III
Das große Hotel

Einmal hatte Allan die größte der großen Turbinenanlagen in Südschweden besucht. Es war ihm, als wäre er in ihre maschinendruckvibrierende und dröhnende Luft gekommen, als er am 11. September spät abends in London eintraf.

Er rieb sich die Augen, wie er da in seinem Taxi saß. Das war eine Stadt! Hier mußten die Abenteuer zu Hause sein; hier mußten sie gerade an jeder Straßenecke lauern. Was war dagegen Hamburg und Köln! Was war die unbeschreibliche Atmosphäre von jagender Eile, raffiniertem Luxus und unerhörtem Geldzustrom, die sein Eindruck des Luxuszuges von Köln nordwärts war, gegen dieses London! Schon die Luft war neu, eine phantasiereizende Mischung von tausend Ingredienzien: Dem Geruch des heißen Steinpflasters, von parfümiertem Virginiatabak, Benzindämpfen der zahllosen Autos, deren Gummiräder über den spiegelblanken Asphalt zischten; dem Duft des parfümierten Reichtums der ganzen Welt und all ihres unaussprechlichen stinkendsten Elends. Die Häuser jagten wie im Traum an seinem Auto vorbei; gigantische Fassaden verloren sich nach oben zu in der nebligen Abendluft; es flammte und zuckte von unzähligen Lichtern; die Reklamen krochen wie regenbogenfarbene Schlangen die Mauern auf und ab; der Himmel über den offenen Plätzen brannte schlackenrot wie vom Widerschein einer kolossalen Feuersbrunst oder dem Ausbruch eines Riesenkraters. Und der Menschenstrom brauste und brauste. Das Auto, das Herrn Allan Kragh aus Schweden auf der Suche nach Abenteuern und eventuell einer Zukunft umschloß, eilte lautlos durch das Gewirr, vermied es zu kollidieren, vermied es, jemand zu töten, zog hier und da an einer Straßenecke eine augenblickliche Ritze durch die Menschenfluten; stürzte dahin, scheinbar ebenso sinnlos, wie die tausend anderen Autos, denen es begegnete, hundertmal schneller als die dahinströmenden Menschenfluten, aber ebenso sinnlos. Plötzlich bog es in einen offenen Platz, der weniger lichtflammend war, als die vorhergehenden Straßen und hielt vor einer Fassade, an der die Lichter sich zu einem gewaltigen Feston zusammengeballt hatten. „Grand Hotel Hermitage“ sagten die Lichtkränze; der Chauffeur wiederholte es, indem er die Türe des Autos aufriß, und Herr Allan Kragh ging über eine breite Treppe hinauf, in eine große Halle, die nach dem Souza-Marsch der Straßen unerhört still wirkte — die ungeheure Drehtüre des Vestibüls schnitt den Lärm der Außenwelt ab wie eine Klosterpforte.

Das war also das berühmte Grand Hotel Hermitage. Hundertmal hatte Allan diese drei Worte im Henschel, Bradshaw und den großen ausländischen Zeitungen gesehen; jedesmal hatte er gedacht: Wer doch da wäre; und als er nun auf seiner großen Reise vom Zufall und Herrn Mirzl nach London verschlagen wurde, da war es ihm ganz selbstverständlich erschienen, dem Chauffeur die Adresse des großen Hotels anzugeben.

Auf dem Wege von Köln hatte Allan sich in Belgien mit den notwendigsten Reiseeffekten versehen — man durfte vielleicht Herrn Mirzls Versprechen nicht allzu ernst nehmen; aber andererseits wäre es töricht gewesen, sich mit einer doppelten Ausstattung zu belasten; und er war folglich nicht ganz gepäcklos, als er, den Hotelträger hinter sich, durch die Drehtüre eintrat. Dennoch war es nur natürlich, daß der ernste Portier des Luxushotels (dessen Figur am ehesten an eine Benediktinerflasche erinnerte) ihn mit einer etwas herablassenden Nuance im Ton empfing. Hinter dem Portier bemerkte Allan im Kontor einen vierschrötigen Herrn mit graugesprenkeltem Yankeebart ohne Schnurrbart, der Direktor des Hotels, wie er später erfahren sollte. Hätte der Direktor und der Portier die Ereignisse vorausahnen können, die sich während Allans Aufenthalt im Grand Hotel Hermitage abspielen sollten und die Rolle, die Allan darin zu spielen bestimmt war, hätten sie ihn vermutlich mit Grüßen ganz anderer Art aufgenommen als die, mit denen der Portier Allan jetzt empfing.

„Das ist Ihr ganzes Gepäck, Sir?“

„Ja. Ich erwarte noch mehr. Ich möchte ein Zimmer haben.“

Der Portier musterte ihn noch einen Augenblick, und weichere Gefühle erlangten die Oberhand.

