Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Frau Prostakowa. Mitrofan. Jeremejewna.

Frau Prostakowa (betrachtet einen Kaftan auf Mitrofan). Der ganze Kaftan ist verdorben! Jeremejewna, führe den Halunken Trischka her! (Jeremejewna ab.) Der Spitzbube hat ihn überall zu eng gemacht! Mitrofan, armer Junge, ich kann’s mir vorstellen, wie entsetzlich es dich drücken muß! Rufe den Vater her (Mitrofan ab).

Zweiter Auftritt.

Frau Prostakowa. Jeremejewna. Trischka.

Frau Prostakowa (zu Trischka). Komm mal näher, du Vieh! Hab’ ich dir nicht gesagt, du Diebsgesicht, daß du den Kaftan breiter machen sollst? Erstens wächst der Knabe und zweitens ist er auch ohne engen Kaftan sehr delikat gebaut! Sprich, Klotz, wie willst du dich rechtfertigen!

Trischka. Aber, gnädige Frau, ich bin ja bei keinem Schneider in der Lehre gewesen! Ich habe Sie ja gewarnt; warum beliebte es Ihnen nicht, die Arbeit einem Schneider zu geben?

Frau Prostakowa. Muß man denn ein Schneider sein, um einen Kaftan gut zu nähen? So urteilen nur Tiere!

Trischka. Aber gnädige Frau, ein Schneider hat ja gelernt, und ich nicht!

Frau Prostakowa. Du widersprichst noch? Der Schneider hat bei einem andern gelernt, der andre bei einem Dritten; bei wem hat dann aber der allererste Schneider gelernt? Sprich, Vieh!

Trischka. Der allererste Schneider hat vielleicht noch schlechter genäht als ich!

Mitrofan (hereinlaufend). Ich habe den Vater gerufen, er sagte: Gleich.

Frau Prostakowa. Geh, schlepp ihn mit Gewalt her, wenn er nicht gutwillig kommen will!

Mitrofan. Da ist der Vater.

Dritter Auftritt.

Die Vorigen. Prostakow.

Frau Prostakowa. Nun, was verbirgst du dich vor mir? So was muß ich erleben, deiner Nachsicht zu danken! Wie gefällt dir der neue Anzug unsers Sohnes zur Verlobung des Onkels? Was sagst du zum Kaftan, den Trischka genäht?

Prostakow (vor Schüchternheit stotternd). Er ist – etwas – sa – sackig.

Frau Prostakowa. Du bist selber ein Sack, du Hohlkopf!

Prostakow. Ich glaubte nur, daß es dir so scheine.

Frau Prostakowa. Bist du denn selber blind?

Prostakow. Wo du siehst, bin ich blind.

Frau Prostakowa. Mit welchem Mann mich doch der liebe Gott gesegnet hat! Kann selber nicht unterscheiden, was breit und was eng ist!

Prostakow. In dieser Hinsicht habe ich stets deinem Urteil vertraut und zweifle auch jetzt nicht –

Frau Prostakowa. So zweifle denn auch nicht, daß ich nicht gesonnen bin, meinen Leibeignen durch die Finger zu sehn! Geh, laß ihn sofort durchpeitschen!

Vierter Auftritt.

Die Vorigen. Skotinin.

Skotinin. Wen? Wofür? An meinem Verlobungstage! Ich bitte dich, liebe Schwester, eine solche Feier zu berücksichtigen und die Strafe bis auf morgen zu verschieben; morgen, wenn du’s willst, werde auch ich gern Hand anlegen. Da will ich nicht Skotinin heißen, wenn nicht jeder schuld ist, den ich schuldig wissen will; hierin, Schwester, stimmen wir miteinander völlig überein. Worüber bist du denn aber so erzürnt?

Frau Prostakowa. Mögen deine Augen urteilen, Bruder! Mitrofan, komm her ... Sitzt dieser Kaftan sackig?

Skotinin. Nein.

Prostakow. Ich selbst, liebe Frau, sehe, daß er zu eng ist.

Skotinin. Auch das seh’ ich nicht. Der Kaftan, Schwager, ist vorzüglich genäht.

Frau Prostakowa (zu Trischka). Heraus! (Zu Jeremejewna) Geh, Jeremejewna, gib dem Knaben zu frühstücken. Ich glaube, die Lehrer werden bald kommen.

