Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 184. Maske für den Katschinatanz der Hopi.
Dieser Tanz wird zwischen Januar und Juli zu Ehren der Ahnengeister und der Gottheiten von minderer Bedeutung abgehalten. Man glaubt, daß die Geister nach dieser Feier den Ort verlassen und an ihre Wohnsitze in Shipapu zurückkehren.
Phot. R. B. Townshend.
Abb. 185. Maske, die das Gesicht einer Zauberin wiedergeben soll.
Die Größe des Pflocks in der Unterlippe zeigt an, daß sie viele Kinder hatte.

Der Nabelstrang wird vielfach einfach abgebissen, aber auch durchgeschnitten; früher benutzte man dazu ausschließlich Steinmesser. Die Tscheroki vergraben den Nabelstrang der Mädchen unter einem Kornmörser, damit das Kind eine tüchtige Brotzubereiterin werde, den der Knaben aber hängen sie im Walde an einem Baume auf, damit sie sich zu guten Jägern entwickeln. Die Kaiowäh nähen die Nabelschnur der Mädchen in kleine Perlensäckchen ein, die später von diesen am Gürtel getragen und nach ihrem Tode an einem Stock auf ihr Grab gesteckt werden. Die Scheyenne schließen die sorgfältig zusammengelegte Nabelschnur in einen Kasten oder Sack, der außerdem noch Kleidungstücke und Schmuck enthält, und behaupten, daß das Kind nicht eher Ruhe finde, als bis es darin seine Nabelschnur aufgestöbert habe.

Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 186. Ein etwa 15 Fuß hoher Sandsteinfelsen zu Walpi,
um den die Hopi bei der Zeremonie des Schlangentanzes, Schlangen im Munde tragend, herumziehen.

Das Neugeborene wird bei vielen nordamerikanischen Indianerstämmen sogleich in kaltes Wasser getaucht, selbst bei strengster Kälte, was ihm im allgemeinen auch gut bekommt, darauf verschiedentlich mit Öl, Butter und Farbe eingerieben. Dadurch soll die Haut widerstandsfähiger gegen die Witterung gemacht werden. — Zwillinge werden verschiedentlich für glückbringend angesehen. Die Dakota halten sie für übernatürliche Wesen, die aus einer anderen Welt, dem Zwillingslande, stammen, und behandeln sie daher mit besonderer Sorgfalt. Die Nootka-Indianer Vancouvers setzen Zwillinge zu den Lachsen in Beziehung und sehen eine Zwillingsgeburt als günstiges Vorzeichen für ein reiches Lachsjahr an. Die Eltern errichten abseits vom Dorfe an einem Fluß im Walde eine kleine Hütte und stellen um sie herum hölzerne Bildnisse und Masken auf, die Vögel und Fische darstellen; in ihr müssen sie zwei Jahre lang fern von ihren Stammesgenossen verweilen. Der Vater muß sich ein ganzes Jahr lang durch Baden reinigen und sein Gesicht rot färben. Beim Baden muß er bestimmte Lieder singen, die nur für diesen Zweck in Gebrauch sind und ein Lob der Lachse sowie die Aufforderung enthalten, sich einzufinden, um die Zwillinge zu sehen. Wenn die Tiere diesen Gesang vernehmen und die zahlreichen Masken erblicken, dann kommen sie in großen Scharen an. Daher wird aus der Geburt von Zwillingen auf ein gutes Lachsjahr geschlossen. Nun kommt es allerdings auch vor, daß die ersehnten Lachsscharen ausbleiben; dann erblickt man darin eine Mahnung, die Zwillinge zu töten. Zwillingen ist es verboten, Lachse zu fangen; auch dürfen sie frische Lachse weder essen noch auch nur berühren. Ebenso dürfen die Eltern während der Zeit ihrer Absonderung weder Lachse essen noch anfassen. Zwillingen werden besondere Kräfte zugeschrieben, zum Beispiel die Fähigkeit, gutes und schlechtes Wetter zu machen. Um Regen zu erzeugen, füllen sie einen kleinen Korb mit Wasser und spritzen dieses in die Luft; um gutes Wetter zu machen, schwingen sie ein Stück Holz, das mit einer Schnur an einem Stock befestigt ist, und um Sturm hervorzubringen, streuen sie von einem Baume die Sprossen der Zweige herab. Solange Zwillinge noch Kinder sind, vermag die Mutter an ihrem Spiel zu erkennen, ob ihr Gatte erfolgreich von seiner Jagd zurückkehren wird oder nicht. Hauen oder beißen sie sich bei ihrem Spiel, dann wird der Mann bei seinem Ausflug von Glück begünstigt sein; verhalten sie sich aber ruhig, dann wird er mit leeren Händen zurückkehren. Ähnlichen Vorstellungen von der Bedeutung der Zwillinge begegnen wir noch bei anderen nordamerikanischen Indianerstämmen.

Phot. George Wharton James.
Abb. 187. Szene aus dem Schlangentanz zu Walpi.
Der Priester steigt auf einer Leiter in die Schlangenkiwa. Von einem über ihr errichteten Gerüst hängen Adlerfedern sowie Felle von Wiesel und Stinktier herab. Vorn liegen Hacken und Grabstöcke, die nicht nur zum Ackerbau, sondern auch zum Schlangenfang benützt werden.

