Aus Diskretion — sowohl gegen das Etablissement wie gegen die hochgestellte Person, deren Name sich auf dem Titelblatt dieses Buches findet — müssen wir das Lokal, das den Rahmen um das sechste Kapitel bildet, mit den fünf ersten Worten benennen, die hier oben stehen. In gewisser Weise weicht dieser Name auch nicht so sehr von dem wirklichen Namen ab; und wer London gut kennt, kann vielleicht herausfinden, was für ein Lokal wir meinen und wo Allan Kragh gewisse wunderliche Abenteuer in der Nacht zum 16. September erlebte.
Als Allan das Grand Hotel Hermitage nach halb neun verließ, hatte er keinen bestimmten Plan für den Abend. Er schlenderte nach Leicester Square hinunter, ging ins Empire und sah eine Vorstellung, die aufs Haar allen anderen Varietévorstellungen glich. Sie bereitete ihm keinerlei Enttäuschung, aber, wie ein hervorragender Schriftsteller von der Zigarette, dem Typus des Genusses sagt — sie reizte ihn und ließ ihn unbefriedigt. Er empfand das, was er so oft bei den Eskapaden der Studentenzeit empfunden und was ihn schon soviel Geld gekostet hatte, eine ausgesprochene Unlust, nach Hause zu gehen. Er bog in eines der Gäßchen hinter dem Empire ein, schlenderte da aufs Geratewohl herum, ohne irgendwelche Angst vor den Typen, die das Londoner Abendleben bot, und ohne die zweifelhafte Beleuchtung weiter zu beachten. Wenn wir sagen würden, daß er sich dabei beobachtet oder verfolgt fühlte, so wäre dies eine Unwahrheit; aber trotzdem ist es, wie die Fortsetzung zeigen wird, Tatsache, daß er seit dem Verlassen des Hotels beobachtet und verfolgt und mit infernalischer Geschicklichkeit gerade an jenen Ort gelotst wurde, wo man ihn haben wollte. Urplötzlich befand er sich in, ja, in der Straße, in der Das Loch in der Wand gelegen ist. Er blieb vor der diskret beleuchteten Fassade stehen, die irgendeinem kleinen Café in kontinentalem Stil anzugehören schien. Sollte man nach Hause gehen und Mr. Bowlbys Einladung Folge leisten oder nicht? Ein anderer Herr tauchte plötzlich auf, öffnete die Türe zum Loch in der Wand und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen; Allan sah im Flug einen Raum, der einladend aussah, und faßte seinen Entschluß. Fast in den Fußstapfen desjenigen, der die Türe geöffnet hatte, trat er ein, nachdem er auf seine Uhr gesehen. Sie zeigte zwanzig Minuten über elf.
Das „Loch in der Wand“ erwies sich als eine Kombination von englischer private bar und kontinentalem Café, dem Aussehen nach überaus respektabel. Ein mattglänzendes Mahagonibüfett in Halbmondform wölbte sich um die rechte Längsseite des Raumes, dahinter thronten drei diskret gekleidete Barmaids. Alle schön, aber von ebenso respektablem Aussehen wie die Bar, in der sie figurierten. Die linke Hälfte des Raumes hatte Korbstühle und kleine Tischchen. Da war ein offener Kamin, augenblicklich unbenützt, und ein Tischchen mit Zeitungen und Zeitschriften. Die Beleuchtung war ebenso diskret und angemessen wie die übrige Einrichtung.
Für den Augenblick waren sämtliche hochbeinige Stühle an der Bar von Herren in Frack und weißer Krawatte besetzt, die offenbar, so wie Allan, auf dem Heimwege vom Theater oder von einer Gesellschaft einen Blick hereingeworfen hatten. Der Mann, der unmittelbar vor Allan eingetreten war, saß an einem der kleinen Tischchen. Allan ließ sich am Nebentisch nieder, bestellte einen Whisky und gab sich der Betrachtung der drei schönen Barmädchen hin. Die eine von ihnen war von schwedischem Typus, mit länglicher Kopfform, schmalem Gesicht und hellblauen Augen. Allan, der eben den ersten Schluck von seinem Whisky getrunken hatte, fühlte sich mit einem Male heimisch und verspürte die Lust, mit jemand zu plaudern. Er wendete sich seinem Nachbar am nächsten Tisch zu und fand, daß dieser ihn beobachtete. Allans Wunsch gleichsam zuvorkommend, beugte er sich lächelnd vor und sagte auf deutsch:
„Entschuldigen Sie, wenn ich mich vielleicht irre, aber sind wir nicht Landsleute?“
Allan hatte jetzt lange Zeit immer nur englisch gesprochen und empfand es als eine angenehme Abwechslung, einmal eine andere Sprache zu reden. Er schüttelte den Kopf:
„Nein, ich bin kein Deutscher, aber ich spreche Ihre Sprache. Sie finden, daß ich deutsch aussehe?“
Der Fremde fuhr fort ihn zu mustern.
„Hm, vielleicht ja, bei näherer Betrachtung vielleicht nein. Sie haben etwas Unenglisches ... ich weiß nicht recht was, und ich bildete mir ein ...“
Allan nickte.
„Es ist nicht das erstemal, daß ich für einen Deutschen angesehen werde. Aber das vorigemal war es nicht gerade angenehm!“
„Wieso? War es in Frankreich?“
„Nein, in Deutschland.“
„Aber wirklich? In Deutschland kann es doch keine Unannehmlichkeiten verursachen, für einen Deutschen gehalten zu werden. Das ist ja nur sehr schmeichelhaft für Ihre Sprachenkenntnisse.“
„Es war leider in anderer Beziehung weniger schmeichelhaft. Die Sache verhält sich nämlich so, daß ich für eine bekannte, ja allzu bekannte Persönlichkeit gehalten wurde, von der ich nicht weiß, ob Sie sie kennen, nämlich Benjamin Mirzl. Ja, ich wurde sogar als er angehalten.“
„Von der Polizei? Als Benjamin Mirzl?“
„Allerdings, und mußte fast zwei Tage für Herrn Mirzl sitzen. Sie kennen diesen Mirzl also?“
„Wer kennt Mirzl nicht dem Namen nach? Und da Sie für ihn gehalten wurden, weiß ich jetzt also wie er ausschaut.“
„Er wird wohl nicht lange dasselbe Aussehen beibehalten, damit können Sie also nicht so sicher rechnen. Trinken Sie etwas?“ fügte Allan hinzu, tief wurzelnden nationalen Instinkten folgend.
Der Fremde lachte.
„Mit Vergnügen, danke, Herr Mirzl.“
Allan lachte.