Jeremejewna. Er hat bereits fünf Brötchen aufgegessen.

Frau Prostakowa. So thut dir das sechste leid, du Ungetüm? Ist das dein Diensteifer? Unerhört!

Jeremejewna. Gott gesegn’ es ihm! Ich hab’s ja zu Mitrofan Terentjewitschs Besten gesagt. Bis an den Morgen hat er sich schlaflos umhergewälzt.

Frau Prostakowa. Heilige Mutter Gottes! Was war dir, Herzens-Mitrofan?

Mitrofan. Ich weiß nicht, Mutter. Gestern nach dem Abendbrot bekam ich Bauchkneipen.

Skotinin. Hast wohl, mein Freund, recht tüchtig zu Abend gegessen?

Mitrofan. Ich habe, Onkelchen, fast nichts gegessen.

Prostakow. Ich erinnere mich, mein Sohn: du hast doch etwas zu dir genommen.

Mitrofan. Das ist ja nichts: etwa drei Scheibchen Pökelfleisch und fünf oder sechs Stückchen Salzkuchen.

Jeremejewna. Die ganze Nacht über litt er Durst: einen ganzen Krug Kwas hat er ausgetrunken.

Mitrofan. Mir schwindelt noch jetzt der Kopf. Die ganze Nacht träumte mir so ein Schund –

Frau Prostakowa. Was für ein Schund denn, lieber Mitrofan?

Mitrofan. Nun, bald träumte mir von dir, Mutter, bald vom Vater.

Frau Prostakowa. Wieso?

Mitrofan. Kaum begann ich einzuschlafen, so sah ich, wie du, Mutter, den Vater prügeltest.

Prostakow (beiseite). Wehe mir – der Traum wird sich erfüllen.

Mitrofan (zärtlich). Und da dauerte mich –

Frau Prostakowa (ärgerlich). Wer, Mitrofan?

Mitrofan. Du, Mutter, du wurdest so müde vom Prügeln!

Frau Prostakowa. Umarme mich, mein Herz! Das ist ein Sohn! O, du mein einziger Trost!

Skotinin. Nun, Mitrofan, ich merk’ es: du bist der echte Sohn deiner Mutter, nicht aber deines Vaters.

Prostakow. Ich wenigstens liebe ihn, wie es einem Vater geziemt: er ist ein kluges, ein vernünftiges Kind, ein Spaßvogel, ein Schalk. Mitunter bin ich vor Freude ganz außer mir und kann es dann gar nicht glauben, daß er mein Sohn ist.

Skotinin. Doch gegenwärtig macht unser Spaßvogel ein recht ernstes Gesicht.

Frau Prostakowa. Sollte man nicht in die Stadt nach dem Doktor schicken?

Mitrofan. Nein, nein, Mutter; ich werde mich schon selber gesund machen. Will doch mal zum Taubenschlag laufen, vielleicht daß –

Frau Prostakowa. Gott gnädig ist. Geh, mein Teurer, spiele ein wenig. (Mitrofan mit der Jeremejewna ab.)

Fünfter Auftritt.

Frau Prostakowa, Prostakow und Skotinin.

Skotinin. Wie kommt’s denn, daß ich meine Braut nicht sehe? Wo ist sie? Am Abend findet die Verlobung statt: wär’ es da nicht Zeit, ihr mitzuteilen, daß man sie verheiratet?

Frau Prostakowa. Dazu haben wir noch Zeit, Bruder. Wenn man’s ihr vorher sagt, so kann sie gar denken, daß wir sie nach ihrer Einwilligung fragen! Ich bin nur durch meinen Mann mit ihr verwandt und liebe, daß mir fremde Menschen gehorchen.

Prostakow (zu Skotinin). Der Wahrheit die Ehre! Wir haben Sophie behandelt, als sei sie eine echte und rechte Waise. Als ihr Vater starb, war sie noch ein ganz kleines Kind. Ein halbes Jahr darauf bekam ihre Mutter, meine Verwandte, den Schlag –

Frau Prostakowa (sich das Herz bekreuzigend). Die Kraft des Kreuzes sei mit uns!

Prostakow. Dank welchem sie auch mit Tode abging. Des Mädchens Onkel, ein Herr Starodum, fuhr nach Sibirien, und da er schon seit mehreren Jahren völlig verschollen ist, so halten wir ihn denn auch für verstorben. Als wir merkten, daß Sophie mutterseelenallein dastand, nahmen wir sie zu uns aufs Dorf und verwalten nun ihr Gut, als sei es unser eignes.