Fruchtabtreibung ist unter den Indianern ziemlich verbreitet, was zur Folge gehabt hat, daß viele Stämme dem Aussterben nahe sind. Die Gründe, die dazu führen, die Schwangerschaft durch künstliche Mittel zu unterbrechen, sind ziemlich dieselben, die wir schon anderwärts verschiedentlich kennen gelernt haben, wie Furcht vor Überbürdung und Mehrarbeit bei einer zahlreichen Familie, Nahrungssorgen, Besorgnis der Frauen, ihre Schönheit durch zu viele Kinder zu verlieren und frühzeitig zu altern, das verschiedentlich bestehende Gebot, jeglichen geschlechtlichen Verkehr während des Stillgeschäftes, das unter Umständen recht lange dauert, zu meiden, bei unverheirateten Mädchen auch die Furcht vor der Schande und anderes mehr. Auf eigenartige Weise wird die Abtreibung bei den Krähen- und Assiniboin-Indianerinnen vorgenommen. Die Schwangere läßt sich den Bauch kräftig kneten oder wälzt sich auf einem kleinen in der Erde steckenden Pfahl umher; auch streckt sie sich auf dem Boden aus, legt sich ein Brett auf den Bauch und läßt ihre Freundinnen auf dasselbe herauf- und hinunterspringen, bis die Frucht abgeht. Auch das Aussetzen neugeborener Kinder aus Mangel an Nahrungsmitteln ist bei einer Reihe Indianerstämme üblich. — Die Indianerin pflegt ihre Kinder ziemlich lange zu säugen, meistens zwei bis drei Jahre lang, aber auch Zeiträume von sechs bis sieben Jahren sind keine Seltenheit.

Die Odschibwä und andere nordamerikanische Stämme veranstalten bei der Geburt eines Kindes eine besondere Feierlichkeit religiösen Charakters. Kind, Eltern und Verwandte kommen mit den Medizinmännern im Tempelwigwam zusammen; letztere tanzen umher und machen mit ihren Trommeln und Kalabassen großen Lärm, während das Kind in der Mitte des Raumes liegt. Nach Beendigung dieser Feierlichkeit geben sie dem Vater Zaubermittel und Amulette, die für das Gedeihen des Kindes von Wert sein, im besonderen Schutz gegen Krankheit gewähren sollen.

Phot. George Wharton James.
Abb. 188. Flötentanz der Hopi,
der jährlich mit dem Schlangentanz abwechselt. Er dauert neun Tage und soll die Götter für die Ernte günstig stimmen. Ein Priester führt einen Zug Weiber zu einem Schrein.

Für gewöhnlich pflegen die Indianer ihren Kindern sogleich nach der Geburt oder doch nur kurze Zeit danach einen Namen zu geben, manchmal allerdings erst bei der Entwöhnung. Auch wird der ursprüngliche Name gelegentlich geändert, zum Beispiel bei Eintritt der Mannbarkeit oder eines ungewöhnlichen Ereignisses oder infolge besonders hervorragender Eigenschaften des Betreffenden. Maßgebend für den dem Kinde beizulegenden Namen sind entweder feste Regeln (in bestimmter Aufeinanderfolge) oder die Namen gewisser Tiere beziehungsweise von Teilen solcher und ihren Eigenschaften, wie roter Fuchs, weißer Marder und so weiter. Die Foxindianer legen ihren Kindern Namen bei, die zu dem Stamme des Vaters in Beziehung stehen; ist ein Stamm zum Beispiel dem Adler zugeordnet, so erhalten die Kinder Namen wie „Grauer Adler“, „Habicht“, „Große Feder“, „Großer Schnabel“ und so fort.

Phot. George Wharton James.
Abb. 189. Antilopenaltar in einer Antilopenkiwa zu Walpi.
Er besteht aus Figuren, die in feierlicher Weise aus braunem, rotem, weißem, gelbem, grünem und schwarzem Sand zusammengesetzt werden. Die Zickzacklinien stellen den regenbringenden Blitz dar. Um den Altar her stehen Sinnbilder, Fetische, Bahos (zwei durch ein Federbündel miteinander verbundene Gebetstöcke), Gefäße mit geweihtem Mehl, Klappern und ähnliche Gegenstände.

Sehr verbreitet ist unter den nordamerikanischen Indianern die Unsitte der Schädelverunstaltung bei Kindern. Allerdings ist diese oft genug nicht beabsichtigt, sondern rührt von der eigentümlichen Form der Wiegen her, in denen die Frauen ihre Kleinen unterbringen und beständig belassen. Meistens sind diese Wiegen trogartig ausgehöhlte Brettchen, auf denen das Kind in ausgestreckter Haltung mit Riemen oder Bindfäden festgeschnürt wird. Einer dieser Querriemen pflegt auch über die Stirn beziehungsweise über ein auf ihr ruhendes Polster geführt zu werden, ein Kissen von Gras oder auch ein dreieckiger Klotz mit aufgerichteter Kante als Stützpunkt für den Nacken des Kindes zu dienen. Die Mutter führt ihr in solcher Wiege fest verschnürtes Kind gewöhnlich mit sich, wobei sie es an einem um ihre eigene Stirn gehenden Riemen oder an Achselbändern auf dem Rücken trägt; bei der Arbeit stellt sie die Wiege mit dem Kinde neben sich oder hängt sie am nächsten Baume auf. Zu Hause stellt sie sie an dem Pfosten der Hütte hin. Auf jeden Fall wird das Kind beständig in senkrechter Stellung gehalten und, damit es nicht rutscht, festgebunden; die Mutter pflegt es nur für kurze Zeit aus seiner Umschnürung herauszunehmen. Es leuchtet ein, daß durch eine derartige Vorrichtung auch die Form des kindlichen Kopfes beeinflußt werden muß, zumal wenn dieser als Schirm gegen die Sonnenstrahlen noch ein hartes Schutzdach erhält, das dem Schädel ebenfalls fest angepreßt wird. Die so entstehende Form läßt den Kopf von vorn nach hinten zusammengedrückt, abgeflacht und nach oben zu keilartig verlängert erscheinen. Zum Teil hilft man sogar einer derartigen Verunstaltung noch absichtlich nach, wenigstens wird von einer Reihe nordamerikanischer Stämme (zum Beispiel den Tschinuk, Natchez, Creeks, Maskoki, Athacapenen und anderen) berichtet, daß sie die Binden um den Kopf von Zeit zu Zeit immer fester anziehen. Ein Stamm der Selisch, bei dem die Schädelverunstaltung ganz besonders auffiel, wurde früher von den Europäern deswegen die Flatheads oder Flachköpfe genannt.

