Puppe der Waha. — Rindenzeughammer, Uha. — Trommel der Waha. — Speer der Waha.
Ihre Bewaffnung besteht aus Wurfspeeren, Bogen und Pfeil. Die Wurfspeere haben in den Schaft eingelassene Spitzen, sind leicht und werden stets zu zwei getragen. Doch sind auch die Warundi-Speere mit kürzeren Schäften und eine andere Speerform mit Schaftzwinge üblich, die angeblich die ursprüngliche sein soll. Die Pfeile sind zierlich gefertigt und gleichen jenen der Warundi; die Bogen sind nicht besonders kräftig. Schwerter in Holzscheiden sieht man nur vereinzelt. Originell ist eine aus Kalebassen und Stroh gefertigte Kinderpuppe.
Die Waha unterstehen kleineren Häuptlingen, welche theilweise Watussi-Blut haben. Den Verkehr mit der Aussenwelt vermittelt das Salz, welches in Uvinsa, im Süden des Landes, gewonnen wird und von sehr guter Qualität ist. Man trifft im Lande zahlreiche Wanyamwesi-Händler, welche Salz, Kleinvieh und Honig kaufen, und Messingdraht, wohl auch einzelne Gewehre einführen. Ebenso machen die Waha Reisen nach Unyamwesi und gelangen bis Tabora. Früher waren sie ihrer Ungastlichkeit halber berüchtigt, gegenwärtig lernte ich sie als gutmüthiges, freundliches Volk kennen, welches Europäern sehr geneigt scheint.
Es war oben schon mehrfach von den Wangoni oder Watuta die Rede, einem räuberischen Zulustamm, der vor jedenfalls nicht allzulanger Zeit aus Südafrika eingewandert ist und sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr rein erhalten hat. Die Wangoni sassen früher in der Gegend von Urambo, von wo aus sie die Nachbargebiete verheerten. Nach ihrer Niederlage durch die deutsche Schutztruppe unter Lieutenant Langheld, zogen sie sich nach dem südlichen Ost-Ussui zurück, wo sie schöne Dörfer und Reiskulturen besitzen und vollkommen friedlich leben. Ich kam mit diesem merkwürdigen Stamm niemals in Berührung und kann daher nichts Näheres über denselben mittheilen.
Zuletzt erübrigt noch von jenem Volk zu sprechen, welches den Verkehr mit der Küste vermittelt und welches sich am meisten fremden Einflüssen und fremder Kultur zugänglich erweist: den Wanyamwesi. Alle Reisenden von Burton und Speke an, und darunter vorzügliche Beobachter wie Paul Reichard und Stuhlmann, haben sich bereits eingehend mit diesem Volke beschäftigt, sodass ich mich betreffs desselben kürzer fassen kann.
Unter Wanyamwesi verstehe ich die Bewohner der von den Küstenleuten als Unyamwesi bezeichneten Landschaft, die im Osten an die Massai-Steppen, an Turu und Ugogo, im Norden an den Victoria-Nyansa vom Speke-Golf bis zur Bukumbi-Bai, im Westen an Usinja, Ussirombo und Uha grenzt und sich gegen Süden in noch unbekannter Entfernung erstreckt.
Der Name Unyamwesi ist, wie ich durch viele und sorgfältige Erkundigungen im ganzen Lande, von Usukuma bis Urambo erfuhr, kein nationaler, sondern von den Küstenleuten dem Lande beigelegt. Er bedeutet »Mondland«, U-nya-mwesi d. i. Land des Mondes. Diese, schon den alten Reisenden bekannte Ableitung wurde neuerdings bezweifelt und behauptet, dass in Unyamwesi eine Stammsilbe »nyam« enthalten sei. Dies ist jedoch unrichtig wie man daraus ersehen kann, dass z. B. auch die Bewohner von Turu nicht »Waturu« sondern Wa-nya-turu, die Leute von Ruanda Wa-nya-ruanda genannt werden und dass es zahlreiche ähnlich lautende Landschaften, wie U-nya-nyembe, U-nya-nganyi giebt, woraus deutlich hervorgeht, dass »nya« etwa »von« bedeutet, also Wanyaturu »Leute von Turu«, Wanyamwesi, »Leute von Mwesi« Mondleute.
Dass das im Worte enthaltene mwesi hier wirklich Mond bedeutet, wurde mir von alten Küstenleuten sowohl, wie auch von Eingeborenen stets versichert und kann als zweifellos betrachtet werden. Daraus jedoch einen Schluss ziehen zu wollen, dass Unyamwesi das Mondland der Alten sei, wie dies in neuerer Zeit vielfach geschah, scheint mir verfehlt. Ein solcher Schluss wäre nur gestattet, wenn der Name ein einheimischer wäre, während er wie gesagt den Küstenleuten, also den Swahíli seinen Ursprung verdankt. Wie diese dazu kamen das Land als »Mondland« zu bezeichnen, ist nicht schwer erklärlich. Denn den Arabern und damit auch den intelligenten Swahíli war ja sehr wohl bekannt, dass die alten Geographen ein »Mondland« im Innern Afrika's, an den Quellen des Nil, vermutheten. Als nun Karawanen in jene Länder vordrangen, war es sehr begreiflich, dass sie in dem reichsten und wichtigsten Lande des Innern, in dem Lande, welches im Handel die grösste Rolle spielte, das Mondland U-nya-mwesi zu erkennen glaubten. Oder mit anderen Worten: Nicht weil im Innern Ostafrika's ein Unyamwesi existirt, kann man darauf schliessen, dass dasselbe mit dem Mondland der Alten identisch sei, sondern weil die alten und arabischen Geographen in Innerafrika ein Mondland vermutheten, wurde diese Landschaft von den Küstenleuten »Unyamwesi« genannt.
Die Wanyamwesi selbst gebrauchen diese Bezeichnung unter einander niemals, sondern trennen sich in verschiedene grosse Stämme wie Watakama, Wasukuma[24], Wasumbwa, Wafioma und Wakonongo. Sie sind jedoch sehr deutlich als ein Stamm charakterisirt und sprechen auch dieselbe, nur dialektisch abweichende Sprache. Der Hauptunterschied zwischen den verschiedenen Wanyamwesi-Stämmen liegt in dem mehr oder weniger starken Eindringen der Küstenkultur.
Am ursprünglichsten haben sich die Wasukuma, besonders in den östlichen Distrikten von Ntussu und Meatu erhalten, während die Wasumbwa und Watakama, besonders die Leute von Urambo, in materieller Kultur den Swahíli der Küste kaum nachstehen.
Die Wanyamwesi sind mittelgrosse, kräftiggebaute Leute von meist dunkelbrauner Hautfarbe. Die südlichen Stämme sind schlanker und grösser, die Wasukuma untersetzt und dunkelfarbiger oder scheinen wenigstens so, da ihre Unreinlichkeit die Hautfarbe schwer erkennen lässt. Sie haben ziemlich ausgeprägten Negercharakter und physisch einen recht einheitlichen Typus. Nur die Bewohner des östlichen Usukuma, besonders die von Meatu, scheinen hamitische (Wataturu) Blutmischungen erhalten zu haben.
Alle Wanyamwesi sind unbeschnitten. Als Stammesmarke kann eine von der Nasenwurzel zum Ohre verlaufende Reihe von Narbenverzierungen gelten, auch werden die oberen vorderen Schneidezähne vielfach dreieckig ausgesplittert. Doch sind beide Merkmale nicht mehr allgemein verbreitet. Haarfrisuren kommen nicht vor, doch werden die Haare vielfach rasirt. Die Ohrläppchen werden besonders in Usukuma ausgedehnt und Messingspiralen darin getragen. Die Weiber im Süden des Landes tragen nach Küstenart runde Holzscheiben im Ohr. Die ursprüngliche Kleidung der Wanyamwesi ist Fell, in den westlichen Distrikten auch Rindenzeug. In Usukuma tragen die Männer ein Ziegenfell, das den Oberkörper, niemals jedoch die Schamtheile bedeckt, manchmal gehen sie auch ganz nackt. Die Weiber tragen Lendenschurze aus Leder und verhüllen oft auch den Busen.
Sonst wird fast überall europäisches Baumwollzeug getragen, welches das solide eingeborene Baumwollzeug und das Rindenzeug fast völlig verdrängt. Letzteres dient kaum noch irgendwo als Kleidung, sondern nur mehr zu Schlafmatten. In Urambo, Unyanyembe, sowie anderen Plätzen der Karawanenstrassen sind bedeutende Mengen Baumwollzeug vorhanden und Männer und Weiber unterscheiden sich in der Tracht kaum von der Küstenbevölkerung.
