An den kirchlichen Festen finden fast immer Kinderumzüge statt, bei denen gesungen und um Almosen gebettelt wird. In der Karwoche, wo die Kirchenglocken nicht läuten dürfen, machen die Kinder Lärm mit Knarren. Am Tage vor Ostern bringen sie Wasser und Feuer in die Kirchen, lassen den priesterlichen Segen darüber aussprechen und schaffen beides dann in die elterlichen Wohnungen, damit die Häuser vor Blitzschlag und Ungewitter verschont bleiben. Mit demselben geweihten Wasser besprengt man auch das Korn auf den Feldern, um es vor allerlei Schädlichkeiten zu schützen und sein Gedeihen zu fördern. Für noch wirksamer gilt das Wasser, das man in der Johannisnacht schöpft. In der dem San-Juan-Tage (24. Juni) vorausgehenden Nacht strömen die Leute aus dem gesamten Baskenlande nach Cambos und eilen mit dem Glockenschlage zwölf auf die Brunnen zu, um sich in gierigen Zügen so viel einzupumpen, als sie nur fassen können; denn je mehr sie sich davon einverleiben, um so besser leben sie im neuen Jahre. Auch schleppen sie in Kesseln und Krügen schwere Lasten des heilkräftigen Wassers mit sich, um ihre Lieben zu Hause desselben ebenfalls teilhaftig werden zu lassen. Am Johannistage selbst segnet der Priester Blumen, meist Lilien und Weißdorn, die später an den Haustüren angebracht werden, ebenfalls zu dem Zwecke, Unheil abzuwehren.
Von besonderen Begräbnisgebräuchen ist folgendes zu erwähnen. Kinder, die noch nicht der ersten Kommunion teilhaftig geworden waren, werden in offenem, weißem Sarge zum Friedhof gebracht, während Erwachsene in einem schwarzen, alte Jungfern in einem ebenfalls schwarzen, aber mit weißen Schleifen geschmückten Sarge beigesetzt werden. Alten Leuten wird ein geweihtes Hemd angezogen, das man im nächsten Kloster kauft. Wer gestorben ist, ohne gebeichtet zu haben, findet im Grabe keine Ruhe, sondern muß umgehen. Doch kann auch ein solcher noch den Eingang ins Himmelreich finden, wenn der unmittelbar vor ihm im Dorfe Verstorbene ein kleines Mädchen gewesen ist.
Die Zigeuner. Das „fahrende Volk“ der Zigeuner ist von einer gewissen Romantik umwoben. Bis vor etwa fünfzig Jahren wußte man nicht einmal, von wo sie herstammten. Bei ihrem ersten Erscheinen in Deutschland verbreiteten sie selbst die Fabel, daß ihre Vorfahren in Ägypten gesessen und die Eltern Christi auf ihrer Flucht dorthin nicht aufgenommen hätten, weswegen Gott sie verflucht und zu beständiger Wanderung, wie den Ewigen Juden, verdammt habe. Daraufhin galt als Heimat der Zigeuner bis etwa in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein allgemein das Pharaonenland; die englische (Gipsy), spanische (Gitano), ungarische (Pharaonenvolk) und ähnliche Bezeichnungen für sie gaben dieser vermeintlichen ägyptischen Herkunft auch Ausdruck. Die neueren Forschungen indessen, im besonderen solche sprachlicher Natur, haben zweifellos festgestellt, daß als Urheimat der Zigeuner Vorderindien anzusehen ist, wo in den Sümpfen des Indus und des Pendschab ihre Verwandten noch heute unter dem Namen Dschab hausen. Als deren und ihre gemeinsame Vorfahren bezeichnet die Wissenschaft die Zott. Die Körperbeschaffenheit der Zigeuner, die dem europäischen Typus, vor allem demjenigen der südländischen Bevölkerung sehr ähnelt, spricht dafür, daß die Zott den Indern, das heißt den Nachkommen europäischer Einwanderer (vermischt mit einheimischen Elementen) verwandt gewesen sein müssen. Der Zeitpunkt, wann die indischen Zott sich von ihren Stammesgenossen trennten und auf die Wanderschaft begaben, ist nicht mehr genau festzustellen. Nur das eine ist geschichtlich belegt, daß im fünften Jahrhundert nach Christus eine größere Anzahl Zott, etwa zwölftausend, auf Veranlassung des persischen Herrschers Bahram Gur aus Indien nach Persien kamen, damit sie die Einwohner dieses Landes im Lautenspiel unterrichteten. Demnach scheinen die Zigeuner bereits damals eine große Vorliebe für Musik gehabt zu haben, wie dies noch jetzt für sie zutrifft. Der persische Dichter Firdusi (um 1000 nach Christus) nennt diese Einwanderer Luri, und noch heute bezeichnet man die Zigeuner in Persien so.
