Wanyaturu-Ehepaar

Wanyaturu-Ehepaar.

Ihre Wohnungen bestehen aus rechtwinkelig angeordneten, etwa brusthohen und ca. 4 m breiten, sehr ärmlichen Temben. Der rechte Winkel ist durch einen innen mit Stachelgestrüpp geschützten niedrigen Zaun von buschigen Euphorbien abgeschnitten, wodurch der dreieckige Viehhof gebildet ist. Manchmal zieht sich eine Euphorbienhecke um einen Komplex solcher Temben. Das Innere der Temben ist in dunkele, räucherige Kammern getheilt, der Boden stellenweise vertieft. Neben den Temben graben sie unterirdische Schutzlöcher, höhlen auch oft Baobabs aus um sich darin zu verbergen.

Der Ackerbau beschränkt sich auf Sorghum und Eleusine. An Hausthieren werden Rinder, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner und Hunde gehalten. Sie gewinnen Salz aus dem Singisa-See, welches sie den Wanyamwesi von Ussure verkaufen, sonst verkehren sie fast nur mit den Wassandaui, in deren Land sie öfters auswandern.

Sie benutzen Hacken mit Holzklingen, die jedoch nur zum Umackern der Aussaat dienen. Sonst benutzen sie Eisenhacken aus Unyamwesi. Ihre Waffen sind Speer, Schild, Bogen und Pfeil. Die Speere gleichen jenen der Wambugwe, sind reine Wurfspeere mit eingelassener Spitze, doch mangelhaft angefertigt. Die Schilde sind kreisrunde, schwarze Lederschilde mit einem Buckel in der Mitte. Bogen und Pfeil werden nur von alten Leuten gebraucht. Sehr charakteristisch sind die Stockschilde und Schlagstöcke, die zu Stockgefechten dienen. (Abb. Tafel 13.) Die ersteren sind an einen langen Stock befestigt, die letzteren einfach dicke Prügel, welche die Wanyaturu stets bei sich führen. Die Sitte der Stockkämpfe findet sich auch in Schaschi. An letztere Landschaft erinnert auch ein Saiteninstrument der Wanyaturu.

Pfeilspitze, Wanyaturu

Pfeilspitze, Wanyaturu.

Hacke mit Holzklinge der Wanyaturu

Hacke mit Holzklinge der Wanyaturu.

Die Geburt eines Kindes wird durch Freudengeschrei gefeiert, bei Zwillingen findet ein Fest statt. Die Beschneidung und das Ausbrechen der unteren vorderen Schneidezähne findet bei beiden Geschlechtern im Jugendalter statt. Unverheirathete Kinder schlafen nicht in demselben Raum mit den Eltern. Ein junger Mann, der heirathen will, bringt dem Brautvater Pfeile, werden diese angenommen so wird der Brautpreis — meist 4-6 Ziegen — bestimmt. Die Zahl der Frauen ist unbeschränkt. Will Jemand sich von seiner Frau trennen, so muss der Vater den Brautpreis zurückzahlen, sind Kinder vorhanden so geschieht dies nicht und die Kinder bleiben ihrem Vater. Stirbt die Frau, so ist es üblich, dass deren Verwandte dem Gatten einen Ersatz stellen. Die Feldarbeit wird von beiden Geschlechtern besorgt. In Krankheitsfällen werden Pflanzenmittel zusammen mit dem Fleisch erwürgter Ziegen gegeben. Todte werden kauernd, bedeckt mit frischem Ziegenfell, begraben.

Saiteninstrument der Wanyaturu

Saiteninstrument der Wanyaturu.

Von einem Gottesbegriff kann kaum die Rede sein, auch hier, wie bei allen Bantu herrscht der Ahnenkultus, bezw. die Furcht vor Geistern, welche Krankheiten hervorrufen sollen. Macht der Geist eines Verstorbenen sich derart unangenehm bemerkbar, so wird der betreffende Leichnam wieder ausgegraben und mit einem Opferschaf neuerdings beerdigt.

Der grösste Tag im Jahr ist das Erntefest, bei dem Tänze und Stockgefechte stattfinden. Dieselben dienen nur zum Vergnügen, obwohl dabei nicht selten Leute schwer verletzt, ja getödtet werden. Die Kämpfer zielen immer hauptsächlich aufs Schienbein.

Eine Gemeindeverfassung oder ein Oberhaupt irgend welcher Art kennt man in Turu nicht; Jedermann ist Herr seiner Familie und thut sonst was er will. Nur Krieg wird durch eine Art Volksversammlung beschlossen, bei welcher Greise das grosse Wort führen, doch giebt es keine Anführer dabei, sondern jeder geht vor, wie es ihm eben einfällt. Trotzdem binden die Wanyaturu mit allen Nachbarn, vorzüglich Ussure und Iramba, stets an, werden jedoch meist zurückgeworfen. Den Massai gegenüber sind sie wehrlos. Ich selbst lernte sie als ein boshaftes, elend feiges Gesindel kennen.

Auch untereinander führen sie öfters Krieg, wobei die Partei, bei der ein Mann fällt, als besiegt gilt. Gefangene Männer werden dabei getödtet, Weiber nicht gefangen genommen. Sklaverei ist im Lande unbekannt, doch verkaufen zur Zeit einer Hungersnoth die Wanyaturu öfters ihre Kinder, und Sklaven dieses Stammes sind in Tabora und Irangi nicht selten und gelten als recht brauchbar.

Die Wanyaturu bilden ein unruhiges, wildes Bevölkerungselement. Alle europäischen Reisenden, von Stanley an, die das Land durchzogen, wurden angegriffen oder doch belästigt, kleine Karawanen wurden ausgeplündert. Nur in Unyanganyi, wo die Wanyamwesi-Ansiedler die Wanyaturu gründlich geschlagen und zu Paaren getrieben haben, sind sie jetzt freundlich und entgegenkommend. Durch solche Ansiedlungen allein könnte auch das übrige Land dauernd pacificirt werden.

Als Nachbarn der Wanyaturu, von diesen jedoch verschieden und nicht mehr der Bantu-Gruppe angehörig, leben die Wassandaui. Dieser kleine Stamm, der von besonderem Interesse ist, bewohnt die rings von Steppen umgebene Landschaft Ussandaui. Irgend welche Tradition einer Einwanderung hat sich bei ihnen nicht erhalten, sie behaupten stets in ihren jetzigen Wohnsitzen gelebt zu haben. Jedenfalls sind sie sehr alte Ansiedler, wie schon ihre Sprache schliessen lässt, die an Schnalzlauten reich und von jenen der umwohnenden Stämme gänzlich verschieden ist.