„Ich glaube, Sie können ebenso gut Mirzl sein, wie ich. Zwei Whisky mit Soda, please!“
Sein Gegenüber schob seinen Stuhl näher heran. „Wollen Sie nicht diese Geschichte mit Mirzl erzählen?“ sagte er. „Wenn es kein allzu schmerzliches Thema für Sie ist!“
„Keineswegs. Mirzl ist vielleicht ein Schurke ...“
„Sicherlich! Ich kann Ihnen später einiges darüber erzählen.“
„... Aber wenigstens ein Schurke, der sein Handwerk versteht, — Sie werden es aus meiner Erzählung ersehen — und der Humor hat. Ich bin ihm gar nicht böse, daß er mir mein ganzes Gepäck gestohlen hat und mich zwei Tage für ihn im Arrest sitzen ließ!“
„Er hat Ihr ganzes Gepäck gestohlen? Und Sie sind nicht böse! Sie sind wirklich freisinnig. Erzählen Sie doch!“
Allan stärkte sich aus dem Glas und wiederholte noch einmal die Geschichte, mit der er schon die Familie Bowlby erquickt hatte. Der Fremde horchte mit weit offenen Augen und stieß hier und da einen Ausruf aus. Als Allan zu Herrn Mirzls Ausbleiben vom Rendezvous in Leicester Lounge kam, zur Zurückgabe der Koffer und dem vergeblichen Versuch, den Dienstmann aufzuspüren, fing er so zu lachen an, daß es in der Bar widerhallte. Als Allan geschlossen hatte, beugte er sich mit Tränen in den Augen vor.
„Ein Dienst ist des anderen wert,“ sagte er. „Ihre Geschichte ist das Tollste, was ich seit langer Zeit gehört habe. Haben Sie heute abend Zeit, so möchte ich Ihnen etwas zeigen, das, wie ich glaube, Ihnen ein bißchen Spaß machen wird, da Sie neu in London sind. Haben Sie Lust?“
Allan sah auf seine Uhr. Es fehlten zehn Minuten auf zwölf.
„Ich glaubte, man schließt um diese Zeit überall in London?“
„Man schließt spätestens um eins, aber nicht überall. Es gibt Orte ... hier zum Beispiel.“
„Hier! In dieser kleinen Bar! Ich finde, es sieht so aus, als ob der Barmann sich schon anschicken würde, uns hinauszubefördern.“
„Das würde er auch mit Ihnen tun, wenn Sie allein wären. Aber zufälligerweise gehöre ich zu den Eingeweihten.“
„Aber in dieser kleinen Bar sitzen zu bleiben ...“
„Urteilen Sie nicht nach dem äußeren Schein, junger Mann. Nur bei den Römern war der Eingang zum Avernus leicht. Hier muß sogar der Eingang zu einer Taverne schwer sein.“
Der Fremde lachte herzlich über sein eigenes philologisches Wortspiel und ging zur Bar, wo der Bartender — ein dicker glattrasierter junger Mann von dem Aussehen eines Wettrenntrainers — jetzt allein war und die Kasse überzählte. Die drei schönen Barmädchen waren verschwunden. Allan sah seinem neuen Bekannten interessiert nach. Es war ein kleiner, ziemlich untersetzter Herr mit glänzendem, schwarzem Haar und jener, beinahe blauvioletten Gesichtsfarbe, die vom vielen Rasieren kommt und bei Schauspielern nicht selten ist. Nun kam er zu Allan zurück.
„Nun, wie ist es? Haben Sie Lust, sich das kleine Lokal des internationalen Feuerfresserklubs anzusehen?“
„Internationaler Feuerfresserklub?“ wiederholte Allan. „Hat der Klub strenge Eintrittsbedingungen?“
„Ueberaus milde, wenn man von einem Klubmitglied vorgestellt wird. Sonst sehr strenge. Uebrigens heißt der Klub nicht so. Das ist nur ein Kosename unter den Mitgliedern.“
Allan erhob sich.
„Führen Sie mich in den Klub ein, wenn Sie wollen,“ sagte er. „Es wird mir ein großes Vergnügen sein, die Gepflogenheiten der Feuerfresser kennen zu lernen.“
Der Fremde rief dem Mann, der eben die Eingangstüre der Bar verriegelte, etwas zu. Der Barmann zog pfeifend eine Draperie zurück, die im Hintergrunde des Cafés hing, und einige Schritte weiter in einem Korridor erblickte Allan einen Aufzug. Der Fremde winkte ihm, vor ihm einzusteigen, und Allan tat es arglos. Als er später über die Abenteuer dieser Nacht nachdachte, wunderte es ihn am meisten, daß man nicht — aber der Leser wird noch früh genug Gelegenheit finden, seine Verwunderung zu teilen.
Der Fremde stieg nach ihm ein und drückte auf einen Knopf. Der Lift glitt hinauf, so überaus langsam, daß er noch die Lifts des Grand Hotel Hermitage bei weitem übertraf, und machte es Allan ganz unmöglich, zu beurteilen, wie hoch er hinaufging — er war mit mattgeschliffenen Glasscheiben versehen. Allan dachte jedoch im Augenblicke nicht daran, er dachte nämlich an etwas ganz anderes und wandte sich an seinen Begleiter:
„Verzeihen Sie mir, aber wie soll ich denn wieder hinauskommen? Die Bar schließt ja.“
Der Fremde lachte.
„Dabei werde ich Ihnen schon behilflich sein. Es gibt einen anderen Ausgang. Nun sind wir da.“
Der Fahrstuhl blieb so vorsichtig stehen, als hielte er vor einer Krankenwohnung. Der Fremde zog die mattgeschliffene Doppeltüre auf und schob Allan in eine große Vorhalle, deren Boden mit dicken Teppichen belegt war. Ein Diener in orientalischem Phantasiekostüm kam herbeigeeilt und verbeugte sich, als er Allans Begleiter erblickte, sehr tief.
„Die Loge Nummer fünf steht bereit, Sir,“ sagte er.
Das ist eigentümlich, dachte Allan, hat er die Loge schon vorher reserviert? Oder kommt er jeden Abend her?
Sein Begleiter hatte sich rasch zu dem Diener herabgebeugt und flüsterte ihm etwas zu. Der Diener erwiderte etwas, worauf der Schwarzhaarige einen Pfiff hören ließ.
„Schon in der Loge Nummer sechs!“
„Ja, Sir, sie sind vor einer halben Stunde gekommen.“
„All right. Ist die Passage frei?“
„Ja, Sir.“
Allans Begleiter drehte sich lächelnd zu ihm um.
„Entschuldigen Sie, wenn ich geheimnisvoll wirke,“ sagte er. „Ich habe mich nur nach einem Bekannten erkundigt.“
„Sie müssen oft herkommen,“ sagte Allan, „da eine Loge für Sie reserviert ist.“
„Ja, ich komme hie und da her. Wollen Sie nicht den Ueberrock ablegen? Es pflegt hier sehr warm zu sein.“
Allan legte Rock und Hut ab und reichte sie dem Diener; sein Begleiter tat das gleiche und ging auf eine Türe zu, die einen vergoldeten Fünfer zeigte. Allan ging ihm nach, aber folgte halb unbewußt dem orientalisch gekleideten Diener mit dem Blick. Er sah ihn auf einen Knopf drücken, wobei die Türe zu einer Art Garderobe aufsprang, in der er die Ueberkleider unterbrachte, die er in Empfang genommen hatte. Rechts in der Garderobe sah Allan flüchtig eine halb geöffnete Türe mit einem schmalen Treppenaufgang dahinter. Alles dies nahm kaum drei Sekunden in Anspruch; aber wie es sich später zeigte, hing von diesen drei Sekunden der Ausgang der Abenteuer des Abends ab. Nun war er wieder an der Seite seines Begleiters. Dieser drehte sich lächelnd zu ihm um.