Als Schmuck dienen Glas-, Holz- und Eisenperlen und mit Messing- oder Eisendraht umsponnene Darmsaiten, sowie Eisenarmringe. Die Elephantenjäger und ihre Frauen pflegen Armringe zu tragen die aus der Sohle des Elephanten geschnitten werden. Im östlichen Usukuma findet man sehr grosse milchweisse und blaue Glasperlen, die jetzt durch keine Karawane mehr eingeführt werden und sehr alten Ursprungs sind. Die jüngeren Weiber tragen Holzperlen als Amulett um den Hals; Eisenschmuck ist ein Zeichen verheiratheter Frauen. Als Kopfschmuck der Krieger dienen in Usukuma Büschel von Federn und Stroh (Abb. pag. 61).
Den Charakter der Wanyamwesi hat Paul Reichard mit grossem Geschick beschrieben. Bei allen ihren Fehlern ist ihnen doch ein ausserordentlicher Unternehmungsgeist und eine für Afrikaner seltene Arbeitskraft eigen, welche sie zu einem wichtigen Kulturelement macht.
der Wanyamwesi von Urambo.
Die Wohnung sämmtlicher Wanyamwesi ist die Rundhütte mit Kegeldach und cylindrischem, lehmverputzten Unterbau. In Usukuma und in den westlichen Distrikten hat sich diese Form noch rein erhalten, in der weiteren Umgebung Tabora's wird die Hütte jedoch allmählich durch den Tembe ersetzt. Zu Speke's Zeiten, also Anfang der sechziger Jahre, gab es solche noch viel weniger und ältere Leute erinnern sich auch noch sehr genau an die Entstehung des Tembebaus. Derselbe fällt mit der Einführung der Feuerwaffen zusammen, gegen welche die alten Befestigungsformen nicht genug Schutz boten. Man erbaute daher um die Rundhüttendörfer Tembenringe, deren Styl halb den Arabern Tabora's, halb den Wagogo entlehnt war.
Ursprünglich waren diese Temben reine Befestigungen und nicht bewohnt; ich fand heute noch solche unbewohnten Tembenringe in Kirambo. Später zwang der Raummangel sie zu bewohnen, neue Aussenbauten mussten natürlich im Tembestyl erbaut werden und nach und nach entwickelten sich aus den Dörfern förmliche Labyrinthe, deren Mittelpunkt jedoch noch sehr oft einige grosse Rundhütten des Häuptlings einnehmen. — Die Temben haben rechteckigen Querschnitt, sind aber mannshoch und besitzen glattverputzte Wände und ein ebensolches Dach. Gegen aussen und gegen die Eingänge zu sind sie mit Schiessscharten versehen und bilden oft recht starke kleine Festungen (Abb. pag. 62, 93 u. 113).
Die grössten und schönsten Rundhütten in Unyamwesi, überhaupt im Innern Afrika's, sah ich in Urambo. Sie sind sehr sorgfältig und fest erbaut und haben ca. 10-15 m Durchmesser und 12-30 m Höhe. Letztere Höhe sah ich bei den wahrhaft pyramidalen beiden Hütten des Häuptlings Mlamira von Kirambo, in welchen Hunderte von Menschen Platz haben. Sie ähneln im Styl den Hütten der Wasegua. Ein Verandaraum, dessen Aussenwand theils mit Lehm ausgefüllt ist, theils nur aus Pfosten besteht, umschliesst ringförmig den cylindrischen Innenraum, der meist keine Theilung hat und mit dem Dach einen sehr hohen Raum bildet. Darin steht das Bett aus glatten Brettern und der Feuerheerd, bestehend aus drei festgebrannten Lehmkegeln. Das Dach ohne Mittelpfeiler ist stark geneigt und mit ziegelförmig übergreifenden, koncentrischen Grasschichten sorgfältig gedeckt. Das Getreide wird in eigenen Vorrathshütten untergebracht.
Aehnlich, doch weit mangelhafter sind die Hütten der Wasegua errichtet. Sie besitzen ebenfalls keinen Mittelpfeiler. Der Innenraum ist meist durch eine Querwand in zwei Hälften getheilt, deren vordere das Vieh, die hintere, ganz dunkle die Menschen bewohnen. In einem durch Stangen abgegrenzten Dachraum sind mächtige Vorrathskörbe für Getreide aufgestapelt.
In Usukuma sind die Dörfer nicht selten wie in Schaschi durch buschige Euphorbienhecken in kleine Komplexe getheilt. Fast stets schliessen sie sich an die felsigen Granithügel der Gegend, die als natürliche Befestigungen dienen und deren Klüfte im Nothfall einen Zufluchtsort bieten. In den Wasumbwa-Gegenden überwiegt der Stangenzaun noch vor der Tembebefestigung, während diese sonst überall vorherrscht.
Im Gegensatz zu vielen ihrer Nachbarn, welche, wie die Warundi, in Weilern hausen, sind die Wanyamwesi echte Dorfbewohner und vereinen sich stets zu oft sehr ansehnlichen Niederlassungen. Vielleicht hat dieser, durch die kriegerischen Verhältnisse begünstigte Geselligkeitstrieb viel zu der Entwickelung dieses Volkes beigetragen. Wenigstens findet man in Urambo, wo die grössten Dörfer liegen und alle Bewohner sich in ausgedehnten Ortschaften koncentriren, auch die höchste Kultur in Unyamwesi.
Die Wanyamwesi sind sehr tüchtige Ackerbauer, ihre Felder sind gut gehalten und werden mit grosser Sorgfalt gepflegt. Die Hauptnahrungspflanze ist Sorghum. Neben dieser wird auch vielfach Mais und Mawele (Penicillaria), in Usmau, Urambo und Unyanyembe auch Reis gebaut, der durch die Araber eingeführt wurde. Ausserdem giebt es fast überall Hülsenfrüchte, Mais, Pataten, Kürbisse, Gurken, Grundnüsse, seltener Bananen, Tomaten und Maniok. Baumwolle wird in Usukuma, Tabak und Hanf überall angebaut. Wo die Wanyamwesi mit Arabern und Küstenleuten in nähere Berührung kamen, merkt man deren Einfluss in der Anlage der Felder und in dem Vorhandensein fremder Kulturpflanzen, an welche sie sich rasch gewöhnen. Ausser dem Reis haben sie in vielen Gegenden auch Obstbäume, Citronen, Mangos, Guayaven und Papayas übernommen.
Den Sorghum pflegt man nach der Ernte auf flachen Steinplatten mit langen Stangen zu dreschen, sodann wird er in Holzmörsern weiter enthülst und in den Vorrathsbehältern aufbewahrt. Auf flachen Steinplatten wird er mit einem Reibstein zu Mehl gemahlen. Nach der Arbeit wird der Mahlstein mit einem eigenen Besen reingekehrt. Durch das fortwährende Reiben wird die Steinplatte nach und nach ausgehöhlt und die Granitfelsen Usukuma's tragen oft derartige Vertiefungen, die auf alte Dorfstätten schliessen lassen, wo sonst längst keine Spur mehr von solchen vorhanden ist.
Feldbeil der Wanyamwesi.
Die Viehzucht hat in Unyamwesi durch die Rinderseuche stark gelitten, welche einen grossen Theil der Zeburinder wegraffte, so dass man solche nur selten antrifft. Doch giebt es überall und besonders in Usukuma viele Ziegen und Schafe, letztere mit sehr schwachem Fettschwanz, sowie Hühner, deren Eier nicht gegessen werden. Tauben findet man besonders in Urambo, wo sie in netten Taubenschlägen gehalten werden. Die Wanyamwesi essen Fische in vielen Gegenden garnicht und schätzen dieselben überhaupt nicht sehr, während sie (hauptsächlich die Wakonongo) gedörrte Maden mit Vorliebe geniessen. Tabakrauchen ist bei Männern und Weibern sehr beliebt, auch der Hanf, der aus Kürbiss-Wasserpfeifen geraucht wird, ist weit verbreitet.
In vielen Gegenden jagen die Wanyamwesi eifrig; es giebt unter ihnen berufsmässige Elephantenjäger (Makua), die den Küsten-Makua starke Konkurrenz machen.