„Kleines Zimmer für diesen Gentleman, Jones. Ist 417 frei?“

Es stellte sich heraus, daß 417 frei war. Ein uniformierter magerer junger Mann übernahm Allans unbeträchtliches Gepäck und geleitete ihn zum Lift. Dieser machte sich mit der würdigen Langsamkeit eines alten Herrschaftsdieners auf den Weg und blieb mit derselben Würde im vierten Stock stehen. Der uniformierte Herr führte Allan über einen teppichbelegten Korridor in das kleine Gemach, das geeignet befunden worden war, ihn zu beherbergen. Es war wirklich klein, das heißt, in der Breite, denn die Höhe ließ nichts zu wünschen übrig. Es wurde zum größeren Teil von einem Bett und einem Toilettetisch ausgefüllt und erinnerte infolge seiner architektonischen Gestalt in hohem Grade an eine Grabkammer in einer ägyptischen Pyramide. Dahinter befand sich, wie Allan sah, ein Badezimmer. Aber Allan hatte von Hermann Bergius gelernt, daß nichts gleichgültiger ist, als das Zimmer, das man auf seinen Reisen bewohnt, da man sich ja doch nie in wachem oder nüchternem Zustande darin aufhält. Er erklärte sich folglich mit der ägyptischen Grabkammer zufrieden, drückte dem uniformierten Herrn einen Schilling in die Hand und ging dazu über, Toilette zu machen.

Als er eine halbe Stunde später, ohne sich wegen seines Reiseanzuges zu genieren, in den Speisesaal des großen Hotels wanderte, fand er Gelegenheit, zu konstatieren, daß nicht nur die Zimmer für Reisende mit unbedeutendem Gepäck klein sind, auch die Welt selbst ist überaus klein. Ja, offenbar, denn als er sich an einem Tisch niedergelassen, die Speisekarte verlangt hatte und sich im Speisesaal umzusehen begann, wen erblickte er an dem Nebentisch rechts, wenn nicht die Dame, die ihn vom Hamburger Bahnhof in die Welt hinausgelockt hatte, und als ihren Kavalier den alten Herrn mit der Raubvogelnase und dem gelbgrauen Schnurrbart.

Allan fixierte sie überrascht. Es war unleugbar kurios, dieses Paar gerade hier zu treffen! Es gab doch tausend Hotels in London. Nun, es war natürlich ein Zufall, aber ... das Freundschaftsbündnis, das er im Expreß beginnen gesehen und zu dem er selbst teilweise die direkte Ursache gewesen, war offenbar von nachhaltigerer Art geworden, als Reisebekanntschaften zu sein pflegen. Er konnte die alte Bordeauxnase gut verstehen ... trotz des Grolls, den er noch gegen die junge Dame wegen ihres Auftretens im Coupé hegte, mußte er sich selbst gestehen, daß sie eine Messe wert war ... sie schien ihm sogar mehrere Messen wert. Es bedurfte der Phantasie einer Pariserin, dachte er, um sich eine solche Toilette, wie sie sie heute abend trug, auszudenken, und der Courage einer Amerikanerin, um sie zu tragen. Seine Blicke irrten über die Linie des Ausschnittes um ihren weißen Busen, der so herausfordernd entblößt war wie auf einer Zeichnung von Rops, und wenn sie nicht da umherirrten auf der Grenzlinie zwischen der weißen Haut und der grünen Seide, ist es möglich, daß sie etwas weiter hinabschweiften, wo der knapp anliegende Rock fast bis zum Knie aufgeschlitzt war ... Welche Linie ist mystischer und verlockender zu verfolgen als die Linie einer schönen Frauenwade? Namentlich wenn sie von einem Strumpf von jener diskreten Durchsichtigkeit umschlossen ist, wie sie Madame offenbar bevorzugte ... Die Wellenlinie ihrer Wade zeichnete sich durch den grünen Strumpf ab wie Marmor durch den adriatischen Wasserspiegel. Allan starrte, ganz im klaren darüber, daß er zudringlich war, und plötzlich drehte Madame den Kopf nach Allans Seite (sie saß im Halbprofil) und ließ den Blick über ihn hingleiten; Allan sah, daß sie ihn erkannte. Im selben Augenblick stand der Kellner an seinem Tisch, mit Speisekarte und Weinliste, und er war genötigt, seine Augen von ihr loszureißen.

Wer konnte sie sein, und wie kam es, daß sie in dieser Gesellschaft hier war? Diese Frage summte Allan im Kopf, während er ein paar Gerichte der Speisekarte und einen Bordeaux von der Weinliste wählte. Der Kellner verschwand, und er hatte die Aussicht auf den anderen Tisch wieder frei.

