Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 212. Taulipangjungen in Festtracht.
(Roroimagebiet an den Grenzen Brasiliens, Venezuelas und Britisch-Guyanas.) Der Knabe in der Mitte stützt sich auf ein Rohr, einige andere halten Tanzkeulen über der Schulter.

Südamerika.

Die Eingeborenen Südamerikas zählen gleichfalls zu den Indianern, obwohl sie äußerlich in mancher Hinsicht von dem nordamerikanischen Typus abweichen. Ohne Zweifel sind nordamerikanische Indianer bereits in weit zurückliegenden Zeiten über die Landenge von Panama nach dem Süden vorgedrungen und haben sich dort ausgebreitet; später fand dann wieder eine Rückwanderung statt, die zur Zeit der Entdeckung Amerikas ihren Abschluß noch nicht gefunden zu haben scheint. Wir lernten als solche Rückwanderer bereits die Karaiben und Aruaken kennen.

Der südamerikanische Indianer nimmt in anthropologischer Hinsicht eine Mittelstellung zwischen der mongolischen, der kaukasischen und der polynesischen Rasse ein. Wir erwähnten bereits an anderer Stelle, daß die ursprüngliche Bevölkerung Amerikas teils aus Einwanderern aus Asien, teils aus solchen aus Europa hervorgegangen sein dürfte; wir haben ferner Anzeichen für die Annahme, daß auch von Polynesien aus auf vermutlich in früheren Zeiten bestehenden Inselbrücken malaiische Elemente nach Südamerika hinübergewandert sind und zu der Zusammensetzung der dortigen Bevölkerung beigetragen haben mögen. Der Typus der südamerikanischen Indianer weist eine ziemliche Mannigfaltigkeit auf. Dies zeigt sich schon an der Körpergröße. Wir begegnen recht großen Stämmen, wie den Tehueltschen oder Patagoniern und den Bororo, unter denen Gestalten von einhunderteinundneunzig bis einhundertzweiundneunzig Zentimetern durchaus keine Seltenheit sind; mit einem Mittel von einhundertfünfundsiebzig bis einhundertachtzig zählen beide Stämme zu den größten Menschen der Erde. Andererseits aber gibt es in Südamerika auch Indianerstämme, die von auffälliger Kleinheit sind, wie die Feuerländer mit nur einhundertachtundfünfzig Zentimetern, die merkwürdigerweise dicht neben den größten Menschen wohnen, ferner die Trumai, Puru, Karaiben von Guyana und andere. — Die Hautfarbe der südamerikanischen Eingeborenen zeigt im allgemeinen einen etwas helleren Ton, der etwa gelbgrauem Lehm gleicht; natürlich kommen hier und da auch dunklere Tönungen vor. Das Kopfhaar ist für gewöhnlich von grober, straffer Beschaffenheit und leuchtend-braunschwarzer Farbe; daneben gibt es unter manchen Stämmen auch verhältnismäßig häufig feines, leicht gewelltes Haar, ja selbst geringeltes und sogar gelocktes; fremde Blutmischung dürfte als Ursache hierfür nicht in Betracht kommen.

Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 213. Ein Umauaindianer vom Yapuraflusse in Ostkolumbien.
Der Anzug besteht aus einem breiten Brustgürtel, einer Art Weste, die aus steifem Bast hergestellt und reich mit roter Farbe bemalt ist. Er wird um Brust und Bauch fest umgelegt. Die Schamgegend bedeckt eine Schürze aus feinen Rindenfasern.

Die Kleidung entspricht dem jeweiligen Kulturstande; bei vielen Stämmen fehlt sie gänzlich, bei anderen ist sie sehr knapp bemessen. (Hierzu die Kunstbeilage.) Sie wird, wie Karl v. den Steinen nachgewiesen hat, in ihren ersten Anfängen hier nicht vom Schamgefühl gefordert, sondern entspricht dem Verlangen nach Schutz gegen Gefährdungen durch die Tierwelt, im besonderen von seiten einer Zeckenart und kleiner Fische, die mit Vorliebe beim Baden in die äußeren Geschlechtsöffnungen eindringen. Auf der ursprünglichen Stufe besteht die Kleidung des männlichen Geschlechts dementsprechend in einer Hüftschnur (Abbild. 212), oder es wird auch nur die Vorhaut zusammengebunden bzw. das Glied mit einem Überzug versehen; bei den Frauen tritt an dessen Stelle ein kleines, dreieckiges Stück Bast (Uluri), das über den Scheideneingang gebunden wird und diesen dicht verschließt. In weiterer Ausbildung kommt es zu Schambinden oder größeren Schürzen aus Rinde oder Bast. Ein eigenartiges Bekleidungstück sind breite, steife Gürtel (Abb. 213) aus Borke, Bast oder Perlschnüren, die um den Rumpf prall angelegt werden und diesen in dem Maße einschnüren, daß das Fleisch an den Rändern hervorquillt. Dieser „Schnürleib“ wird so selten wie möglich abgelegt und so lange getragen, bis es nicht länger angängig ist und der Gürtel gewechselt werden muß. In ähnlicher Weise werden die Gliedmaßen, Oberarme und Unterschenkel, eingeschnürt, damit die Muskeln gekräftigt werden; bei den Karaiben ist diese Verunstaltung eine kennzeichnende Stammeseigentümlichkeit, durch die sie schon den ersten Besuchern Amerikas aufgefallen waren. — Die in den kälteren Gegenden lebenden Indianer hüllen sich in Tierfelle (Abb. 214) oder Decken (Abb. 215; siehe auch die Kunstbeilage).

Durchbohrungen im Gesicht, am meisten an den Ohren, der Nase und der Unterlippe, werden von den meisten Stämmen Südamerikas vorgenommen. In die dadurch entstandenen Löcher steckt man allerlei Zierat, so in die Ohrläppchen Pflöcke, Stäbchen, zusammengerollte Blätter oder bunte Federn, oft bis zu einer solchen Größe beziehungsweise Schwere, daß das Ohrläppchen bis auf die Schulter herabhängt (zum Beispiel bei den Botokuden); in der Nasenscheidewand (Abb. 216), den Mundwinkeln und der Unterlippe bringt man ähnliche Sachen an, wohl auch Muschelschalen, dünne Holzspäne und dergleichen. Eine sehr beliebte Körperverzierung ist auch das Anmalen, das gelegentlich eine solche Ausdehnung annimmt, daß die Leute, wie Koch-Grünberg sagt, beim ersten Anblick aussehen, als ob sie einen bunten, gestrickten Anzug trügen. Die Bemalung wird aus feierlichen Anlässen, bei Festen (Abb. 220) und Tänzen, beim Empfang von Gästen und sonstigen besonderen Gelegenheiten vorgenommen. Junge Leute betreiben dies gleichsam als eine Art Sport; sie lassen es sich angelegen sein, immer neue Muster auszuklügeln, und verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, sich in dieser Weise auszuputzen; sie entsprechen insofern unseren Stutzern.