Phot. George Wharton James.
Abb. 190. Szene aus dem Schlangentanz der Hopi.
Er neigt sich dem Ende zu. Die „Sammler“ mit Schlangenbündeln in den Händen sind im Begriff, sich zum Tanzfelsen zu begeben. Die Zuschauer bestehen aus Navajos und Weißen.

Die Indianer behandeln ihre Kinder im allgemeinen freundlich, teils weil sie an sich recht gutmütig zu sein pflegen, teils mit Überlegung, um zu verhüten, daß das Gemüt der zukünftigen Krieger eingeschüchtert, ihre Willenskraft gebrochen werde. Daher sind die Indianerkinder sehr frühzeitig selbständig, mutwillig und ungehorsam gegen ihre Eltern. Wie unsere Kinder treiben auch sie Spiele. Die Mädchen mögen Puppen gern — schon in den vorgeschichtlichen Mounds hat man solche gefunden —, die sie wie unsere Mädchen versorgen und in Wiegen schaukeln; die Knaben spielen mit Bällen und Kreiseln, Pfeil und Bogen, handhaben die Schleuder und so fort. Es reizt sie wie alle Kinder, die Hantierungen der Erwachsenen nachzuahmen; vielfach werden sie zu solcher Beschäftigung auch schon frühzeitig von Vater und Mutter angehalten, die Mädchen zum Kochen, Feueranzünden, zum Besorgen von Zelt oder Wigwam, die Knaben zum Gebrauch der Waffen, zum Jagen und Reiten — bei den Krähenindianern wird ihnen dieses, wie Irving sah, schon im dritten Lebensjahre beigebracht —, zur Verfolgung von Fährten und zum Viehhüten. Auch Bewegungspiele im Freien sind sehr beliebt. Bei den Choctaw war früher ein gemeinsames Spiel der Männer und Knaben sehr in Gebrauch, mit verbundenen Augen durch einen breiten Fluß zu schwimmen und an einem bestimmten Ziel zu landen, oder in Felle und Decken eingewickelt einen Hügel hinabzurollen; wer zuerst am festgesetzten Mal anlangte, war Sieger. Eines der Lieblingspiele der Omahakinder besteht darin, daß sie sich, etwa zehn bis zwanzig Kinder hintereinander, in einer Reihe aufstellen, die Knaben unter acht Jahren nackend bis auf eine Schnur, die um ihren geschmeidigen kleinen Körper gebunden ist, die Mädchen mit einem kurzen Rock angetan, und daß nun jedes Kind den Gürtel des vor ihm stehenden erfaßt und alle watschelnd im Gänsemarsch davontraben, im Takt eines im Kauderwelsch gesungenen Liedes. Während des Zuges, der um Bäume herum- und zwischen Zelten hindurchführt, wird allerlei kleiner Unfug verübt. So passen sie zum Beispiel die Gelegenheit ab, einer alten Frau, die gerade mit Maisstampfen beschäftigt ist, eine Rispe fortzureißen; versucht diese nun der Kinder habhaft zu werden und sie zu bestrafen, dann rennen sie auseinander, um Deckung in irgendeinem Versteck zu finden. Ein unter den Tschippewäindianern sehr beliebtes Spiel ist ein Schlagball, wobei sie aber nicht mit einem Scheit Holz, sondern mit einem aus ledernen Riemen geflochtenen Netz von der doppelten Größe des Balles den im vollen Lauf befindlichen Ball auffangen und über die Köpfe der Spielenden zurückschleudern; der Gegner hat dabei die Aufgabe, dem Ball möglichst schnell eine andere Richtung zu geben. Manchmal bilden die Kinder auch einen Kreis um das Herdfeuer in der Hütte, und Großvater erzählt ihnen dann Geschichten aus alter Zeit oder singt ihnen Lieder vor, zu denen sie tanzen.

Phot. George Wharton James.
Abb. 191. Szene aus dem Schlangentanz der Hopi.
Der vorderste Mann trägt eine Schlange im Munde und hält die Augen geschlossen; sein Nachbar führt ihn, indem er ihm die Hand um den Nacken legt. Der hinter beiden Schreitende ist der Schlangensammler mit der Schlangenpeitsche aus Adlerfedern. Die nächste Gruppe ist ebenso zusammengesetzt.

