Phot. C. Faist, Schramberg.
Abb. 278. Festzug in Alpirsbach.

Hinlänglich bekannt sind die an dem nächsten christlichen Fest, Mariä Lichtmeß (2. Februar), vorgenommenen Handlungen und Gebräuche, die noch recht deutlich ihren heidnischen Ursprung erkennen lassen. Ein eingehenderes Verweilen verdient der Valentinstag (14. Februar), der auf den Britischen Inseln Anlaß zu volkstümlichen Gebräuchen bietet. Hierunter ist in erster Linie das Valentinwählen zu nennen. Die junge Welt auf dem Lande meint allgemein, daß diejenigen Personen, die sich am Morgen dieses Tages zuerst erblicken, zu Ehegatten beziehungsweise Ehegattinnen bestimmt seien; natürlich sind Verliebte und alle die, die einem solchen Paar wohlwollend gesinnt sind, bestrebt, es nach Möglichkeit so einzurichten, daß sich die Richtigen zuerst zu Gesicht bekommen. Die Jünglinge stellen sich oft schon vor Sonnenaufgang in der Nähe des Hauses auf, in dem ihre Auserwählte wohnt, oder an einer Stelle, wo sie vorüberkommen muß; die Mädchen setzen sich am frühen Morgen mit geschlossenen Augen ans Fenster und warten so lange, bis sie die Stimme desjenigen vernehmen, den sie gern haben möchten. In den Städten ist es Brauch, sich gegenseitig kleine Geschenke scherzhafter Art (Valentine genannt), besonders Karten mit zwei Herzen, die von Liebespfeilen durchbohrt werden, mit der Post zu übersenden oder diese Karten an einen Apfel oder an eine Apfelsine gebunden persönlich zur Tür hineinzuwerfen. Ein anderer Brauch, der früher bis nach Nordfrankreich und selbst nach Lothringen hin verbreitet war, besteht darin, daß die jungen Leute am Vorabend des Valentinstages zusammenkommen und jeder seinen Namen auf einen besonderen Zettel schreibt, worauf man der Reihe nach die Namen der jungen Burschen und Mädchen paarweise verliest; die auf solche Weise Zusammengekommenen sind bis zum nächsten Jahre Valentin und Valentine und halten bei allen vorkommenden Gelegenheiten mehr oder weniger als solche zusammen.

Phot. The Exclusive News Agency.
Abb. 279. Schwedischer Spinntanz.
Bei den Schweden sind Tänze üblich, in denen allerlei Tätigkeiten, wie Spinnen, Weben, Säen, Ernten, Dreschen, sinnreichen Ausdruck finden.

Mit dem Valentinstag sind wir bereits in die Fastenzeit hineingekommen. Das Fasten, das heißt die Enthaltsamkeit von allen oder gewissen Speisen, meistens Fleischspeisen, ist eine uralte religiöse Einrichtung, die sich schon bei den Kulturvölkern des Altertums und ebenso noch bei den Naturvölkern der Gegenwart nachweisen läßt. So kennt auch die christliche Kirche eine Fastenzeit von vierzig Tagen mit Rücksicht darauf, daß Moses, Elias und Christus die gleiche Zeit über sich der Speisen enthielten. Es leuchtet ein, daß die Menschen sich für die durch die Fasten ihnen auferlegten Entbehrungen entweder vorher oder nachher schadlos zu halten suchen; daher begegnen wir wohl überall, wo die Religion längere Fasten vorschreibt, möglichst viel Genüssen und größerer Ausgelassenheit vor oder nach der Zeit der Entbehrungen. Wir können hier nur einen kleinen Teil der zahlreichen Gebräuche und Belustigungen aufzählen, die in den Gauen der nordeuropäischen Länder vorkommen; ihnen allen liegt mehr oder weniger der Gedanke eines Kampfes zwischen Licht und Finsternis, zwischen Frühling und Winter zugrunde, bei dem der siegende Teil seinen Spott an dem überwundenen ausläßt. Als solche Volksbelustigungen (Abb. 304, 307, 311 und 312) führen wir unter anderen an das Eselreiten am Rhein, das Ringreiten in Westfalen, das Hudlerlaufen in Bayern und Tirol, das Topfschlagen und Sacklaufen in Skandinavien und Schleswig-Holstein, das Schönbartlaufen in Süddeutschland, besonders in Nürnberg, und den Metzgersprung in München. Wir erinnern ferner an die prunkhaften Umzüge des Prinzen Karneval in Mainz, Köln, München und in anderen Städten des westlichen und südlichen Deutschlands.

Phot. The Sport & General Preß Agency.
Abb. 280. Morristänzer in Stratford-on-Avon.
Der Morris ist einer der ältesten Tänze Englands, ein Überbleibsel aus den Tagen Robin Hoods und seines lustigen Gefolges.

Der Karneval erreicht seinen Höhepunkt am sogenannten Rosenmontag und endet am darauffolgenden Fastnachtdienstag; an diesem Abend wird vielfach der Schluß der lustigen Karnevalszeit in den Familien mit einer Festlichkeit begangen, an der in Norddeutschland Pfannkuchen und Punsch nicht fehlen dürfen. Der darauffolgende Tag, der Aschermittwoch, stellt den Tag der Buße dar, denn an diesem Tage setzt die Fastenzeit ein. Eine am Aschermittwoch weitverbreitete Sitte ist das Stäupen (auch Kindeln oder Peitschen genannt) mit Birkenruten (dem heiligen Baum des Donar); damit soll das Austreiben der bösen Geister angedeutet werden, von denen die Menschen besessen sein könnten, ursprünglich aber wohl das Vertreiben des Winters durch den hereinbrechenden Frühling. Alle Langschläfer werden unsanft aus ihrem Schlummer geweckt und gestäupt oder wenigstens auf ihre Bettdecke mit Ruten geschlagen. Eltern und Kinder wetteifern miteinander, als die ersten aufzustehen, um dem Verhängnis zu entgehen. In Schleswig-Holstein muß der Langschläfer eine Hedwig spenden, ein gewürztes Brötchen in Keilform (Keil = wegg ist der Hammer des Thor). Hedwig ist durch Verunstaltung aus Hollewig hervorgegangen, einem Wort, das wieder mit der Göttin Holle zusammenhängt. Die Hedwig ist nicht das einzige Fastengebäck; man kennt in Deutschland noch eine ganze Reihe von Formen und Bezeichnungen der verschiedensten Art, wie Fastenbretzeln, Krapfen, Öhrle, Küchel, Heißwecken und so fort, die nur zur Fastenzeit hergestellt werden.

