Clerambault war nicht der Einzige, der die Energie Froments als so wohltuend empfand und empfing. Bei jedem seiner Besuche begegnete er am Krankenlager des jungen Mannes irgendeinem Freund, der gekommen war, um ihn aufzurichten und — ohne daß er es sich eingestand — von ihm aufgerichtet zu werden. Zwei oder drei waren junge Leute im Alter Froments, die anderen ältere Männer, meist schon über fünfzig hinaus, entweder alte Freunde der Familie oder solche, die Froment schon vor dem Kriege gekannt hatten. Einer von ihnen, ein alter Hellenist mit feinem und zerstreutem Lächeln, war sein Lehrer gewesen. Unter den anderen war noch ein Bildhauer mit grauem Haar, schlaffen und von tragischen Falten durchzogenem Gesicht, ein Landjunker mit kurzgeschorenen Haaren, roter Gesichtsfarbe, dem viereckigen Kopf eines Bauern, schließlich noch ein weißbärtiger Arzt mit einem Ausdruck von Sanftmut in seinem müden Gesicht, dessen Blick durch den verschiedenen Ausdruck der beiden Augen überraschte: das eine schien scharf mit einem Zwinkern von Zweifel zu beobachten, das andere melancholisch vor sich hinzuträumen.
Diese Menschen, die sich manchmal bei dem Kranken vereint fanden, glichen einander in keiner Weise. Man konnte in dieser kleinen Gruppe alle Gedankenformen vertreten finden vom Katholiken zum Freigeist und selbst zum Bolschewisten, als welcher sich einer der jungen Kameraden Froments bekannte. In ihnen war der Einfluß der verschiedensten geistigen Ahnen sichtbar wirksam: im alten Hellenisten derjenige des ironischen Lucian, bei dem Grafen de Coulanges derjenige der alten französischen Chronisten der Collection Michaud. (Er liebte es, auf seinem Landgut sich abends von der Tierzucht und den chemischen Düngungen dadurch zu erholen, daß er die dunkelgoldfarbige Sprache Froissarts und die gleichzeitig dornige und saftige des spitzbübischen Gondi las.) Der Bildhauer zermürbte seine Stirn, um eine Metaphysik in Beethoven und Rodin herauszufinden, der Doktor Verrier, der für Religion das mitleidige Lächeln des Wissenschaftlers hatte, versetzte die Wunderwelt, deren er bedurfte, in das Reich der biologischen Hypothesen und der blendenden Gleichungen der modernen Physik und Chemie. So schmerzlich ihm auch das Leiden der Zeit war, so entschwand die Ära des Krieges mit all ihrem blutnassen Ruhm in die Ferne gegenüber den heroischen geistigen Entdeckungen, die der freie Deutsche Einstein inmitten der menschlichen Verirrung, ein neuer Newton, vollbrachte.
So schien alles zwischen diesen Menschen widersprechend zu sein, sowohl ihre geistige Form als auch ihr Temperament. Aber in einem waren sie alle einig, daß sie keiner Partei zugehörten, nur aus sich selbst heraus dachten und Ehrfurcht und Liebe für die Freiheit hatten, für die ihre und für die der anderen! Und das ist doch das Wesentliche! In unserer gegenwärtigen Epoche zerbrechen die alten Formen, stürzen die politischen, religiösen oder sozialen Parteien zusammen. Es bedeutet ja nur einen kleinen Fortschritt, sich statt einen Monarchisten einen Sozialisten oder Republikaner zu nennen, insolange diese Gruppen sich noch dem Nationalismus ihres Staates, dem Glauben oder der Klasse unterwerfen. In Wahrheit gibt es heute nur noch zwei Formen des Geistes: die einen, die sich in ihre Grenze einschließen, und die anderen, die allem Lebendigen aufgetan sind, die in sich die ganze Menschheit fühlen, sogar ihre Feinde. So wenig zahlreich diese Männer auch sein mögen, sie formen, ohne es zu wissen, die wahre Internationale, jene, die auf dem Kultus der Wahrheit und des umfassenden und allen gleich zugehörigen Lebens ruht. Einzeln zu schwach (sie wissen es wohl), ihr unermeßliches Ideal zu umfassen, umfaßt doch das Ideal sie alle. Und alle in ihm geeint, wandern sie, jeder auf einem verschiedenen Wege, dem unbekannten Gott entgegen.
Was nun in diesem Augenblick diese so verschiedenen freien Seelen um Edme Froment versammelte, war das dunkle Gefühl, er sei der Punkt, wo sich ihre Zielrichtungen begegneten, der Kreuzweg, von dem man alle Wege ausstrahlen sieht. Froment war nicht immer ein solcher Mittelpunkt gewesen; solange er noch Herrschaft über seinen Körper und seine Gesundheit hatte, ging auch er seinen Weg abseits von den anderen. Aber seit sein Lauf unterbrochen war, hatte er sich nach einer Periode kurzer Verzweiflung — die er aber sorgsam den Blicken seiner Umgebung verbarg — gleichsam als Wegkreuz aufgestellt: gerade weil er selbst nicht mehr tätig sein konnte, vermochte er die Tat der anderen besser zu überblicken und im Geist daran teilzunehmen. Er sah in den verschiedenen Strömungen — Vaterland, Revolution, Staats- und Klassenkampf, Wissenschaft und Glauben — nur die vermengten Kräfte eines Wildbaches mit seinen Stromschnellen, Wirbeln und sandigen Stellen; manchmal scheint er zurückgeworfen oder gebrochen zu werden oder zu schlafen. Aber die Strömungen gehen doch unwiderstehlich nach vorwärts: selbst die Reaktion wird immer weiter gerissen. Und er, der junge Gekreuzigte am Kreuzweg, vermählte sich allen Strömungen, dem ganzen Strom.
Clerambault fand in ihm einige Züge Perrotins wieder. Aber Welten trennten Froment von Perrotin. Wenn auch er so wie jener nichts Vorhandenes leugnete und alles zu verstehen suchte, so tat er es doch mit einer begeisterten Seele. Alles wurde in seinem Herzen Bewegung und beherrschte Leidenschaft. Alles, Tod und Leben, war bei ihm Gang und Aufstieg — unbeweglich nur er selbst, sein eigener Leib.
Inzwischen war eine dunkle Stunde gekommen. Man hatte die Wende der Jahre 1917/18 überschritten. Die nebligen Winternächte waren schwer von der Erwartung des letzten Ansturms der deutschen Armeen. Seit Monaten war er durch drohende Gerüchte angekündigt, die Streifzüge der Flieger über Paris schienen schon seine Vorboten zu sein. Die Verfechter des Krieges „bis zum endgültigen Siege“ spiegelten vollkommene Sicherheit vor, die Zeitungen fuhren fort zu prahlen, und Clemenceau behauptete, nie besser geschlafen zu haben. Aber die geistige Spannung verriet sich in der wachsenden Schärfe des Hasses zwischen den Nichtkämpfern. Man lenkte die öffentliche Beunruhigung auf die Verdächtigen des Hinterlandes, auf die Flaumacher ab. Hochverratsprozesse erhitzten und beschäftigten die Moral des Hinterlandes, die Angeber mit der Heldengeste Corneilles, die patriotischen Denunzianten, die fanatischen Zeugen vervielfältigten sich, und das Gebell der öffentlichen Ankläger kläffte durch Tage zornig hinter den armen, gehetzten Opfern her. Als dann zu Ende März die über Paris hängende deutsche Offensive losbrach, erreichte der überhitzte Bürgerhaß seinen Zenith, und es war gewiß, daß, wenn ein Durchbruch gelungen wäre, noch ehe die feindliche Armee Paris erreicht hätte, der Galgen von Vincennes, dieser Altar des rächenden und bedrohten Vaterlandes, seine Opfer empfangen hätte, gleichgültig, ob sie schuldig oder unschuldig, ob sie nur angeklagt oder abgeurteilt waren.
Clerambault wurde öfters in den Straßen beschimpft. Er regte sich darüber nicht auf, vielleicht, weil er sich des Gefährlichen der Situation nicht ganz bewußt war. Eines Tages traf Moreau ihn inmitten einer Gruppe von Passanten in einer Diskussion mit einem wutschäumenden jungen Menschen, der ihn in verletzender Weise angegangen hatte. Während er noch sprach, hörte man ganz in der Nähe die Explosionen der „dicken Berta“. Clerambault schien es nicht zu merken, er fuhr ruhig fort, vor dem Zornigen seine Ideen zu entwickeln. In dieser Beharrlichkeit war eine gewisse Komik, und die Zuhörer, die als gute Franzosen das gleich merkten, tauschten darüber allerhand, zwar nicht sehr höfliche, aber doch auch nicht böswillige Witze aus. Moreau faßte Clerambault am Arm, um ihn wegzuziehen. Clerambault schaute auf, sah die lachenden Leute, erfaßte nun seinerseits das Komische der Situation und lachte mit den anderen.
„Was für ein alter Narr ... Nicht wahr?“ sagte er zu Moreau, der ihn wegzog.