Mit ihnen nahe verwandt ist das Jägervolk der Wanege oder Watindiga, welche die Steppen zwischen Iraku und Usukuma durchstreifen und nach der Ueberlieferung der Wambugwe vor diesen die Landschaften am Südende des Manyara inne hatten. Die Wanege stellen offenbar den ursprünglicheren Zweig des Stammes dar, während die Wasandaui als angesiedeltes Jägervolk erscheinen.

Dem Körperbau nach sind es mittelgrosse, kräftige und gedrungene Leute von häufig rothbrauner bis kupferrother, seltener dunkler Hautfarbe (Abb. pag. 112). Der Typus ist sehr variabel, neben rein negerhaften sieht man Gesichter die mit schiefgeschlitzten Augen an Hottentotten erinnern, andere, die den hamitischen Typus tragen. Offenbar ist ein Urvolk hier durch Blutmischungen mit Nachbarstämmen verändert worden.

Die Haare werden oft zu kleinen, mit Fettlehm angemachten und roth bemalten Zöpfchen geflochten. Der Körper wird vielfach roth bemalt. Die Männer tragen Bastschnüre und Perlen um den Leib. Zum Unterschied von den Wanyaturu, denen sie im Aeussern sonst nahe stehen, lassen sie vorn ein Zeugfetzchen herabhängen, das an Stelle des früher üblichen Hühnerhalses getreten ist. Die Weiber tragen Lederlendenschurze.

Von Charakter sind die Wassandaui gutmüthig und friedlich, früher sollen sie bösartig gewesen sein, doch sind sie von den Wanyamwesi-Ansiedlern unterworfen worden.

Ihre Wohnungen sind Temben, die jenen der Wanyaturu gleichen, etwa 4 m im Quadrat halten, circa brusthoch und innen vertieft sind und einen Viehplatz einsäumen. Im Innern der Hütte sieht man gut gefertigte grosse Holzschachteln, ähnlich wie in Uha, als Getreidebehälter, ein Gegenstand, dessen Gebrauch vielleicht von den Wanyamwesi eingeführt wurde.

Bogen der Wassandaui

Bogen der Wassandaui.

Eine grosse Rolle spielt die Jagd, der die Wassandaui mit besonderem Eifer nachgehen. Sie benutzen dazu Bogen und Pfeile.

Speer und Pfeilspitze der Wassandaui

Speer und Pfeilspitze
der Wassandaui.

An Hausthieren besitzen sie viel Kleinvieh und Esel, sowie auffallend grosse und schöne Hühner. Als Kulturpflanzen dienen Sorghum und Eleusine, welche mit dem Erträgniss der Jagd die Hauptnahrung liefern.

Die Geräthe sind wenig originell und gleichen meist jenen der Wanyaturu. Die Hauptwaffe ist Bogen und Pfeil. Die Bogen sind auffallend stark gekrümmt, die Pfeile besitzen eigenthümlich geformte Holzspitzen. Daneben sind kurze Messer und schwächliche Speere, wohl auch Schilde der Wanyaturu-Form üblich.

Mit der Aussenwelt haben die Wassandaui wenig Verkehr. Am besten noch stehen sie mit den Wanyaturu, deren viele im Lande leben und deren Sprache häufig verstanden wird. Sonst kommen sie mit dem Ausland fast nur durch Vermittlung der Wanyamwesi-Ansiedler in Berührung. Früher wurden sie von allen umwohnenden Stämmen bedrängt und erfreuen sich erst seit Bestehen der Wanyamwesi-Kolonien eines ruhigen Daseins.

TAFEL XXI

IRAKU-LEUTE

Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.

IRAKU-LEUTE

An Kindern wird die Sitte der Beschneidung vorgenommen, sie findet im November, mit der Aussaat statt. Beim Reifwerden eines Mädchens werden Tänze abgehalten, die mit Gesang, doch stets ohne Trommelbegleitung ausgeführt werden. Die Heirathen werden gewöhnlich nur von den Vätern vereinbart, diese zahlen bezw. empfangen den Brautpreis, der bei Scheidung verfällt. Doch darf die geschiedene Frau niemals wieder heirathen. Vielweiberei ist gestattet, doch selten. Die Heirathen werden fast nur im eigenen Stamme geschlossen.

Bei einem Todesfall glaubt man stets an Zauberei. Derjenige, der sie verübt, wird durch den Zauberdoktor ermittelt und verfällt der Blutrache. Todte werden hockend mit gefalteten Händen, zugleich mit einer Opferziege beerdigt, die der Geist des Verstorbenen verzehren soll. Auch hier herrscht also der Ahnenkult; ein Gottesbegriff soll unbekannt sein.

Eigentliche Häuptlinge giebt es nicht, doch erwerben die Zauberdoktoren, die auch Regen machen, grosses Ansehen. Gegenwärtig sind übrigens die Vorsteher der Wanyamwesi-Kolonien, vor allem Mtoro, die eigentlichen Beherrscher des Landes.

Bei Mord tritt Blutrache ein. Diebstahl kommt vor eine Greisenversammlung, die den Strafpreis bestimmt.

Die vorerwähnten Wanege werden von den Wanyamwesi Watindiga genannt, von den Massai, wie alle Jäger, den Wandorobo beigezählt. Obwohl ich ihr Gebiet mehrmals durchstreifte, habe ich doch niemals etwas von ihnen zu sehen bekommen. Ihre Sprache soll an Schnalzlauten reich und dem Kissandaui verwandt sein. Sie tragen kurze Haare und Armbänder aus Kauri und leben von der Jagd, die sie mit kräftigem Bogen und vergifteten Pfeilen betreiben. Sie sollen Tänze nach der Trommel ausführen. Sie hausen in Grashütten und den Höhlungen der Baobabs und sind so scheu, dass selbst die Makua (Elephantenjäger) sie nur sehr selten zu Gesicht bekommen. Sie nähren sich nur von Wildfleisch und Honig. Einzelne von ihnen sollen in Meatu, andere in Iramba angesiedelt sein. Ihre Zahl ist jedenfalls nur sehr gering.

Wenn wir die Völker der abflusslosen Gebiete überblicken, so finden wir eine erstaunliche ethnische und sprachliche Mannigfaltigkeit, wie solche im dunkeln Welttheil auf beschränktem Raume selten ist. Ein Beispiel, wie verschieden die Sprachen sind, die in diesen Ländern gesprochen werden, mögen die Zahlwörter von 1 bis 10 der verschiedenen Völker in der Umgebung Irangi's geben.