Tatauierung (Abb. 217 bis 219) kommt viel seltener vor; sie pflegt dann auch wohl immer ein Stammesabzeichen zu sein. Durch zierliche, arabeskenartige Muster zeichnen sich die Frauen der Kadiué aus.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 214. Onaindianerfamilie (Feuerland).
Ihre Kleidung ist aus Robben-, Otter- oder Guanacofellen hergestellt.

Der Pflege der Haare wird im allgemeinen weniger Beachtung geschenkt, doch versieht man sie gern mit schönem Federaufputz. Federschmuck (Abb. 221, 223 und 224) ist gerade für Südamerika recht bezeichnend. Es werden daraus schöne Mäntel, Oberarmbehänge, ja sogar ganze Anzüge in mühseliger Arbeit hergestellt, die ihrer Kostbarkeit wegen allerdings nur bei ganz besonders festlichen Anlässen getragen werden; in der Zwischenzeit bewahrt man sie sorgfältig in geflochtenen Schachteln auf. Den Stoff geben die farbenprächtigen Vögel der Tropenwelt ab: Papageien, Araras, Ibis, Reiher und andere.

Der sonstige Schmuck ist äußerst mannigfaltig; alle drei Reiche der Natur müssen dazu beitragen. Bald sind es Zähne der großen Säugetiere (Affe, Wildschwein, Jaguar und so weiter), Kieferstücke von Fischen, Klauen vom Gürteltier, schillernde Flügeldecken von Prachtkäfern oder Hörner des Hirschkäfers, Muschelschnecken, bald allerlei Fruchtkerne oder Fruchtkapseln, bald auch glänzende oder bunte durchbohrte Gesteine oder Perlen (Abb. 222), die man als Ketten oder Bänder um den Körper hängt.

Die wirtschaftliche Kultur der südamerikanischen Indianer ist sehr verschiedenartig; sie hängt mit dem Grade ihrer Zivilisation und mit der Umgebung, in der sie leben, zusammen. Ein Teil führt noch ein umherschweifendes Leben als Sammler oder Jäger; diese haben meistens keine festen Wohnungen, sondern leben unter einfachen Laubhütten oder in Erdlöchern. Die mehr seßhaften Stämme kennen richtige Grashütten (Abb. 226), die sich meistens zu Weilern, seltener zu eigentlichen Dörfern zusammenschließen. Auch Pfahlbauten sind bekannt; der Name Venezuela, das ist Klein-Venedig, rührt von der Ähnlichkeit her, die die von den ersten Ankömmlingen an der Lagune von Maracaibo angetroffenen Niederlassungen mit dem Bilde der italienischen Lagunenstadt zeigten. Sehr verbreitet, besonders unter den Karaiben und Aruaken, ist der Gebrauch von Hängematten; das englische Wort hammock stammt von dem aruakischen hamaca, mit dem man diese Schlafgelegenheit bezeichnete. Die Uaupés haben Sippenhäuser, in denen mehr als hundert Personen Unterkunft finden können. Die Beschäftigung dieser mehr seßhaften Indianer bildet der Hackbau oder der Fischfang (mit Bogen und Pfeilen, Harpunen, Reusen oder durch Vergiftung des Wassers); auch Viehzucht wird betrieben (Gran Chaco, Goajiro). Einige Stämme (Gran Chaco, südliches Argentinien) sind nach Einführung des Pferdes durch die Europäer vorzügliche Reiter geworden.

Phot. E. Nordenskjöld.
Abb. 215. Ashluslaytänzer.
Sie kleiden sich in wollene Decken und tragen um die Stirn Bänder, die mit Schneckenhäusern und Straußenfedern verziert sind.
Phot. Underwood & Underwood.
Eingeborenenfrau Südamerikas, die ihr Kind in einem mit Pelz ausgefütterten, „Shihungju“ genannten Korb auf dem Kopf trägt.
Wenn der Korb leer ist, wird er als Hut benutzt.

Die Hauptnahrungsquelle (Abb. 225 und 228) sind im allgemeinen Jagd und Fischfang. Fleisch und Fische pflegt man durch Rösten auf Bratständern oder an Spießen, häufig auch in Erdgruben genießbar zu machen; das eigentliche Kochen ist meistens unbekannt, weil vielfach Töpfe überhaupt fehlen. Die Karaiben und Aruaken stellen aus der sehr giftigen Wurzel der Manihotpflanze auf umständliche Weise ein Mehl her, das ihre Hauptnahrung ausmacht. Einzelne Stämme huldigen auch noch der Menschenfresserei (Abb. 227). Unter den Genußmitteln steht der Tabak oben an. Er wird geraucht und geschnupft. Geraucht wird der Tabak entweder in Form von großen, mit Maisblatt umhüllten Zigaretten, die häufig mit einer Gabel als Stützvorrichtung (Abb. 230) gehandhabt werden, oder in Pfeifen aus Holz oder Ton. Ganz merkwürdig verfährt man beim Schnupfen; man bläst sich selbst oder gegenseitig das Schnupfpulver mit Hilfe von Röhren in die Nase.

Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 216. Ein Yabahanaindianer vom Rio Apaporis (Ostkolumbien).
Durch die Nasenscheidewand ist ein langer Stab aus glänzend schwarzem Palmholz gezogen, der Halsschmuck besteht aus Wildschweinzähnen. Die Armbänder und der Lendenschurz sind aus Bast angefertigt.
Phot. E. Nordenskjöld.
Abb. 217. Gesichtstatauierung der Chorotiindianer aus dem Gran Chaco (Bolivia).
Phot. E. Nordenskjöld.
Abb. 218. Gesichtstatauierung der Chorotiindianer aus dem Gran Chaco (Bolivia).
Phot. E. Nordenskjöld.
Abb. 219. Gesichtstatauierung der Chorotiindianer aus dem Gran Chaco (Bolivia).

