Auf Sizilien, besonders in dem Städtchen Prizzi, finden am Palmsonntag Aufzüge statt, die den Einzug Christi in Jerusalem zur Darstellung bringen. Einer der Geistlichen stellt Christus vor; er reitet auf einer reich mit Blumen geschmückten Eselin, neben der ein Füllen einhertrabt, wie die Überlieferung es berichtet. Ihm folgen als die zwölf Apostel ebensoviel Geistliche mit Palmzweigen in den Händen; einer von ihnen stellt Judas dar und ist an einer Laterne als solcher kenntlich, die er in der Hand hält. An die Priester schließt sich eine große Volksmenge an; alles trägt Palm- oder Ölzweige. Am Tor der Stadt begrüßt der Bürgermeister den Zug und führt das Reittier Christi am Zügel weiter bis zum Altar der Kirche. Hier wird der Zug von dem Hosianna des Chors empfangen, worauf Christus absteigt und das Zeichen zur Palmenweihe gibt. Die gesegneten Zweige nimmt man nach Hause mit und befestigt sie hier als Abwehrmittel gegen alle möglichen bösen Einflüsse. — Die Stadt San Remo in Norditalien hat das Vorrecht, am Palmsonntag Palmzweige nach Rom zu senden.
In Neapel bietet Pfingsten (Pentecoste oder vom Volke lieber L’altra Pasqua, das zweite Ostern, oder auch Pasqua dei fiori, Blumenostern, genannt) Anlaß zu einem großartigen Pilgerzug, der sich am Pfingstnachmittag vom Monte Vergine zur Stadt ergießt. Schon am vorangehenden Donnerstag sind die Pilger zum Berge hinaufgestiegen, haben hier zu der braunen Madonna gebetet, reichlich der Kirche geopfert und sind in jeder Weise fromm gewesen. Nach drei Tagen kehren sie zurück, machen aber keineswegs den Eindruck von Büßenden im Pilgergewand und mit Pilgerstab, sondern von überaus lustigen Gesellen. Unter Gesang, Evvivarufen und Schreien, begleitet von den Tönen der Mandoline und Gitarre sowie dem Schall von Pfeifen, Trommeln und anderen Lärminstrumenten, bekränzt mit Blumengirlanden, die einen auf Karren, die anderen im Ein- oder Zweispänner oder auch in vornehmen Vierspännern, andere wieder hoch zu Roß — so erscheinen sie am Pfingstnachmittage in der Stadt, wo die zurückgebliebenen Neapolitaner, aufs festlichste geschmückt, sie mit Jubel begrüßen.
In Neapel, wie überhaupt in den Städten unter der Sonne Süditaliens, wo das Leben sich leidenschaftlicher und lauter abspielt, kennt man zur Sommerszeit eine ganze Reihe von Festen, die im Juni beginnen und fast ununterbrochen bis in den September hinein andauern. Jede der hundert Kirchen Neapels feiert in dieser Zeit ihr besonderes Fest. Dann verwandeln sich die Straßen in der nächsten Umgebung der betreffenden Kirche für einige Tage gleichsam in Festsäle mit Fahnen, Girlanden, Teppichen, Lampions, Kandelabern und bunten Lämpchen; Musikbanden lassen ihre Weisen ertönen, und am Abend knallt und sprüht das Feuerwerk; natürlich wird dabei auch dem Wein tüchtig zugesprochen. Ebenso ist es in anderen Städten. Das großartigste aller dieser Feste ist das des heiligen Paulinus oder der tanzenden Türme zu Nola, das zur Erinnerung an weit zurückliegende Zeiten begangen wird, als der Vandalenkönig Geiserich mit seinen Scharen Italien überflutete und der Bischof Paulinus im Jahre 460 aus der Gefangenschaft dieses Fürsten mit seinen Nolanern in die Heimat zurückkehrte. Schon Tags zuvor strömen die Pilger zu