Frau Prostakowa. Bist heute ganz ins Lügen hineingeraten, mein Lieber! Der Bruder könnte gar glauben, daß wir sie aus Interesse zu uns genommen haben.

Prostakow. Wie sollte er das glauben?! Ihr unbewegliches Vermögen können wir doch nicht in unsre Tasche hineinwandern lassen!

Skotinin. Das bewegliche ist zwar schon hineingewandert, aber ich bin kein Verräter. So was macht Scherereien, die ich nicht liebe, die ich fürchte. Wie oft mich auch die Nachbarn übervorteilt, wieviel Schaden sie mir gebracht – ich habe auf keinen eine Klage eingerichtet. Statt mir den Schaden durch Laufereien einzubringen, zwack’ ich’s mir von den Bauern ab, und kein Hahn kräht danach.

Prostakow. Es ist wahr, Schwager: die ganze Nachbarschaft meint, du verstehest es meisterhaft, den Obrok[1] einzukassieren.

[1] Abgaben der zinspflichtigen Bauern. Anm. d. Übers.

Frau Prostakowa. Wenn du’s uns doch lehren wolltest, lieber Bruder; wir verstehn’s gar nicht. Seitdem wir alles, was die Bauern besaßen, uns zugesteckt haben, können wir sie gar nicht mehr rupfen. Ein wahrer Jammer!

Skotinin. Gern, Schwester, will ich’s euch lehren – macht nur, daß ich Sophie heirate.

Frau Prostakowa. Gefällt dir denn das Mädchen so ungeheuer?

Skotinin. Nun, nicht gerade das Mädchen –

Prostakow. Also ihre Dörfer?

Skotinin. Auch nicht gerade die Dörfer, sondern das, was sich in diesen Dörfern aufhält und meine größte Leidenschaft ist.

Frau Prostakowa. Was denn, lieber Bruder?

Skotinin. Schweine sind meine Leidenschaft, Schwester. In unserm Umkreis gibt’s dermaßen große Schweine, daß jedes, sollte es sich auf die Hinterfüße stellen, uns alle um Kopfeslänge überragen würde.

Prostakow. Es ist doch sonderbar, Schwager, wie die Verwandten einander gleichen können! Unser Mitrofan ist ganz nach dem Onkel geraten: auch er hatte von Kindesbeinen an dieselbe Leidenschaft für Schweine wie du. Als er drei Jahr zählte, so zitterte er vor Freude beim Anblick eines Schweinchens.

Skotinin. In der That, höchst wunderbar! Nun, mag Mitrofan die Schweine lieben: er ist mein Verwandter, und hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle. Wie erklärt sich denn aber meine Leidenschaft für die Schweine?

Prostakow. Auch hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle, denk’ ich.

Sechster Auftritt.

Die Vorigen. Sophie tritt auf mit einem Brief in der Hand; ihr Gesicht strahlt vor Freude.

Frau Prostakowa. Was bist du denn so lustig, meine Beste? Worüber freust du dich?

Sophie. Soeben hab’ ich eine freudige Nachricht erhalten. Der Onkel, von dem wir so lange nichts vernommen, den ich liebe und ehre wie einen Vater, ist dieser Tage in Moskau angelangt. Da ist der Brief, den ich soeben von ihm erhalten habe.

Frau Prostakowa (erschrickt; mit verbissener Wut). Was? Starodum, dein Onkel, lebt? Und du wagst es, ihn für auferstanden auszugeben? Diese Lüge ist wirklich einzig!

Sophie. Er war ja gar nicht gestorben!

Frau Prostakowa. Nicht gestorben! Hätte er denn nicht sterben können? ... Nein, meine Beste, das sind deine Erfindungen, um uns mit deinem Onkel ins Bockshorn zu jagen, damit wir dir Freiheit lassen! Du denkst: der Onkel ist ein kluger Mensch, er wird schon Wege finden, mich aus euren Händen zu befreien! Und darüber freust du dich ... aber bitte, freue dich nur nicht zu sehr: dein Onkel ist natürlich von den Toten nicht auferstanden.

Skotinin. Schwester! Wenn er aber gar nicht gestorben wäre?