Als Waffen (Abb. 220 u. 229) dienen den südamerikanischen Indianern Bogen und Pfeile, erstere häufig prächtig verziert, sowie Wurflanzen mit in Gift getauchten Spitzen, die in manchen Gegenden mit einem Wurfbrett geschleudert werden, Stoßlanzen und besonders auch Keulen; hierzu tritt für einzelne Gebiete für die Jagd noch das Blasrohr (Abb. 231) mit gleichfalls vergiftetem Pfeil. Die Reiterstämme der Steppen bedienen sich mit Vorliebe des Lassos und der Bola, einer Wurfkugel. Die Verteidigungswaffen bestehen aus Schilden (Abb. 232) von Holz oder Fell und aus Rüstungen, die man aus Fellen oder Geweben herstellt. Eine Eigentümlichkeit besonders der Jivaros sind ihre Siegestrophäen aus den abgeschnittenen und auf besondere Art zubereiteten Köpfen erschlagener Feinde (Abb. 233 und 234), die sogenannten Tsantsas. Die Haut des möglichst tief abgehauenen Kopfes wird durch Längsschnitt am Hinterhaupt gespalten und mit Einschluß der Gesichtshaut auf geschickte Weise von den darunterliegenden Knochen abgeschält, darauf in Wasser, dem gewisse Kräuter, wohl zur Desinfektion, zugesetzt sind, gekocht und schließlich über einen runden, heiß gemachten Stein gezogen, den man nach und nach durch einen immer kleineren bis zur Größe einer Orange ersetzt, während die Weichteile mit einem anderen, ebenfalls heiß gemachten Stein wie mit einem Plätteisen von außen geglättet werden. Der auf diese Weise ausgetrocknete, gleichsam mumifizierte Kopf, in dessen Inneres man, um die Form zu erhalten, wohl noch heißen Sand schüttet, wird als Siegeszeichen an einer Schnur aufgehängt. Die Herbeischaffung eines Tsantsa von seiten eines Kriegers hat eine große Festlichkeit (Tsantsa-Tucui) im Gefolge, zu der er sich würdig vorbereiten muß. Dazu gehört auch eine lange Enthaltsamkeit vom Genusse gewisser Speisen (so jeglichen Wildes, das durch Pfeil erlegt wurde, und zahlreicher anderer Tiere); er darf nur Fische, Yukka, Bananen und einige kleine Vögel, die mit einem Blasrohr erlegt wurden, verzehren. Er muß ferner, wenn er sich ins Freie begibt, seine Lanze zu Haus lassen, was für einen Wilden eine große Entsagung bedeutet, und sich des geschlechtlichen Verkehrs enthalten. Außerdem bemalt er seinen Körper mit schwarzen Linien und zieht einen ebensolchen Streifen quer über das Gesicht von einem Ohr zum anderen. Diesen Enthaltsamkeitsvorschriften muß er mehrere Monate bis zu zwei Jahren nachkommen, man hörte selbst von einer Befolgung derselben auf sechs bis zehn Jahre. Wer dagegen verstößt, lädt großes Unglück auf sich und seine Familie, denn der Geist der Abgeschlachteten läßt ihn nicht in Ruhe. Eine so lange Vorbereitungszeit ist auch darum erforderlich, weil der junge Krieger sich erst die Nahrungsmittel zur Bewirtung der zahlreichen Gäste, die sich zum Fest einfinden, beschaffen muß; er muß Yukka und Bananen säen und sie ernten, um daraus durch Gärung eine ungemeine Menge von Chicha herzustellen; er muß auch große Jagden veranstalten, um das erforderliche Fleisch zu beschaffen, das dann für lange Aufbewahrung besonders zubereitet wird. Der großen Kosten wegen pflegen sich meistens mehrere Jünglinge zusammenzutun. Zum Feste selbst finden sich alle Angehörigen, selbst solche aus den entferntesten Gegenden ein. Ein mit der Leitung der Feier betrauter alter Mann nimmt aus den Händen des Kriegers, der nun wieder mit Lanze erscheint, den Tsantsa entgegen und taucht ihn nacheinander in eine Abkochung von Tabak, in Chicha und schließlich in reines Wasser; nachdem er hierauf den Helden des Tages genötigt hat, sich niederzusetzen, und ihm diese verschiedenen Flüssigkeiten eingeflößt hat, nimmt dieser seine Trophäe wieder in Empfang und hängt sie am Hauptpfosten seines Hauses auf, der mit Blumen, ausgestopften Vögeln und zahlreichen anderen Anhängseln verziert ist. Der Festleiter hält nun noch eine Rede auf den jungen Mann. Hieran schließen sich Tänze der Männer und ein Trinkgelage, meistens sechs Tage lang; dabei wird den verteilten Speisen eifrig zugesprochen. In der letzten Nacht wird noch eine Anzahl fetter Schweine geschlachtet und aus ihrem Fleisch eine Kraftbrühe hergestellt, von der am Morgen des siebenten Tages jeder der Teilnehmer trinkt. Diese kehren dann wieder heim, nachdem jeder von ihnen noch ein großes Stück Fleisch mitbekommen hat. Diese Festlichkeit soll den Zweck haben, den Geist des Getöteten zu versöhnen und geneigt zu stimmen. Fortan wird der Tsantsa zu einer Art Fetisch, der seinem Besitzer und dessen Angehörigen Reichtum, Fruchtbarkeit für die Felder, Glück in der Familie und Sieg über die Feinde sichert.

Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 220. Tukanoindianer vom Uaupé (Nordwestbrasilien) in Festtracht.
Die Lanze, die nur als Schmuck dient, ist an der Spitze mit einer Mosaikarbeit aus winzig kleinen Federn und Menschenhaar, am unteren Ende mit einer Art Klapper versehen. Der linke Arm hält einen Schild aus dünnen Stäben, die ein Band aus Schlinggewächsen zusammenhält.
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 221. Uananaindianer vom Rio Uaupé in Festtracht.
Er trägt ein Stirnband aus gefärbten Federn, von dessen hinterem Ende Federn des weißen Reihers bis zur Erde herabhangen.
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 222. Mädchen der Taulipang (Nordbrasilien) in Festtracht.
Den Kopfputz bildet ein netzartiges Diadem aus Baumwolle; der sonstige Schmuck besteht aus Perlen. Das Gesicht ist mit roten Mustern bemalt.
Phot. Franklin Adams.
Abb. 223. Erntetanz bolivianischer Indianer.
Der mächtige Kopfputz besteht aus Federn. Die begleitende Musik wird auf großen Hirtenflöten und Trommeln gemacht.