Tausenden zusammen und harren auf den Straßen, den Balkonen und den Dächern des eigenartigen Schauspiels. Auf dem Markte hat man nämlich auf einer festen Unterlage Türme aus Fachwerk errichtet, die die größten Häuser überragen; sie bestehen aus mehreren Stockwerken, von denen die unteren mit Teppichen und Gemälden (Szenen aus dem Leben des Heiligen) geschmückt sind, auch eine Rampe für Musikanten tragen, die übrigen bis oben hinauf mit Säulen, Standbildern und allerlei Zierat aus farbigem Stuck bekleidet sind; das Ganze wird von der lebensgroßen Figur eines Engels oder des Heiligen gekrönt (Abb. 387). Diese Türme sollen die „Lilien“ und andere Blumen des Sankt Paulinus bedeuten, die man in früheren Jahrhunderten bei den Prozessionen trug, mit der Zeit aber ins Ungeheure vergrößerte, indem einer mit dem anderen wetteiferte, die Pyramiden immer reicher auszuschmücken. Zu diesen „Giglii“ (Lilien) tritt nun noch des weiteren in der Mitte des Platzes ein mächtiges, bewimpeltes Schiff mit schwellenden Segeln, das ebenfalls auf einem Balkenwerk ruht und das Fahrzeug vorstellen soll, auf dem Paulinus der Heimat zueilte. An Stelle des Bischofs trägt es aber an Bord einen pechschwarzen, orientalisch gekleideten Mohrenkönig. Die Hauptsache bei der Feier des Paulinusfestes ist aber der Tanz dieser Türme. Zahlreiche kräftige Leute kommen mit Hebebäumen heran und heben die schwere Last samt dem ganzen Aufbau und der darauf sitzenden Musikbande hoch. Das eine Turmpaar bewegt sich auf das gegenüberstehende zu, dann wieder zurück; dasselbe tut das andere Paar, darauf gehen beide gleichzeitig aufeinander zu, drehen sich nach rechts und links, ziehen aneinander vorbei und kehren wieder auf ihren Stand zurück, alles geradeso wie bei unserem Kontertanz. Nachdem das Schiff schließlich noch einige Male um den Marktplatz gezogen worden ist, wiederholt sich das ganze Schauspiel noch verschiedene Male, wohl zwei Stunden lang; dabei sind die Beteiligten unermüdlich, denn Ermattung kennt der Italiener nicht, zumal wenn der tobende Beifall der Menge seinen Mut und Ehrgeiz immer von neuem anspornt. Hieran schließt sich dann eine Prozession rings um den Marktplatz unter einem Regen von Blumen und Konfetti. Ist diese Feierlichkeit vorüber, dann bedeckt sich der ganze Platz mit allerhand Buden, in denen man Heiligenbilder, Zuckerwerk, Obst und besonders Schnüre von gerösteten Kastanien und Haselnüssen feilbietet. Den Abschluß bilden, wie gewöhnlich, ein prächtiges Feuerwerk, Tanz und Musik. Auch fehlt an einem solchen Abend eine dem italienischen Volke eigentümliche Art von Stegreifgesängen, die Canti a figliuole, nicht; es sind dies Rezitative, die mit einem hohen Tone einsetzen und sich durch ein bis zwei Oktaven chromatisch hindurchwinden, um in einem langgehaltenen Grundton auszuklingen. Für gewöhnlich singen die jungen Burschen solche Canti, um ihren Mädchen aus der Ferne allerlei Liebes mitzuteilen, weswegen sie auch die Bezeichnung Canti a figliuole (Mädchenlieder) führen. Am Paulinusabend nun teilen sich die Sänger in zwei Parteien und besingen in edlem Wettstreit die Taten der Heiligen oder die Ereignisse des Tages in dieser Form, wobei sie sich in freien Erfindungen und kühnen Witzen zu überbieten suchen.