Phot. Wilhelm Müller, Bozen.
Abb. 281. Schuhplattler im Pustertal.

Das Wort Fastnacht hat ursprünglich nichts mit dem Fasten zu tun, es hängt vielmehr mit dem alten deutschen Worte vahsen, das heißt in großer Ausgelassenheit toben, zusammen. In alten Zeiten gab es die Vahsnächte, die mit Mariä Lichtmeß begannen und sich bis Ostern hinzogen, in christlicher Zeit aber mit dem Beginn der Fastenzeit endeten. Weil man sich in diesem Zeitraume erst noch einmal ordentlich austoben wollte, bevor man sich Buße, Entbehrungen, Fasten auferlegte, wurde das Wort Vahsnacht in Fastnacht umgewandelt. In die Vahsnächte fiel auch der Frühlingsanfang, der Zeitpunkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche, an dem der Frühling über den Winter endlich die Oberhand gewinnt, was Anlaß zu ausgelassener Freude gab. Nach der alten Sage wurde die Sonnengöttin vom Winterriesen geraubt und in ihrer Eisburg gefangengehalten; um den Menschen den Lenz bringen zu können, mußte sie befreit werden. In dieser Auffassung finden zahlreiche Spiele der Kinder ihre Erklärung. In Schleswig-Holstein wurde von den Kindern bis in die Neuzeit herein ein Spiel gespielt, bei dem sie einen Kreis (Mauer) mit einer in der Mitte sitzenden Person, der Königstochter (Sonnengöttin), bildeten und die übrigen Mitspielenden außerhalb des Ringes standen. Zwischen beiden Parteien entspann sich nun ein Wechselgesang, bei dem die Außenstehenden den Wunsch aussprachen, zur Königin gelangen zu wollen, die den Ring Bildenden aber ihnen den Zutritt verwehrten und schließlich nur unter der Bedingung gestatteten, daß sie die Mauer zerbrächen. Darauf stürmten die Außenstehenden die Kette, sprengten sie und führten die Königstochter im Triumphe davon. Anderen ums Frühjahr herum üblichen Spielen, wie Hahnschlagen, Katzenschlagen, Ringreiten, Türkenstechen, Rolandreiten und ähnlichen, liegt dieselbe Bedeutung zugrunde. Hahn und Katze, der eine dem Donar, die andere der Freia geweiht, sitzen unter dem Topfe; man sucht mit verbundenen Augen in die Nähe des Topfes zu gelangen und diesen zu zertrümmern, aber nicht um die Tiere zu töten, sondern um sie zu befreien. Beim Türkenstechen, Rolandreiten und so weiter handelt es sich um eine Art Kampfspiele, in denen Roland oder die Türken gleichbedeutend mit den Winterriesen sind.

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 282. Blumengeschmückte Tänzer in der Zentralschweiz.
Abb. 283. Alter Volkstanz der oberschlesischen Jugend (Gegend von Tarnowitz).

Auch das Osterfest war ursprünglich ein Frühlingsfest, obgleich es sich, oberflächlich betrachtet, aus dem jüdischen Passah- oder Pesachfeste entwickelt hat, dem Feste zum Gedächtnis des Auszuges der Kinder Israel aus Ägypten, das mitzufeiern Jesus nach Jerusalem eingezogen war. Das Passahfest, das das nachweisbar älteste Fest der Juden ist und in Wirklichkeit schon lange vor der Zeit ihres Auszuges aus Ägypten gefeiert wurde, ist keineswegs als ein den Israeliten eigentümliches Fest anzusprechen, sondern war, wie die in noch früheren Zeiten in Ägypten und Babylonien begangenen Festlichkeiten, ursprünglich ein Frühlingsfest, ein Fest, an dem man Gebete an die Götter richtete, um Fruchtbarkeit für Tiere und Pflanzen von ihnen zu erreichen. Die alten Deutschen kannten gleichfalls ein Frühlingsfest, das sie zu Ehren ihres Gottes Thor und seiner Schwester Ostara oder Eostra feierten. An seine Stelle setzte die christliche Lehre das Passahfest. Mit allen Mitteln versuchte sie, den von den Juden überkommenen Namen für dasselbe beizubehalten; indessen blieb die Erinnerung an die heidnische Göttin in den Bezeichnungen Ostern und Easter beim deutschen und englischen Volke erhalten.

Phot. The Topical Preß Agency.
Abb. 284. Schwedischer Volkstanz unter freiem Himmel (Dalekarlien).
Phot. Donald Mc Leish.
Abb. 285. Ein Älpler mit einem Riesenalphorn,
das jetzt noch benutzt wird, um das Vieh von der Weide heimzurufen.
Phot. Rudolf Jobst, Wien.
Abb. 286. Tiroler Tanz (Schuhplattler)
auf einem Tanzboden im Freien (Zillertal).