Prostakow. Verhüt’ es Gott, daß er nicht gestorben wäre!

Frau Prostakowa (zum Mann). Wie: „nicht gestorben?“ ... Mache mich nicht wirr! Weißt du denn nicht, daß ich schon seit mehreren Jahren Totenmessen für den Frieden seiner Seele halten lasse? Es ist unmöglich, daß meine Gebete nicht bis zu Gott gedrungen seien! (Zu Sophie.) Gib mal den Brief her (ihn an sich reißend). Eine Wette geh’ ich ein, daß es ein Liebesbrief ist, und ich errate auch den Schreiber: es ist jener Offizier, der dir einen Antrag machte, und den du auch heiraten wolltest ... Und welche Bestie händigt dir ohne meine Erlaubnis Briefe ein? Wart, das werd’ ich schon herausbekommen! Das sind Zeiten: jungen Mädchen werden Briefe geschrieben! Junge Mädchen können lesen und schreiben!

Sophie. Bitte lesen Sie selbst den Brief, und Sie werden alsdann sehen, daß er das Unschuldigste von der Welt enthält.

Frau Prostakowa. „Lesen Sie selbst den Brief!“ Nein, meine Beste, ich bin, Gott sei Dank, nicht so erzogen. Ich empfange Briefe, lasse sie jedoch immer andre lesen. (Zum Mann.) Lies vor.

Prostakow (nachdem er lange hineingeblickt). Das dürfte schwer fallen.

Frau Prostakowa. Auch dich hat man, scheint’s, wie ein junges Mädchen aus der guten alten Zeit erzogen ... Bruder, bitte, lies du.

Skotinin. Ich? Ich habe nie in meinem Leben etwas gelesen, Schwester! Gott hat mich mit solchem langweiligen Zeug verschont.

Sophie. Erlauben Sie, daß ich lese.

Frau Prostakowa. O, meine Beste, ich weiß wohl, daß du eine Meisterin darin bist – nur trau’ ich dir nicht so recht ... Der Lehrer Mitrofans wird wohl bald kommen; er soll mir lesen.

Skotinin. Wird denn der Junge schon im Schreiben und Lesen unterrichtet?

Frau Prostakowa. Ach, lieber Bruder, schon gegen vier Jahre unterrichtet man ihn. Ja, Sünde wär’s, zu sagen, daß wir uns nicht alle Mühe geben, Mitrofan zu erziehen: drei Lehrer werden bezahlt! Im Lesen und Schreiben unterweist ihn Kutejkin, Vorsänger in der Kirche zu Mariä Schutz- und Fürbitte. Rechnen lehrt ein abgedankter Sergeant, Namens Zyfirkin. Beide kommen sie aus der Stadt hierher. Den Unterricht im Französischen und in den übrigen Wissenschaften erhält mein armer Mitrofan von einem Deutschen, Adam Adamytsch Wralmann. Diesem zahlen wir dreihundert Rubelchen jährlich; er sitzt mit uns an einem Tische, seine Wäsche wird von unsern Dienstboten gewaschen; ein Pferd steht immer zu seiner Verfügung; zu Mittag bekommt er ein Glas Wein, zur Nacht ein Talglicht, und selbst die Perücke wird ihm umsonst von Fomka in stand erhalten ... Doch, was wahr ist, bleibt wahr: auch wir sind mit ihm zufrieden, Bruder: er überbürdet den Knaben nicht. Und man muß doch Mitrofan ein wenig pflegen, solange er noch jung ist: wenn er denn noch zehn Jährchen etwa – was Gott verhüten möge – dienen muß, wird ihm kein Schmerz erspart bleiben! Übrigens – wie’s einem bei der Geburt bestimmt ist! Schon mancher aus der Familie der Prostakows ist im Schlaf zu Rang und Würden gestiegen – ist denn Mitrofan schlechter als sie? Ei – da kommt ja wie gerufen unser teurer Mieter!

Siebenter Auftritt.

Die Vorigen und Prawdin.

Frau Prostakowa. Lieber Bruder, hier stell’ ich dir unsern teuren Gast vor – Herr Prawdin; und das, mein Herr, ist mein Bruder.

Prawdin. Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Skotinin. Sehr wohl, mein Herr. Und wie lautet Ihr Familienname? Ich habe nicht recht gehört.

Prawdin. Mein Name ist Prawdin, damit Sie recht hören.