Die angehenden Jünglinge der Indianer sind oder waren wenigstens früher Mutproben unterworfen, wenn sie in den Kreis der Krieger aufgenommen werden wollten; zu diesem Zweck hatten sie entweder strenge Entbehrungen, selbst Martern zu ertragen (mußten sich mit Ruten oder Dornen, ohne einen Seufzer auszustoßen, peitschen lassen, längere Zeit fasten, viel umherstreifen, ohne sich ausruhen zu dürfen, sich dem Sonnenbrand oder der bitteren Kälte aussetzen) oder sie mußten ihre Gewandtheit und Ausdauer im Bändigen junger Füllen, im Pfeilschießen und Schleudern darlegen. Bestanden sie diese Mutproben, dann wurden sie öffentlich zu Kriegern erklärt. Meist waren damit noch andere feierliche Bräuche verbunden; so mußten die Novizen die ganze Nacht hindurch Tänze aufführen, die ihnen von älteren Männern vorher beigebracht worden waren. Natürlich pflegte ein Mahl die Feierlichkeit zu beschließen. Wie schwer es den jungen Männern gemacht wurde, in den Stand der Krieger Aufnahme zu finden, dafür hier einige Beispiele. Besonders grauenerregend waren die Quälereien bei den Mandan. Nachdem der Jüngling vier Tage lang gefastet und die Nächte schlaflos zugebracht hatte, stießen ihm zwei als Masken verkleidete Männer ein spitzes Messer mit ausgezackter Klinge an verschiedenen Stellen des Körpers ins Fleisch und schoben spitze Holzpflöcke von der Dicke eines Fingers in die Wunde. An diese Pflöcke wurden dann Stricke befestigt und an ihnen der Gemarterte, der überdies noch durch Anhängen von Medizinbeuteln, eines Schildes und mehrerer Büffelköpfe beschwert ward, so weit in die Höhe gezogen, daß er die Erde nicht mit den Füßen berühren konnte. Nun drehte man den Aufgehißten um sich selbst, anfänglich langsam, dann immer schneller, bis er das Bewußtsein verlor. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten nahm man ihn herab und entfernte einen Teil der Pflöcke aus Brust und Schultern, während man andere im Körper stecken ließ. Damit waren die Martern aber noch nicht erschöpft. Zunächst wurde dem Jüngling zu Ehren des großen Geistes der kleine Finger, manchmal auch noch der Zeigefinger abgehackt, und dann schleppte man ihn ohne Schonung in wildem Lauf um die Medizinhütte herum, wobei er noch alle obengenannten Anhängsel mit sich führen mußte; endlich riß man ihm diese nebst den Pflöcken ab. Sobald das Bewußtsein wiedergekehrt war, erhob sich der Unglückliche und kroch nach seinem Wigwam zurück, wo ihm seine Wunden verbunden wurden. Bei den Scheyennen war die Folter kaum geringer. Dem Knaben wurden ebenfalls Einschnitte unter die Haut gemacht; durch diese zog man Riemen, mit denen das Opfer an einen Pfosten außerhalb des Dorfes gebunden wurde. Hier überließ man es seinem Schicksal. Seine Aufgabe bestand nun darin, sich von den Riemen zu befreien, die unter der Haut durchgezogen waren. Die meisten Knaben harrten einige Tage aus, bis infolge der Eiterung die Haut so weit gelockert war, daß die Hautbrücken mit Leichtigkeit durchrissen. Wer aber besonders mutig war, ergriff entschlossen mit beiden Händen die Riemen und führte sägende Bewegungen aus, bis er sich nach Verlauf einiger Stunden befreit hatte. Ein Knabe, der sich seiner Fesseln auf diese Weise entledigt hatte, erntete das Lob aller Männer und wurde als mutmaßlicher späterer Anführer auf dem Kriegspfade angesehen. Sobald ein Knabe losgekommen war, wurde er unter großer Ehrenbezeigung in das Lager zurückbegleitet und hier mit aller Sorgfalt gepflegt. Solange er an der Stange befestigt gewesen war, hatte er in der Hitze großen Durst ertragen müssen; die Frauen kamen mit ihren Wasserkannen wohl ganz in seine Nähe, aber keine bot ihm Wasser an, um seinen rasenden Durst zu löschen. Allerdings stand es ihm völlig frei, sich Wasser zu fordern, und ebenso, sich die Riemen durchschneiden zu lassen. Man hätte ihm willfahrt; aber dann hätte er die Folgen seines feigen Verhaltens auf sich nehmen müssen: er wäre nicht für einen Mann, sondern für eine Squaw (Weib) angesehen worden, hätte Frauenarbeit verrichten und Frauenkleider tragen müssen; anderseits hätte er keine Waffen tragen, nicht jagen, nicht in den Krieg ziehen dürfen; eine weitere Folge wäre gewesen, daß es jedes Mädchen abgelehnt hätte, einen solchen Weichling zum Manne zu nehmen. Diese entehrenden Folgen genügten fast immer, die jungen Leute die grausame Marter mit spartanischer Seelengröße ertragen zu lassen. Townshend schätzte seinerzeit, vor etwa vierzig Jahren, die Zahl dieser männlichen Squaws auf kaum mehr als zwei bis drei innerhalb des ganzen Stammes.

