Zusammentreffen mit Waschaschi.
Am Morgen des 2. April gelangten wir schon frühzeitig an den breiten trockenen Bach Orangi, der von hochstämmiger Gallerie-Vegetation eingesäumt ist und reichliche Wasserlöcher enthielt. Zwischen den Bäumen des rechten Ufers erblickten wir roth bemalte, hochgewachsene Gestalten mit Bogen und Pfeil, meist in charakteristischer Haltung auf einem Bein stehend. Es waren Leute aus Ikoma, die zur Jagd hierher gekommen waren und mit Erstaunen die Karawane erblickten. Doch war es ja schon öfter geschehen, dass bekleidete Fremdlinge aus dem Massai-Land zu ihnen kamen; sie begrüssten uns auf Kinyamwesi und zeigten uns damit an, dass wir das Massai-Sprachgebiet verlassen und uns wieder bei Bantuvölkern befanden. Einige Glasperlen machten sie rasch zu unseren Freunden und auf einem richtigen Feldwege, einem wahren Labsal nach der pfadlosen Wildniss, zogen wir Ikoma zu. Mit Jubelgeschrei begrüssten die Leute die ersten Felder, wo Sorghum, Mais, Eleusine und andere Kulturpflanzen sorgfältig angebaut waren. An dem wasserführenden Ormuti-Bach betraten wir das Dorfgebiet, ein offenes, leicht gewelltes Grasland mit verstreuten Hütten und kreisrunden, von buschigen Euphorbienhecken umgebenen Komplexen, in deren einem wir lagerten.
Die friedlichen Eingeborenen kamen völlig unbewaffnet, auch viele, meist sehr üppige Damen erschienen und brachten in netten Körbchen Mehl zum Verkauf, so dass die Leute wieder in gewohnter Nahrung schwelgen konnten. Auch mir erschien ein Kürbiss, den der Koch bereitete, als eine köstliche Delikatesse, denn ausser Brennessel-Spinat hatte ich seit Umbugwe kein frisches Gemüse gegessen.
In dem Wunsch rasch Mehl zu bekommen hatten wir bei der freundlichen Haltung der Eingeborenen, unserm Grundsatz widersprechend, denselben Zutritt in's Lager gewährt. Sie benutzten diese Gelegenheit jedoch, um mit grosser Geschicklichkeit zu mausen, ja einer stahl sogar mein Rosshaarkissen, das die Jungen zum Auslüften hingebreitet hatten. Ich liess hierauf einige Weiber an die Kette legen und forderte die erschrockenen Eingeborenen auf, die gestohlenen Gegenstände wieder zurückzubringen, was auch in kaum einer Viertelstunde geschah, worauf wir die gefangenen Schönen wieder laufen liessen.
Unsere Freundschaft mit den Eingeborenen wurde durch diesen etwas summarischen Vorgang in keiner Weise getrübt, da er vollkommen den afrikanischen Rechtsanschauungen entspricht und von Eingeborenen untereinander sehr oft ausgeübt wird. Thatsächlich ist es in einem Lande, wo keine Polizei existirt auch nahezu unmöglich, zu seinem Recht zu kommen ohne dieses Geiselsystem.
Wir hielten uns am nächsten Tage in Ikoma auf, stets umschwärmt von den harmlos friedlichen Eingeborenen, die für Glasperlen und Messingdraht ungeheure Mengen Mehl und andere Lebensmittel, auch grosse Welse brachten. Am Morgen des 4. April, an welchem ich einen zweiten Rasttag halten wollte, meldete mir Mzimba zu meinem sehr grossen Erstaunen, dass vier Träger ausgerissen seien. Natürlich waren es Wabondeï, diese unverbesserlichen Davonläufer, die so spät ihr Heil in der Flucht gesucht. Im Interesse der Disziplin schien es mir unumgänglich nothwendig, diese Leute zu fangen und ich beschloss, abermals zu dem afrikanischen Verfahren zu greifen. Vier eingeborene Geiseln wurden festgenommen und ich eröffnete den Ikoma-Leuten, dass ich diese erst freigeben würde, wenn meine vier entsprungenen Träger eingebracht würden. Die Eingeborenen fanden diesen Vorgang sehr begreiflich und baten uns, zum Schein abzuziehen, da sich die Flüchtlinge wohl erst dann wieder zeigen würden. Wir brachen denn auch nach dem zwei Stunden entfernten Dorf Niasiro auf, das etwa 100 Hütten hat, die auf der Kuppe eines Hügels zwischen dunklem Euphorbiengestrüpp verstreut liegen. Am Fusse rauscht der ansehnliche, fischreiche Grumeti-Bach. Auch hier überboten sich die Eingeborenen an Freundlichkeit und Mzimba veranstaltete unter einem schattigen Baum einen förmlichen Markt und häufte Lebensmittel-Vorrath an, als ob wir noch einmal das Massailand passiren sollten.
Waschaschi-Dorf in Usenye.
Am Morgen des 6. April wurden die vier Deserteure gebunden eingeliefert und die Geiseln, die sich bei uns sehr behaglich gefühlt hatten, nahmen reich beschenkt Abschied. Die feigen Eingeborenen, die vor den Flinten der Ausreisser Furcht hatten, lockten dieselben erst freundlich an, fielen dann über sie her und legten sie in Fesseln. Sie wurden von ihren Kameraden mit höhnischen Zurufen und Pfiffen empfangen, erhielten ihre tüchtige Strafe und wurden an die Kette gelegt. Als ich sie fragte, warum sie fortgelaufen seien, meinten sie: die Massai-Reise habe sie ermüdet und sie wollten als Sklaven bei den Eingeborenen bleiben um auf eine andere Karawane zu warten. Wenn man bedenkt, dass oft viele Jahre vergehen, bevor eine Karawane nach Ikoma kommt, so kann man das Unsinnige dieses Planes ermessen.
Die weitere Reise führte uns durch Usenye, einer reich bebauten, von stärkeren Hügelwellen durchzogenen Landschaft, mit zahlreichen grossen Dörfern, in deren Innern die Euphorbien- und Dornhecken förmliche Irrgärten bilden. Am 7. April überschritten wir den Rubana, einen nach den Karten sehr bedeutenden Fluss, der aber in Wirklichkeit nur ein schmaler Bach ist. Schon damals schien mir zweifelhaft, dass dieses Gewässer der Unterlauf des Ngare dabasch, eines ansehnlichen Flusses im Massailand sein sollte. Jenseits des Rubana betraten wir wieder pfadloses Steppengebiet und zogen unter Führung eines Usukuma-Händlers, den wir in Ikoma getroffen, schnurgerade auf einen Kegelberg, Tschamliho, los. Das Land war offen und grasig, nur die zahlreichen Wasserrisse von Laubbäumen, Akazien und Tamarinden eingesäumt. Viele Antilopen und Gnus sowie einzelne Nashorne tummelten sich in der Ebene; von Büffeln sah man auch hier nur Scelette.
Am 9. April erreichten wir den Tschamliho-Berg, der den höchsten Punkt des Distriktes Ikiju bezeichnet, ein bewohntes, bergiges Land. Auch hier leben Waschaschi, wohlgenährte kräftige Leute in sehr einfacher Kleidung, mit Bogen und Pfeil bewaffnet.
Sie hatten unser Herannahen schon bemerkt und zogen uns entgegen, eine feindliche Invasion fürchtend, beruhigten sich jedoch bald, als sie uns als Küstenkarawane erkannt. Auch sie pflegen auf einem Fuss zu stehen und den anderen oberhalb des Knies aufzustemmen.
Angel für Welse der Waschaschi.
Auf steinigem Pfade durchzogen wir mehrere an den Hängen verstreute Dorfgebiete und lagerten an einem Bach, wohin die nun völlig zutraulichen Eingeborenen uns reichliche Lebensmittel brachten. Am nächsten Tage trugen sie sogar die Lasten der Leute, als wir auf steilem, schlechten Felsweg den Berg jenseits wieder abstiegen und dann ein wasserreiches, theilweise versumpftes Thal durchzogen. Stellenweise ragten abenteuerlich geformte Granitfelsen auf, meist in der Nähe der Dörfer gelegen und den Eingeborenen als Warte dienend. Am 11. April führte ein angenehmer Marsch uns durch offenes welliges Land mit vielen Dörfern und prächtigen Anpflanzungen der verschiedensten Kulturgewächse, unter welchen Gurken, Kürbisse, Arachis und Maniok auffielen. Getrocknete Fische wurden uns zum Verkauf angeboten, welche zugleich mit Fischereigeräth in den Hütten uns die Nähe des Victoria-Nyansa anzeigten.
Am 12. April begannen wir bei leichtem Regen den ziemlich steilen Abfall der Schaschi-Berge abzusteigen. Kaum eine halbe Stunde vom Lager eröffnete sich uns plötzlich der Ausblick auf die dunkle Fläche des Speke Golfes mit dem fernen Horizont des Nyansa. Ein grauer Himmel umspannte die Landschaft, der Majita-Berg im Norden und die Nassa-Berge im Süden waren nur undeutlich sichtbar.
Dennoch war es für mich ein freudiger Augenblick: konnte ich mir doch sagen, dass der schwierigste Theil unserer Aufgabe gelöst war. Die direkte Route durch das Massai-Land, die als unpassirbar galt und die ein Stanley geplant und als zu schwierig aufgegeben hatte, diese Route war von der Massai-Expedition in der kurzen Zeit von 2½ Monaten bewältigt worden.
TAFEL VI
Station Mwansa am Victoria-SeeStation Mwansa am Victoria-See.
Vor den Schaschi-Bergen dehnte sich eine flache, von einzelnen Wasserrissen durchzogene Grasebene aus, durch die unser Weg dem See zu führte. Ungeheure Heerden von Gnus, Antilopen und Zebras waren sichtbar, auch ein Rhinozeros konnte ich erlegen und die Träger knallten ein zweites gemeinsam nieder, nachdem sie ihm ein förmliches Feuergefecht geliefert. Gegen Mittag erreichten wir das Papyrus-Ufer des Nyansa beim Distrikt Katoto. Zwischen Feldern und zerstreuten Hütten waren Fische auf Gestellen zum trocknen ausgelegt, in den Papyrussaum des Ufers hatte man für die Kanus Strassen gehauen und durch diese blickte man hinaus auf die schimmernde Fläche des afrikanischen Binnenmeeres.
Graf Schweinitz, photogr.
Kanu am Victoria-Nyansa.
Katoto und Mwansa. — Ukerewe. — Ukara. — Der Baumann-Golf. — Gefechte in Mugango. — Die Schaschi-Länder. — Ngoroïne. — Ikoma. — Kämpfe in Ututwa. — Ntussu. — Meatu. — Munyihemedis Niederlassung. — Zur Nyarasa-Steppe. — Der Salzfluss Simbiti. — Die Elephantenjäger. — Die Weiber der Karawane. — Usmau und Usukuma. — Mwansa.
In dem ansehnlichen, von festem Stangenzaun umgebenen Hüttenkomplex des Häuptlings schlugen wir wenige Schritte vom Nyansa, in Katoto, unser Lager auf. Die Eingeborenen, mit Ziegenfell bekleidete Waschaschi, waren rasch mit uns befreundet und brachten Lebensmittel. Wir schwelgten in seltenen Genüssen wie Fischen, Zuckerrohr, Tomaten und vorzüglichen Gurken, wozu in den nächsten Tagen noch Bananen aus Ukerewe und Reis aus Usukuma traten. Behaglich lagen die Leute am Strand, nahmen auch trotz der Krokodile eifrig Bäder im Nyansa, beobachteten die Flusspferde, die manchmal ihr breites Maul über die Wasserfläche erhoben, die Tauchervögel, die mit unendlicher Leichtigkeit der Bewegung über das Wasser schwebten und die Kanus, die von kräftigen Ruderern getrieben, den sonnenbestrahlten See belebten. Sie bemerkten dabei auch merkwürdige scheinbare Ebbe- und Flutherscheinungen des Nyansa und kamen eilig, mir dies zu melden. Ich lachte über diese Wahrnehmung, da das Vorkommen von Gezeiten bei einem Binnengewässer wie dem Victoria-See ganz ausgeschlossen erscheint. Wie gross war jedoch mein Erstaunen, als ich in den nächsten Tagen thatsächlich einen Wechsel des Niveaustandes um ca. 30 cm wahrnehmen konnte! Die Erklärung dafür bieten die regelmässigen Seewinde die täglich einsetzen und das Steigen des Wasserspiegels am Ufer hervorrufen.
Das Dolce far niente meiner Leute wurde fast täglich durch mächtige Donnerwetter gestört, die stets Nachmittags mit unerhörter Wucht hereinbrachen. Einmal wurde sogar ein Askari vom Blitz gestreift, war mehrere Tage fast blind, erholte sich jedoch dann vollständig.
Da ich die Absicht hatte meiner Mannschaft in Katoto längere Erholung zu gönnen, so begann ich unter einigen schönen Baumakazien grössere Lagerhütten zu errichten, theils um uns einen angenehmeren Aufenthalt zu schaffen, theils um die Leute zu beschäftigen. Mit Eifer schleppten Träger und Eingeborene, die unsere besten Freunde waren, Stangen und Papyrus herbei und bald erhoben sich leichte luftige Hütten mit Grasdächern, in welchen es sich sehr gut leben liess. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.)
Ich verbrachte meine Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit Jagdexkursionen in der nahen wildreichen Steppe und Kanufahrten auf dem Nyansa. Bald nach meiner Ankunft, hatte ich Boten an die englische Mission Nassa gesandt und auch die deutsche Station Mwansa verständigt. Kompagnieführer Langheld machte sich sofort nach Empfang dieser Nachricht auf und am 22. April hatte ich die Freude, ihn in Katoto zu begrüssen. Ich folgte seiner Einladung, ihn nach Mwansa zu begleiten, übergab die Expeditionsleitung für einige Tage an Mzimba und schiffte mich mit ihm in dem grossen Boote von Mr. Stokes ein.
Bei frischer Brise segelten wir rasch über die Fluth des Speke-Golfes, welcher hier im innersten Theil der Bucht grau und mit zahllosen salatartigen Wasserpflanzen bedeckt ist. Um 2 Uhr Nachmittags landeten wir am schilfreichen Strand der fruchtbaren, dicht bewohnten Landschaft Nassa, wo auf einer Anhöhe die englische Mission der »Church Missionary Society« gelegen ist. Sie besteht aus einigen blättergedeckten Lehmhütten mit niedrigen dumpfen Räumen und einer Rundhütte als Kirche. Von derselben geniesst man einen prächtigen Blick auf den Speke-Golf und seine bergigen Ufer. Wir kamen gerade in einem ungünstigen Augenblick, denn der eine Missionar war am Morgen gestorben und der andere, ein bleicher junger Engländer, der nun völlig einsam seine Tage hier verbringen sollte, von dem Todesfall natürlich sehr angegriffen. Dennoch liess er es sich nicht nehmen uns zu bewirthen und setzte uns ein Mahl vor, das, wie meist in englischen Missionen, hauptsächlich aus Konserven bestand. Einige derselben waren mir deshalb merkwürdig, weil sie der Sendung entstammten, die Dr. Hans Meyer und ich 1888 nach dem Victoria-Nyansa befördert hatten. Da wir, durch den Aufstand gehindert, nicht an den See gelangten, wurden die Provisionen an die englische Mission abgegeben und ich hätte nicht gedacht, dass wenigstens ein kleiner Theil derselben doch noch ihrem ursprünglichen Zweck, nämlich dem, von mir gegessen zu werden, zugeführt werden sollte.
Unter den Eingeborenen der Umgebung hat die Mission so gut wie gar keine Erfolge und dient wohl hauptsächlich als Transport-Station für Uganda. Auch die Zöglinge entstammen fast ausschliesslich dem englischen Seeufer. Besonders merkwürdig ist in Nassa ein Schuppen, in dem sich die Bestandtheile des Dampfers befinden, den die Mission am Nyansa erbauen wollte. Mit grossen Opfern an Geld und Menschenleben wurden diese Eisentheile in's Herz Afrika's befördert und verrosten jetzt — ein Fall, der im Innern Afrika's keineswegs vereinzelt dasteht.
Längs des Südufers, an dem sich felsige, theilweise bewohnte Inselchen hinziehen, segelten wir am nächsten Morgen weiter und langten Nachmittags in der von mächtigen Granitblöcken eingesäumten Landschaft Sina an, an deren Strand sich der Nyansa in prachtvollen dunkelgrünen Wogen bricht. Nach dem Sonnenuntergang, der mit seltener Farbenpracht stattfand, segelten wir weiter und waren am Morgen an der Mündung der Bukumbi-Bai, die westlich durch die theilweise waldige Insel Yuma bezeichnet ist. Dieselbe ist dadurch merkwürdig, dass darauf ein Engländer Namens Wise als Einsiedler lebt. Er hatte den Wunsch, sein Leben ungestört und beschaulich zu verbringen und hielt eine Insel im Nyansa dafür als den geeignetsten Ort. Er sollte sich aber getäuscht haben; denn der Geist der »Amtlichkeit« schwebt auch über den Wassern des Victoria-Nyansa. Die Rechtstitel, welche Wise auf den Besitz der früher fast unbewohnten Insel erworben, wurden bestritten. Als Gartenarbeiter wurden ihm einmal Kinder von der Station übergeben, dann, nachdem er sie schon abgerichtet, ohne Grund wieder abgenommen und Mr. Wise ist wahrscheinlich zur Erkenntniss gekommen, dass man mitten in London viel ruhiger leben kann als mitten im Victoria-Nyansa.
Ruderblatt, Ukerewe.
Längs des von riesigen Granitblöcken eingesäumten Ostufers der Bai fuhren wir nach Süden. Die Bai ist durchsetzt von zahlreichen kleinen Felsinseln und belebt von Möwen und Tauchervögeln. Wir begegneten in derselben einem Kiganda-Kanu der Station Mwansa, das uns mit der angelangten europäischen Post entgegenkam und stiegen, da der Wind nachgelassen hatte, in dasselbe über. Es war das erste Mal, das ich diese fest und schlank gebauten röthlichen Fahrzeuge mit ihren originellen Schiffsschnäbeln sah, die sich an Leichtigkeit der Bewegung mit allen afrikanischen Fahrzeugen messen können. Am oberen Kongo werden grosse, aber weit plumpere Kanus gebaut, höchstens die Dualla in Kamerun verstehen ähnliche Boote herzustellen. An diese erinnert auch das Rudern im Sitzen mit spitzen Paddeln, die von 20-30 Ruderern mit grosser Kraft und Gleichmässigkeit geführt werden. Den Takt giebt ein nicht unmelodischer Gesang, den ein Vorsänger angiebt, welcher zugleich auf kleine lecke Stellen zu achten hat und dieselben mit Bast verstopft.
Gegen 4 Uhr Nachmittags fuhren wir in die tiefe, von felsigen, malerischen Inseln durchzogene Bai von Mwansa ein und sahen die Station, hinter der eine dunkle, mit Granitblöcken bestreute Waldhöhe sich erhebt. Eine breite, von Papayas und Aloë eingesäumte Strasse führte vom See zur Station. Diese ist von einer festen Lehmmauer umgeben und besteht aus einem Stein- und einem Luftziegel-Haus, sowie Askari-Wohnungen und Wirthschafts-Gebäuden. Ueberall herrschte musterhafte Reinlichkeit und Ordnung und am Exerzierplatz sah man die schwarzen, theilweise am See selbst engagirten Soldaten, in tadelloser Uniform ihre Uebungen mit derselben Strammheit ausführen, wie man sie an der Küste zu sehen gewöhnt ist. Unweit des Strandes lag ein hübscher Garten in welchem Tomaten, rothe Rüben, Kartoffeln und andere europäische Kulturgewächse vortrefflich gediehen und auch mit Papayas, Kokospalmen und Mangobäumen Anbauversuche gemacht wurden.
Die Station war eine der schönsten die ich in Innerafrika gesehen und legte einen glänzenden Beweis für die Thatkraft des Kompagnieführer Langheld und seiner braven Untergebenen, Feldwebel Kühne und Hofmann, ab. Aber nicht nur in diesen Aeusserlichkeiten zeigte sich die Tüchtigkeit dieser Männer, sondern auch in der ganzen Stellung des Deutschthums am Victoria-Nyansa. Mit den Engländern in Uganda sowohl, wie mit der französischen und englischen Mission und mit dem Händler Mr. Stokes unterhielt Kompagnieführer Langheld vorzügliche, nie getrübte Beziehungen. Trotz seiner geringen Truppenmacht stand er bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, diese leisteten ihre Abgaben und waren jederzeit bereit Arbeiter, Träger und Kanus der Station zu stellen. Obwohl er den Schwarzen oft genug »deutsche Hiebe« ertheilt hatte, nennen sie ihn doch »bwana Msuri« (der gute Herr) und standen sich im Allgemeinen vorzüglich mit ihm.
Ich hielt mich nur kurze Zeit in Mwansa auf und kehrte dann mit dem Stokes'schen Boot nach Katoto zurück. Wir liefen unterwegs die reizende unbewohnte Vesi-Insel an, die mit mächtigen Granitblöcken bedeckt ist, zwischen welchen üppige Vegetation und schattige Bäume gedeihen. In Katoto fand ich alles in bester Ordnung; nur einige Massai, welchen das Klima ungewohnt war, erkrankten und starben bald darauf.
Um die Expedition leichter beweglich zu machen, sandte ich eine Anzahl Lasten mit dem Boot nach Mwansa, da ich diese Station später wieder zu berühren gedachte. Die Packesel, die bis zum See ihre Schuldigkeit gethan hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und über Land nach Mwansa geschickt, ebenso eine Anzahl Rinder, die den Grund zu der Heerde der Station und zu dem später vielgerühmten Milch- und Butterreichthum derselben legten. Auch 16 schwächliche Träger entliess ich, welche mit Kompagnieführer Langheld an die Küste gingen. Durch die Verminderung der Lasten wurde eine Anzahl Leute dienstfrei und ich wählte aus den Trägern 12 »Ruga-Ruga«, junge bewegliche Burschen, die Askaridienste thaten und sich vorzüglich bewährten. Sie wurden in Katoto nothdürftig eingedrillt.
Am 6. Mai verliessen wir unser Lager in Katoto endgiltig um die Erforschung des östlichen Nyansa-Gebietes zu beginnen.
Längs des Nordufers des Speke-Golfs wandernd, durchzogen wir stundenlang das Feld- und Dorfgebiet von Katoto, das sich längs des papyrusreichen Nyansa hinzieht und betraten dann lichten Wald, durch den wir nach der ärmlichen Niederlassung Butimba gelangten. Hier hat der Nyansa stellenweise steile, felsige Ufer und ist frei von Schilf, so dass man oft schöne Ausblicke geniesst. Durch Parkland, stets in der Nähe des Seeufers, dem hier felsige Inseln vorgelagert, ging es am nächsten Tage weiter. Das Land war früher von einem mächtigen Hirtenstamm, den Wataturu, bewohnt, welche jedoch den Massai und Wakerewe erlagen, ihren Wohnsitz verliessen und jetzt als elende Parias in Ukerewe ihr Dasein fristen. Ihr früheres Dorfgebiet war nicht einmal von Pfaden durchzogen, da die Bewohner des Nyansa-Ufer nur in Kanus mit einander verkehren. So gelangten wir denn direkt aus wegloser Wildniss in das Fischerdorf von Hakahi, zum grossen Entsetzen der Einwohner, die hier am Nyansa-Ufer und auf der nahe gelegenen Insel Matschwera[1] ein weltverlassenes Dasein führen.
Auch am 8. Mai durchzogen wir hügeliges, von schönen Baumgruppen durchsetztes Parkland, am Fusse des 300 m hohen Kiruwiru-Berges. Zwischen den Bäumen erblickten wir oft den tiefblauen Nyansa, aus dem die bergige Insel Nafua mit ihren weissen Strandriffen sich malerisch erhebt. Leider liess ich mich durch diese landschaftlichen Reize verleiten, am Seeufer zu lagern, was ich Nachts durch einen wahren Kampf mit unzähligen Moskitos büssen musste. Ich bin in puncto Moskito ziemlich abgehärtet und glaubte schon in jüngeren Jahren am Kongo das höchste Maass derselben genossen zu haben. Aber ich sollte mich geirrt haben: die Nacht am Speke-Golf übertraf alles dagewesene. Es gab nur einen Menschen in der Karawane, der in dieser Nacht einschlief und dieser war ein — Wachtposten.
Am 9. Mai überschritten wir den Rugedsi-Kanal, jene schmale Strasse, welche die Insel Ukerewe vom Festland trennt. Er ist zu beiden Seiten von sumpfigem Papyrusgebiet eingeschlossen, durch welches man waten muss, bevor man zu dem meist 30 Schritte breiten und selten über ein Meter tiefen Kanal kommt. In demselben befinden sich labyrinthartig angeordnete Fischreusen durch welche eine starke Strömung nach Nord zieht. Der Wechsel des Wasserstandes macht sich hier besonders stark bemerkbar, indem Morgens etwa ½ m weniger Wasser ist als Mittags, was den Eingeborenen genau bekannt ist.
Nachdem wir uns durch den Schlamm- und Schilfsumpf des Ukerewe-Ufers gearbeitet, zogen wir durch eine schöne, reich bebaute Ebene. Dieselbe führt zu einer prächtigen kleinen Bucht, in der felsige Inseln sich erheben und die von sanften Kuppen eingeschlossen ist, auf welchen zwischen wilden Granitblöcken üppige Bananenhaine und die braunen Kegeldächer der Hütten auftauchen.
Wir lagerten in einem Dorfe, das von reichen Pflanzungen umgeben war, unter welchen besonders riesige Maniokstauden auffielen. Wir befanden uns auf der gesegneten Insel Ukerewe, dem Lande des Häuptlings Lukonge, der sich 1877 durch die verrätherische Ermordung zweier Missionare eine traurige Berühmtheit erworben. Gegenwärtig freilich zieht er andere Saiten auf, hat schon zahlreiche Reisende bei sich gesehen und sandte auch uns Boten und Geschenke nach Katoto entgegen, indem er mich in sein Land einlud.
Am nächsten Tage sollten wir seine Residenz erreichen. Da der Weg dahin vielfach versumpft ist, zog ich es vor, die Karawane über Land zu senden und selbst ein Kanu zur Ueberfahrt zu benutzen. Im Westen dehnte sich das üppige, bananenreiche Gestade von Ukerewe aus und im Nordosten tauchte die grasige, breite Masse des Majita-Tafelberges auf, während uns die kräftigen Schläge unserer Ruderer durch die Grantbai gegen Norden führten. Bei dem durch hohe Schattenbäume bezeichneten Hauptdorf Bukindo landeten wir und durchschritten das Thor der Befestigung, die aus Stangen und pandanusähnlichen Pflanzen gebildet ist.
Vor der koncentrischen inneren Umzäunung fand ich die Expeditionsmannschaft, sowie Lukonge mit seinen »Grossen« bereits versammelt. Er ist ein lichtfarbiger, wohlbeleibter Mann, der mit seinem glatten Gesicht und dem faltigen Gewande lebhaft an einen Landpfarrer erinnert und stark von seiner höchst urwüchsig mit Bocksfell bekleideten Umgebung absticht. Er schien sich übrigens garnicht wohl zu fühlen, denn die Reisenden die ihn vor mir besucht hatten, waren stets im Kanu mit geringer Begleitung gekommen. Eine solche Masseninvasion war ihm offenbar unheimlich und die Blutthat von 1877 tauchte vielleicht vor seinem Gewissen auf. Er begrüsste mich daher verlegen, lud mich ein im innersten Hüttenkomplex zu lagern und verschwand dann schleunigst auf Nimmerwiedersehen. Die meisten seiner Unterthanen folgten seinem Beispiel und drückten sich in die Büsche, sodass wir uns plötzlich als Herren des grossen, mehrere hundert Hütten zählenden Dorfes sahen.
Es fehlte uns dort an nichts, Vorräthe, auch vorzüglicher Honig und Bananenwein waren in den geräumigen Hütten massenhaft vorhanden. Dennoch war ich über diese Lage nichts weniger als erbaut. Lukonge hatte nämlich auch Baumwollzeuge und allerlei andere Tauschwaaren in seinen Hütten zurückgelassen, und mir dadurch eine unangenehme Verantwortung für eventuelle Diebereien meiner Leute aufgeladen. Ich schickte daher Boten nach ihm aus, um ihn aufzufordern, doch zurück zu kommen und sein Eigenthum wegzuräumen oder bewachen zu lassen. Er rief den Boten jedoch von Weitem zu, wir möchten nehmen was uns beliebe und ihm nur sein Leben lassen.
Der Zweck meiner Reise nach Ukerewe, war hauptsächlich der Besuch der Insel Ukara, von der allerlei Seltsames verlautete. Der englische Missionar Wilson, der dort vor Jahren landen wollte, wurde daran von einer kriegerischen Bevölkerung verhindert, in welcher er Zwerge erkannte. Schon Stanley hatte erfahren, dass die Wakara ihrer Zauberkünste wegen berüchtigt seien. Als ich in Bukindo die Absicht aussprach, dahin zu fahren, erklärte man allgemein, die Wakara würden das nicht zulassen und im äussersten Fall Mittel finden, ihre Insel unsichtbar zu machen.
Mit Mühe brachte ich die nöthige eingeborene Rudermannschaft für zwei Kanus auf und fuhr am 11. Mai mit 12 Askari und meinen Dienerjungen los. Wir bewegten uns erst längs der reich bebauten, durch wilde Anhäufungen von Granitblöcken ausgezeichneten Küste von Ukerewe, an welcher sich im Innern der Insel hochstämmige Wälder anschliessen. Zu unserer Rechten tauchten die offenen grasigen Kweru-Inseln auf. Gegen Mittag umschifften wir ein Kap und fuhren die kleinere Insel Schisu entlang.
Ukara.
Vorläufig hatten die Wakara noch keine Anstalten getroffen, ihre Insel unsichtbar zu machen. Vor uns ragte das Eiland auf mit seinen felsigen, röthlichen Bergen im Osten, an denen sich in der Mitte eine grasige Senkung, und im Westen felderbedeckte, von wilden Felszähnen gekrönte Höhen anschlossen. An der letzteren Seite näherten wir uns der sandigen Küste und sahen die nackten Eingeborenen am Strande wild umherlaufen und ihre Rinder in Sicherheit bringen. Von Zwergen konnte ich nichts wahrnehmen, manche Leute waren wohl unter Mittelmaass, andere dagegen normal gewachsen, eine Wahrnehmung die nach mir auch andere Reisende gemacht, so dass Wilson's Angabe sich als irrthümlich erwies.
Der Moment war übrigens zu anthropologischen Beobachtungen wenig günstig, denn zahlreiche dunkle Krieger sammelten sich auf der hellgelben Fläche des Ufersandes, drohten uns mit gespanntem Bogen und winkten uns heftig ab. Als wir darauf keine Rücksicht nahmen, zogen sie sich auf etwa 50 Schritt zurück, wo Granitblöcke ihnen Deckung boten und liessen uns ruhig landen, so dass ich schon hoffte mit ihnen friedlich auszukommen. Unser Dolmetsch, ein Mkerewe-Mann, begann mit ihnen zu sprechen, wurde jedoch durch ein Wuthgebrüll unterbrochen; einzelne Pfeile schwirrten und die Krieger, lauter nackte Burschen mit schmalem Lendenschurz, mit Bogen, Pfeilen und Speeren rückten auf uns an. Ich zögerte nicht mehr meine zwölf Leute antreten zu lassen und eine Salve abzugeben, die volle Wirkung ausübte, indem einige Krieger fielen, andere verwundet wurden und die übrigen sich schleunigst davon machten. Unter diesen Umständen war an eine nähere Untersuchung der Insel nicht zu denken und ich begnügte mich mit einem Rundgang, bei dem wir fortwährend von den Kriegern belästigt wurden und Mühe hatten sie von uns abzuhalten.
Hütten und Futterschober der Wakara.
Der rothe Lateritboden der Insel ist von vielen Wasserrissen durchschnitten und bestreut mit riesigen Granitblöcken, zwischen welchen die Felder mit Sorghum und Arachis und niedrige, stellenweise in Reihen gepflanzte Bäume verstreut sind, deren reiches Laub den zahlreichen Rindern als Nahrung dient. Dazwischen kleine Waldgruppen, in welchen die spitzen Kegelhütten der Eingeborenen liegen. Trotz ihrer Wildheit scheinen diese doch einen gewissen Kulturgrad zu besitzen, wie die schön gehaltenen Felder und Baumschulen, sowie die Trockenmauern, als Wellenbrecher, die sie am Strande errichten, andeuten. Von einem hohen Punkte der Insel bot sich uns ein herrlicher Ausblick auf den tiefblauen, mächtigen Nyansa mit seinen bergigen, üppig grünen Gestaden.
Wir wandten uns gegen Abend wieder dem Strande zu, was den Wakara Veranlassung zu einem neuen Angriff gab, der jedoch so gründlich abgeschlagen wurde, dass ihnen die Lust zu weiteren verging. Schon früher hatten sie versucht, sich der Boote zu bemächtigen, doch eröffneten die drei Askari, die ich dort als Wache zurückgelassen, im Verein mit den Küchenjungen, die gerade das Nachtmahl kochten, ein mörderisches Feuer auf sie und verjagten sie ohne Schwierigkeit. Am Strande verzehrte ich die unter so erschwerenden Umständen bereitete Mahlzeit und schiffte mich dann wieder ein, um über die Agnes-Strasse nach Schisu zu fahren.
Mit der Raschheit der Aequinoctien war die Nacht hereingebrochen und prächtiger tropischer Mondschein übergoss die glatte Fläche des Sees mit strahlendem Licht. Eine laue Brise strich vom Lande herüber, dessen dunkle Umrisse sich vor uns erhoben, taktmässig tauchten die spitzen Ruder in die Fluth und pfeilschnell durchschnitten unsere Kanus den glänzenden Spiegel des Nyansa. Der melodische Gesang der Ruderer in seiner eintönigen Schwermüthigkeit übte, verbunden mit der ergreifenden Ruhe der Natur und dem Gedanken an die eben überstandenen Gefahren, einen tiefen Eindruck auf mich aus und ich werde diese nächtliche Nyansafahrt so leicht nicht vergessen.
Am Morgen des 13. Mai fuhren wir von Schisu, wo wir übernachtet hatten, ab, und langten gegen Mittag in Bukindo an. Dort hatte sich nichts verändert, Lukonge war immer noch abwesend und wir hatten alle Mühe, genügende Kanus aufzutreiben, um die Ueberfahrt der Expedition nach Majita zu bewerkstelligen. In zehn Kanus wurden Lasten und Träger mit Mühe und Noth verladen, und meine Leute mussten selbst rudern. Anfangs ging es ganz lustig vorwärts, doch in der Grant-Bai sprang starker Gegenwind auf und wir kamen kaum vom Fleck. Das Kanu in welchem ich mich befand fing an stark zu lecken und füllte sich immer mehr mit Wasser. Die Lage wurde bedenklich, das Wasser drang wie durch ein Sieb ein, die Wellen schlugen in's Kanu und wir sassen bis zum Knie im Wasser. Die braven Manyema-Träger, die als Ruderer arbeiteten, sangen jedoch lustig weiter, während alle dienstfreien Hände mit Mützen, Körben und Töpfen das Wasser ausschöpften, so dass wir glücklich das Festland gegenüber Ukerewe erreichten. Wir kalfaterten unser Fahrzeug so gut es ging und fuhren in die Bai ein, deren Nordufer durch den hohen Tafelberg von Majita bezeichnet ist und deren Ostufer — nach der Karte zu schliessen — die grasige, leicht ansteigende Landschaft Bwenyi bildete, wo wir Nachmittags anlangten und in einem kleinen Dorfe lagerten.
Da einige Kanus noch im Rückstande waren, blieben wir am 14. Mai in Bwenyi, ein Aufenthalt, den ich zur Besteigung des Bwenyi-Hügels benutzte, wo sich mir ein überraschender Anblick bot. Bwenyi war nicht das Ufer des Festlandes sondern eine von tiefen, fjordartigen Kanälen durchfurchte Halbinsel, die nur an der Südseite eine schmale Verbindung mit dem Lande hatte. Mit hohen grünen Ufern und zahlreichen bergigen Inseln erstreckte sich gegen Osten eine tiefe Bucht in's Land, die an Länge fast dem Speke-Golf gleichkam und von deren Existenz die Karten nichts ahnen liessen. Diese Bucht, die ich damals als erster Europäer erschaute, wurde später von Kapt. Spring nach mir, als dem Entdecker, »Baumann-Golf« genannt.
Am 15. Mai marschirten wir über die Landzunge, welche Bwenyi mit dem Festlande verbindet. Auf derselben liegen Dörfer, deren Bewohner ihre Ziegen und Rinder durch einen eigenartigen Bau gegen feindliche Ueberfälle sichern. Sie errichten nämlich an der kaum 100 Schritte breiten, schmalsten Stelle der Landenge einen etwa 3 m hohen festen Steinwall, dadurch ihre Halbinsel künstlich in eine Insel verwandelnd. Sie selbst verlassen dieselbe nur in Kanus und wir hatten grosse Mühe, mit den Lasten diesen Steinwall zu passiren.
Irea-Insel und Baumann-Golf.
Längs des Fusses des Kiruwiru zogen wir durch offenes Steppenland zum sumpfigen Ende der Iramba-Bai, eines tief einschneidenden Armes der Hauptbucht und gelangten am nächsten Tage nach kurzem Marsch am papyrusreichen Nyansa-Ufer zum Dörfchen Biruscha. Dasselbe liegt auf einer Landzunge gegenüber der reizenden Berginsel Irea, die, wie alle Eilande des Baumann-Golfes, bewohnt und hoch hinauf mit üppigen Pflanzungen bedeckt ist. In den nächsten drei Tagereisen umgingen wir das Ostufer des Baumann-Golfes. Pfadlos zogen wir durch weite baumlose Ebenen, die durch den Regen in einen Morast verwandelt waren. Bei glühendem Sonnenbrand durchwanderten wir diese Einöden, aus welchen im Osten die Schaschi-Berge auftauchten, fanden oft kaum ein trockenes Fleckchen für das Lager und hatten empfindlich unter Brennholzmangel und Mosquitos zu leiden. Ein dichter Papyrusgürtel verhüllt von dem niedrigen Lande aus meist den freien Blick auf den Nyansa.
Am 20. Mai überschritten wir die schmale flache Landenge, welche die breite Bergmasse von Majita mit dem Festland verbindet und erreichten das Ufer des offenen Nyansa gegenüber den Kurasu-Inseln. Die Wakwaya, ein den Waschaschi nahestehender Stamm, hatten hier zahlreiche Dörfer angelegt, die sich stundenlang in ununterbrochener Reihe am felsigen Nyansa-Ufer hinziehen. Schöne geräumige Hütten bilden Ortschaften, die auf der Landseite von dichten buschigen Euphorbienhecken abgeschlossen sind, durch welche nur ganz niedrige, mit Stachelgestrüpp versperrbare Thore führen. An diese Hecken schliessen sich die weiten Felder, in welchen hauptsächlich Mawele (Penicillaria) mit seinen hohen Stengeln gedeiht und besonders viele Tabakpflanzungen auffallen. Die Eingeborenen begegneten uns freundlich, warnten uns jedoch vor ihren Nachbarn, einem Gemisch von Waruri und Wagaya, die den Distrikt Mugango bewohnen. Da solche Warnungen sehr häufig und meist wenig begründet sind, legten wir kein besonderes Gewicht darauf und brachen am 21. Mai nach Mugango auf. Wir überstiegen die Hügelketten, welche eine Halbinsel ausfüllen und gelangten an das Ende der Mugango-Bucht, die von zahlreichen Dörfern eingesäumt ist. Die Eingeborenen sassen mit ihren 3 m langen Speeren unbeweglich auf Termitenhügeln und anderen erhöhten Punkten und betrachteten die Karawane, welche durch die Felder zog. Sie waren jedoch keineswegs unfreundlich und als wir an den Suguti-Bach gelangten, der nicht durchwatbar ist, führten sie uns etwa eine Stunde landeinwärts, wo eine natürliche Brücke den Uebergang ermöglicht. Auf schwankenden Baumstämmen kletterten wir hinüber und lagerten jenseits auf einem Hügel, weit ausserhalb des Dorfgebiets.
Nachdem die letzten Nachzügler angelangt waren, wurde mir das Fehlen eines Sudanesen-Soldaten gemeldet. Diese Leute zeigten sich den Strapazen in keiner Weise gewachsen, waren als Soldaten nicht mehr und kaum noch als Viehtreiber verwendbar, und Mzimba hatte seine liebe Noth sie vom Fleck zu bringen. Diesmal war nun doch ein Nachzügler seinem Späherblick entgangen oder hatte sich, wie dies bei den Sudanesen zu jener Zeit gewöhnlich war, vor demselben verborgen. Uns lag nun die Aufgabe ob, diesen Sudanesen zu suchen und ich sandte 10 Mann unter Kipishi und 7 Mann unter dem Askari Munyishomari, der schon meine Usambára-Expedition mitgemacht, um dem Vermissten nachzuforschen. Bei der friedlichen Haltung der Eingeborenen hielt ich es keineswegs für bedenklich, so kleine Abtheilungen auszusenden.
Gegen 3 Uhr Nachmittags hörte ich heftiges Schiessen und schloss daraus, dass die Patrouillen angegriffen worden seien. Ich brach sofort mit 20 Mann in höchster Eile auf und kam eben zurecht um zu sehen, wie die Leute der Abtheilung Kipishi sich verzweifelt gegen eine riesige Uebermacht von Eingeborenen wehrten, die mit den Speeren wüthend auf sie eindrangen und sie immer weiter zurückdrängten. In ihrer blinden Wuth sahen diese Wilden uns gar nicht anrücken und eine plötzlich in ihre Flanke einschlagende Salve machte furchtbare Wirkung. In wilder Flucht lösten sich die überlebenden Gegner auf und unsere hart bedrängten Leute begrüssten mit Jubel ihre Rettung. Es war auch Hilfe in der Noth! Ein braver Ruga-Ruga, Borafya, lag von Speerstichen durchbohrt am Boden, viele Andere bluteten aus zahlreichen Wunden. Zwei Mann, der Anführer Kipishi und sein Vetter Hassani fehlten und wir eilten weiter um sie aufzufinden. Im Dorfgebiet, unweit des Nyansa, fanden wir die Leiche Kipishis, die Brust von Speeren zerfleischt. Hier hatte der räuberische Angriff stattgefunden.
Kipishi und seine Leute waren auf eine Anzahl Eingeborener gestossen und hatten sie gefragt, ob sie den vermissten Sudanesen nicht gesehen hätten. Da drangen die Krieger plötzlich auf sie ein; nach heftiger Gegenwehr, in der er zwei Mann fällte, fiel Kipishi und die anderen zogen sich dann langsam zurück. Von Hassani war nichts zu sehen und wir verzweifelten schon, ihn zu finden als wir von der Mündung des Suguti her laute Rufe hörten. Bald darauf wurde Hassani, mit dem Gewehr in der Hand und nur leicht verwundet aus dem Wasser gezogen. Er hatte an der Seite Kipishis bis zu dessen Ende ausgehalten, war dann, von den Gefährten abgeschnitten und von wüthenden Schaaren verfolgt, in den schilfreichen See gesprungen. In Kanus folgten ihm die Eingeborenen und stachen mit den langen Speeren in's Wasser, doch Hassani, ein geschickter Schwimmer und Taucher, wusste sich zu verbergen und rettete sich dadurch.
In dunkler Nacht kehrten wir ins Lager zurück und erfuhren, dass von der Abtheilung Munyishomari's noch Niemand angelangt sei. Es war anzunehmen, dass auch diese, noch dazu schwächere Patrouille angegriffen und möglicher Weise aufgerieben worden war. Wir suchten durch Raketen, Signalschüsse und Trommeln etwa versprengte Leute anzulocken, doch blieb unser Bemühen lange vergeblich.
Erst gegen zwei Uhr Nachts rief ein Mann von aussen die Wachtposten an; es war der Askari Kiroboto, ein ruhiger, intelligenter Bursche aus Tschumbageni bei Tanga. In strammer Haltung berichtete er mir, dass die Abtheilung Munyishomari's verrätherisch von riesiger Uebermacht angegriffen und zersprengt worden sei. Die Askari Munyishomari, Sadiki und einen Sudanesen sah er fallen, dann verlor er seine Gefährten aus dem Gesicht, verbarg sich in dichtem Dorngestrüpp und brach erst Nachts nach dem Lager auf. Ich fragte ihn, ob er selbst nicht verwundet sei, worauf er sich umwandte und ich einen meterlangen Pfeil in seinem Nacken stecken sah, der dann nur mit der Zange aus dem Rückgratknochen entfernt werden konnte! Ausserdem hatte er noch eine breite Speerwunde in der Hüfte.
Mit diesen schweren Verwundungen war der Mann stundenlang Nachts in wegloser Wildniss umhergeirrt und hatte dann noch die Kraft, in strammer Haltung, das Gewehr bei Fuss, eine Meldung abzustatten; gewiss ein Beweis, dass die höchste Stufe der Disziplin auch schwarzen Soldaten erreichbar ist. Und doch war der Mann ein Swahíli, gehörte also einem Stamme an, der von Vielen als »feig« verrufen ist. Es ist ja überhaupt eine eigene Sache um die sogenannte Feigheit der Neger. Dieselben Sudanesen, die heute als Muster von Muth und Disziplin gelten, sind in ihrer Heimath als Feiglinge verrufen, die sich von Sklavenjägern gleich Schafen wegtreiben und ausrauben liessen; dieselben Bakongo am unteren Kongo, die Vielen — und mir selbst — als das elendeste, feigste Gesindel Afrikas erschienen, sie bilden heute als Soldaten des Kongostaates den Schrecken der Araber in Manyema.
Mit dem Soldatenkleid scheint der Schwarze — und vielfach ja auch der Weisse — einen anderen Menschen anzuziehen und wer es versteht, diesem den rechten Geist einzuflössen, der kann auch den Neger zum Helden erziehen.
Am 22. Mai setzte ich mit einer Abtheilung über den Fluss, um nach etwaigen Ueberlebenden der Patrouille Munyishomari's zu suchen. Ich hatte jedoch kaum einen Kilometer zurückgelegt, als Schiessen und wüthendes Angriffsgeschrei der Eingeborenen mich in's Lager zurückriefen. Bald nach meinem Abmarsch sah Mzimba plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Hunderte schwarzer Krieger mit wilden Federkopfputz auf das Lager anrücken. Er liess sofort die Trommel rühren, um mich zurückzurufen, besetzte den Flussübergang, schickte eine Patrouille in die rechte Flanke, um den Eingeborenen ein Umzingeln des Lagers unmöglich zu machen und griff diese hierauf, ohne ihr Kommen zu erwarten, energisch an. Ein paar wohlgezielte Salven — die Leute bekamen mit der Zeit Uebung — richteten schwere Verheerungen an und ich kam gerade zurecht, um auch meinerseits durch energischen Flankenangriff die Niederlage zu vollenden. Ihre Waffen grösstentheils wegwerfend rannten die Krieger — wohl 800 an der Zahl — davon; die Panik war so gross, dass wir einige derselben abfangen konnten. Wir brannten hierauf sämmtliche Dörfer nieder und schickten einen der Gefangenen an die Eingeborenen ab, um sie aufzufordern, die Gewehre der gefallenen Soldaten herauszugeben, was auch geschah.
Am 23. Mai verliessen wir das Ufergebiet des Nyansa und marschirten durch welliges, unbewohntes Land, aus welchem sich im Osten der ansehnliche Mrandirira-Berg erhob. Jenseits des Kihemba-Baches trafen wir auf Dörfer freundlicher Waschaschi, bei welchen wir gastliche Aufnahme fanden und uns einen Tag erholten. Dort erfuhren wir erst, warum die Mugango-Leute uns überhaupt angefallen hatten. Der Wagaya-Häuptling Kaditi von Irieni hatte ihnen nämlich bei der Nachricht von unserem Herannahen geweissagt, dass unsere Gewehre nicht losgehen und sie unsere Tauschwaaren erbeuten würden. Vielleicht hätten sie aber doch einen Angriff nicht gewagt, wenn der Zwischenfall mit dem vermissten Sudanesen nicht eingetreten wäre. Dieser kranke, wehrlose Mensch war von ihnen niedergemacht worden, worauf sie die abgesandten Patrouillen, die sie für Strafabtheilungen hielten, angriffen. Die leichte Zersprengung derselben ermuthigte sie zu dem grösseren Angriff, der ihnen verhängnissvoll wurde.
Am 25. Mai durchzogen wir stärker gewelltes Kampinen-Land, aus dem die dunklen Euphorbienhecken der Dörfer hervorsahen. Diese lehnen sich meist an malerische Anhäufungen ungeheuerer Granitblöcke, deren Zinnen den Eingeborenen als Aussichtsthürme dienen. Zugleich sind diese auch der beliebte Aufenthalt zahlreicher grosser Affen und von weitem ist es oft schwer zu unterscheiden, ob Affen oder Waschaschi auf den Felsen herumklettern. Zwischen Felsen am Gipfel eines Hügels lag auch das Dorf Uanékera, wo wir zwischen den braunen Kegeldächern der Hütten lagerten. Wir wurden freundlich aufgenommen und erhielten massenhaft Arachis, die hier die Hauptnahrung bildet. Diese Erdnuss, die geröstet einen mandelähnlichen Geschmack hat, ist in kleinen Mengen recht angenehm zu geniessen, erregt jedoch als ständige Nahrung selbst bei abgehärteten Negermagen Beschwerden, so dass es erstaunlich ist, wie die Waschaschi dieser Gegend oft fast ausschliesslich davon leben können.