Nachdem wir uns so ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Schiffe des Alterthums gemacht, werden wir im Stande sein, ein Urtheil darüber zu gewinnen, ob die phönizischen Pentekontoren in dem von Herodot angegebenen Zeitraume die Umsegelung vollbringen konnten, verschieben aber die Beantwortung dieser Frage auf später, um dann mit ihr zugleich eine genauere Vertheilung der gesammten Zeit auf die einzelnen Abschnitte der Fahrt vorzunehmen, und lenken unsere Aufmerksamkeit zunächst auf einen anderen Punkt, nämlich auf die oberste Leitung der Expedition. Wer war der Führer dieses zur Lösung eines so wichtigen Problems ausgesandten Geschwaders? Herodot nennt seinen Namen nicht, und es fehlt jede Handhabe, darüber Vermuthungen aufzustellen. Wenn ich nun doch bei diesem Punkte noch ein wenig verweile, so geschieht es, um die Angriffe zurückzuweisen, welche er hervorgerufen hat. Es ist behauptet worden, man könnte doch erwarten, dass bei einem so hervorragenden Unternehmen, wenn es wirklich stattgefunden hätte, auch der Name des Führers überliefert wäre; da er fehle, sei die Erzählung von der Fahrt einer Fabel gleich zu achten. Dagegen lässt sich aber Folgendes erwidern. Dass der Name nicht erhalten ist, scheint weniger wunderbar als betrübend, und keinenfalls kann dieser Umstand als Beweis dafür gelten, dass die Umsegelung nicht stattgefunden habe. Auch die Stellen bei Strabo[280] und in der Bibel[281], wo von den wohl allgemein als historisch anerkannten und gewiss für das Alterthum sehr hervorragenden Fahrten der Phönizier nach Tarsis, den Kassiteriden und Ophir die Rede ist, nennen die betreffenden Führer nicht. Das Fehlen des Namens ist somit ganz gewiss kein Beweis gegen die Glaubwürdigkeit des Berichtes; eher würde es unter Umständen das Anführen eines solchen sein können, wie die von Vincent[282], wie mir scheint, nicht sehr glücklich herangezogenen mythischen Beispiele zeigen. Er argumentirt: Bei den Fahrten aus älterer Zeit nennt man Herakles, Jason u. a. als Führer, obgleich deren Thaten sich doch auf einem weit kleineren Raume abspielten; da durfte bei unserm Unternehmen ein Hinweis auf den Leiter doch erst recht nicht fehlen. Dem gegenüber meine ich, dass eben die Namen jener Helden gegen die ihnen zugeschriebenen Thaten leicht Misstrauen erwecken werden. Herakles und Jason sind doch nur Vertreter von Kulturperioden; wenn ersterer eine Personifikation der Zeit ist, die den Kampf gegen das Ungeheuerliche in der Natur, wie in der Menschheit siegreich aufnahm, so erblicken wir in dem letzteren den Vertreter der Epoche, in welcher der Grieche die Scheu vor dem trügerischen Meereselemente überwinden lernte und zuerst seinen Kiel nach fernen Gestaden lenkte. Historische Wirklichkeit wird man keinenfalls diesen beiden oder ähnlichen Gestalten zugestehen dürfen. In unserm Falle scheint mir nun das Fehlen des Namens gerade ein Beweis für die Glaubwürdigkeit der Gewährsmänner Herodots zu sein. Bezweifeln dürfen wir kaum, dass letzterer bei seiner Gründlichkeit Erkundigungen über den Leiter einer so wichtigen Expedition einzuziehen versucht hat. Nun wäre es seinen Berichterstattern ja ein Leichtes gewesen, irgend einen Namen zu erfinden, so gut man ein paar Jahrhunderte früher sich den Herakles und Jason konstruirt hatte. Trotzdem nannten sie einen solchen nicht, sonst hätte Herodot ihn uns sicher überliefert, und dass sie es nicht thaten, spricht für ihre Wahrhaftigkeit und damit zugleich für die Wahrheit des Faktums, das sie berichteten. Aber, wird eingewendet werden, es sind doch z. B. die Namen des Sataspes und Skylax bekannt, der Leiter von Expeditionen, welche sich an Bedeutung mit der phönizischen nicht annähernd messen können. Wie das gekommen sein mag, ist nicht schwer zu erklären. Verweilen wir einen Augenblick bei Sataspes. Leicht mag Herodot, wie Berger[283] aus dem, was jener Schriftsteller selbst mittheilt[284], meint schliessen zu dürfen, von einem Samier, der durch einen Eunuchen des unglücklichen Prinzen in den Besitz der Schätze und wohl auch der Nachricht von der verunglückten Umsegelung desselben gekommen war, seine Information erhalten haben. Es scheint mir aber nicht undenkbar, dass er noch direktere Quellen hatte. Er selbst war am persischen Hoflager zu Susa, wie aus einigen Stellen seines Werkes hervorgeht[285], und hier war jedenfalls der Name des Sataspes noch wohl bekannt; sorgte dafür nicht sein nautisches Fiasko, so that es sicher die chronique scandaleuse des Achämenidenhofes. Das Vergehen, wegen dessen ihm die Umschiffung Libyens auferlegt war, bestand in der Vergewaltigung einer Perserin aus einer der ersten Familien des Reiches. Da nun die Hofgesellschaft in der persischen Residenz unter dem Einfluss der Haremsdamen sicherlich für derartige pikante Stoffe ein treffliches Gedächtniss hatte, lebte auch Sataspes noch in der Erinnerung dieser Kreise, wenn seine misslungene Expedition ihm auch erst in zweiter Linie dazu verhalf. Es ging ihm ähnlich wie dem Paris, der ja auch mehr wegen seiner Heldenthaten im Boudoir der Helena, als durch seine Erfolge auf dem Schlachtfelde bekannt ist. Auch Berger[286] giebt zu, die Erzählung von der Fahrt des Sataspes trüge den Charakter einer Hofgeschichte. Dazu kommt, dass seit dieser Reise beim Aufenthalt des Herodot in Susa wohl erst etwa zwei Dezennien verflossen waren, seit der Umschiffung Libyens durch die Phönizier, als er in Aegypten weilte, aber anderthalb Jahrhunderte. So kann es uns nicht wundern, dass man sich des Sataspes trotz seines Misserfolges noch erinnerte, während man den leitenden phönizischen Kapitän, der doch ungleich mehr geleistet, nicht zu nennen wusste. Was aber den zweiten Namen anbetrifft, der herangezogen werden könnte, um den herodoteischen Bericht auffallend lückenhaft erscheinen zu lassen, den des Skylax von Karyanda[287], der vom Indus zum rothen Meere fuhr, so wird folgende Erwägung am Platze sein. Dieser kühne Entdecker war unserm Schriftsteller sicher am wenigsten unbekannt. Karyanda lag ja von Halikarnass, dem Geburtsort desselben, nur etwa 20 km entfernt, und die Fahrt des Skylax wird doch nur etwa ein Menschenalter vor Herodot stattgefunden haben. Die nautische That, welche der berühmte Landsmann im Dienste des Perserkönigs vollbracht hatte, wird nun zweifellos nicht nur in seiner Vaterstadt, sondern auch im benachbarten Halikarnass jedem Kinde geläufig gewesen sein, und so erklärt sich meiner Ansicht nach sehr natürlich, wie es kam, dass Herodot über ihn genau unterrichtet war. Für die Erinnerung an den phönizischen Anführer fehlte es an solch günstigen Vorbedingungen, so ist begreiflicherweise sein Name versunken und vergessen, und nur seine grosse That lebt im Munde der Nachwelt fort.