In den Geräthen und Waffen der Wanyamwesi zeigt sich ebenfalls die Tendenz, von anderen Stämmen ihnen passendes zu entlehnen und nach eigenem Ermessen abzuändern.
Besonders interessant ist das eingeborene Baumwollenzeug, ein ungemein festes Gewebe, welches schwarze und gelbe Streifen und einen Quastensaum hat.[25] Es ist jedenfalls eine Nachahmung der Küstenbaumwollzeuge, zu welcher wohl ursprünglich Swahíli oder Araber die Anleitung gaben. Diese Stoffe wurden viel erzeugt als Küstenzeug noch selten war. Gegenwärtig hat die Herstellung dieses Zeuges im südlichen Unyamwesi ganz aufgehört und beschränkt sich auf Usukuma. Rindenzeug wird, wie erwähnt, fast garnicht mehr gefertigt.
In Schmiedearbeiten sind die Wanyamwesi recht geschickt; die Hackenklingen beziehen sie zwar aus Usinja und auch in Usukuma sind die Schmiede meist Warongo aus Usinja, doch im Süden, besonders in Urambo, trifft man einheimische Arbeiter. Diese hausen in eigenen offenen Hütten und verstehen selbst Gewehrbestandtheile zu repariren. Sie benutzen nicht selten Schraubstöcke und andere Geräthe von der Küste.
An Waffen trifft man sehr verschiedenartige Formen. Im Süden des Landes, hauptsächlich in Urambo und Unyanyembe, herrschen Kapselgewehre vor, in Usukuma sind solche noch sehr selten. Als ursprüngliche Waffe der Wanyamwesi erscheint der Wurfspeer mit eingelassener Spitze, wie er heute noch im östlichen Usukuma in charakteristischer Form gebraucht wird (Abb. pag. 61). Daneben giebt es allerlei Arten Zwingenspeere: kurze mit Messingverzierung, lange mit lanzettförmiger Spitze und Paradespeere (in Ntussu), die im Kleinen die Massai-Speere nachahmen. Wuchtige Spiesse mit eingelassenem Dorn werden auf Elephantenjagden benutzt; deren Spitze ist manchmal vergiftet. Nur bei Tänzen dient die in Usukuma übliche alte Form der Wataturu-Speere.
Leichte Bogen mit Pfeilen und Köcher trifft man überall, die Pfeile werden nicht selten vergiftet. Schilde giebt es fast nur in Usukuma, sie sind aus Büffelhaut, länglich mit einer Einkerbung in der Mitte (Abb. pag. 61).
Als Musikinstrumente dienen die halb eiförmig geformten Karawanen-Trommeln (Mganda), Antilopenhörner und lange aus Rohr und Kalebassen gefertigte Trompeten.
Korbwaaren werden mit grossem Geschick gefertigt und es dient dazu eine eigene Nadel. Ebenso sind grosse und kleine Töpfe hübsch ausgeführt.
Besonders charakteristisch für die Wanyamwesi ist der Karawanenhandel, der den tiefgehendsten Einfluss auf ihr ganzes Dasein ausübt. Während fast alle anderen Stämme Ostafrika's, selbst jene unweit der Küste, in ihrer bedürfnisslosen Indolenz ruhig daheimbleiben und höchstens genehmigen, dass Karawanen von der Küste zu ihnen kommen, haben die Wanyamwesi schon seit Jahrzehnten selbst Karawanen zusammengestellt und dieselben nach der Küste sowohl, wie auch nach entfernten Elfenbeingegenden gesandt. So alt übrigens als man vielfach annimmt — also etwa bis ins klassische Alterthum zurückreichend — ist dieser Karawanenhandel keineswegs. Dies beweist nicht nur die überall verbreitete Tradition, sondern auch die ungeheuere Zunahme, welche der Karawanenverkehr und damit die Einführung europäischer Erzeugnisse seit den sechziger Jahren genommen und der Umstand, dass gewisse Stämme notorisch erst in ganz jüngster Zeit sich an diesem Handel betheiligt haben.
Einen Anhaltspunkt für das Alter des Karawanenverkehrs bietet uns der Stammbaum der Häuptlinge von Unyanyembe:
Swetu I.
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Fundikila
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Miasere --------+
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Swetu II. Kiunge (Ziehsohn)
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Bibi Niasso Isike.
Swetu I. soll alt geworden sein, Fundikila starb als reifer Mann, Miasere starb jung und hinterliess den unmündigen Swetu II., an dessen Stelle sich sein Ziehsohn, Kiunge, der Herrschaft bemächtigte. Dessen Sohn war der bekannte Isike (Sike), dessen Feste 1893 von Lieutenant Prince gestürmt wurde, worauf Bibi Niasso eingesetzt wurde.
Swetu I. hat also vor höchstens 100 Jahren regiert. Unter seiner Regierung drangen die Elephantenjäger Mparangombe und Ngogome aus Usagusi — die heute noch in zahlreichen Liedern verherrlicht werden — so weit nach Osten vor, dass sie mit zeugtragenden Eingeborenen und Küstenhändlern zusammentrafen. Letzteren folgten sie an die Küste und gaben dann, in die Heimath zurückgekehrt, den Anstoss zur Eröffnung des Karawanenverkehrs. Das Erscheinen der Wanyamwesi an der Küste gab auch den Swahíli und Arabern Veranlassung in dieses neuerschlossene Land einzudringen. Dies geschah ca. 1830; doch erst 1846 wurde Tabora begründet, nachdem eine etwas ältere Niederlassung in Msenne bei Urambo aufgelassen worden war. Das Jahr der Begründung Tabora's ist vielen dort lebenden Arabern genau bekannt.
Das Vorhandensein Tabora's als Handelsemporium gab den Wasukuma Veranlassung dorthin zu kommen und ihre Produkte umzutauschen. Diese waren früher niemals aus ihrem Lande, geschweige denn an die Küste gekommen und erinnern sich daran, dass Swahíli, die aus dem Massai-Lande, also wohl von Tanga oder Mombas kamen, ihnen zuerst Baumwollzeuge brachten. Auch nach Begründung Tabora's kamen die Wasukuma Jahre lang nur dahin und ziehen erst seit ca. 20 Jahren nach der Küste.
Die grösste Bedeutung hat der Karawanenhandel bei den Wasumbwa des westlichen Unyamwesi erlangt, die überhaupt die höchste Entwicklung ihres Stammes darstellen. Sie unternehmen Züge nach Unyoro, Ruanda und Manyema, früher reisten sie auch nach Umbugwe und an die Grenze des Massai-Landes, doch hat dies aufgehört, seit die Wasukuma ihnen dort zu starke Konkurrenz machen. Diese bereisen die Uferländer des Victoria-Nyansa bis nach Kavirondo hin. Sobald diese Handelszüge genügend Elfenbein gebracht haben, wird eine Karawane nach der Küste zusammengestellt, an der sich auch viele Leute betheiligen, die dort Arbeit und Verdienst suchen. Mit Zeug und andern Artikeln reich beladen kehren die Karawanen in die Heimath zurück, um bald wieder neue Züge nach entfernten Gegenden zu unternehmen.
Die Wanyamwesi sind tüchtige, sehr ausdauernde Träger, allerdings nur auf Karawanenstrassen brauchbar, wo sie reichlich Wasser und Nahrung bekommen. Sie haben die unangenehme Eigenschaft nur auf den Schultern zu tragen, so dass die Lasten alle länglich oder in Halblasten, Midalla, verpackt werden müssen, die an die Enden einer Stange gebunden werden können. Diese scheuert die Schulter des Trägers nicht selten blutig, was ihn jedoch wenig zu kümmern scheint.
Der Karawanenverkehr gab auch Veranlassung zur Auswanderung und Begründung von Kolonien im Auslande. Der Grund dazu lag theils in politischen Unruhen, theils in dem natürlichen Wandertrieb dieses Volkes. Man findet Wanyamwesi-Kolonien nicht nur in Ugogo, Ussandaui, Irangi und neuestens auch in Umbugwe, sondern auch in Manyema und Katanga. Ueberall gelangen sie den Eingeborenen gegenüber zu Einfluss und bilden ein wichtiges Kulturelement.
Ueber das innere Leben der Wanyamwesi theile ich nur der Vollständigkeit halber einige Notizen mit, die ich im Lande sammeln konnte und verweise im Uebrigen auf Reichard und Stuhlmann, die Gelegenheit hatten den Stamm genauer kennen zu lernen.
