Phot. H. H. Johnston.
Abb. 116. Kleidung der Nkimbogeheimgesellschaft.
Wenn die jungen Leute alle Weihen empfangen und die Geheimsprache der Gesellschaft erlernt haben, dürfen sie ein besonderes Gewand anlegen, das einem Reifrock gleicht und aus Gras oder aus Palmfasern angefertigt ist. Gesicht und Oberkörper sind mit Ton weiß gefärbt.

Das Kongobecken.

Das Kongobecken, der äquatoriale Teil Westafrikas, wird in der Hauptsache von Bantustämmen bewohnt, zwischen die eingesprengt sich vielfach noch mehr oder minder zahlreiche Pygmäen- oder Zwergstämme finden, wahrscheinlich die Überreste der Urbevölkerung, die einst ganz Mittel- und Südafrika eingenommen haben dürfte.

Von der Körperbeschaffenheit der Pygmäen war bereits an anderer Stelle die Rede, so daß wir hier nicht weiter darauf einzugehen brauchen. Nur ein paar Worte über ihre heutige Verbreitung mögen hier folgen. Der südlichsten Ausläufer dieser Rasse, der Buschmänner, gedachten wir ausführlicher schon oben. Weiter nördlich sitzen in den Urwäldern von Kamerun die Badjeri oder Bojaeli, die Bekerelle und die Bako, im Hinterlande der Loangoküste die Bakke-Bakke, Dongo und Obongo. Von der Westküste aus verbreiten sich die Zwergvölker über das Kongobecken hinaus in zum Teil zahlreichen Trupps (Bakoa, Batua, Bopoto und so weiter) bis zu den großen ostafrikanischen Seen hin, wo sie ihre größte Dichtigkeit zu erreichen scheinen. Man kennt sie hier unter den Namen der Tiki-Tiki, Akka, Wambutti, Ewé, Ituri, Batwa und anderer mehr. Teilweise sind sie bereits Kreuzungen mit den hochwüchsigen Nachbarnegern eingegangen.

Aus: Czekanowski, Forschungen im Nil-Kongo-Zwischengebiet.
Abb. 117. Kongopygmäen.

Die zentralafrikanischen Zwergvölker gehen zumeist gänzlich unbekleidet (Abb. 119), nur vereinzelt legen sie sich Streifen Rindenstoffes oder Blätter um die Hüften. Beachtenswert ist das gänzliche Fehlen von Schmuck bei ihnen. Tatauierung und Körperbemalung kennen sie auch nicht, ebensowenig sonstige Verschönerung beziehungsweise Verunstaltung des Körpers. Wo sich etwa solcher Schmuck findet, scheint er fremden Ursprungs zu sein. Die Pygmäen wohnen in den dichten, fast unzugänglichen Urwäldern und erwerben sich ihren Lebensunterhalt durch Jagd. Dabei bekunden sie eine bewunderungswerte Schnelligkeit und Gewandtheit, eine große Sicherheit im Gebrauch ihrer einfachen Waffen, eine ziemliche Erfindungsgabe, das Wild mit Fallen und Schlingen zu umstellen, und eine auffallende Unerschrockenheit den großen Tieren, wie Elefanten, Nashörnern und Löwen, gegenüber, denen sie tapfer zu Leibe gehen. Ihre Waffen bestehen nur aus Bogen und Pfeilen (Abb. 117). Die letzteren sind mit Holz- oder Knochenspitzen ausgestattet, jedoch kommen vielfach auch schon eiserne Pfeilspitzen vor, die aber als Entlehnung von den Nachbarvölkern anzusehen sind. Gleichfalls infolge von Berührung mit fremden Völkern sind sie heutzutage auch schon größtenteils in den Besitz von Speeren gelangt. Gegen die Erträge ihrer Jagd pflegen die Pygmäen verschiedentlich auf dem Wege des stillschweigenden Tauschverkehrs die Erzeugnisse des Ackerbaus von ihren hochwüchsigen Nachbarn einzuhandeln. Sie selbst betreiben keine Ackerwirtschaft. Ihrer umherziehenden Lebensweise entsprechen auch ihre Wohnungen, entweder einfache Windschirme oder primitive halbrunde Hütten (Abb. 118), die ihnen nur zum Schlafen dienen. Das Feuer erzeugen sie durch Quirlen mit einem senkrecht stehenden härteren Holzstabe in einem weicheren wagerecht liegenden Holz oder auch durch Aneinanderschlagen zweier Kiesel.

Aus: Czekanowski, Forschungen im Nil-Kongo-Zwischengebiet.
Abb. 118. Hütte der Kongopygmäen.

Über die sittlichen Anschauungen der Pygmäen wissen wir herzlich wenig. Es hat den Anschein, als ob dieselben nicht auf so niederer Stufe stehen, wie die der sie umgebenden hochgewachsenen Stämme.