„Es gibt aber auch andere Narren. Man muß sich in acht nehmen“, antwortete Moreau in recht energischer Weise. Aber Clerambault wollte ihn nicht verstehen.
Inzwischen war das Untersuchungsverfahren seines Prozesses in eine neue Phase getreten. Clerambault war des Vergehens gegen das Gesetz vom 5. August 1914, das „staatsgefährliche Äußerungen während des Krieges“ verhindern sollte, beschuldigt; man klagte ihn der pazifistischen Propaganda in den Arbeiterskreisen an, in denen Thouron die Schriften Clerambaults mit seinem Einverständnis verbreitet hätte. Nichts konnte unrichtiger sein, denn weder wußte Clerambault von einer Propaganda dieser Art, noch hatte er sie autorisiert, was Thouron auch bezeugen konnte. Aber nun ergab sich das Seltsame, daß Thouron dies nicht bezeugte. Sein Verhalten erwies sich als äußerst merkwürdig; statt die Dinge richtig zu stellen, machte er allerhand Winkelzüge, tat so, als ob er etwas zu verbergen hätte, ja, er tat es sogar in einer gewissen absichtlichen Weise und hätte sich gar nicht gefährlicher benehmen können, wenn es seine innerste Absicht gewesen wäre, solch einen Verdacht zu erwecken. Verhängnisvollerweise lenkte sich dieser Verdacht nun gegen Clerambault. Zwar sagte Thouron nichts gegen ihn oder gegen irgend jemanden aus, er weigerte sich, irgendetwas zu sagen, aber er ließ immer durchblicken, daß, wenn er reden wollte.... Aber er wollte nicht. Man konfrontierte ihn mit Clerambault. Er benahm sich tadellos, geradezu ritterlich, legte die Hand auf das Herz und versicherte den „Meister“, den „Freund“ seiner kindlichen Verehrung. Clerambault versuchte ihn voll Ungeduld endlich zu einer klaren Darstellung dessen zu bringen, was zwischen ihnen vorgegangen war, der andere aber fuhr immer nur fort, seine „unerschütterliche Ergebenheit“ zu bezeugen. Mehr könne er nicht sagen, nichts seinen Aussagen hinzufügen, er nehme alles auf sich.
Dieses Benehmen ließ ihn nach außen sympathisch erscheinen, Clerambault aber in den Verdacht kommen, als wolle er sich durch Aufopferung seines Vasallen aus der Affäre ziehen. Die Zeitungen zögerten nicht lange und beschuldigten ihn der Feigheit. Inzwischen folgte eine Vorladung der anderen, seit zwei Monaten mußte sich Clerambault zu ganz nichtigen Verhören begeben, zu denen ihn die Richter zitierten, ohne daß sich irgendeine Entscheidung anzeigte. Nun sollte man glauben, daß ein Mann, der solange ohne die geringsten Beweise angeklagt und unter dem schimpflichen Verdacht gehalten wurde, bei der Öffentlichkeit Sympathien gefunden hätte. Aber im Gegenteil: sie wurde noch gereizter gegen ihn, man verzieh es ihm nicht, daß er nicht schon verurteilt war. Die tollsten Erfindungen zirkulierten in der Presse, man behauptete, die Sachverständigen hätten an der Form gewisser Buchstaben und an einzelnen besonderen Schriftzeichen entdeckt, daß eine der Flugschriften Clerambaults von Deutschen gedruckt und verbreitet worden war. So dumm diese Erfindungen waren, sie fanden doch Zugang bei der ungeheuren Leichtgläubigkeit der Leute, die (man behauptete es wenigstens) vor dem Krieg vernünftig gewesen waren. Es waren erst vier Jahre seitdem vergangen, aber es schienen schon Jahrhunderte zu sein.
Kurz, die braven Leute verurteilten einen der Ihren ohne weitere Nachfrage; es war nicht das erstemal und wird nicht das letztemal sein. Die gut abgerichtete öffentliche Meinung empörte sich darüber, daß Clerambault noch frei herumging, und die reaktionären Blätter, die fürchteten, ihre Beute könne ihnen entgehen, klagten die Justiz an, versuchten sie einzuschüchtern und verlangten, die Affäre müsse dem Zivilgerichte entzogen und dem Militärgerichte übergeben werden. Rasch erreichte die Erregung einen jener Paroxismen, die in Paris im allgemeinen kurz, aber furchtbar zügellos sind. Denn dieses sonst so vernünftige Volk deliriert von Zeit zu Zeit. Man muß sich fragen, wie die Leute, die zum großen Teil gar nicht böse sind und von Natur aus zu gegenseitiger Nachsicht, ja Gleichgültigkeit geneigt, plötzlich zu solchen Explosionen von zornigem Fanatismus kommen, bei denen sie gleichzeitig ihren Kopf und ihr Herz verlieren. Manche sagen, dieses Volk hätte eine Frauennatur, sowohl in seinen Tugenden wie in seinen Lastern, und daß die Feinheit seiner Nerven und die Sensibilität, der ja seine Kunst und sein Geschmack den Vorrang verdanken, es plötzlich in hysterische Krisen verfallen lassen. Ich glaube vielmehr, daß jedes Volk nur durch Zufall einmal menschlich ist — wenn man unter Mensch ein vernünftiges Tier versteht (was ja sehr schmeichelhaft, aber gänzlich unbewiesen ist). Die Menschen machen von ihrer Vernunft nur selten Gebrauch. Im allgemeinen sind sie von der Anstrengung zu denken, gleich ermattet, und man tut ihnen wohl, wenn man ihnen das Wollen abnimmt und für sie nur das will, was die wenigste Anstrengung erfordert. Die Anstrengung nun, irgendeine neue Idee zu hassen, ist wirklich keine allzugroße. Aber brechen wir nicht den Stab über sie! Der Freund aller Verfolgten hat mit seinem nachsichtigen Heroismus gesagt: „Sie wissen nicht, was sie tun.“
Eine nationalistische Zeitung fand sich bereit, die bösartigen Instinkte, die in diesen armen Menschen schlummerten, aufzuwecken. Sie lebte ja einzig nur von der Ausbeutung der Verdächtigung und des Hasses, was sie „für die Erneuerung Frankreichs arbeiten“ nannte. Für sie bestand eben Frankreich einzig aus ihr selbst und ihren Gesinnungsgenossen. Sie veröffentlichte gegen „Cleramboche“ eine Reihe mörderischer Artikel, ähnlich jenen, die so gut ihr Ziel gegen Jaurès erreicht hatten, sie hetzte die öffentliche Meinung auf, indem sie schrie: geheimnisvolle Einflüsse seien am Werk, den Verräter zu schützen, und man müsse darüber wachen, daß er nicht entkomme. Und schließlich appellierte sie an die Justiz des Volkes.
Viktor Vaucoux haßte Clerambault.
Er kannte ihn nicht. Der Haß braucht ja seinen Gegner nicht zu kennen. Aber hätte Vaucoux Clerambault gekannt, so hätte er ihn noch mehr gehaßt. Ehe er wußte, daß es einen Clerambault gebe, war er schon sein geborener Feind. Es gibt in jedem Land geistige Rassen, die sich feindlicher sind als die des Blutes oder die der Uniformen.
Er stammte aus begüterter Bürgerschaft im Westen Frankreichs, aus einer Beamtenfamilie des Kaiserreiches und des Systems von Zucht und Ordnung, die sich seit vierzig Jahren in den Schmollwinkel einer sterilen Opposition zurückgezogen hatte. Er besaß Güter in der Charente, dort verbrachte er den Sommer, die übrige Zeit war er in Paris. Es war eine dekadente Familie, wie es die jener Gesellschaftsklasse ja gewöhnlich sind, und sowohl gegen seine Klasse als gegen die eigene Familie wandte sich sein Herrschinstinkt, für den er im Leben keine andere Verwendung fand. Die Unterdrückung seiner Herrschbegierde gab ihm einen tyrannischen Charakter, er despotierte, ohne es zu wissen, die Seinen, gleichsam aus einem Recht und einer unbestreitbaren Pflicht heraus. Das Wort Toleranz hatte keinen Sinn für ihn. Für ihn war es gewiß: er konnte sich nicht irren. Dabei war er intelligent, hatte eine gewisse sittliche Gesundheit — ja sogar ein Herz, aber das alles unter einer dicken Rinde wie bei einem alten überwucherten Stamm zusammengepreßt und gebunden. Seine Kräfte, die sich nicht auswirken konnten, stauten sich und stockten. Von außen nahm er nichts auf. Wenn er las, wenn er reiste, tat er es mit feindlichen Augen und dem Verlangen, sich wieder zu finden. Nichts schnitt durch die Rinde in sein innerstes Wesen hinein. Was er an Leben hatte, kam von unten, von der Wurzel, von der Erde — von den Toten.