Über die religiösen Vorstellungen der südamerikanischen Indianer sind wir nur mangelhaft unterrichtet. So viel scheint indessen aus den bisherigen Beobachtungen hervorzugehen, daß sie auf Animismus und primitivem Dämonenglauben beruhen. Für den Indianer ist die sichtbare Welt mit zahlreichen bösen und guten Geistern bevölkert, die allenthalben in der Luft, im Wasser und auf der Erde wohnen und einen entscheidenden Einfluß auf das Schicksal der Menschen, vor allem auch auf ihren Tod ausüben. Auch Ahnenkultus ist damit verbunden. Daher läuft auch hier das Bestreben der Menschen darauf hinaus, die bösen Geister gut zu stimmen beziehungsweise zu versöhnen. Dies geschieht hauptsächlich durch Tänze, bei denen Masken (Abb. 235, 237 und 240 sowie die farbige Kunstbeilage) eine besondere Rolle spielen. Man trifft diese Tänze, die an unseren Karnevalmummenschanz erinnern, unter den südamerikanischen Waldindianern allenthalben an. Die dabei vorgeführten Masken sind ganz verschiedene. Bei den Kobéua zum Beispiel bestehen sie aus Überzügen von dickem, weißem Bast, die nach bestimmtem Plane mit mancherlei geschmackvollen Mustern bemalt sind, bei den Tikuna in ähnlichen Bastbezügen mit einem Menschen- oder Tierkopfe, der aus Baumwachs über einem Gestell geformt ist. Bei den Karaya sind die Masken walzenförmige Gebilde aus Schilf mit zierlichem Federschmuck, die auf dem Kopfe getragen werden, dazu ein dichter Blätterüberwurf, der den ganzen übrigen Körper bis hinab zu den Zehen umhüllt. Bei noch anderen Stämmen sind es eigentliche Tanzanzüge, aus einem Stück geflochten, zu denen vollständige Beinkleider, Ärmel und eine Kopfbedeckung gehören, und dergleichen mehr. Wir verdanken Koch-Grünberg, der auf seinen Reisen sich in die Vorstellungs- und Empfindungswelt einer Reihe südamerikanischer Stämme einzufühlen verstanden hat, fesselnde Einblicke in die Bedeutung dieser Maskenaufführungen. Bei den Kobéua und Káua werden solche Tänze bei Todesfällen aufgeführt (Abb. 236 und 238). Etwa acht Tage nach dem Begräbnis treten die Männer in der schon geschilderten Tracht auf und führen einen Tanz auf, der von etwa drei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen währt; die Frauen und Kinder nehmen nicht daran teil, sondern sehen nur zu. Jede Maske stellt, so glaubt man, einen Teufel vor; er befindet sich in der Maske, ist in ihr verkörpert, nimmt aber nur vorübergehend von dem Tänzer Besitz, nur so lange, als dieser die Maske trägt. Nach Beendigung des Tanzes tragen die Beteiligten früh am Morgen ihre Masken nach der Dorfwiese, stellen sie auf Stöcken auf, binden die Ärmel der einen mit denen der nächsten zusammen und zünden sie an. Während nun die lange Reihe der Figuren von einem Ende bis zum anderen verbrennt, erhebt sich lautes Wehklagen aller Versammelten. Man behauptet, daß dadurch die Teufel gezwungen würden, wieder aus ihren Hüllen herauszugehen und an ihre gewöhnlichen Wohnorte zurückzukehren, die man wahrscheinlich auf irgend einen hohen Hügel oder in einen Wasserfall verlegt. Der gewöhnliche Sterbliche vermag diese Dämonen nicht zu sehen, wohl aber ist dazu der Medizinmann imstande, weil er mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist; er vermag auch mit ihnen zu sprechen. Die Geister, die man durch diese Tänze zu versöhnen oder an weiteren Untaten zu verhindern trachtet, sind die Geister von Tieren (Abb. 242, 243, 244 und 248), von mehr oder weniger bösen Geistern in menschlicher Gestalt, von Riesen (Abb. 241) oder Zwergen (Abb. 239). Merkwürdigerweise werden vielfach gerade solchen Tieren recht gefährliche Geister zugeschrieben, die besonders harmlos sind. So wird der große azurblaue Schmetterling Tataloko für einen der gefährlichsten Dämonen gehalten; von ihm, der in dem höchsten der Wasserfälle des Uaupé hausen soll, behauptet man allen Ernstes, daß er die Malaria zusammenbraue, so daß alle, die von dem Flußwasser trinken — und in der Tat ist sie wegen des stagnierenden Wassers gerade an dieser Stelle ziemlich verbreitet — die Krankheit bekommen.

Von anderen Stämmen werden Maskentänze aus anderen Anlässen veranstaltet, zum Beispiel von den Yuri, Passé und Tecuna bei Hochzeiten (Abb. 246) oder beim Ausreißen der Haare des neugeborenen Kindes und bei anderen Gelegenheiten. Fast stets sind sie aber mit religiösen (Abb. 247) oder mystischen Vorstellungen verbunden. So sollen die Aufführungen der Kobéua am oberen Uaupé, bei denen Masken in Vogel-, Fisch- und Eidechsengestalt auftreten, bewirken, daß die Männer beim nächsten Zuge des Stammes eine reiche Beute an Wild und Fischen mit heimbringen. Die Tänze werden stets von Musik begleitet. — Auch Federspiele und sonstige Spiele sind bei den Indianern Südamerikas sehr beliebt (Abb. 249 und 250).

Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 224. Ein Taulipang in Festtracht.
Der Kopfputz besteht aus schwarzen und weißen Federn, Armbänder und Gürtel aus geflochtener Baumwollfaser; die Schürze ist europäisches Fabrikat. Pfeil und Bogen werden zum Fischfang gebraucht.
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 225. Tukanoindianer vom Rio Uaupé (Nordwestbrasilien) beim Mahl gelegentlich eines festlichen Tanzes.
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 226. Szene vom Parischeratanz der Taulipang.
Die Teilnehmer ruhen gerade aus. Zum Teil tragen sie Umhänge aus Blattrippen der Inajapalme.