In Siena findet an zwei Tagen im Jahre, Mariä Heimsuchung und Mariä Himmelfahrt, auf dem Marktplatz zwischen den Vertretern von zehn Stadtbezirken ein sonderbares Wettrennen, der Palio, statt, bei dem der Siegespreis in einem seidenen, mit dem Bilde der Madonna geschmückten Banner besteht. Natürlich strömt zu diesem Schauspiel, bei dem die Abgeordneten der einzelnen Bezirke die Tracht des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts in hellleuchtenden Farben tragen, eine vieltausendköpfige Menge zusammen. Unter Glockengeläute ziehen diese Vertreter zunächst in ihre Bezirkskirchen, um dort den Jockei und sein Pferd — es sind keineswegs Rennpferde an dem Wettrennen beteiligt, sondern gewöhnliche Arbeitspferde — vor dem Altar durch den Priester weihen zu lassen. Aus dem Verhalten der Rosinante wird vielfach schon der Erfolg vorausgesagt; wenn das Tier bei der Weihe scheu zurückfährt, was wohl meistens der Fall sein dürfte, sobald der Priester ihm plötzlich mit dem Weihwedel vors Gesicht fährt, dann sieht die Menge dies als gutes Vorzeichen an und bricht in endlosen Jubel aus. Von den Kirchen ziehen die Vertreter der Bezirke durch die Stadt auf den Festplatz; der heißersehnte Siegespreis, das Madonnenbanner, wird unter Trompetenschall auf einem von vier Pferden gezogenen altertümlichen Karren dorthin gefahren; den Schluß des Zuges bildet ein bunter Schwarm mittelalterlich gekleideter Gestalten. Das farbenprächtige Bild, das die Zuschauer in vergangene Zeiten versetzt, zumal Siena selbst mit seinen gut erhaltenen alten Bauten diese Vorstellung noch verstärkt, ruft den Jubel der Menge hervor, die an den Straßen, auf den mit Teppichen und Blumen geschmückten Balkonen und Tribünen sich angestaut hat. Der Beifall steigt aufs höchste, wenn der Zug auf dem Markt angekommen ist, die Jockeis im Rathause verschwinden, um ihre malerische Tracht mit einem einfachen Leinenkittel zu vertauschen, und bald darauf ein Kanonenschuß den Beginn der wilden Jagd (Abb. 393) anzeigt. Denn eine solche ist es in der Tat, die auf einer schmalen Rennbahn zwischen Tribünen und Häusern anhebt. Sie enthält eine Reihe von Hindernissen, das größte an der Ecke von San Martino ganz nahe beim Turm des Rathauses. Hier hat man an Stelle der Tribünen Matratzen aufgestellt, um die herabstürzenden Reiter nach Möglichkeit vor lebensgefährlichen Unfällen zu bewahren. Denn bei dem dreimaligen Durchreiten der Bahn auf ungesatteltem Pferde pflegt regelmäßig der eine oder andere Reiter oder auch eines der Pferde hinzustürzen. Dessenungeachtet rast man dahin und sucht die armen Gäule durch Knüttel noch anzuspornen. Mit stürmischem Evvivarufen und Hutschwenken wird der Sieger begrüßt und auf Händen im Triumph zu den Preisrichtern getragen, um den Siegespreis in Empfang zu nehmen und mit ihm in die Kirche zu ziehen, wo er der Madonna dafür zu danken hat. Die Mitglieder des betreffenden Bezirks aber feiern dieses frohe Ereignis noch ein bis zwei Wochen lang.
In Venedig bildet das Erlöserfest ein gleichfalls großartiges Schauspiel. Schon wochenlang vorher beginnt das Volk in freudiger Erwartung eifrig mit seinen Vorbereitungen. Am dritten Sonnabend des Juli nimmt das Fest dann seinen Anfang. Nachdem Glockengeläute seinen Beginn angekündigt hat, setzt sich die Bevölkerung von ganz Venedig nach der Insel Giudecca in Bewegung, wo sich die Kirche mit der Statue des Redemtore befindet, um hier zu beten und zu feiern. Das zweite scheint dabei die Hauptsache zu sein; denn um die Basilika herum sind viele Buden aufgeschlagen, und unter dem Sternendach der Julinacht entwickelt sich hier ein wirkliches Jahrmarkttreiben mit Musik, Tanz, Osterien, Garküchen, Seiltänzern, Menagerien und vielen anderen Lustbarkeiten. Zahllose Barken nähern sich aus den vielen Seitenkanälen dem Festplatze und fahren vor ihm auf und ab oder legen sich vor Anker; es sind dies aber nicht jene schwarzen, unheimlichen Gondeln, wie sie Venedig sonst nur kennt, sondern schwimmende Baldachine, Lauben aus Lorbeer- und Myrtenzweigen oder auch Weinranken, ferner Zelte aus bunter Seide und Musselin, alles lebhaft prangend im Schmuck der purpurnen Granat- und safranfarbigen Oleanderblüten und phantastisch beleuchtet von farbigen Glaslampions. In ihnen sitzen die vornehmen Patrizier der Lagunenstadt um kristallgedeckte Tische beim leckeren Mahl und perlenden Schaumwein. In bescheideneren, mit