Die Geburt eines Kindes giebt keinen Anlass zu besonderen Festlichkeiten, höchstens die von Zwillingen wird durch einen Tanz gefeiert. Der Vater giebt dem Kinde einen Namen — meist nach dem Grossvater oder der Grossmutter — den es lebenslang behält. Daneben sind oft viele Spitznamen üblich, die oft bekannter als der wirkliche Name sind. In Usukuma ist der Kindesmord unbekannt. In den von Swahíli vielbesuchten Gegenden, wie Urambo, hat sich der Küstenaberglaube verbreitet, dass ein mit Zähnen geborenes Kind dem Vater den Tod bringe. Es wird aber nur getödtet, wenn der Vater ein Häuptling ist. Als Kinderspielzeug dienen aus Lehm gefertigte kleine Puppen. Der Bräutigam erwirbt die Braut durch Kauf vom Vater; nach einem Tanzfest wird sie ihm übergeben. In Usukuma wird nach der Brautnacht ein Ochse geschlachtet und mit den Verwandten verzehrt. Vielweiberei ist üblich, in Usukuma hat aber nur ein Häuptling mehr als zwei Frauen. Eine unbeliebte Frau wird einfach zurückgeschickt, der Vater muss dann den Preis wieder herausgeben. Bei den Wasumbwa muss der Vater selbst im Todesfall der Frau den Brautpreis ersetzen, oder eine Schwester der Frau stellen.
Puppe aus Lehm, Wasukuma.
Bei Krankheiten werden entweder Pflanzenmedizinen angewandt oder der Zauberdoktor geholt, der dann aus Hühnerdärmen bestimmt, welche Krankheit vorhanden ist und diese durch allerlei Hokuspokus mit einem Holzschüsselchen, mit Amuletten u. s. w., auszutreiben sucht. Ein Besessener geniesst in Urambo ein Schaf mit Zauberarznei, geheilt darf er keinen Kopf, Herz oder Magen und kein am selben Tage geschlachtetes Thier essen. Wie so viele Bantu, so glauben auch die Wanyamwesi nicht an natürlichen Tod. Stirbt Jemand an einer Krankheit, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann wieder aus Hühnerdärmen sein Orakel fällt. Dasselbe lautet entweder dahin, dass die Geister der Verstorbenen ihn getödtet hätten, oder Jemand wird als der Bezauberer genannt. Dieser wird in Urambo von den Verwandten getödtet, in Usukuma vor den Häuptling gebracht, sein Vermögen eingezogen und er selbst verbannt. Das Honorar des Zauberdoktors beträgt eine Hackenklinge.
Todte werden bei den Wasumbwa in den Busch geworfen, nur Häuptlinge auf einem Stuhl sitzend begraben. In Usukuma werden alle Verstorbenen mit angezogenen Beinen, auf der Seite liegend, begraben, der Häuptling hockend mit erhobener Rechten, die durch Lehm gestützt wird.
Den Geistern der Verstorbenen, die den Lebenden im Traum erscheinen, werden kleine Hütten erbaut und Opfer an Pombe und Mehl dargebracht. Stätten von Geistern, wie Baobabs, werden mit Gras bestreut. Sonst schützt man sich vor ihrem Treiben durch Amulette, deren es für jeden Zweck, für Jagd, Viehzucht, Krieg u. s. w. verschiedene giebt. Menschliche Holzfiguren sind sehr selten, ich fand eine solche in Usukuma, die bei Geistertänzen dienen soll.
Die Wanyamwesi werden von Mtemis (Häuptlingen) regiert, deren Verwandte Mwanangwa (Prinzen) genannt werden. Auch hier zeigt sich die Erscheinung, dass grössere Königreiche nach und nach in kleine Fürstenthümer zerfallen. Eine Art Oberherrschaft über fast ganz Unyamwesi übte Jahre lang der bekannte Mirambo von Urambo aus. Auch dessen Nachfolger, Mpanda Charo (Beherrscher der Königreiche), spielte noch eine grössere Rolle, während unter dem jetzigen jugendlichen Häuptling Tuga Moto das Reich immer mehr zerbröckelt. Ein Theil der Wafioma erkennen Kassusura von Ost-Ussui als ihren Herrscher an.
Hüttenamulett der Wasukuma.
Amulettfigur der Wasukuma.
Die Häuptlingswürde ist thatsächlich erblich, dem Namen nach besteht ein Wahlkönigreich, doch wird eben fast immer der Sohn oder sonst nächste Verwandte des verstorbenen Häuptlings gewählt. Manche Häuptlingsfamilien behaupten von Watussi abzustammen, doch lässt ihr Typus davon jedenfalls nichts mehr erkennen. Kleine Stammkriege sind häufig und werden mit ziemlicher Erbitterung geführt, die Dörfer des geschlagenen Feindes werden verbrannt. Kriegsgefangene werden zu Sklaven gemacht und meist an Küstenleute verkauft. Im Lande selbst findet man auch ziemlich viele Sklaven aus Manyema, vom Tanganyika u. s. w., die sich guter Behandlung erfreuen.
Grössere Kriegs- und Raubzüge werden von einzelnen Häuptlingen mit ihren »Ruga-Ruga« (Räubern) ausgeführt, die phantastisch geschmückt ins Feld ziehen und oft zur wahren Landplage werden.
Die Wanyamwesi sind ein kriegerischer und muthiger Stamm, besonders wenn es sich um die Vertheidigung von Haus und Feld gegen einen wirklichen oder eingebildeten Feind handelt. Sie sind dann weit ernstere Gegner als etwa die Massai und wissen ihre zahlreichen Gewehre und ihre festen Dörfer tüchtig auszunutzen. Europäern sind sie im Allgemeinen geneigt und wenn es doch in Unyamwesi zu Kämpfen kam, so ging die Veranlassung dazu von Leuten aus, welche, wie Isike von Tabora, Feinde jeder geordneten Regierung sind. Der durchaus praktische Sinn der Wanyamwesi erkennt weit leichter als andere Eingeborene den ungeheueren Vortheil, den der direkte Verkehr mit Europäern für sie haben kann. Missionare und Reisende fanden denn auch niemals ernste Schwierigkeiten in Unyamwesi, erstere werden überall als Freunde betrachtet, haben allerdings im Bekehrungswerk fast gar keinen Erfolg, da der Mnyamwesi in religiöser Beziehung vollkommen gleichgiltig ist. Selbst der Islam, der doch sonst auf schwarze Naturmenschen eine zauberhafte Anziehungskraft ausübt, macht in Unyamwesi gar keine Proselyten.
Im Gegensatz zu den phantasiereichen, leicht erregbaren Waganda sind die Wanyamwesi eben durchaus materiell angelegte praktische Leute, die von Fremden nur das annehmen, was für ihre Bequemlichkeit förderlich ist. Man kann daher in Urambo, drei Monate von der Küste, reinlichere und besser bekleidete Menschen und schönere Felder und Dörfer antreffen, als etwa im Wadigoland, drei Stunden von der Küste. Diese leichte Aneignung neuer Bedürfnisse, verbunden mit grossem Unternehmungsgeist und bedeutender Arbeitskraft, lassen die Wanyamwesi als ein für koloniale Zwecke hoch geeignetes Menschenmaterial erscheinen. Deutschland kann sich beglückwünschen, ein solches Volk in seinen Schutzgebieten zu besitzen und die Engländer würden wohl gern ihre vielgepriesenen, intelligenten aber faulen und fanatischen Waganda hergeben, wenn sie dafür so ruhige, unermüdliche Arbeiter eintauschen könnten, wie die Wanyamwesi.
Zum Schluss sei es auch hier gestattet, die Völker des Nyansa-Tanganyika-Gebietes überblickend, einen Schluss auf deren ursprüngliche Wanderungen zu ziehen.
Als Ureinwohner dieser Gebiete erscheinen die Pygmäen-Völker, Jägerstämme von niedrigem Körperbau, die mit Bogen und Pfeil dem Wild nachstellten. In Urundi treten sie als Watwa noch heute auf und bilden die Verbindung mit den gleichnamigen Pygmäen-Stämmen der Kongowälder. Im Osten sind sie durch die Wanege der Wembere-Steppe vertreten, während sie in den dicht bewohnten centralen Gebieten völlig verschwunden sind.