Er war der Typus jener Rassenschicht, die, zwar stark, aber doch schon gealtert, nicht mehr genug Leben hat, um sich nach außenhin zu entwickeln, und sich im Gefühl einer aggressiven Verteidigung zusammenschließt. Sie beobachtet mit Mißtrauen und Antipathie die neuen jungen Kräfte, die sich rings um sie, innerhalb und außerhalb ihres Volkes, entwickeln, die aufsteigenden Nationen und Klassen, alle die leidenschaftlichen und ungeschickten Versuche sittlicher und sozialer Erneuerung. Solche Leute brauchen, wie der arme Barrès und sein verkrüppelter Held[B], Mauern, Schranken, Grenzen und Feinde.
In diesem Belagerungszustand lebte auch Vaucoux und ließ die Seinen so leben. Seine sanfte, gleichmütige, verblühte Frau hatte das einzige Mittel gefunden, diesem Zustand zu entkommen: sie war gestorben. Allein mit seiner Trauer zurückgeblieben, die er eifersüchtig behütete — wie alles, was ihm gehörte —, errichtete er einen Schutzwall um die Jugend seines einzigen, dreizehnjährigen Sohnes und lehrte ihn, mit dem Vater zusammen diesen Schutzwall zu bewachen. Wie seltsam, Söhne zu zeugen, um mit ihnen gegen die Zukunft zu kämpfen! Sich selbst überlassen, hätte der junge Bursche vielleicht das Leben von sich aus entdeckt, aber im Gefängnis des Vaters wurde er eine Beute des Vaters. Sie lebten in einem versperrten Haus mit wenig Beziehungen, wenig Büchern, wenig Zeitungen, mit Ausnahme einer einzigen, deren versteinerte Prinzipien am besten Vaucoux’ Bedürfnis nach Erhaltung (im Sinne von Mumifizierung) entsprachen. Sein Opfer, sein Sohn, konnte ihm nicht entkommen. Er impfte ihm seine geistige Abirrung ein, wie Insekten ihre Eier in den lebendigen Körper eines anderen Tieres einpflanzen, und als der Krieg ausbrach, führte er ihn in das Rekrutierungsbureau und ließ ihn einschreiben. Für einen Mann seiner Art war das Vaterland das reinste aller Wesen, das heiligste der heiligen. Er mußte nicht erst, um sich zu begeistern, die heiße Luft und den Rausch der Menge eintrinken (er hielt sich weit weg von der großen Masse). Das Vaterland war in ihm. Das Vaterland: die Vergangenheit, die ewige Vergangenheit.
Und sein Sohn wurde getötet wie derjenige Clerambaults, wie diejenigen von Millionen Vätern für den Glauben jener Väter an ein vergangenes Ideal, an das sie selbst gar nicht glaubten.
Aber Vaucoux kannte nicht die Zweifel Clerambaults. Zweifeln? Er wußte gar nicht, was Zweifeln bedeutete, und hätte er es sich erlaubt, er würde sich verachtet haben. Dieser harte Mensch liebte seinen Sohn leidenschaftlich, obwohl er es ihm nie gezeigt hatte, und er wußte keine andere Art, es nun zu beweisen, als durch einen leidenschaftlichen Haß gegen diejenigen, die ihn getötet hatten. Freilich zählte er sich nicht selber zu jenen, die ihn hingeschlachtet hatten.
Für seine Rache waren ihm aber nur begrenzte Möglichkeiten gegeben. Obwohl er Rheumatiker war und einen steifen Arm hatte, wollte er in die Armee eintreten, wurde aber nicht angenommen. Er mußte aber doch etwas tun und vermochte es nur durch Denken. Allein in seinem Haus, als Gefährten nur seine tote Frau und seinen toten Sohn, gab er sich durch Stunden leidenschaftlichen Betrachtungen hin. Wie ein Tier im Gefängnis, das an den Stäben rüttelt, drehten sie sich rasend im Kreise des Krieges, soweit ihn die Schützengräben zogen, voll Gier auszubrechen und nach einer Öffnung suchend.
Die Artikel Clerambaults, die ihm durch das Wutgeheul seiner Zeitung bekannt wurden, brachten ihn außer sich. Was?... Man versuchte ihm den Knochen des Hasses aus den Zähnen zu reißen?... Schon aus dem wenigen, was er von Clerambault vor dem Kriege kannte, war dieser ihm unerträglich gewesen. Der Schriftsteller durch seine Bemühung um neue Kunstformen, der Mann durch seine Lebens- und Menschenliebe, seinen demokratischen Idealismus, seinen ein wenig einfältigen Optimismus und seine europäischen Wünsche. Auf den ersten Blick, mit dem Instinkt des Rheumatikers (in den Gelenken und im Geiste) hatte Vaucoux Clerambault unter jene eingereiht, die einen Luftzug im Hause mit den verschlossenen Fenstern und Türen, im Vaterlande, machen. Im Vaterlande, natürlich so, wie er es verstand, denn für ihn gab es kein anderes. So brauchte er nicht die besonderen Aufreizungen der Zeitungen, um in dem Verfasser des „Aufrufes an die Lebendigen“ und „Ihr Toten, verzeihet uns“ den Agenten des Feindes — den Feind zu sehen.
Und das Rachefieber, das ihn verzehrte, warf sich auf diese Beute.
[B] „Simon und ich verstanden nun unseren Haß gegen die Fremden, gegen die Barbaren und unseren Egoismus, in den wir mit uns selbst unsere ganze kleine moralische Familie einschließen. Die erste Aufgabe dessen, der leben will, ist, sich mit hohen Mauern zu umgeben. Aber in seinen geschlossenen Garten läßt er jene ein, die von ähnlichen Formen des Gefühls und gleichen Interessen geleitet sind.“ (Un Homme libre.) In drei Zeilen spricht dieser „freie Mensch“ also dreimal von „einschließen“, „sich mit Mauern umgeben“, „verschließen“.
Mein Gott, wie bequem ist es, zu hassen, wenn man diejenigen nicht versteht, die anderer Meinung sind!
Clerambault war diese Leichtigkeit nicht gegeben, denn er verstand vollkommen auch jene, die ihn verabscheuten, verstand sie bis ins Letzte! Diese guten Leute litten bis zur Tollwut an der Ungerechtigkeit des Feindes — zweifellos deshalb, weil sie ihnen weh tat, aber auch aus ganz rechtschaffenen Gründen, weil es eben die Ungerechtigkeit war, die Ungerechtigkeit sonder gleichen. Denn kurzsichtig, wie sie waren, erschien sie ihnen ganz einzigartig ungeheuerlich und erfüllte verwirrend ihr ganzes Gesichtsfeld. Wie beschränkt ist doch bei einem gewöhnlichen Menschen die Fähigkeit des Gefühls und des Urteils! Versinkend in der ungeheuren Weite, klammert er sich an die erstbesten vorübertreibenden Trümmer, und so wie der Mensch den tausendfältigen Strom des Lichtes sich zu einigen wenigen Farben vereinfacht, so wird ihm das Gute und das Böse in den Adern des Weltalls nur erkenntlich, wenn er es in ein paar selbsterlebte Beispiele wie in Flaschen füllen kann. Für ihn ist dann das ganze Gute, das ganze Böse der Welt in diesen paar etikettierten Beispielen verschlossen, und er konzentriert auf sie seine ganze Kraft der Liebe und des Hasses. Für tausende sonst vortreffliche Leute ist die Verurteilung Dreyfus’ oder die Torpedierung der „Lusitania“ das Verbrechen des Jahrhunderts geblieben. Diese guten Leute sehen eben nicht, daß der ganze Weg der menschlichen Gesellschaft mit Verbrechen gepflastert ist, über die sie ahnungslos hinwegschreiten, denn sie alle haben unbewußt ihren Vorteil von unbekannten Ungerechtigkeiten, die zu verhindern sie niemals die geringste Anstrengung gemacht haben. Und welche Ungerechtigkeiten sind eigentlich die schlimmeren, jene, die ein langdauerndes und tiefes Echo im Gewissen der Welt erwecken, oder die anderen, um die einzig das niedergetretene Opfer weiß?... Aber diese braven Leute haben nicht genügend lange Arme, um alles Elend der Welt zu umfassen. Wer zu viel umfaßt, eignet sich nur wenig an. Deshalb klammern sie sich gewöhnlich nur an irgendeine einzelne Ungerechtigkeit. Aber die machen sie dann ganz zu ihrer Angelegenheit. Haben sie sich einmal irgendein Verbrechen ausgewählt für ihren Haß, dann verbrauchen sie dabei die ganze Kraft der Erbitterung, die in ihren Eingeweiden lebt. Der Hund hat seinen Knochen gefunden und knabbert daran. Weh’ dem, der daran rührt!
Clerambault hatte daran gerührt. So hatte er kein Recht, sich zu beklagen, wenn er nun gebissen ward. Und er beklagte sich auch nicht. Die Menschen haben ein Anrecht, die Ungerechtigkeit, die sie sehen, zu bekämpfen, und es ist nicht ihre Schuld, wenn sie davon nur die große Zehe sehen, so wie Gulliver in Brobdignac. Jeder tut, was er kann.