„Ich habe das Vergnügen, Sie in den Klub der internationalen Feuerfresser einzuführen,“ sagte er und öffnete die Türe, die die vergoldete Ziffer 5 zeigte. „Treten Sie ein!“
Allan trat vor ihm ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, zuckte er erstaunt zusammen. Er hatte sich irgendein kleines Klublokal von halb zweideutiger Sorte erwartet, aber was er sah, war unleugbar etwas ganz anderes.
Die „Loge“, in der er stand, war eine Art Mittelding zwischen gewöhnlicher Theaterloge und Tribüne — sie lag ein paar Fuß über dem Boden der großen Halle und war von dieser durch eine Rampe von flackernden Kerzenflammen getrennt, die der Halle zugekehrt waren. Die Beleuchtung der Loge kam von oben, aus einem Netz von Geißlerschen Röhren, durch die ein regenbogenschimmerndes Licht in feinen, lautlosen Fluten strömte. Die Wände waren ganz unter schweren Draperien verborgen. Es stand ein gedeckter Tisch da, mit Kuverts für zwei Personen. Der Tisch hätte jedoch reichlich Platz für sechs gehabt. Drei große Champagnerkühler auf hohen Silberfüßen standen daneben. Die Stühle waren durch orientalische Diwane ersetzt. — Auf der anderen Seite der beständig flackernden Lichtrampe lag ein großer Saal in groteskem Rokokostil mit einem mattgeschliffenen, durchsichtigen Glasboden. Die Beleuchtung kam von tief unten in rhythmischen Kaskaden von verschiedenfarbigen Lichtern, die aufwallten und erloschen und den Paaren, die dort drinnen tanzten — denn der Saal war offenbar als Tanzsaal gedacht — ein wunderliches Cachet der Unwirklichkeit gaben. Eine Menge Menschen, Herren und Damen in bunten Kostümen, morgen- und abendländischen, ethnographischen und rein phantastischen, weitwallenden und zuweilen mehr als leichten, bewegten sich über den regenbogenschimmernden Glasboden zum Takt einer Kapelle, die Allan schließlich am entferntesten Ende des Saales entdeckte. Diese Kapelle, in roten Mänteln, an jene erinnernd, mit denen die Inquisition ihre Opfer ausstaffierte, saß auf einer Art schwarzen Insel des leuchtenden Glasbodens. Das Ganze machte einen so verwirrenden Eindruck, daß Allan sich mit beiden Händen an den Kopf griff. War er wach? Wie konnte ein solches Lokal seinen Zugang durch das unscheinbare Loch in der Wand haben? Er wendete den Blick seinem Begleiter zu und fand, daß er ihn von einem der Diwane mit einem amüsierten Lächeln betrachtete.
„Das kleine Lokal der Feuerfresser macht Ihnen Eindruck?“ sagte er.
„Ich habe nie in meinem Leben etwas Aehnliches gesehen,“ sagte Allan wahrheitsgemäß. „Aber wie —“
„Keine Fragen, lieber Freund. Sie begreifen, ein Klub wie der unsrige ist exklusiv und will keine fremden Personen in seine Geheimnisse einweihen. Sie haben mich dort unten amüsiert, und es hat mich amüsiert, Ihnen einen kleinen Gegendienst zu erweisen. Aber keine Fragen!“
Allan verbeugte sich.
„Gestatten Sie,“ sagte er, zum zweitenmal tiefverwurzelten Trieben folgend, „daß ich mich vorstelle?“
„Ach, was ist ein Name! Lassen Sie mich Mirzl zu Ihnen sagen, wenn es schon eine Ansprache sein muß. Name ist Schall und Rauch. Setzen Sie sich und kosten Sie, was der Klub vermag. Trocken oder halbtrocken?“
„Trocken, danke,“ stammelte Allan und sank auf den Diwan gegenüber seinem wunderlichen Begleiter. Dieser fuhr fort:
„Ich weiß nicht, ob es Sie interessiert, aber ich kann mir Ihre Abenteuer mit Mirzl nicht aus dem Kopf schlagen. Würde es Sie amüsieren, ihre Lösung zu hören? Ich glaube, merken Sie wohl, glaube, daß ich sie gefunden habe.“
Allan riß die Augen auf und vergaß im Nu das wunderliche Lokal, in dem er sich befand, sowie die tanzende Schar draußen auf dem Glasboden.
„Sie glauben, Sie haben die Lösung?“
„Ach, eigentlich ist sie doch ganz naheliegend. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß Mirzl vor acht Tagen in Berlin einen größeren Coup gemacht hat.“
„Man sagte es mir in der Polizeikammer in Köln. An dem Tage, bevor ich mit dem Expreß reiste. Hunderttausend Mark in irgendeinem Hotel des Westens, nicht wahr?“
„Auf jeden Fall gut siebzigtausend. Er war diesmal ein bißchen gar zu tollkühn gewesen. Er entkam gerade noch mit knapper Not, aber sein Gepäck mußte er im Stich lassen. Nun können Sie sich denken, daß er am liebsten aus Deutschland heraus wollte, und dabei wußte er, daß die Polizei überall Spione hatte. Seine Helfershelfer wagte er nicht aufzusuchen. Kam er an die Grenze und wollte sie ohne Gepäck passieren, war er sofort verdächtig und wurde hoppgenommen. Suchte er sich Gepäck von genügenden Dimensionen und entsprechender Qualität zu kaufen, so war sein Signalement so verbreitet, daß er höchstwahrscheinlich hängen blieb. Und der Boden brannte ihm unter den Füßen! Es handelte sich um Stunden. Er war im Auto nach Hamburg geflohen, er stieg ohne irgendeinen Plan in den Expreß, traf Sie — und das übrige wissen Sie. Aber nachdem er einmal glücklich in London war, brauchte er Ihre Sachen nicht mehr. Und da er ein Freund von Exzentrizitäten ist, stellte er sie eben zurück. — Sie trinken nichts? Was sagen Sie zu meiner Erklärung?“
Allan starrte seinen Begleiter mit weitgeöffneten Augen an. Das war wirklich ein Sherlock Holmes! Er hob sein Glas, um ihm seine Anerkennung auszusprechen, als eine Unterbrechung kam.
