, der Not abzuhelfen. Vizeadmiral George Darby, Chef der Kanalflotte, ging am 13. März mit 28 Linienschiffen und einem großen Konvoi nach auswärts segelnder Kauffahrer von Portsmouth in See; ein für Ostindien bestimmtes Geschwader von 5 Linienschiffen unter Kommodore George Johnstone, gleichfalls mit einem Konvoi, schloß sich bis Kap Finisterre an. Die Fahrt erlitt eine Verzögerung von einigen Tagen, da Darby an der irischen Küste auf die in Cork gesammelten Transporter für Gibraltar und Minorka warten mußte. Doch dies gereichte ihm zum Glück.
Am 22. März verließ nämlich Admiral de Grasse Brest mit 26 Linienschiffen, von denen 20 nach Westindien, eins nach Nordamerika und 5 unter Kommodore Suffren nach Ostindien bestimmt waren. Durch einen Zusammenstoß Darbys mit ihm wäre die Versorgung Gibraltars ernstlich gefährdet worden. So kam es nur zwischen den Geschwadern Suffrens und Johnstones am 16. April auf der Rhede von Porto Praya zum Kampfe; die Engländer gaben infolgedessen den beabsichtigten Angriff auf die Kapkolonie auf. Darby aber erreichte, ohne auf einen Feind zu stoßen, am 11. April Kap Spartel. Die große spanische Flotte, etwa 30 Linienschiffe unter Don Luis de Cordoba, war zwar in See gewesen, hatte sich jedoch auf die Nachricht vom Nahen der Engländer wieder auf Cadiz zurückgezogen, wo Darbys Ausguckschiffe sie ruhig vor Anker liegen sahen. Der spanische Admiral scheint nicht gewagt zu haben, dem durch die Transporter noch behinderten Gegner entgegenzutreten. Der englische Admiral ließ Cadiz durch Fregatten beobachten, blieb mit der Hauptflotte unter Segel und sandte seine Nachhut unter Kontreadmiral Sir Lockhart Roß mit den Transportern nach Gibraltar; gleichzeitig gingen einige für Minorka bestimmte Vorratsschiffe dorthin ab.
Admiral Roß wurde zwar von den Belagerungsbatterien mit heftigem Feuer empfangen und auch von kleinen Kanonenbooten angegriffen, die eigens für die Belagerung erbaut, sowohl zum Rudern wie zum Segeln eingerichtet und mit einem besonders langen, daher weittragenden 26-Pfünder armiert waren. Seine Kriegsschiffe erlitten jedoch keinen wesentlichen Schaden und die Transporter konnten unbehelligt gelöscht werden.
Am 19. April vereinigte sich die Nachhut wieder mit der Flotte, die dann die Rückfahrt antrat und am 22. Mai Portsmouth erreichte. Gibraltar war nun auf längere Zeit versorgt. Auch auf der Heimreise stieß Darby auf keinen Gegner.
Admiral de La Motte-Picquet nimmt einen englischen Konvoi. (Die Beute Rodneys in Westindien.) Wie erwähnt, hatte Frankreich für dieses Jahr den Handelskrieg besonders ins Auge gefaßt, für den auch jetzt wieder höhere Seeoffiziere eintraten, und zwar unter Hinweis darauf, daß der Kampf gegen den englischen Handel nicht wie bisher durch einzelne Kriegsschiffe und Freibeuter, sondern wie zu den Zeiten Jean Barts und seiner Schüler durch Geschwader geführt werden müsse. Im Januar hatte auch eine kleine Division eine Kreuzfahrt vor dem Kanal unternommen, diese war aber nur von kurzer Dauer und blieb ohne Erfolg.