Man sprach dort ziemlich eifrig. Ueber ihn? Nicht unmöglich, denn eine flüchtige Sekunde flog ihr Blick wieder zu ihm hinüber; der alte Herr mit der Raubvogelnase bekundete hingegen kein Interesse für ihn, wenn nun wirklich über ihn gesprochen wurde. Allan nahm seine bewundernde Betrachtung ihrer Person wieder auf, ohne daß sie sie nunmehr zu berühren schien, und war noch damit beschäftigt, als der Kellner mit der Omelette und dem Wein, den er bestellt hatte, erschien. Er machte einen Schluck aus seinem Glas und begann zu essen, während seine Gedanken von dem geheimnisvollen Paar dort drüben zu Herrn Benjamin Mirzl schweiften. Plötzlich kam es ihm, eigentümlicherweise zum erstenmal, zum Bewußtsein, daß er gerade dieses Trio in seiner Gesamtheit — den alten Herrn, die junge Dame und Herrn Mirzl — vor dem Billettschalter in Hamburg gesehen hatte. Allerdings schienen sie damals ganz unabhängig voneinander, aber ... Herr Mirzl war ein internationaler Schwindler, wenn auch vielleicht ein exzentrischer, wohlwollender; waren die beiden anderen von derselben Sorte? Das war natürlich nicht ausgeschlossen, und Allan beschäftigte sich mit dieser Möglichkeit, während er vom Poulard und Bordeaux zum Dessert und einem Glas Madeira überging (man mußte doch die Bekanntschaft mit der Mutter aller Städte feiern), aber verwarf sie nach dem zweiten Glas Madeira als unwahrscheinlich. Er bestellte Kaffee und Likör, wobei das Wesen des Kellners ebenso milde zu werden begann, als wenn er im evening-dress gewesen wäre, und blieb bei diesen angenehmen Getränken sitzen, auch als das Paar, das ihn intrigierte, den Speisesaal verlassen hatte. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung sah er, als die Rechnung beglichen wurde, daß sie für beide bezahlte; der alte Herr war also offenbar von ihr eingeladen. Kontinental, dachte Allan. Sie passierten seinen Tisch ohne ein Zeichen des Wiedererkennens — oder sah er recht, als er ein kleines Blinzeln zu merken glaubte, die Ahnung eines spöttischen Lächelns in ihren Augen? Es war unmöglich zu entscheiden.

Um halb elf Uhr, als Allan sich zu einem Abendspaziergang mit Zigarre durch London entschlossen hatte, zeigte es sich, daß die Stadt ihrerseits entschlossen war, seine Ankunft mit einem undurchsichtigen, gelbgrauen, brandrauchduftenden Nebel zu feiern, der zur Folge hatte, daß er (nach zwei Whisky mit Soda, zu Ehren der Riesenstadt) in der ägyptischen Grabkammer zu Bette ging. Er schlummerte sofort ein und schlief wie ein Stück Holz.

London ist eine wunderbare Stadt, voll Ueberraschungen, unerforschlich wie das Menschenherz, mehr Dinge bergend als die Philosophie sich träumen läßt oder Baedeker in seinen roten Büchern mit Sternen bezeichnet hat. Und Herr Allan Kragh fand in seinem bescheidenen Maße Gelegenheit, diese Binsenwahrheiten schon im Laufe des folgenden Tages bestätigt zu finden. Die Nebel des Abends waren von einem sanften Sonnenschein, der von einem milden, veronikablauen Himmel erstrahlte, abgelöst, als er am Vormittag seine Streifzüge vom Grand Hotel Hermitage antrat, und, Goethe gehorchend, ins volle Menschenleben der Straßen hineingriff. Seine Streifzüge gehen jedoch diese wahrheitsgetreue Erzählung nichts an, und wir begnügen uns damit, den Kontakt mit ihm wieder aufzunehmen, als er gegen ein Uhr nachts ins Grand Hotel Hermitage heimkehrte. Da beschäftigten ihn nicht die Geheimnisse von London, sondern das Geheimnis Benjamin Mirzl.

Was hatte Herr Mirzl mit dem Brief beabsichtigt, den er Allan durch einen seiner Helfershelfer vor zwei Tagen in Köln hatte zustecken lassen? Ein Bluff? Aber warum? Konnte einem Herrn seines Schlages etwas derartiges Spaß machen? Es war ja denkbar, aber paßte nicht zu der Vorstellung, die Allan sich von Herrn Mirzl gemacht hatte. Es war ja auch möglich, daß dieses Vorstellungsbild Herrn Mirzl ebensowenig ähnlich sah, wie dieser sich selbst in seinen verschiedenen Verkleidungen. Auf jeden Fall: Schlag neun Uhr, eine Stunde vor der angegebenen Zeit, hatte sich Allan in dem von Mirzl bezeichneten Kaffee „The Leicester Lounge“ eingefunden. Seine Londoner Eindrücke waren dadurch um noch einen vermehrt worden, aber als er gegen halb ein Uhr aus dem Kaffee hinausgeworfen wurde (Polizeivorschrift), war dies auch seine einzige Ausbeute. Dem Kaffee hatte sein dreiundeinhalbstündiger Besuch etwas mehr Ausbeute gebracht. „The Leicester Lounge“ erwies sich als ein Kaffee von der Art, wo Maria Magdalena auch vor ihrer Reue Zutritt hat. Es gab dort ein paar Dutzend Magdalenen vor der Bar und ein halbes Dutzend innerhalb derselben. Der Raum im übrigen, der sehr beschränkt war, wurde von dem leichtlebigen männlichen London in Anspruch genommen. Die Losung sowohl für das leichtlebige männliche London wie für die Direktion des Lokales war fixe Expedition. Das größtmöglichste Glück der größtmöglichsten Anzahl: ein schöner Leitsatz. Die Zirkulationsgeschwindigkeit war bewunderungswürdig: Entree, ein Drink, Bekanntschaft, noch ein Drink, Sortie. Herren, die keine Bekanntschaften machten, wurden über die Achsel angesehen. Herr Allan Kragh wurde über die Achsel angesehen. Es nützte nichts, daß er, so oft das dunkle Auge des Kellners ihn traf, einen Drink bestellte, oder daß eine unbestimmte Anzahl Magdalenen sich an seinem Tisch bezechten; er blieb sitzen und wurde folglich über die Achsel angesehen. Und Herr Mirzl kam nicht. Oder gab sich wenigstens nicht zu erkennen. Konnte es ihn amüsieren, Allans drinkerfüllte Erwartung in einer Verkleidung zu beobachten? Konnte er (da war der Kellner mit dem Auge schon wieder — Whisky and soda, please!) — konnte er vielleicht von der weltlichen Gerechtigkeit arretiert sein? Die Polizisten Londons waren ja so flink. Reichte Herrn Mirzls Schlauheit nicht hin, um sie zu überlisten? Sherlock Holmes, you know. Auf jeden Fall (Whisky and soda please, der Kellner mit dem Auge) — reichte sie für Allan Kragh aus. Nach einer dreiundeinhalbstündigen Whisky-Orgie verließ Herr Allan Kragh (auf Grund der polizeilichen Bestimmungen und Müdigkeit in der Kehle) The Leicester Lounge, durchdrungen von der eben erwähnten Ueberzeugung.