    Kirangi- Kimbugwe Kifiomi   Tatoga (Kitaturu) Kisandaui Massai Ndorobo
1 munti naka aki tzeχe nabo napu
2 ere sare iyeni kisoχe are enya
3 satu tamu samak somekeχ uni uni
4 inya sia angwan hakaχ ungwan ongwan
5 tano kowan mut kwanaχ umiet mot
6 asatu laho la dandatzeχe ille lei
7 fagate faangu isukwa  " kisoχe nawishana onar
8 nana dagnat siss  " somekeχ issiet sissie
9 kenda gwelel segäs  " hakaχ ndoroi naudó
10 kumi miba taman  " kum tomon gaget

Als Urbewohner der abflusslosen Gebiete kann man wohl jenen niedrigstehenden Jägerstamm der Wanege betrachten, von dem ein Zweig als Wassandaui sesshaft geworden ist. Wie weit dieser Stamm mit seiner an Schnalzlauten reichen Sprache der Buschmann-Gruppe oder den Pygmäen Centralafrika's verwandt ist, mögen künftige Forschungen lehren. In jedenfalls schon sehr früher Zeit wanderten die Wafiomi, ein hamitischer Stamm, aus dem Norden ein. In ihrer Sprache vollkommen selbstständig und, von den Massai verschieden, bilden sie mit den Stämmen von Nandi, Lumbwa und Kamassia eine Gruppe ackerbautreibender Völker. Eine sehr alte Einwanderung bildeten jedenfalls auch die Wanyaturu und Wanyairamba, Bantuvölker, die durch die Waschaschi mit der grossen Gruppe der Nyansa- (Zwischenseen-) Völker zusammenhängen und von Nord nach Süd drängen. In umgekehrter Richtung erfolgte die Einwanderung der Wagogo-Völker, jener Bantu-Gruppe, die als Wagogo, Warangi und Wambugwe ein ziemlich einheitliches Gepräge besitzt und unwillkürlich auf eine südafrikanische Herkunft schliessen lässt. Mit ihnen zugleich, vielleicht auch schon früher, treten erst die Wataturu (Tatoga), dann die Massai als räuberische, von Nord nach Süd drängende Hirten von hamitischer Physis auf. Ihre Sprache steht derjenigen der Bari am obern Nil am nächsten, welche ihrerseits wieder ein Abkömmling der hamitischen Sprachen ist. Die Annahme, dass die Massaistämme vom Nil herkommen, scheint daher nicht nothwendig. Die Vermuthung liegt vielmehr nahe, dass die Massai sich schon in der Urheimath von den Bari trennten und ihre hamitische Physis reiner erhalten konnten als die Bari, die mitten unter Negerstämmen starker Blutmischung ausgesetzt waren.

Es ist begreiflich, dass so nahe beisammen wohnende verschiedene Völker sich weder sprachlich noch ethnisch rein erhalten können. Die Viehnomaden in ihren isolirten Stellungen vermögen das noch am ehesten, bei den Ackerbauern wirken Zwischenheirathen jedoch nivellirend. Es scheint zweifellos, dass die Bantustämme in diesem Kampfe den Sieg davon tragen werden, und besonders die langsame, aber ständige Wanyamwesi-Einwanderung dürfte hier entscheidend wirken.

In seinem gegenwärtigen Zustande ist das abflusslose Gebiet Deutsch-Ostafrika's zweifellos ethnographisch eines der interessantesten des Kontinents. Die Steppen, welche die bewohnten Gebiete umschliessen und die durch kriegerische Nomaden nahezu unpassirbar gemacht wurden, hatten eine isolirende Wirkung und ferne von dem Getriebe der Karawanenstrassen konnten die Volksstämme sich in seltener Ursprünglichkeit erhalten. Hier hausen die räthselhaften Wanege, die, scheuer als das Wild der Steppe, noch von keines Europäers Auge geschaut wurden, die Wassandaui mit ihrer an Schnalzlauten reichen Sprache, hier entwickeln mehrere Bantustämme ein primitives eigenartiges Volksleben. In den Wataturu finden wir einen versprengten Zweig der Hamiten mit nilotischer Sprache und daneben, in den Wafiomi, physisch und sprachlich reine Hamiten. Gerade die letzteren nehmen unser Interesse besonders in Anspruch, da sie wahrscheinlich einen der ältesten Zweige des hamitischen Stammes darstellen.

Nach den Ergebnissen der Forschung ist der Ursprung der Hamiten in Asien zu suchen, von wo sie vor der Einwanderung der alten Egypter nach Afrika zogen. Das Volk der Pharaonen trat 5000 Jahre vor Christi mit einem Kulturzustand in die Geschichte ein, der bereits auf eine uralte Entwickelung im Nilthale schliessen lässt. Vor wie vielen Jahrtausenden mag also die Einwanderung der Egypter aus Asien erfolgt sein, in welch' grauer Vorzeit mögen erst ihre Vorläufer, die Hamiten und gar deren äusserste Zweige, die Fuebe einerseits, die Wafiomi andererseits, die grosse Völkerbrücke am rothen Meere überschritten haben?!

Iraku-Leute

Iraku-Leute.

 

[] IX. KAPITEL.
Die Völker der Nilquell-Gebiete.

Die Waschaschi. — Die Watussi. — Die Wasinja. — Die Warundi. — Die Wanyamwesi.

Im Gegensatz zum abflusslosen Gebiet, in welchem der Steppen-Charakter vielfach vorherrscht, bieten die Länder der Nilquellen menschlicher Ansiedelung ziemlich günstige Bedingungen. Dieselben sind auch für afrikanische Verhältnisse dicht bewohnt, und nirgends trifft man dort so ausgedehnte menschenleere Striche wie im Massai-Land. Die Völker, welche hier in Betracht kommen, gehören sprachlich sämmtlich der Bantu-Gruppe an. Anthropologisch freilich wird man auch hier eine Gliederung in Hamiten und Neger aufstellen müssen, welch' erstere durch den Hirtenstamm der Watussi oder Wahuma vertreten sind.

Mann aus Ussui

Mann aus Ussui.

