TAFEL III

Manyara-See und der Simangori-Berg

Manyara-See und der Simangori-Berg.

Ausser meiner Karawane lagerte noch die des Swahíli Munyi Hatibu aus Tanga in Aruscha, die ebenfalls dem Massailande zustrebte und mit deren erfahrenen Leitern ich die Aussichten unserer Unternehmungen besprach. Stand doch die Expedition in Aruscha an einem Wendepunkt. Die Gegend zwischen der Küste und dem Kilimanjaro war mir von früher her genau bekannt und ist schon zum beliebten Tummelplatz für Sportsmen und Globetrotter geworden. Von nun an sollte die eigentliche Forschungsarbeit beginnen. Denn das Litemagebirge, das ich 1890 erstiegen, und das sich westlich von Aruscha erhebt, bezeichnete so ziemlich die Grenze unserer Kenntniss. Was dahinter lag war auf hunderte von Meilen unbekannt, unerforscht — ein weisser Fleck auf der Karte.

Lagerscene

Lagerscene.

 

Ohne Titel

[] II. KAPITEL.
Durch Massai-Land zum Victoria-Nyansa.

Die östliche Massai-Steppe. — Umbugwe. — Der Manyara-See. — Das Mutyek-Plateau. — Ngorongoro. — Der Eyassi-See. — Serengeti. — Ikoma. — Katoto.

Die Erkundigungen, welche ich bei vielgereisten Karawanenführern eingezogen, hatten mir die Ueberzeugung verschafft, dass ich, in Luftlinie von Aruscha zum Victoria-Nyansa haltend, mindestens 40 Tagereisen ohne Nahrung zurückzulegen habe. Dieser Umstand erschien mir stets als die grösste Schwierigkeit meiner Aufgabe. Während von anderer Seite die Massai-Gefahr als nahezu unüberwindliches Hinderniss für diese Route angesehen wurde, hielt ich diese für vollkommen unerheblich. Denn Swahíli-Karawanen und in neuerer Zeit auch Europäer durchziehen besonders in der englischen Interessen-Sphäre Jahr aus Jahr ein das Massai-Land, ohne dass die Massai — die eben nur Viehräuber sind — ihnen irgend welche ernste Schwierigkeiten bereiten. Dass sie selbst im schlimmsten Fall nichts weniger als unüberwindliche Gegner sind, ist auch schon oft bewiesen, und gerade jetzt, wo die Viehseuche sie dem Hungertode nahe brachte, erschienen mir alle Befürchtungen als einfach lächerlich. Die Karawane für 40 Tage zu verproviantiren, war jedoch nahezu unmöglich, und ich beschloss, einen Umweg nicht zu scheuen, um unterwegs einen bewohnten und Proviant liefernden Platz anzulaufen. Deren gab es nur zwei, im Norden Ober-Aruscha, im Süden Umbugwe. Ober-Aruscha war und ist Europäern stets feindlich gesinnt, ich konnte fast sicher darauf rechnen, dort angegriffen zu werden, wobei noch die Möglichkeit der Proviantbeschaffung zweifelhaft wurde. Von Umbugwe war nur bekannt, dass dort eine Swahíli-Karawane einmal niedergemacht worden und das Land seither sorgfältig gemieden wird. Auf beiden Routen sah ich mich also der Wahrscheinlichkeit eines Kampfes gegenüber, ich zögerte nicht, jene zu wählen, welche geographisch interessanter war: die über Umbugwe.

Nachdem ich derart über den einzuschlagenden Weg mir klar geworden, setzte ich am 17. Februar über den Ronga und brach am nächsten Tage in südwestlicher Richtung auf. Durch leicht ansteigendes Land mit Baobabs und hohen Schirmakazien zogen wir, zahlreiche tief einschneidende Wasserrisse überschreitend, längs der Ausläufer der Litemaberge nach Njoronyór (Sickerwasser), einer dem Berghang entströmenden Quelle, an welcher hohe Tamarinden und Baumeuphorbien gedeihen. Früher war dies eine beliebte Viehtränke der Massai, jetzt war kein Mensch zu sehen, nur ein abgemagertes, halb blödsinniges Massai-Weib wankte mit stierem Blick durch das Lager, die Ueberreste der Trägermahlzeiten sammelnd. Es war dies die erste jener schrecklichen Hungergestalten, die wir nun täglich im Massailande sehen sollten, und die, vom Honig der Waldbienen und von wilden Früchten lebend, einem sichern Tode entgegen gehen.

Am Morgen des 19. Februar erstiegen wir leicht die Höhe der Litema-Ausläufer, die sich jenseits sanft zur weiten Massai-Steppe abdachten. Ein offenes Grasland mit spärlichen Stachelbüschen öffnete sich unsern Blicken, aus dem in der Ferne, gleich Inseln, die felsigen Kuppen einzelner Berge auftauchten. Jede Spur eines Weges endete, und durch die charakteristischen Hügel als Landmarken geleitet, verfolgte unser kundiger Wegweiser Ndaikai durch dick und dünn seinen Pfad. Doch gab es wenig Hindernisse, nur ein kleines Kriechgewächs (Mbigiri) verursachte durch seine scharfen Kapselfrüchte den Leuten Schwierigkeit. Wir begegneten einem wandernden Trupp Massai, Krieger, Elmóruo und Weiber, alle ausgehungert und elend, mit Eseln, auf welchen Töpfe und allerlei Hauskram aufgethürmt war, mit einigen Ziegen und Schafen.

Abends erreichten wir nach mühsamem Marsche den Benne-Berg, dessen felsigen Klüften ein Rinnsal entströmt, in dem die Massai Tränketümpel abgedämmt haben. Dort fanden wir zwei Massaikinder, die, von ihrem Stamm verlassen, dem Hungertode nahe waren. Das eine von ihnen, ein Knabe, hatte merkwürdigerweise blaue Augen und blondes Haar, was sich zu seinem braunen Gesicht ganz sonderbar ausnahm. Gelabt schlossen sich beide der Karawane an und blieben von da ab unsere Kostgänger.

Zwischen Benne-Berg und Sogonoi dehnt sich eine fruchtbarere Mulde mit saftigerem Gras und reichem Baumwuchs aus, nach deren Durchschreitung wir wieder in die Steppe gelangten. Schon Vormittags trafen wir auf den Felsblock El Muti, in welchem sich ständige Wassertümpel finden, und lagerten unter einem hohen Baobab mit prächtigem Blick auf die felsigen Hänge des Sogonoi-Berges. Der 21. Februar brachte uns durch dornige, fast graslose Nyika zum Donyo-Lukutu, einem felsigen Bergkegel, an dessen Fuss ein kleines Gewässer klare, ständige Tümpel bildet. Wir fanden bei diesen einige Massai-Krieger mit ihren Nditos (junge Mädchen), welche sich Laubhütten erbaut und Ziegen geschlachtet hatten. Sie kamen von einem benachbarten Kraal und sahen ziemlich wohlgenährt aus. Einer der jungen Leute erklärte, sich uns anschliessen zu wollen, da er kein Massai, sondern ein geraubter Mnyamwesi sei, und keine Lust mehr habe, den Massai zu spielen. Da er auch im Typus von seinen Gefährten abwich, und diese die Richtigkeit seiner Angaben anerkannten, wurde er wirklich in die Karawane aufgenommen. Die Träger rasirten seine Frisur ab, wuschen ihn und gaben ihm einen Lendenschurz. Obwohl er fast gar kein Kinyamwesi mehr, sondern nur Massai sprach, lernte er doch unglaublich rasch Kiswahíli und wurde uns als »Mabruki Massai« noch recht nützlich.

Abends erstieg ich eine Felskuppe unweit des Berges, von der man einen weiten Ausblick auf die Steppe genoss, mit ihrem unendlichen Gefolge von dunklen Schirmakazien und lichten Grasflecken mit den scharfen Profilen der Kuppen, die daraus hervorragen, mit dem schneegekrönten Kilimanjaro und der dunklen Pyramide des Meruberges als grossartigen Hintergrund.

Bei der bisherigen Wanderung durch die Steppe war mir besonders der fast völlige Mangel an Wild aufgefallen. Im Jahre 1890 sah ich am Pangani und in der Umgebung von Aruscha ungeheure Heerden, allerdings in der trockenen Zeit, wo die Thiere sich in der Nähe der Wasserläufe aufhalten. Trotzdem zeigt die starke Abnahme hier die furchtbare Wirkung der Viehseuche, welche nicht nur Rinder, sondern auch Büffel, Gnus und Antilopen befiel und von allen Thieren nur Nashorn und Elephanten verschonte. Westwärts von Donyo Lukutu sah ich zum ersten Mal grössere Wildmengen, Antilopen und Zebras, auch eine Heerde Giraffen tauchte auf. Dort gab es noch Vertreter des Jägervolkes der Wandorobo, die sich meist scheu verbergen und nur selten mit Bogen und vergifteten Pfeilen aus dem Busch treten.

Das Land ist hier leicht gewellt, zwischen den grösseren Schwellungen liegen Mulden, die in der herrschenden Regenzeit Lachen oder dicken schwarzen Koth enthielten der besonders den Eseln das Durchkommen erschwerte. Täglich fielen von Mittag ab schwere Regengüsse herab, auch merkte man, dass wir unmerklich höhere Plateautheile erstiegen, denn es wurde oft empfindlich kalt. Vor uns tauchte die breite Bergmasse des Donyo Kissale auf; je mehr wir uns demselben näherten, desto welliger wurde das Land, das zahlreiche tiefe Wasserrisse durchzogen. Die Vegetation wurde reicher, an den Kuppen sah man saftigeres Gras und einzelne Laubbäume.

Am 26. Februar lagerten wir bei einem Bach am Donyo Kissale. Auch dort befanden sich ehemals zahlreiche Massai-Kraale, deren Spuren noch sichtbar waren. Wir sahen anfangs keinen Menschen, und erst Nachmittags fanden die herumstreifenden Träger einen sterbenden Elmoran, der verzweifelt mit den Händen nach Waldhonig wühlte. Er wurde gelabt und konnte erzählen, dass er sich auf einem — Raubzug befand, doch seien seine Gefährten schon sämmtlich verhungert. Natürlich blieb auch dieser Massai Gast der Karawane und hat die ganze Reise mitgemacht.

Westlich vom Donyo Kissale dehnt sich eine gänzlich pfadlose, durch Dorngestrüpp und sumpfige Wiesen schwer passirbare Wildniss aus. Wild gab es hier massenhaft und nicht selten hörte man beim Vortrab Schüsse: ein Nashorn hatte sich in blinder Wuth auf die Karawane gestürzt. Eine dieser Bestien konnte ich durch einen Blattschuss aus dem österreichischen Repetir-Karabiner erlegen.

Der Wassermangel, den wir gefürchtet, trat allerdings nirgends ein, im Gegentheil, wir wateten fast fortwährend im Sumpf, doch hatten wir nur schlechtes, fauliges Wasser zum Trinken, so dass die Fälle von Ruhr sich mehrten und ein Mann derselben erlag. Der erste Todesfall in der Karawane macht stets tiefen Eindruck, der ganze Ernst des Unternehmens tritt den Leuten klar vor die Augen, wenn mitten in der Wildniss der erste Todte in sein einsames Grab gesenkt wird.

Ich selbst, der ich es anfangs unterlassen hatte mein Trinkwasser abzukochen, hatte einen Ruhranfall, der sofort nachliess, als ich gekochtes Wasser trank. Ich führte es von da ab strenge durch, mir stets Trinkwasser für mehrere Tage im Voraus abkochen zu lassen und in einem filzumzogenen Fass mitzuführen.

Am 1. März lichtete sich der Busch, die Sümpfe endeten und wir betraten ein offenes Parkland. Spärlich begraste Wiesen bedeckten einen sandigen Boden: an den trockenen Wasserrinnen standen ungeheure Baobabs, umgeben von Akazien. Stellenweise erhob sich eine schlanke Borassus-Palme; im Westen tauchte ein dunkler Bergwall auf, in dem ich den Abfall der zweiten Plateaustufe, den Westrand des ostafrikanischen Grabens vermuthete.

Als wir in einem schönen Hain gelagert waren, machte uns Ndaikai die Mittheilung, dass wir morgen »Ol Mangati Ltoroto«, das Kriegsland Umbugwe, erreichen würden. Mzimba hielt eine Rede an die Träger, in der er sie zu Vorsicht und friedlicher Haltung ermahnte, vertheilte dann Munition und am nächsten Morgen zogen wir dem »Kriegslande« zu. Ndaikai hatte richtig wahrgesagt, nach wenigen Stunden erreichten wir einen Fusspfad — den ersten seit Aruscha — und begegneten bald darauf einem Weibe, das entsetzt ein Bündel Feuerholz wegwarf und spornstreichs in den Busch lief. Wir durchzogen hierauf einen Gürtel von Sorghum-Feldern und betraten bald darauf das Dorfgebiet von Umbugwe.

Vor unseren Blicken dehnte sich eine weite tischflache Ebene aus, auf welcher die viereckigen, kaum meterhohen Lehmbauten (Tembe, siehe Kopfleiste des Kapitels) der Eingeborenen, gleich Schachteln, verstreut waren. Dazwischen weideten grosse Heerden von Rindern, Eseln und Kleinvieh und den Hintergrund bildete der Steilabfall des Plateaus. Die Nachricht vom Anlangen einer Karawane hatte sich schon im Lande verbreitet; schlanke, wohlgebaute Krieger, mit Schild und zwei Wurfspeeren, kamen von allen Seiten an, und bald waren wir von einer dichten Menschenmenge begleitet. Kurz vor Betreten des Tembe-Gebietes wurden wir aufgehalten, da die Krieger, wie es hiess, erst den Geistern opfern wollten. Dazu brauchten sie vor allem Glasperlen, die wir ihnen des lieben Friedens halber gaben, dann schlachteten sie ein Schaf und bespritzten uns mit dem Mageninhalt, damit das Erscheinen des ersten Weissen dem Lande Glück bringe. Obwohl sie noch nie einen Europäer gesehen, schenkten sie mir doch keine besondere Aufmerksamkeit, hauptsächlich deshalb, weil mir ein allzugrosser Konkurrent für ihre Schaulust zur Seite stand: das Kameel, das unter Mohammeds Führung gravitätisch hinter der Karawane einherschritt.

Wir schlugen unser Lager beim Tembe des Häuptlings Mtakayko auf. Da wir in der völlig offenen Gegend natürlich keinen Dornzaun errichten konnten, so waren wir fortwährend von zahlreichen Kriegern umdrängt, die immer lauter ihren Wunsch nach »Mahongo« (Wegzoll) kundgaben. Ich liess ihnen mittheilen, dass ich ihnen Lebensmittel gern abkaufen wolle, versprach ihnen auch ein Geschenk, erklärte jedoch, dass ich dem Zwang eines Wegzolles (Mahongo) nicht Folge leisten würde. Sie schienen damit auch zufrieden, es kam sogar der Häuptling Mtakayko in schwer betrunkenem Zustande und erhielt ein kleines Geschenk, worauf die Weiber massenhaft Mehl und andere Nahrungsmittel brachten und zu sehr billigen Preisen verkauften. Schon hoffte ich, meine Absicht, mich in Umbugwe zu verproviantiren, in Frieden durchführen zu können.

Die Eingeborenen drängten sich inzwischen an meine Leute heran, brachten ihnen Pombe (Bier) und luden sie ein, mit ihnen in ihre Temben zu kommen. Obwohl ich streng verboten hatte das Lager zu verlassen, liessen sich doch einige Leute verleiten, mit den Wambugwe zu gehen und sogar die Nacht bei ihnen zu verbringen. Ich liess dieselben am nächsten Morgen aufs Empfindlichste züchtigen und hoffte dadurch dem Herumstreifen der Träger ein Ziel gesetzt zu haben.

Junger Mann aus Umbugwe

Junger Mann aus Umbugwe.

Am Morgen des 3. März kamen zahlreiche Weiber mit Proviant und es entspann sich ein lebhafter Handel. Einige Pangani-Leute, welche der seiner Zeit in Umbugwe zersprengten Karawane angehört hatten und fast gänzlich zu Wambugwe geworden waren, erschienen ebenfalls im Lager. So verlogen sie auch der lange Umgang mit den Eingeborenen gemacht hatte, so merkte man doch aus ihren Reden, dass nicht alles richtig sei. Thatsächlich wurde das Benehmen der Krieger immer erregter, die Askari konnten sie kaum vom Eindringen in unser Lager abhalten und mehrfache Prügeleien zwischen diesen und jungen Kriegern fanden statt.

Ich selbst litt an jenem Tage am Fieber und sass im Schatten des Tembe, als mir gegen 3 Uhr Nachmittags gemeldet wurde, dass sämmtliche Weiber plötzlich das Lager verlassen hätten und die Krieger sich um dasselbe schaarten. Einem der verwilderten Pangani-Leute, der eben spornstreichs davon lief, rief ich noch die Frage nach: was es gebe? Er antwortete: »die Wambugwe wollen Krieg!« und enteilte schleunigst.

Ich liess meine Mannschaft das beherrschende flache Dach des Tembe besetzen und blickte auf die zahlreichen braunen Gestalten, die wie in einem Ameisenhaufen, etwa hundert Schritte vom Tembe, durcheinanderliefen, wild schrieen, mit den Waffen drohten, und von Anführern offenbar zu einem Angriff geordnet wurden. Ich hielt es für unbedingt nothwendig, diesem zuvor zu kommen, liess daher meine Leute an den vier Seiten des Tembe antreten und hatte eben zum Laden befehligt, als einige Lagerälteste mit dem Ausdruck des Entsetzens auf mich zustürzten und mich beschworen, nicht zu schiessen, da einige ihrer Lagergenossen trotz des strengen Verbots zu Wambugwe-»Freunden« gegangen seien. In solchen Lagen ist rascher Entschluss nothwendig. Ich erwog daher, dass die verblendeten Leute unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielleicht gar nicht mehr am Leben seien und dass ein energischer Angriff der Wambugwe das Schicksal der Expedition möglicherweise gefährden, ein Zuwarten den Abwesenden aber doch nichts mehr helfen könnte. Ich befahl daher den Leuten, in die Eintheilung zu gehen und liess nach allen Seiten Salven auf die Kriegerschaar abgeben. Dieselben gingen zwar bei der noch geringen Uebung meiner Leute etwas zu hoch, doch fielen immerhin einige Gegner und die Wirkung war eine vollständige. Mit Windeseile liefen die eben noch so stolzen Krieger radienförmig nach allen Weltgegenden davon. Einige standhaftere Abtheilungen liess ich durch Schützen verjagen und begann dann sofort das Dorfgebiet nach den abwesenden Trägern zu durchsuchen. Eine Anzahl derselben fanden wir noch durch ein Wunder unverletzt; einer wurde mit schwerer Stichwunde im Unterleib aufgefunden und hauchte bald seinen Geist aus, acht Mann waren »vermisst«, d. h. in diesem Falle todt. Eine grosse Rinderheerde, die in der Nähe des Tembe weidete und eine andere, die sich im Tembe befand, wurden erbeutet, dazu noch zahlloses Kleinvieh und Esel.

Am Abend liess ich die Posten auf acht verstärken und auf das Tembedach aufstellen. Den Dienst hatte der Swahíli-Gefreite Hailala, doch ging auch der Sudanese Bahid mit ihm, die Posten zu visitiren und kam mir zu melden, dass sie richtig aufgestellt seien. Ich sehe den langen kohlschwarzen Dinka-Neger heute noch vor mir, wie er im Scheine des Lagerfeuers in strammer Haltung die Meldung machte. Konnte ich doch damals nicht ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal lebend gesehen! In der Nacht kam er nämlich auf den unsinnigen Gedanken, sich mit vier anderen dienstfreien Sudanesen aus dem Lager zu schleichen, offenbar um in den Temben der Wambugwe nach Pombe (Bier) zu suchen. Ein nächtlich in der Ferne abgegebener Schuss wurde von den Posten im Lager vernommen, die Abwesenheit der 5 Soldaten wurde konstatirt, eine Magnesiumfackel als Zeichen angezündet, Raketen stiegen auf, Trommel und Horn mussten ohne Unterlass ertönen. Aber Niemand kam.

Ich konnte nicht daran denken, vor Tagesanbruch Patrouillen zu entsenden, so bald jedoch die erste Dämmerung sich wahrnehmbar machte, übergab ich den Befehl über das Lager an Mzimba und zog bei feinem Regen durch die Ebene. Wir durchsuchten die zerstreuten Temben, was keine ganz ungefährliche Aufgabe war, da in dem stockfinsteren, von Verschlägen und Vorrathskörben erfüllten Innern leicht ein Gegner verborgen sein konnte. Es war begreiflich, dass die Askari unter diesen Umständen bei dem leisesten Geräusch Feuer gaben, wobei leider ein armes Weib erschossen wurde. Um Aehnliches zu verhüten, schlugen wir dann Löcher in das flache Dach der Temben, durch welche Licht eindrang, die Gefahr des Durchsuchens gemindert wurde, und wir einige Männer und Weiber antrafen und zu Gefangenen machten. In einem Tembe fanden wir ein Seitengewehr und einen blutigen, einem Sudanesen gehörigen Rock, in einem anderen einen mit frischem Blut gefüllten Topf. Diese Funde machten fast jede Hoffnung schwinden, dass die vermissten Sudanesen noch am Leben seien. Von ihren Leichen fanden wir jedoch keine Spur und begannen schon anzunehmen, dass die Wambugwe sie — wie ihre eigenen Todten vom vorigen Tage — fortgeräumt hatten, als wir auf Gruppen von Aasgeiern und Marabus aufmerksam wurden, welche mehrere von einander entfernte Punkte in der Ebene umkreisten. An diesen fanden wir die nackten, von Speerstichen zerfleischten, von den Geiern zerrissenen Leichen der fünf Soldaten. Alle waren im Rausch und offenbar ohne Gegenwehr erstochen worden; nur ein einziger, Mohammed Adam, ein herkulischer Bornu-Neger, hatte sein Leben theuer verkauft. Einen Gegner schoss er nieder — sein Schuss hatte uns bei Nacht alarmirt — einen zweiten erschlug er durch einen Kolbenhieb, bevor ihn der tödtliche Speer erreichte. Neben ihm lag, ebenfalls von Speeren durchbohrt, sein Hund, Pesa, ein räudiger afrikanischer Köter, für welchen der Mann eine kindische und oft bespöttelte Zärtlichkeit hatte — er war seinem Herrn in den Tod gefolgt.

Rasch senkten wir die Gefallenen in eine Grube und wandten unsere Schritte in trüben Gedanken dem Lager zu. Wohl hatten wir einen leichten Sieg über einen Volksstamm erkämpft, der bisher der Schrecken aller Gegner — die Massai nicht ausgenommen — gewesen war. Aber 14 unserer Leute waren erlegen, nicht sowohl den Speeren der Gegner als ihrer eigenen, wahnsinnigen Verblendung. So sehr dieser Verlust mir damals nahe ging, so ist es doch unbestreitbar, dass derselbe auf den Fortgang der Expedition von gutem Einfluss war. Denn nichts vermochte den Geist der Disziplin, die Ueberzeugung nur im blinden Gehorsam ihr Heil zu suchen, bei der Mannschaft so zu stärken, als die blutige Katastrophe in Umbugwe.

TAFEL IV

WAMBUGWE

WAMBUGWE

Mzimba hatte die kleinen Temben in der Umgebung des Lagers zerstören lassen, um freies Schussfeld zu bekommen, und die zahlreichen grossen und kleinen Zelte auf dem flachen Dach, mit den Gruppen bewaffneter Leute und der mächtigen Rinderheerde im Vordergrunde, boten einen abenteuerlichen Anblick. Eine Schaar Wambugwe-Krieger, die sich mit Kriegsgeschrei näherten, hatte Mzimba durch langsames, aber wohlgezieltes Feuer verjagt, selbst eine grosse Zahl älterer Leute, die vom Dach eines Tembe etwa 1000 Schritte Entfernung — also nach ihrer Ansicht ausser Schussbereich — das Lager betrachteten, wurden durch eine Kugel auseinander gesprengt.

Plötzlich zeigte sich am Rande der Ebene ein weiss gekleideter Mensch der ein Tuch schwang. Mzimba vermuthete sofort einen Swahíli, winkte auch seinerseits mit einem Tuch und der Mann kam ins Lager. Er entpuppte sich als der Elephantenjäger Mbaruk aus Pangani — meist Magati genannt — der südlich von Umbugwe gejagt hatte und auf den Lärm des Gefechts herbeikam. Die Wambugwe baten ihn dringend zu uns zu gehen um den Frieden zu vermitteln. Als Mbaruk zu ihnen kam, wollten die Wambugwe den Kampf erst fortsetzen, doch übte die in die Reihen ihrer Aeltesten auf so grosse Entfernung einschlagende Kugel, die einen angesehenen Mann traf, entscheidende Wirkung. Ich theilte Mbaruk, den ich im Lager fand, mit, dass ich gerne mit den Wambugwe Frieden schliessen wolle, falls die Gewehre der gefallenen Leute ausgeliefert und keinerlei Feindseligkeiten ihrerseits mehr unternommen, vor Allem kein Versuch gemacht würde uns die erbeutete Rinderheerde abzujagen. Mbaruk kehrte zu den Wambugwe zurück, die eine grosse Volksversammlung abhielten, während meine Leute an den ungeheuren Vorräthen sich gütlich thaten. Durch die 250 erbeuteten Rinder, waren wir jeder Sorge um den Proviant enthoben und war die Erreichung des Victoria-Nyansa für mich nicht mehr zweifelhaft.

Am Morgen des 5. März kam Mbaruk mit einigen anderen Makua (Elephantenjägern) und zwei zitternden Greisen als Abgesandten der Wambugwe. Dieselben brachten mir Grasbüschel als Friedenszeichen, stellten 10 der Gewehre zurück und behaupteten die anderen nicht mehr finden zu können. Ich erklärte mich damit zufrieden und übergab ihnen die Gefangenen bis auf zwei Männer, die ich als Wegweiser benöthigte. Die Makua waren hocherfreut über die Niederlage der Wambugwe, die sie stets durch Erpressungen und Räubereien gequält hatten, was jetzt ihrer Ueberzeugung nach, ein Ende hatte.

Am 6. März erschienen nochmals Wambugwe mit Friedensversicherungen, die ich beschenkte, ihnen auftrug, fernerhin Karawanen nicht mehr zu belästigen und ihnen versprach, das Land in Jahresfrist wieder zu besuchen. Dann brachen wir gegen Mittag mit grösster Vorsicht auf, da es mir doch undenkbar schien, dass die Wambugwe keinen Versuch machen würden uns die Heerde abzujagen. Wir nahmen den Tross, die Rinder und Packesel diesmal in die Mitte, zu beiden Seiten der Marschkolonne liess ich als Flankendeckung kleine Askari-Abtheilungen marschiren, welche die Temben nach etwa versteckten Gegnern absuchten. Ebenso wurde dem Vortrab die grösste Vorsicht eingeschärft. Doch es ereignete sich nichts, nur in der Ferne sahen wir die dunklen Gestalten der Eingeborenen umherlaufen. Unbehindert überschritten wir den Moburu-Bach und erreichten das Ufer des Kwou.

Dieser Fluss war so angeschwollen, dass die den Elephantenjägern bekannte Furth nicht passirbar war, der gefangene Mbugwe gab jedoch an, eine andere zu kennen. Am Morgen des 7. März führte er uns auch an eine buschbedeckte Uferstelle, welche ich erst durchsuchen liess bevor wir an den Fluss vorrückten. Ich liess sofort das jenseitige Ufer von Askari besetzen und der Übergang begann, bei dem das Wasser den Leuten bis an die Brust ging. Erst gegen Mittag war die ganze Karawane mit Esel und Rinder drüben und wir bezogen einige hundert Schritte weiter in dichtem, von Moskitos wimmelndem Gestrüpp, das Lager. Wie nothwendig die Vorsichtsmaassregeln gewesen waren, zeigte der Umstand, dass, sobald wir das Ufer verlassen, am jenseitigen grosse Mengen bewaffneter Wambugwe-Krieger auftauchten, die sich anschickten den Fluss zu überschreiten. Einige Wachtposten jedoch, die ich im Uferschilf verborgen zurückgelassen hatte, verjagten sie leicht, durch mehrere Schüsse.

Durch die Ereignisse in Umbugwe hatte die Expedition den Zuwachs einer Rinderheerde bekommen, die nun, fast während des ganzen weiteren Verlaufs der Reise, einen Bestandtheil derselben bildete. Unsere Massai, von Ndaikai bis zum kleinen blondköpfigen Lalagiréh waren darüber ganz glücklich, lagen stundenlang an den Eutern und sogen die lange entbehrte Milch. Beim Marsch pflegte Ndaikai, dessen Führerpflichten jetzt erledigt waren, mit einer Kalebasse vorauszugehen und durch Klopfen auf dieser, sowie durch scharfes Pfeifen die Leitrinder zu locken. Die Heerde selbst wurde von den übrigen Massai, deren Zahl sich später vermehrte, sowie durch Askari getrieben, lief vortrefflich und machte uns weit weniger Mühe als die Esel. Abends bekamen Rinder und Esel einen abgegrenzten Raum in der Einzäunung. Ihr Schnauben und Stampfen war Nachts zwar manchmal störend, doch reichlich entschädigte mich dafür der Genuss von frischem Rindfleisch, von Milch und Butter, die jetzt in der Karawane niemals ausgingen. Für die Bedürfnisse der Mannschaften wurden täglich vier Rinder geschlachtet.

Durch hochbegrastes, pfadloses Land ging es am 8. März nordwärts zwischen dem versumpften, von Borassuspalmen gesäumten Kwou und dem Abfall des Gebirges, dessen Saum lichter Wald bedeckte. Nach wenigen Stunden erreichten wir das Südende des Manyara-Sees, den wir von Umbugwe aus undeutlich wahrgenommen und der nun als weite, glänzende Fläche vor uns lag. Der See ist ein Salzsee, weisse Krusten bedecken die lehmigen Ufer, doch zeigen Schneckenschalen und ungeheure Schwärme von Flamingos und Silberreiher an, dass er reiches thierisches Leben enthält. Längs des Westufers, dem wir entlang wanderten, zieht sich ein flacher sandiger Wiesenstreifen, worauf dichte Wald- und Unterholz-Vegetation bis zum nahen Fuss des Abfalls reicht, der theils bewaldet, theils hoch begrast ist. Mehrere klare Bäche entströmen den Bergen und münden in den See. Am 10. März kamen wir an einer heissen, stark nach Schwefel riechenden Quelle vorbei, die zwischen Schilf entspringt und sich in den See ergiesst. Das jenseitige Ufer des Manyara ist flach und wüstenhaft, im Nordosten ragt der langgestreckte Simangor-Berg auf, im Norden sieht man den abgestutzten Kegel des Geleï und in der Ferne den Dongo-Ngai.

Am 11. März erreichten wir das Nordende des Manyara, dessen Strand mit Treibholz, Vogelknochen, Schneckenschalen, sowie von einer dichten schlammigen grau-weissen Salzablagerung bedeckt ist. Der See selbst erscheint stellenweise wie gefroren durch die glänzenden Salzschichten die auf den Sandbänken aufliegen. Wir lagerten unter schönen Akazien am Fusse des hier kaum 100 m hohen Abfalles in anscheinend völlig menschenleerer Wildniss.

Am 12. März hatten wir eben unser Lager verlassen und waren in die offene Steppe gezogen, als plötzlich aus dem Walde hinter uns einige hundert Krieger mit blitzenden Speeren hervorbrachen, die mit wildem Geschrei auf uns zurannten. Wir hielten sie zuerst für Wambugwe die gekommen waren, uns einen Abschiedsbesuch abzustatten und feuerten auf sie, anscheinend ohne Jemand zu treffen, worauf sie schleunigst kehrt machten und eiligst gegen Süden davonliefen. Erst dann erkannten wir aus dem Kriegsschmuck, dass es gar keine Wambugwe, sondern Massai waren, die es offenbar auf unsere Rinderheerde abgesehen hatten, jedoch auf so warmen Empfang nicht gefasst waren. Es ist ja sicher, dass der Anblick so vieler Rinder auf die ausgehungerten Massai so wirken musste wie auf einen Verschmachtenden der einer dampfenden Schüssel, und wir konnten daher darauf rechnen, den Besitz unserer Heerde nicht ruhig geniessen zu können. Nach landläufigen Swahíli-Begriffen galt es überhaupt als unerhörtes Wagniss, mit einer Rinderheerde das Massailand zu passieren, da diese die Begierde der Viehräuber aufs Höchste anreizen musste.

Wir überschritten zwei ansehnliche, dem Manyara zufliessende Bäche, und zogen in der Senkung zwischen dem Plateauabfall und Simangor-Berg durch staubige, fast vegetationslose Nyika nordwärts. Zahlreiches Wild, Strausse, Antilopen und besonders viele Nashorne tummelten sich in der Ebene, letztere waren durch Schwärme kleiner weisser Vögel erkennbar, die über ihrem breiten Rücken flatterten. Der Plateauabfall wird hier sehr steil und sein Obertheil ist von schroffen Felswänden gebildet, in welche die Wasserrisse einschneiden. Bei der Ausmündung eines derselben liegt an klarem Bache unter schönen Bäumen der Marago (Lagerplatz) Leïlelei, der von Massai und Karawanen benutzt wird. Hier trafen wir mit der Route zusammen, die von Ober-Aruscha kommend nach Elmarau führt und früher ziemlich oft von Karawanen begangen worden ist. In neuerer Zeit geschah dies seltener, da die Massai von Mutyek und Serengeti als besonders bösartig galten. Dennoch hatte wenige Wochen vor uns ein Swahíli (Munyijumah Kitubui) aus Tanga den Weg von Elmarau über Leïlelei—Ober-Aruscha nach der Küste mit nur 50 Mann zurückgelegt, was gewiss beweist, dass die Gefahr der Massai-Route keine nennenswerthe ist. Ein bedenklicher Umstand waren freilich unsere Rinder, und der Dolmetsch Kiburdangop, der den Weg aus Erfahrung kannte, schien in Hinblick auf diese keineswegs siegesgewiss.

Der 13. März war dem mühsamen Anstieg auf das Plateau gewidmet. Ueber den mit mächtigen Basalt-Klötzen bestreuten Hang führt ein schmaler Viehpfad der Massai, auf dem die Leute ganz gut, sehr schwer aber die Esel und das Rindvieh fortkamen, sodass wir nach langen Mühen erst gegen Abend die prächtige Plateauhöhe erreichten. Dort entschädigte uns ein herrlicher Blick auf den glänzenden Manyara-See, der hier in seiner ganzen Ausdehnung mit dem steilen Westufer und dem fernen Ufiomi-Berge im Süden sichtbar ist, und mit dessen Entdeckung eine der Aufgaben der Massai-Expedition gelöst war.

Eine prächtige, kühle Luft erfrischte uns auf der Höhe, klare Bäche rauschten zwischen den zart begrasten Hängen: im Norden tauchten dunkle, waldbedeckte Höhen auf. Am nächsten Morgen machten wir nur einen kurzen Marsch und lagerten am Lmorro-Bach, wo wir uns einen Tag aufhielten um die Lasten theilweise umzupacken. Der Verlust an Mannschaft in Umbugwe machte sich fühlbar, auch hatten unsere Packesel durch den Stich der Ndorobo-Fliege gelitten. Dieses Insekt hält sich an Wasserläufen auf und wird Eseln dadurch gefährlich, dass es dieselben in den After sticht, was Schwellungen und den Tod herbeiführt. Unsere Rinderheerde erforderte dringend neue Kräfte als Treiber und unsere Lasten hatten nicht wesentlich abgenommen.

Um sie zu verringern wurden die Zeuglasten etwas schwerer gemacht und einzelnes Zeug als Vorschuss an die Leute abgegeben. Dennoch war noch zuviel da und ich kam zu dem Beschluss, Lasten fortzuwerfen, da sonst die Reise verzögert und der Erfolg in Frage gestellt worden wäre. Wir machten also eine Grube und versenkten darin Glasperlen, Messingdraht, allerlei Spieldosen und anderen Flitterkram, von dem es gut ist wenn man ihn in Afrika hat, und eben so gut, wenn man ihn nicht hat. Dann schütteten wir die Grube zu und zündeten nach dem Rezept Kiburdangops ein Feuer darauf an, dessen Asche den Platz selbst nach Jahren noch erkenntlich macht.

Nun hatten wir unsere gewohnte Beweglichkeit wieder und es blieb übrig die gefallenen 5 Askari aus den Reihen der Träger zu ergänzen. Schon längst hatte ich für solchen Fall Leute angemerkt, die mir durch besondere Tüchtigkeit aufgefallen waren, darunter einen Namens Bakari Juku, der besonderer Erwähnung verdient. Er war ein echter Digo, der nur mangelhaft Swahíli sprach, ein untersetzter Bursche von ungewöhnlicher Körperkraft. Zwischen seinen breiten Schultern sass, fast ohne Hals, ein dicker kohlschwarzer Kopf, dessen Gesicht bedenkliche Aehnlichkeit mit einer Flusspferd-Physiognomie besass. Aus diesem Antlitz, das durch zahllose Pockennarben keineswegs verschönt wurde, blickten ein paar so kühn unternehmende Augen, dass sie unwillkürlich für den Burschen einnahmen. Er hat sich denn auch als Askari glänzend bewährt: wo es einen Sturm oder sonst ein tolles Unternehmen gab, war Juku immer Allen voran. Dabei war er von unermüdlicher Arbeitskraft, hat er doch einmal, als Noth an Mann war, zwei Lasten auf dem Kopf und einen kranken Kameraden auf dem Rücken, stundenweit getragen!

Der Manyara-See vom Mutyek-Plateau

Der Manyara-See vom Mutyek-Plateau.

Die neuen Askari wurden also eingekleidet und am 16. März der Marsch über das Plateau fortgesetzt. Sehr unangenehm war für uns der Mangel eines Wegweisers, da Ndaikai hier völlig fremd war und auch Kiburdangop sich an die Details der Route nicht mehr erinnerte. Solange es über offene grasige Kuppen ging, war die Aufgabe verhältnissmässig einfach, doch es sollte ein Wald vor uns zu passiren sein und dazu bedurften wir unbedingt eines Führers. Wie gerufen kamen uns daher zwei Elmoran, die am Murerá-Bach plötzlich auftauchten und wie sie sagten, durch den Geruch unserer Rinder angelockt worden waren. Dass wir so liebe Gäste nicht mehr losliessen, bedarf kaum der Erwähnung. Einer der beiden Krieger war der Leigwenan (Anführer) der jungen Leute von Mutyek, ein auffallend hübscher Bursche mit feinen, anziehenden Gesichtszügen und schlankem, tadellosem Körperbau. Er erzählte uns, dass seine Leute gerade auf einem Kriegszuge gegen Umbugwe begriffen seien und fragte uns, ob wir denselben nicht begegnet seien. Wir dachten sofort an den Zwischenfall am Manyara-See und meinten, dass wir allerdings die »flüchtige« Bekanntschaft dieser Herren gemacht hätten. Gewaltig imponirte dem Leigwenan, dass wir die Wambugwe, mit welchen die Massai nie fertig werden konnten, besiegt und ihnen so viel Vieh abgenommen hatten. Er wurde hierauf unser begeisterter Freund und trug uns sogar an, mit ihm ein Kompagniegeschäft im Viehrauben zu gründen. Natürlich hatte er noch niemals einen Weissen gesehen. Er hatte keine Ahnung, dass ich der Vertreter einer anderen Rasse sei, sondern hielt mich, wie dies auch Dr. Fischer geschah, für eine Abart der Küstenneger. (Laschomba neïbor = weisse Küstenneger).

Am Morgen des 17. hatten die rüstig voranschreitenden Krieger bald einen rothen Viehpfad gefunden, der durch prächtige Grashalden bergan ging und uns in dichten tropischen Hochwald führte. Verfilzte Krautvegetation und zahlreiche Nesselpflanzen bedeckten den Boden; die einzelstehenden dicken, aber nicht sehr hohen Bäume waren an der Windseite mit Moosen und Flechten bedeckt und umrankt von zahllosen Schlingern. Wir bezogen mitten im Walde am murmelnden Bach, den prachtvolle Schmetterlinge umgaukelten, ein Lager. Gegen Abend fielen dichte Nebel nieder und es wurde empfindlich kalt.

Auf stets gutem Viehwege, der von förmlichen Mauern dichten Krautwuchses eingesäumt ist, ging es am 18. März weiter durch den Bergwald. Von 9 Uhr an durchzogen wir ein offenes, von kleinen sumpfigen Bächen durchzogenes Grasland mit eingestreuten reizenden Waldgruppen. Gegen Mittag sahen wir uns plötzlich am Rande eines Steilabfalles und blickten in den oblongen Kessel von Ngorongoro hinab, eine alte Kraterruine, deren Westseite ein kleiner See einnimmt, und deren grasige Sohle von zahlreichem Wild belebt ist. Wir stiegen steil zum Kessel ab und lagerten am Rande des Abfalles. Die Zelte waren noch nicht aufgeschlagen, als der Kameeltreiber Mohammed ganz verstört erschien und meldete, das Kameel sei sterbend zusammengebrochen. Dieses treffliche Thier hatte in der letzten Zeit am Manyara und in der heissen Steppe nördlich davon sichtlich zugenommen. Das kalte Plateau jedoch und gar der feuchte Urwald waren zu viel für das arme Wüstenschiff, es bekam Bluthusten und schleppte sich nur mit Mühe vorwärts. Ich war daher über Mohammeds Mittheilung keineswegs erstaunt und gab ihm einige Leute mit, um das Kameel vielleicht noch durchzubringen. Doch wenige Stunden später kam der Araber sehr betrübt und übergab mir die Halfter des Kameels: die treue Bestie hatte ausgelitten. Es war wirklich rührend, wie sehr Mohammed sich diesen Verlust zu Herzen nahm, er wurde förmlich trübsinnig und magerte sichtlich ab.

Abends umschlichen einzelne Massai-Krieger das Lager, wohl mit der Absicht, Vieh zu stehlen, doch verging die Nacht bei verstärkten Posten ruhig. Früh gings durch die leichtgewellte Senkung sanft bergab, dem Seeboden zu. Der schwarze Humus der Mulde war schön begrast, doch stellenweise mit vulkanischem Gerölle bedeckt. Zahlreiche Massai-Elmoran gaben uns im Morgennebel das Geleit, prächtige, malerische Gestalten mit ihren bunten Schilden und glänzenden breiten Speeren. Auch der Laibon (Zauberer) von Ngorongoro erschien in einem Mantel aus Affenfell. Die Leute benahmen sich keineswegs unverschämt, denn der Leigwenan hatte sie schon darüber belehrt, dass mit uns nicht zu spassen sei. Sie waren ziemlich wohlgenährt und besassen noch einiges Kleinvieh, auch lieferten die Wildmassen der Ebene ihnen Nahrung. Diese waren wirklich grossartig: in Heerden tummelten sich Antilopen, langmähnige Gnus und leichtfüssige Zebras, einzeln oder zu zweien tauchten die breiten Rücken der Nashorne auf. Obwohl ich nichts weniger als ein grosser Nimrod bin, erlegte ich doch an diesem Tage ein Gnu und drei Nashorne, welch' letztere wir den Massai überliessen. Von den benachbarten Kraals, die sich als dunkle Kreise aus der Grasfläche hoben, kamen Schaaren meist magerer, kahlköpfiger Massai-Weiber, im Eisenschmuck rasselnd, um sich Fleisch zu holen.

Im Schatten eines riesigen Baumes, unweit eines Wäldchens schlugen wir das Lager auf. Stets herrschte in diesen Höhen eine kühle angenehme Luft, besonders Mittags, wenn die Sonnenstrahlen den feuchtkalten Morgennebel durchbrachen, war der Aufenthalt ein köstlicher und nichts erinnerte an die Tropen. Die einzige Unannehmlichkeit waren zahlreiche Fliegen, die bei den Massai eine der ägyptischen ähnliche Augenkrankheit erzeugen.

Für einen Jäger wäre dieser Lagerplatz ein paradiesischer gewesen. In der Nähe des Wäldchens hausten zahlreiche Perlhühner, deren ich mir einige zum Frühstück erlegte, in einem Tümpel grunzten Flusspferde und in der weiten Ebene tummelten sich ungeheure Wildmassen, die sehr wenig scheu waren, obwohl sie von Wandorobo und neustens auch von Massai viel gejagt wurden. Diese erlegten das Wild meist mit dem Speer, theils indem sie Gnus, die nicht sehr schnell laufen, verfolgten und sie niederstiessen, theils indem sie sich schlangenähnlich an schlummernde oder grasende Nashorne heranschlichen und ihnen die Waffe in den Leib rannten.

Wir hielten einen Rasttag in Ngorongoro, den ich zur Besichtigung einiger Massai-Kraals benutzte. Ich fand dort die freundlichste Aufnahme. In dem Hof, den die niedrigen, lederbedeckten Zelthütten umgaben, riefen mir die Elmoran, die Krieger ihr »Sowai!« zu; vor den Hütten kauerten Greise mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und Nditos (Mädchen) mit glänzenden schwarzen Augen lugten, behangen mit Eisen- und Glasperlenschmuck, aus dem Innern hervor. Mein ständiger Begleiter bei diesen Spaziergängen war der Leigwenan, den ich durch das Geschenk eines Kalbes glücklich gemacht hatte. Um den Dornzaun unseres Lagers sammelten sich inzwischen Schaaren jener Jammergestalten, die jetzt für das Massai-Land bezeichnend sind. Da waren zu Skelette abgemagerte Weiber, aus deren hohlen Augen der Wahnsinn des Hungers blickte, Kinder die mehr Nacktfröschen als Menschen glichen, »Krieger« die kaum auf allen Vieren kriechen konnten und stumpfsinnige, verschmachtende Greise. Diese Leute verzehrten Alles: gefallene Esel waren für sie ein Schmaus, aber auch Knochen, Häute, ja selbst Hörner des Schlachtviehs verschmähten sie nicht. Ich liess den Unglücklichen nach Kräften Nahrung geben und die gutmüthigen Träger theilten ihre Rationen mit ihnen; aber ihr Appetit war unersättlich und immer neue Hungrige kamen herbeigewankt. Sie waren Flüchtlinge aus Serengeti, wo die Hungersnoth ganze Distrikte entvölkert hatte, und kamen als Bettler zu ihren Landsleuten in Mutyek, die selbst kaum genug zu essen hatten. Schwärme kreischender Geier folgten ihnen nach, ihrer sicheren Opfer harrend. Täglich bot sich uns von nun an der Anblick dieses Elends, zu dessen Linderung wir doch kaum etwas thun konnten. Eltern boten uns ihre Kinder zum Verkauf gegen ein Stückchen Fleisch an und wussten dieselben, als wir solchen Handel ablehnten, geschickt beim Lager zu verstecken und sich aus dem Staube zu machen. Bald wimmelte die Karawane von solchen kleinen Massai und es war rührend, zu beobachten, wie die Träger sich dieser armen Würmer annahmen. Kräftigere Weiber und Männer verwendete ich als Viehhirten und errettete dadurch eine ganze Anzahl vom Hungertode.

Massai-Kraal

Massai-Kraal.

Am 21. März zogen wir im Ngorongorokessel weiter, vorbei an einem Wandorobo-Lager, dessen Umgebung mit Wildabfällen bestreut war, um welche sich Raben, Marabus und Geier zankten. In einem schönen Akazienwald unweit des Sees lagerten wir. Die Ebene vor uns beherbergt wieder zahlreiche Rhinozerosse, darunter prachtvolle, schneeweisse Exemplare, deren ich eines erlegte. Mzimba zog Nachmittags zum ersten Mal im Leben auf die Jagd und schoss ein Nashorn. Auch andere meiner Leute haben im Laufe der Expedition mehrfach Nashorne erlegt, da die Jagd dieser Thiere keineswegs so besonders schwierig und gefährlich ist, als es nach den Berichten der Berufs-Nimrode erscheinen könnte. Vor Allem ist das Nashorn nicht sehr scheu und wenn der Wind nur halbwegs günstig ist, so kann man sich ohne Weiteres bis auf 30 Schritte nahen, ohne dass es sich stören lässt. Um auf 30 Schritte ein Rhinozeros zu treffen braucht man gerade kein hervorragender Schütze zu sein, und wenn die Kugel in den Oberleib oder (mit dem kleinkalibrigen Gewehr) in den Kopf einschlägt, so fällt das Thier meist ohne Weiteres. Verwundet man es an einer anderen Stelle, so läuft es entweder davon, und zwar so schnell, dass eine Verfolgung selten Erfolg hat, oder es greift den Jäger an. Dieser Moment wird von den Nimroden meist besonders grell ausgemalt. Ihre Begleiter laufen gewöhnlich davon und nur der Nimrod hält dem anstürmenden Koloss Stand. Das klingt sehr gefährlich, der »anstürmende Koloss« ist aber so gut wie blind, ein Schritt auf die Seite genügt und er rast vorbei, bleibt dann stehen und blickt sich verwundert nach dem Jäger um, der ihm dann in aller Ruhe von nächster Nähe eine zweite Kugel in den Leib jagen kann.

TAFEL V

HUNGERNDER MASSAI

HUNGERNDER MASSAI

Gegen Abend kamen Wandorobo ins Lager, die uns geheimnissvoll meldeten, dass die Krieger eines benachbarten Kraals einen Ueberfall auf uns beabsichtigten. Ich zweifelte zwar sehr daran, dass Jemand einen solchen wagen könnte, liess aber dennoch die Dornverhaue besonders sorgfältig anlegen und Nachts die Posten verstärken.

Kaum hatte ich mich in mein Zelt zurückgezogen, als ein Schuss krachte. Alles lief an die Einzäunung, das Magnesium-Licht, das für solche Zwecke stets bereit war, flammte auf und zwei splitternackte Massai-Krieger wurden gefangen genommen, die versucht hatten, in den Viehkraal einzudringen. Wir begannen nun wirklich an die Möglichkeit eines Ueberfalls zu denken, doch ereignete sich nichts ähnliches mehr, nur einige Hungergestalten näherten sich dem Lager, auf welche die Posten ohne sie zu erkennen in der Dunkelheit Feuer gaben. Am nächsten Morgen sah ich zu meinem tiefsten Bedauern zwei dieser Unglücklichen von Kugeln durchbohrt vor der Einzäunung liegen. Neben ihnen stand ein langer hagerer Greis mit wirrem, weissen Haar, der uns wüthende Flüche zurief. »Ihr schwelgt in Milch und Fleisch,« sagte er, »und schiesst auf uns, die wir vor Hunger sterben. Seid verflucht!« Ich liess dem Armen ein Stück Fleisch geben, dass er mit thierischer Gier roh verschlang, um dann in seinen wilden Ausbrüchen fortzufahren. Die Karawane hatte sich schon entfernt und immer noch tönte das Geschrei des Unglücklichen hinter uns her.

Wir stiegen auf gutem Viehweg den steilen Westhang des Kessels hinan und erreichten das Plateau von Neirobi. Dasselbe hat 2400 m Seehöhe; lange Nebelstreifen ziehen über die mit saftigem Grün bedeckten Weiden in welchen einzelne knorrige, mit Flechten behangene Bäume verstreut sind. An lichter gefärbtem Gras und dichtem Brennesseldickicht waren alte Massai-Kraals erkennbar, deren Bewohner jetzt gänzlich verschwunden waren oder als Verhungernde umherirrten. Einige derselben schlossen sich uns wieder an. Das Massai-Element fing überhaupt an, in der Karawane zuzunehmen und es war komisch zu sehen, wie rasch der stolze Elmoran sich in »Laschomba« (Swahíli) mit Fez und Lendentuch verwandelte. Sogar eine ganze Familie zog mit, bestehend aus Mutter, einer hübschen jungen Tochter, zwei halbwüchsigen Jungen und einem Säugling, der fast garnicht schrie und mit Kuhmilch gefüttert wurde.

Am Morgen des 23. März zogen wir leicht bergan über das kalte, neblige Plateau von Neirobi, stets durch prächtiges Weideland, dessen fetter Boden von tief eingetretenen Viehwegen durchschnitten ist. Zu unserer Linken stiegen grasige Kuppen auf. So schön und fruchtbar das Land auch war, so wirkte die ewige Folge niedriger Graswälle doch eintönig, um so mehr als nichts eine Veränderung ahnen liess.

Plötzlich merkte ich eine Bewegung an der Spitze der Karawane, die Leute stellten ihre Lasten nieder und deuteten gegen Süden. Ich beschleunigte meine Schritte und konnte einen Ruf des Erstaunens nicht unterdrücken als ich auf der Kuppe angelangt war. Zu unseren Füssen lag, von steilen, felsigen Hängen eingesäumt, eine ungeheure Spalte, ein Graben im geologischen Sinne, bei dem man förmlich sah, wie ein Stück des Plateaus 1000 Meter weit abgerutscht war. An der Sohle dieses Grabens lag, von sandigen Ufern umgeben, ein blauer See, dessen südlicher Verlauf mit dem Horizont verschwamm. Am Westufer stiegen die Randberge des Serengeti-Plateaus auf, an das Ostufer schloss sich eine Reihe paralleler Ketten an, die in den Iraku-Bergen gipfeln, welche als lange Mauer am Horizont stehen. Ueber diese erhob sich, fast genau im Süden, ein mächtiger, dunkler Kegelberg. Es war, wie ich später erfuhr, der Gurui-Berg, den ich schon in Umbugwe gesehen, aber durch die vorgelagerten Berge nicht in seiner Bedeutung erkannt hatte. Der See, welcher sich in der Tiefe ausdehnte, wurde von den Massai Eyassi-See genannt. Er ist auch ein Salzsee, doch grösser als der Manyara und das Sammelbecken jener Wasserläufe Unyamwesis, die dem Wembere-System angehören. Dies war mir schon damals zweifellos und wurde später direkt nachgewiesen.

Wir schlugen unser Lager auf einer beherrschenden Kuppe am Rande des Steilabfalles auf und von meinem Zelt aus genoss ich den herrlichen Anblick des sonnenbestrahlten Sees, den ich als erster Europäer schaute. Am 24. März unternahm ich mit einigen Askari und einem Massaiführer den Abstieg zum See. Pfadlos kletterten wir durch vegetationsreiche Schluchten, überschritten Bäche und gelangten schliesslich an den letzten sehr steilen Abfall, der dicht mit Aloë, Euphorbien und Stachelgestrüpp bedeckt war. Auch durch dieses Dickicht erkämpften wir unsern Weg, mussten eine fast senkrechte, sandige Tuffwand überschreiten und gelangten bei glühender Hitze Nachmittags an einen Bach am Seeboden. Ein heftiger Fieberanfall nöthigte mich, dort zu verbleiben und ich sandte einige Askari zum nahen Seeufer um Salz- und Wasserproben einzusammeln. Von Moskitos gequält, von zahlreichen Hyänen umheult, verbrachten wir die Nacht am Bach und stiegen am nächsten Tage auf besserem Wege durch ein schönes, von Phönixpalmen erfülltes Thal zur Höhe. Schon unterwegs begegneten wir Leuten vom Lager, die ausgezogen waren, uns zu suchen, da man uns schon Tags vorher zurück erwartet hatte. Im Lager wurden wir mit Freudengeschrei empfangen, da man schon ernstlich um uns in Sorge gewesen war und die Leute baten mich dringend, keinen Ausflug mehr, und sei es der kleinste, ohne ihre Begleitung zu machen.

Durch welliges Land mit dunklem, lehmigem Boden auf dem viel Klee gedieh, gings am 26. weiter zum Njogomo-Bach der dem Eyassi-See zufliesst. Am 27. stiegen wir über eine Höhe und dann sanft ab zur weiten, fast baumlosen Ebene von Serengeti. Dieselbe hat weit weniger schönes Weideland als Mutyek, ist sehr sanft gewellt und von flachen Thalrissen durchzogen. Hier lagen einige Massai-Kraals zerstreut in deren Nähe Ziegen weideten. Während wir vorbeizogen, kamen alte Leute, Elmoruo, an und riefen uns zu, dass die Krieger mit uns Frieden halten wollten falls wir ihnen einen Tribut an Rindern geben würden. Wir antworteten durch Mabruki Massai, den Findling von Donyo Lukutu, dass uns unter diesen Umständen an einem Frieden nichts gelegen sei. Mabruki, der ja selbst Elmoran gewesen, und die Sitten der Massai natürlich genau kannte, erklärte, dass die Krieger uns nun bestimmt angreifen würden. Thatsächlich kamen einige hundert Leute auch bald mit geschwungenen Speeren hinter uns hergelaufen. Es wäre mir nun ein Leichtes gewesen, über diese Krieger einen »glänzenden Sieg« zu erringen, den Kraal zu »stürmen« und die Ziegen zu erbeuten, ich bemitleidete jedoch diese Hungerleider, die in ihrem Raubanfall nur dem Gebote des Magens folgten und begnügte mich, sie durch einige wohlgezielte Kugeln zu verjagen. In 5 Minuten war kein einziger mehr zu sehen. Die Karawane hatte ihren Marsch keinen Augenblick unterbrochen. Das war unser einziges »Gefecht« mit Massai, den blutgierigen, furchtbaren Räubern, deren Gebiet, »nur mit 1000 Europäern« passirbar ist.

Die Bodenschwellungen verschwanden bald gänzlich und über eine leicht geneigte, staubige Ebene ging es abwärts. Wild, welches am Neirobi-Plateau spärlich gewesen, war hier wieder in grossen Mengen sichtbar, in langer Reihe, gleich einer Kavallerie-Abtheilung liefen Strausse mit Windeseile durch die Steppe. Bei einem einzelnen, Wasserlöcher enthaltenden Felshügel, Duvai, lagerten wir und waren bald von zahlreichen Wandorobo umgeben, die hier in grösserer Zahl leben. Sie waren hier keineswegs jener elende Pariastamm, als welchen man diese Jäger sonst kennen lernt, sondern ein schöner, hochgewachsener Schlag und mit ihren kräftigen Bogen und vergifteten Pfeilen keineswegs zu verachtende Gegner. Die Jagd schützt sie vor dem Hunger, ja manchmal unternehmen sie auch Raubeinfälle in das bewohnte Gebiet von Usukuma und treiben Vieh fort, welches sie jedoch nicht züchten, sondern sofort schlachten. Gegen uns benahmen sie sich freundlich und mit Leichtigkeit bekam ich hier Sprachproben dieses merkwürdigen Jägervolkes.

Der nächste Tag führte uns durch flaches, von seichten, meist wasserlosen Senkungen durchzogenes Land. Eine derselben enthielt den kleinen Salzsee Lgarya, dessen Ufer von zahlreichen Flamingos belebt ist. Dichte Staubwolken begleiten hier den Gang der Karawane, die Schirmakazie, jener echte Nyikabaum trat auf, wir waren wieder im Steppenland.

Gegen Mittag des 29. März verschwanden auch die Akazien und wir zogen durch eine weite, fast völlig baumlose Grasebene, eine richtige Prairie, aus welcher im Nordwesten die flache Kuppe Kiruwassile auftauchte. Selbst Wild war in dieser Einöde selten, doch begegnete man auf Schritt und Tritt Gnu-Sceletten, von Thieren, die der Seuche erlegen waren. Unser Ziel bildete eine einzelne Akazie, die wir stundenweit vorher sahen und an deren Fuss sich Löcher mit lehmigem Wasser befanden. Der Marsch war ein besonders anstrengender gewesen, da die Leute ausser ihren Lasten auch Brennholz mitnehmen mussten, welches es in dieser Graswüste nicht giebt.

Die Wirkung der langen Märsche, sowie jene der ungewohnten Fleischnahrung machte sich bei der Mannschaft überhaupt schon geltend. Die Pangani-Leute allerdings, die an Massai-Reisen gewöhnt sind, hielten sich vorzüglich, die aus Bagamoyo dagegen litten schwer. Selbst grosse Portionen konnten ihren an Pflanzenkost gewöhnten Magen nicht sättigen, Fälle von Entkräftung verbunden mit ruhrartigen Zuständen traten ein. Dann ergriff einzelne Leute ein Zustand völliger Muthlosigkeit, sie legten sich am Wege nieder und erklärten sterben zu wollen. In solchen Fällen that Mzimba mit ein paar Kurbatschhieben oft Wunderwirkung: der Sterbende erhob sich und marschirte weiter. Anders freilich war es, wenn es einem der Leute gelang, sich abseits von der Route im Grase zu verbergen, wo er ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser dalag, den Tod erwartend. Im Lager wurde er natürlich vermisst und Askari, die keine Müdigkeit kennen durften, ausgesandt ihn zu suchen. Meistens wurden solche Leute aufgefunden und gerettet, in manchen Fällen aber brach die Nacht herein, die Askari kamen unverrichteter Sache zurück und wenn draussen die Hyänen ihr grässliches Konzert begannen, wussten wir, dass unser Kamerad verloren war.

Am 30. März hatten wir den tafelförmigen Kiruwassile-Berg erreicht, dem eine Kette kleiner Granithügel vorgelagert ist, zwischen deren mächtigen Felsblöcken Euphorbien und Stachelgestrüpp gedeihen, und lagerten an dem klaren Wassertümpel eines Baches. Durch Parkland ging es am folgenden Tage weiter, wo manchmal röthlicher Granit zu Tage tritt, dessen Platten durch viele Sprünge zerrissen sind, so dass der Boden wie gepflastert aussieht. Steil stiegen wir eine Plateaustufe ab und gelangten in schön begrastes, fruchtbares Land, in dem einige verlassene Wandorobo-Grashütten die einzigen Spuren menschlicher Siedelung sind. Einzelne Sorghum-Pflanzen und Kalebassen-Geranke, das wild dazwischen wächst, wurde mit Freuden begrüsst, zeigten sie uns doch die Nähe kultivirter, ackerbautreibender Distrikte an. Am trockenen, tief eingerissenen Lossergasch-Bach, der schon dem Nilsystem angehört und den Oberlauf des Simiyu bildet, schlugen wir unser Lager auf. Die Massaiführer sagten uns, dass Ikoma, oder wie sie es nennen, Elmarau, eine von Waschaschi bewohnte Landschaft, nur noch zwei Tagereisen entfernt sei: wir beschlossen daher alles aufzubieten, um rasch dahin zu gelangen. Denn täglich mehrten sich die Todesfälle durch Entkräftung, zwei, drei Mann brachen unterwegs zusammen und andere schleppten sich nur noch schwer fort. Alle Askari trugen Lasten und mühsam keuchte die Karawane auf dem sonnenglühenden Pfad vorwärts. Das Land war arm an wasserführenden Bächen, von zahllosen Regenschluchten durchfurcht und theilweise mit dichtem Dorngestrüpp bewachsen. Nachmittags entdeckten die scharfen Augen der Träger am Horizont saftig grüne Parthien: es waren die Felder von Elmarau. Doch konnten wir sie an diesem Tage nicht mehr erreichen und waren noch einmal auf Fleischdiät angewiesen.