armseligen Papierlaternen geschmückten Gondeln erfreuen sich die Ärmeren aus dem Volke an einem Laib Polenta, aber alles ist ausgelassen lustig und singt unter Begleitung zahlreicher Musikbanden, die ihre Weisen auf dem Wasser ertönen lassen. Die Stimmung wächst um Mitternacht und erreicht ihren Höhepunkt in den ersten Morgenstunden, bis die Glocke die dritte Stunde verkündigt. Wie mit einem Schlage verstummen jetzt Musik, Singen, Lachen, Becherklang und Lärm. Die Fröhlichkeit ist verflogen und an ihre Stelle die graue Nüchternheit und tiefe Buße getreten. Sowie der letzte Glockenschlag verhallt ist, setzen die Boote sich schleunigst nach der Düne des Lido zu in Bewegung, wo bereits Tausende von Menschen, die soeben noch der ausgelassensten Fröhlichkeit hingegeben waren, in ernster Stimmung darauf warten, daß die Sonne sich goldig aus der Meeresflut erhebe. Ein Jubelschrei entringt sich allen Lippen bei ihrem Erscheinen, und die zahllose Menge sinkt andächtig in die Knie, um sich vor der majestätischen Naturerscheinung zu beugen und zu beten.
Daß eine religiöse Feier für die Romanen ohne gleichzeitige Lustbarkeit kaum denkbar ist, wie die angeführten Beispiele zur Genüge zeigen, liegt in dem Charakter dieser Völker. Ihre Religiosität ist auch keine tiefgehende, innerliche, sondern trotz sorgsamer Pflege durch die Kirche und ihre Diener meist eine nur äußerliche. Dafür spricht auch der Umstand, daß alle diese Nationen trotz ihrer Frömmigkeit noch tief im Aberglauben stecken; in Frankreich und Spanien sind vorgeschichtliche Steindenkmäler verschiedentlich noch Gegenstand abergläubischer Verehrung (Abb. 388). Die Furcht vor bösen Geistern, Hexen und anderen mißgünstigen Wesen ist überall in Stadt und Land verbreitet. In Italien ist es bekanntlich vor allem die Furcht vor dem bösen Blick, von dessen Einfluß das Volk in allen seinen Schichten fest überzeugt ist. Es dürfte in den romanischen Ländern wohl kaum einen Menschen geben, und zwar nicht allein unter dem niederen Volke, der nicht irgendein Amulett, sei es das Bildnis eines Heiligen oder irgendein anderer Gegenstand, bei sich trägt oder gegen eine ihm drohende Gefahr schnell die sogenannte Fica oder Feige macht, das heißt seine Hand nach der Seite, von woher ihm ein vermeintliches Unglück naht, oder nach der betreffenden Person ausstreckt und dabei den kleinen und den Zeigefinger vorhält, während die übrigen Finger eingeschlagen bleiben.
Besonders Kinder glaubt das Volk am leichtesten dem Einfluß der bösen Mächte ausgesetzt; um diesen abzuwehren oder wieder unschädlich zu machen, kennt es zahlreiche Mittel. Am beliebtesten ist das schon geschilderte Entgegenhalten der Hand, das übrigens schon von den alten Römern als Abwehrmaßregel geübt wurde; ferner kommen als solche Mittel noch in Betracht das Umhängen von Amuletten (kleine Nachbildungen der „Feige“ in Gold, Silber, Blei oder, was besonders wirksam sein soll, in roter Koralle, aus denselben Stoffen hergestellte figürliche Darstellungen von Sirenen, das sind Weiber mit Fischschwanz, kleine Hörner, Phalli, Türkise, Perlen und manches andere der Art) um den Hals der Kleinen, das Anbringen von großen Kuhhörnern an der Tür oder vor dem Hause, das Anspeien der Kinder in dem Augenblick, wo man annimmt, daß sie vom bösen Blick betroffen worden sind, und dergleichen (Abb. 391). Auch die sonst besonders bei den slawischen Völkern sehr verbreitete Furcht vor bösen Hexen, Zauberern, Druden und anderen dämonischen Wesen, die dem Kinde ein Leid antun, es wohl auch gegen einen sogenannten Wechselbalg eintauschen, spukt im italienischen Volke. Allgemein ist der Aberglaube, daß eine solche Hexe von dem Kinde Besitz ergreifen könne, wenn man seine Wäsche in der Nacht zum Trocknen draußen hängen läßt. Daher pflegt die italienische Mutter diese sorgsam vor Einbrechen der Dunkelheit hereinzuholen. Unterläßt sie diese Vorsichtsmaßregel, dann kann sie den Zauber dadurch wieder lösen, daß sie die Wäsche erst am anderen Tage hereinnimmt, nachdem sie tüchtig der Sonne ausgesetzt worden ist. Auch die kleinen Kinder, die über das Ave-Maria-Läuten hinaus im Freien bleiben, fallen nach dem Volksglauben den Hexen leicht zum Opfer. — In der Bretagne hängt man den Neugeborenen, um sie gegen Zauberei zu schützen, geweihtes Brot um den Hals oder steckt ihnen solches in den Ärmel, muß aber jeden Tag neues Brot dazu nehmen.