Und so bissen sie zu.
Es war am Karfreitag. Die große Sturzflut der Offensive warf sich gegen das Herz Frankreichs. Auch der Tag der heiligen Trauer unterbrach das Massaker nicht, denn der bürgerliche Krieg kennt keinen Gottesfrieden mehr. Christus war in einer seiner Kirchen bombardiert worden, und die Nachricht von der mörderischen Explosion in der Kirche Saint-Gervais gerade um die Vesperstunde verbreitete sich nachts im lichtlosen Paris, das von Trauer, Zorn und Furcht erfüllt war.
Die Freunde hatten sich in ihrer Betrübnis bei Froment versammelt. Ohne Verabredung waren sie hingekommen, weil sie sicher waren, einander dort zu finden. Überall sahen sie Gewalt: in der Vergangenheit, in der Zukunft, bei dem Feinde, bei den Ihren, im Lager der Reaktion ebenso wie in dem der Revolution. Ihre Angst und ihre Zweifel vereinigten sich in einem einzigen Gedanken, und der Bildhauer sagte:
„Vergeblich beruhen unsere heiligsten Überzeugungen, unser Glaube an den Frieden und die menschliche Brüderlichkeit auf der Vernunft und der Liebe. Gibt es denn wirklich gar keine Hoffnung, daß sie jemals Macht gewinnen über die Menschen? Wir sind zu schwach!“
Und Clerambault rezitierte, ganz ohne es zu wollen, die Worte des Jesaias, die ihm plötzlich in Erinnerung kamen:
„Dunkel bedecken die Erde, und der Schatten umhüllt die Völker....“
Er hielt inne. Aber von seinem kaum erhellten Bett fuhr Froment unsichtbar fort:
„Stehet auf, denn von den Gipfeln der Berge erscheinet das Licht....“
„Ja, es erscheint“, wiederholte aus dem Dämmer die Stimme der Frau Froment, die zu Füßen des Bettes an der Seite Clerambaults saß. Clerambault faßte ihre Hand. Es war wie ein kühler Schauer, der durch das Zimmer lief.
„Warum sagen Sie das?“ fragte der Graf Coulanges.
„Weil ich Ihn sehe!“
„Ich sehe Ihn auch“, sagte Clerambault.
Der Doktor Verrier fragte:
„Wen?“
Aber ehe die Antwort noch ausgesprochen war, wußten schon alle das Wort im voraus.
„Der das Licht bringt ..., den Gott, der sie besiegt....“
„Ihr wartet auf einen Gott!“ sagte der alte Hellenist, „Ihr glaubt also an das Wunder?“
„Das Wunder sind wir. Ist es denn nicht ein Wunder, daß in dieser Welt unaufhörlicher Gewalttätigkeit wir den Glauben an die Liebe und die Gemeinschaft der Menschen bewahrt haben?“
Coulanges sagte bitter:
„Seit Jahrhunderten erwartet man den Christus, und immer, wenn er kommt, erkennt man ihn nicht und kreuzigt ihn. Und alle vergessen ihn dann mit Ausnahme einer Handvoll Bettler, die gut und beschränkt sind. Diese Handvoll vermehrt sich, und während eines Menschenalters blüht der Glaube. Dann aber wird er verfälscht, wird durch seinen Erfolg verraten, durch seine ehrgeizigen Diener, die Kirche. Und das geht dann durch Jahrhunderte so dahin.... Adveniat regnum tuum ... Aber wo, wo ist denn das Gottesreich?“
„In uns“, antwortete Clerambault. „Die Kette unserer Prüfungen und Hoffnungen formt den ewigen Christus. Wir sollten glücklich sein, wenn wir daran denken, daß uns das Vorrecht zuteil ward, den neuen Gott in unserem Herzen beherbergen zu dürfen wie das Kind in der Krippe.“
„Aber was gibt uns das Zeichen, daß er gekommen ist?“ fragte der Arzt.
„Unser Sein“, antwortete Clerambault.
„Unsere Leiden“, antwortete Froment.
„Unser verkannter Glaube“, antwortete der Bildhauer.
„Die einzige Tatsache schon, daß wir sind“, setzte Clerambault hinzu, „dieser Widersinn, den wir der Natur ins Antlitz schleudern, den diese aber bestreitet. Hundertmal entflammt sich die Flamme und verlöscht wieder, ehe sie leuchten bleibt. Jeder Christus, jeder Gott hat sich vorher zu gestalten versucht in einer ganzen Reihe von Vorläufern. Überall sind sie, verloren und vereinsamt im Raume und vereinsamt in den Jahrhunderten. Aber diese Einsamen, die einander nicht kennen, sehen alle am Horizont den gleichen leuchtenden Punkt, den Blick des Erlösers. Und er kommt!“
Froment sagte:
„Er ist gekommen!“
Als sie voneinander in einem Gefühl gegenseitiger Liebe und fast wortlos geschieden waren, um nicht den gläubigen Zauber, der sie umfaßte, zu zerstören, und jeder sich allein in der Nacht der Straße fand, da bewahrten sie alle die Erinnerung eines Schauers der Erleuchtung, den sie nicht verstehen konnten. Der Vorhang war wieder vor ihnen niedergesunken. Aber sie konnten nicht vergessen, daß er sich für eine Sekunde ihnen aufgetan hatte.
Einige Tage später kam Clerambault, der einer Vorladung des Untersuchungsrichters Folge geleistet hatte, über und über mit Kot bedeckt nach Hause. Sein Hut, den er in der Hand hielt, war ganz zerfetzt und seine Haare naß vom Regen. Das Dienstmädchen stieß bei seinem Anblick einen Schrei aus, er bedeutete ihr zu schweigen und ging in sein Zimmer. Rosine war nicht zu Hause. Sonst sahen sich die beiden Eheleute, die allein in der leeren Wohnung geblieben waren, nur mehr bei den Mahlzeiten und sprachen sich auch dann so selten als möglich. Aber der Schrei des Dienstmädchens ließ Frau Clerambault ein neues Unglück vorausfühlen, und die Erklärungen des Mädchens bestätigten nur ihren Verdacht. Sie trat in das Zimmer Clerambaults und rief nun ihrerseits aus:
„Mein Gott, was hast du denn schon wieder gemacht?“
Clerambault in seiner Beschämung lächelte schüchtern und entschuldigte sich.
„Ich bin ausgerutscht ...“
Er versuchte die Spuren des Überfalls wegzusäubern.
„Du bist ausgerutscht?... Drehe dich doch um ... Wie du dich zugerichtet hast.... Mein Gott, man hat doch mit dir keinen ruhigen Augenblick.... Du gibst wirklich gar nicht acht.... Bis zu den Augen hinauf hast du Kotspritzer ... und da auf der Wange....“
„Ja, ich glaube, ich habe mich angeschlagen.“
„Ach, was man für ein Unglück mit dir hat.... ‚du glaubst‘ ... daß du dich angestoßen hast?... Bist du ausgerutscht?... Bist du gefallen ...?“
Sie sah ihm ins Gesicht. „Es ist nicht wahr!“
„Aber ich sage dir doch ...“
„Es ist nicht wahr ... sage mir doch die Wahrheit ... Man hat dich geschlagen ...?“
Er antwortete nicht.
„Sie haben dich geschlagen!... Ah, diese wilden Tiere.... Du armer Mann! Sie haben dich geschlagen! Dich, der du so gut bist, dich, der in seinem ganzen Leben niemandem Böses getan hat.... Ah, das ist doch zu viel Gemeinheit....“
Sie umarmte ihn schluchzend.
„Du gute Frau“, sagte er sehr gerührt, „das ist doch nicht so wichtig. Und dann, ich mache dich ja schmutzig, du darfst mich jetzt nicht anrühren.“
„Das macht nichts“, sagte sie, „ich habe zu viel auf dem Herzen! Verzeihe mir!“
„Was soll ich dir denn verzeihen, ... was redest du denn da?“
„Auch ich bin schlecht gegen dich gewesen. Ich habe dich nicht verstanden ... (ich werde dich ja nie verstehen), aber ich weiß doch gut, daß, was immer du tust, du nichts als das Rechte willst. Ich hätte dich verteidigen sollen und habe es nicht getan, ich war dir böse über deine Dummheit (und bin doch selbst die Dumme), ich war dir böse, daß du uns mit allen andern auseinandergebracht hast.... Aber jetzt ... nein, das ist wirklich zu gemein.... Menschen, die nicht würdig sind, deine Schuhriemen zu lösen, ... und sie haben dich geschlagen! Laß mich doch dein armes beschmutztes Gesicht küssen!“
Es war so gut, sich wiederzufinden, nachdem man sich so lange verloren hatte. Sie weinte lange am Halse Clerambaults. Dann half sie ihm sich umkleiden, wusch ihm die Wange mit Arnika und trug seine Kleider fort, um sie ausbürsten zu lassen. Bei Tisch behütete sie ihn mit treuen, unruhigen Augen und versuchte, ihn von seinen Sorgen abzulenken, indem sie von altvertrauten Dingen sprach. Und wie sie so beide an diesem Abend allein und ohne Kinder im Hause waren, kam die Erinnerung an lang vergangene Jahre, an die erste Zeit ihrer Ehe zurück. Und dieses geheime Wiedererinnern hatte eine melancholische und verklärte Milde, wie das Vesperläuten über das Dunkel noch ein letztes warmes Leuchten des verlorenen Mittagläutens hinklingen läßt.