Der Medizinmann spielt im Leben der südamerikanischen Indianer eine wichtige Rolle und wird oft auch sehr von ihnen gefürchtet. Vermöge seiner angeblichen Begabung mit übernatürlichen Kräften vermag er zwischen Menschen und der Geisterwelt Verkehr herzustellen, vor allem mit den Teufeln und den Geistern der Toten sich in Verbindung zu setzen, die ihm oft in Gestalt von Tieren erscheinen, und sie entweder zum Schutze oder zum Schaden seiner Mitmenschen sich dienstbar zu machen. Er tut dies auch in Krankheitsfällen, bespricht die Krankheit, hört auf den Rat der Geister und erfährt zugleich, was für einen Ausgang die Krankheit nehmen wird. Durch Zauberei versucht er, dem bösen Geist, der früher in einem Tiere lebte, jetzt aber in den Körper des Kranken gefahren ist, zu befehlen, daß er diesen wieder verlasse und seine alte Wohnstätte aufsuche. Anderseits ist der Medizinmann auch imstande, Krankheit und Tod über einen Menschen zu bringen, indem er den bösen Geist veranlaßt, von dessen Körper Besitz zu ergreifen. Auf dieser geheimnisvollen Kraft beruht der Einfluß und die Macht, die er auf die Mitglieder seines Stammes ausübt. Um ihnen den Glauben an seinen übernatürlichen Umgang mit der Geisterwelt beizubringen und mehr und mehr zu befestigen, treibt der Medizinmann seine Künste nachts in einer einsamen Hütte, wo er in sehr geschickter Weise alle möglichen Tierstimmen nachahmt und auf diese Weise den Fernstehenden vorspiegelt, daß er sich mit den Teufeln berate, die ihm als wilde Tiere erscheinen. Für gewöhnlich hat er auch die Fähigkeit des Bauchredens; er läßt zwei Stimmen sich miteinander unterhalten, bald so, als ob sie ganz in der Nähe, bald wieder, als ob sie in weiter Ferne wären. Bei seinen Offenbarungen und Heilungen scheint sich der Medizinmann durch Selbstsuggestion und andere Hilfsmittel in einen Zustand von Ekstase oder Zwangschlaf zu versetzen. Er raucht zum Beispiel fürchterlich, nimmt ganze Mengen Schnupftabak und verschiedene betäubende Mittel zu sich, tanzt und singt und macht mit seinem Zaubergerät — meist einer Kürbisklapper — stundenlang ununterbrochen ganz eintönige Musik, bis er selbst in eine Art von Verzückung gerät, in der ihm allerlei Sinnestäuschungen kommen. Hieran schließt sich ein Zustand völliger Betäubung, in dem er trügerische Bilder sieht und Stimmen hört. Diese beschreibt er, sobald er wieder erwacht ist, mit mancherlei Zusätzen und Ausschmückungen. Die Indianer nehmen alles, was er hierbei vorbringt und angeblich im Traumzustand gesehen und gehört hat, für eine Offenbarung. Außerdem treibt der Medizinmann, wenn es sich darum handelt, einen Kranken zu behandeln, noch allerlei Gaukelkünste; er räuchert diesen an, bläst ihm Tabakswolken ins Gesicht oder auf die erkrankte Körperstelle, knetet sie auch oder bespeit sie. Schließlich saugt er an der schmerzhaften Stelle und befördert nach einer Weile irgend einen Gegenstand, den er vorher wohlweislich verborgen gehalten hatte, aus dem Munde, wie einen Knochen, einen Dorn, Muschelschalen, Holzstückchen, Sand, Käfer, Tausendfüßler und Ähnliches; durch den großen, anhaltenden Lärm, das eintönige Gesinge und die anderen Mätzchen, die er macht, übt der Medizinmann auf den Kranken gewissermaßen einen einschläfernden Einfluß aus, so daß dieser schließlich selbst glaubt, daß die Ursache seiner Beschwerden herausgefunden und er nun geheilt sei.

Maskentänzer der Opaina, eines Stammes am Apaporis-River in Brasilien.
Die Bedeutung dieser Tänze, die mit wildem, eintönigem Gesang begleitet werden, ist dunkel. Sie scheinen religiösen Zwecken, namentlich der Versöhnung der Geister zu dienen. Öfters ahmen sie die Tätigkeit von Tieren, z. B. Schwalbe oder Jaguar, nach.
Phot. Joseph Chamberlain.
Abb. 227. Junge Putumayoindianer beim Verzehren selbsterlegter Feinde.
Die Zähne werden als Siegeszeichen getragen.

Die Ausbildung eines Medizinmannes beginnt bereits in seiner frühesten Jugend und dauert oft jahrelang. Der Bewerber muß den Nachweis liefern, daß er die Macht besitzt, einen vertraulichen Verkehr mit der Geisterwelt zu unterhalten. Zu diesem Zwecke zieht er sich an einen einsam gelegenen Ort zurück, fastet hier ein ganzes Jahr lang ohne Unterbrechung, übt Stillschweigen und sonstige Enthaltsamkeit, nimmt starke Brechmittel ein, trinkt auch Tabakwasser und schlägt sich mit wilden Tieren, besonders dem Jaguar, herum oder gibt wenigstens vor, dies zu tun. Gleichzeitig wird der Neuling von einem alten Mitgliede der Brüderschaft in alle Geheimnisse seiner Kunst eingeführt. Man nimmt von einem Medizinmann an, daß er sich in ein Tier verwandeln könne — für viele Stämme ist dies der Jaguar — und daß nach seinem Tode seine Seele nicht nach dem Aufenthaltsort der Seelen der übrigen Menschen wandere, sondern für immer in Gestalt eines bösen Jaguars im Walde umherstreife und den Menschen gefährlich werde.

