Phot. Hanfstaengl, München.
Abb. 302. Das Fest des Bohnenkönigs.
(Nach dem Gemälde von Jordaens in der Kaiserl. Gemäldegalerie in Wien.)
In nordischen Ländern, im besonderen in England, finden die Weihnachtsgebräuche ihren Abschluß in dem Bohnenfest. Wer von den versammelten Gästen von den unter sie verteilten Stücken eines Kuchens, in den man eine Bohne gebacken hat, das die Bohne bergende erhält, wird König und wählt sich einen Hofstaat. Sobald der König trinkt, müssen alle Anwesenden ihm Bescheid tun.

In manchen Orten Thüringens werden am Pfingstfest die Brunnen geschmückt, der Brunnenschaft mit Birkengrün umwunden, die kleine Ausflußröhre noch besonders mit einem Vergißmeinnichtkränzchen umgeben und das obere Ende der senkrechten Brunnenröhre mit einer Krone aus Tulpen geziert. Das Einholen des Grüns aus dem Walde, das sogenannte Waldfahrten, an dem sich alt und jung beteiligt, gestaltet sich zu einem wirklichen Volksfest (Abb. 324).

Phot. J. Brocherel.
Abb. 303. Szene aus dem „Sechseläuten“ zu Zürich.
Der durch eine Strohfigur dargestellte Winter wird öffentlich verbrannt.

Bevor wir die Pfingstbräuche verlassen, über die sich noch sehr vieles sagen ließe, wollen wir noch einer ganz allein in dem Städtchen Echternach im Luxemburgischen heimischen Pfingstsitte gedenken, der Springprozession. An ihr pflegen sich für gewöhnlich weit über zehntausend „Springer und Beter“, wie sie vom Volke genannt werden, zu beteiligen; noch weit größer ist die Zahl der sich als Zuschauer Einfindenden. Nach einer Predigt auf der Sauerbrücke ordnet sich der stattliche Zug zum Einmarsch in die Stadt. Voran schreitet die Geistlichkeit unter Führung der Kirchenfürsten, gefolgt von Mönchen und Nonnen. Hieran schließen sich zunächst die in Gruppen geordneten Springer; jeder Gruppe geht eine Musikbande voran. Die Weise, die sie ertönen läßt, geht nach der bekannten Melodie: „Adam hatte sieben Söhne.“ Hierbei führen die Springenden einen Tanz auf, bei dem jeder Teilnehmer erst fünf Schritte vorwärts und dann drei Schritte rückwärts springt; in derselben Reihe Tanzende reichen sich die Hände oder verbinden sich miteinander durch Taschentücher. Da bei dem großen Gedränge des öfteren eine Stockung eintritt, so müssen die Springbewegungen häufig auf der Stelle ausgeführt werden. Etwa alle zehn Minuten tritt eine Pause ein, während deren entweder Gebete gemurmelt oder Erfrischungen eingenommen werden. Natürlich kommt der Zug unter diesen Umständen nur ganz langsam vorwärts; nach etwa anderthalb Stunden sind die Ersten der Wallfahrer bei der zur Statue des heiligen Willibrord hinaufführenden neunundsechzigstufigen Treppe angelangt. Dann beginnt aber erst das große Schauspiel für die Zuschauer. Die Stufen müssen „hinaufgetanzt“ werden, das heißt jeder Teilnehmer muß, wenn irgend möglich, immer fünf Stufen hinauf- und dann drei wieder herunterspringen. Oben in der Kirche schweigt die Musik, die Gläubigen treten zu dem Altar des heiligen Willibrord, der über dessen angeblichem Grabe errichtet ist, heran und legen ihre Opfergaben, meistens Geld, in die an der Steinfigur aufgestellten Körbe, berühren mit ihren Rosenkränzen oder sonstigen Gegenständen, die man weihen zu lassen wünscht, die Hände des Standbildes und gehen langsam durch die Tür auf der anderen Seite der Kirche wieder hinaus. Damit ist der heiligen Pflicht Genüge geleistet; die Menge löst sich sofort auf, und die Teilnehmer lagern sich erschöpft auf dem Platze oder in sonst verfügbaren Räumen. Sodann aber begeben sie sich in die Wirtshäuser und belustigen sich auf alle nur mögliche Weise, denn stets ist ein großer Jahrmarkt mit der kirchlichen Feier verbunden.

Phot. Berl. Illustrat.-Ges. m. b. H.
Abb. 304. Fastnachtsmasken aus dem Sächsischen Erzgebirge,
wie sie nach altem Brauch von Haus zu Haus ziehen.
Abb. 305. Bunte Ostereier aus dem Spreewald.

Wir kommen jetzt zu dem Johannisfest, das gleichfalls heidnischen Ursprungs ist, aber von der christlichen Kirche, gleichsam als Entsühnung, dem Andenken des heiligen Johannes des Täufers geweiht wurde. Es fällt in den Mittsommer oder die Sommersonnenwende, den Zeitpunkt, an dem die Tage ihre größte Länge erreichen, die Sonne also am höchsten steht oder, wie die alten Germanen annahmen, der Sonnengott Wodan auf seiner Fahrt die höchste Stelle am Himmelszelt erreicht hat und nun im vollen Gefühl seines Sieges über die feindlichen, lichtscheuen Mächte eine Weile rastet, um dann mit der Freia seine Hochzeit zu begehen. In den Augen der alten Nordländer war der Mittsommertag kein geringeres Fest als das der Wintersonnenwende.

Abb. 306. Das Eierpicken,
ein Osterspiel der Jugend im Spreewalde.