Diese wurden von einem mächtigen Bantustamm mit der Wandertendenz von Nord nach Süd, den Nyansa- (Zwischenseen-) Völkern, eingenommen, welche die Ufergebiete des Victoria-Nyansa in West und Ost und den grössten Theil des heutigen Unyamwesi einnahmen. Auf sie drückten die Wanyamwesi mit der Wandertendenz von Süd nach Nord, erreichten den Victoria-Nyansa und theilten die Nyansa-Völker in zwei Gruppen, die sich von da ab selbstständig entwickelten. Es sind dies die östlichen Nyansa-Völker, bestehend aus den Waschaschi, Wanyairamba und Wanyaturu, von welchen die Waschaschi sprachlich zweifellos der Wanyoro-Gruppe angehören, während die Wanyairamba und Wanyaturu aus ethnographischen Gründen diesen Stämmen beigezählt werden müssen, und die westlichen Nyansa-Völker. Diese bestehen aus den Völkergruppen, die sich von Unyoro bis Ussambiro und Usinja im Westen des Victoria-Nyansa ausdehnen.
Unabhängig von den Wanyoro-Völkern und wahrscheinlich den Wanyamwesi näher als diesen stehend sind die Warundi-Völker, welche den Ostrand der Centralafrikanischen Spalte vom Tanganyika bis zum Albert-Edward-See, also Uha, Urundi und Ruanda bewohnen.
Erst lange nach Ansiedlung dieser Bantustämme traten die Hamiten als Watussi auf, welche, aus den Galla-Ländern kommend, nach und nach sich über das Nilquellgebiet und bis Unyanyembe und Fipa ausdehnten. Theils behielten sie ihre ursprüngliche Stellung als Hirten bei, theils verwandelten sie sich in eine herrschende Klasse, dabei ihre Sprache und Nationalität einbüssend. Aufs tiefste wurden die westlichen Nyansa-Stämme sowohl körperlich (durch Blutmischung) als geistig durch diese Hamiten beeinflusst, während die Wanyamwesi und Warundi trotz vielfacher Berührung sich reiner erhielten. Von den Watussi unberührt blieben die östlichen Nyansa-Völker, welche daher einen reinen, ursprünglicheren Zweig dieser Gruppe repräsentiren, jedoch durch die spätere Einwanderung der Hamiten mit nilotischer Sprache (Massai und Wataturu) und das südliche Vordrängen der reinen Niloten (Wagaya) beeinflusst wurden. Eine sehr junge Einwanderung aus dem Süden stellen die Wangoni vor, die der Zulu-Gruppe angehören.
Wenn wir die Gesammtheit der Nilquellvölker überblicken so finden wir, dass dieselben sprachlich ziemlich einheitlich sind und durchwegs der Bantugruppe angehören. Für den Linguisten findet sich hier also kein so reiches Material als im abflusslosen Gebiete, wenn auch vielleicht das Studium dieser nördlichsten Bantu-Idiome Ostafrika's geeignet ist auf den Zusammenhang der grossen Bantu-Gruppe mit den hamitischen Sprachen Licht zu werfen.
Ein wahrhaft klassisches Land ist das Nilquellgebiet, besonders Urundi und Ruanda, für den Ethnologen. Hier konnte sich, fern von dem nivellirenden Einfluss der Karawanenstrassen eine primitive Kultur entwickeln, wie sie gleich unverfälscht nur selten zu treffen ist. Auffallende Erscheinungen bieten sich hier in reicher Fülle; ich erwähne nur das Auftreten des Rindenzeuges in einem scharfumgrenzten Gebiet im Herzen Afrika's, welches westlich an Mattenzeug, östlich und nördlich an Fellkleidung grenzt. Das Studium der ethnologischen Thatsachen, welches geeignet ist auf alte, vielleicht sogar egyptische Kultureinflüsse Licht zu werfen, ist jedoch nicht nur wichtig sondern auch in hohem Grade dringlich zu nennen. Denn mit dem Vordringen des Küstenhandels wird das Land mit europäischen Industrie-Artikeln überschwemmt und die einheimische Kultur, die auf Jahrhunderte zurückreicht, geht mit einem Schlage verloren. Dem Pionier freilich, der in raschem Fluge weite Länderstriche durcheilt, ist es nicht möglich die Fülle der Erscheinungen festzuhalten. Dazu bietet sich dem Stationsbeamten, dem Missionar, reiche Gelegenheit, der jahrelang unter einem und demselben Volksstamm lebt. Wie selten aber wird gerade in Deutsch-Ostafrika diese Gelegenheit ausgenutzt!
Schädel des Watussi-Rindes.
Tabora.
Der Karawanen-Handel. — Die Massai-Karawanen. — Der Tabora-Handel. — Die Manyema-Araber. — Rohprodukte des Landes. — Anbaufähigkeit des Gebietes. — Bevölkerungsdichtigkeit. — Kulturpflanzen. — Viehzucht. — Import. — Eingeborene und fremde Einwanderung. — Ostafrikanische Eisenbahnen.
Die Gebiete des tropischen Afrika, welche erst vor wenigen Jahren aus ihrem Dunkel hervorgetreten sind und begonnen haben, für die europäischen Nationen eine praktische Bedeutung zu gewinnen, diese ungeheuren Striche sind ihrem ganzen Wesen nach Zukunftsländer, also solche, deren Werth nicht nach dem bemessen werden kann, was sie heute liefern, sondern nach dem, was sie einmal liefern werden.
Dieser unzweifelhafte Satz ist von Freunden und Gegnern der Kolonial-Politik vielfach unrichtig aufgefasst worden. Während er den ersteren Veranlassung zu den kühnsten Hoffnungen bot, liess er letztere alles schwarz sehen. Gegenwärtig jedoch, wo der erste koloniale Taumel verraucht ist, wo die »Schwärmer« theilweise abgekühlt sind, die Gegner jedoch durch die Thatsachen langsam gewonnen werden, gegenwärtig ist es an der Zeit, koloniale Fragen völlig nüchtern zu erörtern. Der richtige Weg dazu scheint doch immer der zu sein, erst festzustellen, was die fraglichen Länder heute liefern und daraus Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen.
Wenn wir nun die weiten Gebiete Deutsch-Ostafrika's überblicken, welche die Massai-Expedition auf ihren Zügen durchstreifte, so finden wir, dass dieselben seit Jahren nur zwei Produkte geliefert haben: Elfenbein und Sklaven. Einzig die Gier nach diesen war es, welche die Araber und Swahíli ins Innere des Kontinentes trieb, einzig und allein diese beiden Produkte riefen den ganzen Karawanenverkehr Centralafrika's hervor.
Von den Karawanen, welche Handelszüge ins Innere unternehmen, sind jene nach den Massai-Ländern und jene auf der Tabora-Strasse ziemlich wesentlich von einander verschieden.
Die Massai-Karawanen, die von Mombas, Wanga, Tanga oder Pangani, selten von Sadani ausgehen, sind wahrscheinlich älter als die der Tabora-Route und schlossen sich unmittelbar an den Handel an, der von Makdischu aus mit dem Binnenlande getrieben wurde. Die eigentlichen Unternehmer sind Inder, welche an einen oder mehrere Swahíli Vorschüsse geben, die nach der Rückkehr in Elfenbein ausgezahlt werden müssen. Araber betheiligen sich fast garnicht direkt am Massai-Handel, stellen den Karawanen jedoch vielfach ihre Sklaven als Träger und erhalten dafür einen Antheil von der Löhnung. Die Karawanen sind selten unter 100, oft bis 500 Mann stark und bestehen ausschliesslich aus Küstenleuten, die durchweg mit Vorderladern bewaffnet sind. In Taveta oder Aruscha lösen sich grosse Karawanen in kleine Abtheilungen von 100 bis 150 Mann, oft noch weniger, auf, die dann auf verschiedenen Routen ins Massai-Land vorrücken. Die Linien, welche hauptsächlich begangen werden, sind die folgenden:
Von Taveta oder Ukambani nach Kikuyu und Njemps am Baringo.
Von Aruscha über Ober-Aruscha nach Nguruman und Njemps.