In Frankreich pflegen sich Schwangere einen Gürtel um den Leib zu binden, der von derselben Länge (zwei Meter) sein muß, wie ihn die Jungfrau Maria getragen haben soll, als sie sich in gesegneten Leibesumständen befand. In Quintin schenken, wie berichtet wird, die Ursulinerinnen ihren verheirateten ehemaligen Schülerinnen, wenn diese in andere Umstände gekommen sind, solche Gürtel mit frommen Inschriften zur Erleichterung der Geburt, und in der Kirche zu Saint-Germain-des-Prés soll es seit langem Brauch sein, den dort befindlichen Gürtel der heiligen Margarete zu dem gleichen Zweck an Frauen, die Mutterfreuden entgegensehen, auszuleihen. — In Spanien sind ziemlich dieselben Abwehrmaßregeln wie in Italien üblich.
Die Hochzeitsgebräuche sind in den großen Städten ziemlich die gleichen wie anderwärts in solchen Nordeuropas, aber in der „Provinz“ zeigen sie noch manche anziehende Besonderheiten. In Paris kommt wohl nur noch ganz vereinzelt die Sitte vor, daß beim Hochzeitsmahl ein Junge unter den Tisch kriecht und der jungen Frau heimlich das Strumpfband löst, das dann zerschnitten und unter die Gäste verteilt wird. Die Regel dürfte es heutzutage bilden, daß die Neuvermählte dem Knaben eine Anzahl bereits zugeschnittener Strumpfbänder in die Hand drückt. Am meisten haben sich noch in der Bretagne von den Vätern überkommene Sitten und Gewohnheiten erhalten, darunter auch verschiedentlich solche, die die Hochzeit betreffen. Ein solcher Brauch ist das „Suchen der Braut“. Wenn der Bräutigam sich in der Wohnung seiner Auserwählten einfindet, um sie in die Kirche zu führen, findet er zunächst das Haus verschlossen. Ist es ihm durch vieles Bitten gelungen, endlich Eintritt zu erhalten, dann führt man ihm nacheinander verschiedene junge Mädchen vor und gibt diese als seine Braut aus. Darauf beginnt er im Hause die richtige zu suchen, indem er alle Winkel durchstöbert; die jungen Burschen unter den Gästen sind ihm dabei behilflich. Derjenige, der sie erhascht, raubt ihr für gewöhnlich einen Kuß und erhält noch eine Tasse Kaffee oder eine andere Gabe zum Lohn. Nach der Trauung findet von neuem eine Trennung der jungen Eheleute statt; der Bräutigam geht mit seinen Angehörigen, die Braut mit den ihrigen nach Hause, und beide Parteien speisen für sich. Erst nach dem Mahl kommen sie wieder zusammen und tanzen bis zum Abend. Bevor die jungen Eheleute sich nun zurückziehen, überreichen die Burschen der jungen Frau einen Blumenstrauß nebst einem Kuchen und singen dabei ein Lied, das ihr ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter vorhält. Nach jeder Strophe trinkt man auf ihr Wohl; alle Anwesenden tun Bescheid, indem sie gleichzeitig ein Bein und einen Arm heben. Ein diesem Brautsuchen ähnlicher Brauch besteht im Bourdonnais. Auch hier kommen der Bräutigam und seine Burschen zunächst vor verschlossenen Türen an. Sie preisen in Versen die schönen Geschenke, die sie mitbringen, finden aber seitens der Braut und der Brautjungfern vorläufig keine Erhörung. Erst wenn