Die Draperien links begannen zu wogen, sie wallten auf und nieder wie ein Wasserspiegel bei einem Unterseebootangriff und teilten sich endlich. Jemand tauchte aus ihnen empor, wie Neptun aus den Fluten, taumelte ein paar Schritte in die Loge, wo Allan und sein Begleiter saßen, und blieb endlich auf ein paar nicht allzu festen Beinen mit dem Rücken gegen sie stehen, während er mit der einen Hand die Draperien festhielt, durch die er aufgetaucht war. Zu seinem Staunen merkte Allan, daß gar keine Wand zwischen den Logen war; die Draperien waren das einzige, was sie trennte. Offenbar waren sie schwer genug, um alle Laute zu dämpfen, wenn man sie ruhig hängen ließ, denn während er bisher keinen Ton aus der Nebenloge vernommen hatte, drang jetzt ein Stimmengewirr heraus. Aber was war denn das für ein ungebetener Gast? wollte er eben seinem Begleiter zurufen, als der Mann, der hereingetaumelt war, ihnen plötzlich das Gesicht zukehrte. Allans Ausruf sank zu einem Flüstern herab:
„Yussuf Khan! Der Maharadscha!“
Es war wirklich und unzweifelhaft der Maharadscha von Nasirabad, und ebenso zweifellos war es, daß dieser mohammedanische Herrscher an diesem Abend das Gebot des Propheten gröblich übertreten hatte: er war sichtlich das, was man in höflicher Sprache angeheitert nennt und wofür man in weniger höflicher Sprache eine Unzahl anderer Bezeichnungen hat. Es war jedenfalls offenbar, daß sein Schwips von der guten sanguinischen Sorte war. Jetzt wandte er sich mit einer vorsichtigen Kreisbewegung Allan und seinem Begleiter zu, machte ein feierliches Salaam und sagte mit Würde, wenn auch ein bißchen undeutlich:
„Edelgeborene Sahibs, ein armer Sohn eines toten Paria bittet euch um Entschuldigung ob dieses Eindringens in euer königliches Z—z—ze—l—“
Er kam nicht weiter. Die Anstrengung war zu groß gewesen. Er fiel sanft auf einen der Diwane und schloß seine Rede in sitzender Stellung ab:
„... Ze—zelt. Ich, Yussuf, der Sohn von tausend unwürdigen Vorvätern, bitte euch um Entschuldigung.“
Allans Begleiter hatte sich hastig erhoben und eine Champagnerflasche aus einem der silberfüßigen Kühler genommen.
„Yussuf, Sohn himmelgeborener Eltern, geruhe mit dem verächtlichsten der weißen Männer zu trinken.“
Er schenkte ein Glas ein, das der Maharadscha mit einem wohlwollenden, aber abwesenden Lächeln automatisch ergriff und austrank. Er blieb mit dem Glas in der Hand sitzen, als die purpurroten, gelbgeflammten Draperien zum zweitenmal zu wogen begannen, diesmal jedoch planmäßiger als früher, worauf ein graubärtiger Kopf im Turban (der Maharadscha hatte seinen verloren) sich in einer Spalte zeigte, so allmählich folgte sein Besitzer nach, der sich als der alte Hofdichter Ali entpuppte.
Er rief dem Maharadscha etwas zu, der nur mit einem Winken des Champagnerglases und einem herzlichen Lachen antwortete, worauf er sich wohlbehaglich seiner ganzen Länge nach auf dem Diwan ausstreckte. Der alte Hofdichter, der selbst in aufgeräumter Stimmung zu sein schien, zog die Draperie zurück und rief in die andere Loge hinein:
„Stanton Sahib, er hat sich hier drinnen zur Ruhe gelegt. Er weigert sich, meinen weisen guten Ratschlägen Gehör zu schenken.“
Die Folge dieses Rufes war, daß eine dritte Person sich zwischen den Draperien zeigte, ein junger blonder, scharfäugiger Engländer, mit dem denkbar korrektesten Scheitel und dem denkbar reinsten Rasseprofil. Auch er schien in brillanter Laune zu sein. Er puffte lächelnd den alten Hofdichter in die Loge Nr. 5 und kam selbst nach. Dann wandte er sich mit einem tiefen orientalischen Salaam an Allans Begleiter und sagte mit singender Stimme:
„Edelgeborene Feuerfresser, verzeiht diese Zudringlichkeit meiner zwei Schützlinge und meiner selbst, dem unwürdigen Sohn von zehn Generationen von Sklaven! Salaam, edle Feuerfresser! Möge euer Schatten stets zunehmen und eure Widersacher keine andere Speise finden als den Schmutz der Erde.“
Allan beobachtete diesen Auftritt mit offenem Munde. Er blickte in den Saal hinaus, wo der Tanz auf dem Glasboden herumwirbelte, um sich selbst zu bestätigen, daß er wach war. Der Anblick der Tanzenden in dieser phantastischen Beleuchtung trug nicht gerade dazu bei, sein Zutrauen zu seinen Sinnen zu stärken. Yussuf Khan hier in dieser Gesellschaft! Sein mystischer Begleiter aus dem ‚Loch in der Wand‘ war aufgestanden und hatte den Gruß des jungen Engländers mit einigen ebenso orientalischen Wendungen erwidert, indem er erklärte, daß sein Zelt (womit die Loge Nr. 5 gemeint war) der Ehre, die ihm von diesen erhabenen Fremdlingen, deren Aussehen zur Genüge ihre Geburt und ihre Tugenden bezeugte, erwiesen wurde, gänzlich unwürdig sei; doch wenn sie sich in besagtem Zelt niederlassen wollten, wage er ihnen vorzuschlagen, einen Becher elenden und essigsauren Weins zu leeren.
Der junge Engländer sank laut lachend auf einen Diwan und akzeptierte ohne Umstände ein Glas; der alte Hofdichter trank das seine auf einen Zug aus und erhob sich dann. Trotz des Weines stand er ziemlich sicher. Der Maharadscha lag auf seinem Diwan und betrachtete sämtliche Anwesende mit einem Lächeln des äußersten Wohlwollens. Der alte Hofdichter hob die Hand und begann zu sprechen:
„Erhabene Sahibs! Sicherlich ist London die wunderbarste Stadt der Welt. Ihre Schönheit ist märchenhaft, wenn auch von Nebeln verhüllt, und die Tugenden und die Liebenswürdigkeit ihrer Einwohner übertreffen die aller anderen Städte so wie der Koran alle anderen Bücher übertrifft. Wisset (er wendete sich an Allan und seinen Begleiter), erst heute morgens kam ich in Gesellschaft meines jungen Schülers, der uns alle von seinem Diwan mit einem seligen Lächeln betrachtet, hier an. Erst heute morgen trafen wir in dieser Stadt ein, wo wir niemand kannten, und noch vor dem nächsten Morgen haben ich und mein Schüler so viele Freunde gefunden, und sind in diesem Hause der Zehntausend Freuden bewirtet worden, alles durch Stanton Sahibs Verdienst. An diesem Abend, als wir uns von der Tyrannei, die ein alter Sahib, dessen Namen ich nicht nennen will, gegen uns ausübt, befreit hatten, machten mein Schüler und ich uns insgeheim auf einen Streifzug durch London auf (Allan zuckte zusammen), um seine tausend Reize kennen zu lernen, von denen wir in den Lehmhütten, die uns zur Welt kommen sahen, soviel gehört haben. Kaum, o fremde Sahibs, waren wir hundert Schritte gegangen, als wir uns schon verirrt hatten, verwirrt durch die Nebel, die Londons Schönheiten zu verhüllen suchen, und von dem Getöse der zehntausend Feuerwagen. Wir waren verirrt wie die Gottlosen, die die Wahrheit außerhalb des Korans suchen (gepriesen sei sein Name). Wie Abdul Mahbub, mein alter Lehrmeister, singt: ‚Weh dem, der die Wahrheit anderwärts sucht.‘ So verirrt waren wir, als Stanton Sahib, dessen Namen auf dem ganzen Erdenrund gerühmt werden wird, uns auf der Straße sah, sich unser erbarmte (Allan zuckte wieder zusammen), und uns in dieses Haus der Zehntausend Freuden führte. Immer und allezeit wird Stanton Sahibs Name ob dieser Guttat gegen zwei arme Wanderer gepriesen werden. Lasset uns auf Stanton Sahib, den edelsten der Engländer, mit diesem Wein trinken, der frischer ist als Morgentau und kitzelnder als die Lippen eines Weibes. Lasset uns dabei bedenken, was der göttliche Zeltmacher sagt:
[2] Diese und die folgenden Verse nach der Uebersetzung von Maximilian Rudolf Schenck.
Erhabene Sahibs, lasset uns ...“
Der alte Hofdichter kam nicht weiter; die Anstrengung war zu viel für ihn gewesen, und mitten in seinem letzten Satz plumpste er plötzlich auf einen Diwan, trank die letzten Tropfen aus dem Glas und sah sich mit einem unsteten Lächeln um. Allans Begleiter füllte die Gläser wieder und ließ sich bei dem jungen Engländer nieder, den man Stanton genannt hatte. Allan saß da, in Grübeleien versunken, während seine Augen auf die Tanzenden draußen auf dem Glasboden geheftet waren; das war doch ein mehr als eigentümliches Zusammentreffen, daß er, der nie von diesem Lokal gehört, und die beiden Hindu, die den ersten Tag in London waren, alle drei von wohlwollenden Fremdlingen hier eingeführt wurden ... Er starrte seinen Begleiter an, der mit dem jungen Engländer beschäftigt war. Plötzlich kam ihm eine flüchtige Idee: Hatte er den Mann, der ihn hier eingeführt hatte, nicht in dem Varieté im Leicester Square gesehen? Unmöglich es zu sagen, man sieht ja an einem solchen Ort tausend Gesichter, und das seines Begleiters war nicht besonders auffallend. Und wenn er ihn auch in dem Varieté gesehen hatte? ... Er fuhr unwillkürlich fort, darüber nachzugrübeln, was ihm eigentlich daran, daß gerade er und die beiden Hindu hier im Feuerfresser-Klub saßen, so eigentümlich vorgekommen war. Plötzlich sah er, wie der alte Hofdichter sich erhob und auf etwas unsicheren Beinen zu seinem Platz herankam.
„Junger Mann,“ sagte er und setzte sich auf den Diwan neben dem Allans, „ich will Ihnen etwas anvertrauen.“
Allan neigte lächelnd den Kopf.
„Ich will Ihnen etwas anvertrauen,“ wiederholte der alte Poet. „Dieser Wein, der frischer ist als der Morgentau auf den Berghängen und kitzelnder als die Lippen eines Weibes, ist auch ebenso hinterlistig wie das Herz eines Bewohners der Ebene. Ach, was haben wir von den Frauen, die wir lieben, und dem Wein, den wir trinken? Beide Räusche verschwinden mit dem Morgen. Doch weiß ich nicht, ob der Rausch dieses kitzelnden Weines, der wie ein Frühlingsbach perlt, morgen mit dem Morgen verschwinden wird. Ich bin fast geneigt, es zu bezweifeln; aber wenn es der Fall ist, so denke ich daran, was der göttliche Zeltmacher sagte:
Junger Mann, hüten Sie sich vor dem Wein und den Frauen. Nehmen Sie diesen Rat von dem alten Sänger Ali. Vernehmen Sie, daß mein Schüler, der uns von seinem Diwan aus mit einem milden glücklichen Lächeln betrachtet, über das große Wasser hergekommen ist, um sich zu vermählen. Es ist eine Folge seiner jugendlichen Torheit, daß er zu diesem Zweck einen so weiten Weg macht. Er ist wie der Steinbock, der mühsam ins Dschungel herabwandert, um dort von den Tigern gefressen zu werden. Das beweist, daß ich ihm ein schlechter Lehrer gewesen bin. Lasset uns trinken!“
Allan erhob sein Glas.
„Verehrungswürdiger Dichter,“ sagte er, „wissen Sie, daß wir im selben Hotel wohnen?“
Der alte Poet sah ihn mit Augen an, die vom Wein verdunkelt waren.
„Und wenn dem so ist?“ sagte er. „Ein Wohnort, was ist ein Wohnort? Je mehr ich von diesem gelben Wein trinke, desto besser verstehe ich den göttlichen Zeltmacher, und wenn Sie von Hotels sprechen, junger Mann, denke ich daran, was er gesagt hat:
Was bedeutet es, ob wir im selben Hotel wohnen. Ein anderer liegt morgen in dem Bett, das noch von uns lau ist.“
„Gottlob ist der Champagner für uns noch kalt,“ sagte Allan. „Prost! Seine Königliche Hoheit dort auf dem Diwan scheint ein bißchen ermüdet.“
„Mein Schüler“, sagte der alte Hofdichter, indem er sein Glas austrank, „ist noch nicht recht vertraut mit dem Wein der weißen Sahibs. Seine verräterische Süßigkeit hat ihn überwältigt. Bei der Erkenntnis dessen schaudere ich, wenn ich an die blauäugigen weißen Frauen denke, von denen er träumt. Sicherlich hat Nasirabads letztes Stündlein geschlagen, wenn eine von ihnen ihn in ihre Arme schließt. Woher wissen Sie, wer mein Schüler ist?“
„Ich habe ja schon gesagt, daß wir im selben Hotel wohnen.“
Kurz nach dieser letzten Antwort mußte auch Allans Bewußtsein sich umnebelt haben. Auf jeden Fall war es das Letzte, was er am nächsten Tag aus seiner Erinnerung hervorzuholen vermochte. Auch in die Handlungen, die er und die anderen Anwesenden darnach vornahmen, konnte er keine Klarheit bringen. Er erinnerte sich undeutlich, daß er, nachdem er noch ein paar Gläser getrunken, aufgestanden und unter der heiteren Zustimmung seines eigentümlichen Begleiters, der noch immer im Gespräch mit Mr. Stanton dasaß, durch die Draperien in die Loge Nr. 6 gewankt war, aus der Mr. Stanton und seine Schützlinge gekommen waren. Ein paar Augenblicke starrte er die Loge an, die ebenso eingerichtet war wie die andere, und den Tanz, der draußen auf dem Glasboden unablässig weiterging. Dann legte er sich auf einen Diwan.
Das nächste, woran er sich dann erinnerte, war, daß sein Begleiter und Mr. Stanton durch die Draperie zu ihm hineinguckten; sie sahen auf ihre Uhren, lächelten und zogen sich in die Loge Nr. 5 zurück; er fing noch den Laut der Stimme des alten Hofdichters auf, der irgend etwas rezitierte, und ein Schnarchen, das vermutlich von Yussuf Khan kam.
Vermutlich war er selbst gleich darauf eingeschlummert, aber es ist unsicher, wie lange er geschlafen hatte, als er mit einemmal klar wach war, so wie es manchmal vorkommt, von einer Idee gepackt, einer halben Ahnung, wie man sie im Schlaf hat, einer Idee, die ihn dazu brachte, sich kerzengerade auf dem Diwan aufzusetzen und vor sich hinzustarren. War das der Zweck des Ganzen. Waren deshalb gerade er und die beiden Inder in dieses eigentümliche Lokal geführt worden? Hatte deshalb sein Begleiter eine so plausible Erklärung für Herrn Mirzls Vorgehen geben können? ... Dann war eine Sache sicher — er mußte sich eilen, wollte er ihre Pläne durchkreuzen; und eine andere Sache beinahe noch sicherer — er mußte mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen, wenn es ihm gelingen sollte ... Noch wirr im Kopf von dem Champagner und unsicher auf den Beinen nach dem Schlaf erhob er sich von dem Diwan und schlich, so leise er konnte, zur Logentüre. Dort angelangt, blieb er stehen und sah vorsichtig nach den Draperien zur Loge Nr. 5. Sie hingen regungslos, kein Laut war von dort drinnen zu hören. Er drückte vorsichtig die Klinke nieder. Sie gab lautlos nach. Gott sei Dank, die Türe war also nicht verriegelt, wie er schon befürchtet hatte.