Gegen zehn Uhr abends ging noch einmal die Glocke. Es war Julian Moreau mit seinem Freunde Gillot. Sie hatten die Abendblätter gelesen, die auf ihre Art über den Vorfall berichteten. Die einen sprachen von einer exemplarischen Züchtigung durch die öffentliche Verachtung und rühmten die „spontane“ Entrüstung der Menge. Die anderen, die ernsten Blätter, taten so, als ob sie prinzipiell eine Volksjustiz, die sich auf der Straße Luft machte, für ungehörig erklärten, aber sie schoben die Verantwortung dafür auf die Schwäche der Regierung, die solange zögerte, Licht in die Affäre zu bringen. Es war gar nicht unwahrscheinlich, daß dieser Tadel der Regierung von der Regierung selbst inspiriert war, denn die geschickten Politiker lassen sich bei manchen Gelegenheiten zu gewissen Dingen zwingen, die sie gern selbst tun möchten, aber auf die sie nicht sehr stolz sind. Die Arretierung Clerambaults schien also unmittelbar bevorzustehen. Moreau und sein Freund waren darüber beunruhigt, aber Clerambault machte ihnen ein Zeichen, sie sollten in Gegenwart seiner Frau schweigen und führte sie, nachdem er einige Zeit über den Vorfall in heiterer Weise gescherzt hatte, in sein Zimmer. Dort fragte er sie, was sie beunruhigte. Sie zeigten ihm einen haßerfüllten Artikel jenes nationalen Blattes, das seit Wochen die Hetze gegen Clerambault aufführte. Die Manifestation von heute hatte jene auf den Geschmack gebracht, und sie forderten ihre Freunde auf, sie morgen zu wiederholen. Moreau und Gillot befürchteten Gewalttätigkeiten, wenn sich Clerambault in den Justizpalast begeben würde, und sie waren gekommen, um ihn zu überreden, nicht auszugehen. Sie kannten seinen ein wenig furchtsamen Charakter und glaubten, ihm nicht besonders zusprechen zu müssen. Aber ebensowenig wie damals, als Moreau ihn mitten in einer Ansammlung diskutierend getroffen hatte, schien Clerambault sie zu verstehen.
„Ich soll nicht ausgehen? Warum denn nicht, mir fehlt doch nichts?“
„Aber es wäre klüger!“
„Im Gegenteil, es wird mir gut tun.“
„Aber man weiß nicht, was Ihnen zustoßen kann.“
„Das weiß man niemals, dazu hat man noch Zeit, sobald es einmal geschehen ist.“
„Also, um aufrichtig zu sprechen: es ist gefährlich. Man reizt schon seit langem die Leute auf. Sie sind heute verhaßt und Ihr Name genügt, ein paar von den Dummköpfen, die Sie nur durch ihre Zeitungen kennen, bis zum Platzen zu ärgern. Und diese Antreiber suchen ja nur einen Eklat. Gerade durch die Ungeschicklichkeit Ihrer Gegner haben Ihre Worte mehr Echo gefunden, als Sie dachten. Nun fürchten sie, daß diese Ideen sich Bahn brechen und wollen ein Exempel statuieren, um alle abzuschrecken, die Ihrer Meinung sind.“
„Ja, aber“, sagte Clerambault, „wenn es wirklich solche gibt, die meiner Meinung sind — ich war dessen bisher noch nicht gewiß — so darf ich mich in einem solchen Augenblick doch nicht zurückziehen. Will man an mir ein Exempel statuieren, so muß ich es über mich ergehen lassen.“
Er schien so guten Mutes, daß die beiden sich fragten, ob er sie wirklich verstanden habe. „Ich wiederhole Ihnen“, sagte Gillot nochmals, „daß Sie viel riskieren.“
„Mein Freund“, sagte Clerambault, „heute riskiert die ganze Welt sehr viel.“
„Aber es muß doch wenigstens ein Nutzen bei so etwas sein; warum wollen Sie ihnen eine Gefälligkeit erweisen und sich in den Rachen des Löwen wagen?“
„Nun, ich glaube wiederum, daß das uns im Gegenteil sehr nützlich sein kann“, sagte Clerambault, „und daß, was immer auch geschieht, der Löwe das Nachsehen haben wird. Ich möchte auch das auseinandersetzen.... Sie verbreiten ja nur unsere Ideen, denn die Gewalttätigkeit heiligt immer die Sache, die sie verfolgt. Sie wollen Schrecken verbreiten, und sie werden auch Schrecken verbreiten ... aber bei den Ihren ..., bei denen, die noch zögern und verängstigt sind. Lassen wir sie nur ungerecht sein, es geht auf ihre Kosten ...“
Er schien zu vergessen, daß es auch auf die Kosten der Seinen ging.
Als sie aber sahen, daß er entschlossen war, wuchs mit ihrer Unruhe auch ihr Respekt und sie erklärten:
„In diesem Falle aber kommen wir mit unseren Freunden, um Sie zu begleiten.“
„Nein, nein, was ist das für ein törichter Einfall! Ihr wollt mich doch nicht lächerlich machen ... und schließlich, ich bin ja doch sicher, daß nichts geschehen wird!“
Ihr Drängen blieb ohne jeden Erfolg.
„Mich werden Sie jedenfalls nicht verhindern können, zu kommen“, sagte Moreau, „ich habe einen ebenso harten Kopf wie Sie. Lieber will ich die ganze Nacht auf der Bank gegenüber der Tür verbringen, als Sie zu verfehlen und allein zu lassen.“
„Gehen Sie nur heim in Ihr Bett“, sagte Clerambault, „und schlafen Sie ruhig. Wenn Sie unbedingt wollen, so kommen Sie eben morgen früh, aber Sie werden Ihre Zeit verlieren. Es wird nichts geschehen. Auf jeden Fall: umarmen wir uns.“
Sie umarmten ihn zärtlich.
„Sehen Sie“, sagte Gillot schon an der Türschwelle, „man hat irgendwie die Pflicht, Sie zu behüten, wir sind ein wenig Ihre Kinder.“
„Ja, das ist wahr“, sagte Clerambault mit einem guten Lächeln.
Er dachte an seinen Sohn. Als er die Tür schloß, vergingen einige Minuten, bis er bemerkte, daß er aufrechtstehend träumte, mit der Lampe in der Hand unbeweglich im Vorzimmer stehend, in dem er sich eben von seinen Freunden verabschiedet hatte. Es war fast Mitternacht, und Clerambault war müde. Dennoch trat er, statt in das gemeinsame Schlafgemach zu gehen, ganz unbewußt noch einmal in sein Zimmer zurück. Das Zimmer, das Haus, die Straße waren eingeschlafen; er setzte sich hin und fiel wieder in seine Starre zurück. Undeutlich, ohne es eigentlich zu sehen, betrachtete er den Lichtreflex vor sich auf der Glasscheibe einer Rembrandt-Radierung, der „Auferstehung des Lazarus“, die an einer Seitenwand seiner Bibliothek aufgehangen war.... Er lächelte einem teuren Antlitz zu, das lautlos eingetreten und nun bei ihm war.
„Bist du nun zufrieden?“ dachte er, „das wolltest du doch?...“
Und Maxime sagte: „Ja.“
Und er fügte mit leisem Spott bei:
„Es war nicht ganz ohne Mühe, bis ich dich so weit gebracht habe, Papa.“
„Ja“, sagte Clerambault, „wir haben viel von unseren Kindern zu lernen.“
Clerambault legte sich zu Bett. Seine Frau war schon eingeschlafen. Keine Sorge ließ sie jemals den Frieden jenes tiefen Schlummers verlieren, in den manche Seelen wie in ein Grab hinabstürzen. Die Seele Clerambaults hatte weniger Ungeduld, sich zu versenken. Auf dem Rücken ausgestreckt, blieb er die ganze Nacht unbeweglich mit offenen Augen liegen.
Blasses Licht erhellte die Straße, zarte Halbdämmerung. Stille Sterne standen am dunklen Himmel. Einer von ihnen glitt nieder und beschrieb einen Kreis: es war ein Flugzeug, das über der schlafenden Stadt wachte. Die Augen Clerambaults folgten seinem Flug und schwebten mit. Sein waches Ohr hörte nun auch das ferne Sausen des menschlichen Planeten, diese Sphärenmusik, die die Weisen Ioniens noch nicht geahnt hatten.