Skotinin. Und wo geboren, mein Herr? Wo liegen Ihre Dörfer?

Prawdin. Ich bin in Moskau geboren, wenn es Ihnen zu wissen not thut, und meine Dörfer liegen in diesem Bezirk.

Skotinin. Und darf ich fragen, mein Herr – Ihr und Ihres Vaters Vorname ist mir unbekannt – ob es in Ihren Dörfern Schweinchen gibt?

Frau Prostakowa. Fange doch nicht an, von Schweinen zu sprechen, Bruder! Wollen wir lieber Herrn Prawdin unsre Not klagen. (Zu Prawdin.) Die Sache ist nämlich die: es war das Geheiß Gottes, daß wir dieses junge Mädchen zu uns nahmen. Nun erhält sie Briefe von Onkeln, die ihr aus jener Welt schreiben. Wollten Sie die Güte haben, uns allen diesen Brief laut vorzulesen!

Prawdin. Verzeihen Sie – ich lese niemals Briefe, ohne von deren Empfängern hierzu befugt zu sein.

Sophie. Ich bitte Sie darum, Sie werden mich sehr verbinden.

Prawdin. Wenn Sie es also befehlen ... (liest) „Liebe Nichte! Meine Geschäfte zwangen mich, mehrere Jahre fern von meinen Verwandten zu leben; die weite Entfernung beraubte mich des Vergnügens, Nachricht von ihnen zu erhalten. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Sibirien bin ich nun in Moskau. Ich kann wohl als Beispiel dienen, daß man sich durch Fleiß und Ehrlichkeit ein Vermögen erarbeiten kann. Dank diesen Mitteln und mit Hilfe des Glücks habe ich zehntausend Rubel Revenuen –“

Skotinin und beide Prostakows. Zehntausend!

Prawdin (im Lesen fortfahrend). – „Zu deren Erben ich Dich, liebe Nichte, ernenne.“

Frau Prostakowa. Dich zur Erbin! } (Gleichzeitig.)
Prostakow. Sophie zur Erbin!
Skotinin. Sie zur Erbin!

Frau Prostakowa (Sophie stürmisch umarmend). Gratuliere dir, meine Herzens-Sophie! Ich weiß mich vor Freude nicht zu fassen! Jetzt mußt du einen Bräutigam haben. Und eine bessere Braut kann ich mir für Mitrofan gar nicht wünschen! Das ist ein Onkel! Der leibliche Vater! Ich hab’s mir immer gedacht, daß ihn Gott behütet, daß er noch wohl und gesund ist!

Skotinin (die Hand hinhaltend). Nun, Schwester, schlag ein.

Frau Prostakowa (leise zu Skotinin). Warte noch, Bruder: erst muß man sie fragen, ob sie dich nehmen will.

Skotinin. Wie? Fragen? Wir werden doch nicht erst ihre Meinung hören wollen?!

Prawdin. Darf ich den Brief zu Ende lesen?

Skotinin. Wozu? Und sollten Sie fünf Jahre lesen – Besseres als die Zehntausend werden Sie doch nicht herauslesen!

Frau Prostakowa (zu Sophie). Herzens-Sophie, komm mit mir auf mein Schlafzimmer. Ich habe äußerst Wichtiges mit dir zu sprechen (führt Sophie fort).

Skotinin. S–o–o–o! Na, ich sehe, daß heute wohl schwerlich aus der Verlobung was wird!

Achter Auftritt.

Prawdin. Prostakow. Skotinin. Ein Diener.

Diener (außer Atem zu Prostakow). Gnädiger Herr, gnädiger Herr! Soldaten sind gekommen, haben in unserm Dorfe Quartier gemacht!

Prostakow. O Unglück, sie werden uns gänzlich ruinieren!

Prawdin. Worüber erschrecken Sie so?

Prostakow. Ach, Lieber, Guter! Ich hab’s ja schon erlebt! Ich wag nicht, ihnen unter die Augen zu treten!

Prawdin. Befürchten Sie nichts. Sie werden natürlich von einem Offizier angeführt, der es zu keiner Gewaltthat kommen läßt. Wollen wir zusammen hingehen. Ich bin versichert, daß Sie sich unnütz beunruhigen. (Prawdin, Prostakow und der Diener ab.)

Skotinin. Alle haben mich verlassen ... Will doch einen Spaziergang durch den Viehhof machen!