Wie wir es von anderen Naturvölkern her kennen, haben auch bei den südamerikanischen Indianern die Schwangere und meistens auch ihr Ehemann ihre Lebensweise nach strengen Vorschriften zu regeln; bei den Mauhe zum Beispiel darf die werdende Mutter sich nur von Pilzen, Ameisen und einem Gebäck aus einer bestimmten Pflanze ernähren. Allgemein üblich ist, daß man das Fleisch bestimmter Tiere meidet, um zu verhüten, daß deren schlechte Eigenschaften auf das Kind übergehen. Äße, um ein Beispiel anzuführen, bei den Karaiben von Britisch-Guyana der Vater das Fleisch eines kleinen Vierfüßlers, dann würde das Kind mager und dünn ausfallen, einen bestimmten kleinen Fisch, dann würde es blind zur Welt kommen, von einem Wildschwein, dann würde es einen Rüssel bekommen, von einem besonderen Vogel, dann würde es stumm bleiben.

Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 228. Indianer vom Apaporisflusse beim Wildrösten.
Fische und Wild werden getrocknet und auf einfachen Rosten geräuchert; auf diese Weise wird eine Haltbarkeit von mehreren Tagen und selbst Wochen erzielt.
Phot. J. Brocherel.
Abb. 229. Ein bolivianischer Indianer in Jagdrüstung.
Die gewöhnlichen Waffen sind Bogen und Pfeile, seltener Wurfspeere und Spieße. Bei festlichen Anlässen werden die Zähne oder Federn erlegter Tiere als Schmuck angelegt.

Die Niederkunft der Indianerin geht entweder im Hause der Eltern oder in einer von den übrigen abgesonderten Hütte, auch wohl im Freien im Busche vor sich. In Nordwestbrasilien und Guyana, wo man in größeren Sippenhäusern wohnt, wird der Teil des Hauses, der der in Frage kommenden Familie gehört, von den Wohnungen der übrigen durch Matten abgetrennt. Die Mutter des Mannes leistet bei der Geburt hilfreiche Hand, sofern die Kreißende nicht auf sich selbst angewiesen ist; oft spielt sich der ganze Vorgang in Anwesenheit aller verheirateten Frauen des Dorfes ab. Männer dürfen meistens nicht zugegen sein, nicht einmal der Vater des zu erwartenden Kindes. Verzögert sich die Geburt, dann eilen bei den Payagua und Mbaya die Nachbarinnen mit kleinen Kürbisschalen oder Klappern herbei und schütteln sie eine Zeitlang möglichst kräftig, worauf sie sich wieder entfernen. — Die Nabelschnur wird entweder mit den Zähnen abgebissen, zumal wenn die Frau in ihrer einsamen Gebärhütte niemand zur Hilfeleistung hat, oder mit einem scharfen Steinmesser, einem Bambusspan, einer Muschelschale durchgeschnitten, auch wohl zwischen zwei Steinen zerquetscht, wodurch gleichzeitig die Blutung zum Stillstand gebracht wird. Bei den Macusi von Britisch-Guyana liegt die Durchtrennung der Nabelschnur der Mutter oder der Schwester der Gebärenden ob. Je nach dem Geschlecht des zur Welt gekommenen Kindes wird ein anderes Werkzeug dazu benutzt, bei Knaben ein scharf geschliffener Bambusspan, bei Mädchen ein Stück Pfeifenrohr. Von den Frauen verschiedener Stämme wird berichtet, daß sie früher die Nabelschnur beziehungsweise die Nachgeburt verzehrten.

Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 230. Ein Tukanoindianer vom Uaupé beim Rauchen.
Als Halter für die große Zigarre dient eine schön geschnitzte Holzgabel, die am unteren Ende mit einer Spitze versehen ist, so daß der Halter in die Erde gesteckt werden kann. Die Zauberdoktoren gebrauchen solche Riesenzigarren auch bei der Krankenheilung.

Auch nach der Geburt setzen die Eltern meistens ihre streng geregelte Lebensweise fort. Zunächst halten sie sich wieder an eine bestimmte Ernährungsart oder fasten auch wohl für einige Tage ganz. Bei den Uaupé und Isana besteht ihre Nahrung ausschließlich aus Maniokwurzelmehl und gebackenen Ameisen. Die junge Mutter muß etwa fünf bis zehn Tage lang abgeschlossen in ihrer Hütte verbleiben; ihr Mann leistet ihr dabei Gesellschaft. Keines von beiden darf während einer gewissen Zeit eine Arbeit vornehmen. Bei den Taulipang erstreckt sich der Zeitraum, während dessen die Eltern nicht arbeiten dürfen, auf drei bis vier Monate. Die Frau darf wohl Wasser holen, aber nicht kochen; dies besorgt die Großmutter. Sie darf auch nicht auf dem Felde arbeiten. Ihr Mann darf kein Beil oder Messer anfassen, auch keine Pfeile zurechtmachen, ebensowenig mit einem Bogen schießen, damit er nicht „das Kind am Kopfe schneide, stoße oder treffe“. Jede Übertretung dieser und ähnlicher Verbote, die sich bezüglich der Nahrung für den Vater bei manchen Stämmen auf mehrere Monate, bei den Ipurina sogar auf ein ganzes Jahr erstrecken, würde dem neugeborenen Kinde Unheil bringen.

Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 231. Buhaganaindianer vom Rio Apaporis mit einem drei bis vier Meter langen Blasrohr.
Auf der Brust hängt ein Köcher aus rotem Holz mit vergifteten Pfeilen. Das lange Haar ist von einem Bastband zusammengehalten.

Eine unter den südamerikanischen Indianern ziemlich verbreitete Sitte ist das Männerkindbett. Während die Frau, oft genug sogleich nach ihrer Niederkunft, ihren häuslichen Pflichten nachgeht, zieht sich der Mann für einige Tage in den Raum zurück, wo die Geburt erfolgte, legt sich nieder, wartet und besorgt das Kind und beobachtet für seine eigene Person eine strenge Wöchnerinnenernährung oder fastet auch vollständig, all dies aus Furcht, bei Verletzung dieser Vorschriften könnte das Kind sterben oder wenigstens schweren Schaden nehmen. So glauben die Indianer von Britisch-Guyana, daß das Kind, wenn der Vater ein Nagetier mit stark vorspringenden scharfen Zähnen äße, ein ebensolches Gebiß bekäme, oder wenn er von dem Fleisch eines gefleckten Tieres nähme, das Kind eine scheckige Haut erhielte. Er darf auch nicht rauchen, sich nicht waschen, vor allem auch keine Waffe berühren, nicht einmal sich mit den Fingernägeln kratzen, wenn ihn jucken sollte; er muß in diesem Fall ein Stückchen von einem Blatt oder einen Halm benutzen, die man ihm eigens zu diesem Zweck vor sein Ruhelager legt. Bei den Passé in Ecuador färbt sich der Mann während der Zeit seines Kindbettes schwarz, und seine Frau hält sich einen Monat lang im Dunkeln auf.