Er war glücklich. Sein Körper und sein Geist schienen ihm gleichsam beschwingt, seine Glieder ebenso wie seine Gedanken entspannt, und so ließ er sich hinwegtragen und schwebte.... Die Bilder des fiebrigen und ermattenden Tages zogen noch einmal im Fluge vorbei, doch sie hielten ihn nicht mehr fest.... Ein alter Mann, von einer Bande junger Bürger gestoßen ... zuviel Lärm, zuviel Bewegung!... Aber schon sind sie wieder weit, so wie Gesichter, die man einen Augenblick an den Fenstern eines vorüberfliegenden Zuges grinsen sieht. Aber der Zug ist vorüber, das Bild stürzt in das Dunkel des donnernden Tunnels.... Aber auf dem nächtlichen Himmel gleiten noch immer geheimnisvolle Sterne, und rings um ihn sind die schweigenden Räume, die dunkle Durchsichtigkeit und eisige Frische der Luft über der nackten Seele. Oh, Unendlichkeit in einem Tropfen des Lebens, im Funken eines Herzens, das erlöschen will, das sich aber freigemacht hat und weiß, wie bald es in seine große Heimat wiederkehrt!
Und wie der treue Verwalter eines ihm vertrauten Gutes machte Clerambault noch einmal die Bilanz seines Tages. Er überflog alle seine Versuche, seine Anstrengungen, seine Anläufe, seine Irrtümer. Wie wenig blieb übrig von seinem Leben? Fast alles, was er aufgebaut, hatte er nachher mit seinen eigenen Händen zerstört. Er hatte im gleichen Herzen verneint, was er vordem bejaht hatte, und nie aufgehört, im Walde der Zweifel und Widersprüche herumzuirren, müde, blutend, erschöpft und als einzige Wegzeiger die Sterne, die manchmal zwischen dem Gezweige auftauchten und wieder verschwanden. Was für ein Sinn war in diesem langen, stürmischen Lauf, der in Nacht mündete? Ein einziger! Er war frei gewesen.
Frei ...! Was war denn dies, diese Freiheit, die ihn mit ihrer herrischen Trunkenheit übermannte, die Freiheit, deren Herrn und Beute er sich zugleich fühlte, dieser Zwang, frei zu sein? Er gab sich keiner Täuschung hin, er wußte wohl, daß er ebenso wie die anderen der ewigen Gebundenheit nicht entfliehen konnte, aber seine Fron war eine andere (es ist nicht jedem die gleiche bestimmt). Das Wort Freiheit drückt nur eines der hohen und klaren Gesetze der unsichtbaren Herrin der Welt aus — der Notwendigkeit. Sie ist es, die den Aufruhr der Vorkämpfer erweckt und sie in Feindschaft stellt zur ewigen Vergangenheit, die die dunklen Massen mit sich hinschleppt. Sie ist das Schlachtfeld der ewigen Gegenwart, wo ewig die Vergangenheit mit der Zukunft kämpft, und in diesem Kampfe zerbrechen unausgesetzt die alten Gesetze, um neuen Gesetzen Raum zu geben, die dann ihrerseits vernichtet werden.
O Freiheit! Immer trägst du Ketten, aber es sind nicht mehr die zu engen der Vergangenheit. Jede deiner Bewegungen macht dein Gefängnis weiter. Wer weiß? Wer weiß?... Vielleicht später einmal ... wenn man die Mauern deines Gefängnisses zertrümmert....
Inzwischen aber bemühen sich alle, die du retten willst, leidenschaftlich, dich zu verlieren. Du bist der Staatsfeind, „L’Un contre tous“, „der Eine gegen Alle“. (So hatten sie den schwachen, den unsicheren, den mittelmäßigen Clerambault genannt; aber nicht an sich selbst denkt er jetzt, sondern an den, der immer war, seit Menschen sind, an den, der nicht aufhört, ihre Torheit zu bekämpfen, um sie zu befreien, der Eine, gegen den sie alle sind.) Wie oft haben sie ihn im Laufe der Jahrhunderte zur Seite gestoßen und niedergeschmettert! Aber im Schoße der Angst überkommt ihn eine übernatürliche Freude und erfüllt ihn rauschend, denn er ist das heilige Korn, das Goldkorn der Freiheit. Im dunkeln Schicksal der Welt rollt seit dem Chaos — aus welcher Ähre mag es gefallen sein? — das Samenkorn des Lichtes. Schutzlos, hat es sich im Grunde des wilden Menschenherzens eingekapselt. Im Lauf der Jahrhunderte hat es dem Ansturm der Urgesetze widerstanden, die das Leben zerknicken und zerbrechen. Und das goldene Samenkorn wird größer und größer, unaufhaltsam.
Der Mensch, das waffenloseste Tier, hat sich gegen die Natur erhoben und sie bekämpft. Jeder seiner Schritte war mit seinem Blut genetzt, und nicht nur außerhalb seiner selbst, sondern in sich selbst, mußte er die Natur verfolgen, da er ja selber ihr Teil ist. Und dies ist die schwerste Schlacht, die der zerteilte Mensch gegen sich selbst führt. Wer wird siegen? Einerseits die Natur auf ihren erzenen Wegen, die die Völker und die Welt in den Abgrund reißt, auf der anderen Seite das freie Wort. Verlacht es nur, ihr Sklaven!... „Lächerlich!“ sagen sie, diese Anbeter der Gewalt: „Ein armseliger Köter, der hinter den Rädern eines Schnellzuges herkläfft.“ Ja, so stünde es, wäre der Mensch nur ein Stück Materie unter dem Prägehammer des Schicksals, das blutet und vergeblich stöhnt. Aber jener Geist ist in ihm, der Achilles an der Ferse und Goliath an seiner Stirn zu treffen weiß. Er braucht nur eine Schraube auszureißen, und der reißende Zug entgleist und sein Lauf ist zerbrochen.... Rollt hin durch die Jahrhunderte, ihr Planetenkreise, ihr dunklen Menschenmassen, erhellt von den Blitzen des befreienden Geistes, von Buddha, Jesus, den Weisen, den Zerbrechern der Ketten.... Der Blitz naht, ich fühle ihn in meinem Gebein knistern, wie unter dem Hufschlag des Pferdes der Funken im Stein; die Luft bebt, die große Windwelle erhebt sich.... Der Schauer, der dem Geschehnis voranläuft.... Die dicke Wolke des Hasses preßt sich zusammen, häuft und stößt sich.... O Feuer, bald bist du aufgesprungen!... Ihr, die ihr allein gegen alle seid, worüber klagt ihr? Ihr seid dem Joch, das euch niederdrückt, entronnen, und so wie man im Alpdruck sich dem schwarzen Wasser eines Traumes entringt, wieder kämpfend an die Oberfläche kommt, wieder hinabstürzt und fast schon erstickt, um dann plötzlich in einem verzweifelten Ruck aller Glieder sich aus dem Wasser zu reißen und — gerettet! — auf das harte Gestein des Ufers hinstürzt.... Möge es mein Fleisch schmerzend zerfetzen! Um so besser, ich erwache doch wieder in freier Luft.
Nun bin ich, du drohende Welt, deiner Fesseln los, du kannst mich nicht mehr anschmieden. Und ihr, die ihr mich und meinen verabscheuten Willen bekämpft, wißt, daß dieser mein Wille in euch ist! Ihr wollt, wie ich, frei sein, und ihr leidet daran, es nicht zu sein. Dies euer Leiden macht euch zu meinen Feinden. Aber selbst wenn ihr mich tötet, dann ist es nicht mehr an euch, zu sagen, ihr hättet das Licht, das in mir war, nicht gesehen, oder, falls ihr es gesehen habt, es zurückzuweisen! Schlagt also zu! Indem ihr mich bekämpft, bekämpft ihr euch selbst. Von vornherein seid ihr die Besiegten. Und ich, indem ich mich verteidige, verteidige euch alle. Der „Eine gegen Alle“ ist der „Eine für Alle“, und er wird bald der „Eine mit Allen“ sein.
Nein, ich werde nicht allein bleiben, ich bin es nie gewesen. Gruß euch, ihr Weltbrüder! So weit ihr auch sein möget, über die Welt hingestreut wie der Samen aus einer Hand, so seid ihr doch alle hier an meiner Seite: ich weiß es. Denn niemals ist der Gedanke eines einsamen Menschen so wie er selbst allein. Jede Idee, die in einem Menschen ersteht, keimt schon in anderen Menschen, und immer, wenn irgendein Unglücklicher, verkannt, geschmäht, sie in seinem Herzen erwachen fühlt, möge er freudig sein. Denn es ist die ganze Erde, die erwacht.... Der erste Funke, der in einer einsamen Seele erglänzt, ist schon die Spitze jenes Strahls, der die Nacht durchleuchten wird. So komme, Licht, verbrenne die Nacht, die mich umgibt und die mich erfüllt....!
Und es kam. Das klare Licht des Tages war so jung und hell wie nur je. Der Schmutz der Menschen kann es nicht beflecken, die Sonne trinkt ihn auf wie einen Nebel.