Dem Gotte zu Ehren zündete man allenthalben Feuer an, die man unter Absingung von Sonnwendliedern umtanzte oder, um sich symbolisch zu reinigen, übersprang. Noch heutigestags flammen an vielen Orten, namentlich in Süddeutschland und Tirol, am Abend vor Johanni auf den Höhen Freudenfeuer empor (Sonnwendfeuer, Sungibtfeuer, Fro- oder Fronfeuer); meistens sind es Scheiter- oder Reisighaufen, zu denen die Jugend schon tagelang vorher den Brennstoff zusammentrug oder früher unter Absingung bestimmter Lieder sich zusammenbettelte. Die Burschen und Mädchen des Dorfes versammeln sich festlich gekleidet um die lodernde Glut; Paar um Paar springt unter Gesang über den im Auslöschen begriffenen Holzstoß. Mit diesem Sprung ist oft genug eine abergläubische Bedeutung verbunden: wer ihn ausführt, bleibt das Jahr über von Krankheit verschont, kann auf eine gute Ernte hoffen und darf auf sonstige Glücksfälle rechnen. Auch Kräuter, die in das Feuer geworfen werden — beliebt ist besonders Beifuß — bannen Krankheit und Unheil. Sehr gebräuchlich war früher auch, daß jeder Teilnehmer ein angebranntes Scheit mit sich forttrug, das er auf dem Herd seines Hauses aufbewahrte oder noch in derselben Nacht zur Erhöhung der Fruchtbarkeit auf seinen Acker steckte. In Schlesien, in den Rheinlanden und in Kärnten rollt man mit Stroh und Werg umwundene Holzräder oder Scheiben von den Höhen herab ins Tal (Scheibenschlagen); stürzt das Rad noch flammend in ein unten etwa vorhandenes Gewässer, dann kann man auf eine gute Ernte rechnen. Während die Scheibe hinuntersaust, spricht der „Scheibentreiber“ in manchen Gegenden einen Vers, der gleichsam eine Widmung enthält, oder er nennt den Namen einer Person, der zu Ehren er sie hinabrollen läßt; die jungen Burschen widmen die Scheibe natürlich ihrer Liebsten. Aber auch zur Beschimpfung und Verspottung von Personen, die sich etwas zuschulden kommen ließen oder sich mißliebig machten, werden Scheiben „geschlagen“; dieser Brauch erinnert insofern an das Haberfeldtreiben.

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 307. Szene aus einem Fastnachtsbrauch in Appenzell.
Eine Strohfigur wird durch vermummte Leute aus dem Dorf ins Freie gefahren und hier feierlich verbrannt.
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 308. Osterbrauch in der Schweiz.
Es wird ein Wettkampf ausgefochten in der Weise, daß jemand eine bestimmte Strecke hin- und zurücklaufen muß, während ein anderer zwei- bis dreihundert Eier aufzuheben hat, die in einer langen Reihe längs der Landstraße liegen. Wer zuerst mit seiner Aufgabe fertig ist, hat gewonnen.

Neben dem Feuer spielt zu Johanni auch das Wasser eine große Rolle; ihm kommt eine reinigende, alles Elend und alle Sünde fortspülende Kraft zu. Dieser Glaube hängt wohl mit der heidnischen Vorstellung von der Gewalt der wasserspendenden Gottheit zusammen, die im Hochsommer ihre Macht in zahlreichen Unwettern zum Segen oder Unsegen der Menschen kundgibt. Daher brachte man ihr früher auch Menschenopfer dar. Die Taufe durch Johannes ist die christliche Auslegung dieser heidnischen Anschauung. In Schwaben gilt ein am Johannistage genommenes Bad für neunmal heilkräftiger als ein gewöhnliches. Am Mittelrhein werden daher an diesem Tage die Brunnen gereinigt; wo man dies unterläßt, da wählt sich der Fluß von selbst seine Opfer durch Überschwemmung. Aus demselben Grunde darf man am Bodensee am Johannistage überhaupt nicht im See baden, und die Schiffer behaupten, man dürfe an ihm auch keine Antreibenden herausziehen, denn das hieße dem Wassergott seine Opfer wieder entreißen. Mit der Vorstellung von der reinigenden Wirkung des Johanniswassers hängt auch der Aberglaube zusammen, daß der an diesem Morgen eingesammelte Tau ein vorzügliches Mittel gegen Sommersprossen abgebe.

Abb. 309. Das Eierkullern, ein Osterspiel im Spreewalde.
Eine schiefe Ebene werden Eier hinabgerollt; wessen Ei das eines Mitspielenden trifft, hat dieses gewonnen.

Einer ganzen Reihe von Pflanzen wird am Johannistage eine besondere geheimnisvolle Kraft zugeschrieben. Als solche heilkräftigen Kräuter gelten das Johanniskraut oder Hartheu, die Hauswurz, der Bärlapp oder das Hexenkraut, der Wermut oder Beifuß, das Eisenkraut, der Rittersporn, das Gottesgnadenkraut, das Kardobenediktenkraut, das Liebstöckel, der Steinfarn und noch andere Pflanzen. So befreit die Wurzel der Hauswurz, an einem roten Faden um die Schulter getragen, von Hämorrhoiden, Beifuß hält die Müdigkeit fern, Eisenkraut läßt durch Eisen geschlagene Wunden schneller heilen und versöhnt durch Streit entzweite Leute, der Same des Steinfarnkrautes macht unsichtbar oder läßt, neben Geld gelegt, dieses nicht weniger werden, auch wenn man davon nimmt, und so weiter. Besonders wirksam ist die Kraft aller dieser Zaubermittel, wenn sie in der Johannisnacht gepflückt werden. An der Spitze aller Johanniskräuter steht aber unzweifelhaft das Hartheu; es erfreut sich eines allgemeinen Rufes als Heilmittel bei Wunden, Quetschungen, Bruchleiden, Verrenkungen und allen möglichen anderen Gebrechen. Im Hause oder im Stall befestigt, schützt das Hartheu oder Johanniskraut ferner vor Feuersgefahr, Blitz, Ungewitter, Hexen und sonstigem Unheil. Selbst zu Weissagungen wendet das verliebte Bauernmädchen in Holstein es an. Will es nämlich erfahren, ob es mit dem Gegenstand seiner Liebe vereint werden wird, so bricht es am Johannisabend zwei Zweige des Hartheus ab, einen etwas längeren, der den Schatz bedeutet, und einen kürzeren, der es selbst darstellen soll; beide Zweige werden darauf stillschweigend mit den Spitzen nach unten in die Spalte eines Dachbalkens gesteckt; hier wachsen sie in allerlei Verschlingungen weiter fort. Vereinigen sich dabei die beiden Spitzen, dann deutet dies auf Erfüllung des stillen Wunsches; entfernt sich aber der eine Zweig von dem anderen, dann ist die Liebe hoffnungslos.

Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 310. Osterprozession zu Wittichenau in Schlesien.
Am Morgen des ersten Ostertages machen sich eine Anzahl Bürger beritten und begeben sich zur Kirche, wo ihrem Anführer vom Priester ein geweihtes Kruzifix übergeben wird. Mit diesem wird dann ein Umritt gehalten.
Phot. E. H. Binney.
Abb. 311. Sankt Georg und der Türkische Ritter,
Gestalten aus einem in England verbreiteten Fastnachtspiel, in dem der Kampf des heiligen Georg, sein Tod und seine Auferweckung dargestellt werden.
Phot. The Sport and General Preß Agency.
Abb. 312. Teilnehmer an einem Fußballspiel am Fastnachtdienstag in Ashbourne,
wie es vielfach an diesem Tage ohne feste Regeln von zwei Parteien aus der Gemeinde auf offener Straße gespielt wird.

Aus Raumgründen ist es leider nicht möglich, auf die zahlreichen anderen Gebräuche teils an kirchlichen, teils an weltlichen Festen näher einzugehen, wie sie zum Beispiel üblich sind am Sankt Georgstag, Himmelfahrtstag, den drei gestrengen Herren, Fronleichnamsfest, Mariä Himmelfahrt, Peter und Paul, Lambertustag, Erntefest, Michaelistag, Allerheiligen und Allerseelen (Abb. 320), Hubertustag, Martinstag, Andreastag, Kirchweih (Abb. 321, 322 und 326), Weinlese (Abb. 327) und so fort (Abb. 325, 328 bis 336 und 345). Die meisten dieser Gebräuche entpuppen sich, wenn man ihnen auf den Grund geht, als Überreste aus heidnischer Zeit. Um ein Beispiel hierfür anzuführen, so verdanken Allerheiligen und Allerseelen, beides wichtige Feste der katholischen Kirche, ihre Entstehung altheidnischen Opferfesten, durch die man sich gegen die Macht der bösen Geister, die man vielfach als die Seelen Abgeschiedener auffaßte und an die Oberwelt zum Besuche ihrer Angehörigen zurückkehrend sich dachte, zu schützen beziehungsweise sie zu versöhnen trachtete. Die alten Römer (Lemurenfest), wie auch die alten Kelten, Skandinavier, Isländer (Kauri) und andere Völker des Altertums schlachteten zum Schutze gegen solche Geister Tiere und luden die Geister zum Mahle ein. Anklänge an solche Opfer finden wir an vielen Orten noch am Allerheiligentage. In Schweden und Finnland setzt man den Elfen, die man noch heute für die Geister Verstorbener ansieht, die der ewigen Seligkeit nicht teilhaftig werden können, an diesem Abend Speisen und Getränke vor. Die christliche Religion hat die Opfer an die Geister durch Gebete für die Seelen der Abgeschiedenen und durch andere fromme Gebräuche zu ihren Gunsten ersetzt. So zum Beispiel läuten Knaben im Elsaß am Vorabend des 1. November eine Stunde lang die Kirchenglocken, weil um diese Zeit die Seelen der Verdammten aus dem Fegfeuer gehen dürfen, und halten darauf einen Rundgang in den Häusern, um eigens für diesen Zweck gebackene Brötchen oder eine Belohnung in Geld zu erbetteln. In Flandern errichten die Knaben am Abend vor Allerseelen auf der Straße kleine, mit brennenden Kerzen beleuchtete Altäre und gehen die Vorübergehenden um milde Kuchenspenden an, für die Seelen im Fegfeuer, wie sie sagen. Allerdings übernehmen sie für diese gleichzeitig die Arbeit des Essens. Von den dabei erbettelten Geldstücken werden am nächsten Morgen die „Zielenbröderche“ (Seelenbrötchen) gekauft, ein feines, mit Mandeln in Kreuzform verziertes und zur Versinnbildlichung des Fegfeuers stark mit Safran und rotem Farbstoff gefärbtes Gebäck, mit dem man ebensoviel Seelen aus dem Feuer erlösen kann, als man Seelenbrötchen ißt. Ein ähnlicher Brauch besteht in einigen Gegenden Englands. Hier gehen die Kinder unter dem Rufe „Seele, Seele, um ein oder zwei Äpfel!“ herum und betteln um Kuchen, Bier und Äpfel. An vielen Orten Deutschlands kennt man für den Allerseelentag bestimmte Gebäcke, die als Seelenwecken, Seelenzöpfe, Seelenbrezeln und so weiter bezeichnet werden. — Sehr verbreitet ist auf den Britischen Inseln die Sitte, am gleichen Tage das Schicksal einer ehelichen Verbindung oder einen etwa bevorstehenden Todesfall im voraus zu erforschen, die man übrigens auch im schottischen Hochlande kennt. Hier zündet man am Allerseelenabend ein Feuer an, häuft seine Asche in Form eines Kreises auf und legt am Rande der Asche für jedes Familienmitglied einen Stein hin. Findet man am anderen Morgen diesen nicht mehr an der alten Stelle oder den Kreis sonstwie beschädigt, dann weiß man, daß die betreffende Person im nächsten Jahre sterben wird.

In den katholischen Ländern ist es allgemein Sitte, daß sich am Allerseelentage die Angehörigen von Verstorbenen zu dem Gottesacker begeben, um deren Grabstätten auszuschmücken — ein Rest des altheidnischen Opfers — und zu beten, und am Allerheiligentage werden die Heiligen um ihre Hilfe zur Erlösung der armen Seelen angerufen. Die evangelische Kirche feiert etwa um die gleiche Zeit, wenn auch nicht an einem bestimmten Kalendertage, ein ähnliches Erinnerungsfest, das Totenfest.

Abb. 313. Holen des Osterwassers (Spreewald).
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 314. Eine „Palme“ vom Palmsonntag (Kanton Aargau).
In Wirklichkeit ist es eine Tanne, die mit Flittern, Früchten, Eiern und geweihten Bändern ausgeputzt ist.