Von Persien aus überschwemmten die Zott zunächst die Ebene des Euphrat und Tigris, Armenien, wie überhaupt Kleinasien; hier blieben sie anscheinend längere Zeit ansässig. Darauf teilten sie sich. Die eine Gruppe setzte um die Mitte des neunten Jahrhunderts nach Europa über, wo sie zunächst auf der Balkanhalbinsel festen Fuß faßte, der Zug der anderen Gruppe richtete sich über Syrien nach Ägypten und Nubien bis nach dem Sudan und dem übrigen Nordafrika. Auf dem Balkan erfolgte wiederum eine Zweiteilung: ein Zug ging längs der Donau nach Ungarn, Böhmen, Polen, Finnland. Skandinavien, Deutschland und Spanien, ein anderer von Serbien aus über Slawonien nach Italien und Frankreich. Nicht einmal an den Grenzen Europas machten die Zigeuner halt, denn sie sind auch über das große Wasser nach Amerika gezogen. — In Deutschland tauchten sie im fünfzehnten Jahrhundert zum erstenmal auf.
Der Zigeunertypus ähnelt im allgemeinen dem des Südeuropäers. Mittelgroßer, schlanker Wuchs, meist länglicher Schädel, gerade Nase, breites bis ovales Gesicht, gelbbraune Hautfarbe, schlichtes, schwarzes Haar, reichlicher Bartwuchs von derselben Farbe und braune Augen (Abb. 469 und 474) kennzeichnen ihn. Unter den Frauen finden sich häufig wirkliche Schönheiten (Abb. 464 und 477).
In ihrer Tracht (Abb. 469 und 475), Ernährung und Religion schließen sich die Zigeuner im allgemeinen dem Volke an, unter dem sie als Schmarotzer leben. Teils sind sie ansässig, manchmal auch zwangsweise angesiedelt worden (wie auf dem Balkan und in Ungarn); sie wohnen dann in halb unterirdischen Lehmhütten dicht bei den Städten und Dörfern, seltener in eigenen Ortschaften. Teils führen sie ein Nomadenleben, sind auf beständiger Wanderschaft begriffen und hausen dann in Leinwandzelten oder auf ihren Wagen (Abb. 463). Ihre Gesellschaftsordnung ist eine patriarchalische. Die nomadisierenden Zigeuner beschäftigen sich zumeist mit solchen Gewerben, die sich im Umherziehen betreiben lassen; sie sind Kupferschmiede, Kesselflicker, Korbmacher, auch Schirmmacher und Schirmflicker, Bärenführer, Artisten, Gaukler, Seiltänzer und Pferdehändler. Die bereits ansässig Gewordenen bevorzugen den Pferdehandel und die Musik (Abb. 470). Besonders die ungarischen Zigeuner erfreuen sich als Musikanten einer großen internationalen Beliebtheit. Dabei kennen sie meistens keine Noten — die Zigeunermusik weist daher auch keine Musikliteratur auf —, spielen vielmehr alles aus dem Gedächtnis oder auch aus dem Stegreif. Die musikalischen Gedanken und Weisen pflanzen sich auf dem Wege der Überlieferung von einem Geschlecht zum anderen fort und werden unaufgeschrieben mit ängstlicher Treue bewahrt. — Die Darbietungen der Zigeuner sind durchweg solche instrumentaler Art, besonders im Geigenspiel sind sie wahre Meister. Der Gesang tritt bei ihnen stark in den Hintergrund. — Die Zigeunerweiber gehen, wo die Stämme ansässig sind, auf die Felder zur Bestellung und schleppen Holz herbei; ihre Hauptbeschäftigung besteht aber in Wahrsagen, Kartenschlagen und Traumdeuten. Mit bewunderungswürdiger Schlauheit verstehen sie es, ihren Opfern dabei Geld abzuschwindeln. Alle diese Beschäftigungen der Zigeuner sind indessen fast nur scheinbare; in Wirklichkeit gehen sie dem Diebstahl in den verschiedensten Formen nach und fristen auf diese Weise ihr Leben.
Im ganzen zählt man noch etwa eine halbe Million Zigeuner auf der Erde, von denen gut drei Viertel auf Südosteuropa kommen.
Obwohl dem Namen nach Christen beziehungsweise Mohammedaner, verharren die Zigeuner durchweg noch in krassem Aberglauben. Eine große Rolle spielen dabei die Urmen oder Schicksalsfrauen, denen ein Haupteinfluß auf das menschliche Leben zugeschrieben wird. Die Urmen sind „ausgereifte Baumseelen“ und leben unter der Oberhoheit einer Königin in unzugänglichen Schluchten hoher Gebirge, und zwar in Palästen, die aus Gold und Silber erbaut sind. Man stellt sie sich als weibliche Wesen von ungewöhnlicher Schönheit vor, solange sie jungfräulich bleiben, ausgestattet mit zwei Flügeln, vermöge deren sie durch die Lüfte ziehen können. Solange sie sich mit keinem Manne eingelassen haben, bleiben sie, wie gesagt, jung und schön; nach etwaigem Verkehr mit einem männlichen Wesen aber gebären sie sogleich drei Urmen auf einmal, verwandeln sich in alte Weiber, werden als ehrlos von der Königin verstoßen und ziehen sich in einsame Hütten zurück. Von den drei Urmengeschwistern ist die eine ein böses, schlechtes Wesen, die beiden anderen dagegen gute. Jene sucht das Schicksal des Menschen zum Schlechten zu wenden; die beiden guten Urmen dagegen sind die Beschützerinnen der Menschen und Tiere und haben jede unter den Menschen sieben Lieblinge, denen sie Hilfe und Schutz angedeihen lassen, und ebensoviele Tiere. Eine andere Art von Schicksalsfeen sind die Keshalyi oder Waldgeister, die im Hochgebirge auf Felsvorsprüngen sitzen und ihr oft meilenlanges Haar in die Täler wallen lassen, wodurch sich die Entstehung des Nebels erklären soll. Ihr Verhältnis zu den Menschen ist ein ähnliches wie das der Urmen. Außer den genannten Naturgeistern verehren die Zigeuner noch eine ganze Reihe anderer Dämonen, wie die Niwaschi oder Wassergeister, die Pçuvusche oder Erdmenschen, Riesen und Zwerge, Jiuklanusche oder Hundemenschen und verschiedene Krankheitsdämonen.
Dem Einfluß der bösen Geister sucht man auf alle nur mögliche Weise zu begegnen, durch Opfer, Amulette, Beschwörungen und manches andere. Bevor man die Zelte zur neuen Wanderung abbricht, umreitet man dreimal das Lager, um die bösen Geister zu bannen. Aus demselben Grunde speit man dreimal in das Wasser, wenn man auf der Wanderung eine Brücke überschreitet. Erwachsene tragen häufig Stechapfelsamen als wirksames Abwehrmittel in den Schuhen bei sich, um bei wichtigen Unternehmungen Glück zu haben, hängen sich kleine aus Lindenholz, gleichfalls einem kräftigen Zaubermittel, geschnittene Täfelchen auf den bloßen Leib, um vor ansteckenden Krankheiten bewahrt zu bleiben, schlingen sich eine aus Eselshaaren geflochtene Schnur um den linken Oberschenkel, um bei Frauen Glück zu haben, und wenden noch eine ganze Reihe ähnlich gearteter Maßnahmen an. Helferinnen erstehen den Menschen in den Zauberfrauen. In erster Linie sind diese ihnen sowie den Tieren nützlich als Heilkünstler, denn sie gelten als mit besonderen Kenntnissen und Kräften ausgestattet, um das Schlechte, die Krankheitsdämonen, aus dem Körper zu vertreiben. Hiervon abgesehen, verstehen sie sich aber auch darauf, das Gelingen eines Unternehmens zu fördern, Liebe und Haß zu entfachen, die Seele des Menschen zu „binden und zu lösen“, das Wetter zu regeln, das Bild der Zukünftigen herbeizuzaubern, die Toten zu bannen und dergleichen. Ihre übernatürlichen Kräfte werden meistens vererbt und von den älteren Zauberfrauen bei den dafür Begabten weiterentwickelt. Aber auch durch geschlechtlichen Verkehr mit den Wassergeistern (Niwaschi) oder Erdmenschen (Pçuvusche) kann man zur Zauberin werden.
Die Zauberfrauen sind auch bei der Geburt zugegen, um diese durch Gebete und andere Mittel zu fördern. Kinder sind ein unbedingtes Erfordernis der Ehe. Ein kinderloses Weib wird verachtet; man behauptet von ihm, daß es vor der Ehe ein Liebesverhältnis mit einem Vampir gehabt habe. Mancherlei Aberglaube beeinflußt das Leben einer Schwangeren. Frauen, die sich in anderen Umständen befinden, tragen Bärenklauen am Gürtel; sie müssen ihn, wenn sie einen Regenbogen erblicken, diesem zuschwenken, damit das Kind schön werde.
Naht die Geburtsstunde, so löst man an den Kleidern der Kreißenden und an denen ihrer Umgebung alle Knoten. Ferner wird vor dem Zelt ein Feuer angefacht, um die bösen Geister abzuschrecken; die Weiber, denen diese Pflicht obliegt, speien dreimal in die Flamme, rufen dabei: „Komm, gute Urme, und hilf!“ und murmeln dann noch weitere Sprüche; bei den siebenbürgischen Zigeunern läßt man dieses Feuer bis zur Taufe brennen. Um die feindlich gesinnten Dämonen zu verscheuchen, ziehen die Zeltzigeuner um Mutter und Kind einen kreisförmigen Ring, innerhalb dessen Stechapfelsamen ausgestreut wird. Die Balkanzigeuner stellen zu Häupten der Mutter einen Napf mit in Honig gekochter Hirse oder Weizen auf und stecken drei Löffel in den Brei, damit sich die Urmen daran laben können; zuweilen stellen sie auch drei Stückchen Speck und drei Gläschen Schnaps bereit. Darauf müssen sich alle Leute aus dem Zelte oder der Hütte und ihrer allernächsten Nähe entfernen. Nur die Zauberfrau bleibt vor dem Zelte, in dem Mutter und Kind liegen; hier sitzt sie und murmelt Gebete bis zur Morgendämmerung. Außer ihr ist es nur äußerst selten den Menschen vergönnt, die Urmen zu sehen; so zum Beispiel ist dazu nur die siebente Tochter in einer durch keinen Knaben unterbrochenen Mädchenreihe imstande, und umgekehrt sogar nur der neunte Sohn in einer durch kein Mädchen unterbrochenen Knabenreihe. — Gegen Mitternacht nach der Geburt des Kindes erscheinen dann die drei Urmen und bestimmen das zukünftige Geschick des neuen Weltbürgers. Die erste bestimmt die Zahl der Lebensjahre des Kindes und seine dereinstige Todesart, die zweite, ob es reich oder arm, in der Ehe glücklich oder unglücklich werden soll, und die dritte endlich sucht die Wünsche ihrer Schwestern zu entkräften.
Verläßt die Wöchnerin ihr Lager, so muß sie, falls sie einen Sohn geboren hat, zwischen einem entzweigeschnittenen Hahn, wenn eine Tochter, zwischen einer entzweigeschnittenen Henne hindurchgehen, worauf das betreffende Tier von den Frauen verzehrt wird. Bei ihrem ersten Ausgang muß sie ihr Kind auf die Erde legen und dreimal darüber hinweg- und wieder zurückschreiten, damit es nicht geistersichtig werde; hierauf hebt der Vater es von der Erde auf, wobei er ihm einen roten Faden um den Hals hängt, um es dadurch öffentlich als sein eigenes anzuerkennen.