Frau Clerambault erwachte und sah ihren Mann mit offenen Augen. Sie meinte, auch er sei eben erwacht, und sagte:
„Du hast gut geschlafen. Du hast dich nicht ein einzigesmal in der Nacht gerührt.“
Er widersprach nicht, lächelte aber bei dem Gedanken an die lange Fahrt, die er gemacht hatte. Der Geist, der unruhige Vogel, der durch die Nacht hinstreift, nun faßte er wieder Fuß. Clerambault stand vom Bette auf.
Zur gleichen Stunde stand ein anderer auf, der ebensowenig wie er in dieser Nacht geschlafen hatte, und der ebenso das Bildnis seines toten Sohnes sich vor den Blick gerufen und der an ihn — an ihn, Clerambault, den er nicht kannte — mit der ganzen Starrheit des Hasses dachte.
Die erste Post brachte einen Brief von Rosine. Sie vertraute ihrem Vater das Geheimnis an, das er seit langem ahnte. Daniel hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht, und sie würden sich bei seiner nächsten Heimkehr von der Front vermählen. Der Form halber erbat sie sich die Zustimmung der Eltern, sie wußte wohl, daß ihr Wille auch der ihrige war. Der Brief strahlte von einem Glück, das sich seine jubelnde Gewißheit durch nichts zerstören ließ. Das traurige Rätsel der zerrissenen Welt hatte nun plötzlich einen Sinn bekommen, ihre junge, alles auftrinkende Seele empfand das Leiden einer Welt als nicht zu hohen Preis für die Blüte, die sie von diesem blutigen Rosenstrauch pflücken durfte.... Immerhin verriet sich auch ihr mitfühlendes Herz. Sie vergaß nicht die anderen und ihre Qual, den Vater und seine Sorgen. Aber sie rührte sie mit seligen Armen an, und es war, als wollte sie mit einer naiven und zärtlichen Übermütigkeit sagen:
„Ihr guten Freunde, quält euch doch nicht immer mit euren Gedanken. Ihr seid wirklich unklug, man soll nicht traurig sein. Ihr seht, das Glück kommt schließlich doch.“
Clerambault lächelte gerührt, während er den Brief las.
„Ja, ja, ganz gewiß, das Glück kommt, nur hat nicht die ganze Welt Zeit, darauf zu warten.... Grüße es von mir, kleine Rosine, und lasse es nicht mehr von dir.“
Gegen elf Uhr kam der Graf Coulanges, sich nach ihm zu erkundigen. Er hatte Moreau und Gillot unten gefunden, sie bewachten die Tür. Getreu ihrem Versprechen, wollten sie Clerambault begleiten, aber sie waren eine Stunde früher gekommen, als es eigentlich notwendig war, und wagten nicht hinaufzugehen. Clerambault ließ sie heraufrufen und verspottete sie wegen ihres übermäßigen Eifers. Sie gaben zu, daß sie aus Mißtrauen gegen ihn gefürchtet hatten, er würde, ohne auf sie zu warten, aus dem Hause entwischen, und Clerambault mußte zugeben, eine ähnliche Absicht gehabt zu haben.
Die letzten Nachrichten von der Front waren gut. Seit kurzer Zeit schien die deutsche Offensive ins Stocken geraten. Seltsame Zeichen der Ermattung wurden sichtbar und Gerüchte, die nicht unbegründet schienen, deuteten auf einen geheimen Desorganisationsprozeß in dieser gewaltigen Masse. Sie hatte, sagte man, die Grenzen ihrer Kraft erreicht und überschritten: der Riese wurde matt. Man sprach von einer Ansteckung durch den revolutionären Geist, den die deutschen Truppen von der Ostfront aus Rußland zurückgebracht hatten.
Mit der Beweglichkeit, die für den französischen Geist so charakteristisch ist, verkündeten mit einem Male die Pessimisten von gestern den nahen Sieg. Moreau und Gillot sahen in kurzer Zeit ein Abflauen der Leidenschaft, die Rückkehr zur Vernunft, die Versöhnung der Völker und den Triumph der Ideen Clerambaults voraus. Clerambault warnte sie, sich allzufrüh den Illusionen hinzugeben, und es bereitete ihm Spaß, ihnen zu beschreiben, was geschehen würde, sobald der Frieden unterschrieben sei (denn das mußte doch, wann immer auch, einmal geschehen).
„Mir ist“, sagte er, „als könnte ich, wie der hinkende Teufel nachts über die Stadt schwebend, den ersten Abend nach dem Waffenstillstand sehen. Und ich sehe in den Häusern, deren Vorhänge vor dem Jubelschrei der Straße herabgelassen sind, unendlich viel Herzen in Trauer, Herzen, die sich krampfhaft während all dieser Jahre mit dem Gedanken eines Sieges aufrechtgehalten haben, der ihrem Unglück einen Sinn oder den falschen Schein eines Sinnes gibt. Nun können sie endlich sich entspannen oder zerbrechen, schlafen oder endlich sterben. Die Politiker denken natürlich daran, wie sie auf das schnellste und ausgiebigste die gewonnene Partie ausnützen können oder, wenn sie sich verrechnet haben, an einen neuen Aufschwung auf dem Trapez. Die Fachleute des Krieges werden trachten, den Spaß solange als möglich fortdauern oder, wenn ihnen dies nicht gelingt, den Tanz so bald als möglich wieder beginnen zu lassen. Die Vorkriegspazifisten werden eilig aus ihren Winkeln und Löchern hervorkriechen und sich in rührenden Demonstrationen ergehen. Die alten Bonzen, die durch fünf Jahre die Trommel zum Vormarsch rührten, werden, Palmenzweige in den Händen, lächelnd und das Herz auf den Lippen, auftauchen und von Liebe reden. Und die Kämpfer selbst, die im Schützengraben geschworen haben, niemals zu vergessen, auch sie werden sich bereitwillig mit allen Erklärungen, Glückwünschen und Händedrücken, die man ihnen verabreicht, abfinden. Es ist ja auch zu viel verlangt, nicht zu vergessen. Fünf Jahre aufreibender Strapazen bereiten den Menschen gut zur Nachgiebigkeit vor, durch die Erschöpfung, durch das ewige Einerlei, durch den Wunsch nach einem Ende. Die rauschenden Klänge des Sieges werden die Schmerzensrufe der Besiegten ersticken. Und die meisten Menschen werden an nichts anderes denken, als wieder die alten, schläfrigen Gewohnheiten von vor dem Krieg aufzunehmen. Zuerst wird man auf den Gräbern tanzen, dann wird man wieder schlafen. Vom Krieg bleibt nichts als eine Prahlerei am Biertisch. Und wer weiß, vielleicht wird ihnen dies Sichnichterinnern so gut glücken, daß sie bald wieder dem Tanzmeister, dem Sensenmann, helfen werden, aufs neue anzufangen. Selbstverständlich nicht sofort, aber etwas später, wenn man gut ausgeschlafen hat.... So wird überall der Friede sein — solange, bis überall der neue Krieg da ist, denn Krieg und Friede, meine Freunde, sind im letzten Sinne, wie sie meist verstanden werden, nur zwei verschiedene Etiketten für dieselbe Flasche. Es ist ganz so, wie der König Bomba von seinen tapferen Soldaten sagt: „Zieht sie rot oder zieht sie grün an, sie werden doch Fersengeld geben.“ Ihr könnt es Frieden oder Krieg nennen, aber es gibt weder Frieden noch Krieg, es gibt nur die allgemeine Knechtschaft, die Bewegung der wie in Ebbe und Flut hingerissenen Massen und es wird solange so bleiben, bis sich starke Seelen über den menschlichen Ozean erheben und den scheinbar sinnlosen Kampf gegen das Schicksal beginnen, das diese schweren Massen in Bewegung setzt.“
„Gegen die Natur kämpfen?“ fragte Coulanges. „Denken Sie daran, ihre Gesetze vergewaltigen zu wollen?“
„Es gibt“, antwortete Clerambault, „kein einziges unabänderliches Gesetz. Gesetze leben, verwandeln sich und sterben wie alle irdischen Wesen, und es ist Pflicht des Geistes, nicht, wie die Stoiker es wollen, sie einfach hinzunehmen, sondern sie zu verändern, sie auf unser Maß zuzuschneiden. Die Gesetze sind die Form der Seele. Entfaltet sich die Seele, so müssen sie mit ihr wachsen. Ein gerechtes Gesetz ist nur jenes, das auf mich paßt.... Bin ich im Unrecht, wenn ich fordere, daß der Schuh sich dem Fuße anpasse und nicht der Fuß dem Schuh?“