Er öffnete sie so behutsam er konnte, und guckte mit einem Auge in die Halle. Sie war leer; von dem orientalisch gekleideten Diener war nichts zu sehen. Mit noch einem gemurmelten Segensspruch auf den Zufall oder die Vorsehung ging er zur Türe hinaus, schloß sie hinter sich zu und schlich auf den Zehen zu zwei großen Doppeltüren mit elegant vergitterter Glasfüllung. Nur fort, so rasch als möglich. Er sah hastig auf seine Uhr, die fast zwei zeigte — keine Zeit, an Ueberrock und Hut zu denken — als er eine Entdeckung machte, die ihn zurücktaumeln ließ.
Die großen Hallentüren waren ebenso fest und unerschütterlich verschlossen wie eine Gefängnispforte!
Für einen Augenblick stand er wie gelähmt da, fast bereit, in die Loge zurückzukehren und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Dann jedoch gewann die Empörung die Oberhand, und er begann mit zusammengebissenen Zähnen nach einer Möglichkeit zu suchen, den Leuten dort drinnen ein Schnippchen zu schlagen. Er grübelte und grübelte, während seine Augen rings um die Halle irrten, jeden Augenblick darauf gefaßt, den Diener auftauchen zu sehen. Die Halle bog sich nach rechts und links zu Korridoren um, die die Logen rings um den Saal mit dem gläsernen Boden umschlossen. Vielleicht war dort irgendein Ausgang? Er verjagte den Gedanken an diese Möglichkeit ebenso rasch, als er aufgetaucht war. Fand sich dort irgendein Ausgang, so war er sicherlich ebenso fest verrammelt wie der Hauptausgang. Der Diener in der orientalischen Gewandung hatte natürlich dafür zu sorgen, daß kein Unberufener herein oder heraus kam; und diesem Diener wollte er keinesfalls begegnen. Er hätte darauf schwören mögen, daß er seine Weisungen hatte! — War das Spiel also verloren? Schon waren drei Minuten vergangen, seit er die Loge verlassen hatte — hallo!
Mit einem Male fiel ihm etwas ein.
Er sah die Szene wieder, als er mit seinem wunderlichen Begleiter herausgekommen war; der Diener hatte ihre Ueberkleider genommen und sie in die Garderobe hinüber getragen, deren Türe er durch den Druck auf einen Knopf geöffnet hatte. Und drinnen in der Garderobe hatte Allan einen Augenblick eine halb offene Türe gesehen, die zu einer Hintertreppe führte. ... Ohne diesen Gedanken zu Ende zu denken oder die Chancen zu berechnen, ob er auch den Knopf zur Garderobetüre entdecken und die andere Türe geöffnet finden würde, stürzte Allan quer durch die Halle zur Garderobetüre. Er ließ die Finger über die Wand fahren, auf die er den Diener drücken gesehen hatte; Sekunde für Sekunde verging, von seinem Herzen mit einem Hämmern markiert, das man seiner Empfindung nach durch das ganze Haus hören mußte; seine Finger flogen über die Wand hin und her, ohne jedes Resultat. Halb verzweifelt ließ er die Hände sinken und starrte die Wand an. Seine Verzweiflung ging in kindische Erbitterung über; er versetzte der Wand einen Faustschlag, der dumpf krachte und weh tat, aber — o Wunder! — im selben Augenblicke öffnete sich die Türe. Im nächsten war Allan in der Garderobe und zog die Türe hinter sich zu, ohne zu bedenken, daß er keine Zündhölzchen bei sich hatte. Er tappte zu den Ueberkleidern, die er dort drinnen hängen gesehen hatte, und durchsuchte mit fiebernden Händen eine Tasche nach der andern: Die internationalen Feuerfresser schienen den Gebrauch von Zündhölzchen abgeschworen zu haben, und sie hätten doch die Nächsten dazu sein sollen! Ohne daran zu denken, was er in Gestalt von gebrochenen Beinen und ähnlichem riskierte, gab er seine Nachforschungen in den Ueberrocktaschen auf und tastete sich zu jener Ecke der Garderobe, wo er am Abend die offene Türe gesehen hatte. Eigentümlicherweise fand er sie so gut wie gleich, und zwar noch immer angelehnt.
Er öffnete sie ganz und machte mit ausgestreckten Händen ein paar vorsichtige Schritte über die Schwelle. Er fand ein eisernes Geländer und konstatierte, daß da eine Wendeltreppe sein mußte. Er trat einen Schritt zurück und schloß die Türe zur Garderobe wieder, um keinerlei Spuren zu hinterlassen; dann begann er die Wendeltreppe herabzusteigen, so rasch er es bei dieser Dunkelheit wagen konnte.
Wenn der Leser je eine dunkle Treppe in einem fremden Hause ohne andere Richtschnur als das Gefühl hinauf oder hinunter gegangen ist, dürfte dem Leser eines aufgefallen sein: Sie erscheint ebenso endlos wie ein Satz eines besseren lateinischen Schriftstellers. Wenn der Leser diese Beobachtung nicht gemacht hat, hat der Leser nie einen besseren lateinischen Schriftsteller gelesen. Allan Kragh, der in dieser Hinsicht zu den Bevorzugten gehörte, hatte Gelegenheit zu konstatieren, daß die Wendeltreppe, die er gefunden, gut und reichlich so lang war, wie der Satz, wo Livius seine Reflexionen über die Schlacht bei Cannae beginnt. Er glaubte Aeonen gegangen zu sein und fragte sich schon, ob die Treppe zu den Verließen des Feuerfresserklubs führte, zum Inferno oder zu irgendeiner Station der Londoner Untergrundbahn, als die Treppe plötzlich ein Ende nahm und er vor einer Türöffnung stand, durch die graues Nachtlicht hereinrieselte. Er eilte so eifrig hinaus, als sei es die Pforte zu einem verzauberten Garten. Sie führte jedoch nur zu einem dunklen Brunnen — wenigstens kam es ihm so vor. Himmelhohe Hausgiebel und Feuermauern erhoben sich auf allen Seiten, mit oder ohne Reihen von dunklen Fenstern. Er suchte die Finsternis rings um sich mit den Blicken zu durchdringen. Sollte er seine Flucht nur unternommen haben, um in eine Falle geraten zu sein? Er begann sich zwischen den Gegenständen auf dem Grund dieses Schachtes, der sich nach links ausbuchtete, weiterzutasten. Er folgte der Hausmauer. Nun kam eine Biegung im rechten Winkel, dann wieder eine in der früheren Richtung. Plötzlich fand sich Allan, mit einem Ruf der Erleichterung, vor einem Gitter zwischen zwei hohen Hausgiebeln, von denen der eine mit Efeu bewachsen war. Ohne eine Sekunde zu zögern, begann er das Gitter zu überklettern und kam mit einem zerrissenen Hosenbein auf die andere Seite hinüber. Die Straße, in der er nun stand, war kurz und sah sehr vornehm aus. An ihrem einen Ende war ein offener Platz, undeutlich beleuchtet; und auf diesem entdeckte Allan zu seiner unbeschreiblichen Freude nichts Geringeres als ein Cab.