Zwillinge werden meistens als ein böses Zeichen aufgefaßt, als Beweis für Untreue der Frau oder Besessenheit von einem bösen Geiste, der mit ihr Verkehr hatte, und daher getötet; manchmal tötet man auch nur einen der Zwillinge. Die Saliva züchtigen ihre Frauen bei einem solchen Vorkommnis auch noch für ihr vermeintliches Vergehen. Im alten Peru legte man den Eltern nach einer Zwillingsgeburt strenge Fasten auf, während deren sie abwechselnd mit je einem gebeugten Knie daliegen mußten, so lange, bis eine in die Kniekehle gelegte Bohne infolge der Wärme zu keimen begann. Darauf führte man das Paar noch an einem Stricke um den Hals öffentlich herum. Damit die vermeintliche Untreue nicht ans Tageslicht komme, begräbt eine Frau der Campa und Anti im heutigen Peru, die Zwillinge geboren hat, verstohlenerweise das zweite Kind lebendig; nur das erste gilt als das wahre Kind des Gatten.

Phot. Sir Everard Im Thurn.
Abb. 232. Schildspiel der Warau
(an der Mündung des Barimaflusses in Britisch-Guyana), die auf diese Weise Streitigkeiten zum Austrag zu bringen pflegen. Dabei sind sie am Oberkörper mit Pflanzenfasern behängt und mit gefärbter Erde bestrichen. Die Spieler stemmen die Schilde gegeneinander und bemühen sich, einander zurückzudrängen.

In Nordwestbrasilien nehmen nach der Geburt beide Eltern und das Kind, wenn die fünf Tage der Abgeschlossenheit vorüber sind, unter ganz seltsamen Förmlichkeiten ein gemeinsames Bad im Flusse. Bei einigen Stämmen Brasiliens (Guarani, Tupinimba) pflegt der Vater seinem Neugeborenen, wenn es ein Knabe ist, unter Ermahnungen zur Tapferkeit kleine Waffen (Bogen und Pfeile) zu übergeben. Einige Tage nach der Geburt gibt der Großvater, seltener der Vater dem Kinde den Namen; bei den Stämmen am oberen Negro ist dieser Vorgang mit einem großen Zechgelage verbunden, zu dem alle Verwandten eingeladen werden. Die Knaben erhalten fast alle zwei Namen, die Mädchen nur einen. Die Namen beziehen sich meistens auf Tiere oder Pflanzen, Flüsse, Gliedmaßen, merkwürdige Ereignisse und Orte oder auf die Namen von Vorfahren oder Paten. Bei einigen Stämmen wird die Mutter des Kindes vor der Namengebung durchgeräuchert.

Abb. 233. Präparierter Jivarokopf (Siegeszeichen).
Abb. 234. Präparierter Feindeskopf der Mundruku.
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 235. Kobéuaindianer beim Tanz.
Man beachte die merkwürdige Form des Hutes, der das Gesicht ziemlich verhüllt, und die Klapper, die sie zum Schlagen des Taktes in der Hand tragen.
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 236. Totentanz der Kobéuaindianer,
der alle zehn bis fünfzehn Jahre veranstaltet wird. Die Gebeine der verstorbenen Angehörigen werden verbrannt, zu Pulver zerrieben und in die Getränke gemischt, die die Festteilnehmer zu sich nehmen; sie glauben sich auf diese Weise die guten Eigenschaften der Verstorbenen anzueignen. Die Tänzer tragen eine Bastbinde um den Hals, unter dem Arm eine Keule und blasen auf Flöten, die mit Fischfiguren verziert sind.

Schädelverbildung kommt gleichfalls bei einigen südamerikanischen Stämmen (Pampa, Araukaner, Patagonier) vor; sie beruht auch hier auf der eigentümlichen Form der Wiege (Lagerung des Kindes auf einem flachen Brett und Festbinden des Kopfes mit einem um das Brett geschlungenen Lederstreifen), die die Mütter, wie es die nordamerikanischen Indianerinnen tun, bei Reisen auf dem Rücken mit sich schleppen oder in der Ruhe senkrecht entweder an einen Baumast hängen oder mit den beiden Spitzen, in die das Wiegenbrett ausläuft, in die Erde stecken. — Das Stillgeschäft zieht sich sehr lange, bis auf drei und vier Jahre, hin. Koch-Grünberg erlebte es bei den Uaupé, daß ein etwa dreijähriger Junge seiner Mutter plötzlich die Zigarette aus dem Munde nahm, ein paar Züge daraus tat und sich ihr dann auf den Schoß setzte, um sich die Brust geben zu lassen.