Auch die Indianermädchen haben sich bei Eintritt der Reife gewissen Förmlichkeiten zu unterziehen; meistens haben sie sich während der ersten Regel in eine besondere Hütte abseits des Dorfes zurückzuziehen und hier vollständig abgesondert zu leben. Nur die Mutter oder eine alte Frau dürfen sie besuchen; manchmal gehört Enthaltung von Speise und Trank mit zur Vorbereitung. Bei einigen Stämmen wird dem Mädchen auch das Gesicht angeschwärzt und ihm ein alter Hut mit großer Krempe aufgesetzt (damit es nicht durch seinen Blick den Himmel verunreinige) oder ein ganzer eigener Anzug angelegt. Nach Ablauf dieser Einschließung, die bei den Koluschen und Tinklit früher beinahe ein Jahr dauerte, pflegt man das Mädchen zu waschen, neu zu kleiden, bei den soeben genannten Stämmen ihm die Unterlippe zu durchbohren und als Zeichen der Reife einen Stift oder Pflock in die Öffnung zu stecken. Gewöhnlich finden zu Ehren des Mädchens auch Feste statt, bei denen tüchtig gegessen wird. Bei den Maskoki zum Beispiel gehört zu einem solchen Festmahl folgendes: gerösteter Hund, eine Suppe aus Truthahn, Hühner-, Rind- und Schweinefleisch, Bohnen, Kartoffeln und Mais, ferner Kuchen aus Kirschen, gemahlenen Kirschkernen und Talg, Ahornzucker, Weizen- und Maisbrot, gedörrte Pflaumen und eine Mischung von Ochsengalle und Zuckerwasser. Vielfach begegnen wir zur Feier des Ereignisses auch Tänzen, zu denen ebenso wie zum Festmahl die ganze Nachbarschaft eingeladen wird. Von den Hupa wird dieser Tanz Kin-Alktha oder Jungferntanz genannt; er wird von den Männern mit dem Mädchen getanzt, während die Frauen sich nur durch begleitenden Gesang daran beteiligen. Neun Abende lang tanzen die Männer ohne jenes, das sich vor ihnen versteckt halten muß. In der zehnten Nacht kommen dann zwei junge Männer und zwei alte Weiber der Verwandtschaft nach der Hütte, um die Jungfrau zu suchen und herauszuholen. Die jungen Burschen stülpen ihr eine Maske aus Leder und Schilf über den Kopf, die an einen Seelöwen erinnert, und nehmen das Mädchen in die Mitte; rechts und links davon stellen sich die alten Weiber auf. So begeben sich alle fünf zu den versammelten Männern und Frauen. Das Mädchen schreitet zehnmal vorwärts und rückwärts, hebt die Hände in Schulterhöhe und stimmt ein Lied an; beim letzten Male macht es einen Hochsprung. Zum Schluß wird es von der Versammlung mit lauten Zurufen begrüßt. Bei den Wintun muß die Jungfrau, nachdem sie sich würdig vorbereitet und unter anderem eine besonders zubereitete heilige Suppe gegessen hat, jedesmal, wenn neue Gäste von auswärts kommen, sinnliche Liebeslieder singend, den Hügel, auf dem sie erscheinen, hinunter- und um den Lagerplatz herumtanzen. Sobald sich alle Teilnehmer des Festes versammelt haben, was zwei bis drei Tage dauern kann, vereinigen sie sich zu einem großen Tanze, der eigentlich weniger ein Tanz ist als ein von Chorgesängen begleiteter Rundgang um das Dorf. Zum Schluß der ganzen Feier nimmt der Häuptling das Mädchen bei der Hand und tanzt mit ihm die ganze Reihe der Festgenossen entlang, wobei diese aus dem Stegreif Gesänge anstimmen. Diese Lieder sind manchmal recht schlüpfrig.

Phot. Thurrill & Miller.
Abb. 192. Totempfähle der Indianer von Britisch-Kolumbien.
Diese Abzeichen, die vor den Hütten errichtet werden, sind mit fein ausgearbeiteten und prächtig angemalten Schnitzereien verziert, die das Totem ihres Besitzers darstellen und die mythologischen Erzählungen seines Volksstammes illustrieren.

Die sittlichen Vorstellungen der nordamerikanischen Indianer scheinen im allgemeinen nicht hoch zu stehen, wenigstens nicht mehr zur gegenwärtigen Zeit. Von einigen Stämmen wird berichtet, daß sie früher auf keusches und tugendhaftes Leben der unverheirateten Mädchen hielten, so von den Mandan, Tschippewä, Pueblos und Pimas, von anderen aber wird wieder erzählt, daß sie bereits in ganz jungen Jahren sich einem ausschweifenden Leben hingaben und daß vorehelicher Verkehr der Mädchen nicht als Schande angesehen wurde, wohl aber seine etwaigen Folgen; man verstand aber, solchen vorzubeugen. Ja verschiedentlich soll es Sitte gewesen sein (Athapasken, Neheawayen, Oregon-Indianer), daß Bruder und Schwester, sowie Vater und Tochter geschlechtlich miteinander verkehrten. Bei den Nadowessiern, einem Siouxstamm, gaben sich die jungen Mädchen gelegentlich des „Reisfestes“ den Männern willig hin, ja sie setzten ihren Stolz darein, an diesem Tage mit möglichst vielen verkehrt zu haben. Bei einigen Indianerstämmen galt es als Freundschaftsdienst, die Ehefrauen miteinander auszutauschen.

Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 193. Indianische Holzmasken.