Aus dem abflusslosen Gebiet nach den ersten Nilzuflüssen kommend, treffen wir den Stamm der Waschaschi. Derselbe dürfte ursprünglich den Wasinja verwandt gewesen sein, wenigstens ist die Sprache, das Kischaschi, vom Kisinja nur dialektisch verschieden. Gegenwärtig weichen die Waschaschi ethnographisch stark von den Wasinja ab. Besonders in den östlichen und nördlichen Grenzgebieten haben die Waschaschi starke Beimischungen von hamitischem (Massai und Wataturu) und nilotischem (Kavirondo) Blut erlitten und sich dadurch abweichend entwickelt. Im Süden dagegen brachte der fortwährende Verkehr mit den Wanyamwesi (Wasukuma) eine Annäherung an diese hervor.

Wir verstehen hier unter Waschaschi jene östlichen Nyansavölker, die ethnographisch ein einheitliches Ganzes bilden, in einzelnen Zügen allerdings von einander abweichen und sich in verschiedene Stämme gliedern.

Im Norden hausen die Wangoroïne, die stark mit Wakuavi- und Kavirondo-Blut vermischt sind. An diese schliessen sich südlich die Waschaschi im engeren Sinne, die das Hinterland des Nyansa bewohnen und nur in Katoto dessen Küste erreichen. Ihnen sehr nahe stehend, doch stark mit Massai-Blut gemischt, sind die Bewohner von Ikoma oder Elmarau. Die Waruri und Wakwaya am Nyansa sind auch nichts Anderes als Waschaschi, wie aus Sprache und Lebensweise deutlich hervorgeht. Die Waruri sind stark mit Wagaya (Kavirondo) gemischt, welche bereits der nilotischen Gruppe angehören, die Wakwaya aber ziemlich rein. Ihr Zweigstamm, die Wakara der Insel Ukara, haben sich zwar im Aeusseren und Wesen sehr ursprünglich erhalten, sind aber jedenfalls durch Zwischenheirathen mit Wakerewe (Wasinja) gemischt.

Wo Waschaschi noch ihren eigentlichen Charakter bewahrt haben, zeigen sie überraschende Analogien mit den Wanyaturu des Distrikts Turu, sodass man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, dass beide Völker — etwa mit den Wanyairamba — einer Quelle entsprungen sind.

Von einem einheitlichen körperlichen Typus kann bei den Waschaschi, die so vielen Blutmischungen ausgesetzt waren, kaum die Rede sein. Im Norden und Osten sieht man viele Anklänge an den hamitischen Typus, im Süden ist die untersetzte, negerhafte Körperform der Wanyamwesi vorherrschend. In Ikiju und bis Uaschi hin, sowie in Majita und Ururi, leben hochgewachsene, sehr kräftige und schlanke Waschaschi mit dunkelbrauner Hautfarbe, nicht allzu scharfem Negertypus und freundlichem Gesichtsausdruck. Alle Waschaschi sind beschnitten und stehen damit im Gegensatz zu den Wasinja und Wanyamwesi. In vielen Gegenden werden die vordersten oberen Schneidezähne dreieckförmig ausgesplittert, bei den Waruri die ganzen Schneidezähne des Oberkiefers spitz gemacht, eine Sitte, die jedoch den Wagaya entlehnt ist. Das Ohrläppchen wird überall durchbohrt und lang ausgedehnt, in der Oeffnung werden ovale Holzscheiben getragen. Daneben findet auch der Massai-Ohrschmuck und die Messingspirale der Wasukuma Eingang.

Das Haar wird meist kurz getragen und rund um den Kopf abrasirt, oft auch über der Stirn dreieckförmig ausrasirt. Die Wakwaya rasiren das ganze Vorderhaupt ab und flechten das Haar am Hinterkopf in Zöpfchen. In Ikoma und den Nachbargebieten bis Ururi hin, wird das Haar vielfach in Zöpfchen gedreht und mit rothem Lehm und Fett angemacht, der Haarrand jedoch stets rund ausrasirt.

Die ursprüngliche Kleidung sämmtlicher Waschaschi-Männer besteht aus einer Anzahl um den Leib gewundener Bastschnüre, gleicht also völlig jener der Wanyaturu. Bei Knaben ist diese Tracht fast überall noch üblich. Junge Männer tragen in Ikoma, Ngoroïne und bis Ururi hin den Massai-Ueberwurf, der niemals die Schamtheile bedeckt. In Ikiju, Katoto und Ukwaya wird ein kleineres Fellschürzchen getragen. Die Wakara ziehen die Schnur zwischen den Beinen durch und lassen vorn ein Leder- oder Zeugschürzchen herabhängen. Aeltere Männer tragen überall längere Felle, die oft schön gegerbt sind. Die Weiber kleiden sich mit einem oft vielgefalteten Lendenschurz aus Leder, der bei festlichen Gelegenheiten mit Schnüren und Klapperfrüchten besetzt ist. Beide Geschlechter pflegen sich roth zu bemalen. Als Kopfschmuck dient den Kriegern in Ngoroïne eine Bastschnur, von welcher Fransen aus weissem oder rothem Bast, Federn oder Käferflügel herabhängen. Um den Hals tragen beide Geschlechter Glas- oder Eisenperlen, sowie den weitverbreiteten eigenartigen Schmuck, der aus Strausseneischeibchen gebildet wird. Am Oberarm sitzt ein Bastring, am Unterarm breite Elfenbeinringe, die oft ganze Manschetten bilden. Unter dem Knie pflegen Weiber ebenfalls einen Bastring zu tragen. Letztere schmücken sich in vielen Gegenden auch mit Armringen aus Eisen. Beim Tanz pflegen die jungen Krieger grosse Schellen an den Beinen zu tragen. An einer Schnur hängend wird oft ein eiserner Kratzer am Rücken getragen. Ein merkwürdiger Schmuck ist ein mit einem Messer versehener Fingerring.

Der Charakter aller Schaschi-Stämme ist ein friedlich gutmüthiger und für Schwarze äusserst liebenswürdiger. Sie sind nichts weniger als kriegerisch und ihren Erbfeinden, den Massai, in keiner Weise gewachsen. Eine Ausnahme bilden die Wakara, die von erstaunlicher Wildheit und Abneigung gegen alles Fremde sind und darin völlig den Wanyaturu gleichen.

Rückenkratzer der Waschaschi

Rückenkratzer der Waschaschi.

Fingerring der Waschaschi

Fingerring der Waschaschi.

Das Leben der Waschaschi dreht sich um den Ackerbau, dem sie mit grossem Eifer und Geschick nachgehen. In Ikoma und Ngoroïne liefert die Eleusine (Kisw. wimbi) die Hauptnahrung, in Uhemba, Uaschi, Ikiju und den Nachbarländern jedoch die Grundnuss, Arachis hypogaea. Soviel mir bekannt, giebt es keine andere Gegend, wo dieses weitverbreitete Gewächs als Hauptnahrung dient. In den Gegenden, wo, wie in Uhemba, fast nichts als Arachis zu haben ist, litten meine Leute vielfach an Magenbeschwerden, die Waschaschi fühlten sich jedoch ganz wohl dabei. Sonst baut man noch Sorghum der rothen Varietät, Mais, Penicillaria, Sesam, Kürbisse, Gurken, Maniok, süsse Kartoffeln, Tabak (besonders in Ukwaya), im Süden auch Hanf. Die Banane ist allen Waschaschi unbekannt, selbst die Wakara pflanzen nur Sorghum und Arachis, obwohl im benachbarten Ukerewe Bananen die Hauptnahrung bilden. Dagegen betreiben sie eine sehr eigenthümliche Kultur, welche durch ihre insulare Lage veranlasst wird. Sie bauen nämlich eine Art Laubbäume als Futterpflanzen für das Vieh; dieselben stehen in förmlichen Alleen. Das Laub wird abgeerntet und in kegelförmigen Schobern getrocknet (Abb. pag. 50). Dadurch sind sie in der Lage, grosse Rinderheerden von kleinem Zebuvieh zu halten, obwohl ihre Insel keine Weideplätze bietet. Im Uebrigen ist von Rindvieh bei den Waschaschi nicht viel zu sehen; ausser bei den Wakara und den Bewohnern der Inseln des Baumann-Golfes trifft man kaum irgendwo welches an, da es den Massai und früher wohl auch den Wataturu zur Beute gefallen ist. Dagegen findet man Ziegen und Schafe und sehr viele Hühner, aber keine Esel und sehr wenig Hunde.

Tabakspfeife, Schnupftabaksdose ...

Tabakspfeife der Wangoroïne.
Grundriss eines Weilers der Waschaschi.
Schnupftabaksdose der Wangoroïne. Flusspferdharpune der Waschaschi.

Alle Waschaschi jagen eifrig mit Bogen und Pfeil und betreiben, wo sich grössere Gewässer befinden, Fischfang. Besonders die Bewohner des Nyansaufers in Katoto, wo der See ungemein fischreich ist, betreiben Fischerei im Grossen mit Reusen, Netzen und grossen Angeln (Abb. pag. 40) und jagen das Flusspferd mit der Harpune. Die Kanus sind schlechte Nachahmungen der Wakerewe-Fahrzeuge. Sie pflegen die Fische auf Gestellen zu trocknen und nach Usukuma zu verkaufen. Doch auch die Bewohner von Ikoma fischen eifrig mächtige Welse im Grumeti und Rubana.

Die Hauptnahrung der Waschaschi liefern die Produkte des Ackerbaues, in Katoto der Fischfang. Der Genuss von Hühnereiern gilt als ekelhaft. Tabak wird von Männern und Weibern aus schönen langen Pfeifen mit Thon- und Steinköpfen geraucht. In Ngoroïne wird auch viel geschnupft, eine Sitte, die wohl den Wakuavi entlehnt ist. Zum Aufbewahren des Schnupftabaks dienen hübsche Kalebassen, die im erweiterten Ohrläppchen getragen werden. Pombebereitung aus Sorghum ist üblich und besonders in Ukara beliebt. Honig wird genossen, ist jedoch besonders da, wo die Dörfer mit Euphorbienhecken umgeben sind, oft gesundheitsschädlich.

Die Hütten der Waschaschi haben das Gemeinsame, dass sie cylindrische Lehmwände und ein Kegeldach besitzen, sich also mehr dem Unyamwesi-Typus nähern. Die einzige Ausnahme bilden die Wakara, die den reinen Grashüttentypus mit spitzer Anlage den Wakerewe (Wasinja) entlehnt haben (Abb. pag. 50).

In Ikoma und Ngoroïne, wo die Hütten selten viel über 4-5 m hoch sind, haben sie einen Mittelpfahl, sonst fehlt dieser. Die grössten und schönsten Hütten mit bis 12 m Durchmesser haben die Wakwaya von Majita. Die Wände sind hier aussen von Schilf und nur innen mit Lehm verputzt. Die Hütten sind in kleine Komplexe gruppirt, deren jeder den umstehend schematisch gezeichneten Grundriss und eine buschige Euphorbienhecke besitzt, welche die Hütten untereinander verbindet. Jede Hütte hat zwei Eingänge, deren einer (a) von Aussen hineinführt, eine Steinschwelle besitzt und nur für Menschen bestimmt ist, während der zweite (b) keine Schwelle hat, in den Hof führt und dem Vieh als Eingang dient. Eine Geflechtwand trennt den Vorraum vom Wohnraum, in dem die primitive Bettstelle sich befindet. Der Dachraum ist durch ein Stangendach abgeschlossen, auf welchem Feuerholz, Fisch- und Ackergeräth liegt. Als normale Hütten dienen cylindrische Korbgeflechte mit Grasdach, die auf Pfählen stehen und grosse im Innern der Hütte befindliche flaschenförmige Körbe.

In Uaschi und Ngoroïne ist der zweite Ausgang der Hütte so niedrig, dass man nur tief gebückt eintreten kann. Besonders in Gebirgsgegenden können die Komplexe nicht regelmässig kreisförmig angelegt werden, greifen ineinander über und bilden ein förmliches Labyrinth. In manchen Gegenden ist um mehrere Komplexe eine grössere Euphorbienhecke gezogen, die derart ein Dorf umschliesst. Um die Dörfer von Ngoroïne zieht sich eine feste etwa 2 m hohe steinerne Trockenmauer, auf welcher Dorngestrüpp liegt, hinter der die hohe Euphorbienhecke sich hinzieht. Diese im tropischen Afrika sehr seltene Befestigungsart durch Steinmauern findet sich auch in Lumbwa und Sotik und ist möglicherweise vom Norden übernommen. In den Gegenden, wo einzelnstehende steile Granithügel aufragen, bauen sich die Waschaschi in diese hinein und benutzen die höchsten Felskuppen als Warten, von welchen sie nach etwaigen Feinden auslugen. Als Schutz vor bösen Geistern dienen Dorfamulette die in den Boden gesteckt werden.

Die Geräthe der Waschaschi sind einfach, doch nicht ohne ein gewisses Geschick gefertigt. Die ursprüngliche Hacke ist offenbar die mit Holzklinge, wie sie sich heute noch in Ukara findet und dort völlig der Holzhacke der Wanyaturu gleicht. Sonst hat fast überall die Usinja-Hacke durch Wasukuma-Händler Eingang gefunden. Doch wird dieselbe an ein Knieholz angebunden, wie an der kleinen Eisenhacke ersichtlich. Als Kopfpolster dienen kleine Holzgestelle. Korbflechtereien werden sehr fest und wasserdicht angefertigt. Zum Abkratzen der Häute, die gegerbt werden sollen, dient ein eigenes, umstehend abgebildetes Instrument.

Geräte der Waschaschi

Lederkratzer, Waschaschi. — Stockschild, Waschaschi. — Dorfamulett, Waschaschi. — Hacke, Ngoroïne. — Hacke mit Holzklinge, Wakara. — Kopfpolster, Waschaschi. — Schlagschild, Ngoroïne.

Die Schilde sind vergrösserte, aber schlechte Nachahmungen der Massai-Schilde. Schwerter und Keule sind selten und rein den Massai entlehnt.

Ursprünglich dagegen sind die Schlagstöcke und Stockschilde. Erstere führen die Waschaschi immer bei sich. Letztere sind weniger breit, aber ebenso geformt wie die der Wanyaturu. Eine abweichende Art von Schlagschilden haben die Wangoroïne. Dieselben werden bei Stockkämpfen benutzt, die zu den Volksbelustigungen gehören. Diese eigenthümlichen Stockkämpfe mit besonderen Schilden scheinen mir ein besonderer Beweis für den ursprünglichen Zusammenhang mit den Wanyaturu zu sein. Eine weitere Analogie mit diesen bietet die rein republikanische Regierungsform der Waschaschi. Häuptlinge sind gänzlich unbekannt, die Streitfragen in der Gemeinde werden von Aeltesten entschieden. Ihre Todten begraben die Waschaschi und legen dann Bastleibschnüre auf das Grab.

Ihre Sprache ist, wie oben erwähnt, nur dialektisch vom Kisinja (Kinyoro) verschieden, so dass Leute, welche die letztere Sprache reden, sich in Schaschi ohne Schwierigkeit verständlich machen können. Die einzelnen Dialekte der Waschaschi-Stämme weichen nur sehr wenig von einander ab. Von Ikoma bis Nata einerseits und Katoto andererseits wird der reinste Dialekt gesprochen. Die Sprache von Ngoroïne ist vielfach mit Massai-Elementen vermischt. Wakwaya (Majita) und Wakara reden denselben Dialekt.

Trommel der Wakara

Trommel der Wakara.

Paukenartige Trommeln sah ich bei den Wakara. In Ngoroïne kennt man eine Leier, die völlig jener der Sudan-Neger gleicht (Abb. pag. 57), und Flöten. Letztere werden so häufig und zu so besonderen Gelegenheiten geblasen, dass ich unwillkürlich an das Bestehen einer Signal-Sprache dachte. Ein anderes Saiteninstrument ist bei allen Waschaschi, sowie in ähnlicher Form bei den Wanyaturu und den Völkern westlich vom Victoria-See bis zum Tanganyika gebräuchlich. Als Kriegstrompeten dienen Antilopenhörner. Der Tanz besteht hauptsächlich in Bewegungen des Unterleibes.

Saiten-Instrument, Waschaschi

Saiten-Instrument, Waschaschi.

Die Hauptwaffen der Waschaschi sind Bogen und Pfeil. Erstere sind kräftig, letztere fast immer vergiftet. In Ukara hat sich die ursprüngliche Pfeilform mit harten Holzspitzen erhalten, solche findet man sonst nur in Majita, die übrigen Waschaschi haben Pfeile mit Eisenspitzen, die sie in Leder-Köchern tragen. Das Pfeilgift, eine schwarze Masse, wird in Holzbehältern verwahrt. Auch andere Stämme beziehen Pfeilgift von den Waschaschi. Speere sind immer anderen Stämmen entlehnt. So findet man im Norden den langen Kavirondo-Speer mit kurzer, oft widerhakiger Spitze, im Süden den modernen Wasukuma-Speer mit übergreifender Zwinge. Auch Massai-Speere werden manchmal getragen. Die alte Form der Wataturu-Lanzen ist als Paradewaffe beliebt.

Speer der Wangoroïne

Speer der Wangoroïne.

Wenn also sprachlich zwischen den Waschaschi und Wasinja eine grosse Aehnlichkeit besteht, die möglicherweise auf gemeinsamen Ursprung deutet, so haben sich diese beiden Stämme, durch den Keil der Wanyamwesi (Wasukuma) getrennt und sehr verschiedenen Einwirkungen ausgesetzt, so verschieden entwickelt, dass sie heute kaum mehr einen Zusammenhang ahnen lassen.

Unter Wasinja verstehen wir hier die Bewohner des alten Königreiches Usinja, welches die heutige Landschaft dieses Namens, ferner Ussambiro und Ussui umfasste. Doch sind die Bewohner des westlichen Nyansaufers bis zur Grenze von Uganda, sowie jene von Karagwe, Ankole und den nördlichen Landschaften bis Unyoro hin gleicher Sprache und wohl auch gleichen Stammes mit den Wasinja.

Die genannten Landschaften gehören mit Uganda einerseits und Urundi, Uha und Ruanda andererseits jener Gruppe von Bantu-Völkern an, welche durch das Eindringen eines nördlichen, hamitischen Elementes aufs Tiefste beeinflusst wurden, so dass es unmöglich erscheint, von ihnen zu sprechen, ohne vorerst die heutigen Vertreter dieses hamitischen Elementes, die Watussi, erwähnt zu haben. Dieselben werden, besonders wo sie nicht als Hirten, sondern als Herrscher auftreten, auch Wahima oder Wahuma genannt. Da jedoch derselbe Ausdruck in vielen Gegenden auch die Massai bezeichnet, da ferner die Leute selbst sich stets Watussi nennen, so möchte ich die Beibehaltung dieses Namens vorschlagen.

Ueber die, jedenfalls seit undenklichen Zeiten ansässige Bantu-Ackerbaubevölkerung, welche in die drei Hauptgruppen Waganda, Wanyoro (Wasinja) und Warundi gegliedert ist, ergoss sich vor vielen Jahrhunderten ein Einwandererstrom von hamitischen Hirten, die Süd-Abessinien oder den nördlichen Galla-Ländern entstammten. Dass sie wirklich aus diesen Gegenden herkamen, beweist nicht nur ihr körperlicher Typus, den sie in vielen Gegenden bis zum heutigen Tage rein erhalten, sondern auch die Rinderrasse, welche sie mitgebracht. Dass die Einwanderung eine alte, und der Zeitpunkt, als dieselbe erfolgte, mindestens ein Jahrtausend zurückliegt, dafür zeugen nicht nur die Genealogien der Watussi-Herrschergeschlechter, welche von Uganda und anderen Ländern überliefert werden, sondern vor Allem auch die fast gänzliche Umwandelung, welche das Volk der Watussi erlitten hat. Denn jedenfalls waren sie Anfangs ein sprachlich und ethnographisch selbständiges Volk, wie heute die Massai, doch finden wir, dass gegenwärtig alle Watussi die Bantusprache der Ackerbauer angenommen haben und sich auch in Tracht und Lebensweise nur wenig von diesen unterscheiden. Wohl mag es sein, dass einzelne Zweige der Watussi noch Spuren der Ursprache erhalten haben — wie von den Hirten in Uganda behauptet wird —, doch ist darüber noch nichts sicheres bekannt.

Die heute lebenden Watussi finden sich als Hirten oder als Häuptlinge der Ackerbauer. Die ersteren haben sich reiner und ursprünglicher erhalten, die letzteren sind nur durch ihren Typus als Watussi erkennbar. In meinem Forschungsgebiet traf ich Watussi-Hirten in geschlossenen Massen in den Gebirgen nordöstlich vom Tanganyika. Als Hirten-Adel sind sie in ganz Urundi, als herrschende Klasse in Ruanda zu treffen. Auch in Urambo, Unyanyembe und anderen Gegenden Unyamwesi's findet man Watussi-Hirten die aus Urundi stammen und vor mehreren Generationen von dort ausgewandert sind. Nur wenige Hirten haben sich in Usinja und Ussui erhalten. Dort jedoch, wie in Ukerewe, tragen die Häuptlinge deutlichen Watussi-Typus und ist überhaupt eine starke, hamitische Blutmischung in der Bevölkerung unverkennbar. Die reinsten Watussi sind jene von Ruanda und Urundi, wo sie grundsätzlich keine Mischheirathen mit den Ackerbauern eingehen, weshalb diese auch nichts vom Watussi-Typus angenommen haben. Dieser ist so auffallend, dass man einen Mtussi sofort aus einer Menge erkennt, obwohl er in Tracht und Schmuck in keiner Weise von den Ackerbauern abweicht.

Da, wo sie vollkommen rein sind, zeigen die Watussi den hamitischen Typus in weit grösserer Deutlichkeit als die Massai und gleichen völlig den Galla und Abessiniern, mit schmalen Nasen, feinen, regelmässigen Zügen und sprechenden Augen. Sie sind hochgewachsen, zur Magerkeit neigend und besitzen ungemein zierliche, schön geformte Extremitäten. Letztere sind besonders charakteristisch. Selbst in Gegenden, wo die Watussi-Herrscher stark mit Bantublut vermischt sind, erkennt man sie ohne Schwierigkeiten an ihren Händen und Füssen, die bei oft vollkommen negerhaften Gesichtszügen doch deutlich den Watussi-Charakter zeigen. Die Ohren sind wohlgeformt, doch nicht selten grösser als bei den Ackerbauern. Beschneidung ist nicht üblich. Das Haar ist stets kraus, negerhaft, nirgends fand ich das bei Massai so häufige halbglatte »Hamitenhaar«, eine Eigenthümlichkeit, die übrigens auch den Galla vielfach anhaftet, während das Hamitenhaar mehr bei Somali und Abessiniern vorkommt. Uebrigens fand Stuhlmann bei nördlicher lebenden Watussi Hamitenhaare. Wie gross die Aehnlichkeit der Watussi mit den Galla ist, mag man daran erkennen, dass einer meiner Soldaten, ein Arussi-Galla, von den Leuten überall für einen Mtussi gehalten wurde.

Die Hautfarbe der Watussi variirt sehr. In Usukuma, überhaupt in Unyamwesi, sind sie meist dunkel, doch könnte man dies Blutmischungen zuschreiben, während solche in Ruanda und den Urundi-Gebirgen nahezu ausgeschlossen sind. Aber auch dort findet man neben angenehm lichtbraunen, dunkle und schwarzbraune Leute, wie denn überhaupt bei dunkelfarbigen Rassen die Hautfarbe mit dem Wohnsitz und der Lebensweise variirt und nur der Typus konstant bleibt.[20] Ob es, wie behauptet wird, auch »weisse«, d. h. sehr lichtfarbige Watussi giebt, ist mir nicht bekannt, doch halte ich dies nicht für unmöglich. Giebt es doch unter den Abessiniern und Galla, besonders unter Weibern, neben sehr dunkelfarbigen auch solche Individuen, welche kaum einen leichten Farbenton erkennen lassen, wie ich selbst mich in Massaua überzeugt habe.

Während der Watussi-Typus in der Jugend etwas anziehend freundliches hat, wird er im Alter scharf, zigeunerartig. Die Bantu-Bevölkerung nennen die Watussi in Urundi und Ruanda »Wahutu«, ein Ausdruck der »Unterworfene« bedeutet und mit den Wauddu der Waganda-Watussi identisch ist, nach welchen die Landschaft Uddu (Buddu) benannt ist. Ueberall jedoch schliessen sich die Watussi diesen Wahutu in Sprache und Tracht an. Die Watussi in Urundi, Ruanda und Unyamwesi sprechen Kirundi, die in Usukuma und Usinja Kisinja (Kinyoro). Die Annahme Stuhlmanns, dass die Watussi (Wahuma) ihre ursprüngliche hamitische Sprache in Unyoro verlernt und das Kinyoro angenommen haben, um sodann die letztere Sprache den sämmtlichen Völkern des Zwischenseengebietes beizubringen, scheint mir allzuweit hergeholt. Sie wird auch durch die Thatsache widerlegt, dass die Völker des östlichen Nyansagebietes, die nie mit Watussi in Berührung kamen, ebenfalls Kinyoro, oder doch sehr nahe verwandte Dialekte sprechen. Die Annahme scheint mir weit näher zu liegen, dass die Bantu-Sprachgebiete zur Zeit des Einbruches der Watussi bereits annähernd in der heutigen Form vorhanden waren und dass die numerisch schwächeren Hamiten sich die Sprache der jeweiligen Ackerbauer aneigneten, ein Fall, der in der Völkergeschichte mehrmals vorkam. So wird es auch erklärlich, warum die Wahuma in Uganda Kiganda und nicht Kinyoro sprechen, während Stuhlmann zur Erklärung dieses, eine andere Hamiten-Einwanderung annehmen muss.

Der Charakter der Watussi-Hirten ist ein kriegerischer, herrschsüchtiger. An Tapferkeit übertreffen sie die Massai die durch wilden Kriegsschmuck wirken wollen, während die Watussi in gewöhnlicher Tracht und mit schlechten Waffen ungemein kühn angreifen und sich selbst durch Misserfolg nicht abschrecken lassen. Doch treten diese Eigenschaften nur in Urundi und Ruanda zu Tage, in Unyamwesi sind sie friedliche Hirten, die froh sind wenn Wangoni und Massai ihnen ihr Vieh lassen.

Nirgends mehr findet man nomadisirende Watussi, alle haben ständige Wohnsitze und erbauen sich Hütten im Kirundi-Styl, doch schlechter angelegt und unreinlicher gehalten. Die kleinen Dörfer sind mit Bambus- und Stangenzäunen umgeben, deren Zwischenräume mit Dorngestrüpp und Disteln angefüllt werden, die eigens zu diesem Zwecke angepflanzt werden. Die Bananenhaine, welche den Warundi-Dörfern ein so freundliches Aussehen geben, fehlen den Watussi stets, so dass man ein Watussi-Dorf schon von Weitem erkennt.

Neben den Dörfern haben sie kleine, aber gut gehaltene Felder vortrefflicher Erbsen und Bohnen, welche diesen Gegenden eigenthümlich sind. Manchmal bauen sie wohl auch etwas Kürbisse. Die Hauptnahrung liefert jedoch die Viehzucht. Sie halten bedeutende Heerden der grossgehörnten Rinderrasse, die in allen Ländern westlich vom Victoria-See vorkommt, während östlich von diesem nur das typische Zeburind lebt. Diese Rinderrasse (Abb. pag. 85), welche auffallend dem abessinischen Sanga gleicht, hat nur einen leichten Buckelansatz, ist verschieden, aber vorherrschend braun gefärbt, grösser und schlanker als das Zeburind. Das merkwürdigste sind die Hörner, die zu dem kleinen Kopf in gar keinem Verhältniss stehen und den Thieren wirklich eine Last sein müssen. Oft ist ein Horn schwerer als das andere, in welchem Falle das Thier den Kopf nicht gerade halten kann. Die Rinder, die am Plateau von Urundi leben, sind derart den wasserreichen, kühlen Gebirgsländern angepasst, dass sie in trockenen Gegenden sofort eingehen. Sie sind wenig milchreich; ihr Fleisch schmeckt schlechter als das der Zeburinder.

Es scheint mir zweifellos, dass diese höchst charakteristische Rinderrasse von den Watussi aus ihrer Urheimath eingeführt wurde. Wahrscheinlich fanden sie in den Gegenden westlich vom Nyansa gar keine Rinder vor und konnten daher die eingeführte Rasse in voller Reinheit fortzüchten. Diese wurde dann auch von den Ackerbauern übernommen. Es könnte Wunder nehmen, dass die Massai, die doch eine viel jüngere Einwanderung bilden, keinerlei charakteristische Rinderrasse mehr erhalten haben. Doch brachen diese in sehr rinderreiche Gegenden räuberisch ein, eigneten sich grosse Heerden Zeburinder an und es musste daher, selbst wenn sie eine ursprünglich abweichende Rasse besassen, diese bald in der ungeheuren Ueberzahl der Zeburinder aufgehen. Dass dies auch bei den Watussi in überraschend kurzer Zeit möglich, zeigen die Watussi-Heerden in Unyamwesi. Die dortigen Ansiedler, die vor Menschengedenken aus Urundi einwanderten und noch Kirundi sprechen, brachten zweifellos das Watussi-Rind mit sich. Da dasselbe jedoch, durch lange Anpassung an wasserreiche Plateaus, das Tieflandklima schlecht vertrug, nahmen sie immer mehr Zebus auf, die heute die Hauptstärke der Heerden bilden.

Die Watussi widmen ihren Rindern sehr grosse Sorgfalt und bringen sie Nachts oft in den Hütten unter. In Gegenden, wo die Gewässer von Papyrus erfüllt sind, lassen sie die Rinder nicht direkt daraus trinken, sondern schöpfen mühsam Wasser in eigene Lehmgruben.

An charakteristischen Geräthen konnte ich bei den Watussi nur drei auffinden, die allen gemeinsam eigen sind: Einen hölzernen Milchtopf, der an einem Schnurnetz aufgehängt wird, ein Instrument zum Aushöhlen dieses Topfes und einen stumpfen Pfeil zum Aderlassen der Rinder. Letzterer findet sich auch bei den Massai. Sonst sind alle Geräthe den umwohnenden Völkern entlehnt.

Was die ursprüngliche Waffe der Watussi war, erscheint zweifelhaft. In Urundi, Ruanda und Unyamwesi brauchen sie heute fast nur Bogen und Pfeile ohne Köcher, die jenen der Bantustämme entlehnt sind, selten den charakteristischen Warundi-Speer.

Welche Rolle der Schmiedestamm der Warongo in Usinja und Usukuma den Watussi gegenüber spielt, ist ebenfalls fraglich. Körperlich stehen die Warongo vielfach dem Watussitypus nahe und haben wir in diesen geschickten Schmieden — die auch in Ruanda auftauchen — vielleicht Nachkommen einer Schmiedekaste, ähnlich den Elkonono der Massai, zu sehen.

Von besonderen Gebräuchen erfuhr ich nichts, was nicht auch den umwohnenden Bantu eigen wäre. Nur sollen die Watussi in Ruanda die reifgewordenen Mädchen in Hütten einschliessen, bis die Haare lang über den Nacken herabfallen. Auch halbwüchsige Knaben sah ich mit abrasirtem Vorderhaupt und langen Haaren am Hinterkopf. Von eigenen religiösen Anschauungen konnte ich nichts erfahren. Was Speke diesbezüglich anführt, vor Allem das Bewerfen gewisser Lokalitäten mit Steinen, die sich nach und nach zu grossen Haufen aufthürmen, oder mit Gras zum Schutz gegen böse Geister, ist nichts charakteristisches und auch den Bantu eigen. Ob das Vermischen der Milch und Butter mit Kuhurin, das überall westlich vom Nyansa geübt wird, ursprünglich den Watussi entstammt, mag dahin gestellt bleiben.