Später sprach der bewährte und in diesem Dienst erfahrene Chef d'Escadre de La Motte-Picquet aufs neue dafür, als sich im April eine besonders gute Gelegenheit bot. Man hatte erfahren, daß von Westindien der Kommodore Hotham mit nur 4 Linienschiffen einen Konvoi geleite, der Rodneys Beute vom Januar auf der holländischen Insel St. Eustache nach England führte. La Motte erbat und erhielt die Erlaubnis, diesen abzufangen, obgleich der Marineminister anfangs Bedenken trug, weil Darbys Rückkehr zur gleichen Zeit in Aussicht stand. So ging La Motte am 24. April mit 6 starken Linienschiffen, 2 Fregatten und 2 Kuttern in See, um auf der Linie Azoren-Scillys gegen englische Konvois zu kreuzen. Das Glück war ihm hold, und er traf am 2. Mai auf den genannten wertvollen Transport, nahm von 30 Fahrzeugen 22, die einen Wert von 5 Millionen Francs hatten, und führte sie nach Brest. Hotham konnte es nicht hindern, rettete aber seine Kriegsschiffe. Darby erhielt auf der Heimreise Nachricht hiervon und zweigte sofort 8 Linienschiffe zur Verfolgung der Franzosen ab, erreichte diese jedoch nicht mehr; nur ein französisches, von seinem Geschwader abgekommenes Linienschiff hatte am 14. und 15. Mai dicht vor Brest ein Gefecht mit dem vordersten der Verfolger zu bestehen, lief aber glücklich ein.
Die Verbündeten greifen Minorka an und erscheinen im Kanal 1781. Spanien, verdrossen über die Verproviantierung Gibraltars, beabsichtigte durch die Eroberung Minorkas einen Gegenstoß zu führen und ersuchte Frankreich um Mitwirkung; dieses sagte zu, wohl in der Hoffnung, dadurch auch ein gemeinsames Auftreten im Kanal zu erreichen. Am 25. Juni führte Lieutenant-Général de Guichen 19 Linienschiffe[154] nach Cadiz und trat unter den Oberbefehl des Admirals de Cordoba, dem nun 49 Linienschiffe, sowie gegen 20 Fregatten und kleinere Fahrzeuge zur Verfügung standen. Mit der Unterstellung seines Admirals unter den spanischen brachte Frankreich dem guten Einvernehmen ein großes Opfer, da man doch aus den Berichten der Flaggoffiziere in den Vorjahren die geringe Leistungsfähigkeit Cordobas kannte. Die mächtige Flotte verließ am 23. Juli Cadiz, führte die gegen Minorka bestimmte Expedition ins Mittelmeer, bis sie vor englischen Kreuzern sicher erschien, und trat dann die Fahrt nach dem Kanal an. Minorka ward leicht besetzt und auch die Zitadelle von Port Mahon fiel im Februar 1782; der Verlust dieses Stützpunktes war jedoch für England nicht von Bedeutung, da es in diesem Kriege das Mittelmeer nicht zu behaupten vermochte.
Die Eroberung Minorkas durch Spanien 1781/82. Die Insel mit ihrem trefflichen Hafen Port Mahon war bisher von beiden Parteien außer acht gelassen. England war nicht imstande, auch im Mittelmeer eine starke Flotte zu halten, und infolgedessen war dieser Stützpunkt für die Verbündeten gleichfalls ohne Wichtigkeit gewesen. Aber Spanien reizte es stets, den Platz im Besitze Englands zu sehen, und der spanische wie der französische Handel litten immerhin durch die feindlichen Freibeuter, die von hier aus ihr Handwerk betrieben. Man hoffte bei der Eroberung leichtes Spiel zu haben; die Engländer hatten zwar Port Mahon stark befestigt, aber der Kommandant, General Murray, verfügte nur über etwa 3000 Mann, ein englisches und zwei hannoversche Bataillone sowie gegen 200 Seeleute. Die spanische Expedition bestand aus 9 Kriegsschiffen unter Admiral Buonaventura Moreno, zu denen vor Cartagena noch 3 Linienschiffe stießen, und 11000 Mann vom Belagerungsheere vor Gibraltar unter dem Herzog von Crillon, einem Franzosen in spanischen Diensten. Da keine Störung durch englische Schiffe zu befürchten war, wählte man nicht, wie die Franzosen 1756, den weiter entfernten Hafen von Ciudadela zur Ausschiffung, sondern landete am 8. August gleichzeitig etwa 3–4 Seemeilen im Norden und im Süden Port Mahons. Man hoffte so, den Gegner zu überraschen, aber es gelang Murray doch, seine Außenposten heranzuziehen und reichlich Proviant in die Zitadelle Fort San Felipe zu schaffen. Dahin zog er sich zurück, da seine Kräfte nicht ausreichten, auch die sonstigen Befestigungen der Stadt zu besetzen.
Die Franzosen fanden in dieser reiche Beute: Bargeld im Werte von 25000 Goldpiastern, Ladungen der durch Freibeuter aufgebrachten Prisen, Getreidemagazine, Waffen, Munitionsvorräte, sowie Material zum Ausbessern von Schiffen in solchen Mengen, wie sie in den Häfen von Cadiz, Cartagena und Ferrol zusammen nicht vorhanden waren — nach Ausspruch Morenos —, ein bedenkliches Zeugnis für die spanischen Kriegshäfen. Crillon schloß die Zitadelle ein, denn zu einer regelrechten Belagerung war er nicht ausgerüstet, da man die Expedition auf Überraschung angelegt hatte. Der förmliche Angriff begann erst im Oktober, nachdem die Belagerungsgeschütze sowie Verstärkungen von Barcelona und auch 4000 Franzosen von Toulon eingetroffen waren. Die Angriffsmacht zählte jetzt 16000 Mann mit 109 schweren Kanonen und 36 Mörsern. Trotzdem kapitulierte Murray erst am 4. Februar 1782, nur durch Hunger und Krankheit überwunden. Seine Leute litten schwer unter Skorbut und Dysenterie, bei der Übergabe waren nur noch 660 Mann dienstfähig und auch von diesen nur 100 ganz gesund, 415 Mann waren aber allein für die Besatzung der notwendigen Wachen erforderlich, es konnten also keine Ablösungen eintreten. Das Belagerungsheer zog dann im Mai wieder vor Gibraltar. Crillon wurde „wegen seines Erfolges“ zum Oberbefehlshaber hier ernannt und mit dem Titel „Herzog von Mahon“ ausgezeichnet.
Cordoba steuerte mit der mächtigen Flotte vom Kap St. Vincent aus nach Norden, jedoch in größerer Entfernung vom Lande, damit die Engländer nicht durch Kauffahrer unter der Küste Nachricht erhielten, aber seine Hoffnung, die feindliche Flotte in der Biskaya anzutreffen, erfüllte sich nicht. Vor dem Kanaleingange breitete er seine Schiffe, insbesondere die leichten, von Ouessant bis zu den Scillys aus, um den ganzen Kanal unter Beobachtung zu halten. In England hatte man tatsächlich keine Nachricht. Admiral Darby war nach zeitraubender Instandsetzung seiner Flotte am 1. August wieder mit 30 Linienschiffen in See gegangen, da um diese Zeit die Rückkehr der großen Konvois bevorstand. Infolge widriger Winde stand er erst bei Kap Lizard, als er durch ein Handelsschiff von der Nähe des Feindes erfuhr. Unfähig, der Übermacht entgegenzutreten, ging er nach Torbay und nahm hier am Eingange der Bucht eine Verteidigungsstellung ein.
Den Verbündeten bot sich jetzt Gelegenheit, mit einem Schlage den größten Teil der englischen Seestreitkräfte zu vernichten. Guichen, der in Person die Stellung des Feindes erkundet hatte, sprach sich in einem Kriegsrate der Flaggoffiziere begeistert für rücksichtslosesten Angriff aus und La Motte-Picquet sowie der spanische Admiral Don Vincent Droz schlossen sich ihm mit Entschiedenheit an. Aber Cordoba war anderer Ansicht, und als der Chef d'Escadre de Bausset, ein besonders leidenschaftlicher Anhänger des Handelskrieges, dafür eintrat, den Kampf zu meiden und statt dessen lieber die englischen Konvois abzufangen, stimmte er ihm zu, und seinem Beispiele folgten die übrigen spanischen Flaggoffiziere. Cordoba führte jedoch auch diese Aufgabe nicht durch; möglich, daß er die herankommende Zeit der Herbststürme fürchtete, da wie 1779 seine Schiffe in schlechter Verfassung waren und der Gesundheitszustand der Besatzungen zu wünschen übrig ließ. Am 5. September gab er in der Nähe von Ouessant Befehl zur Auflösung der Flotte trotz der Bitten Guichens, wenigstens noch einige Zeit gegen die englischen Konvois und zum Schutz gleichfalls erwarteter französischer zu kreuzen. Er segelte mit seinen 30 Schiffen, sowie 9 französischen nach Cadiz und entließ Guichen mit dem Rest nach Brest.