Das heilige Tier der Ostara war der Hase, ihr Lieblingsopfer waren Eier; beide galten als Sinnbilder der wiedererwachenden Natur und der Fruchtbarkeit, die im besonderen der Frühling mit sich bringt. Osterhase und Ostereier sind daher eng mit den deutschen Ostergebräuchen verknüpft. Lange vor dem Fest sammelt die Hausfrau möglichst viel Eier an, färbt und bemalt sie mit schönen Mustern (Abb. 305) und versteckt sie am Ostermorgen, in kleine Nestchen gelegt, auf die wiederum ein Osterhäschen gesetzt wird, im Haus, im Garten oder auf der Wiese, wo die Kinder sie dann suchen. Auch Erwachsene beschenken sich gegenseitig mit Ostereiern, wie die heidnischen Altvordern es bereits taten; indessen sind an Stelle der ursprünglichen Hühnereier jetzt zumeist Schokolade- oder Zuckereier, auch wohl Eier aus Porzellan oder Metall getreten, die die auserlesensten Erzeugnisse des Zuckerbäckers, in wohlhabenden Kreisen unter Umständen auch Gegenstände kostbarerer Natur, Goldsachen und Juwelen, als Inhalt in sich bergen. Mit den Ostereiern wird von den Kindern mancherlei Kurzweil getrieben. Sehr verbreitet ist das Eierpicken (Abb. 306). Zwei Spieler verbergen in der hohlen Hand ein Ei, so daß nur die Spitze hervorsieht, und picken, das heißt stoßen die beiden Eierspitzen aneinander; wessen Ei dabei unversehrt bleibt, der erhält das seines Gegners. Ein anderes am Ostertage sehr beliebtes Volksspiel ist das Eierkullern oder Eierwalen (Abb. 309). Auf einem Hügelabhang oder einer kleinen, besonders dazu hergerichteten und geglätteten schrägen Bahn lassen die Spieler die Eier hinabrollen; wessen Ei die der anderen trifft oder überholt, der hat gewonnen. Vielfach sind die Eier außer Gebrauch gekommen; an ihre Stelle sind Äpfel, Pfefferkuchen, sogar Würste getreten, die man den Abhang hinabwirft, worauf sich die zahlreich unten versammelten Kinder um sie balgen. In Süddeutschland wie auch in der Schweiz betreibt man das Eierlaufen. Auf einer abgesteckten Bahn, am besten auf einer Wiese, werden ein paar hundert Eier in Abständen von je einem Meter verteilt und am Anfang derselben ein Korb aufgestellt. Ein Teilnehmer an dem Spiel muß nun jedes Ei einzeln aufheben, zum Korbe zurückgehen und das Ei hineinlegen. Währenddessen läuft ein anderer zu einem etwa eine halbe Stunde entfernten Nachbardorf, um sich hier zu melden, und begibt sich ebenso schnell wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück (Abb. 308). Wer nun seine Aufgabe zuerst gelöst hat, gilt für den „König“. Allerlei Lustbarkeiten schließen sich an dieses Eierlaufen an.

Phot. Wilhelm Müller, Bozen.
Abb. 287. Inneres einer Pustertaler Hütte mit Hausweberei.

Die am Gründonnerstag gelegten Eier schätzt das Volk besonders hoch ein. In Süddeutschland behauptet man, daß diese bereits in der Henne geweiht seien, ehe das Tier sie legt, und am Ostertage durch den Priester eine zweite Weihe erhalten, so daß sie nunmehr eine besondere Wirksamkeit besitzen. Am Ostersonntag nüchtern getrunken, verleihen sie außergewöhnliche Kräfte, schützen vor Blitzgefahr, machen stichfest und so weiter. In der Oberpfalz und in Oberfranken vergißt der Hausherr niemals, ein Gründonnerstagsei zu essen, um gegen allerlei Krankheit gefeit zu sein. Er gibt ein an diesem Tage gelegtes Ei sogar dem Vieh zu fressen oder teilt ein solches in zwei Hälften, von denen er die eine, in ein Läppchen eingewickelt, im Pferde-, die andere im Kuhstall aufhängt, um dadurch Viehseuchen fernzuhalten. In Pommern steckt der Bauer jedem Stück Vieh vor dem ersten Austreiben ein Ei ins Maul und zwingt es, dasselbe hinunterzuschlucken; dadurch sollen die Kühe so rund wie die Eier werden. In anderen Gegenden werden bei dem Beginn der Feldarbeit zahlreiche Gründonnerstagseier über den Acker verstreut oder unter das Korn gemischt, um große Fruchtbarkeit zu erzielen oder die Saat vor Hagel zu schützen. Auch wirft man bei einem losbrechenden Gewitter ein solches Ei über das Dach des Hauses, um dieses vor Blitz zu schützen. Sieht man in der Kirche bei Sonnenschein durch ein solches Ei, dann vermag man die in der Gemeinde vorhandenen Hexen zu erkennen; überhaupt kann jeder, der ein solches Gründonnerstagsei bei sich trägt, vieles erkennen, das anderen Menschen verborgen bleibt.

Abb. 288. Schwarzwälder Bauernhaus.
Phot. J. Valentine.
Abb. 289. Ein Hornbläser in Ripon.
In Ripon besteht noch jetzt die alte Sitte, jeden Abend um neun Uhr blasen zu lassen, zuerst auf dem Marktplatz und dann vor dem Bürgermeisterhause.

Sehr verbreitet ist der Glaube an die heilende und verschönende Kraft des Osterwassers und an die reinigende des Osterfeuers. Die Sitte des Osterwasserschöpfens hängt wohl mit der Vorstellung zusammen, daß die Erde in derselben Weise, wie sie dem in sie hineingelegten Samen den Trieb zum Sprossen und Blühen mitteilt, so auch dem aus ihr fließenden Wasser eine besondere Kraft verleihe. Um Mitternacht oder wenigstens vor Sonnenaufgang müssen die jungen Mädchen an einen fließenden klaren Bach oder auch an den Dorfbrunnen (Abb. 313) gehen und daraus schöpfen. Während bei dieser Beschäftigung in den meisten Gegenden das Sprechen verpönt ist, wird es in anderen wieder gestattet oder sogar gefordert, insofern man einen bestimmten Spruch beim Schöpfen hersagen muß. In jenen suchen die Burschen, die die jungen Mädchen begleiten, sie aus Übermut durch allerhand Neckereien zum Sprechen oder Lachen zu bringen, und wer nun gegen die Vorschrift des Schweigens verstößt, für den ist die Zauberkraft dahin. Diese aber ist in den Augen des Volkes eine ganz außerordentliche. Osterwasser ist gleichsam ein Allheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten. Besonders gern wird es gegen Hautkrankheiten angewandt; es soll dem Gesicht Schönheit und Anmut verleihen. Man kocht auch die Speisen am Ostertage mit solchem Wasser; ferner füllt man es auf Flaschen oder in Fässer, um es später gegen allerlei Gebrechen zu trinken. Ähnliche Kräfte werden dem Ostertau sowie etwa am Ostermorgen gefallenem Schnee zugeschrieben.

Phot. J. Brocherel.
Abb. 290. Das Hornussen, ein Volksspiel der Schweizer.
Die eine Partei schlägt den Ball mit einem Schläger möglichst hoch in die Luft, während die andere ihn, bevor er die Erde erreicht, mit hölzernen Scheiben aufzufangen sucht.
Phot. The Tourist Traffic Society of Sweden.
Abb. 291. Weihnachtsfeier in Schweden.
Die an den Christbaum gesteckten Lichter werden am Heiligen Abend angezündet. Am anderen Morgen vor der Christmesse pflegt man die Lichter noch einmal anzuzünden und ins Fenster zu stellen.

Die Sitte der Osterfeuer geht auf die reinigende Kraft der Flamme zurück, mit der ursprünglich die Hexen und Dämonen des Winters vertrieben werden sollten. In vielen Gegenden Deutschlands pflegt das Volk am Abend des ersten Ostertages mit Vorliebe auf Anhöhen, alten Opferstätten oder sonst durch Überlieferung geheiligten Plätzen haushoch aufgetürmte Haufen Holz oder Reisig als Osterfeuer anzuzünden. Vielfach wird noch mit Musik in festlichem Zuge zu der Stätte hinausgezogen und getanzt oder sonstwie gefeiert; auch die Kinder beteiligen sich mit allerlei Schabernack dabei. In einzelnen Gegenden läßt man mit Teer gefüllte Tonnen oder flammende Wagenräder die Berge hinunterrollen und begleitet diesen Vorgang mit lautem Gejohle. Der Glaube an die reinigende Kraft des Feuers tritt noch in einer ganzen Reihe anderer Gebräuche zutage. Im Braunschweigischen behauptet man, daß, soweit die Helle der Osterfeuer reiche oder der Rauch hinziehe, die Felder fruchtbar würden und von Hagel und Mißwachs verschont blieben; die Häuser in diesem Umkreis seien vor Feuersbrunst und Blitzschlag, ihre Insassen vor Krankheit geschützt. Man pflegt auch vielfach die Asche des heruntergebrannten

Feuers auf die Äcker zu streuen oder unter das Futter beziehungsweise die Saat zu mischen, um Gedeihen für Tiere und Pflanzen zu erzielen. In der Altmark malt man mit Kohle das Zeichen des Kreuzes an die Haustür, um seine Bewohner vor Hexen zu schützen, und mehr dergleichen. In katholischen Gegenden werden am Ostersonntagmorgen überall auf den Dörfern die Speisen geweiht. Nach dem Gottesdienst drängen sich Frauen und Mägde um einen der Seitenaltäre zusammen und setzen hier ihre Körbchen nieder, in denen Osterspeisen liegen, in der Hauptsache mit Rosinen reichgespickte Kuchen, ein Stück Schinken und Salz. Der Priester spricht über sie den Segen aus. Die Speisen werden sodann mit besonderer Andacht zu Mittag gegessen, das Salz aber wird vielfach aufgehoben und muß das ganze Jahr hindurch als Heilmittel gegen Krankheit bei Menschen und Vieh dienen. Wie zu Weihnachten, so bäckt man auch zu Ostern besondere Gebäcke, die man in Sachsen Osterfladen, im Elsaß, in Oberbayern und in Böhmen Osterlaibel, in Wien Osterflecken nennt. Es sind meistens dünne, flache Kuchen, die auf das Sonnenrad anspielen. — Auch Umzüge finden zu Ostern hier und dort noch statt. In Wittichenau in Schlesien zum Beispiel setzen sich die männlichen Dorfbewohner auf festlich geschmückten Pferden von der Kirche aus in Bewegung; vor ihrem Aufbruch übergibt der Pfarrer den Teilnehmern ein Kruzifix und ein geweihtes Banner, jeder Reiter nimmt noch ein Psalmbuch mit, aus dem während des Rittes, dessen Ziel die umliegenden Dörfer sind, vorgelesen und gesungen wird (Abb. 310).

Märk. Provinzial-Museum, Berlin.
Abb. 292. Berliner Weihnachtspyramide.

In England haben sich wieder ganz andere Osterbräuche erhalten, wenngleich manche in den Städten bereits so gut wie ausgestorben sind. Am Ostermorgen scharen sich die jungen Burschen zusammen und umringen jedes junge Mädchen auf der Straße mit den Worten: „Lösen Sie gefälligst Ihre Schuhe ein.“ Wenn es nicht sofort einen Penny spendet, zieht man ihm die Schuhe mit Gewalt aus, so daß es ohne solche nach Hause zurückkehren muß. Am Abend oder am nächsten Morgen nehmen die Mädchen dann aber Rache, indem sie von den Männern eine Hutsteuer verlangen und, wenn ihnen diese nicht sofort gezahlt wird, die Hüte der Betreffenden unfehlbar ins Feuer wandern lassen. Eine andere Steuer wird in der Gemeinde Hungerford (Berkshire) am dritten Osterfeiertag von allen Einwohnern erhoben; die Taxe lautet für jeden Mann auf einen Penny, für jede Frau auf einen Kuß. Wenn der Morgen graut, bläst der Chor der Stadtmusikanten vom Balkon des Rathauses seine Weisen, und wenn der letzte Ton verklungen ist, eilt alles auf die Straße, jede Frau und jedes Mädchen wird geküßt, und jeder Mann muß einen Penny bezahlen; dabei werfen alle Beteiligten Nüsse, Apfelsinen und Kupfermünzen unter die Kinder. In einzelnen Orten von Lancashire, Cheshire und im nördlichen Wales wird noch der alte Brauch des „heaving“ geübt, bei dem die Männer die Frauen (und umgekehrt) hochheben und dann küssen dürfen. Am Ostermontag genießt die männliche Bevölkerung dieses Vorrecht, am Osterdienstag die weibliche, und diese macht es sich nicht weniger zunutze als jene.

Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 293. Das Fest des heiligen Nikolaus in Utrecht.
Der Nikolaus oder Klaus sitzt zu Pferde und führt in der Satteltasche allerhand Spielzeug mit, das er des Nachts den Kindern bringt. Sein Knappe Piet hat neben Rute und Sack für unartige Kinder Süßigkeiten bei sich, die er an die Straßenjugend verteilt.

Bevor wir weitergehen, wollen wir noch kurz der volkstümlichen Gebräuche gedenken, die an den drei Festtagen der Karwoche, am Palmsonntag, am Gründonnerstag und am Karfreitag, geübt werden. In katholischen Gegenden Österreichs und Süddeutschlands pflegt man die jungen Triebe der Birken, Weiden, Haselnußbüsche und anderer Sträucher am Sonntag vor Ostern auf feierliche Weise vom Priester einsegnen zu lassen; sie werden dann entweder an die Gläubigen verteilt oder gegen ein paar Pfennige Gotteslohn verkauft. Denn diesen geweihten Zweigen, den sogenannten Palmen — in der Schweiz haben solche Palmen die Gestalt hoher Bäume angenommen (Abb. 314) — wohnt eine geheimnisvolle Macht inne. Die Wohnräume, die man mit ihnen schmückt, bleiben von Unheil verschont; man erreicht dasselbe auch, wenn man diese Kätzchen, wie sie auch heißen, auf glühende Kohlen des Herdes wirft. In der Umgebung Prags schlägt man die Knaben und Mädchen mit den Palmbüscheln, damit sie in der Schule nicht faul werden. In ähnlicher Weise schlagen die badischen Bauern ihr Vieh in der Form eines Kreuzes auf den Rücken, damit es gesund bleibe und reichlich Milch gebe. — Eine ganz eigenartige Sitte ist der Tallsackenmarkt, der am Palmsonntag in Warmbrunn in Schlesien abgehalten wird. Was diesem Jahrmarkt zu seinem Namen und zu seiner Beliebtheit bei alt und jung verholfen hat, das sind die Tallsäcke, die in Unmasse zum Verkauf gestellten, aus Semmelteig angefertigten menschlichen Figuren beiderlei Geschlechts. Die gangbarsten dieser verschiedenen Gebilde haben Augen aus Korinthen und drücken mit den nudelförmigen Armen ein buntgefärbtes Ei an die Brust. Damit der Käufer auch wisse, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Tallsack handelt, bringt man im Gesicht des ersteren als Andeutung des Bartes kleine Teigröhrchen an.

Phot. Carl Seebald, Wien.
Abb. 294.
Krampusverkäufer auf den Straßen Wiens.

Der Gründonnerstag hat seinen Namen wahrscheinlich von der heidnischen Sitte erhalten, um diese Zeit die Erstlinge der Felder, die ersten grünen Gemüse, den Göttern zu opfern; diese Sitte kehrt in dem christlichen Brauch wieder, am Gründonnerstag entweder gänzlich zu fasten, was wohl mit dem Genuß des heiligen Abendmahls zusammenhängt, oder doch sich auf den Genuß grünen Gemüses zu beschränken. Daher schreibt die Volksitte noch jetzt vor, an diesem Tage Blumenkohl, Rapunzeln, Spinat, Schnittlauch, Sprossenkohl, Brennesseln, Taubnesseln, Kerbel, Scharbockskraut, Pimpernelle, Malven und andere Frühlingsgewächse zu verspeisen. Sie werden entweder als einziges Gericht (Salat) oder mit Teig verbacken genossen; in Böhmen sind dies die sogenannten Spinatkrapfen, in Schwaben die Laubfrösche oder Maultaschen. Von sonstigen Gründonnerstagspeisen erfreut sich noch großer Beliebtheit der Honig. Man nimmt an, daß dieser bei den Opfern, die man dem Thor darbrachte, eine große Rolle spielte. Daher schreibt man dem Genuß des Honigs zur Osterzeit, der besonders am Gründonnerstag auf keinem Tische fehlen darf, besondere Heilkräfte zu. Ein Honigbrot, das man an diesem Tage nüchtern verzehrt, soll vor dem Biß toller Hunde und giftiger Schlangen schützen. In Böhmen werfen die Knechte, nachdem sie sich am Ostermorgen durch Waschen in fließendem Wasser gereinigt haben, einen mit Honig bestrichenen Brotbissen in den Brunnen, um das Wasser vor Ungeziefer zu bewahren, oder spritzen zu demselben Zweck mit einer Rute Honig im Zimmer umher; auch legen sie mit Honig bestrichene Brotscheiben in die junge Saat oder binden vor Sonnenaufgang durch Honig gezogene Fäden um die Obstbäume, um deren Fruchtbarkeit zu steigern.

Eine in katholischen Fürstenhäusern übliche Zeremonie des Gründonnerstages ist die Fußwaschung, wie sie unter anderem an dem Kaiserhofe zu Wien in Anwesenheit des ganzen Hofstaates, der Minister und Diplomaten am Vormittag dieses Tages in der Hofburg an zwölf Greisen vom Kaiser selbst unter großer Feierlichkeit vorgenommen wird. An die Waschung schließt sich die Speisung von zwölf Armen an. Auch bei den Mennoniten und den Mitgliedern der Brüdergemeinde ist die Fußwaschung üblich. In dem protestantischen England begnügt man sich bei Hofe damit, Speisen an Arme zu verteilen, und zwar an so viel Personen, als der König und die Königin zusammen Jahre zählen. Die Speisen werden für jeden Armen, der damit bedacht werden soll, sorgfältig in einen Korb verpackt, weswegen der Gründonnerstag in England auch den Namen Korbdonnerstag führt. Etwas Ähnliches hat sich in Antwerpen erhalten. Hier werden im St.-Julien-Hospiz an diesem Tage zwölf Armen, die indessen sich schon an einer Pilgerfahrt beteiligt haben müssen, an einer Tafel die auserlesensten Gerichte und Getränke vorgesetzt. — Daß in christlichen Ländern am Abend des Gründonnerstags das Abendmahl zur Erinnerung an seine Einsetzung durch Christus mit besonderer Feierlichkeit von den Gläubigen genommen wird, verdient ebenfalls hervorgehoben zu werden.

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 295. Eine Maske in Appenzell,
wie sie am St. Nikolaustage unter Begleitung der Einwohner durch die Straßen laufen.
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 296. Teilnehmer an einer Maskerade am Nikolaustage zu Appenzell.
Die Ketten, die sie sich umgehängt haben, bestehen aus großen Glocken.

An den Karfreitag oder Stillen Freitag knüpfen sich allerhand abergläubische Vorstellungen. In Deutschland herrscht durchweg die Meinung, daß man an diesem Tage, wie in manchen Gegenden in der Stillen oder Marterwoche überhaupt — in Flandern führt sie die Bezeichnung „Teufelswoche“ —, keine gewöhnlichen Arbeiten vornehmen, also nicht waschen und im Freien trocknen, nicht zimmern, schneidern, schustern, weben, keinen Dünger aufs Feld fahren, keine Reise unternehmen dürfe und so fort, da sonst Unglück heraufbeschworen werde; so wird beispielsweise auch selten ein Dienstmädchen am Karfreitag seine Stelle wechseln. Ferner knüpfen sich an diesen Tag verschiedene Gebräuche, durch die man allem Unheil vorbeugen und vor allem sich vor Krankheit schützen zu können meint. So glaubt man in England, daß am Karfreitag zu Pulver zerriebenes Brot ein Allheilmittel gegen alle möglichen Gebrechen sei, in Ungarn, daß das Abschneiden der Haare an diesem Tage den Träger ein ganzes Jahr lang vor Kopfschmerzen bewahre, sowie daß am Karfreitag aus dem Strom geschöpftes Wasser sich gegen Augenleiden heilsam erweise. Auch übernatürliche Kräfte kann man sich am Karfreitag aneignen, die übrigens ein an diesem Tage Geborener von vornherein besitzt. In Schwaben ist der Glaube verbreitet, daß man in der Abendstunde des Stillen Freitags imstande sei, verborgene Schätze zu entdecken, die Schlüssel zur Hölle zu schmieden, um damit den Fürsten der Unterwelt zu bannen, und dergleichen.

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 297. Glöckelsinger im Sarntal
am Vorabend des Dreikönigstages.

In katholischen Ländern besteht vielfach das Verbot, am Karfreitag die Kirchenglocken zu läuten. Um nun die Leute auf den Beginn der Messe aufmerksam zu machen, behilft man sich damit, daß man zur festgesetzten Stunde Chorknaben mit hölzernen Klappern, den sogenannten Ratschen, die Straßen durchziehen läßt und dadurch das Glockenläuten ersetzt. — Aus den deutschen katholischen Ländern kennen wir noch eine andere eigenartige Sitte. Am Morgen des Sonnabends vor Ostern werden in den Kirchen alle Lichter ausgelöscht und mit Hilfe von Stahl und Feuerstein, Brennspiegel oder Kristallinsen ein „neues“ Feuer erzeugt, an dem man dann erst wieder die Altarkerzen anzündet. In feierlichem Zuge begibt man sich danach auf den Kirchhof, wo vorher ein mächtiger Holzstoß errichtet wurde, und zündet diesen mit einer der Osterkerzen an, verbrennt auch in seiner lodernden Flamme die Wolle, die der Priester bei der Taufe oder beim Spenden der Letzten Ölung zum Abwischen des Wassers oder des heiligen Öles gebraucht hat, Kirchenlichterreste und alte Meßgewänder; schließlich wirft man an manchen Orten noch eine Strohfigur hinein, die den Verräter Judas Ischariot vorstellen soll. Hier haben wir es wiederum mit einem Überbleibsel jener alten heidnischen Freudenfeuer zu tun, die in der Vorzeit zu Ehren der im Kampfe mit den froststarrenden Winterriesen siegreichen Licht- und Frühlingsgöttin emporloderten und vermöge ihrer reinigenden Kraft die Unheil bringenden Dämonen vertreiben sollten.

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 298. Maskendämonen von Umzügen während der Zwölften (Zürich-Land).

Als ein Ausfluß derselben altgermanischen Anschauung sind auch die Gebräuche und Festlichkeiten anzusehen, die am ersten Mai stattfinden. Um den jungen Lenz zu begrüßen und den Göttern dafür zu danken, daß sie den Winter vertrieben haben, brachten unsere Vorfahren ihnen Opfer dar und schmückten Altar und Wohnstätten mit dem jungen Grün der Birke. Diese schöne Sitte, die Birke als Schmuck für Häuser und Wohnräume, Ställe und Brunnen zu verwenden, hat sich in Deutschland bis in unsere Tage herein erhalten, ist aber zum großen Teil in das Pfingstfest aufgegangen. In früheren Zeiten war es in den Städten sowohl wie auf dem Lande allgemeiner Brauch, den Maien in feierlichem Zuge aus dem Walde zu holen, ihn auf einem freien Platze des Orts aufzupflanzen und das Ereignis mit Tanz, Schmausereien, Gelagen und anderen Volksbelustigungen (Abb. 315) festlich zu begehen. Leider ist diese schöne Sitte schon so ziemlich in Abnahme gekommen; doch begegnet man ihr in Schweden, Thüringen, Bayern und Österreich auch heute noch vielfach. In Skandinavien errichtet man den Maibaum erst am Mittsommertag (Abb. 316). Der heutige Maibaum besteht aber zumeist nicht mehr aus der schlanken, nur mit Bändern geschmückten Birke, wie sie aus dem Walde kommt, sondern vielmehr aus einem hohen Maste, der an seiner Spitze ein Büschel Birkenzweige trägt und im übrigen mit bunten Bändern, Fahnen, Kuchen, Würsten, Figuren, Spielsachen und anderen derartigen Dingen besteckt ist (Abb. 318 und 319). Die jungen Burschen müssen hinaufklettern und sich diese Dinge herunterholen. In einigen Gegenden Schwabens zeichnet man auch den Ortspfarrer, den Lehrer und andere Personen von Rang und Würden durch das Pflanzen eines echten Maibaums vor ihrer Tür aus. Auch tragen hier und da Kinder (die Maijungen) kleine Birkenbäumchen von Haus zu Haus und stellen dem, der ihnen eine reichliche Gabe spendet, einen solchen Busch vor die Tür. Vielfach pflanzen auch die jungen Burschen ihrem Schatz über Nacht einen Maibusch vors Kammerfenster; je größer ihre Liebe ist, um so größer muß das Birkenbäumchen sein. Anderseits stecken sie aber auch einem Mädchen, das seinem Liebsten untreu geworden ist oder sich sonst keines guten Rufes im Dorfe erfreut, einen dürren Stock, auch wohl einen alten Besen oder eine Strohpuppe vors Fenster oder befestigen einen solchen Gegenstand am Dachfirst, um die Betreffende für jedermann deutlich zu brandmarken. Früher, und gelegentlich noch heute, stellte man auch dem Vieh im Stalle einen Maibaum an die Krippe oder an die Pfosten, in der Absicht, es vor den bösen Geistern zu schützen und die Kühe zu reichlicherer Milchabgabe zu veranlassen. Auch werden vielfach die Dorfbrunnen bekränzt, damit sie reichlich Wasser geben.

In der ersten Hälfte der Nacht vor dem ersten Mai, der Walpurgisnacht, läßt der Volksaberglaube die bösen Mächte, im besonderen die Hexen, zu einem eigenen Feste mit dem Teufel zusammenkommen und ihr Unwesen treiben. Als Orte dieser Zusammenkünfte gelten gewisse Berge, vor allem der Brocken oder Blocksberg im Harz sowie der Kniebis im Schwarzwald; übrigens besitzt wohl jede Gegend ihren eigenen Hexenberg. Wie man annimmt, verlassen in dieser Nacht alle Hexen ihre Wohnungen und reiten durch den Schornstein auf Besen, Mistgabeln oder Böcken im schnellsten Fluge nach ihrem Versammlungsplatz, wo der Teufel in Gestalt eines Bockes auf dem Throne sitzt und sich von ihnen huldigen läßt; ein ausgelassenes Gelage mit allen nur denkbaren Orgien bildet den Abschluß dieses Hexensabbats. Um sich vor der Bosheit der Hexen zu schützen, kennt das Volk zahlreiche Abwehrmittel und Vorbeugungsmaßregeln. Zu den harmloseren Mitteln gehört das Anbringen von drei Kreuzen über der Haustür oder das Heraushängen eines Besens. In Deutschböhmen werden die alten Kehrbesen, die man das ganze Jahr über schon für diesen Zweck aufbewahrt hat, im Hause zusammengesucht, mit Fett, Wagenschmiere und Teer getränkt und gegen Mitternacht auf einer Anhöhe angezündet, wobei die Burschen und Mädchen sie wohl mit den Worten „Die Hexen fliegen“ hoch in die Luft schleudern. Im Fränkischen Jura begeben sich die jungen Burschen nach Sonnenuntergang auf den Dorfplatz und beginnen an einigen Orten ein gewaltiges Peitschenknallen, an anderen eine Schießerei.

Phot. Internat. Illustrat.-Co. J. Sanden, Berlin.
Abb. 299. Zwei Kläuse aus Kaltbrunn
mit eigenartigen Kopfbedeckungen (Infuln) und großen Kuhglocken.

Pfingsten, das liebliche Fest, wie es der Dichter nennt, ist aus dem jüdischen Erntefest (Wochenfest) hervorgegangen, das die Kinder Israel, dem Mosaischen Gesetz zufolge, fünfzig Tage nach dem Passah feierten. Bei den Christen bedeutet es den Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes und damit zusammenhängend das Stiftungsfest der christlichen Kirche. Daher besteht in katholischen Ländern von alters her der Brauch, am ersten Feiertag vor oder während der Predigt einen reich mit Flittergold und Bändern verzierten Kranz aus jungem Laub, in dessen Mitte der Heilige Geist in Gestalt einer Taube angebracht ist, langsam an einem Strick vom Gewölbe des Gotteshauses auf die Köpfe der Gläubigen hinabgleiten zu lassen. Die dabei etwa abfallenden Goldflitter oder Bänder werden von den Anwesenden aufgefangen und als von Gott verliehenes Pfingstgeschenk das ganze Leben lang im Gesangbuch aufbewahrt.

Phot. Internat. Illustrat.-Co. J. Sanden, Berlin.
Abb. 300. Vom „Klausnen“ in Kaltbrunn.
Der „Geißler“ und der „Dumme August“.

Wie schon angeführt wurde, gehört in erster Linie zum Pfingstfeste auch der Pfingstmaien (Birke); es dürfte wohl kaum einen Ort geben, wo man nicht mit Maien, in der Mark Brandenburg außerdem noch mit Kalmus, Häuser, Stuben, Ställe, Vieh und selbst die Wagen und Eisenbahnen schmückt. Schon am Abend vorher pflegt die Jugend den Maien einzuholen, vielfach unter besonderer Festlichkeit. Die jungen Burschen reiten in den Wald hinaus und kehren reich mit frischem Grün geschmückt im Triumph ins Dorf zurück. Solche „Pfingstritte“ finden verschiedentlich auch noch an den Pfingstfeiertagen statt. Bunt ausgeputzt mit grünen Zweigen und farbigen Bändern, veranstalten die jungen Leute auf ihren in derselben Weise geschmückten Pferden Umzüge oder Wettritte; auch versuchen sie wohl, einen Ring beziehungsweise einen Kranz, der an einer Ehrenpforte oder an einem Galgen aufgehängt ist, im Vorbeigaloppieren mit einem Stock, einer hölzernen Gabel oder einem anderen lanzenartigen Werkzeug herunterzuholen oder herabzustechen; man nennt dies Kranzreiten oder Ringstechen. Wem dies am besten gelingt, der wird zum „Pfingstkönig“ ernannt und im Triumph zum Dorfplatz geführt, wo ihm meistens von einer Dorfschönen ein Geschenk zuteil wird, während der, dem es nicht glückte, im Vorbeigaloppieren etwas zu erlangen, der „Pfingstjunge“ heißt und für Spott nicht zu sorgen braucht. In der Mark Brandenburg besteht das „Königsreiten“ in einem großen Umzuge; voran reitet der Pritschmeister, der in der neugierig umherstehenden Menge Platz schafft, an seiner Seite der „Mückenscheucher“, der einen großen Birkenstrauch mit einer Klingel in der Hand trägt und bald diesem, bald jenem auf den Kopf klopft. Diesen beiden folgt der „König“, meistens der älteste Knecht der Herrschaft, auf einem mit Grün, Blumen und Bändern schön geschmückten Roß, den Schluß bilden die übrigen jungen Burschen. Der Zug bewegt sich durch das Dorf; von jedem Besitzer wird ein Geldgeschenk erhoben, das nach Beendigung des Umzugs im Gasthof in Essen und Trinken umgesetzt wird. Eine schwere Rolle hat beim Umzug der „König“ zu spielen; er darf die ganze Zeit über nicht lachen, nicht einmal die Miene verziehen, selbst wenn die übrigen allen möglichen Unfug mit ihm treiben, sonst muß er im Gasthof für alle die Zeche bezahlen.

Abb. 301. Schwimmenlassen der Lebenslichter am Silvesterabend.
Jedes der auf Nußschalen gestellten Lichtchen bezeichnet das Lebenslicht eines der Teilnehmer.

Auch unter den Pfingstbräuchen ist eine ganze Reihe, die den Sieg des Frühlings über den Winter widerspiegelt. So wird in der Gegend von Halle an der Saale ein Strohmann auf einen Karren gelegt; die Pfingstburschen des Dorfes geben sich alle erdenkliche Mühe, diesen Karren mit verbundenen Augen an den Rand einer Grube, die einem Grab nicht unähnlich sieht, zu fahren und seinen Inhalt hineinzuwerfen, um ihn dann zu vergraben. In der Altmark setzt man die Strohpuppe auf eine Kuh und jagt diese so lange herum, bis die Puppe herabfällt. In Bayern wird der Knecht, der am Pfingstmontag die Zeit verschläft, ergriffen, in den Wald geschleppt, ganz in Grün eingehüllt und auf ein Pferd gesetzt; auf diesem muß er in Begleitung des ganzen Dorfes zum nächsten Teich reiten, wo er feierlichst ins Wasser geworfen wird. Diese und ähnliche Gebräuche, denen wir, manchmal nur noch in ihren letzten Ausläufern, in den verschiedensten Gauen unseres Vaterlandes begegnen, sollen das Austreiben des Winters versinnbildlichen.

In vielen Gegenden besteht noch die alte Sitte, das Vieh zu Pfingsten, meistens am Sonnabend vor dem Fest, zum erstenmal auf die Weide zu treiben, wo es in katholischen Gegenden vielfach vom Priester eingesegnet wird (Abb. 317). Tags zuvor gehen die Hütejungen unter Peitschenknallen (auch dieses ein Zeichen der Austreibung des Winters) im Dorfe herum und sagen es den Knechten und Mägden an. Diese beeilen sich darauf, ihr Vieh möglichst frühzeitig hinauszutreiben; jeder setzt seinen ganzen Stolz darein, der erste am Platze zu sein. Der Kuh, die zuerst auf der Weide eintrifft, wird für gewöhnlich ein Kranz um den Hals und um die Hörner sowie ein Birkenbusch an den Schweif gebunden (Abb. 323). Der Knecht, der sich zuletzt mit seinem Vieh auf der Weide einfindet, heißt der Pfingstlümmel oder Pfingstochse, auch wohl der Pfingstbötel oder Pfingstkärel; er wird zum Gegenstand des Spottes und bleibt es das ganze Jahr hindurch. In Thüringen hüllt man den zuletzt Eintreffenden ganz in Tannen- und Birkenzweige ein und peitscht ihn durch das Dorf, wo er überall mit dem Zuruf „Pfingstschläfer“ begrüßt wird. Eine Magd, die sich am Pfingstsonntag zuletzt im Stalle zum Melken einfindet, erhält den Namen Pfingstbraut. Noch schlimmer ergeht es einem Mädchen auf dem Lande in Steiermark, das am Pfingstmorgen den Sonnenaufgang verschläft; es kommen dann die Nachbarburschen mit einer lebensgroßen, aus Stroh und Lappen angefertigten Puppe, die einem zerfetzten Vagabunden gleicht, und hängen sie zum Gespött an einem Baumast vor dem Fenster der Langschläferin auf. Wer von den jungen Burschen aber die Zeit verschläft, dem setzen die Mädchen einen Strohkranz auf den Kopf und rufen ihn als „Pfingstlücken“ oder „Pfingstnudel“ aus.