Sobald das Reifealter eintritt, werden Knaben und Mädchen gewissen Förmlichkeiten unterworfen, um ihren Mut und ihren Gehorsam zu erproben. Diese fallen im allgemeinen ziemlich streng aus und tragen bei einigen Stämmen das Gepräge einer regelrechten Folter. Die Stämme von Nordwestbrasilien und Guyana lassen dem Mädchen das Kopfhaar ganz kurz abscheren. Am oberen Negro geschieht dies auch mit den jungen Männern; sie pflegen das abgeschnittene Haar sorgfältig aufzubewahren und legen es bei besonders festlichen Gelegenheiten wieder an. An die Haarschur schließt sich eine lange Fastenzeit von vier Wochen, während deren es dem Mädchen untersagt ist, das Fleisch größerer Fische und warmblütiger Tiere zu essen; auf das Fasten folgt sodann ein feierliches Bad. Der Vater singt am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang einen langgezogenen, sich gleichbleibenden Ton und gibt eine Liste all der Pflanzen und Tiere bekannt, die das Mädchen fortan essen darf. — Bei den Baniwa von Guyana sitzt das Mädchen während der ersten vier Tage seines ersten Unwohlseins auf einer Matte mitten im Hause; es darf nur kleine Stückchen Maniokbrot verzehren, die ihm die Mutter oder eine weibliche Verwandte von Zeit zu Zeit darreicht, wobei diese aber eine unmittelbare Berührung mit dem Mädchen vermeiden müssen. Am Abend des vierten Tages versammelt sich die ganze Sippe im Kreise um den Medizinmann, der die ganze Nacht hindurch eintönig singt; die Anwesenden begleiten ihn dabei im Chor. Von Zeit zu Zeit bläst er auf eine aus Maniok gebraute Bowle, die dadurch entzaubert werden soll. In der Frühe des anderen Morgens bekommt das Mädchen davon zu trinken, und mit diesem Augenblick rückt es auf die Stufe der heiratsfähigen Frauen des Stammes auf. Es setzt sich sodann auf einen Schemel und erhält von dem ältesten oder angesehensten Mitgliede der Sippe zwei Schläge ausgeteilt. Hierzu wird eine Geißel aus geflochtener Palmfaser benutzt, an deren Ende der scharfe Zahn eines Fisches befestigt ist, so daß jeder Schlag eine blutende Wunde verursacht. Bevor der Alte zum Schlage ausholt, hält er eine feierliche Ansprache an das Mädchen und erinnert es an seine Pflichten der Sippe gegenüber. Das Ende der ganzen Feier bildet eine allgemeine Prügelei von Männern und Frauen, bei der es sehr derb zuzugehen pflegt. Schließlich kommen am folgenden Abend alle männlichen Teilnehmer zu einer Festlichkeit zusammen, um zu tanzen und vor allem auch, um sich tüchtig in Yaraki, einem leicht berauschenden einheimischen Getränk, das aus Maniokwurzel gebraut wird, zu betrinken. Dabei sind alle wieder gut Freund und vergnügt. Das Fest beginnt mit einem Maskentanz. Alle Beteiligten tragen Masken von verschiedenen Tieren und ahmen auch deren Stimmen und Gangart nach; dabei wird ein ohrenbetäubender Lärm mit Trommeln, Trompeten und Flöten gemacht. Man will dadurch den obersten aller bösen Geister, namens Mauari, und seine teuflischen Anhänger versöhnen. Frauen dürfen bei diesem Maskentanz nicht zugegen sein; sollte eine Frau etwa den Mauari zu sehen bekommen, dann würde der Tod ihr Los sein: ihr Vater, Gatte, Sohn oder Bruder oder, wenn keiner von diesen mehr am Leben sein sollte, ihr nächster sonstiger Verwandter ist gehalten, sie zu töten. — Bei den Taulipang artet die Mannbarkeitserklärung der jungen Mädchen in eine wirkliche Peinigung aus. Man setzt ihnen große schwarze Ameisen, die sich in einem Netz verfangen haben, mit diesem auf die Handflächen, Arme, Lenden und Fußsohlen; der Schmerz, den der Biß der zornigen Tiere hervorruft, ist äußerst heftig und hält stundenlang an. Die Großmutter des Mädchens, in selteneren Fällen die Mutter, tatauiert ihm die Mundwinkel mit dem Stammesabzeichen, wobei sie eine Kohle aus dem verbrannten Körper einer Honigbiene als Farbe benutzt; dies tun sie, „damit aller Kaschiri“, den sie aus der geriebenen Maniokwurzel herstellen, „süß wie Honig sei“. Außerdem wird dem Mädchen das Haar im Nacken abgeschnitten. Es muß ein paar Tage in der Hängematte verbleiben, die von dem übrigen Wohnraum der Familie durch einen Verschlag getrennt ist. Es darf währenddessen nur seine nächsten weiblichen Verwandten sehen, damit es nicht „das Gefühl der Sittsamkeit verliere“. Die Großmutter stellt ihm Sandalen aus Palmenstielen her und bestreicht ihm den ganzen Körper mit roter Farbe. Darauf schlägt ein alter Mann, für gewöhnlich der Großvater, das Mädchen mit einer Palmfaserpeitsche, deren Spitzen mit rotem Pfeffer eingerieben sind, damit die entstehenden Wunden auch tüchtig schmerzen. Für eine Reihe Monate muß das Mädchen außerdem noch eine streng geregelte Lebensweise befolgen: es darf nur ganz kleine Fische und solche Gerichte essen, die aus Maniok zubereitet sind; es darf sich das Haar nicht mit der Hand glätten, sondern muß einen Palmstiel dazu verwenden; auch darf es nicht an der Feldarbeit teilnehmen, keinen Korb tragen, kein Messer oder Beil anfassen, weil es sonst Schmerzen am Kopf und an den Armen bekäme; selbst lautes Sprechen ist ihm untersagt; ebenso, das Feuer mit dem Atem anzufachen, weil ihm sonst schwindlig werden könnte (es darf nur den Fächer benutzen). Sind fünf oder sechs Monate unter solcher Lebensweise verstrichen, dann bläst die Großmutter über alle Gegenstände hin, die dem Mädchen gehören, indem sie streng vorgeschriebene geheimnisvolle Formeln hersagt, um zu verhüten, daß aus der Benutzung dieser Dinge irgend ein Unglück entstehe. Ähnlichen Martern, wie soeben geschildert, begegnen wir bei den Karaiben von Britisch-Guyana sowie bei verschiedenen Amazonasstämmen, wie den Mundurukú, Tekúna, auch bei den Stämmen am Uaupéflusse. Im Gran Chaco sind solche Gebräuche unbekannt; hier wird der erste Eintritt der Regeln nur durch Tänze gefeiert. Bei den Ashluslay zum Beispiel steht das Mädchen mit verhülltem Gesicht da und die älteren Frauen tanzen um dasselbe herum mit Stöcken in den Händen, an die Klappern aus Tierklauen gebunden sind, während die Männer mit Kalebassen, in die man Getreidekörner getan hat, den Takt dazu schlagen. — Bei den Chané und Chiriguano wird das der Reifezeit sich nähernde Mädchen in einem Verschlag der elterlichen Hütte, einer Art Schrank, eingepfercht und ihm das Kopfhaar kurz geschnitten. Erst wenn dieses wieder halblang gewachsen ist, erlangt es seine Freiheit zurück. Es darf während jener Zeit sein „Gefängnis“ nur in Begleitung der Mutter verlassen, um die notwendigsten Dinge zu verrichten, zum Beispiel zu baden; zur Nahrung erhält es während der Einschließung ausschließlich gekochten Mais. Sobald seine Zurückgezogenheit abgelaufen ist, gilt das Mädchen als heiratsfähig.