In derselben Weise wie an die Feste knüpft sich an die Verrichtungen und Ereignisse des täglichen Lebens allerlei zum Teil ganz grober Aberglaube, und zwar nicht nur bei denen, die zu den ungebildeten Gesellschaftschichten zählen, sondern sehr häufig auch bei solchen, die für gebildet und aufgeklärt gelten wollen. Eine Wiedergabe der zahlreichen Gebräuche, Gewohnheiten und Anschauungen, denen wir beinahe auf Schritt und Tritt begegnen, am meisten natürlich beim Landvolk, würde allein einen ganzen Band füllen; wir müssen uns deshalb darauf beschränken, auf einige wenige Beispiele hinzuweisen, wie das Anzaubern und Anhexen von Krankheiten, das Besprechen derselben zu ihrer Heilung, das Hersagen von sogenannten Segen (Diebessegen, Kugelsegen, Bienensegen und so fort) zur Abwendung von Gefahren oder zur Ermittlung des Verbleibs gestohlener Sachen, die Furcht vor dem bösen Blick sowie vor der Zahl dreizehn, die Verkündigung bevorstehenden Glücks oder Unglücks durch den Ruf gewisser Tiere und dergleichen. Länger wollen wir dagegen bei den drei wichtigsten Ereignissen des Lebens verweilen, der Geburt, der Heirat und dem Tode.

Phot. E. H. Binney.
Abb. 315. Hans im Grünen,
ein alter Maibrauch, der jetzt nur noch von der Gilde der Schornsteinfeger geübt wird.

Der deutsche Volksglaube verlegt den Ursprung der neugeborenen Kinder teils in Gewässer, Flüsse oder Brunnen, teils in Felsspalten, Höhlen und hohle Bäume. Von hier holt sie der Storch (Norddeutschland) oder die Hebamme (Süddeutschland) und führt sie den Eltern zu. In England läßt man die kleinen Kinder aus weniger geheimnisvollen Orten herkommen, wie aus dem Kohlkopf, dem Petersilienblatt, dem Stachelbeerstrauch oder auch aus der Tasche des Doktors. Der Storch, an der Wasserkante Adebar genannt, wirft die Kleinen oben in den Schornstein hinein und beißt die Mutter ins Bein, weswegen sie einige Tage das Bett hüten muß; die Geschwister beglückt er mit Zuckertüten.

Bereits mit der Schwangerschaft setzen allerlei abergläubische Gebräuche ein. Das Versehen der Schwangeren spielt eine große Rolle beim Volke, weswegen man sich bemüht, alle schrecklichen und häßlichen Eindrücke von der angehenden Mutter fernzuhalten; sie darf unter anderem auch keinen verkrüppelten Menschen erblicken, weil sonst das Kind ebenso mißgestaltet werden könnte, kein brennendes Haus sehen, weil das Kind sonst ein Feuermal bekäme und mehr dergleichen. Vielmehr sucht man der Schwangeren immer nur möglichst schöne Gestalten und Bilder vor Augen zu führen. Mancherlei Tabus werden der Frau während ihres gesegneten Zustandes auferlegt. So darf sie sich nicht das Haar kürzen, weil sonst das Kind kahlköpfig werden würde, ihren Zustand nicht verleugnen, weil es sonst schwer sprechen lernen würde, nicht erschreckt oder gereizt werden, weil das Kind sonst leicht zornig werden könnte, auch nicht waschen oder spinnen, nicht unter etwas hindurchkriechen und so weiter. Auf der anderen Seite wieder wird es gern gesehen, wenn eine Frau, die guter Hoffnung ist, von einem Baume, der zum erstenmal Früchte trägt, etwas genießt, damit derselbe fortan reichlicher trage. In England darf keine Frau, die selbst nährt, zu einer Schwangeren gehen, denn dadurch könnte diese Gefahr laufen, ihr Kind später nicht selbst stillen zu können. Hat die Stillende diese Vorsicht doch außer acht gelassen, dann gibt es ein Mittel dies wieder gutzumachen: die künftige Mutter muß sich das Kind der Schuldigen heimlich zu verschaffen suchen und es mit Hilfe einer Freundin über ihre Schürze gleiten lassen.

Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 316. Szene von der Johannisfeier in Skandinavien.
Das Landvolk tanzt um den mit Blumen und Kränzen verzierten Mittsommerbaum (Majstang).

Die Geburt sucht man auf mancherlei Weise zu erleichtern, so durch Darreichung von allerhand Tränklein, bei denen dem Honig eine wichtige Rolle zukommt, durch Umhängen von Amuletten, Unterlegen eines Gebetbuches oder eines Himmelsbriefes unter das Kopfkissen der Kreißenden und ähnliche Maßnahmen. In Norwegen muß man, wenn eine Entbindung bevorsteht, alle Knoten im Hause, besonders an den Kleidern, lösen. — Anklängen an die Couvade begegnen wir noch auf den Britischen Inseln. Vielfach glaubt man hier auf dem Lande, daß von den Geburtschmerzen der Mutter etwas auf den Vater übergehen könne, bei diesem aber eine andere Form annehme, zum Beispiel die heftiger Zahnschmerzen oder des Reißens. Eine Irin zieht bei der Niederkunft den Rock oder die Beinkleider ihres Mannes an, damit er die Schmerzen mit ihr teile und sie dadurch Linderung erfahre.

Phot. J. Brocherel.
Abb. 317. Segnen des Viehs im Wallis,
wie es jedes Frühjahr vom Priester vorgenommen wird.

Das Neugeborene wird im Wasserbad gereinigt, zu dem man öfters Zusätze macht, zum Beispiel Milch, damit das Kind eine schöne weiße Haut bekomme, oder Weihwasser beziehungsweise einen Rosenkranz, damit es fromm werde, bei einem Mädchen wohl auch eine Spindel, damit es fleißig werde, bei einem Knaben Geld, damit er viel verdiene. Dem Badewasser wird nicht nur eine reinigende Kraft und Schutz gegen Zauberei für das Kind, sondern auch ein fördernder Einfluß auf alles Lebendige, das mit ihm in Berührung kommt, zugeschrieben; so sollen die Obstbäume, die man mit dem Badewasser begießt, reichlicher Früchte tragen. Im nordöstlichen Schottland wickelt man einen neugeborenen Knaben in ein Frauen-, dagegen ein Mädchen in ein Männerhemd, damit das Kind in seinem späteren Leben nicht ledig bleibe. In Friesland besteht ein eigenartiger Brauch bei der Geburt eines Sohnes. Die Freundinnen der Mutter beeilen sich, in möglichst großer Zahl sich in dem Zimmer der Wöchnerin einzufinden und hier Branntwein aus einem besonderen Becher zu trinken. Auch erheischt es die gute Sitte, daß jede von ihnen eine Torte mitbringe, die dann alle, manchmal zwanzig und mehr, im Zimmer aufgestellt werden. An der Zahl der Torten, die die junge Frau erhält, läßt sich die Größe ihres Ansehens und ihrer Beliebtheit ermessen, denn jede Torte bedeutet ja eine Freundin.