Schon frühzeitig regt sich bei den jungen Leuten die Liebe. Die Liebespoesie nimmt einen breiten Raum im Leben der Zigeuner ein. Zahlreich sind auch die Geheim- und Zaubermittel, durch die ein Verliebter die Gunst des Gegenstandes seiner Liebe zu erreichen sucht. Will ein junges Mädchen einen Mann an sich fesseln, dann sucht es zum Beispiel eine Weidenrute mit Knoten, da man diese als von Feen geschlungen ansieht, schneidet diese Knoten ab und steckt sie in den Mund, worauf es die Worte spricht: „Dein Glück esse ich, dein Glück trinke ich; dafür gebe ich dir mein Glück, du bist nun mein.“ Schließlich muß es die Knoten noch unbemerkt in das Lager der geliebten Person stecken.
Hat ein junger Zigeuner die Absicht, zu heiraten, so kauft er sich ein Tuch und hängt es an das Zelt seiner Auserwählten. Wenn diese es an sich nimmt, so gibt sie damit ihr Einverständnis zu verstehen. Natürlich muß auch die Zustimmung der Eltern des Mädchens eingeholt werden, was durch Darbringung von zahlreichen Geschenken erreicht wird. Die Zigeunerheirat ist nämlich ein richtiger Kauf, insofern der Bräutigam den Eltern seiner Auserwählten eine bestimmte Summe zu zahlen hat, deren Höhe sich vielfach nach der Schönheit des Mädchens richtet.
Um zu erfahren, ob die Ehe fruchtbar sein wird, begibt sich das Brautpaar eine Woche vor dem Hochzeitstage nachts an das Ufer des nächstgelegenen Flusses und stellt hier zwei brennende Kerzen auf. Löscht der Wind eine derselben aus, dann gilt dies als böses Vorzeichen; die Brautleute beeilen sich in diesem Fall, Äpfel und Eier ins Wasser zu werfen, um die bösen Wassergeister zu besänftigen.
Die Einladung zur Hochzeit pflegt der Zigeunerbursche persönlich zu überbringen; in Begleitung von mehreren Musikanten begibt er sich von Zelt zu Zelt und trägt seine Einladung unter Musikbegleitung singend und tanzend vor. Dabei ist er unter anderem durch einen mit Bändern verzierten Haselstock gekennzeichnet, der das junge Paar vor dem Einfluß der bösen Wassergeister (Niwaschi) bewahren soll. Während der Bräutigam die Pflicht der Einladung erfüllt, verbrennt die Braut nächtlicherweile an einem Kreuzweg ihre sogenannten Glücksträußchen, damit sie keinem anderen Mädchen in die Hände fallen, wodurch das Herz des Verlobten abwendig gemacht werden könnte. Die Glücksträußchen sind Gnaphaliumblüten, die die jungen Mädchen alljährlich in der Johannisnacht sammeln und, zu kleinen Sträußchen gebunden, unter ihren Habseligkeiten aufbewahren, damit sie ihre Besitzerin vor Krankheit und Schande schützen.
Drei Tage vor der Hochzeit findet eine Vorfeier statt, zu der die Stammesgenossen zusammenkommen; die Brautleute tauschen dabei bunte Tücher oder Ringe aus. Bei einigen Stämmen holen die Weiber am letzten Tage vor der Hochzeit junge Bäume aus dem Walde, die sogenannten Glückstangen, und stellen sie vor der Wohnung des Bräutigams auf, damit seine Liebe zu seiner Auserwählten in Zukunft „holzfest und immergrün“ erhalten bleibe, er muß sie für diese Aufmerksamkeit mit Branntwein belohnen. Schon am frühen Morgen des Hochzeitstages finden sich die Gäste vor dem Zelte ein und bringen dem Brautpaar allerlei Geschenke dar, meist in Gestalt von Eßwaren und Getränken, aber auch von hauswirtschaftlichen Gegenständen und Geld. Darauf begeben sich alle Teilnehmer unter Vorantritt von Musikanten, aber zunächst ohne Sang und Klang, in festlichem Zuge in die Kirche. Zuerst der Bräutigam, umgeben von den Burschen und Männern, darauf in bestimmter Entfernung die Braut in Begleitung der Frauen und Mädchen sowie eines einzigen, und zwar des ältesten Burschen, der aufzupassen hat, daß die Braut nicht entführt werde. Ist er dabei nachlässig, so muß er einen Teil der Hochzeitskosten tragen. Nach der Trauung begibt sich der Zug unter Gejohle und Musizieren wieder zum Zeltlager zurück. Hier angekommen, wird das junge Paar mit Nüssen beworfen, früher auch mit Hirse, mit Wasser begossen und dann mit einem Beutel aus Wieselfell, der Stechapfelsamen enthält, abgerieben, was gegen Unglück und bösen Blick schützen soll; beim Betreten des Zeltes werden ihm Schuhe und Stiefel nachgeworfen, was die Fruchtbarkeit steigern soll, und so fort.
Krankheit wird von den Zigeunern bestimmten Dämonen zugeschoben, gegen die man eine Zauberfrau zu Rate zieht. Diese sucht sich mit dem Kranken sofort in magische Beziehung zu setzen, indem sie dessen verschiedene Körperstellen mit einem Säckchen voll Stechapfelsamen reibt und den Dämon herbeiruft, daß er ihr das Heilmittel verrate. Hat das Eingreifen der Zauberfrau keinen Erfolg, so bereitet man sich und den Toten auf dessen letztes Ende vor. Man bringt ihn samt seinem Hab und Gut vor das Zelt, damit, wenn sein letztes Stündchen wirklich schlagen sollte, die Seele den Körper ruhig verlassen könne und nicht an irgendeinem Gegenstand des Toten haften bleibe, denn dafür würde sie später schwere Rache an den Hinterbliebenen nehmen. Bei verschiedenen Stämmen ist es auch Sitte, die Fußsohlen des Sterbenden durch einen weißen Hund belecken zu lassen.
Nach dem Eintritt des Todes wird die Leiche mit Salzwasser gewaschen. Mit diesem Abwaschwasser tränkt man später das Vieh, damit es gut gedeihe. Nach dem Waschen wird die Leiche ins Freie geschafft, falls dies nicht schon vorher geschehen sein sollte. Der Weg wird dabei aber nicht durch die übliche Eingangstür genommen, sondern an einer anderen Stelle nach Aufheben der Zeltwand oder durch die Fensteröffnung. Im Freien erfolgt dann die Aufbahrung der Leiche. Gleichzeitig stimmen die Weiber Klagelieder an, die je nach dem Geschlecht des Verstorbenen verschieden ausfallen und eines poetischen Schwunges nicht entbehren. Neben die aufgebahrte Leiche setzen die Stammesgenossen Speisen und Getränke, die später von ihnen verzehrt werden. Bei dieser Totenfeier kommt es vielfach zu wüsten Orgien (siehe die Kunstbeilage).
Nach dreitägiger Aufbahrung wird der Tote außerhalb der Ansiedlung beerdigt. Sobald das Grab zugeworfen ist, häufen die Frauen alle von dem Verschiedenen benutzten Sachen um den Grabhügel auf und verbrennen dieselben; anderenfalls würde die Seele des Toten wiederkehren, um dessen Verwandte zu quälen und sein Eigentum von ihnen zurückzufordern. Außerdem soll das Feuer die Seele bei ihrer Wanderung durch kalte Gegenden ins Totenreich erwärmen. Ehe nicht das Fleisch von den Knochen abgefault ist, kann die irrende Seele dieses nicht finden. Auf dem Wege dorthin, der recht beschwerlich und gefährlich ist, muß sie unter anderem an sieben Bergen vorbeiziehen, die miteinander streiten, gegen eine den Weg verteidigende Schlange ankämpfen und gegen einen eisigen, schneidenden Wind marschieren. Um die Lebenden gegen den etwa zurückkehrenden Geist zu schützen, umgab man früher das Grab noch mit Dornen.
Den Namen eines Verstorbenen nennt man nur noch einmal, und zwar am siebenten Tage nach der Beerdigung. An diesem entfernen sich nämlich die nächsten Anverwandten des Verstorbenen mit Einbruch der Nacht von den Zelten, rufen den Toten mit Namen und machen ihm klar, daß er für ewige Zeiten aus der Welt geschieden und kein Mensch mehr sei; er möge daher mit seinem Schicksal zufrieden sein und nicht mehr daran denken, zu seinen Angehörigen zurückzukehren oder als Geist sein Unwesen zu treiben.
Von da an wagt man den Namen eines Verstorbenen nicht mehr auszusprechen.