die jungen Leute draußen singen: „Einen jungen Burschen bringen wir euch auch“, öffnet sich das Tor. Aber die Mädchen haben sich inzwischen unter ein Tuch versteckt, und es ist nun Sache des Bräutigams, seine Braut zu erraten und die Hand auf sie zu legen, sonst wird sie den ganzen Abend von ihm ferngehalten. Am nächsten Tage wartet man auf die Neuvermählten, bis sie aus der Kirche kommen, und überreicht ihnen eine Schüssel Suppe, von der sie zum Zeichen ihrer nunmehrigen Gemeinschaft mit demselben Löffel kosten müssen; boshafte Gesellen sollen manchmal Pfeffer hineintun. Am Tage nach der Hochzeit „wird der Kohl gepflanzt“. Die jungen Leute setzen einen mit Blumen geschmückten Kohlkopf auf den Dachgiebel; die eine Hälfte von ihnen läuft mit einem langen Strick, dessen anderes Ende an den Kohlkopf gebunden ist, den unter den Hochzeitsgästen befindlichen Mädchen nach und sucht sie, soweit die Länge des Strickes es erlaubt, einzufangen. Wer nicht beizeiten davonlaufen kann, wird unter das Dach geführt und von den Kohlwächtern auf dem Dache mit Wasser begossen.
Im südlichen Teil der Bretagne, wo sich noch manche alte Hochzeitsbräuche erhalten haben (Abb. 392), wird vor dem Hochzeitshause ein Maibaum gepflanzt, sein Stamm mit dürrem Reisig umgeben und das Ganze angezündet, wenn das Brautpaar aus der Kirche kommt. Sobald die Flamme zu erlöschen droht, schießen die jungen Burschen hinein. Setzt die Flamme daraufhin aus, dann will dies besagen, daß die junge Frau es an Geduld und Pünktlichkeit in ihrer Wirtschaft fehlen lassen wird. Der Maibaum bleibt bis zur Taufe des Erstgeborenen stehen. Zu Plougastel pflegen sich mehrere Brautpaare zusammenzutun, um an einem Tage gemeinsam die Hochzeit zu feiern (Abb. 390). — Im Departement Orne besteht der sonderbare Brauch, daß der junge Mann nicht an der Festmahlzeit teilnimmt, sondern die Gesellschaft zu bedienen hat, während man alle Ehren nur der Frau erweist. Vielleicht ist dies ein Überrest des Matriarchats der Vorzeit.
Natürlich geht es überall auf Hochzeiten lustig zu. Fiedel und Dudelsack begleiten den Zug der Gäste nach und von der Kirche und spielen bei dem Mahle, das meistens recht reichlich ausfällt, und dem darauffolgenden Tanze auf. In der Normandie vereinigt man sich sogar am Sonntag nach der Hochzeit wieder, um noch einmal mit den Neuvermählten lustig zu sein. Im Departement Orne nennt man dies „die Katze peitschen“ oder „das Bettstroh der Schwiegertochter essen“. — In Arles pflegen sich die Hochzeitsgäste zu Pferde einzufinden, und zwar für gewöhnlich ein junges Paar auf einem und demselben Pferd; vorn reitet der junge Mann und hinter ihm sitzt, ihn fest umklammernd, sein Mädchen auf einer Art Sattelkissen (Abb. 360).
In Berry werden am Schluß des Hochzeitsfestes alle Frauen nebeneinander gestellt; man zieht ihnen Schuh und Strümpfe aus und bedeckt alle mit einem großen Tuche, das nur die Beine unverhüllt läßt. Darauf muß der junge Ehemann, dem sie den Rücken zukehren, unter ihnen seine Frau heraussuchen.
Zum Schluß wollen wir noch des Heiratsmarktes zu Ecaussines-Lélaing in Südfrankreich gedenken. Früher war es hier Sitte, daß die jungen Burschen dem von ihnen verehrten Mädchen in der Walpurgisnacht eine grüne Birke, den Maibaum, mitunter mit der Inschrift „Honneur à la jeunesse“ (Ehre der Jugend), vor das Haus pflanzten, um dadurch ihre Zuneigung zu erkennen zu geben. Zum Zeichen, daß der Jüngling ihm genehm sei, lud das Mädchen ihn nebst seinen Freunden dann zu Kaffee und Kuchen ein. Dieser schöne Brauch geriet allmählich in Vergessenheit, und damit nahm auch die Heiratslust der jungen Männer ab. Um diesem Übelstande abzuhelfen, hat man seit einer Reihe von Jahren einen Heiratsmarkt eingerichtet, der am zweiten Pfingstfeiertage abgehalten wird. Die jungen Burschen kommen dazu in großen Scharen zusammen und werden von den Mädchen bewirtet; man plaudert, scherzt, schäkert, singt und tanzt, und die dabei angeknüpften Bekanntschaften pflegen sich auch meistens zur Heirat zu verdichten.
In Spanien, im besonderen in Valencia und Andalusien, ist als Werbeversuch noch die Serenade sehr beliebt. Der Liebhaber erscheint spät abends in Begleitung zweier Musikanten unter dem Balkon seiner Angebeteten und bekennt ihr seine Liebe durch den Mund eines Trovador, der sehr geschickt darin ist, Liebeslieder aus dem Stegreif abzufassen und vorzutragen. Nach vielem Bitten läßt sich das junge Mädchen endlich bewegen, anscheinend widerwillig auf dem Balkon zu erscheinen, um dem Bewerber eine Blume aus ihrem Haar hinabzuwerfen, als Zeichen, daß sie ihm gewogen sei. Dies alles ist aber nur Spiel, denn der Liebhaber hat bereits lange vor dieser öffentlichen Werbung die Zusage der Eltern und des Mädchens erhalten. — Wenn die Eltern der Auserwählten dem Freier ihre Einwilligung etwa hartnäckig verweigern sollten, dann wählt dieser ein durchgreifendes Mittel, indem er die Hilfe der Obrigkeit anruft. Der Alkalde in seiner Staatsuniform fährt bei den Eltern vor und fragt den Vater in seiner amtlichen Eigenschaft, ob er gewillt sei, seine Tochter dem Betreffenden zur Frau zu geben, vorausgesetzt, daß keine Gründe ernsterer Natur dagegen vorliegen. Beharrt der Vater trotzdem noch weiter auf seiner Weigerung, dann nimmt der Alkalde die Tochter einfach mit sich und bringt sie bis zur Hochzeit in einer angesehenen Familie unter. — In Kastilien trägt die Braut bei der Hochzeit eine weiße Blume an der Brust, in Andalusien einen Kranz von Nelken und roten Rosen im Haar. In Cadix kennt man keine Trauringe, die verheiratete Frau unterscheidet man dadurch von den unverheirateten Mädchen, daß jene rechts im Haar stets eine Blume trägt. — In der Umgebung von Madrid besteht ein ganz eigentümlicher Hochzeitsbrauch. Am Tage der Hochzeit stellen sich zwei Burschen vor der Haustüre der angehenden Frau auf und fangen, wenn sich genügend Volk versammelt hat, einen Wortwechsel über die Fehler und Mängel der Braut auf der einen Seite, ihre Tugenden und Vorzüge auf der anderen an; sie können dabei unter Umständen so in Erregung geraten, daß sie schließlich einander beschimpfen und selbst handgemein werden.
In Italien zeichnet sich das Liebesleben noch heute wie schon einst im alten Rom (siehe die Kunstbeilage) durch große Leidenschaftlichkeit aus. Die Werbung wird entweder von dem Jüngling persönlich vorgebracht oder der Vater tut dies für ihn. In der Regel müssen daraufhin die jungen Leute sich erst einige Zeit lang näher kennen lernen, ehe die Verlobung gefeiert wird, um zu erfahren, ob sie zueinander passen. Der Bräutigam pflegt seine Auserwählte mit allerlei Schmucksachen, Süßigkeiten und anderen Gegenständen zu beschenken. Eine Schere darf aber nie darunter sein, weil darin eine Anspielung auf eine scharfe Zunge erblickt werden könnte (nicht, wie bei uns, eine Hindeutung auf das „zerschnittene Tischtuch“ = Abbruch der Beziehungen), ebensowenig ein Kamm, weil Kämme gern von Hexen benutzt werden. In Toskana verlangt der gute Ruf des Mädchens, daß es niemals vor der Hochzeit das Haus des Bräutigams betritt, nicht einmal in dessen Nähe kommt und auf seinen Spaziergängen sogar einen Umweg um dasselbe macht. In Venedig ist es kostspielig, die Rolle des Brautführers zu übernehmen, und nur ein wohlhabender Bursche kann sich diese Ehre leisten. Er muß nämlich bereits am Tage vor der Hochzeit der Braut eine Schachtel mit Süßigkeiten senden, auf deren Deckel ein Wickelkind in Zucker angebracht ist, dazu zwei Blumensträuße, einen natürlichen und einen künstlichen, und Schmucksachen (Brosche oder Ohrringe). Am Hochzeitstage muß er für die Getränke beim Mahle sorgen, vier Kerzen für die Hochzeitsmesse anschaffen, vier Gondeln mieten, auf denen die Teilnehmer zum Gasthause gefahren werden, schließlich unter die Kinder und Bettler, die beim Austritt aus der Kirche Hochrufe auf die Neuvermählten ausbringen, Münzen verteilen; seine eine Hand ist beständig in der Tasche.
In den verschiedensten Gegenden Italiens wird der Brautzug von den jungen Burschen des Dorfes aufgehalten, meistens durch ein Band, das die Braut mit einer Schere durchschneiden muß, oft aber auch durch einen ordentlichen Verhau, den die das Paar begleitenden jungen Leute dann wegräumen müssen. Das Brautpaar zahlt den es aufhaltenden Jünglingen ein Sühnegeld, wofür diese es manchmal auch freihalten. — In Sardinien wird der Bräutigam, wenn er zur Verlobungsfeier eintrifft, in ein Zimmer geführt, wo möglichst viele Mädchen in einer Reihe nebeneinander sitzen, alle schweigsam und gemessen, ohne seinen Gruß zu erwidern. Der Brautvater führt ihn von einer der Schönen zur anderen und fragt ihn vor jeder: „Ist das etwa Euer Schaf?“ — der für den jungen Mann werbende Vater hat nämlich vorher erklärt, er suche das schönste und beste Schäfchen, das ihm aus der Herde verloren gegangen sei —, bis man zu der richtigen kommt und der Bewerber hier schließlich die Antwort gibt: „Ja, das ist es.“ In einigen Teilen der Insel gießt die Schwiegermutter ein Glas Wasser vor dem jungen Paar aus, wenn es die Schwelle der Hochzeitskammer überschreitet; offenbar soll damit ein Hindernis für böse Geister geschaffen werden, die in der Nacht die jungen Leute stören könnten.
Die Begräbnisgebräuche der südeuropäischen Völker weichen von denen der nordeuropäischen Länder wenig ab; im allgemeinen pflegt aber mehr Pomp entfaltet zu werden als bei uns; besonders in ländlichen Gegenden sind die Begräbnisse in dieser Hinsicht anziehend und malerisch. Die Kränze und Kreuze, die man den Toten aufs Grab legt, werden in Frankreich mit Vorliebe aus galvanisiertem Draht hergestellt, schwarz, weiß oder malvenfarbig angestrichen und mit Blumen aus gleichfalls angemaltem Blech oder mit Perlen geschmückt (Abb. 396). Eine besondere Eigentümlichkeit in französischen Gegenden ist die Sitte, in dem Grabstein eine kleine Vertiefung ausmeißeln, darin das Bild des Verstorbenen in verschiedener Ausführung, manchmal sogar in feinster Miniaturmalerei auf Elfenbein, anbringen und das Ganze mit einem Glasdeckel überdecken zu lassen. Schließlich sei noch auf den in Frankreich herrschenden Brauch hingewiesen, die Grabstätten nicht für lange Zeiten an die Angehörigen zu verkaufen, wie dies bei uns der Fall ist, sondern sie für ganz kurze Fristen nur zu verpachten. Wenn dann die Pacht abgelaufen ist, werden die Leichen ausgegraben und die Stätte von neuem verpachtet, damit andere auf ihr beerdigt werden können. Oft pflegt man nach solcher Ausgrabung die Särge mit den Gebeinen in einer Ecke des Friedhofes aufzuhäufen; vielfach aber schichtet man auch Schädel und Gebeine in sogenannten Beinhäusern zu vielen Tausenden übereinander, zündet vor ihnen heilige Kerzen an und läßt Seelenmessen abhalten.