Und das erste, was er in der ägyptischen Grabkammer Nr. 417 erblickte, waren seine ehrlichen schwedischen Handkoffer. Es fehlte nicht viel, und er hätte geglaubt, eine Säufervision zu haben.

Aber faktisch; da standen seine beiden Handkoffer, der aus braunem Rindsleder und der aus eisenbeschlagenem Holz ... Sein Klingeln rief in weniger als einer Minute einen uniformierten Herrn in die Grabkammer hinauf.

„Diese Koffer?“

„Wurden heute abend um halbzehn Uhr von einem Träger abgegeben, Sir. Es liegt ein Brief an Sie auf dem Toilettetisch, Sir. Wünschen Sie noch etwas, Sir?“

Allan machte eine stumme Handbewegung. Jetzt wurde die Sache aber doch zu mystisch. Wie in — — konnte Herr Benjamin Mirzl denn wissen, wo er wohnte. — Er stürzte sich über den Brief auf dem Tisch, ohne seine verwirrten Fragen zu Ende zu denken. Er enthielt zwei Schlüssel und folgende Zeilen:

„Lieber Herr Kragh! Entschuldigen Sie, daß ich Sie vergeblich in The Leicester Lounge warten ließ. Business, you know; unmöglich für mich, abzukommen. Hoffe, Sie waren nicht gezwungen, allzu viele Whisky mit Soda zu nehmen; kenne das Lokal; sollte mir leid tun. Füge die Schlüssel bei, die ich während der Zeit, als ich Ihr prächtiges Gepäck inne hatte, zu verwenden pflegte; hoffe, Sie können sie als Reserveschlüssel brauchen; danke Ihnen nochmals für die freundliche Ueberlassung des Gepäcks; bitte Sie um Entschuldigung wegen all der Mühe, die ich Ihnen verursacht habe und verbleibe in aller Eile

Ihr ergebener
Ludwig Koch,
alias Dr. Hauser, 
alias ...... 
(nach Belieben auszufüllen.)“

Es ist unnötig, die Ausrufe, Fragen und Gesten zu verzeichnen, mit denen Allan Kragh diese Epistel kommentierte. Das Leben ist kurz, wie schon Mark Twain sagte; es war drei Uhr, als er sich nach der dritten Visitierung der Koffer — nichts fehlte — und der achtundneunzigsten Lektüre von Benjamin Mirzls Brief zu Bett legte. Es dauerte noch eine Stunde, bis er einschlief, und als er es tat, war sein Schlummer unruhig.

Er hätte gar zu gerne Herrn Mirzl getroffen.

Es war bestimmt, daß er seinen Willen in dieser Hinsicht durchsetzen sollte, aber das dauerte noch eine Weile.

* *
*

Es war spät, als Allan am nächsten Tag die Augen aufschlug. Sein erster Blick galt den Koffern und sein zweiter Herrn Mirzls Brief, den er nun schon auswendig wußte, wie einen Bibelspruch im Katechismus. Erst sein dritter Blick galt der Uhr. Sie zeigte fünf Minuten vor zwölf. Allan flog aus dem Bett und begann sich anzukleiden. Unmittelbar vor dem Einschlafen war ihm etwas eingefallen: Es gab eine Möglichkeit, Herrn Mirzl aufzuspüren, durch den Dienstmann, der die Koffer gebracht hatte! Allan runzelte die Stirn und entwarf in Gedanken einen Kriegsplan, der auf besagtem Dienstmann aufgebaut war, und durch den Herr Mirzl sich wohl bald in seiner Höhle aufgespürt sehen sollte.

Aber ach, schon der erste Faden riß, als er gegen halb ein Uhr sein Verhör im Hotelbureau anstellte. Der Dienstmann? Ein gewöhnlicher Träger. Nummer? Weiß Gott, was für eine Nummer er hatte. Er hatte ganz einfach die Koffer niedergestellt, erklärt, daß sie dem Herrn auf Nr. 417 gehörten, dessen Namen auf beifolgendem Briefe stand, und daß alles bezahlt sei, worauf er sich ohne weiteres entfernt hatte. Nun, wenn man es sich recht überlegte, hatte er wohl überhaupt keine Nummer gehabt. Es war vermutlich ein gewöhnlicher Arbeitsloser gewesen. Stimmte etwas mit den Koffern nicht? Hatte der Mann etwas gestohlen oder verschlampt?

Allan beeilte sich, nein zu sagen und verschwand. Es war nicht so leicht, die Sachlage mit einem unromantischen Hotelkontoristen zu diskutieren. Er versuchte sich vorzustellen, was Sherlock Holmes in seiner Lage getan hätte, und da kam ihm plötzlich eine Idee. Eine Annonce! Das war es. Sherlock Holmes hätte eine Annonce eingerückt und dem unnumerierten Dienstmann eine Belohnung in Aussicht gestellt.

Allan erkundigte sich und suchte das Zeitungsbureau des Hotels auf; er fand es in einer kleineren Halle rechts von dem großen Entree gelegen. Es war eine weitläufige Anlage, wo alle Zeitungen der Welt verkauft, Annoncen für sie, Abonnements auf sie und (gegen eine kleine Abgabe) persönliche Notizen für sie über den Aufenthalt der Betreffenden im Grand Hotel Hermitage, ihre Gewohnheiten, ihren Lieblingssport, aufgenommen wurden. Allan erhielt ein Blankett und formulierte nach einiger Gedankenarbeit folgende Annonce:

Träger! Zwei Pfund Belohnung erhält der Träger, der am Abend des 12. dieses, halb zehn Uhr, drei Gepäckstücke im Grand Hotel Hermitage abgegeben hat, wenn er sich ehestens im besagten Hotel einfindet.

Der Kontorist des Zeitungsbureaus war ein ernster junger Mann vom Detektivtypus. Er nahm Allans Annonce ohne jeden Kommentar entgegen und fragte nur, in welche Zeitungen Allan sie aufgenommen wünsche. Allan überließ ihm selbst, dies zu bestimmen, worauf der hagere junge Mann dekretierte, daß Star, Daily Mail und Daily Citizen am besten seien, und einen Betrag für die zweimalige Einschaltung in jeder derselben entgegennahm. Sehr zufrieden mit sich selbst begab sich Allan in die Stadt, um sein Lunch einzunehmen.

Im Laufe des Nachmittags, während er in Pall Mall promenierte, kam ihm jedoch eine Idee, die zur Folge hatte, daß er eine Viertelstunde später aus einem Auto vor dem Grand Hotel Hermitage sprang. Er hatte ja ganz verabsäumt, in Erfahrung zu bringen, wer seine mystische Reisegenossin war, die Dame aus Hamburg! Und sie wohnte doch in demselben Hotel! So ist es, wenn man den Kopf mit einer Sache voll hat. Der benediktinerflaschenähnliche Portier selbst führte den Befehl im Hotelbureau, als Allan hereinkam, um sein Verhör anzustellen. Die Wärme seines Tones war seit der Ankunft von Allans Gepäck um fünf Grad gestiegen.

„Wünschen Sie ein größeres Zimmer, Sir?“ fragte er.

„Vielleicht später,“ sagte Allan. „Ich möchte Sie gerne etwas fragen, Portier.“

Er wühlte einen Augenblick in seinen Erinnerungen an Sherlock Holmes.

„Ich glaube hier im Hotel eine Bekannte gesehen zu haben, eine Dame. Ich bin meiner Sache aber nicht ganz sicher und möchte nicht zudringlich erscheinen, Sie verstehen, Portier. Sie ist blond, schlank, von Mittelgröße oder etwas darüber, sieht sehr gut, aber ein bißchen hochmütig aus und speiste vorgestern mittag im Speisesaal — — —“

Ein plötzliches Rauschen von Seidenröcken neben ihm ließ ihn zusammenzucken. Er wandte sich seitwärts und da stand die Unbekannte selbst!

„Ich hörte zufällig Ihre freundliche Anfrage,“ sagte sie. „Sollte am Ende ich es sein, die Sie dem Portier beschrieben haben?“

Diesmal konnte kein Zweifel über ihren Gesichtsausdruck herrschen, wie vor zwei Tagen im Speisesaal. Jetzt war es genau dieselbe Miene, die er vom Expreß her kannte; und ihre grauen Augen hatten einen Blick, der ihm kalt über das Rückgrat lief. Endlich gelang es ihm, sich zu fassen.

„Sie, Madame? Soviel ich weiß, habe ich nicht das Vergnügen, Sie zu kennen.“

„Ich Sie auch nicht — dem Namen nach.“

Es lag eine vernichtende Betonung auf den letzten zwei Worten, die nur zu gut ausdrückten, was sie meinte — die Szene in Köln, wo sie ihn vor fünf Tagen arretieren gesehen hatte. Allan nahm eine hübsche Preißelbeerfarbe an, aber es gelang ihm zu sagen:

„Sie haben gewiß etwas mit dem Portier zu besprechen. Ich will mich außer Hörweite zurückziehen, damit ich Sie nicht zu belauschen brauche.“

Er wußte, daß dieser Abschiedspfeil sie in das Tiefste ihrer anglosächsischen Seele treffen mußte, aber trotzdem empfand er seine Sortie aus dem Bureau nicht als eine Sortie d’éclat. Er kreuzte die Halle so rasch, als es seine Würde zuließ. — Was er hauptsächlich befürchtete, war, daß sie ihn zurückrufen und bitten würde, das Interview mit dem Portier fortzusetzen; er fühlte sich dieser Aufgabe jetzt nicht gewachsen. Und plötzlich fand er sich im Konversationssalon des Hotels, in den seine Beine ihn, ohne daß er es selbst wußte, getragen hatten, und hörte ein damn and confound, das mit ungeheurer Energie in seiner unmittelbaren Nähe ausgestoßen wurde. Erst im nächsten Augenblick dämmerte es ihm auf, daß ihm selbst diese Worte entschlüpft waren; und noch ganz erstaunt über seine rasche Akklimatisierung hörte er eine schrille Stimme, die sagte:

„Hallo, junger Mann! Solche Worte pflegt man nicht in Damengesellschaft zu sagen.“

Allan drehte sich um. Trotz der wenig menschenfreundlichen Laune, in der er sich für den Augenblick befand, mußte er lächeln. Auf einem der roten Lederstühle saß eine alte Dame mit dem New York Herald in der Hand — sie wäre von der Zeitung verdeckt gewesen, wenn sie sie nicht gesenkt und Allan über den Rand angeguckt hätte. Ihr Gesicht glich auf das I-Tüpfelchen einem alten, schlauen Papagei. Sie hatte graues Haar, das von den Ohren abstand, zwei scharfe kohlschwarze Augen und eine Nase, die den Rest des Gesichtes ebenso gründlich ausfüllte, wie die Sankt Paulskathedrale den offenen Platz, an dem sie liegt. So wie die Kathedrale kam sie architektonisch nicht zu ihrem vollen Recht, aus Mangel an Perspektive ... Man sah jedoch einen breiten Mund mit schmalen und offenbar sehr scharfen Lippen, und ein Kinn, das napoleonisch zu wirken versuchte. Die kohlschwarzen Augen fixierten Allan schräg, ganz wie die eines Papageis. Allan verbeugte sich ehrfurchtsvoll:

„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Madame! Ich dachte wirklich nicht daran, was ich sagte, und ich wußte kaum, wo ich mich befand.“

„Warum haben Sie geflucht?“ sagte die alte Dame. Sie betonte das Wort geflucht so, daß es klang, wie gemordet oder falsches Zeugnis abgelegt.

Allan wandelte die barocke Lust an, ihr alles zu erzählen.

„Ich will versuchen, es Ihnen zu erklären,“ begann er. „Sind Sie Amerikanerin, wenn ich fragen darf?“

„Ja. Haben Sie deshalb geflucht?“

„Nicht weil Sie Amerikanerin sind. Gott bewahre mich. Aber aufrichtig gesagt, war es eine Ihrer Landsmänninnen, die mich zum Fluchen brachte.“

„Ein Gentleman flucht nie über eine Dame oder in Damengesellschaft.“

„Sie haben recht. Ich bereue aus der Tiefe meines Herzens. Sehen Sie, diese Dame überraschte mich gerade, als ich dabei war, den Portier auszufragen ...“

„Hat sie gehorcht? Dann ist sie keine Dame. Dann haben Sie das Recht zu fluchen.“

„Hm, sehen Sie, ich war eben im Begriff, den Portier nach ihr selbst auszufragen ...“

„Sind Sie in sie verliebt? Dann haben Sie ein Recht dazu. Dann verstehe ich Sie.“

„Sie interessiert mich. Und Sie begreifen, daß ...“

„Haben Sie vom Portier erfahren, wer sie ist? Sind Sie ein Engländer?“

„Sie kam gerade zurecht, um mich daran zu verhindern. Nein, ich bin ein Schwede, Madame.“

„Warum fluchen Sie dann auf englisch?“

„Ja, wer das sagen könnte! Das Klima, vermute ich. Nochmals, ich bitte Sie um Entschuldigung, Madame.“

„Oh, demmit, ist nicht nötig. Ich fluche selber, wenns sein muß. Setzen Sie sich nieder, Sie interessieren mich. Was machen Sie in London?“

„Ja, wenn ich das wüßte. Eigentlich bin ich hier, um einen Herrn zu treffen, der meine Koffer gestohlen hat.“

„Die kriegen Sie nie zurück. In London kriegt man nie etwas zurück, nicht einmal das Geld, das bei den Rechnungen übrig bleibt. Ich kenne die Engländer. Hat er Ihre Koffer hier in London gestohlen?“

„Nein, im Expreß in Deutschland; und sehen Sie, das Lächerliche ist —“

„Was ist das Lächerliche? Da ist Helen. Grüß Gott, mein Kind. Was ist das Lächerliche?“

„Daß er sie mir unversehrt hierher zurückgeschickt hat.“

Now demmit ... ich meine, sitzen Sie da und machen Sie sich über mich lustig, junger Mann? Helen, komm her, dann wirst du etwas hören. Hier ist ein junger Mann, der Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt. Außerdem flucht er in Damengesellschaft.“

Allan sah auf und erblickte ein junges Mädchen von zwanzig Jahren, die jetzt auf die alte Dame im Klubsessel zukam. Sie war schlank, blond und unaussprechlich amerikanisch. Allan fühlte eine instinktive Sympathie, die, wie er ebenso instinktiv empfand, verschieden von dem war, was er sonst für junge Damen zu empfinden pflegte. Sie hatte graue Augen und sehr reine Züge. War sie die Tochter der alten Dame auf dem Klubfauteuil, dann mußte sie wohl mehr ihrem Vater nachgeraten sein ...

„Das hier ist meine Tochter, junger Mann, ob Sie es glauben oder nicht.“

Die kohlschwarzen Papageienaugen hatten offenbar seine Gedanken gelesen. Allan verbeugte sich und zog eine Visitkarte hervor.

„Ich weiß nicht, was in Amerika korrekt ist,“ sagte er ein bißchen befangen. „Gestatten Sie?“

Die alte Dame erfaßte seine Karte mit einer krallenähnlichen Hand, hielt sie vorsichtig auf Armeslänge von sich ab (in diesem Falle keine besonders große Distanz) und betrachtete sie mit schräggelegtem Kopf.

„K—r—a—g—h, Kragh, ist das ein komischer Name! Well, mein Name ist Mrs. Bowlby aus Worcester, Massachusetts, Sir!“

Sie sprach Allans Namen aus, als bedeutete er Kreide[1].

[1] Auf englisch Cray. Vorsichtige Bemerkung.

Allan versuchte, ihr eine skandinavischere Aussprache beizubringen.

Now demmit, glauben Sie, ich bin nach England gekommen, um Schwedisch zu lernen? Wenn Sie auf englisch fluchen, können Sie sich auch auf englisch titulieren lassen. There, fahren Sie in Ihrer Erzählung fort.“

Seine weiteren Erlebnisse in Mrs. Bowlbys Gesellschaft hatte Allan folglich als Mr. Cray.

Unter einem Regen von Interpellationen berichtete er seine Abenteuer im deutschen Expreßzug, in Köln und in London. Plötzlich schweiften die Gedanken der alten Dame zum Ausgangspunkt zurück.

„Und die Dame, die Sie am Hamburger Bahnhof sahen, ist dieselbe, die hier im Hotel wohnt?“

„Ja.“

„Wie kann das Hotel so etwas zulassen, das ist doch natürlich eine Hochstaplerin. Schon die Art, wie sie einen feinen jungen Mann wie Sie behandelt, beweist es.“

„Mrs. Bowlby, ich war sehr unbescheiden ...“

„Gewiß nicht. Absolut nicht. Das ist eine Schwindlerin, denken Sie an meine Worte! Wie sieht sie aus?“

„Sie ist ein bißchen mehr als mittelgroß und etwas hochmütig. Mit grauen Augen wie Miß Bowlby und recht kurzer Oberlippe. Sie sieht aus wie eine blonde spanische Infantin, wenn Sie verstehen, was ich meine, Mrs. Bowlby.“

„Natürlich. Und sie ist Amerikanerin?“

„Ja. Ich glaube wenigstens. Das heißt, auf dem Bahnhof sprach sie allerdings deutsch, wie ich Ihnen schon erzählt habe — aber später ...“

„Haha!!“

Mrs. Bowlbys Lachen war so triumphierend-krächzend, wie das eines Papageis, dem es soeben gelungen ist, einen Feind so recht tüchtig in den Zeigefinger zu beißen.

„Haha! Die habe ich schon im Hotel gesehen, ganz richtig. Jetzt weiß ich’s. Sie hätte ebensogut französisch sprechen können, junger Mann. Sie sind in gute Gesellschaft gekommen! Glauben Sie, ich weiß nicht, wer sie ist?

Mrs. Langtrey, erinnerst du dich an Mrs. Langtrey, Helen?“

„Ich glaube, du hast von ihr gesprochen, Mama.“

„Ich? Nie im Leben. Ich spreche von solchen Personen nicht. Andere Menschen haben vielleicht mit dir von ihr gesprochen ... Vor vier Jahren sprachen alle Leute von ihr, obgleich sie sich schämen sollten, überhaupt von so etwas zu sprechen.“

„Aber Mama!“

„Sch! Ich weiß, was ich sage. Dash it, ich sollte gar nicht zu dir von ihr sprechen, Helen. Sie war mit dem Obersten Langtrey in Boston verheiratet und eine große Modedame. Kurz bevor Langtrey starb, hatte sie einen gräßlichen Flirt mit einem französischen Windbeutel, der sich Baron nannte oder Marquis oder König. De Citrac hieß er. Langtrey hatte kaum die Augen geschlossen, als sie nach Europa verduftete. Natürlich weiß man, was sie da wollte. Seither hat niemand in Amerika von ihr gehört, obwohl alle von ihr gesprochen haben. Aber ich glaubte sie gestern, als wir kamen, hier im Hotel zu sehen, und nun nach Mr. Crays Beschreibung ...“

Mrs. Bowlbys Rede wurde dadurch unterbrochen, daß die Türe des Lesesalons sich öffnete und jemand hereinkam, in strahlender, rosafarbener Nachmittagstoilette, die um sie rauschte, wie der Schaum um eine schlanke Säule. Sie warf einen eisig gleichgültigen Blick auf Allan, ohne die beiden Damen auch nur zu sehen, und ging mit königlicher Grazie auf einen der Tische mit den illustrierten Zeitungen zu. Sie wählte The Queen aus und versank in einem Lederfauteuil im rückwärtigen Teil des Lesesalons.

Well!“ Mrs. Bowlbys Interjektion barg eine Welt von Bedeutung — „ist das nicht sie, die ...“

Allan, dessen Augen in dieselbe Richtung starrten, wie ihre steinkohlenschwarzen Aeuglein, zog langsam seinen Blick wieder zurück. Mrs. Bowlby, die diesen Blick gesehen hatte, erhob sich fünf Fuß hoch aus ihrem Sessel.

„Zeit, Tee zu trinken,“ sagte sie. „Wollen Sie mit Helen und mir den Tee nehmen, Mr. Cray? Sie brauchen Schutz und Schirm gegen die Welt, junger Mann, sie ist voll Sünde, und unser eigen Fleisch der Sünde bester Bundesgenosse.“

Allan riß die Tür für sie und Fräulein Helen auf, während er innerlich im stillen bedauerte, daß die Sünde einerseits so verlockend aussehen muß und andererseits nicht immer so geneigt ist, den Menschen zu attackieren, wie die Theologen behaupten.

* *
*

Beim Tee in Mrs. Bowlbys Salon im ersten Stock gesellte sich Mr. Bowlby hinzu. Mr. Bowlby war ein langer, breitschultriger, blonder Mann, offenbar jünger als seine Gattin. Sein glattrasiertes Gesicht erhielt seinen Charakter von dem breiten lustigen Mund. Er sah aus wie ein Schuljunge. Mrs. Bowlby stellte Allan unter der Signatur vor, unter der sie ein für allemal entschlossen war, ihn zu verbergen. Sie entwarf eine farbenprächtige Schilderung seiner Abenteuer und eine noch koloriertere Darstellung von Mrs. Langtrey und ihren Ansichten, wes Geistes Kind diese Dame war. Mr. Bowlby interpunktierte ihre Erzählung mit einer größeren Anzahl blow me und ebenso vielen Tassen Tee. Dann wischte er sich den Mund und sagte:

Well, Susan (seine Stimme war laut und lärmend wie die eines großen jungen Hundes), ich habe auch Neuigkeiten. Wir müssen in den zweiten Stock ziehen.“

„Früher siehst du mich am höchsten Ast baumeln,“ sagte Mrs. Bowlby, ohne einen Augenblick zu zaudern. „Ist die Börse zurückgegangen, John? Du solltest sie sein lassen, wenn du auf Ferien bist.“

„Es ist nicht die Börse;“ sagte John. „Es ist ein König.“

„Ein König? Hast du einem König Geld geliehen, John?“

„Unsinn, ich leihe kein Geld aus, das weißt du. Der König soll hier wohnen, ein richtiger König, der übermorgen herkommt, um sich in London zu verheiraten. Der Direktor hat es eben als eine Gnade von mir erbeten ...“

„Ich sage dir eines, John, versuche nicht unser armes Kind an ihn zu verheiraten! Helen! Du darfst nie an derartige Menschen denken, versprich mir das, Kind.“

„Du phantasierst, Susan. Helen mit ihm verheiraten! Ebensogut könnte ich sie mit einem Mormonen-Bischof verheiraten. Der König, der kommt, hat schon hundertfünfzig Frauen.“

„Barmherziger Jesus! Was ist das für ein Untier, das uns aus unserer Wohnung vertreiben will, John?“

„Ein König, ein richtiger König mit fünfzehn Millionen Untertanen, die meisten davon braun, aber, blow it, ein richtiger König. Der Direktor war geradezu verzweifelt, daß ...“

„Komme mir nicht mit dem Direktor! Bist du ein freigeborener Amerikaner? Gibt es nicht noch andere Hotels in London?“

„Einige, Susan, aber das hier ist wohl das einzige, wo ein König absteigen kann. Und wir bekommen eine Wohnung einen Stock höher, wo Prinz Hieronymus von Bulgarien wohnte, als er zuletzt in London war.“

„Dann kann sich dieser König auch damit zufrieden geben. Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.“

„Das ist aber ein regierender Fürst, Susan, und ein regierender Fürst kann nicht höher wohnen als im ersten Stock.“

Mrs. Bowlbys steinkohlenschwarze Augen wanderten von John zu Fräulein Helen und von ihr zu Allan.

„Hat er die hundertfünfzig Frauen mit, John?“

„Das weiß ich nicht, liebe Susan. Dann muß er wohl ein besonderes Hotel für sie mieten, oder vielmehr hundertfünfzig besondere Hotels, damit sie ihm das Leben nicht zu sauer machen.“

Mrs. Bowlby wurde weich.

„Ich bin überzeugt; daß er sie mit hat, John, ich kenne die Männer. Ziehen wir also in die Wohnung des Prinzen! Ich muß hier bleiben und diesen jungen Mann beschützen. Das ist meine Pflicht, Mr. Cray, denn ich kenne auch die Frauen.“

Mrs. Bowlby stellte ihre Teetasse energisch hin und betrachtete Allan, als wäre er ein junger Papagei vor seinem ersten unsicheren Flug. Dann wendete sie sich an Mr. Bowlby.

„Wie heißt das Untier, John?“

„Yussuf Khan,“ antwortete Mr. Bowlby, indem er eine Zigarre ansteckte. „Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad.“