„Ich sage nicht, daß Sie im Unrecht sind“, erwiderte der Graf. „Den Versuch, die Natur zu vergewaltigen, machen wir ja auch in der Züchtung. Wir verändern nicht nur die Form, sondern auch den Instinkt der Tiere, warum sollte das nicht auch beim Menschen gelingen.... Nein, ich widerspreche Ihnen nicht, im Gegenteil, ich bin der Meinung, daß es das Ziel und die Pflicht jedes Menschen, der dieses Namens würdig ist, sein muß, so, wie Sie sagen, die menschliche Natur gewaltsam weiter fortzubringen. Das ist die Quelle des wahren Fortschrittes, und es ist ein wirklicher Wert darin, auch wenn man das Unmögliche will. Freilich, das soll nicht sagen, daß wir mit dem, was wir versuchen, auch Erfolg haben werden.“
„Nein, wir werden keinen Erfolg haben, weder für uns noch für die Unseren. Es ist möglich, es ist sogar wahrscheinlich, daß unsere unglückliche Nation, vielleicht unser ganzes Abendland, sich auf einem absteigenden Ast befindet, und ich fürchte, daß der Absturz bald erfolgen wird, infolge ihrer Laster und Tugenden, von denen diese wie jene mörderisch sind durch ihren Stolz und ihren Haß, ihre provinzlerische Eifersucht, durch die endlose Schraube der Revanchen, durch beharrliche Verblendung, durch die erdrückende Treue zur Vergangenheit und jene verjährte Auffassung von Ehre und Pflicht, die sie die Zukunft für Gräber hinopfern läßt. Ich fürchte nur allzusehr, daß auch die letzte Mahnung dieses Krieges ihren lärmenden und zugleich trägen Heroismus in nichts belehrt hat.... In früheren Zeiten hätte dieser Gedanke mich niedergedrückt. Jetzt aber fühle ich mich wie von meinem eigenen Leib von allem Todgeweihten losgelöst, ich bin ihm nicht mehr anders als durch das Mitleid verbunden. Aber dafür ist mein Geist brüderlich mit allem, das — auf welchem Punkte der Erde auch immer — das neue Licht empfängt. Kennt ihr die schönen Worte des Sehers von Saint-Jean d’Acre: ‚Die Sonne der Wahrheit ist wie das Himmelsgestirn, mit vielen Orten des Aufstieges. An einem Tage erhebt es sich im Zeichen des Krebses, ein andermal im Zeichen der Waage, aber die Sonne ist eine und eine einzige Sonne. Einmal ging der Strahl der Sonne der Wahrheit vom Wendekreis Abrahams auf und ging unter im Zeichen Moses und entflammte den Horizont. Dann erhob sie sich wieder im Zeichen Christi, glühend und Glanz verbreitend. Diejenigen, die Abraham dienten, wurden blind am Tage, da das Licht über dem Sinai glänzte. Aber meine Augen werden stets — von welchem Punkt immer sie sich erhebt — der aufgehenden Sonne entgegengerichtet sein. Und ginge die Sonne im Westen auf, es wäre doch die Sonne.‘ “
„Und heute kommt uns von Norden das Licht“, sagte lächelnd Moreau.
Obwohl die Vorladung auf ein Uhr lautete und es kaum Mittag war, hatte es Clerambault doch eilig, fortzugehen. Er fürchtete, zu spät zu kommen.
Er hatte nicht weit zu gehen. Seine Freunde hätten ihn nicht gegen die übrigens sehr spärliche Rotte zu verteidigen brauchen, die ihn beim Eingang des Justizpalastes erwartete, denn die Nachrichten des heutigen Tages lenkten von den gestrigen ab. Höchstens hätten einige feige Köter, die sich mehr lärmend als beunruhigend gebärdeten, versucht, ihm von rückwärts die Zähne zu zeigen.
Sie waren an die Ecke der Rue Vaugirard und Rue d’Assas gekommen, als Clerambault bemerkte, daß er etwas vergessen hatte, und seine Freunde für einen Augenblick stehen ließ, um noch einmal hinaufzugehen und einige Papiere aus seiner Wohnung zu holen. Sie blieben unten, um auf ihn zu warten, und sahen, wie er den Fahrweg überquerte. Auf dem Trottoir gegenüber, bei einem Wagenplatz, trat ihn ein Mann seines Alters an, ein nicht sehr großer und ein wenig schwerfälliger Mann aus dem Bürgerstand. Alles geschah so schnell, daß sie nicht einmal Zeit hatten, einen Schrei auszustoßen: ein Wortwechsel, ein ausgestreckter Arm, ein Knall. Sie sahen Clerambault wanken und liefen hin. Aber es war schon zu spät.
Sie streckten ihn auf eine Bank hin, die Menge — mehr neugierig als erregt — (ach, man hatte so viel solcher Dinge gesehen und gelesen) drängte sich herzu und gaffte.
„Was ist denn?“
„Ein Flaumacher.“
„So, dann ist es schon gut! Die Schurken haben uns genug geschadet.“
„Nun, es gibt schon ein größeres Verbrechen, als zu wünschen, daß dieser Krieg einmal zu Ende ist.“
„Es gibt nur eine Möglichkeit, daß er zu einem Ende kommt, und die ist, ihn bis an das Ende zu führen. Nur die Pazifisten verlängern den Krieg.“
„Sie sind sogar schuld daran! Ohne sie wäre nie einer gekommen, der Boche hat mit ihnen gerechnet.“
Und Clerambault dachte im Halbbewußtsein an die alte Frau, die ihr Stück Holz zum Scheiterhaufen des Johann Huß hinschleppte .... Sancta Simplicitas!
Vaucoux hatte nicht die Flucht ergriffen und sich widerstandslos den Revolver aus der Hand nehmen lassen. Man hielt ihn fest bei den Armen. Er blieb unbeweglich und sah nur sein Opfer an, das wiederum ihn betrachtete. Beide dachten an ihre Söhne.
Moreau bedrohte Vaucoux. Aber unerschütterlich und starr in seinem Haßglauben sagte Vaucoux:
„Ich habe den Feind getötet!“
Gillot, der sich über Clerambault neigte, sah, wie er schwach lächelnd Vaucoux betrachtete.
„Mein armer Freund“, dachte er, „in dir selbst ist der Feind.“
Er schloß wieder die Augen .... Jahrhunderte gingen vorbei....
„Es gibt keine Feinde mehr!“
Und Clerambault empfand selig den Frieden kommender Welten.
Da ihn das Bewußtsein schon verlassen hatte, trugen ihn die Freunde in das nahe gelegene Haus Froments. Aber ehe sie es betreten hatten, war er verschieden.
Sie legten ihn auf ein Bett in einem Zimmer neben jenem, in dem der junge Gelähmte, umgeben von seinen Freunden, ruhte. Die Tür stand offen und der Schatten des toten Freundes schien bei ihnen zu weilen.
Moreau ereiferte sich bitter über den Widersinn dieses Mordes, der, statt einen der großen Verbrecher der triumphierenden Reaktion oder einen der bekannten Anführer der revolutionären Minderheiten zu treffen, sich gerade gegen einen ungefährlichen, unabhängigen, allen brüderlich gesinnten und fast zu nachsichtigen Menschen gewendet hatte.
Aber Edme Froment sagte:
„Der Haß täuscht sich nicht. Ihn leitet ein sicherer Instinkt... Nein, er hat sich sein Ziel gut gesucht. Oft sieht der Feind viel klarer als der Freund. Versuchen wir nicht, uns einer Illusion hinzugeben: der gefährlichste Feind der Gesellschaft und der bestehenden Ordnung ist und war in dieser Welt der Gewalttätigkeit, der Lüge und der anderen Kompromisse von je und immer her der Mann des vollkommenen Friedens und des freien Gewissens. Nicht durch Zufall ist Jesus gekreuzigt worden, es mußte so sein, und er wäre später auch immer wieder zum Schafott geschleppt worden. Der Mann des Evangeliums ist der radikalste Revolutionär von allen, denn er ist die unerreichbare Quelle, aus der durch den Spalt der harten Erde die Revolutionen aufspringen. Er ist das ewige Prinzip der Nichtunterwerfung des Geistes unter den Cäsar, wer immer es auch sei, der ewige Auflehner gegen die ungerechte Gewalt. So erklärt sich der Haß der Staatsknechte und der hörig gemachten Völker gegen den gemarterten Christ, der auf sie niederschaut und schweigt, und gegen seine Schüler, gegen uns, die ewigen Dienstverweigerer, die „conscientious objectors“ wider alle Tyranneien, mögen sie nun von oben kommen oder von unten, mögen sie jene von morgen oder jene von heute sein — gegen uns, die Verkünder dessen, der größer ist als wir, der der Welt das Wort des Heiles bringt, dessen, den sie ins Grab gelegt, des Meisters, den sie zu Tode martern werden bis ans Ende der Welt, und der doch immer wieder auferstehen wird — der freie Geist, unser Herr und Gott!“
Sierre 1916 — Paris 1920
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druck- und Rechtschreibfehler wurden korrigiert. Bei Varianten der Schreibweise wurde die häufigste verwendet.
Die Zeichensetzung wurde nur bei eindeutigen Druckfehlern geändert. Für dieses eBook wurde ein Cover erstellt, das nun gemeinfrei ist.
[Das Ende von Clerambault, von Romain Rolland.]