Der Cabby unterzog ihn einer genauen Okularbesichtigung und stellte die Forderung eines Vorschußerlages, bevor er das Pferd aus seinem beschaulichen Schlummer riß und es dem Grand Hotel Hermitage zutraben ließ. Herren ohne Hut und Ueberrock um diese Tageszeit flößten ihm offenbar gemischte Gefühle ein. Allan drinnen im Cab kam es vor, als rührte sich dieser gar nicht vom Fleck; Straße um Straße passierten in unendlicher Prozession vorbei, Häuser, Häuser und Häuser, Firmenschilder und Schilder, die eine rotgelbe Gaslaterne nach der anderen. Er starrte die Zeiger seiner Uhr an, wie sie dahinkrochen — immerhin bedeutend schneller als der Cab, schien es ihm. Hier und da sandte er durch die Dachluke dem Cabby einen flehentlichen Ruf zu; jedesmal kam ein Ruck der Zügel als Antwort und eine schwache Reaktion in der Mähne des Pferdes. Es wurde zehn Minuten vor halb drei, fünf Minuten vor halb drei. Jetzt kam er sicherlich zu spät ... Endlich bog der Cab in eine breitere asphaltierte Straße ein, die er erkannte, und stand auf dem Monmouth Square.
Das Grand Hotel Hermitage lag stumm und schlummernd da, kaum ein Fenster der großen Fassade war beleuchtet; es schien Allans Ahnungen wenig Berechtigung zu geben. Und doch dauerte es kaum so lange, bis er in die Halle gekommen war, als ihm auch schon die Bestätigung wurde, die er zugleich befürchtet und ersehnt hatte.
Der Nachtportier, der den Seiteneingang mit einem erstickten Gähnen geöffnet hatte, erstickte dieses gänzlich, als er Allan erblickte. Er prallte zwei Schritte zurück und starrte Allan wie ein Gespenst an.
„Wer sind Sie?“ rief er.
„Nr. 417!“ rief Allan. „Rasch! Kommen Sie mit! Es ist keine Minute zu verlieren.“
„Aber ich habe Sie doch vor zwei Stunden nach Hause kommen sehen ...“
„Ich weiß! Ich weiß! Ich werde Ihnen schon alles später erklären. Man hat ein Verbrechen geplant — ist Mr. Bowlby mit seiner Familie schon nach Hause gekommen?“
„Nein, aber — —“
„Kein Aber! Die Stiege hinauf in ihre Wohnung, und rasch, wenn wir verhindern wollen, was man geplant hat!“
Ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, packte Allan den verblüfften Portier beim Arm und zog ihn die Treppe hinauf, zur Suite der Familie Bowlby im zweiten Stockwerk. Als sie den großen Treppenabsatz im ersten Stockwerk passierten, warf Allan einen Blick in den Korridor, wo die Zimmerflucht lag, die Bowlbys früher inne gehabt hatten und die nun vom Maharadscha bewohnt wurde. Er sah seine Annahme bestätigt: Fünf Mann von Yussuf Khans zehn Mann starker Leibgarde hielten vor den Türen seiner Wohnung Wache. Diesen Weg hatten also die Betreffenden nicht einschlagen können, und deshalb hatten sie eben — — er verdoppelte seine Schritte. Würde er noch zurecht kommen? war der einzige Gedanke, für den er Raum hatte. Den Portier hinter sich herschleppend, erreichte er die Türe zu Mr. Bowlbys Privatrauchzimmer — dem Zimmer, das infolge seiner Lage und aus anderen Gründen das sein mußte, das die Betreffenden für ihre Operationen gewählt hatten. Der dicke Teppich im Korridor dämpfte den Laut ihrer Schritte; und richtig, als sie die Türe erreicht hatten, und einen Augenblick davor stehen blieben, war drinnen eben jenes Geräusch zu hören, das Allan erwartet hatte, ein gedämpftes Scharren wie von einer Feile oder Säge ... Allan packte die Klinke.
Die Türe war verriegelt.
„Ich verdammter Esel,“ murmelte Allan heiser. „Portier, haben Sie Doppelschlüssel? Uebrigens was wollen wir mit Doppelschlüsseln? Ein Stemmeisen, und zwar rasch!“
„Ein Stemmeisen?“ Der Portier starrte Allan wie einen Wahnsinnigen an.
„Ich sage,“ flüsterte Allan atemlos, „hier wird ein Attentat begangen, das das Hotel für immer in Verruf bringen wird! Wissen Sie, was für ein Zimmer unmittelbar hier darunter liegt?“
Der Portier dachte eine Sekunde mit weit aufgerissenen Augen nach.
„Das Privatschlafzimmer des Maharadscha!“ murmelte er schließlich.
„Wo er alle seine Juwelen hat! Verstehen Sie jetzt? Begreifen Sie, daß dieser Herr, der vor zwei Stunden herkam, nicht ich war, sondern ein verkleideter Einbruchsdieb! Rasch, ein Stemmeisen, und lassen Sie ihn uns fangen, so lange es noch Zeit ist.“
Endlich ging dem Portier ein Licht auf. Er schoß wie ein Pfeil die Treppen hinunter, und Allan stand allein vor der verriegelten Türe, die er mit den Augen verschlang. Der verdammte Mirzl! Wenn Allan nicht auf die Gedanken verfallen wäre, dies ihm im Feuerfresserklub gekommen waren, hätte jetzt wohl er die Ehre des Einbruchs ...
Allan kam in seinem Gedankengang nicht weiter. Urplötzlich, ohne daß er einen Laut gehört hatte, wurde die Türe vor ihm aufgerissen; Jemand im evening-dress, der ihm selbst ähnlich sah, packte ihn bei den Armen, drehte ihn im Kreise herum wie ein Kind und warf ihn in das Zimmer hinein, vor dem er gewartet hatte. Er wurde einfach hingeschleudert wie ein toter Gegenstand und konnte noch gar nicht daran denken, sich zu erheben, als das elektrische Licht im Zimmer erlosch und er sich in abgrundtiefer Finsternis befand. Sein Kopf tickte und summte wie ein Uhrmacherladen, und seine Augen sahen mehr Sterne als sich je auf einer Kognakflasche befunden haben. Endlich war er wieder auf den Beinen und tappte, so rasch er konnte, zur Türe. Sie war versperrt. Er warf sich dagegen, ohne daß sie nachgab. Es gelang ihm, den elektrischen Kontakt zu finden, und er drehte ihn herum, so wie man eine Uhr aufzieht, ohne daß auch nur ein Lichtfünkchen kam. Endlich hörte er eilige Schritte dort draußen, ein Rütteln an der Türe und die Stimme des Portiers:
„Haben Sie ihn drinnen? Haben Sie den Hauptkontakt abgedreht?“
Allan bemühte sich die Worte zu unterdrücken, die ihm auf der Zunge lagen.