Die Religion der zentralafrikanischen Pygmäenstämme kennt ein höchstes, im Himmel wohnendes Wesen, bald Waka, bald Nzambi oder Indagarra von ihnen genannt, das Herr über alles ist und auch als Schöpfer der ganzen Welt angesehen zu werden scheint. In seiner Hand ruht auch das Geschick der Menschen. Daher sind diese bestrebt, jenes Wesen durch Opfer günstig zu stimmen. Wird ein erjagtes Tier zerlegt, so erhält Waka das beste Stück; es wird auf dem Feuer verbrannt. Es wurde beobachtet, daß die Pygmäen bei ihren gemeinsamen Mahlzeiten von ihrem persönlichen Anteil ein Stückchen beiseite legten als Opfer für ihren höchsten Gott. Findet jemand im Walde Honig, so nimmt er nicht eher davon, als bis er ein wenig in den Wald und nach dem Himmel zu geworfen hat. Trinkt er Palmwein, so gießt er zuvor etwas auf die Erde. Dabei wird Waka angerufen und ihm gesagt, daß er seinen Anteil erhalte, wofür aber auch erwartet werde, daß er dem Spender Kraft und Gesundheit verleihe und seine Kinder vor Unheil bewahre. Beim Einsammeln der Nkulanüsse bringen gewisse Pygmäenstämme ihrem Gott Nzambi ähnliche Erstlingsopfer dar. Man pflückt eine schlechte und eine gute Nuß ab, wobei derjenige, der sie vom Baume herunterholt, mit dem Kopfe nach unten herunterklettern muß, legt sie beide in ein Loch unter dem Herde und zündet auf diesem ein neues Feuer durch Quirlen an. Um dieses tanzt man schließlich und singt dem Gotte Dankeslieder. — Fetische kennen die Pygmäen nicht, auch Zauberei und Priestertum gibt es unter ihnen nicht. Das einzige, das an Aberglauben erinnert, sind gewisse Mittel, mit denen sie sich ihr Jagdglück zu sichern suchen.

Ein „Makenge“ genannter Würdenträger der Babende.
Die „Babende“ sind die Mitglieder einer geheimen Gesellschaft unter den Bangongo, einem Stamme des Buschongovolkes am unteren Kongo. Wenn neue Mitglieder aufgenommen werden, sind drei maskierte Würdenträger anwesend, von denen der „Makenge“ der wichtigste ist, und tanzen. Wenn die Trommel ertönt, müssen alle Frauen und Kinder sich sofort verbergen; doch sagt man, daß ein Kind gefangen und geschlachtet wird.
Aus: Czekanowski, Forschungen im Nil-Kongo-Zwischengebiet.
Abb. 119. Kongopygmäen.

Die übliche Eheform der Pygmäen soll die Einehe sein; mehr als eine Frau legt man sich bei den Zwergvölkern selten zu. Von einigen Stämmen wird berichtet, daß die Mädchen sich frei nach ihrer Wahl den Mann suchen, aber auch wieder, daß dieser den Eltern seiner Erkorenen eine Gabe darzubringen pflegt, wohl als Entschädigung für den Verlust ihrer Tochter. Überbleibsel des Frauenraubs sollen bei der Hochzeit vorkommen. Wenn der Bräutigam sich zur Verehelichung einfindet, dann trifft er die Braut im Hause ihrer Eltern nicht an, sondern muß sie im Walde, wo sie sich versteckt hat, suchen. Von weiteren Förmlichkeiten ist nichts bekannt.

Ebensowenig werden besondere Feierlichkeiten bei Todesfällen abgehalten. Im allgemeinen begräbt man den Toten einfach in einem Loche. Die Batua geben ihm noch gewisse Zauberpflanzen mit ins Grab, die es ihm ermöglichen sollen, an denjenigen Rache zu üben, die seinen Tod verschuldeten. Andere Stämme legen neben den Verstorbenen Bogen und Pfeile. Beisetzungsfeierlichkeiten werden nicht veranstaltet; auch eine Trauer um den Toten gibt es nicht. Manche Stämme verlassen den Platz, wo sie den Verstorbenen beisetzten, und ziehen weiter. Der Grund hierfür dürfte in der Furcht vor der Wiederkehr des Toten zu suchen sein. Im großen und ganzen kennt man indessen bei ihnen meistens keine Geister- oder Ahnenverehrung. Nur die Batua glauben noch an ein Wiedererscheinen der Verstorbenen, die ihnen dann im Schlafe ihre Wünsche aussprechen sollen. Sie errichten auch kleine Hütten und stellen in ihnen Speise und Trank für die Verstorbenen auf.

Die hochwüchsigen Neger Zentralafrikas sind Bantu. Ihre körperliche Beschaffenheit (Abb. 121, 123 und 136), Kleidung (Abb. 127), Art, den Körper zu schmücken beziehungsweise zu verunstalten (Abb. 122, 124, 126, 129, 130, 131 und 144), Wohnung (Abb. 120) und Lebensweise sind im allgemeinen dieselben wie die der übrigen Bantu, weswegen wir an dieser Steile hierauf nicht einzugehen brauchen. Dagegen haben sie in mancher Hinsicht andere Sitten und Gebräuche.

Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 120. Häuser der Yambuya am Aruwimiriver.
Die Steilheit der Dächer soll das Ablaufen des Regenwassers befördern.
Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 121. Häuptlinge vom Stamme der Lokele (am rechten Ufer des Kongo, unterhalb der Stanleyfälle) in Festtracht.
Ihre Speere sind Paradewaffen, dienen also nicht zu Kriegszwecken. Die Schulterbänder, an denen die Messer getragen werden, sind aus Leopardenhaut, die Halsketten aus Leopardenzähnen hergestellt.
Mit Erl. der Baptisten-Missionsgesellschaft.
Abb. 122. Zwei Bayengihäuptlinge vom Ngombestamm.
Der Häuptling zur Rechten hat eine aus Palmöl und Kohlenstaub gemischte Masse in das Haar verrieben; der zur Linken trägt als Haarschmuck Messingperlen von einheimischer Arbeit.

Unter den Kongostämmen begegnen wir wie in Westafrika den verschiedensten Geheimbünden (siehe die farbige Kunstbeilage). Am Unterlauf des Kongo ist der verbreitetste der Nsi a Fwa, das heißt „Land des Totenbundes“. Wenn in dieser Gegend eine Krankheit allgemein auftritt oder die Geburtenziffer sehr herabgeht, dann gründet ein Hexendoktor eine Loge zur Aufnahme so vieler Personen jeglichen Geschlechts und Alters, als dem Bunde beizutreten wünschen. Die Aufnahme Begehrenden verfallen auf den Märkten oder auf der Straße in eine Art Starrkrampf und werden in die Loge getragen; hier bleiben sie monatelang bis zu zwei oder auch drei Jahren. Die Loge liegt in einem dichten Teil des Busches und bleibt so lange bestehen, wie sie sich für den Doktor und seine Helfershelfer bezahlt macht. Es heißt von den Mitgliedern des Bundes, ihr Körper zersetze sich bis zu dem Grade, daß nur ein einziger Knochen von einem jeden Menschen übrigbleibe. Die Familien der „Toten“ bringen täglich große Mengen Eßwaren hin und legen sie draußen vor der Loge nieder, damit der Doktor und seine Gehilfen die nötige Kraft bekommen, die Gebeine der Toten zu wenden. Die Mitglieder des Bundes gehen in der Loge nackend umher und tanzen viel; zur Begleitung dient ihnen nur ein Saiteninstrument, keine Trommeln. Da dieser Geheimbund die Brutstätte großer Unzüchtigkeit ist, wird er von den einheimischen Häuptlingen in manchen Teilen des Landes verboten. — Ein anderer Bund heißt Nkimbo (Abb. 116); in ihn dürfen nur Männer aufgenommen werden. Die Mitglieder reiben sich mit weißem Pfeifenton ein und tragen krinolinenartige Gewänder aus Gras oder aus Palmfasern. In dieser gespenstischen Tracht ängstigen sie unter einem seltsam trillernden Ruf ihre Mitmenschen, so daß diese ihren Forderungen nach Geld und Speise willig nachkommen. Dieser Bund scheint seinerzeit von Händlern ins Leben gerufen worden zu sein, um sich bei ihren Geschäftsreisen vor den Erpressungen fremder Häuptlinge zu schützen und einander unterwegs geschäftlich behilflich zu sein; mit der Zeit wurde der Bund so stark, daß er sich anmaßte, von vorüberziehenden Karawanen eine Abgabe zu verlangen. Jetzt ist seine Macht im Abblassen begriffen. Die Aufnahmegebühr belief sich auf etwa zehn Schilling Handelsware. Wer diese bezahlt hatte, wurde so lange rund um sich selbst gedreht, bis ihm schwindlig wurde, worauf man ihn bewußtlos in die Loge trug. Hier blieb er, bis er die geheime Sprache des Bundes erlernt hatte. — Ein Geheimbund am Kasai soll die Leichen der Verstorbenen ausgraben und sich im Schutze der Nacht an ihnen gütlich tun. Ihm gehören sowohl Männer wie Frauen an.

Phot. John H. Weeks.
Abb. 123. Krieger vom Ntumbasee.
Dieser Stamm ist einer der wenigen, die noch Bogen und Pfeile gebrauchen. Der kleinere der beiden Krieger hält in der Rechten eine Galaaxt, wie sie Häuptlinge bei Besuchen mit sich führen; der größere trägt ein Messer und einen Fliegenwedel unterm Arm sowie drei Medizinhörner auf der Brust.

Ein interessantes Gebiet ist die Religion der Kongovölker. In allen Kongosprachen kommt wohl ein Name für ein höheres Wesen vor, aber die Vorstellungen von ihm sind ganz unklar. Es wird als der hauptsächlichste Schöpfer aller Dinge angesehen, gilt für besonders stark, reich und gut, ja für so mild und gütig, daß es niemand etwas zuleide tut. Aus diesem Grunde hält man es auch nicht für nötig, diesem höchsten Wesen Opfer darzubringen oder Gebete an dasselbe zu richten. Dafür aber befassen sich die Eingeborenen um so mehr mit den zahlreichen Geistern, von denen sie sich umgeben glauben. An sie wenden sie sich, wenn sie etwas erreichen wollen, sei es, daß sie den Feinden des Bittenden Schaden zufügen oder diesem selbst Gutes erweisen sollen, was von der Macht des besonderen Fetisches abhängt, den man sich vom Medizinmann kauft. Auch Hexen beunruhigen die Leute, da sie die Macht besitzen, Unglück, Mißlingen ihrer Angelegenheiten, Krankheit und selbst den Tod über sie zu bringen. Gäbe es keine Hexen, keine Geister und keine Fetische, so behaupten die Kongoneger, dann würde es auch keinen Kummer, kein Unglück, keine Krankheit und selbst keinen Tod geben; die Menschen würden ohne Hexen ewig in einer Art Himmel auf Erden leben. Um den Machenschaften der Hexen zu begegnen, gibt es wieder zahlreiche Fetische und Hexendoktoren, denen die Aufgabe zufällt, jene bösen Mächte zu überlisten und die Menschen entweder vor deren Bosheit zu schützen oder diejenigen zu bestrafen, die sich lediglich aus Mutwillen und Bosheit zu Medien für die Verhexung von seiten der Geister hergeben.

Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 124. Haartracht der Sangoleute am oberen Mobangiriver.
Die Wirkung der eigenartigen Frisur wird noch erhöht durch Schnüre aus weißen Perlen und Kaurimuscheln.

Unter den Anwohnern des unteren Kongo gibt es mehr als fünfzig verschiedene Zauberdoktoren (Abb. 128), und jeder Stamm am oberen Kongo besitzt seine eigene, mehr oder weniger zahlreiche Gruppe von solchen. Sie stellen die Fetische her, mit deren Hilfe sich die Menschen vor Hexerei zu schützen und sich Gesundheit und Glück zu erhalten suchen. Manche Hexendoktoren besitzen Fetische, mit denen sie jegliche Krankheit sowohl herbeiführen als auch heilen können; andere wiederum vermögen damit ihre Kunden gegen jede Gefahr zu schützen, die man sich überhaupt denken kann. Manche Fetische verleihen beim Stehlen und Betrügen Glück, und andere wieder schützen den Besitzer vor Dieben; noch andere übertragen eine solche Geschicklichkeit zum Lügen und Stehlen, daß der Besitzer eines solchen Zaubermittels niemals entdeckt werden kann. Auch verspricht der Hexendoktor seinem Kunden, ihn bei anderen Menschen so beliebt zu machen, daß jeder Nachbar sich freundlich zu ihm stellen und ihm bei seinen Unternehmungen hilfreich zur Hand gehen müsse, sei es im geschäftlichen Verkehr oder im Kampf, bei Streitigkeiten oder in Liebesangelegenheiten. Versagt etwa das Mittel, dann liegt dies daran, daß der Gegner ein noch wirksameres Gegenmittel besitzt. Aber auch diesem Übelstand kann der betreffende Hexendoktor abhelfen; sein Kunde braucht nur noch mehr zu zahlen und erhält dafür einen einflußreicheren Fetisch von ihm angefertigt. Auf diese Weise kauft sich mancher an Zaubermitteln und Fetischen wirklich arm und bringt sich an den Bettelstab, nur um die Gebühren des Hexendoktors bezahlen zu können.

Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 125. Ein Nkindufetisch vom unteren Kongo.
Er ist ganz mit Nägeln bespickt, die ihm zum Dank für empfangene Wohltaten eingeschlagen wurden.

Die Fetische (Abb. 125, 132, 133, 134 und 140) sind von mancherlei Gestalt. Jeder Medizinmann oder Hexendoktor besitzt ein Bündel mit Zaubermitteln, von denen er annimmt, daß die Geister mit Vorliebe darin Wohnung nehmen, oder einen Beutel mit Dingen, die sie gern verspeisen. Um den Geistern eine Freude zu bereiten, werden diese Sachen in ein Fetischbildnis getan; dadurch erreicht der Zauberer, daß der Geist sich fortan in dem Fetisch aufhält und daß er ihn unter besonderer Aufsicht hat. Jeder Medizinmann muß einen solchen Fetischbeutel haben. Dieser enthält eine Mischung aller Zaubermittel, die einem bestimmten Geist gegenüber für wirksam gelten; je nach der Krankheit, auf die man ihm Einfluß zuschreibt, ist der Inhalt des Beutels verschieden. Er setzt sich demnach aus allen möglichen Dingen zusammen. Einer, den Doktor Bentley untersuchte, enthielt Federn von der Brust und den Flügeln eines Perlhuhns, zwei kleine Stücke Leopardenfell, einen Hirschkäfer, ein paar Perlen, Eisensteinspäne, einen Skarabäus, zwei kleine Kieselsteine und eine blaue Kalabarbohne. Die meisten Hexendoktoren des unteren Kongo ziehen Fetischgötzen vor, da sie sich bequemer tragen lassen als die Beutel, die oft groß und von ziemlichem Gewicht sind. Das Bildnis ist ein gewöhnliches Stück Holz, das eine grob geschnittene menschliche Person, Mann oder Frau, gelegentlich auch ein Tier darstellt und in seinem Inneren ein Teilchen von jedem Zaubermittel aus dem Fetischbeutel birgt; dadurch erhält es seine Kraft. Wenn nun ein Laie ein Zaubermittel zu kaufen wünscht, dann geht er zu einem Medizinmann, der einen mit den erforderlichen Eigenschaften ausgestatteten Fetisch besitzt, und erwirbt diesen für sich. Hat er die verlangte Gebühr dafür entrichtet, so nimmt der Medizinmann winzige Teilchen von allen Mitteln aus seinem Beutel, mischt sie gründlich und tut sie in ein kleines Horn, eine Muschel oder in einen Götzen; diesen Gegenstand überläßt er dann seinem Kunden. Das Horn wird als Schutzmittel getragen und kostet nicht viel. Die Muschel ist schon teurer, weil sie mehr Wirksamkeit besitzt; ihr Besitzer trägt sie entweder in seinem Schultersack mit sich herum oder läßt sie auch zu Hause, da sie auf jede Entfernung hin für ihn wirksam sein kann. Das teuerste ist aber der Fetischgötze, da er sozusagen die gleichen Fähigkeiten besitzt wie des „Doktors“ Fetischbeutel selbst; ihm wird die Eigenschaft zugeschrieben, er könne alles das bewirken, was sein Besitzer von ihm verlangt.

Phot. H. Sutton Smith.
Abb. 126. Yakusu bei der Herstellung ihrer Haartracht.
Die Muster werden mit einem kleinen Rasiermesser von einheimischer Arbeit ausrasiert.
Phot. A. Billington.
Abb. 127. Ein Batekehäuptling.
Er trägt eine Kopfbedeckung aus Kaurimuscheln und als weiteres Zeichen seiner Würde einen Wedel aus Büffelhaaren. Als wohlhabender Mann sitzt er außerdem auf einem Leopardenfell.

Am unteren Kongo werden den Fetischen regelmäßig Opfer dargebracht; indessen darf man nicht annehmen, daß diese etwa eine Art Anbetung bedeuten, vielmehr liegt solchem Opfer einfach der Gedanke zugrunde, daß es die Macht in dem Fetischbildnis oder in dem Bündel der Zaubermittel auf irgendeine Weise erneuere, den Fetisch gleichsam auffrische und ihn befähige, sein Amt als Beschützer seines Besitzers, als Strafvollstrecker an dessen Feinden und als Glückspender wirksamer auszuüben. Das Opfer soll auch einen etwa grollenden Fetisch besänftigen, damit er sich für seinen Besitzer aufs neue Mühe gebe. Es besteht darin, daß ein Huhn oder eine Ziege getötet und das Blut über den Fetisch oder das Bündel verspritzt wird; manchmal schneidet man auch einem Huhn oder einem Frosch die Zehe durch und läßt das hervorquellende Blut über den Fetisch tropfen. Soll dem Fetisch seine volle Kraft erhalten bleiben, dann ist es nötig, ihm regelmäßig Opfer darzubringen, das heißt, immer am Neumond oder an bestimmten Markttagen; eine je größere Gefälligkeit man von ihm erwartet, um so wertvoller muß die Gabe ausfallen. Die Stunde des Opfers pflegt der Sonnenuntergang zu sein; der Opfernde muß sein Gesicht der Sonne zukehren. — Schweine werden niemals als Opfer verwendet, weil sie für unreine Tiere gehalten zu werden scheinen.

Phot. Joseph Clark.
Abb. 128. Ein Zauberdoktor vom Ntumbasee.
Seine besonderen Merkmale sind Häute, Glocken, Federn und Bemalung.

Will ein Fetisch trotz der regelmäßigen Opfer nicht mehr richtig arbeiten, mit anderen Worten, hat sein Besitzer nur Mißerfolg in den verschiedensten Lebenslagen, dann bringt dieser ihn dem Zauberdoktor, von dem er ihn kaufte, zurück und trägt ihm auf, ihm neue Kraft zu verleihen. Die Maßnahmen, die der Medizinmann in solchem Fall vornimmt, sind verschieden; jeder hat sein besonderes Verfahren. Zumeist wird aber der angeblich unbrauchbar gewordene Fetisch, um ihn neu zu beleben, in folgender Weise behandelt: er wird geschlagen und es wird dabei auf einer Pfeife gepfiffen, um ihn aufzurütteln, oder es wird um ihn herum Schießpulver zur Explosion gebracht und er selbst in den Rauch gehalten.

Theorie und Praxis des Medizinmannes laufen darauf hinaus, entweder einen Menschen durch den Fetisch zu verfluchen, oder den Fetisch zu beruhigen und dadurch einen Fluch hinwegzunehmen. Glaubt jemand, ein bekannter oder unbekannter Feind habe ihm ein Leid zugefügt, und wünscht er, daß diese Person von Krankheit oder Tod betroffen werde, dann geht er zu einem Medizinmann und sucht ihn durch Bezahlung dafür zu gewinnen, daß er jenen Feind durch den Fetisch verfluchen lasse. Der Fetisch wird zu diesem Zweck mit einem Stocke geschlagen, wobei er den Auftrag erhält, dies oder jenes zu tun; darauf wird er dreimal in die Luft gehoben, ebenso oft in die Nähe des Erdbodens gesenkt und schließlich vor dem feindlichen Hause aufgehängt. Man nimmt dann an, daß der in dem Fetisch wohnende Geist nach dem betreffenden Orte hinfliege, um die ihm zuteil gewordenen Befehle auszuführen. Durch das nämliche einfache Verfahren kann jeder Laie seinen Feind verfluchen. Daher kann sich auch jeder, der keinen eigenen Fetisch besitzt, der mächtig genug ist, seinen Haß zu befriedigen, sich aber keine großen Unkosten durch Neubeschaffung eines solchen oder durch Inanspruchnahme eines Medizinmannes machen will, einen starken Fetisch zu einem geringen Preise borgen und durch ihn seinen Feind verfluchen. Der Name des Betreffenden braucht dabei gar nicht ausgesprochen zu werden; es genügt schon, zu sagen: „Der Dieb, der meine Sache stahl,“ oder: „Mein Feind, der mir Unglück sandte,“ oder: „Derjenige, der mich behext hat.“

Phot. C. J. Dodds.
Abb. 129. Ein Bopotohäuptling.
Er trägt eine Mütze aus Wildkatzenfell und Federn. Die Halskette besteht aus Holzstiften, die mit „Medizin“ gegen allerlei Zauberei angefüllt sind, und Perlen. Mit der Eintatauierung des Stammesabzeichens wurde schon in den Kinderjahren begonnen und dann noch jahrelang damit fortgefahren.

Bei dieser großen Verbreitung des Zauberwesens im Kongogebiete kann es nicht wundernehmen, wenn das Kind, und zwar schon vor seiner Geburt, von allerlei Zaubermitteln umgeben wird. Steht seine Ankunft bevor, dann ruft man einen weiblichen Hexendoktor. Dieser kocht verschiedene Sorten Fleisch und Fische und zieht Perlen zu einer Halskette auf, der eine Muschel als Mittelstück gegeben wird. In diese tut das zauberkundige Weib etwas Kreide, ein bestimmtes Blatt, eine Prise Salz und einen Teil der durcheinander gekochten Speise. Die angehende Mutter hat nun die Pflicht, jeden Morgen an diesem Mischmasch zu lecken, damit sie ein gesundes Kind bekomme und dieses sich später leicht an allerhand Nahrung gewöhne. Nach der Zubereitung der geschilderten Speise gibt die Medizinfrau der Schwangeren etwas davon zu essen und trifft dann weiter eine ganz sonderbare Maßnahme. Sie kocht ein Huhn und legt ein Bein von ihm für das älteste Kind der angehenden Mutter beiseite oder, falls diese zum ersten Male niederkommt, für deren Schwester oder nächste weibliche Verwandte. Diese Person muß nun so tun, als wolle sie das Bein stehlen, worauf alle anwesenden Familienmitglieder sie einzufangen suchen und „Dieb, Dieb“ hinter ihr herrufen.

Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 130. Mobaliweiber mit Lippenpflöcken (Nordkongo).
Diese Pflöcke werden schon in der Kindheit angebracht und von Zeit zu Zeit durch immer größere ersetzt, bis ein Durchmesser von etwa fünf Zentimetern erreicht ist.