Wir erwähnten bereits die Tatsache, daß bei den Scheyennen Jünglinge, die sich bei Ablegung der Reifeprobe als feige herausstellten, in Weiberkleidung gesteckt und auch als Weiber behandelt wurden. Solche „Mannweiber“ sind eine keineswegs seltene Erscheinung unter den Indianerstämmen; schon Schriftsteller des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts berichteten von ihnen und fügen hinzu, daß sie vielfach zur sexuellen Befriedigung der Männer gedient haben und unter Umständen für diesen Beruf geradezu erzogen wurden. Die neueren Forschungsreisenden haben solche Personen wohl bei allen nordamerikanischen Stämmen kennen gelernt. Sie sollen sich öfter schon durch einen eigenen Typus auszeichnen, der wenig Männlichkeit verrät; dazu kommt, daß sie Weiberkleider tragen, weibliches Gebaren annehmen — manche putzen sich geradezu als Stutzer heraus — und weibliche Arbeiten ausführen, männliche Beschäftigungen dagegen gänzlich meiden: so gehen sie niemals auf die Jagd oder auf den Kriegspfad. Manche von ihnen sollen große Geschicklichkeit in der Verrichtung weiblicher Obliegenheiten bekunden. Von den Tschippewä wird erzählt, daß diese „Agoqwas“ in aller Form mit Männern verheiratet wurden; Ähnliches wird von den Acagehemen Kaliforniens berichtet. Es hat den Anschein, als ob es sich bei diesen Mannweibern vielfach um pervers veranlagte junge Leute handle. Ihr regelwidriges geschlechtliches Empfinden mag ihnen teilweise angeboren, teilweise auch anerzogen worden sein; eine Reihe Stämme bilden gewisse junge Leute zu solchen pervers-geschlechtlichen Zwecken geradezu aus. Ganz eigenartig ist die Art, wie die Pueblos Neu-Mexikos die Betreffenden „zu Weibern machen“. Zu einem „Mujerado“ wird der kräftigste Mann des Dorfes ausgewählt und an ihm täglich wiederholt Masturbation vorgenommen, um große geschlechtliche Reizbarkeit zu erzeugen, die mit der Zeit infolge der allzu häufigen Samenentleerungen zu einem Schwund der Keimdrüsen führt; jede Erektionsfähigkeit ist bei einem solchen Menschen schließlich erloschen. Mit dieser künstlichen Entmannung gehen gleichzeitig Veränderungen im Gemütsleben einher; der Mujerado verliert die Lust an seinen früheren Beschäftigungen und entäußert sich in körperlicher und geistiger Beziehung mehr und mehr aller Männlichkeit. Er kleidet sich nach Weiberart, meidet anfänglich die Männer und sucht die Frauen auf, gibt sich aber schließlich doch jenen zu homosexuellen Zwecken hin.

Phot. George Wharton James.
Abb. 194. Regentanz der Zuni-Indianer, bei dem sie Masken tragen.
Im Hintergrunde erblickt man ihre terrassenförmig sich aufbauenden Häuser aus Stein oder an der Sonne getrockneten Ziegeln.

Kinderverlobungen sind unter den nordamerikanischen Indianerstämmen nicht gerade eine Seltenheit; man pflegt aber nicht immer gleichaltrige Kinder miteinander zu versprechen, sondern mit Vorliebe junge, zehn- bis zwölfjährige Mädchen mit Männern, die bereits voll erwachsen und imstande sind, eine Familie zu ernähren. — Von Werbungen der jungen Männer um ihre Mädchen ist wenig bekannt. Bei den Schwarzfüßen sorgen die Eltern für das Zustandekommen der Heirat, da es unter ihnen nicht Sitte ist, daß unverheiratete Mädchen mit Männern zusammenkommen. Sobald die Eltern des Mädchens sich einen Schwiegersohn ausgesucht haben, halten sie in der Weise um ihn an, daß der Vater ihm den Vorschlag macht, seine Tochter solle dem jungen Manne das Essen in seine Hütte bringen. Geht dieser darauf ein, dann tut dies das Mädchen einen ganzen Monat lang; währenddessen unterweist der Vater sie in den Pflichten, die sie als Ehefrau zu erfüllen hat. Nach Ablauf dieser Zeit findet eine Festlichkeit in der Hütte des jungen Mannes statt, zu der nur die Angehörigen eingeladen werden. Mutter und Tochter bringen das Essen bis an die Tür, die Braut tritt allein in das Zelt und setzt sich, ohne ein Wort zu sprechen, an die rechte Seite ihres Zukünftigen; darauf verteilt sie gestickte Mokassins an alle Gäste. Nach dieser Festlichkeit werden weitere Geschenke ausgetauscht. Die Mutter des Mädchens baut für die jungen Leute eine neue Hütte und schenkt dem Schwiegersohn einen neuen Buckskinanzug und für ihre Tochter wollene Decken, Gewänder aus Büffelhaut und ebenfalls ein Buckskinkleid. Bei den Schwarzfüßen tritt das Mädchen aus dem elterlichen Clan aus; auch die Kinder werden der Familie des Mannes zugezählt. — Es gehört zum guten Ton, daß die Schwiegermutter ihre Tochter nur in Anwesenheit von deren Manne besucht, da es jener sehr peinlich sein würde, wenn dieser etwa unerwartet auftauchte; sollte der Schwiegersohn gegen diese Sitte verstoßen, dann wäre dies nur dadurch gutzumachen, daß er seiner Schwiegermutter ein Pferd verehrt. Wo es dem Mädchen ausnahmsweise gestattet ist, sich den Mann zu wählen, besteht eine hübsche Art der Werbung. Die jungen heiratslustigen Krieger warten in Decken gehüllt vor ihrem Wigwam, bis ein Mädchen kommt. Wer es gern haben möchte, wirft ihm den Zipfel seiner Decke über den Kopf; ist das Mädchen mit dem Bewerber nicht einverstanden, so schreit es auf und wird sofort freigelassen, worauf ein anderer sein Glück versucht. Wer vor den Augen der jungen Schönen Gnade findet, dem erlaubt sie, seine Decke vollständig über sie zu ziehen, worauf beide zusammen abgehen.

Die Hauptzeremonie bei der Hochzeit besteht in der Darbringung von Geschenken. Der junge Ehemann beschenkt stets die Eltern der Braut (Abb. 197), und er sowie seine eigenen Eltern erhalten von diesen im allgemeinen Gegengeschenke; doch unterbleibt dies vielfach auch. Dort, wo die Sitte besteht, daß Geschenke nur von seiten des Bräutigams gegeben werden, artet die Ehe leicht zu einem einfachen Kauf- und Verkaufgeschäft aus. Wenn ein junges Paar durchgeht, so bringt dies der Familie zunächst Schande, bis die Sache durch nachträgliche Geschenke wieder gutgemacht ist.

Bedingung ist wohl bei allen nordamerikanischen Indianerstämmen, daß der Mann außerhalb seines Clans, gewöhnlich auch außerhalb seines Stammes heiratet; es kommt sogar vor, daß Ehen außerhalb des eigenen Volkes geschlossen werden. Polygamie ist sehr verbreitet. Durch die vielen Kriege, die die Indianer im Laufe der Zeiten geführt haben, büßten viele junge Männer ihr Leben ein; dies hatte zur Folge, daß die Zahl der Frauen unter ihnen überwiegt. So ist Vielweiberei vielfach zu einer sozialen Notwendigkeit geworden.

Unter den Tschippewä besteht eine Ordensbrüderschaft, deren Mitglieder, sobald sie die vierte Stufe des Ordens erreicht haben, imstande sein sollen, ein Pulver herzustellen, das als kräftiger Liebeszauber wirkt. Es besteht aus roter Farbe, gepulverter Schlangenwurzel, etwas Blut von einem Mädchen, das zum ersten Male menstruiert hat, und einem gepulverten Stück Ginseng, das aber gerade der Stelle der Wurzel entnommen worden sein muß, wo sie sich in zwei Äste teilt (wohl ein Anklang an den Unterleib des Menschen mit den beiden Beinen). Mit der Mischung dieser Bestandteile allein ist aber das Liebespulver noch nicht wirksam; dazu gehört noch ein Opfer aus Tabak an den Kitshi Manido, das von Gesang und dem Schall einer Zauberrassel begleitet sein muß. Will man nun das Mittel erfolgreich anwenden, muß man es der geliebten Person unter ihr Lager bringen.

Phot. H. J. Shepstone.
Abb. 195.
Indianergrab auf einem Baum.

Die Vorstellungen der nordamerikanischen Indianer von Krankheit und Heilung sind eng mit ihrer Religion verknüpft, und zwar in so hohem Grade, daß „Medizin“ das hergebrachte Wort für geistige Macht und der „Medizinmann“ weit mehr Priester als Arzt ist. Seine Wirksamkeit hängt von der Fähigkeit ab, den bösen Geist, der eine Krankheit verursacht hat, auszutreiben und zugleich die Hilfe der guten Geister anzurufen, die den Kranken, wenn sie wollen, wieder gesund machen können. Obwohl die Medizinmänner, um den Glauben an ihre Kunst zu stützen, nach außen hin mit allerlei Mummenschanz arbeiten, sind sie doch meistens schlau genug, auch wirkliche Heilmittel anzuwenden, da ihr Amt recht verantwortlich ist, unter Umständen ihnen wohl auch von seiten der Verwandten des Kranken Gefahr bringt. Zwar werden sie selten unterlassen, beim Mißglücken ihres Heilverfahrens einen der zahlreichen dem Volke einleuchtenden Gründe für den Tod des Betreffenden anzugeben; immerhin kommt es vor, daß die Angehörigen dem Medizinmann die Schuld beimessen und ihn mit seiner Familie zur Strafe abschlachten.

Sobald der Tod Einzug gehalten hat, glauben die Indianer, daß die abgeschiedene Seele des Verstorbenen in die Geisterwelt eingegangen sei, die sie überall umgibt. Darüber, wo dieses Jenseits zu suchen ist und welches Schicksal den Toten dort erwartet, herrschen zahlreiche Auffassungen. Ganz allgemein gesprochen, denkt man sich das zukünftige Leben ähnlich dem auf der Erde, nur unter glücklicheren Bedingungen. Die Hauptrolle spielen dabei reichliche Jagdgründe und ein friedfertiges Verhalten der Stämme untereinander. Wie sich die Navajo das Jenseits ausmalen, davon war schon oben die Rede. — Eine Begräbnisfeier der Zuñi schildert uns Cushing wie folgt. Sobald der Tote den letzten Atemzug getan hatte, wurde er von den Frauen seines eigenen Clans gebadet und ein Gefäß mit Wasser neben ihm zerbrochen; damit gab man ihn der Sonne zurück. Darauf trugen vier Männer die in Decken gehüllte Leiche unter dem Wehklagen der Frauen nach dem alten Begräbnisplatze und senkten sie ins Grab, während einer von ihnen, das Gesicht gegen Osten gewandt, ein Gebet sprach und Mehl, Speise und andere Gaben darüber streute. Vier Tage später brachten die Leidtragenden unter flehenden Bitten im Namen des Toten wunderschöne, mit Papageifedern geschmückte Gebetstöcke, die im religiösen Leben bei ihnen eine große Rolle spielen, als Opfer dar. Die Totenfeier wurde damit fortgesetzt, daß fünfzig Zuñimänner unter Anführung eines bemalten und geschmückten Priesters, dem der fackeltragende Feuergott folgte, sich gegen Westen auf eine Pilgerfahrt begaben, wie man sagte, „in die Stadt Ka-ka und in das Heim unserer verlorenen anderen“. Nach vier Tagen kehrten sie zurück und führten Körbe lebender Schildkröten in weiche Decken eingehüllt mit sich. Ein müder Mann brachte dem Gouverneur eine Schildkröte ins Haus und stellte sie auf die Erde, wobei er besonders zärtlich mit ihr umging; sie suchte sich aber so schnell wie möglich aus dem Staube zu machen. Die Angehörigen des Mannes gingen dem Tier in alle Ecken und Winkel nach, beteten und bestreuten es mit Maismehl. Als Cushing nun fragte, warum man das Tier nicht laufen lasse oder ihm nicht wenigstens etwas Wasser zum Trinken gebe, damit es nicht sterbe, wandte der Mann ihm langsam seinen Blick zu, wobei sich gleichzeitig Schmerz, Empörung und Mitleid auf seinem Gesichte ausprägten, und antwortete: „Ich sage dir, es kann nicht sterben; es wird morgen nur seine Wohnung wechseln und in das Heim seiner Brüder zurückgehen.“ Darauf wandte er sich wieder an die Schildkröte und rief ihr mit schmeichelnden Worten zu: „Ach, mein armes, teures, verlorenes Kind, Vater oder Mutter, meine Schwester oder mein Bruder, der du warst!“ Dabei begann er aufs rührendste zu weinen, seine Stimme vor Schluchzen zu beben; die anwesenden Frauen und Kinder fielen in das Heulen ein. Am nächsten Tage wurde die arme Schildkröte unter Gebet und Opfergaben schonend getötet; ihr Fleisch und ihre Knochen wurden dem kleinen Flusse in der Nähe übergeben, damit sie zum ewigen Leben im dunklen See der Toten zurückkehrten, und aus ihrer Schale wurde eine heilige Klapper angefertigt. Dieser eigenartige Brauch findet seine Erklärung in der Sage, daß, als die Menschen zuerst in dieses Land kamen, sie über einen großen Fluß mußten, bei dessen Überschreitung viele Frauen ihre Kinder einbüßten, indem sie ihnen vom Rücken glitten und in Schildkröten verwandelt wurden. Mit dem Ausdruck „unsere verlorenen anderen“ sind die Stammesmitglieder gemeint, die auf diese Weise hinter ihren Anverwandten zurückblieben und ihnen jenseit des Sees der Toten eine Heimat bereiteten.

Phot. Dr. Arnold Heim.
Abb. 196. Indianerfriedhof zu Welcelka.

Der Begräbnisarten gibt es unter den nordamerikanischen Indianern viele. Bald bestattet man die Leiche in der Erde (Abb. 196), bald setzt man sie in der Luft aus oder in Urnen; auch Einäscherung findet sich. Am verbreitetsten war die Sitte, ein rundes Loch zu graben und die in Felle oder Zeug eingewickelte, mit übereinandergelegten Beinen zusammengeschnürte Leiche senkrecht hineinzustecken; die Grube wurde manchmal noch mit Steinen ausgelegt. Wurde ein Grab in voller Länge des Toten ausgeschaufelt, dann wurde dieser für gewöhnlich wagerecht auf den Rücken gelegt, doch manchmal auch mit angezogenen Knien auf die Seite. Bei Bestattung in einer Grabkammer war es nichts Ungewöhnliches, daß man mehrere Leichen zu gleicher Zeit beisetzte. Es kam auch vor, daß man die Leiche auf die Erde legte, sie mit einer starken Lehmschicht überdeckte, darüber ein Feuer anzündete, so daß sich der Lehm zu einer schützenden Decke erhärtete, und diesen Lehmsarg schließlich mit Erde zudeckte. — Von den Stämmen der südlichen Küste des Atlantischen Ozeans balsamierten einige ihre Toten ein, so daß sie zu Mumien wurden. — In der großen Ebene geschah die Beisetzung der Leichen oft an der Luft. Der Tote wurde in das Zeug, das er bei Lebzeiten getragen hatte, vorsichtig eingewickelt und auf ein Gestell oder eine Bahre gelegt; diese wurde dann auf einem Baum (Abb. 195) oder auf einem Pfosten über der Erde aufgestellt, daß Wölfe und Hunde sie nicht erreichen konnten. Man gab dem Verstorbenen seine Waffen, allerdings in zerbrochenem Zustande, mit, damit er sich ihrer in der jenseitigen Welt bedienen könne, wie man ihn auch mit Essen für die Reise dorthin versah. An der Küste des nördlichen Stillen Ozeans verwendeten die seefahrenden Indianer als Sarg ein Kanu, das sie auf einem Pfosten aufstellten. — Das Begraben in Urnen kam selten vor; man kennt solche Fälle nur aus Arizona, wo man in den Grabstätten irdene Krüge mit den verbrannten Resten auffand. — Die Navajo Arizonas, die eine große Abneigung vor der Berührung mit Leichen haben, befestigten manchmal Stricke an dem unteren Ende der Stangen, aus denen ihre Winterhäuser aufgebaut sind, und rissen sie mit Hilfe der Stricke um, so daß das ganze Haus über dem Toten zusammenfiel und zum Grabmal für den Toten wurde; manchmal legten sie auch Feuer an und brannten das Ganze nieder.

Aus „Deniker, Living Races of Mankind“.
Abb. 197. Eine Hopibraut,
deren Anzug ganz aus Erzeugnissen einheimischer Weberei besteht.

Die Zeichen der Trauer waren von Stamm zu Stamm verschieden. Weitverbreitet als Ausdruck der Trauer war das Weinen und Wehklagen der Angehörigen, das Zerreißen der Kleider und das Aufstreuen von Asche oder Staub auf den Kopf; auch daß sich die Überlebenden Schnittwunden im Gesicht und an den Gliedmaßen beibrachten, kam vor. Das Eigentum des Verstorbenen pflegte man vielfach zu zerstören. Bei den Dakota mußte die Witwe vier Abende lang ein Feuer auf dem Grabe ihres Mannes unterhalten; sie mußte ferner bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang jammern, teilweise auch fasten und sich während der ganzen Trauerzeit, deren Dauer schwankend war, von der Außenwelt abschließen. War die Zeit vorüber, dann stattete die Familie des Toten sie von neuem aus, und es stand ihr dann frei, sich wieder zu verheiraten. Bei den Athapasken, die ihre Toten verbrannten, mußte sich die Witwe auf den Scheiterhaufen setzen und hier so lange verharren, bis sie gründlich angesengt und ihre Kopfhaare verbrannt waren.