„Um Gottes willen!“ schrie er, „so lassen Sie ihn doch nicht entwischen! Versperren Sie den Ausgang! Telephonieren Sie der Polizei! Er hat mich hier drinnen eingesperrt!“
Er hörte den Portier die Treppe hinunter verschwinden, ohne sich auch nur die Zeit zu nehmen, den elektrischen Kontakt aufzudrehen, und es verging eine Ewigkeit, während der er, vor Ungeduld schnaubend, vor der verriegelten Türe auf und ab tanzte. Von Zeit zu Zeit unternahm er einen neuen Versuch, sie zu sprengen. Immer vergeblich. Es mochten vielleicht zehn Minuten vergangen sein, die ihm wie zehn Jahrhunderte vorkamen, als er zum zweiten Male draußen Schritte hörte, diesmal von mehreren Personen. Das Zimmer füllte sich plötzlich mit Licht, und ein Schlüssel drehte sich im Schloß. Er riß selbst die Türe auf und fand draußen den Portier, atemlos vor Erregung, in Gesellschaft von zwei Polizisten. Er setzte zu Erklärungen und Fragen an, aber ein Ausruf des einen Polizisten kam ihm zuvor.
„Nanu! Einbruchsversuch, todsicher! Sehen Sie mal!“
Allan drehte sich nach der Richtung um, in die der Konstabler wies. Wenn es noch eines Beweises für die Richtigkeit seiner Ahnungen bedurft hätte, so hatte er ihn nun.
Eine Oeffnung von etwa sechzig Zentimeter im Durchschnitt klaffte im Fußboden, daneben lag ein geschlossener Regenschirm und eine Anzahl Holzscheiben und etwas Mörtel. Er starrte verständnislos den Regenschirm an, bis der eine Polizist auf das Loch im Boden zueilte und den Regenschirm aufhob. Er spannte ihn auf; es zeigte sich, daß er eine Quantität Sägespäne, Mörtel und Gips enthielt. Der Polizist nickte:
„Der gewöhnliche Trick, damit der Mörtel nicht in das Zimmer darunter fällt! Seine Strickleiter hat er glücklich mitgenommen.“
Endlich fand Allan die Sprache wieder.
„Ist er entwischt?“
Der Portier nickte düster.
„Er hat sowohl den Hauptkontakt abgedreht wie den Etagenkontakt für dieses Stockwerk. Die sind beide hier drüben in der Treppenhalle. Ich stand unten im Bureau und klingelte die Polizei an. Als es plötzlich dunkel wurde, stürzte ich die Treppe hinauf. — Sie brauchen mich nicht so anzusehen, Sir; was hätten denn Sie getan? In solchen Fällen ist man immer nachher am klügsten. Ich merkte in der Dunkelheit nichts, bis ich den Hauptkontakt aufgedreht hatte — den Etagenkontakt vergaß ich ganz. Im selben Augenblicke sehe ich jemand die Treppe hinunter verschwinden. Ich stürze nach —“
„Ist er denn erst dann gegangen?“ rief Allan, „warum ist er so lange dageblieben?“
„Da müssen Sie einen anderen fragen, Sir. Ich stürzte ihm nach, aber es war zu spät. Er war, bevor ich nur mau sagen konnte, schon draußen und in einem Auto, das in der Nähe des Hotels stand. In diesem Moment kamen die Konstabler —“
Der eine der erwähnten Konstabler unterbrach ihn.
„Wir müssen ein Protokoll aufnehmen,“ sagte er.
„Ist das notwendig?“ murmelte der Portier. „Der Maharadscha — Bedenken Sie den Ruf des Hotels!“
„Wir halten einstweilen alles geheim, wenn Sie selbst nicht darüber sprechen.“
Noch halb wirr im Kopf nach seinen Erlebnissen, mußte Allan den Polizisten erzählen, was er wußte. Bei seinem Bericht über den Feuerfresserklub schüttelten sie den Kopf.
„Sicher, daß Sie nüchtern waren, Sir? Nichts für ungut, aber —“
Allan wiederholte seine Schilderungen mit einer gewissen Heftigkeit.
„Und die Adresse des Lokals, Sir?“
Allan wich einen Schritt zurück. Er hatte weiß Gott bei seiner Flucht aus dem betreffenden Lokal solche Eile gehabt, daß er ganz vergessen hatte, sich den Namen der Straße anzusehen, in der es gelegen war.
„Denn Sie sagten doch,“ fuhr der Polizist gelassen fort, „daß dieser indische Prinz, dem die Juwelen im Zimmer unten gehören oder gehörten, noch da war, als Sie fortgingen?“
Allan nickte stumm. Gütiger Gott, was würden die Verbrecher mit dem Maharadscha beginnen, wenn sie merkten, daß der andere Plan mißlungen war — falls er nun mißlungen war.
„Der Maharadscha war noch dort, als es mir gelang, mich aus dem Staube zu machen,“ stammelte er schließlich. „Mein Gott, wenn ich den Einbruchsversuch nur verhütet hätte, um ...“
„Ob Sie den Einbruch verhütet haben, werden wir wohl kaum heute nacht erfahren. Oder wollen Sie es auf Ihre Kappe nehmen, Portier, uns in die Wohnung des Maharadscha zu bringen?“
Der Portier schüttelte energisch den Kopf. Nach einigen weiteren Fragen steckte der Konstabler sein Notizbuch in die Tasche.
„Lassen Sie das Zimmer unberührt stehen. Die Detektivs kommen morgen in aller Frühe, wenn nicht noch früher,“ sagte er und nahm mit seinem Kollegen Abschied.
Allan wankte die Treppen in sein Zimmer hinauf, nachdem er den Portier gebeten hatte, Mr. Bowlby mit einigen vorsichtigen Worten von dem Vorgefallenen zu verständigen. Er war todmüde nach all dem Champagner, der Spannung und dem Ringkampf mit Mirzl — wenn es nun Mirzl gewesen war.
Hatte er in diesem Punkte noch irgendwelche Zweifel gehegt, so sollten sie jedoch behoben werden, als er glücklich in der ägyptischen Grabkammer Nr. 417 angelangt war. Das Zimmer lag, als er die Tür öffnete, in voller Beleuchtung da; und das erste, was er sah, war sein einer Reisekoffer, in dem er außer auf Eisenbahnfahrten unpraktischerweise sein Geld unter Schloß und Riegel zu verwahren pflegte — er hatte noch nicht die kluge Gewohnheit angenommen, es im Bureau des Hotels, wo er wohnte, zu deponieren. Der Deckel, der durch zwei gute Hängeschlösser geschützt wurde, stand offen, und der Inhalt des Koffers — allerlei Kleinigkeiten, darunter eine Kassette, die seine Reisekasse enthielt — lag in völliger Wirrnis da. Von einer düsteren Ahnung ergriffen, stürzte er auf den Koffer zu und riß die betreffende Kassette heraus — ein kleines Silberkunstwerk, das er einmal in Dänemark gekauft hatte. Sie hatte noch am Morgen elftausendsechshundert Kronen in schwedischem Geld enthalten. Davon waren jetzt nur fünftausendsechshundert da ...
Es dauerte etliche Minuten, bis er seine Sinne genügend in Ordnung hatte, um auch den Rest des Zimmers zu sehen; und das erste, was er da erblickte, war ein Brief, der an das elektrische Lämpchen auf seinem Nachtkästchen gelehnt war. Er riß ihn mit einem wütenden Knurren auf: