[] III. Orthoptera.

Bestimmt vom Hofrath Brunner von Wattenwyl.

Blattodea.

Mantodea.

Phasmodea.

Acridiodea.

Tettigidae.
Tryxalidae.
Oedipodidae.
Pyrgomorphidae.
Pamphagidae.
Acridiidae.

Locustodea.

Pseudophyllidae.
Conocephalidae.
Heterodidae.
Gryllodea.

[] IV. Hymenoptera.

Bestimmt von Franz Kohl.

[] V. Rhynchota.

Bestimmt von Anton Handlirsch.

[] VI. Diptera.

Bestimmt von Professor Friedrich Brauer.

Tabanidae.

Bombylidae.

Asilidae.

Muscaria.

 

[] V. Das Watussi-Rind.

Von Dr. Leopold Adametz,

O. ö. Professor an der K. K. Universität in Krakau.

Auf seiner letzten Reise, in den Jahren 1891-1893 beobachtete Herr Dr. O. Baumann auf den 1500-2000 Meter hoch zwischen dem Tanganyika und Victoria-Nyansa gelegenen Plateau-Landschaften eine durch ungeheuere Hörnerentwickelung ausgezeichnete Rinderrasse. Dieselbe erweckte sein Interesse um so mehr, als östlich von dem geschlossenen Verbreitungsgebiete dieser Rasse durchaus nur die gewöhnlichen ostafrikanischen Zebus gehalten werden. Dr. Baumann fand diese Rasse namentlich in dem westlich von dem Victoria-Nyansa gelegenen Urundi und Ruanda, ferner in Ussui und Karagwe. Sie ist eine den Watussi- (Wahuma-) Stämmen charakteristische Rinderrasse.

Auf Grund der mir von Herrn Dr. O. Baumann freundlichst zur Verfügung gestellten Notizen, Photographien und eines wohlerhaltenen aus Urundi stammenden Stierschädels, liefere ich im Folgenden die Beschreibung dieser interessanten Rasse. Durch dies Material war ich in die Lage versetzt, ohne Schwierigkeit die Stellung dieser Rasse im zoologischen Systeme und die Zugehörigkeit derselben zur Sanga-Gruppe festzustellen.

Das Rind ist nach europäischen Begriffen von mittlerer Grösse, einfarbig röthlich bis dunkelbraun vorwiegend kastanienbraun und besitzt ein ähnlich dunkelpigmentirtes Flotzmaul. Desgleichen sind auch die übrigen, dem Auge zugänglichen Schleimhäute pigmentirt. Das Deckhaar ist kurz, ziemlich dicht gestellt und glänzend.

Der Höcker ist bei Kühen namentlich oft nur schwach entwickelt, wie dies auch die nach einer Photographie angefertigte Abbildung (pag. 85) erkennen lässt. Auf derselben ist der Höcker nach Dr. Baumann auffallend stark entwickelt, derselbe ist sonst oft kaum wahrnehmbar. Nur in gutem Ernährungszustande befindliche Stiere zeigen ihn.

Die feinknochigen Extremitäten zeigen nur mässige Muskelentwicklung und besonders die sogenannte Hosenparthie erscheint auffallend leer.

Am Brustkorb fallen die weiten Rippenzwischenräume auf. Das Euter der Kühe ist nur sehr mangelhaft entwickelt womit die äusserst geringe Milchergiebigkeit im Einklange steht.

Der charakteristischeste Theil des ganzen Thieres ist der selbst bei Kühen mit ungeheueren Hörnern versehene Kopf. Derselbe erscheint gegen die Schnauze zu schwach zugespitzt und zeigt eine mächtig entwickelte ziemlich breite Stirne, von welcher die gewaltigen Hörner ausgehen. Der Verlauf derselben ist zunächst nach seitwärts oben gerichtet, während die Spitzen nach rückwärts und gewöhnlich auch etwas nach innen gewendet endigen.

Nicht nur der Verlauf der Hörner, über welchen übrigens die Abbildung (pag. 239) die beste Auskunft giebt, sondern weit mehr noch ihre ungeheuere Dickenentwicklung bedingt das charakteristische Aussehen dieser Rinderrasse. Auch bei dem ungarischen Steppenrind findet man ja oft Hörner von nahezu 1 Meter Länge; stets bleiben diese jedoch verhältnissmässig dünn und schlank. Beim Watussi-Rinde hingegen beträgt der Umfang an der Hornbasis 40-50 cm. Diese charakteristische Beschaffenheit des Hornes findet man nur bei den in Abessinien und den Galla-Ländern verbreiteten Sanga- oder Senga-Rindern wieder, mit welchem das Watussi-Rind, wie speciell aus der weiter unten mitgetheilten vergleichend osteologischen Betrachtung seines Schädelgefüges hervorgeht, identisch ist.

Früher war man der Meinung, dass die reine grosshörnige Sanga[35]-Rasse nur in Abessinien und den Galla-Ländern vorkommt. Das grosse centralafrikanische Verbreitungsgebiet dieser Rasse erlangt daher besonderes Interesse, welches durch die von allen Reisenden beobachtete auffallende Aehnlichkeit erhöht wird, welche zwischen den Vieh züchtenden Watussi-Stämmen und den Abessiniern besteht.

Was die Hornentwicklung der echten abessinischen Sanga anbetrifft, welche ich des Vergleiches wegen anführe, so zeigt ein von Salt dem »Museum of the Surgeons« geschenktes Gehörn folgende Maasse:

An der Aussenseite gemessen
Hornlänge
118,0 cm
Abstand der Spitzen von einander 101,0 cm
Hornumfang 38,0 cm.

Thiere mit besonders grossen Hörnern sollen speciell die südlich von Endesta wohnenden Galla züchten und Salt berichtet über ein Gehörn, welches bei 120 cm Länge 53 cm Umfang an der Basis besass. — Jerom Lobo erwähnt sogar eines Sanga-Hornes, welches 11 Liter fasste.

In Anbetracht der ganz eigenartigen, bei keiner anderen Rinderrasse wiederzufindenden Hornentwicklung des Sanga-Rindes kann es füglich nicht Wunder nehmen, wenn dieselbe von manchen Reisenden als die Folge eines Krankheitsprozesses angesehen wurde. — So behauptete z. B. Bruce (citirt nach Vasey) die grossen Hörner seien die Folge einer durch die Weiden und das Klima bedingten, mit dem Tode des Thieres endigenden Krankheit. Nach dem Genannten treiben die Eingeborenen, welche die grossen Hörner sehr schätzen, jene Thiere, welche die ersten Symptome des Leidens zeigen, auf die besten und ruhigsten Weideplätze. Nichtsdestoweniger magerten dieselben allmählich derart ab, dass sie »kaum mehr Fleisch genug um ihre Knochen zu bedecken« besässen und schliesslich nicht mehr im Stande seien, den Kopf mit seinen gewichtigen Hörnern zu erheben, wonach sie endlich der Tod von ihren Leiden erlöse.

Dem früher bereits genannten Reisenden Salt, der die ersten Sanga in den Galla-Ländern sah, gebührt das Verdienst, die Unrichtigkeit dieser Behauptung festgestellt und bewiesen zu haben, dass die mächtige Hornentwicklung auf einem vollkommen normalen Vorgang beruhe und dieser Rasse eben eigenthümlich sei.

Immerhin wäre es eine äusserst interessante Aufgabe, an Ort und Stelle nach den Ursachen zu forschen, welche diese eigenartige, die Thiere entschieden häufig benachtheiligende Hornentwicklung veranlassen konnten, besonders, da wir sie als Folge künstlicher, von Seiten des Menschen ausgeübter Zuchtwahl nicht unbedingt ansehen dürfen, weil wir aus den Angaben Stanley's und Keller's wissen, dass die Hirten ihren Thieren in manchen Gegenden, wie in Nkole häufig die Hörner abbrennen oder stutzen, um ihnen ein leichteres Eindringen in die Dickichte zu ermöglichen. In den von Dr. Baumann besuchten Gebieten geschieht dies allerdings nirgends.

Der Schädel des Watussi-Rindes erscheint in Folge der stark entwickelten, allmählich in die mächtigen Hornzapfen übergehenden Stirne nach unten zu verschmälert. Zwischen dem stärker entwickelten Stirntheile und dem sich verschmälernden, schwächer entwickelten Gesichtstheile des Schädels besteht ein auffallender Unterschied. Von der Seite aus betrachtet (im Profil) erscheint der Schädel in Folge der gewölbten Stirnpartien schwach geramst.

Wenn wir mit den bei Betrachtung des Kopfes zu allererst in die Augen fallenden gewaltigen drehrunden Hornzapfen beginnen, welche dem Kopfe das charakteristische Aussehen verleihen, so wäre zu erwähnen, dass dieselben ohne eigentliche Stiele, vielmehr durch allmähliche Verjüngung der seitlich oberen Stirnpartien entstehen. — Tiefe, mächtig ausgeprägte Längsfurchen und zahlreiche Knochenwärzchen bedecken die Oberfläche der knöchernen Hornzapfen. Dennoch kommt es nicht zur Ausbildung jenes aus dichtgestellten Wärzchen bestehenden Kranzes an der Basis der Hörner, wie dies z. B. beim Bos primigenius (Thür) und seinen Abkömmlingen der Fall zu sein pflegt.

Die den knöchernen Hornzapfen entsprechenden, einen Meter Länge und darüber messenden Hornscheiden sind ebenfalls drehrund und mit Ausnahme der etwas dunkleren Spitze hornfarbig. — An dem vorliegenden Schädel zeigt die Hornsubstanz eine eigenthümlich faserige Beschaffenheit, ist rauh und besitzt die Neigung sich auszufransen. Diese Hornbeschaffenheit kommt nach Dr. Baumann's Beobachtungen der ganzen Watussi-Rasse normaler Weise zu.

Der obere Rand des Stirnwulstes verläuft nicht etwa mehr weniger horizontal, oder aber dachförmig, wie bei den europäischen Rinderrassen, sondern halbmondförmig; derartig, dass die horizontal gemessene Zwischenhornlinie mit diesem oberen Rande des Stirnwulstes ein Segment bildet.

Der Stirnwulst selbst, am vorliegenden Schädel 6 cm hoch, zeigt stets eine überaus starke Entwicklung.

Die Stirnplatte ist schwach nach aussen vorgewölbt, weist jedoch sonst keine wesentlicheren Unebenheiten auf. Namentlich fehlt hier die für viele Rinderrassen so charakteristische Aushöhlung im unteren Theile der Stirnplatte zwischen den Augenhöhlen. Desgleichen findet sich auch nicht die leiseste Andeutung eines Stirnbeinkammes. Die convergirend verlaufenden Supraorbitalrinnen sind oberhalb der oberen Augenlinie tief eingegraben; von da an beginnen sie seichter zu werden und reichen, nur mehr schwach kenntlich, bis zum Thränenbein. — Mit der Hinterhauptfläche bildet die Stirnbeinfläche nahezu einen rechten Winkel.

Die Thränenbeine sind ziemlich breit und zeichnen sich durch den fast in einer Geraden verlaufenden Rand aus. Die untere mediane Spitze der Thränenbeine befindet sich nahezu in der Mitte der Nasenbeinlänge. An jenem Punkte, in welchem das Thränenbein, Stirnbein und Nasenbein zusammenstossen, findet sich eine kleine Knochenlücke. Der Bau der Thränenbeine ähnelt somit ganz entschieden dem der europäischen Brachyceros-Rassen.

Schädel des Watussi-Rindes (Seitenansicht)

Schädel des Watussi-Rindes (Seitenansicht).

Die an ihrem Ursprunge breiten Nasenbeine verjüngen sich allmählich und endigen mit je zwei ganz kurzen Spitzen. Die auf diese Weise am vorderen Rande der Nasenbeine entstehende Bucht ist daher nur sehr seicht. Im Gegensatze zu anderen Rinderrassen weist der laterale Rand beider, nur eine flache Rinne bildender Nasenbeine, etwa in der halben Länge eines jeden eine starke Einbuchtung auf. — Am Wangenbeine fällt die starke Entwicklung des ziemlich deutlichen, eine dreiseitige Pyramide bildenden Wangenhöckers auf. — Die Nasenäste der Zwischenkiefer sind, was das Verhältniss ihrer Entwicklung zu den übrigen Schädelknochen (namentlich zur Gesammtkopflänge) anbelangt, ähnlich geartet wie bei den typischen Rassen der europäischen Brachyceros-Gruppe; sie sind nämlich äusserst kurz und reichen nicht nur bis an die Nasenbeine heran, sondern endigen im vorliegenden Falle sogar 2,1 cm unterhalb des seitlichen Nasenbeinrandes.

Die Augenhöhlen sind seitlich gestellt und ziemlich seicht; nie röhrenförmig. Die schmalen oberen Augenbögen liegen tiefer als der zwischen ihnen befindliche mittlere Theil des Stirnbeines. Legt man etwa in der Mitte der Augenbogengegend ein Stäbchen quer (senkrecht) zur Medianlinie des Schädels, so kommen die Augenbögen unter der so gebildeten Horizontalen zu liegen, d. h. wir finden in diesem Theile des Schädels ein ähnliches Verhältniss wieder, wie es für Bos primigenius und dessen reinblütigen Nachkommen, dem Steppenvieh, so charakteristisch ist.

Schädel des Watussi-Rindes

Schädel des Watussi-Rindes (Vorderansicht).

Die Schläfengrube, am vorliegenden Schädel 5,5 cm tief, ist verhältnissmässig schmal. — Die Hinterhauptfläche ist ganz ähnlich wie bei den echten Primigenius-Rassen Europas verhältnissmässig niedrig; sie beträgt in Prozenten der Hinterhauptsenge ausgedrückt nur 106,8 pCt.

Der Unterkiefer, welcher ebenfalls grosse Bedeutung für die Lösung der Frage nach der Rassenzugehörigkeit gehabt hätte, stand leider nicht zur Verfügung, da er beim Transport zur Küste in Verlust gerathen war.

Für die Bestimmung und Beurtheilung der Rinderrassen ist bekanntlich eine eingehende Betrachtung des Zahnbaues von grosser Wichtigkeit. Dieselbe ergiebt, dass wir es beim Watussi-Rinde mit einer sehr einfachen Bauart des Schmelzgerüstes und der Marken der Zähne zu thun haben. Der Verlauf der Buchten und die Form der Marken ist verhältnissmässig wenig komplicirt und erinnert merkwürdigerweise in manchen Stücken sehr an jene der Brachyceros-Gruppe. Wie dort so findet man auch hier die an der Medianseite der Oberkieferbackzähne befindliche grosse Schmelzfalte nur schwach entwickelt und von sehr einfachem Verlaufe. Am dritten (d. i. letzten) Molar-Zahn des Oberkiefers des vorliegenden Stierschädels ist diese Falte sogar vollkommen verschwunden. Dort, wo sich dieselbe sonst von der Medianseite des Zahnes ablöst, findet sich eine schmale, ziemlich tief nach dem Inneren des Zahnes zu sich erstreckende Bucht; in Folge dieser Einschnürung erscheint der ganze Zahn deutlich in eine vordere und hintere Hälfte getheilt.

Als besonders auffallend wäre hier ferner zu erwähnen, dass, wenn man afrikanische Rinderrassen zum Vergleiche herbeizieht, der Zahnbau des Watussi-Rindes am vollkommensten mit dem des schwachgehörnten oder ganz hornlosen Somali-Rindes übereinstimmt. Diese nicht zu übersehende Aehnlichkeit des Zahnbaues zwischen diesen beiden afrikanischen Rinderrassen ist deshalb so bemerkenswerth, weil dieselben sonst hinsichtlich des Körperbaues etc. so ungeheuer von einander verschieden sind.[36]

Aus den mitgetheilten charakteristischen osteologischen Verhältnissen ist mit Bestimmtheit zu ersehen, dass das Watussi-Rind dem abessinischen Sanga-Rinde nahe verwandt ist. Sehr auffallend ist hierbei die Thatsache, dass in inniger Mischung am Schädel solche Formen auftreten, welche für unsere europäischen grosshörnigen zur Primigenius-Gruppe gehörigen Rinderrassen charakteristisch sind neben anderen, welche wieder nur bei typischen Brachyceros-Rassen vorkommen. Während z. B. der Schädeltheil des Kopfskelettes fast vollkommen die Merkmale echter Primigenius-Rassen besitzt, finden wir am Gesichtstheile derselben und ferner an den Zähnen diejenigen der Brachyceros-Gruppe auftreten.

Nach den Erfahrungen Baumann's, Stanley's und anderer ist der wirthschaftliche Nutzen dieser Rinderrasse kein besonders grosser.

Das Fleisch des Watussi-Rindes schmeckt nach Baumann schlechter als das des ostafrikanischen Zebus und soll ein eigenthümliches, offenbar durch grobfaserigen Bau und Armuth an intermuskulärem Bindegewebe bedingtes, als »schlüpfrig« bezeichnetes Gefühl beim Kauen hervorrufen.

Hinsichtlich der Milchleistung lauten die Erfahrungen ebenfalls sehr ungünstig. Nach Baumann's Beobachtungen beträgt der durchschnittliche tägliche Milchertrag einer Kuh höchstens einen Liter; desgleichen erwähnt auch Stanley, dass die Thiere namentlich in Anbetracht ihrer Grösse und der guten Weideverhältnisse nur recht wenig Milch liefern. Die Milch des Watussi-Rindes gilt jedoch für wohlschmeckender als jene der ebenfalls nicht viel besser melkenden ostafrikanischen Zebus.

Wie bei den meisten im halbwilden Zustande lebenden Rindern hält es auch bei dieser Rasse schwer, die Kühe zu melken, da dieselben unter gewöhnlichen Umständen die Milch zurückzuhalten pflegen. Nach Stanley pflegten Kavalli's Leute die Kühe in der Weise zu melken, dass sie den Thieren vorher die Hinterbeine zusammenbanden und das Kalb nach dem Kopfe der Mutter brachten.

Was die wirthschaftliche Leistung anbelangt, so hat es den Anschein, als ob fast alle mittelafrikanischen Rinderrassen mehr oder weniger ungünstig in dieser Beziehung sich verhielten. So erwähnt auch Schweinfurth[37] gelegentlich der Beschreibung des lang- und schlankhörnigen Buckelrindes der Dinkastämme, welches höchst wahrscheinlich ebenfalls in näheren Beziehungen zum Sangarinde stehen dürfte, die geradezu »miserablen« Milcherträge dieser Rasse, von denen die besten Kühe weniger Milch liefern, als bei uns mittelmässige Ziegen und ferner, dass zur Herstellung eines Pfundes Butter ganz erstaunliche Quantitäten von Milch nothwendig sind. Als ebenso interessant wie auch beachtungswerth erscheint hierbei die von Schweinfurth gemachte Bemerkung, wonach die trotz aller angewandten Sorgfalt und Pflege seitens der Dinka nicht zu verkennende Degeneration dieser Rasse theils eine Folge mangelnder Kreuzung, theils aber auch dessen sei, dass den Rindern niemals Kochsalz gereicht wird. Die von ihm selbst gemachte Erfahrung, nach welcher durch Kochsalzgaben den Thieren förmlich neues Leben und frische Kräfte eingeflösst und er hierdurch Kühe milchend und in gutem Ernährungszustande erhielt, sprechen wohl zu Gunsten der letzten Ansicht.

Als ein weiterer, für den Züchter höchst beachtenswerther Umstand muss endlich die relativ geringe Widerstandsfähigkeit des Watussi-Rindes gegenüber Schädlichkeiten klimatischer, wie auch anderer Natur hervorgehoben werden. Nimmt man das Watussi-Rind von seinen üppigen Hochweiden, so beginnt es zu kümmern und geht bald zu Grunde. In dieser Beziehung ist z. B. nach den Erfahrungen Baumann's, der Heerden sowohl des Watussi-Rindes, als auch des gewöhnlichen, kurzhörnigen ostafrikanischen Zeburindes auf seinen Reisen mit sich führte, letzteres ganz unvergleichlich widerstandsfähiger.

Dieser Umstand macht es erklärlich, dass überall dort, wo die Watussi-Stämme in engere Berührung mit Stämmen treten, welche das kleinere ostafrikanische Zebu züchten, dieselben theils freiwillig, theils unfreiwillig — wegen der die eigne Rasse in heftigerem Maasse heimsuchenden Seuchen — zu ersterem übergehen. Unterstützt wird dieser Prozess des Verschwindens der Watussi-Rasse noch dadurch, dass bei Kreuzungen diese sonst so charakteristische Rasse nur schwache Durchschlagskraft besitzen soll.

So erklärt sich denn ziemlich einfach die Thatsache, warum die nördlich vom Victoria-Nyansa und bis zum Ostufer des Albert-Nyansa wohnenden Watussi-Stämme nicht mehr die echte alte Rasse besitzen, sondern ein Kreuzungsrind, innerhalb dessen nur ab und zu grosshörnige Individuen als Produkte atavistischer Vorgänge auftreten.

Wissen wir doch nach Baumann bestimmt, dass z. B. die vor wenigen Decennien erst in die Umgebung von Tabora gezogenen Watussi bei ihrer Ankunft ihre typische Rasse mit sich führten, während sie heute bereits aus den eben angeführten Gründen fast ausschliesslich im Besitze der gewöhnlichen ostafrikanischen Zebu sich befinden.

Was die Verbreitung des Watussi-Rindes anbelangt, so findet sich dasselbe überall in den sogenannten Wahuma-Staaten. Es reicht im Süden bis Ujiji und wird auf den Hochplateaus von Urundi, Ruanda, Ussui, Karagwe und Mpororo gehalten. Stuhlmann fand es am Süd- und Westufer des Albert-Edward-Sees; auch am Westufer des Albert-Sees ist es verbreitet. Von Uganda aus macht sich das Vordringen der grossbuckeligen ostafrikanischen Zebu-Rasse bemerkbar, welche in den Ländern des Zwischenseengebietes, also vor allem in Unyoro, immer mehr an Boden gewinnt und zur Entstehung verschiedener Kreuzungsprodukte mit dem Watussi-Rinde Veranlassung giebt. Unter diesen treten, wie schon erwähnt, grosshörnige Exemplare als Produkte atavistischer Vorgänge nur vereinzelt auf. Das allmähliche Verschwinden dieser weniger widerstandsfähigen Rasse ist daher nicht unwahrscheinlich.

Nach Aussage aller Reisenden ist das Watussi-Rind, das dem abessinischen Sanga so nahesteht, für die hamitischen Wahuma-Stämme charakteristisch, deren Abkunft ebenfalls aus den Gallaländern hergeleitet wird. Die Herkunft der Hamiten überhaupt ist jedoch aus sprachlichen und anthropologischen Gründen unbedingt aus Asien herzuleiten.

Wenn wir nun auch bezüglich dieser Frage unsere Zuflucht zur vergleichenden Beobachtung des afrikanischen und speciell des Sanga-Watussi-Rindes und der indischen Zeburassen nehmen, so ergiebt sich die Thatsache, dass eines der edelsten indischen Zeburinder, nämlich die sogenannte Götterrasse, einen Schädelbau besitzt, der in aller und jeder Beziehung mit dem des Watussi-Sanga-Rindes übereinstimmt. Die Hörner sind ebenfalls mächtig, wennschon sie nicht ganz jene ungewöhnlichen Dimensionen erreichen, wie bei so vielen Individuen der letztgenannten afrikanischen Rasse. So z. B. messen die Hörner einer solchen Götterkuh, deren Schädel mir durch die Freundlichkeit des Herrn Professor C. Keller zur Verfügung stand, immerhin 50 cm in der Länge und 24 cm im Umfange an der Basis. — Die Art des charakteristischen Schädelbaues im Allgemeinen und im Speciellen und selbst der Hörner zeigten in jeder Beziehung die allergrösste, an Uebereinstimmung grenzende Aehnlichkeit mit dem des Watussi-Rindes, so dass trotz des als einzigen Unterschied zwischen beiden Rassen hervorzuhebenden etwas komplizirteren Zahnbaues beim indischen Zebu, die relativ nahe Verwandtschaft dieser Rinder unverkennbar ist.

Hieraus kann zwar nicht gefolgert werden, dass die Sanga-Rasse von jener erwähnten Varietät des indischen Zebus abstamme, sondern es ergiebt sich nur die Wahrscheinlichkeit, dass beide aus einer und derselben, früher verbreitet gewesenen Spielart ihren Ursprung nahmen und sich dann eventuell in Folge ähnlicher Daseinsbedingungen und sonstiger Umstände, trotz der sonst den Zebus im Allgemeinen zukommenden hochentwickelten Veränderungsfähigkeit, in ähnlicher Weise weiter entwickelten.

Wir wissen, dass das Wildrind, von welchem sämmtliche asiatischen Zeburassen abstammen, der Banteng, Bos soudaicus ist. Da in afrikanischer Erde bis zum heutigen Tage überhaupt keine fossilen Reste von Buckelrindern gefunden wurden (denn die in Algier aufgefundenen fossilen Rinderreste gehören dem Ur, Bos primigenius an, der mit der Gruppe der Höckerrinder in gar keinem Zusammenhange steht), so müssen wir uns zu der Annahme bequemen, dass die eben geschilderte Watussi-Rasse, sowie die afrikanischen Buckelochsen im Allgemeinen, ebenfalls vom asiatischen Banteng abstammen und von Asien aus erst nach Afrika gelangten.

Auch bezüglich dieser Frage sehen wir also völlige Uebereinstimmung herrschen zwischen den Folgerungen anthropologischer Forschung und den Resultaten der vergleichenden Hausthierkunde; beide weisen mit Bestimmtheit auf Asien hin als der ursprünglichen Heimath sowohl der hamitischen Hirtenvölker Centralafrika's, als auch der von ihnen gezüchteten Rinderrasse.

 

[] VI. Untersuchung von acht Schädeln.

Von Prof. Dr. Zuckerkandl.

Mit 2 Tafeln (Tafel XXVI und XXVII).

Von den acht Schädeln sind fünf, No. 1-5 der Tabelle recent, No. 6 und 7 sind es nicht. Von den zwei Irakucranien konnte für anthropologische Zwecke nur der des Kindes verwerthet werden, da jener des Mannes in Folge von frühzeitiger Synostose der Pfeilnaht seine ursprüngliche Form eingebüsst hat.

Von den vier Watussi zeigen drei (No. 1-3) so ziemlich die gleiche Form; sie sind klein (siehe die Capacität), extrem dolichocephal und prognath, zwei auffallend chamaecephal, der dritte orthocephal, alle drei platyrrhin. Die Stirne ist niedrig und fliehend, ein Torus frontalis ziemlich gut ausgebildet. Der Nasenrücken ist schmal vorspringend und mit einer deutlichen sattelförmigen Vertiefung versehen, nur beim Kinde breit und flach. Der Zwischenkiefer zeigt eine schräge Lagerung. Der Unterkiefer, jener des Kindes ausgenommen, ist äusserst kräftig entwickelt, der aufsteigende Fortsatz von auffallender Breite, der Uebergang beider Aeste ineinander fast rechtwinklig. Die Prognathie der Unterkiefer gelangt in einer Vorbiegung des Alveolarfortsatzes im Bereiche der Schneide- und Eckzähne deutlich zum Ausdruck.

Die Profillinie des Gesichtes ist winkelig geknickt; es schneiden sich nämlich in der Mundregion die Profillinien des Ober- und des Unterkiefers unter einem stumpfen Winkel, dessen Knie nach vorne gerichtet ist. Die Mahlzähne sind kräftig und hinsichtlich der Zahl ihrer Höcker variant. Der vierte Watussischädel unterscheidet sich von den übrigen; er ist wohl auch dolichocephal, prognath, und chamaecephal, aber durch ungewöhnliche Grösse und Stärke ausgezeichnet. An dem durch besondere Länge auffallenden Gesichte tritt die Prognathie weniger hervor als an den anderen Watussischädeln.

TAFEL XXVI

Watussi-Schädel

Watussi-Schädel.

TAFEL XXVII

Massai-Schädel

Massai-Schädel.

Die zwei Massaicranien (No. 5 und 6 der Tabelle) sind nicht gleich geformt. No. 5 stimmt seiner ganzen Architektur nach mit den drei ersten Watussischädeln überein. Das Cranium ist extrem dolicho- und chamaecephal, prognath, platyrrhin und chamäkonch. Seine Stirne ist niedrig und fliehend, der Torus frontalis gut ausgebildet, der Nasenrücken vorspringend und mit einer sattelförmigen Einschnürung versehen. Der Zwischenkiefer ist schräg gelagert und zu beiden Seiten der Spina nasalis inferior vertieft, der Unterkiefer sehr kräftig gebaut, sein aufsteigender Fortsatz ausnehmend breit, der Uebergang in den horizontalen Ast rechtwinklig. Der Aveolarfortsatz des Unterkiefers zeigt keine Prognathie, möglicherweise aus dem Grunde, weil die Alveolen der fehlenden Mittelschneidezähne verödet sind.

Dem anderen Massaischädel (No. 6 der Tabelle, Tafel XXVII) fehlt der Unterkiefer. Er ist dolicho-orthocephal, prognath, mesorrhin und hypsikonch. Die Prognathie fällt viel weniger auf, auch ist der Zwischenkiefer nicht schräg gelagert. Die Stirne ist gewölbt und senkrecht ansteigend, der Nasenrücken mässig vorspringend. Capacität beider Massaischädel gering.

Der Schädel des Irakukindes ist dolicho-orthocephal prognath, hyperplatyrrhin und hypsikonch. Die Stirne erscheint gut gewölbt, der Nasenrücken plattgedrückt, steil abfallend, der Zwischenkiefer schräg.

Resumé. Die geringe Anzahl der Cranien gestattet es nicht, sichere Schlüsse zu ziehen; ich beschränke mich deshalb auf nachstehende Bemerkungen: der Form nach stimmen die drei Watussischädel (1-3) und der Massaischädel No. 5 überein. Die Frage, ob diese vier Cranien dem Negerschädel an die Seite gestellt werden dürften, ist negativ zu beantworten. Watussischädel No. 4 und Massaischädel No. 5 weichen hinsichtlich ihrer Form von den vorigen wesentlich ab. Sie geben Typen wieder, wie solche auch bei uns angetroffen werden. Am meisten negerartig ist der Schädel des Irakukindes.

Hauptmaasse und Indices

Herkunft, Geschlecht. Watussi ♂ Watussi ♂ Watussi-Kind ♀ Watussi ♂ Massai ♂ Massai ♂ Iraku-Kind
Hirnschädel
Capacität 1300 1250 1650
ap.
1350 1240
Länge 185 180 165 197 190 184 169
Breite 129 131 114 143 139 125 124
Stirnbreite 112 126 128 114 102
Höhe 132 129 115 131 130 130 120
Ohrhöhe 102 104 105 115 101
Länge Schädelbasis 100 97 86 103 96 101
Horizontalumfang 506 502 552 525 507
Sagittalumfang 359 360 401 381
Querumfang 283 292 305 307 284
Gesichtsschädel
Gesichtsbreite 94 96 77 108 98 94 85
Gesichtshöhe 121 111 91 132 120
Obergesichtshöhe 71 62 56 75 76 59
Jochbreite 121 111 91 132 120
Höhe der Nase 54 46 43 58 53 55 44
Breite der Nase 28 25 22 29 28 26 28
Höhe der Orbita 45 41 37 44 43 39 37
Breite der Orbita 38 31 31 39 34 36 32
Profilwinkel 79,5 80,0 73,0 75,0 67,5 77,0 81,5
Indices
Längenbreiten- 69,7 72,8 69,1 12,5 73,8 67,9 73,4
Längenhöhen- 69,7 71,7 69,7 66,5 68,4 70,7 74,0
Nasen- 51,9 54,3 51,2 50,0 52,8 47,3 63,6
Augenhöhlen- 84,4 75,6 83,8 88,6 79,1 92,3 86,5

 

[] VII. Sprachproben.

Von Dr. O. Baumann.

Da mir zu sprachlichen Studien nur wenig Zeit blieb, so beschränkte ich mich auf das Einsammeln kleiner Texte, die am ehesten geeignet sind, auf die linguistische Zugehörigkeit Licht zu werfen. Herr Prof. Dr. Leo Reinisch, welcher die Güte hatte, die Proben durchzusehen, konnte dieselbe auch in vielen Fällen vermuthen, nur die Sprache der Wassandaui bleibt unbestimmt. Leider konnten keine Interlinearversionen sondern nur Uebersetzungen erhalten werden, die jedoch ziemlich genau sein dürften. Als Orthographie wurde die Steer'sche Swahíli-Schreibart angewandt.

Hamitische Sprache.

Sprache von Ufiomi, Iraku, Uassi und Burunge.

1 uáka, 2 sáre, 3 támu, 4 sía, 5 kówan, 6 láho, 7 faangu, 8 dagát, 9 gwelél, 10 míba, 11 miba na uáka, 20 miba sáre.