Mit einer sogenannten Glückshaube geboren zu werden, bedeutet Glück während des ganzen Lebens. Desgleichen steht solches einem Kinde bevor, dessen Kopf einen doppelten Haarwirbel aufweist. Aber gleichzeitig ist ihm auch eine unangenehme Beigabe mit auf die Welt gegeben, nämlich recht zornig und widerspenstig zu werden. Die Jahreszeit, der Tag und die Stunde besitzen vielfach ihre besondere Bedeutung. Kinder, die an einem Sonntag geboren sind, besonders wenn dieser auf den Anfang des Neumondes fiel (Österreich), sind Glückskinder, denen das Unglück nie etwas anhaben kann. Auch besitzen sie die Gabe des zweiten Gesichts und die Fähigkeit, Unglück und Hexen zu bannen, sowie verborgene Schätze aufzudecken. Ebenso sind Kinder, die zu Weihnachten oder in den Zwölften zur Welt kommen, vom Glück begünstigt. Als Unglückstage werden der Freitag und die ersten Tage des Monats angesehen. Von den Tagesstunden gilt die Stunde nach Mitternacht für glückbringend. Im westlichen Irland dagegen sieht man Mitternacht als eine gefährliche Zeit an. Um ein zu dieser Stunde geborenes Kind vor dem ihm bevorstehenden Unglück zu schützen, muß man es sofort mit Weihwasser besprengen und sieben Tage lang mit besonderer Sorgfalt behüten. — Am Abend des Tages der Geburt wird im Norden Großbritanniens, gelegentlich auch im Westen, eine Festlichkeit veranstaltet, bei der dem Käse eine wichtige Rolle zufällt. Der Vater schneidet ein „tüchtiges Glückstück“ von dem „stöhnenden Käse“ ab, zerlegt es in soviel Stücke als junge Mädchen anwesend sind — wobei er sich beileibe nicht in den Finger schneiden darf, weil das Kind sonst schon in jungen Jahren sterben würde — und verteilt an jedes ein Stück. Die Mädchen aber legen sich ihr Stück für die Nacht unter das Kopfkissen, um von ihrem zukünftigen Gatten zu träumen. In Yorkshire ißt man Pfefferkuchen zu dem Käse, in Cornwallis eine besondere Art Gebäck, den „Seufzerkuchen“.

Abb. 318. Tanz um den Maibaum.

Die Wöchnerin gilt sechs Wochen lang als unrein und während dieser Zeit auch dem Einflusse böser Geister ausgesetzt. Daher pflegt man in der Gemeinde Buchberg bei Kufstein zu deren Vertreibung dreimal mit einer Glocke um das Haus zu läuten. Mit ihren „Wochen“ ist für die junge Mutter allerlei Tabu verknüpft. Eine Wöchnerin darf nicht in den Garten gehen, sonst wüchse nichts mehr darin, kein Wasser aus dem Brunnen schöpfen, sonst würde er versiegen, kein anderes Haus betreten, sonst würde Unfriede dort entstehen, keinem Leichenzuge nachsehen, sonst stürbe bald ihr Mann, ebensowenig einem Hochzeitszug, sonst würde bald Streit zwischen den jungen Eheleuten ausbrechen, und was dergleichen mehr ist. Ihr erster Ausgang muß der Kirche gelten zur Einsegnung; lenkt sie ihre Schritte nach der Niederkunft anderswohin, dann bringt sie Unglück ins Haus oder Unfruchtbarkeit dem Acker. Auf ihren ersten Kirchgang pflegt sie ein Goldstück im linken oder drei Stückchen Brot im rechten Schuh mitzunehmen, beides gegen dämonischen Einfluß, der ihr auf dem Wege dorthin begegnen könnte. Vielfach bestehen auch bestimmte Speiseverbote, sowohl für die Wöchnerin wie für die ganze Familie. An manchen Orten ist eine ganz bestimmte Speisenfolge für die einzelnen Tage vorgeschrieben.

Abb. 319. Dachauer Maibaum.
Der erste Mai gilt auf dem flachen Lande noch heute vielfach als sog. „Bauernfeiertag“; es wird an ihm der Maibaum gesetzt, ein ausgeputzter Tannenstamm, um den die jungen Leute tanzen.

Bis zur Taufe bestehen auch für das Kind bestimmte Vorschriften. Es darf nicht allein gelassen werden, sein Bettchen darf nicht aufgedeckt bleiben, auch wenn es nicht darin liegt; man würde damit das Grab für das Kind zurechtmachen oder bösen Geistern den Zutritt ermöglichen. Aus demselben Grunde muß beständig nachts über Licht brennen und stets die Tür geschlossen gehalten bleiben. Die leere Wiege darf nicht geschaukelt werden, weil man sonst dem Kinde die Ruhe nehmen würde. Es darf vor der Taufe auch nicht gemessen werden, weil sich sonst bald der Tischler einstellen könnte, um für den Sarg Maß zu nehmen. — In katholischen Ländern, besonders in Österreich, wird der böse Blick sehr gefürchtet. Um das Kind gegen ihn zu schützen, werden viele Kunstgriffe angewandt. Sieht zum Beispiel jemand das Kind scharf an, dann macht man das Zeichen des Kreuzes über dasselbe oder tut so, als speie man es an, oder man zupft es an der Nase. An manchen Orten setzt man dem Badewasser für das Kind eine besondere Kräutermischung zu, an anderen bindet man ihm einen Wolfszahn um den Hals. Ein weit verbreitetes Abwehrmittel besteht darin, daß man dem Kinde ein rotes Bändchen um den Arm bindet oder ihm eins seiner Kleidungstücke verkehrt anzieht. — Auf den Britischen Inseln zeigt das Volk große Furcht vor dem Zauber der Feen, die erst durch die Taufe beseitigt werden kann. Damit nun kein ungetauftes Kind eine Beute der Feen werde, nimmt man seine Hilfe zu allen möglichen Vorbeugungsmaßregeln. Im Norden werden Mutter und Kind eingesegnet; dabei wird eine Fichtenholzkerze dreimal um das Bett getragen oder, wenn dies nicht möglich ist, um ihre Köpfe geschwenkt. Außerdem werden Bibel, Zwieback oder Brot und Käse mit der Bitte: „Möge der Allmächtige alles Übel von dieser Frau fernhalten, stets um sie sein und sie und ihr Kind behüten“ unter das Kopfkissen gelegt. In Irland glaubt man, daß der Vater mit besonderer Macht ausgestattet sei, seinen Sprößling gegen den Einfluß der Feen zu schützen. In Galway speit er sein Kind an; an anderen Orten muß er zu Hause bleiben, denn solange sein Atem in der Stube ist, können die Feen das Kind nicht stehlen noch ihm sonst etwas anhaben. In Schottland gilt die Kleidung des Vaters als Schutz gegen die Feen; daher werfen schottische Mütter ihres Mannes Rock oder Weste über die Kinder, um sie vor Unheil zu schützen. Wenn im schottischen Hochland ein Kind zum erstenmal ausgezogen wird, dreht seine Pflegerin es dreimal Hals über Kopf um, schüttelt es ebenso oft mit dem Kopf nach unten und segnet es. Durch dieses derbe Mittel glaubt sie die Feen von ihm fernzuhalten.

Die Taufe, der das Volk immer noch einen Schutz gegen allerlei Einflüsse zuschreibt, ist für jedes christliche Kind durchaus notwendig, in einzelnen Gegenden wird sie daher möglichst bald vorgenommen, denn stürbe das Kind vorher, so käme es nicht in den Himmel, sondern müßte als Irrlicht ein unstetes Dasein führen. Um die bösen Geister, die das Kind selbst noch bei der Taufe belästigen könnten, abzuhalten, steckt man dem Täufling vielfach einen heiligen Gegenstand, etwa ein Gebet- oder Gesangbuch, ein Blatt aus der Bibel, ein Heiligenbild, ein Kruzifix in das Kissen. In der Willkommenkirche, in der Nähe von Morwenstow (England), öffnet man während der Tauffeierlichkeit die sogenannte Teufelstür, damit der Teufel sich durch sie entfernen könne. Derselbe Gedankengang ist mit einer Tür in der Wroxallabtei verknüpft, obgleich diese schon vor langer Zeit zugemauert worden ist. In Westfalen und Ostpreußen müssen die Teilnehmer an einer Taufe, um die bösen Geister zu bannen, über eine Axt oder einen Besen, die man auf die Türschwelle gelegt hat, mit dem Kinde hinwegschreiten.

Phot. A. W. Jordan.
Abb. 320. Prozession am Allerseelentage zu Gunwalloe
von der Kirche zu den Klippen der Küste, wo man für die Seelen der Ertrunkenen und im Meer Begrabenen betet.

Die christliche Sitte erfordert eine Anzahl Paten für das zu taufende Kind, die zu ihm, wenn sie ihre Pflicht heute meistens auch nicht mehr so genau nehmen, in ein gewisses Verwandtschaftsverhältnis, gleichsam an Vater- und Mutterstelle treten. Ihr Verhalten am Tauftage ist nach dem Volksglauben von bestimmendem Einfluß auf das künftige Leben des Kindes. Im Harz verrichten sie daher, nachdem sie sich versammelt haben, erst noch einige Arbeiten; sie schreiben, lesen, graben, säen, nähen, stricken und so weiter, damit das Kind später in diesen Dingen geschickt und fleißig werde. Im Erzgebirge dürfen die Paten keinen Schlüssel bei sich tragen, weil sonst das Kind ein verschlossenes Herz bekäme. Die Paten pflegt man noch vielfach durch Gevatterbriefe einzuladen.

Auf dem Wege zur Kirche müssen die Teilnehmer am Taufzuge recht schnell gehen, damit das Kind auch schnell gehen lerne. Begegnet der Zug einem Manne, dann ist das von guter Vorbedeutung, wogegen die Begegnung mit einer Frau Unglück befürchten läßt. Während des Ganges nach und von der Kirche gibt man an manchen Orten mit Flinten, Pistolen oder Böllern Freudenschüsse ab.

Phot. The Folk-Lore Society.
Abb. 321. Hörnertanz zu Abbots Bromley.
Er wird am Montag nach dem Kirchweihfest von sechs mit Hirschgeweihen geschmückten Männern aufgeführt.
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 322. Masken bei einer Kirmes in der Schweiz,
die durch Spiele, Tänze, Wettkämpfe und ähnliche Veranstaltungen gefeiert wird.

Während der Taufhandlung wird das Kind durch die Hebamme der Reihe nach den verschiedenen Paten zum Halten übergeben. Schreit es während der heiligen Handlung, dann wird es ein guter Sänger werden. Das Taufwasser darf als solches nur einmal benutzt werden; sollte man etwa mehrere Kinder mit demselben Wasser taufen, dann würde bald eins von ihnen sterben. Vielfach besteht auch der Aberglaube, daß dem Taufwasser ganz besondere Eigenschaften anhaften. Man nimmt es zum Auswaschen des ersten Hemdchens oder kocht mit ihm ein Süppchen für das Kind, um es dadurch vor Krankheit zu behüten. Der Geistliche und der Küster pflegen von den Paten ein Geschenk zu erhalten, das von diesen auf den Altar oder den Taufstein niedergelegt wird. Im Taunus erhält der erstere ein Gebäck, das Bubenschenkel heißt. Auch der Täufling wird mit einem Geschenk bedacht, das ihm die Taufpaten in ein Papier einwickeln und unter den Kopf legen, meistens zusammen mit einem Patenbrief. — In England bestehen die Geschenke, die man dem Kinde macht, sowohl bei der Taufe als auch vielfach schon bei der Geburt, in einem Ei, in Salz, Silberstücken und einem Streichholz. Auf dem Heimwege werden die Taufpaten an manchen Orten von den Kindern durch Vorhalten eines bunten Bandes oder einer Stange am Weitergehen gehindert, bis sie sich durch ein kleines Geldgeschenk losgekauft haben. Zu Hause finden sie wohl auch die Tür verschlossen und können erst hinein, wenn sie ebenfalls ein Lösegeld gegeben haben.

In Friesland (Holland) bilden beim Taufgange alle Mädchen aus der Verwandtschaft und Bekanntschaft, sofern sie über zwölf Jahre alt sind, einen Zug und begleiten das Kind auf dem Wege nach der Kirche; sie dürfen es der Reihe nach ein Stück Weges tragen. Keines von ihnen verzichtet auf dieses überkommene Vorrecht, zumal dabei der Aberglaube besteht, daß jedes Mädchen, das bei einer Tauffeierlichkeit einmal auf diese Weise mitgewirkt hat, in ihrer späteren Ehe reichlich mit Nachkommenschaft gesegnet sein werde.

Wird in England ein Knabe mit einem Mädchen zusammen getauft, dann trägt man das letztere zuerst zum Taufbecken, denn der Knabe könnte „seinen Bart im Wasser lassen“, und das könnte für das Mädchen unangenehme Folgen haben. Im Norden erhält der erste Mann oder die erste Frau, der man auf dem Wege zur Kirche begegnet, Kuchen, der oft noch von der Geburtsfeier herrührt, oder Brot und Käse, für gewöhnlich mit einem Schuß Whisky, und zwar ist, wenn der Täufling ein Knabe ist, die zuerst begegnende Frau der Empfänger, umgekehrt, wenn ein Mädchen getauft wird, der erste Mann. Die gute Sitte erfordert, daß die so ausgezeichnete Person sofort kehrt mache und den Taufzug ein Stück Weges begleite. In Cornwallis bezeichnet man dies mit dem Ausdruck „das Kind segnen“.

Wie dem ungetauften Kinde, so droht auch der Mutter, wie man in England glaubt, solange Unglück, als sie noch nicht in die Kirche gegangen ist. In Cornwallis pflegen die Frauen, die ihren ersten Kirchgang tun, einen „Seufzerkuchen“ mitzunehmen, den sie der ersten besten Person, die sie treffen, schenken.

Auch an die Wiege knüpft sich mancherlei Aberglaube. In Shropshire (England) darf eine solche für das Kind erst benutzt werden, wenn es getauft ist. Man darf eine leere Wiege auch nicht schaukeln, denn dies würde unverzüglich einen neuen Insassen zur Folge haben oder auch dem Kinde Unglück bringen. Auch darf man, so meint man in den schottischen Hochlanden, eine Wiege niemals leer versenden, sondern muß irgendeinen Gegenstand hineinlegen, gewöhnlich einen Hahn, eine Henne, Kartoffeln oder einen Mehlsack; es liegen hier offenbar Überreste eines alten Opferbrauches vor. Auch erfordert der Volksglaube, daß man, bevor das Kind die Wiege in Gebrauch nimmt, eine Henne oder einen Hahn hineinlege und daß man für den Erstgeborenen keine neue Wiege kaufe, sondern sich eine leihe.

Abb. 323. Antrieb des Almviehs (Spitzingalm bei Schliersee).
Die mit Blumen und Bändern geschmückten Kühe werden zum erstenmal nach dem Winter in die Berge getrieben.

Um die Kinder gegen Krankheiten zu schützen, gibt es in England allerlei abergläubische Gebräuche. Kinderzähne, die ausgefallen sind, bedeckt man mit Salz oder verbrennt sie, um zu verhindern, daß der folgende Zahn ein Hunde- oder Schweinezahn werde. Auf den Hebriden darf man kein Feuer aus einem Hause holen, in dem sich ein Kind ohne Zähne befindet, weil es sonst vielleicht überhaupt keine bekommen würde. Auch darf hier ein Kind nicht rückwärtslaufen, weil man fürchtet, es könnte dadurch das Leben der Mutter verkürzen. In Shropshire darf man das Kind nicht mit einem gestutzten Besen züchtigen, weil dadurch das Wachstum gehindert werden soll, sondern man muß dies mit einer schlanken Birkenrute tun. Noch heutigestags zieht man auf dem Lande ein Kind, das einen Bruch hat, durch eine gespaltene Esche hindurch.

Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 324. Ausflug eines Vereins zum Einholen des Pfingstgrüns.

In England soll man einem Säugling nicht die Handflächen waschen, weil man ihm sonst sein Glück damit fortwischen würde, und in Nord- und Westengland bleibt überhaupt die ganze rechte Hand ungewaschen, damit sie Reichtümer einsammle. Auch das Haarabschneiden ist eine bedeutungsvolle Sache. In manchen Gegenden Irlands nimmt der Vater dies zuerst vor. Die Nägel pflegt man im ersten Jahre nicht zu beschneiden, sondern die Mutter oder die Pflegerin beißt sie dem Kindchen ab. Wollte man sie mit einem scharfen Gegenstande kürzen, dann würde das Kind „lange Finger machen“, das heißt stehlen. Auch dürfen Kinder niemals gewogen oder gemessen werden.

Die herangewachsene Jugend beschäftigt sich schon frühzeitig mit der Frage nach der Person des zukünftigen Ehegenossen und dem Zeitpunkt der Vermählung. Um zu erfahren, ob ein Freier zu erwarten stehe und wann dies der Fall sein dürfte, sind allerlei abergläubische Gebräuche und Liebesorakel im Schwange.

Phot. B. Balasse.
Abb. 325. Szene aus der „Parade du Lumeçon“ zu Mons,
die am Trinitatissonntag in Erinnerung an den Kampf des Ritters Sankt Georg mit dem Drachen abgehalten wird. Heute heißt der Held Gilles de Chin, und die Heldin ist eine Prinzessin, die von einem im Walde bei der Stadt hausenden Ungeheuer gefangengenommen wurde.
Phot. Clive Holland.
Abb. 326. Tanzende Kinder auf einem Platze von Antwerpen
während der Kirmes.
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 327. Kurzweil bei der Weinlese,
bei der es sehr heiter zuzugehen pflegt und noch allerlei althergebrachte ländliche Sitten geübt werden.

An bestimmten Tagen, so behauptet der Volksglaube, gelingt es den jungen Burschen und Mädchen, den Schleier zu lüften; am meisten Aussicht hierfür bietet der Andreasabend. Beim Zubettgehen stößt man mit dem Fuß an das untere Ende der Bettstatt, sagt einen bestimmten

Vers her und sieht dann den Geliebten im Traum, oder man wirft, den Rücken der Tür zugekehrt, nachts zwölf Uhr einen Pantoffel rückwärts über den Kopf: fällt derselbe mit der Spitze nach der Stube, dann ist dies ein Zeichen, daß sich bald ein Freier einfinden wird; fällt er aber umgekehrt, dann bleibt er aus. Das Mädchen kann auch um Mitternacht zu einem Brunnen gehen und hineinblicken, um das Bild des Zukünftigen zu schauen, oder um die gleiche Stunde nackend das Zimmer kehren, worauf der Gewünschte seinen Schatten an der Wand zeigt. An anderen Orten schreiben die jungen Burschen oder Mädchen die Buchstaben des Alphabets an die Stubentür und gehen verbundenen Auges mit vorgestreckter Hand auf sie zu; der Buchstabe, den sie dabei mit dem Finger berühren, zeigt ihnen den Anfangsbuchstaben des Namens ihrer späteren Ehehälfte an. Auch decken sie wohl Schlag zwölf Uhr nachts in der Mitte der Stube einen Tisch, stellen Lichter und zwischen diesen ein Glas Wasser, ein Glas Wein, ein Stück Brot und ein Messer auf, worauf sie aus einem Versteck der Dinge harren, die da kommen sollen. Der oder die Zukünftige erscheint dann und beginnt von den vorgesetzten Speisen zu genießen. Trinkt die Erscheinung von dem Wasser, dann wird man mit seinem Ehegespons ein armseliges Leben fristen, genießt sie dagegen von dem Weine, dann wird das gemeinsame Leben in Wohlstand verlaufen. Schneidet der gespenstige Besuch aber von dem Brote ab, dann muß der die Zukunft Erforschende am anderen Morgen das Messer vor Sonnenaufgang an einer verborgenen Stelle tief vergraben, weil er sonst Gefahr liefe, späterhin von seinem Gatten oder seiner Gattin erstochen zu werden. — Ähnliche Gebräuche bestehen am St. Thomastag (21. Dezember) und am Silvesterabend, auch in der Christnacht, zu Ostern und zu Johanni. Am Silvesterabend gießt man geschmolzenes Blei ins Wasser und deutet aus den seltsamen Gebilden, die dabei entstehen, den Beruf des Zukünftigen, oder man läßt in einer mit Wasser gefüllten Schüssel kleine Lichtchen oder Zettel mit Namen in einer Nußschale oder auf Korken schwimmen und beobachtet, welche Schiffchen aufeinander zuschwimmen oder zusammenstoßen (Abb. 301); diejenigen, denen sie gehören, geben dann ein Paar ab. In der Christnacht muß das Mädchen mit dem Schlüsselbund zum Fenster hinausklappern und aufpassen, aus welcher Gegend der Schall widerklingt; aus dieser steht der Freier zu erwarten. Oder es nimmt aus fließendem Wasser eine Anzahl Kieselsteine; ist ihre Anzahl paarig, dann heiratet es im nächsten Jahre. Auch kann sich das Mädchen völlig entkleidet auf den Feuerherd stellen und in den Schornstein oder in das Ofenloch gucken, dann erblickt es den ihm bestimmten Bräutigam. Auch kann es schließlich in der Weihnachtsnacht im Evakostüm in einen Spiegel sehen, bis der Zukünftige darin erscheint. — Auf den Britischen Inseln besteht ein ähnlicher Aberglaube. Auf der Insel Man deuten die Mädchen aus dem Verhalten der ausgeglühten Asche auf dem Herde am anderen Morgen ihre Zukunft, oder sie begeben sich am Abend vor Allerheiligen, den Mund mit Wasser und die Hände mit Salz gefüllt, zum übernächsten Hause und horchen auf den ersten Namen, der dort ausgesprochen wird; dieser ist dann der Name des Zukünftigen. Die Mädchen von Guernsey suchen neun Morgen lang stillschweigend, ohne vorher etwas gegessen zu haben, die Sankt Georgsquelle auf und legen silberne Sachen in eine dazu bestimmte Nische, dann steht in neunmal neun Wochen ihre Hochzeit bevor. Eine Irin pflegt dreimal um einen Spiegel herumzugehen und im Namen des Teufels einen Apfel mit neuen Stecknadeln zu bestecken; darauf erscheint ihr im Spiegel der Mann, der sie heiraten wird. Und auf den Hebriden legen sich die heiratslustigen Mädchen ein Stück Kohl unter ihr Kopfkissen, um von ihrem Zukünftigen zu träumen.

Zahlreich sind die Mittel, deren sich Verliebte bedienen, um Gegenliebe zu finden. Um ein paar Beispiele anzuführen, so muß der Betreffende Haare oder Kleidungstücke von der Person, die er an sich fesseln will, in einem neuen Gefäße kochen, worauf der sehnsüchtig Erwartete sich dort, wo seine Liebe „gesotten“ wird, einfinden wird. Auch kann man dem zur Ehe Begehrten Fledermausblut oder eigenes Blut, bei einem Mädchen Menstrualblut, oder andere Ausscheidungen des Körpers in das Bier schütten, wobei das Hersagen von Zauberformeln und Beschwörungen die Sache fördern soll, ferner die Kleider oder die Hand der geliebten Person mit der „Hand“ eines Frosches, den man in einen Ameisenhaufen vergraben hatte, berühren oder seine eigenen Kleider an diejenigen des anderen heften, und zwar mit einer Nadel, mit der man ein in Kopulation befindliches Froschpaar durchstochen hatte, und was dergleichen abergläubische Gebräuche mehr sind. Auf der anderen Seite aber kennt der Volksaberglaube auch Mittel und Wege, um eine lästig gewordene Person wieder von sich zu stoßen.