Das neugeborene Kind wird mit warmem Wasser gewaschen und von einer der anwesenden Frauen (aber nicht von der Mutter) den ersten Tag über gepflegt. Ist es nach einiger Zeit imstande, schon festere Speisen zu sich zu nehmen, so erhält es geröstete Kassava oder geröstete Erdnüsse, die ihm die Mutter vorgekaut hat; nach ungefähr drei Jahren wird es entwöhnt. Im Hause der Wöchnerin befindet sich stets ein Tiegel in der Nähe des Feuers, und derjenige Mann, der, ob alt oder jung, innerhalb der ersten zwei Tage eine Perle hineinwirft, kann das Kind, wenn es ein Mädchen ist, als seine zukünftige Frau beanspruchen; es muß aber ein Mann aus einem Klan sein, in den das Mädchen hineinheiraten darf. Wirft ein Fremder oder ein Mann aus einem für eine Heirat nicht in Frage kommenden Klan eine Perle in den Tiegel, dann wird sie ihm zurückgegeben. Erfolgt die Rückgabe der Perle aus keinem stichhaltigen Grunde, so wird dies als schwere Beleidigung aufgefaßt. Der Tiegel wird im allgemeinen streng bewacht, und nur ein kleiner Teil der neugeborenen Mädchen wird auf solche Weise versprochen. In diesem Falle darf niemand anders das Mädchen heiraten. Die hineingeworfene Perle wird als ein Geschenk an das Kind aufgefaßt und verleiht, wie gesagt, dem Spender das ausschließliche Recht auf dessen Hand, sobald es das heiratsfähige Alter erreicht hat. Ist dieser Zeitpunkt eingetreten, dann muß der Verlobte auch das Heiratsgeld, das man entsprechend der sozialen Stellung des Mädchens fordert, bezahlen. Ist die Forderung zu hoch gestellt, dann hat der Mann das Recht, seine „Geschenke“ zurückzuverlangen; auch ist es Rechtens, daß er einen entsprechenden Zinsfuß fordern darf, was unter Umständen zu Prozessen Anlaß gibt.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 131. Reichtatauierte Bopoto vom nördlichen Kongo mit spitz gefeilten Zähnen.
Etwa im Alter von fünfzehn Jahren werden den Knaben und Mädchen die Zähne spitz gefeilt, es geschieht durch eine eigens dazu bestellte Person, die sich dabei eines Meißels bedient.
Phot. A. Billington.
Abb. 132. Ein Tschumbirimann mit seinem Fetisch.
Um diesen zu kräftigen, speit sein Besitzer gekaute Kolanuß über ihn aus. Mit der Zeit erhält dadurch der Fetisch eine rundliche Form, ein Zeichen, daß sein Meister ihn gut hält, wofür natürlich auf seinen Beistand gerechnet wird.

Gleich nach der Geburt wird ein frisch gebrochener Palmzweig über der Tür des Hauses befestigt, um das Kind vor einer doppelten Gefahr zu schützen. Sollte am Orte plötzlich ein Kampf ausbrechen, dann würde es kein Mensch, auch nicht der Feind, wagen, ein Haus zu belästigen, das durch einen solchen Palmzweig gekennzeichnet ist. Ferner verbietet der Zweig jedem, der das Tier ißt, das die Familie des Neugeborenen mit einem Tabu belegt hat, das Haus der Wöchnerin zu betreten; täte er es doch, so würde das Kind krank werden oder sogar sterben. Am Ende des ersten Monats wird der Palmwedel entfernt, weil man das Kind dann für kräftig genug hält, um von bösen Einflüssen unberührt zu bleiben. — Sollte eine Frau während ihrer Schwangerschaft von fließendem Wasser, von Schlangen oder Wassergeistern geträumt haben, dann fürchtet sie, das Kind könnte eine Wiedergeburt von einem Wassergeist sein. Daher wird das Neugeborene sofort in ein Tuch gewickelt, und niemand mit Ausnahme der Medizinfrau erfährt sein Geschlecht, bis es einen Namen erhalten hat. Einige Tage nach der Geburt eines solchen Kindes leitet die Medizinfrau einen Tanz ein, der die ganze Nacht hindurch anhält und Anlaß zu vielem Essen und Trinken gibt. Eine Laube aus Palmwedeln wird gebaut, in der Vater, Mutter und Kind Platz nehmen; alle Teller und Schüsseln, die bei der Entbindung gebraucht wurden, werden in der Nähe dieser Hütte aufgestellt. Bei Tagesanbruch nun taucht der „Doktor“ in einen Teller mit Palmwein einige Blätter, besprengt Eltern und Kind damit und fragt die Versammelten dreimal, ob sie den Namen des Kindes wissen; diese antworten mit „Nein, wir kennen seinen Namen nicht“. Darauf ruft der Doktor laut: „Er lautet Lombo.“ Die Leute machen sofort einen Heidenlärm, indem sie sich mit der flachen Hand auf den Mund schlagen. Sie wissen sofort, wenn sie diesen Namen hören, daß das Kind ein Mädchen ist; denn wäre es ein Knabe, so würde der Zauberer es Etoko genannt haben. Sie erkennen ferner an dem Namen, daß die schwangere Mutter von fließendem Wasser, Schlangen oder Wassergeistern geträumt hat. Die Geister bewohnen die Flüsse, und die Schlangen hausen zwischen Steinen in der Nähe von Wasserläufen; daher kommt es auf dasselbe hinaus, ob man geradezu von den Geistern oder ob man von Wasser und Schlangen träumt. Der Doktor erhält als Gebühr für seine Bemühungen ein Huhn, fünfzehn Perlschnüre und alle Gerätschaften in der Nähe der Hütte. Alle Mädchen, die Lombo, und alle Knaben, die Etoko genannt wurden, gelten als wiedergeborene Wassergeister und stehen in dem Ruf, nicht nur Glück verleihen, sondern auch Unglück verhängen zu können, weswegen sie von ihren Nachbarn mit großer Ehrerbietung behandelt werden und viele Geschenke von ihnen erhalten. Diese werden ihnen gemacht, um sie dem Spender geneigt zu stimmen. Bald merken aber die Kleinen ihren vermeintlichen großen Einfluß, unter anderem auch daran, daß Verwandte und Nachbarn sich scheuen, ihnen eine Forderung abzuschlagen, und fallen ihrer Umgebung sehr lästig. Man glaubt allgemein am Kongo, daß das einzig Neue an einem Kinde sein äußerer Körper sei, daß dagegen sein Geist oder seine Seele etwas Altes vorstelle und schon entweder in einer verstorbenen Person geweilt habe oder auch einer noch lebenden oder einem Wassergeist angehöre. Zweierlei hat zu solchem Aberglauben geführt: einmal der Umstand, daß ein Kind frühzeitig von fremdartigen Dingen spricht, die seine Mutter es nicht gelehrt haben kann, und zum anderen, daß es irgendeinem Vorfahren oder einem lebenden Verwandten ähnlich sieht. Im letzteren Falle ist dies für die betreffende Person keineswegs erfreulich, denn man glaubt dann, daß diese bald sterben werde. Darum ist auch niemand, dem man sagt, ein Kind habe Ähnlichkeit mit ihm, angenehm davon berührt. Ebensowenig darf man sagen, ein Kind sei fett, denn dann könnte die Vermutung aufsteigen, man wolle es „im Geiste“ verzehren, was seinen baldigen Tod zur weiteren Folge haben würde; auch ein schönes Kind darf man es nicht nennen, denn dann würde der böse Geist (Ndoki) es hören und das Kind wegnehmen, dieses also ebenfalls sterben. Dagegen darf man es, ohne Anstoß zu erregen, als stark bezeichnen. Eltern zählen ihre Kinder niemals, aus Furcht, der böse Geist könnte sie hören und ihnen einige durch den Tod entreißen.

Nach einer Zeichnung von Frank Longland.
Abb. 133. Eine Fetischtrommel für die Jagd (unterer Kongo).
Sie hat die Form einer Antilope und ist hohl. Mit dem größeren Klöppel (rechts) werden tiefe, mit dem kleineren daneben scharf rasselnde Töne hervorgerufen. Das kleine Bild (links) zeigt die Trommel von oben (mit dem Spalt).
Phot. H. H. Johnston.
Abb. 134. Ein Häuptlingsfetisch.
Er besteht aus einem Affenschädel, dem als Augen Kaurimuscheln eingesetzt sind, und ist mit Perlen, Muscheln und Messingglocken verziert.
Phot. R. H. Kirkland.
Abb. 135. Eine abergläubische Sitte der Bopoto bei der Geburt von Zwillingen.
Zwei Gefäße werden in das gablige Geäst zweier Pfähle zu beiden Seiten des Weges gestellt, der in das Dorf führt. Dadurch sollen etwaige böse Einflüsse ferngehalten werden, die den Zwillingen schaden könnten.

Kongofrauen haben ungern Zwillinge, weil sie ihnen doppelte Last machen, daher lassen sie den einen Zwilling für gewöhnlich verhungern. Ist eines der Kinder gestorben, auf natürliche oder unnatürliche Weise, dann wird aus einem Stück Holz ein Bildnis geschnitzt, das dieses Kind vorstellt, und zu dem lebenden gelegt, damit es sich nicht einsam fühle. Sollte auch dieses Kind sterben, dann kommt das Bild mit in dessen Grab. Die Leiche wird auf Blätter gelegt, mit einem weißen Tuch bedeckt und an der Kreuzung zweier Wege begraben, wo man sonst auch Selbstmörder oder vom Blitz Erschlagene, also Ehrlose, beisetzt. Auch kommt es wohl vor, daß, wenn von Zwillingen der eine stirbt, die Mutter sich ein Kind in demselben Alter borgt und zu dem am Leben gebliebenen Zwilling legt, damit dieser sich nicht gräme. Das erste Zwillingskind wird mit einem feststehenden Namen benannt, ebenso das zweite, desgleichen das erste Kind, das nach einer Zwillingsgeburt auf die Welt kommt. Auch ein sechsfingriges Kind bekommt einen bestimmten Namen. — Am oberen Kongo sind bei Zwillingsgeburten bestimmte Gebräuche vorgeschrieben. Drei Tage nach der Geburt nimmt die Mutter die Kinder in die Arme und tanzt vor ihrem Hause; die Nachbarn sehen zu und singen einen bestimmten Kehrreim, nämlich „Die Zwillinge rufen nach dir“. Die Mutter wird am ganzen Körper mit vielem Grün geschmückt, und die Kinder erhalten die feststehenden Namen, die für Zwillinge üblich sind. Sie dürfen den Namen niemals wechseln, was anderen erlaubt ist. Der erstgeborene Zwilling wird stets auf dem rechten Arm, der zweitgeborene auf dem linken getragen. So oft die Mutter gegrüßt wird, muß sie zweimal danken, für jedes Kind einmal, und wenn sie selbst jemanden grüßt, dann muß sie dies zweimal tun, damit kein Kind etwas versäume. Aus demselben Grunde muß sie mit beiden Händen essen, sonst würde das eine Kind in seiner Ernährung zurückbleiben; sie erhält auch doppelte Geschenke, damit nicht das eine Kind sich zurückgesetzt fühle, erkranke oder gar sterbe. Man glaubt allgemein, daß Erkrankung oder Tod eines der Zwillinge auf eine solche Vernachlässigung von seiten der Mutter zurückzuführen sei. Von den Zwillingen selbst wird erwartet, daß sie zusammen lachen oder weinen und auch sonst stets die gleiche Gemütsverfassung bekunden. Die Bopoto stellen bei einer Zwillingsgeburt zu beiden Seiten des Weges, der in das Dorf führt, je ein Gefäß in das gablige Geäst eines Pfahles, um dadurch etwaigen bösen Einflüssen vorzubeugen, die den Zwillingen schaden könnten (Abb. 135).

Mit Erl. des Baptisten-Missionsgesellschaft.
Abb. 136. Ein Mann vom Stamme der Batende (zwischen Bolobo und Leopoldsee am oberen Kongo).
Das Halsband ist aus den Schwanzhaaren des Elefanten angefertigt, das Kopfhaar in einer Anzahl Büschel angeordnet.
Phot. C. J. Dodds.
Abb. 137. Jolatänzer (Bopoto).
Das Weib in der Mitte mit der Rassel in der Hand beginnt zu tanzen, wenn es vom Geiste besessen wird, und setzt diesen Tanz sieben Tage lang fort. Während dieser Zeit nimmt es nur wenig Nahrung zu sich.
Phot. W. L. Forfeitt.
Abb. 138. Die zum Begräbnis hergerichtete Leiche einer Bopotofrau.
Der Körper ist mit Perlen behängt, die der Verstorbenen im Jenseits als Geld dienen sollen.
Mit Erl. der Baptisten-Missionsgesellschaft.
Abb. 139. Szene aus den Reifezeremonien der Zombo von Kibokolo.
Die jungen Leute müssen monatelang in ihren Verschlägen zubringen, suchen aber von Zeit zu Zeit vermummt die Dörfer und Märkte heim, wo sie die Weiber erschrecken, damit diese ihnen Nahrungsmittel und Perlen geben.

Wenn sich Sternschnuppen zeigen, dann schließen die Mütter ihre Kinder schleunigst in den Hütten ein, aus Furcht, die Sternschnuppen, die sie für am Firmament spielende Geister halten, könnten auf die Kinder fallen und in sie hineingehen, wodurch die Kinder natürlich von einem bösen Geiste, dem Ndoki, besessen würden. Der erste Zahn, den ein Kind verliert, wird gegen die aufgehende Sonne geworfen und dabei die Bitte ausgesprochen: „Bring mir einen neuen Zahn, wenn du wiederkommst.“ Außerdem wird ein Stück Holzkohle gegen Westen geworfen mit der Bemerkung: „Nimm meinen alten Zahn fort; ich will ihn nicht wieder haben.“ Wenn sich dann mit der Zeit ein neuer Zahn einstellt, wird dies dem Einfluß der Sonne zugeschrieben. — Wenn ein Kind sich sehr eigensinnig oder ungehorsam gebärdet, dann schneidet sein Vater ein Stück von seinem eigenen Zeug ab, wickelt von seinem Haar etwas hinein und verbrennt das Bündel mit dem Fluche: „Du sollst niemals reich werden, sondern Gegenstand des Unglücks sein.“ Die Kinder haben eine schreckliche Angst vor einem solchen Fluch; jedes Unglück, das sich daraufhin einstellt, etwa eine Wunde, ein Unfall, eine Krankheit oder etwas derart, wird ihm schuld gegeben. Manchmal ändert ein Knabe in solchem Fall sein Betragen und erweist sich den Wünschen seiner Eltern zugänglicher; er bittet dann auch darum, daß der Fluch wieder von ihm genommen werde. Der Vater tut dies, indem er drei kleine Staubhäufchen auf jedes Knie legt, den Knaben vor sich niederknien und ihn die Häufchen hinwegblasen läßt, wobei der Vater zu ihm sagt: „Ich vergebe dir. Ich habe dir nicht mit dem Herzen, sondern nur mit meiner Zunge geflucht, und nun werde fortan reich.“ Sollte der Vater sterben, bevor er seinen Sohn von seinem Fluche befreit hat, dann sucht dieser einen Namensvetter seines Vaters, mit dem letzterer auf freundschaftlichem Fuße stand, auf, bringt ihm ein Huhn und bittet ihn, ihn von dem Fluch in der geschilderten Weise zu erlösen. Der Kongoneger kennt auf der anderen Seite auch wieder Segenswünsche für seine Kinder, die er aus besonderen Anlässen, entweder wenn sie eine längere Reise antreten oder der Familie ganz besondere Freude bereitet haben, über sie ausspricht. Dies geschieht in der Weise, daß der Vater oder auch die Mutter auf das Kind ausspeien und dabei feierlich ausrufen. „Mögest du besitzen alles, was ein Mensch besitzen soll; möge dir Segen und Glück zuteil werden und mögen deine Worte Anerkennung bei den Menschen finden.“ Ein solcher Segen wird von den jungen Leuten sehnsüchtig begehrt.

Kongoknaben und -mädchen müssen auch gewisse Familientabus beobachten, die ersteren ihr ganzes Leben lang, die letzteren nur bis zu ihrer Verheiratung; denn dann nehmen sie die Verbote ihrer Männer an. Diese anererbten Tabus bestehen zum Beispiel in dem Verbot des Genusses aller Vögel und Fische, die Flecke oder Zeichen haben. Wird ein solches Familientabu verletzt, dann glaubt man, daß als Strafe der Übertreter von einer bösen Hautkrankheit befallen werde. Außer diesen ständigen Tabus kommen auch vorübergehende vor. So legt zum Beispiel ein Medizinmann einem kranken Kinde ein Tabu auf und nimmt es ihm später wieder ab. Der verbotene Genuß kann eine Schweineschnauze, ein Ziegenkopf, ein bestimmter Fisch oder eine besondere Pflanzensorte sein; der Gegenstand solchen Verbotes ist rein willkürlich und steht außer Zusammenhang mit der Krankheit.