Haben die Karawanen einen Inlandposten erreicht, so gründen sie meist ein befestigtes Lager, von dem aus sie Streifzüge nach der fernen Umgebung machen. Von Unter-Aruscha durchstreift man die Massai-Steppe bis Kiwaya hin, von Ober-Aruscha dringt man über Mutyek nach Elmarau und Ngoroïne vor. Von Nguruman werden Vorstösse nach Sonyo und Ndassekera gemacht und der Naivascha-See ist der Ausgangspunkt für die Routen über Mau nach Kavirondo und nach den Plateauländern von Lumbwa, Nandi und Kossowa. Die wichtigste Station bleibt jedoch Njemps, von der aus Reisen nach Kamassia und Kavirondo, sowie nach Leikipya und zum Rudolf-See unternommen werden.
Das Elfenbein, sowie die Nahrungsmittel, deren die Karawanen bedürfen, werden stets von den Eingeborenen gekauft, Gewaltthätigkeiten üben die Massai-Händler niemals aus. Sie sind im Gegentheil den Eingeborenen gegenüber stets der leidende Theil und haben unter Erpressungen und Räubereien schwer zu leiden. Ueberhaupt ist eine Massai-Reise stets ein sehr gewagtes Unternehmen. Wenn auch von Seiten der Eingeborenen, besonders der Massai, heute kaum mehr Gefahren vorliegen, so drohen doch Hunger und Wassermangel in den weiten unbewohnten Strichen und ein Drittel der Leute ist fast immer dem Untergange geweiht.
Ausser Elfenbein bringen die Karawanen stets auch einige Sklaven nach der Küste, meist Kriegsgefangene der Eingeborenen, die sie von diesen kaufen oder auch in seltenen Fällen rauben. Früher wurden fast nur Kavirondo- und Wakamba-Sklaven an die Küste gebracht, gegenwärtig, wo die Hungersnoth im Massai-Land wüthet, schliessen sich auch zahlreiche Massai den Karawanen an und werden an der Küste verkauft. Im Allgemeinen ist der Sklavenhandel der Massai-Karawanen ein ganz unbedeutender und fast völlig frei von den Gräueln des Sklavenraubes.
Das Erträgniss dieser Reisen wird mit jedem Jahre geringer. Im deutschen Massai-Gebiet ist das Elfenbein nahezu erschöpft und fast alles, was an die Küste gebracht wird, stammt aus der englischen Interessensphäre. Doch liegen drei wichtige Centren des Massai-Handels, Ober- und Unter-Aruscha und Nguruman im deutschen Gebiet, von welchem allerdings nur Unter-Aruscha im Machtbereich der Kilimanjaro-Station liegt.
Da die Stämme, mit welchen die Karawanen in Verbindung treten Baumwollzeug wenig schätzen, so besteht die durch sie vermittelte Einfuhr fast nur in Eisen- und Messingdraht und Glasperlen. Feuerwaffen und Munition haben sie niemals in irgendwie nennenswerthen Qualitäten eingeführt, wie denn überhaupt ihr Einfluss auf das materielle Dasein der Eingeborenen ein ganz unbedeutender ist. Es liegt dies hauptsächlich darin, dass sie niemals im Innern dauernde Niederlassungen gründen, während solche für die Händler der Tabora-Route charakteristisch sind. Auf letzterer bewegen sich auch ständig Handelszüge der Eingeborenen nach der Küste, während von solchen in den Massai-Gebieten keine Rede ist.
Auch für den Tabora-Handel, der in Bagamoyo und Sadani seine Hafenplätze hat, sind Inder die eigentlichen Unternehmer. Vor Allem spielt das grosse Sansibar-Haus Tarya Topan eine leitende Rolle, als deren Agenten die hervorragendsten Araber, wie Tippo-Tip in Manyema, Saïd bin Omar in Irangi u. A. zu betrachten sind. Die Karawanenführer, überhaupt die Leiter der Inland-Unternehmungen sind jedoch fast ausschliesslich Araber. Diese haben von jeher das Vorgehen befolgt: Inlands-Stationen zu gründen und von diesen aus ihre kommerzielle Verbindung auf die Umgebung auszudehnen, die dann zur Gründung neuer Niederlassungen führte. So wurden Usagara und Irangi, und später auch Tabora begründet.
Um das Jahr 1830 drangen die Araber über Usagara hinaus nach Unyamwesi, begründeten aber erst 10 Jahre später eine Niederlassung in Kigandu, etwa zwei Tagereisen nördlich vom heutigen Tabora. Etwa gleichzeitig wurde Msenne bei Urambo begründet, welches lange Jahre »die Hauptstadt der Küstenaraber und Swahíli« war. Burton, der Msenne 1858 besuchte, fand dort zahlreiche grosse Temben und Hütten im Küstenstyl und konnte sämmtliche Tauschwaaren erhalten. Weit unbedeutender war zu Burtons Zeit Kazeh, ein Ort, nach welchem 1852 die Niederlassung in Unyanyembe von Kigandu aus verlegt wurde. 1840 wurde von Msenne aus Ujiji begründet und erst 1846 das heutige Tabora, das Anfangs unwichtig, später alle anderen Niederlassungen überflügelte und lange Zeit der Centralpunkt des Handels war.
Diese Stationen sind nicht nur Handelsniederlassungen, sondern auch Mittelpunkte für die Elephantenjagd, das sogenannte Makua-Geschäft. Dieses besteht darin, dass ein Araber oder Swahíli mit einem oder mehreren Elephantenjägern in ein Vertragsverhältniss tritt. Die ersten Jäger, welche vom Sultan Seyid Saïd eingeführt wurden, waren Makua, und dieser Name hat sich auf ihre Nachfolger übertragen, obwohl sie allen Stämmen des Küstengebietes und Unyamwesi's angehören. Sie leben in kleinen Gruppen unter Anführung eines »Fundi« (Meisters), welcher den Jagdzauber fertigt von dem alles abhängig gemacht wird. Viele kommen Jahrzehnte lang nicht nach der Küste, manche sind sogar im Innern aufgewachsen, alle werden durch das Leben in der Wildniss zu rauhen, trotzigen Gesellen.
Der Unternehmer versieht diese Leute mit Pulver und Gewehren, dann gehört von jedem erlegten Elephanten ein Zahn den Jägern und einer dem Kaufmann. Auf ihr Elfenbein erhalten die Jäger jedoch meist zu wucherischen Bedingungen Vorschüsse in Bedarfsartikeln, Zeug u. s. w. und kommen aus den Schulden nicht heraus. Dabei wird der Beruf ein immer mühsamerer, denn die Elephanten ziehen sich begreiflicherweise immer weiter in unbewohnte Gebiete zurück und schwinden überhaupt sehr merklich. An Orten wo sie früher zahlreich waren, wie am Gurui-Berg, sind sie nahezu ausgerottet. Die Jäger aus Usagara und Irangi durchstreifen jetzt hauptsächlich die östliche Massai-Steppe und das Umbugwe-Gebiet, jene von Usukuma beuten das Wembere-Gebiet aus und wagen sich in die Nyansa-Gegenden, ja bis Unyoro vor. Von Tabora aus gehen Jäger bis in die Wälder Manyema's.
Neben der Elephantenjagd geht der Elfenbeinhandel, welcher die Jagdergebnisse der Eingeborenen erwirbt. Doch machen den Küstenhändlern darin die Wanyamwesi sehr bedeutende Konkurrenz. Die Gebiete westlich am Nyansa und bis Unyoro hin sind fast gänzlich in den Händen der Warambo, jene der östlichen Gebiete werden neuerdings von den Wasukuma planmässig ausgebeutet. Die Araber sind am Victoria-See fast ganz aus dem Felde geschlagen, und der einzige, der neben den Eingeborenen bestehen kann, ist der Irländer Stokes, der sich eben vollkommen der Wanyamwesi-Methode angepasst hat.
Jene Händler, welche sich mit dem Makuageschäft und mit Elfenbeinhandel im Gebiet zwischen der Küste und den Seen abgeben, betreiben nur wenig Sklavenhandel und keinen Sklavenraub. In Despotenstaaten wie Ussui und Karagwe, in Ländern fortwährender Fehden wie Unyamwesi, bietet sich stets Gelegenheit zum Ankauf von einzelnen Kriegsgefangenen oder Verurtheilten. Dass ihre Zahl jedoch eine geringe ist, kann man schon aus der verschwindenden Menge von Sklaven aus diesem Gebiet schliessen, die man an der Küste findet. Auf 1000 Sklaven aus Manyema kommt höchstens einer aus Uganda und Unyamwesi und die Zahl der Manyema-Sklaven ist wieder verschwindend gegen die Hochfluth von Menschenwaare aus dem südlichen Schutzgebiet, den Wahiao, Wangindo, Wanyassa u. A., welche die Hauptmasse der Sklavenbevölkerung in Sansibar und an der Küste bilden. In früherer Zeit mag der Sklavenhandel zwischen der Küste und den Seen grössere Ausdehnung gehabt haben. Irgend welche Gewaltthaten waren jedoch kaum jemals direkt damit verbunden. Stets wird der Sklave gekauft, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, dass die Händler die Eingeborenen zum Abfangen solcher verleiteten.
Ueberhaupt ist mit dem Eingeborenen-Verkehr zwischen Küste und Seegebiet ganz und gar nichts Gewaltthätiges verbunden. Die Träger erhalten einen Lohn und bestehen zum allergeringsten Theil aus unbesoldeten Sklaven. Nahrungsmittel werden gekauft und wenn auch einzelne Diebereien vorkommen, so ist doch sicher, dass die Karawanen in diesen Gebieten stets mehr von den Eingeborenen zu leiden hatten, als umgekehrt. Die Vorwürfe, welche in neuerer Zeit gegen die Missstände des Verkehrs erhoben wurden, scheinen mir daher, soweit sie die Eingeborenen-Karawanen betreffen, ziemlich unbegründet. Die Sicherung der Karawanenstrassen als Adern des Verkehrs wird daher mit Recht als eine der ersten Aufgaben der Kolonialverwaltung betrachtet. Damit wird auch der ohnehin unbedeutende Sklavenhandel schwinden.
Gegen die planmässige Ausrottung des Elephanten giebt es allerdings kein Mittel: denn welche Schutztruppe wäre im Stande den streifenden Jäger der Steppe zu kontrolliren? Das Einzige was geschehen könnte, wäre ein Verbot kleine Zähne, also solche der jungen Thiere, in den Handel zu bringen, ein Verbot, das durch Konfiskation solcher Zähne Nachdruck erhalten könnte. Die gleiche Maassregel wird im englischen Schutzgebiet geplant und würde den Vernichtungskrieg wenigstens etwas aufhalten.
Mit der Abnahme des Elfenbeins, mit dem Wachsen der Konkurrenz in Unyamwesi, wurde naturgemäss der Schwerpunkt des arabischen Handels von Tabora nach Westen, nach Ujiji, nach Manyema verlegt. Die Leute, welche jene fernen Gebiete erschlossen, waren fast ausnahmslos keine Maskater, sondern in Ostafrika geborene Araber, vielfach Mischlinge. Die erste Rolle spielte dort die von Tarya Topan abhängige Drei-Männer-Firma Tippo-Tip (Kasongo), Rumaliza (Ujiji) und Bwana Nsige (Stanley Falls).
Zum Unterschied von den Maskatern, die sich ausschliesslich mit Handel — sei es auch Sklavenhandel — abgeben, verüben die Manyema-Araber nur Raub. Der Unterschied ist auf den ersten Blick kenntlich. Denn in den Gebieten des Tabora-Handels im engeren Sinne, in Unyamwesi, Ussui, Karagwe und Uganda findet man grosse Mengen europäischen Baumwollzeuges, Gewehre und andere Produkte die nur der Handel eingeführt haben kann. Am Nordende des Tanganyika dagegen und am oberen Kongo bei den Stanleyfällen, also in Gegenden die von den Arabern seit Jahren ausgebeutet werden, fand ich kaum eine Glasperle, kaum einen Fetzen Zeug, was wohl den besten Beweis liefert, dass es sich hier nur um Raubzüge handelt.
Der Vorgang dabei ist bekannt. In neue Gebiete einfallend rauben die Banden der Araber Weiber und Kinder und lassen nur jene wieder los die mit Elfenbein ausgelöst werden. Die anderen sind der Sklaverei verfallen. Mit kluger Politik weiss man hierauf die Unterworfenen zu gewinnen und als Bundesgenossen gegen den Nachbarstamm zu verwenden. Die Banden wachsen immer mehr an, jeder Ackerbau wird unmöglich, dicht bewohnte Gebiete entvölkern sich und die elenden Ueberreste der Bevölkerung verkaufen sich selbst und ihre Kinder für eine Mahlzeit den Sklavenhändlern.
Dieser Zustand war in Manyema und am westlichen Tanganyika der stehende, auch am Ostufer des Sees wurden Razzias versucht, doch, der kriegerischen Bevölkerung halber, mit geringem Erfolg. Das Elfenbein und die Sklaven aus Manyema wurden über Tabora oder dessen Vorort Kwihara nach der Küste gebracht. So wurde Tabora immer mehr zur Durchgangsstation. Die Waaren von der Küste, das Elfenbein aus dem Innern, wurden dort aufgestapelt und die Sklaven bekamen jene Tünche des Swahílithums, die sie an der Küste unverdächtig machte.
Das Elfenbein, welches heute über Tabora nach Bagamoyo geht, kommt also zum allergeringsten Theil aus dem deutschen Interessengebiet, sondern aus dem Kongostaat, aus Manyema, und aus der englischen Sphäre in Unyoro und den Nachbargebieten. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass diese Quellen in nächster Zeit versiegen müssen. Mit eiserner Hand hat der Kongostaat, nachdem er Jahre lang eine abwartende Haltung eingenommen, nun plötzlich die Araberfrage nahezu gelöst. Durch die glänzendsten Siege, die jemals im tropischen Afrika erfochten wurden, ist die Macht der Sklavenjäger am oberen Kongo und bis zum Tanganyika hin gebrochen worden. Bei der erstaunlichen Thatkraft, welche die kommerziellen Kreise des Kongostaates, sowohl Holländer als Belgier, entwickeln, ist es kein Zweifel, dass der kriegerischen sehr bald die kaufmännische Eroberung folgen wird. Sobald nur die Kongobahn das riesige Wassernetz jener glücklicheren Gebiete dem Weltverkehr völlig erschliesst, wird man, durch die Konkurrenz getrieben, bald in Bana Kamba und am oberen Sankuru dieselben Preise für Elfenbein bezahlen wie in Sansibar und Bagamoyo, und kein Mensch wird mehr daran denken, sein Elfenbein auf dem langen Karawanenwege nach der Ostküste zu schleppen.
Noch eine andere Linie ist bestimmt die Tabora-Strasse völlig lahm zu legen: die Nyassa-Route. Sobald diese herrliche Wasserstrasse erst erschlossen und die schmale Strecke zwischen Tanganyika und Nyassa irgendwie zugänglich gemacht ist, wird der Verkehr bis ins Herz Afrika's dringen können. Länder, welche, wie Urundi und Ruanda, heute zu dem Ultima Thule des Tabora-Verkehrs gehören, werden direkt mit dem Handel in Berührung treten.
Wenn wir daher auf den Elfenbeinhandel der nächsten Zukunft einen Schluss ziehen wollen, so ist vor Allem die Thatsache nicht zu leugnen, dass das deutsche Interessengebiet heute schon verschwindend wenig Elfenbein liefert, dessen Menge alljährlich abnehmen wird. Das Elfenbein aus den englischen Gebieten, sowohl jenen im Massailand als jenen nordwestlich vom Nyansa werden die Engländer bald an ihre Hafenplätze abgelenkt haben, jenes aus Manyema fällt der Kongo- und Nyassa-Route zu. Es wird also in sehr naher Zeit nur der Karawanenverkehr der Wanyamwesi übrig bleiben, die in ihrem konservativen Sinne der Ostküste, speziell Bagamoyo, so bald nicht untreu werden. Doch haben ja auch diese keinen Born aus dem sie ewig Elfenbein schöpfen können, und wenn heute schon Tabora den Eindruck des Verfalls in hohem Grade macht, so wird es seine Bedeutung selbst als Durchgangsposten bald gänzlich verlieren.
Gerade aus dem Grunde, weil die jetzigen Produkte, Elfenbein und Sklaven, nicht von Dauer und daher wirthschaftlich bedeutungslos sind, scheint es mir verfehlt, in den gegenwärtigen Karawanenstrassen die Verkehrslinien der Zukunft zu suchen. Diese dürfen sich nicht nach den Produkten richten, die sind, aber nicht mehr lange sein werden, sondern nach jenen, die geschaffen werden sollen.
Von wild vorkommenden Produkten ist im Allgemeinen nicht viel zu erwarten. Von Schätzen des Mineralreiches wurde bisher noch nichts gefunden; die erhofften Salpeterlager im Massailand fehlen und an ihrer Stelle wurde Salz entdeckt. Im ersten Augenblick mochte man darüber enttäuscht sein, doch scheint mir, dass der Besitz reicher, vorzüglicher Kochsalzlager auch nicht zu verachten ist. Am Balangda-See in Mangati, in der Nyarasa-Steppe südlich vom Eyassi-See und in Uvinsa südlich von Uha trifft man Salz von ausgezeichneter Qualität, ja nahezu chemisch reines Kochsalz.[26]
Ungeheuere Gebiete des tropischen Afrika's, fast der ganze Sudan und Kongostaat besitzen kein Kochsalz, welches dort zu den werthvollsten Artikeln gehört und nur mangelhaft durch Bananenasche ersetzt wird. Uganda und Unyoro führten blutige Kriege um den Besitz einiger Salzlachen und zu den ersten Handlungen der Engländer in diesen Gebieten gehört die Beschlagnahme dieser Lachen, die ihnen nicht nur die kommerzielle, sondern theilweise sogar die politische Herrschaft dieser Länder sichern.
Dabei ist das Salz vom Albert-Edward-See sehr minderwerthig und hält keinen Vergleich mit den Salzen Deutsch-Ostafrika's aus. Heute schon spielen dieselben im lokalen Verkehr die grösste Rolle. Durch die Wildheit der Massai und Wataturu waren die Salze von Mangati und Nyarasa nur schwer zugänglich und manche Handelskarawane erlag den kühnen Räubern der Steppe. Dennoch führt ein breiter, ausgetretener Pfad von Meatu nach den Salzlagern, und das Nyarasa-Salz ist in ganz Usukuma und dem östlichen Nyansa-Gebiet verbreitet. Das Mangati-Salz versorgt hauptsächlich die Gegenden um Irangi. Noch wichtiger ist das von Uvinsa, das heute schon einerseits nach Tabora, andererseits nach Manyema exportirt wird und den einzigen Verkehr mit den wilden Warundi vermittelt.
Eine Beschlagnahme und wenigstens einigermaassen planmässige Ausbeutung dieser Salzlager wäre heute schon ein keineswegs aussichtsloses Unternehmen. Wer z. B. eine Wasukuma-Karawane zum Nyarasa schickt, dort Salz auflesen lässt und dasselbe über den Nyansa nach der Westküste des Sees oder nach Uganda verfrachtet, der könnte dabei zweifellos seine Rechnung finden. Dasselbe wäre bezüglich des Tanganyika mit dem Uvinsa-Salz der Fall.
Neben Salz bildet Eisen in Hackenform ein Hauptmittel des eingeborenen Verkehrs. Centren für dessen Erzeugung sind Usinja und Irangi, von wo die Hacken über ganz Unyamwesi und Ugogo verbreitet werden, doch kommt Eisen für den europäischen Handel natürlich nicht in Betracht.
Von wilden Produkten des Pflanzenreiches ist Kautschuk zu nennen, der zwar weniger reichlich als im Küstengebiet, aber doch besonders im westlichen Nyansagebiet in ziemlichen Mengen vorkommt. Das massenhafte Auftreten von Akazien in den Steppen macht das Vorkommen von Gummi arabicum wahrscheinlich und auch sonst lässt sich von der botanischen Durchforschung des Landes manches hoffen. Holz kommt in den Caesalpinien-Wäldern Unyamwesi's, sowie in den Urwäldern des Massai-Plateaus reichlich und in guter Qualität vor, hat jedoch in so entfernten Gebieten als Exportartikel keine Bedeutung. Die Thierwelt liefert ausser Elephantenhauern auch Nilpferdzähne und Rhinoceroshörner als unbedeutende Nebenprodukte. Straussfedern kommen gar nicht in den Handel, obwohl der Vogel im Massailand häufig genug ist.
Wenn auch die nähere Erforschung noch manches Rohprodukt zu Tage fördern wird, so wäre es doch verfehlt, darauf zu grosse Hoffnungen setzen zu wollen. Die Möglichkeit einer Entwickelung liegt einzig im Ackerbau. Im Küstengebiet, besonders in dem fruchtbaren Usambára, ist Plantagenbau unter europäischer Leitung das aussichtsvollste Unternehmen. Im Innern jedoch ist vorläufig an solchen nicht zu denken und es muss der eingeborene Ackerbau an seine Stelle treten. Dazu braucht man anbaufähiges Land und Menschen, welche dieses Land bebauen. An beiden ist kein Ueberfluss, aber doch genügend vorhanden.
Im Hinterlande der Küste bis zum grossen Graben erheben sich die fruchtbaren Gebiete insular als Gebirge aus den weiten, fast gänzlich werthlosen Steppen. An die Berglandschaften von Usagara, Unguu, Usambára und Pare schliesst sich im Nordwesten der Kilimanjaro und Meru. Spärlicher sind die fruchtbaren Inseln in der Massai-Steppe; fast nur die nächste Umgebung der Berggruppen des Sogonoi, des Kissale und anderer sind anbaufähig. Besser ist die Sohle des Grabens, wo nacktes Wüstenland mit fruchtbaren, wasserreichen Gebieten wechselt. Zu den schönsten Strichen gehört jedoch das Massai-Plateau mit Iraku und dem Guruiberg, ein prächtiges, wasserreiches Hochgebiet mit fettem Boden und üppiger Vegetation, im Norden völlig brach liegend, im Süden, in Iraku, reich bebaut. Unyamwesi, dem wirthschaftlich auch die östlichen Nyansa-Gebiete, die Umgebung von Irangi und das südliche Uha beizurechnen sind, ist vorherrschend trockenes Land und häufig von Steppen und Miombo-Wäldern bedeckt. Dennoch ist das Land, wie sich zeigt, überall anbaufähig und der unermüdliche Eifer der Bewohner weiss diesem kargen Boden reiche Ernte abzugewinnen. Die Hochländer zwischen Nyansa und Tanganyika sind vorherrschend fruchtbar und nähern sich, was Wasserreichthum und Ueppigkeit anbelangt, stellenweise sogar dem Massai-Plateau. In Ussui giebt es zwar steinige, dürre Striche, doch sind solche nur vereinzelt, das ganze Gebiet muss als gutes bezeichnet werden.
Die Erforschung des nördlichen Deutsch-Ostafrika hat also im Allgemeinen günstigere Ergebnisse geliefert, als sich erwarten liess. Die weiten Steppenstriche, die auf älteren Karten angegeben waren, schrumpfen immer mehr zusammen und wo wasserlose Wüsten erwartet wurden, stiess die Forschung auf prächtige Hochländer, die aussichtsvollsten der Kolonie.
Was die Bevölkerungsdichtigkeit anbelangt, so wird es mir schwer, darüber auch nur annähernde Angaben zu machen. Die Nomaden entziehen sich nahezu jeder Beobachtung, sehr erschwert wird eine Untersuchung in Gegenden, wo keine Dörfer, sondern nur verstreute Siedelungen bestehen, und auch da, wo Dörfer vorhanden sind, war mein Routennetz ein zu weitmaschiges, um Schlüsse auf das ganze Gebiet zu gestatten. Ein besseres Material konnte ich 1890 für Usambára und seine Nachbargebiete gewinnen. Auf dieses gestützt, kann ich diesmal nur Vermuthungen über die Bewohnerzahl des Inneren aussprechen.
Die Steppengebiete, überhaupt alle jene, die nicht ständig besiedelt, sondern nur von Nomaden durchstreift werden, sind natürlich sehr schwach bewohnt. Die Zahl von 2 Einwohnern auf 10 Quadrat-Kilometer, welche ich 1890 für die Steppenstriche des Küstengebietes erhielt, dürfte auch hier annähernd der Wirklichkeit entsprechen. Eine direkte, wenn auch nur rohe Schätzung konnte ich in den besiedelten Ländern des abflusslosen Gebietes ausführen. Dieselbe basirt auf der Schätzung für Umbugwe, wo ich ca. 300 Temben zählte, für welche man eine durchschnittliche Bewohnerzahl von 10 rechnen muss, da manche Temben von mehreren Familien bewohnt sind und bis zu 40 Insassen und darüber haben.
Die Zahlen für die anderen Landschaften wurden nach dem allgemeinen Eindruck der Tembezahl im Vergleich zu Umbugwe angenommen. Es wären danach anzusetzen: