Dorf der Waschaschi

Dorf der Waschaschi.

Trotz der Freundschaft wurden wir Nachts durch vergiftete Pfeile belästigt, die von unsichtbaren Schützen, die wahrscheinlich in den Klüften der Felsen verborgen waren, auf die Lagerfeuer abgeschossen wurden. Morgens erschienen die Dorfältesten und fragten uns, freundlich lächelnd, wie wir geschlafen hätten. Als wir uns über die Pfeilschüsse beklagten, meinten sie, das sei ein kleiner Scherz, den die Krieger sich fremden Reisenden gegenüber zu erlauben pflegten. Ich befahl hierauf den Askari, eine der nebenstehenden Vorrathshütten für Getreide anzustecken. Als die Flamme emporloderte wollten die Aeltesten sich erschrocken entfernen, doch beruhigte ich sie mit der Versicherung, dass dies nur ein kleiner Scherz sei, den ich mir so liebenswürdigen Gastfreunden gegenüber nicht versagen könnte. Nachdem wir uns derart gegenseitig Beweise unseres Humors gegeben, nahmen wir mit süss-saurer Miene von einander Abschied.

Es ist bemerkenswerth, dass bei solcher summarischen Vergeltung doch schliesslich fast immer der Schuldige getroffen wird. So wusste — wie ich später erfuhr — der Besitzer der verbrannten Vorrathshütte sofort die nächtlichen Pfeilschützen herauszufinden und für seinen Schaden verantwortlich zu machen.

Je weiter wir uns vom Nyansa entfernten, desto bergiger wurde das Land; an den Hängen wechselten stets Gras mit Feldern und kleinen Waldgruppen, in den Mulden rieselten zahlreiche wasserreiche Bäche und die Höhen waren von wilden Felszähnen gekrönt, zwischen welchen die Hütten der Eingeborenen, umgeben von dichtem Euphorbiengestrüpp, verborgen lagen. Nördlich von uns dehnte sich eine breite Senkung aus, die der Marafluss als silbernes Band durchzog, der sich, an Stelle des Rubana, als Unterlauf des Ngare dabasch erwies.

Am 27. Mai durchzogen wir ein unbewohntes Gebiet und erreichten die Landschaft Uaschi, ein leicht gewelltes, an Feldern reiches Kampinenland mit einzelnen verstreuten Kuppen, die von wilden Anhäufungen ungeheurer Granitblöcke bedeckt sind, zwischen welchen die Hütten gleich Adlernestern kleben. Mit ihren langen Speeren kletterten die Wauaschi mit unglaublicher Gewandheit über die Felsplatten und schienen bereit, ihre Hochburgen energisch zu vertheidigen, falls wir daran gedacht hätten, sie anzugreifen. Kaum hatten sie jedoch unsere friedliche Absicht erkannt, als sie uns freundlich in ihr Hauptdorf führten. Hier beginnt der Einfluss der Massai sich in Moden sehr geltend zu machen, die Ohrläppchen werden ungeheuer ausgedehnt und auch der Fell-Ueberwurf nach Massai-Art getragen. Die Nachbarschaft dieser Viehräuber zwingt die Eingeborenen auch, sich derart in den Felsen zu verbergen.

TAFEL VII

Felsdorf in Uaschi

Felsdorf in Uaschi.

Am 28. Mai ging es durch eine breite, leicht versumpfte Niederung und über eine Hügelkette, auf der die letzten Dörfer von Uaschi lagen. Da es dort keine Felsen als natürliche Festungen gab, so mussten die Eingeborenen Steinwälle um ihre Dörfer aufrichten, deren einer (um das Dorf Matongo) einen Umfang von über 2 Kilometer hatte und mit Dornengestrüpp bedeckt war. Jenseits der Hügel ging es wieder in eine sumpfige Senkung, die nach den Regengüssen schwer passirbar war, sodass wir erst am Morgen des 29. Mai wieder Bergland erreichten. Dasselbe gehörte der Landschaft Ngoroïne oder Ungroïme an, die ähnlich wie Elmarau (Ikoma) ein Ultima Thule der Massai-Karawanen bildet. Das erste Dorf lag in einer Schlucht zwischen hohen Felsblöcken und war auf der einzig zugänglichen Seite durch eine etwa 2 m hohe Steinmauer abgeschlossen, deren Thor von Innen fest verrammelt war. Da draussen kein Raum zum Lagern war, während sich drinnen ein grosser freier Platz befand, riefen wir die Eingeborenen, die in drohender Haltung mit Bogen und Speeren zwischen den Felsen hockten, zu, uns aufzunehmen. Doch sie legten als Antwort nur die Pfeile auf und drohten, den ersten der sich der Mauer nähern würde, niederzuschiessen. Dieser erste war der dicke Digo-Askari Bakari Juko, der ohne Befehl, wie gewöhnlich laut fluchend die Mauer erkletterte. Die Bogen spannten sich, unsere Gewehre waren schussbereit, doch kein Pfeil schwirrte, kein Schuss krachte; andere stiegen Bakari nach, öffneten gemüthlich das Thor von innen und mit grossem Halloh zog die Karawane ins Dorf. Als wir uns nach unseren Gegnern umsahen, waren diese erst garnicht zu sehen, dann kamen sie demüthig und unbewaffnet und wurden noch unsere besten Freunde. Später brachten sie sogar ein originelles Saiten-Instrument an, zu dessen Klang sie hübsche Tänze aufführten. Es waren grosse, schön gewachsene Leute mit angenehmen Zügen und eigenartigem, aus Fasern bestehendem Kopfputz.

Saiteninstrument der Wangoroïne

Saiteninstrument der Wangoroïne.

Ein tüchtiges Fieber — wohl die Folge der häufigen Sumpfwanderungen — fesselte mich für einige Tage an dieses Dorf. In wenig behaglichem Zustande sass ich am Morgen des 1. Juni vor meinem Zelt, als einige Leute auf mich zukamen und mir meldeten »safari anakuja«, eine Karawane kommt. Bald erschien denn auch eine abgemagerte, verrissene Gesellschaft, in der wir kaum unsere alten Freunde, die Leute Munyi Hatibu's aus Tanga, den wir in Aruscha verliessen, wieder erkannten. Sie liessen sich an den Lagerfeuern nieder und es ging ans Austauschen der Erlebnisse. Meine Soldaten und Träger wussten viel von blutigen Kämpfen zu erzählen, aber auch die Leute von Munyi Hatibu's Karawane hatten viel durchgemacht. In Ober-Aruscha waren sie durch Hongo-Erpressungen eines Theils ihrer Waaren beraubt worden. Dann zogen sie, meinen Spuren folgend, nach Elmarau. In Mutyek und Serengeti fanden sie freundliche Aufnahme bei den Massai, litten jedoch sehr unter Hunger und 60 Mann gingen auf diesem Marsche zu Grunde. Nun hatten sie sich im Hauptdorf von Ngoroïne niedergelassen, und der Trupp dem wir begegneten, war ausgeschickt worden um nach Elfenbein zu forschen.

In ihrer Begleitung brachen wir am 3. Juni auf, durchzogen schönes, reich bebautes und dicht bewohntes Hügelland und erreichten am Morgen des 4. Hindi, das ausgedehnte Hauptdorf von Ngoroïne, das in einer Mulde am Fusse einer niedrigen Bergkette liegt. Dort hatte Munyi Hatibu ein Lager erbaut und lebte auf bestem Fusse mit den Eingeborenen. Im Vergleich zu unserer wohlgenährten Mannschaft, bot die seinige ein wahres Bild des Jammers. Es fiel mir auf, dass Munyi Hatibu fast gar keine Massai in der Karawane hatte, und ich fragte ihn ob sich denn keine Verhungernde ihm angeschlossen hätten. »Allerdings,« meinte Munyi Hatibu, »wandten sich zahlreiche dieser Elenden an mich und es that mir leid genug, sie dem sicheren Tode preisgeben zu müssen, aber es musste doch geschehen, denn ich habe keine Lust mich an der Küste als Sklavenhändler aufhängen zu lassen.« Und er hatte nicht Unrecht. Denn ein Swahíli, der an der Küste behaupten wollte, er habe bei ihm aufgefundene, eingeborene Kinder nur aus Menschlichkeit aus dem Inneren mitgenommen, der würde höchstens ein Lächeln seiner Richter über eine so dumme Ausrede hervorrufen!

Munyi Hatibu bereitete mir eine Ueberraschung, indem er mir die Lasten aushändigte, die ich beim Lmorro-Bach in Mutyek vergraben hatte. Dem schlauen Swahíli war das Versteck nämlich nicht entgangen und er war ehrlich genug, mir mein Eigenthum nun zu übergeben, so dass ich, wie Polykrates zu seinem Ring, nun wieder zu meinen Glasperlen kam. Mit den Geschäften war der alte Händler keineswegs zufrieden, er hatte bisher fast gar kein Elfenbein bekommen und beabsichtigte nach Kavirondo zu ziehen. Den Mara, der einige Meilen nördlich von Ngoroïne vorbeifliesst, kennt man hier schon unter dem Namen Ngare dabasch, sodass der Zusammenhang dieser beiden Gewässer nachgewiesen war.

Wir befanden uns wieder an der Grenze des Massai-Landes, östlich von uns dehnten sich weite, unbewohnte Gebiete aus. Wir bogen jedoch gegen Süden um, durchzogen erst eine ausgedehnte, buschbedeckte Ebene und gelangten an den letzten Dörfern von Ngoroïne vorbei nach Nata. Es ist dies eine wellige Landschaft mit niedrigen Akazien, mit vielen Wasserläufen und fruchtbaren Boden, auf welchem die Pflanzungen der Nata-Leute gedeihen, deren zahlreiche Niederlassungen überall verstreut sind. Hier entspringt der Rubana, den wir am 7. Juni als kleinen Bach überschritten um dann in einem von dichtem Dorn- und Euphorbiengestrüpp umgebenen Dorfkomplex zu lagern. Die Eingeborenen, die völlig den Waschaschi von Ikoma glichen, empfingen uns mit der Freundlichkeit, die diesem harmlosen Stamm eigen ist, und brachten besonders viel Honig. Sie trugen einen eigenartigen Kopfschmuck aus Käferflügeldecken, der beim Gehen klapperte.

Als ich gegen Abend gerade beim schwarzen Kaffee sass, kamen plötzlich die Dorfältesten ganz angstbebend und beschworen mich, sie zu retten, »die Massai kämen.« Diese Gefahr konnte mich allerdings nicht im Genuss meines »Schwarzen« stören; ich begnügte mich, einige Askari vor das Dorf zu schicken. Wirklich hörte man nach einiger Zeit einen gellenden Gesang: es war ein Trupp Elmoran, die unweit des Dorfes vorbeikamen, wohl ein paar arme, hungrige Teufel, die irgendwo einige Ziegen gestohlen hatten und nun mit Triumphgeschrei heimwärts zogen. Zu ihrem Glück dachten sie nicht daran, unser Dorf zu belästigen und ihr Gesang verklang in der Ferne. Die angsterfüllten Waschaschi hatten sich jedoch so gründlich verkrochen, dass wir sie selbst am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen bekamen.

Ein tüchtiger Marsch brachte uns am 8. Juni durch stets offenes, bewohntes Land nach Ikoma, wo wir den alten Lagerplatz vom 2. April wieder bezogen. Auch diesmal standen wir in freundlichem Verkehr mit den Eingeborenen. Zwei weitere Tagereisen brachten uns durch die südlichen, am Grumeti gelegenen Dorfgebiete Ikomas, deren äusserstes Urungu ist. Die Dörfer mit ihren Feldern schliessen sich meist an den schmalen, aber hochstämmigen Galleriewald des fischreichen Grumeti, während das übrige Land, dornige, offene Nyika ist. Auch das niedrige Stachelgestrüpp hörte auf als wir am 11. Juni erst den Grumeti, dann dessen Randberge überschritten und in weite, fast baumlose Grassteppe eintraten. Einzelne Wasserrisse mit schmalen, dunklen Vegetationsbändern durchzogen die gelbe Fläche, am Horizont standen reihenweise hohe Schirmakazien und Gruppen von Borassus-Palmen. Grosse Heerden von Antilopen umschwärmten uns. Ein ausgetretener Pfad durchschnitt diese Einöde, der den Handelsweg der Wasukuma, der nördlichsten Wanyamwesi mit den Schaschi-Gebieten bildet. Wir begegneten mehrfach kleinen Gruppen derselben, die mit Hackenklingen und trockenen Fischen gegen Norden zogen.

Durch topographische Arbeiten aufgehalten, war ich gerade ein gutes Stück hinter der Karawane zurückgeblieben, als ich wahrnahm wie die Träger, die sich eben zu kurzer Rast niedergelassen, plötzlich aufstanden und ein wüthendes Feuer auf einen Punkt in der Ebene eröffneten. Leider lag dieser Punkt gerade zwischen ihnen und mir, sodass ich mich zu meinem geringen Vergnügen im dichtesten Kugelregen befand. Doch zum Glück hörte das Schiessen bald auf und ein mächtiges Triumphgebrüll ertönte; die Leute hatten, wie ich beim Näherkommen sah, einen Löwen getödtet. Derselbe erhob sich plötzlich aus dem Grase, wo er wahrscheinlich sanft geschlummert hatte, und bekam sofort ganze Salven in den Leib gefeuert. Ganz ausser sich vor Freude rissen die Leute dem Thiere das Herz aus und verschlangen es, um Löwenmuth zu bekommen, was jedenfalls nichts schaden konnte.

Die trockene Jahreszeit machte sich immer mehr geltend, in den Wasserrissen fanden sich nur spärliche Tümpel, das hohe Gras war gelb und dürr und in der Ferne stiegen schon die weissen Wolken der Grasbrände auf, die Nachts den Himmel mit glühender Lohe übergossen.

Am Mittag des 12. Juni betraten wir wieder bewohntes Gebiet von Ututwa, eine Landschaft, die bereits dem nördlichen Usukuma angehört. Mit ihren trockenen Wasserschluchten, ihren öfter von Granitkuppen gekrönten Hügelzügen, machte sie gerade nicht den Eindruck besonderer Ueppigkeit; doch die weiten, dem Schnitt entgegenreifenden Sorghumfelder bewiesen, dass auch dieser Boden kulturfähig ist. Auch die Dörfer, deren Hütten zwischen den Felsen gelagert sind, machten den Eindruck des Wohlstandes. Die in Schmutz starrenden Eingeborenen freilich, mit ihren Ziegenfellschürzchen, die oft kaum die Brust bedecken, mit ihren Lederschilden, Speeren und wildem Kopfputz, machten keinen übermässig civilisirten Eindruck. Dennoch waren es schon echte Wanyamwesi, Leute, deren viele an der Küste gewesen und die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, recht leidlich verstanden. Obwohl noch nie ein Weisser das Land betreten, erregte mein Erscheinen hier doch kein besonderes Aufsehen. Die Leute führten uns ins Dorf, brachten reichlich Nahrung und feierten dann ein Freudenfest, bei dem viel Pombe getrunken und Hanf geraucht wurde, was für uns noch unangenehme Folgen haben sollte.

Krieger aus Usukuma

Krieger aus Usukuma.

Als wir nämlich am Morgen des 13. Juni aufbrachen, rotteten sich zahlreiche halb betrunkene Krieger zusammen und verfolgten uns mit wildem Geschrei. Gegen dieses hatten wir nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, dass sie uns später mit Pfeilen beschossen, was wir mit der üblichen Salve beantworteten, die auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Die Schaar der Betrunkenen stob auseinander. Aber die Schüsse liessen leider auch die Nüchternen vermuthen, dass wir Böses im Schilde führten, und überall sah man dunkle Krieger-Gestalten aus den Dörfern hervorkommen und, in langen Linien schwärmend, sich uns nähern. Ich rief ihnen Friedensversicherungen zu, die sie jedoch nur mit Kriegsgeschrei erwiderten, das in komischer Weise das Geheul der Hyäne, U-u-hi! nachahmte. Ich besetzte ein Dorf, das von Menschen verlassen schien, liess die Lasten dort zurück und begann dann, den Gegner anzugreifen. Mit wohlgezielten Salven — der besten Feuerart gegen Wilde — trieben wir die U-u-hi-Schreier in die Flucht und bald rannten sie querfeldein, verfolgt von ironischem U-u-hi-Geschrei meiner Leute. Die Träger hatten inzwischen die Granitfelsen, die beim Dorfe lagen, gründlich untersucht und in den Klüften zahlreiche Weiber und Kinder gefangen. Nun waren wir die Herren der Situation — zwar kehrten die Hyänen-Krieger noch einmal zurück, doch wurden sie ebenso leicht, und zwar diesmal allein von den Trägern verjagt, die sich dies als Gunst erbeten hatten, und aus ihren Vorderlader-Flinten tadellose Salven abgaben. Einige junge Burschen, die offenbar zu den Habitués der Exerzierplätze von Tanga und Pangani gehörten, kommandirten dabei mit der schnarrenden Schneidigkeit eines alten Unteroffiziers.

Nachmittags kamen einige alte Leute mit einer Ziegenheerde ins Lager und erklärten, sie hätten nun genug des Krieges, wir möchten diese Heerde nehmen und ihnen ihre Weiber geben, was auch geschah. Es dauerte keine Viertelstunde, so kamen die Eingeborenen wieder ins Lager, begannen Lebensmittel zu verkaufen als ob nichts geschehen wäre und erzählten uns, dass so und so viel Leute todtgeschossen wurden. Einer meinte ganz harmlos: »Wir haben jetzt unsere Prügel: das genügt uns.« Ganz scheint es ihnen aber doch nicht genügt zu haben, denn als mehrere Wochen später Lieutenant Werther durch das Land kam, griffen sie ihn ebenfalls an und holten sich neue Hiebe.

Am 14. Juni erreichten wir nach Ueberschreitung des Duma-Baches die Landschaft Ntussu. Eine weite, leicht gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, in der sich nur einzelne Granithügel erhoben. Ungeheure Sorghum-Felder bedeckten das Land, in welchen man überall die Gestelle mit den schreienden und winkenden, lebenden Vogelscheuchen erblickte. Dazwischen grosse Dörfer mit breiten, ausgetretenen Wegen zwischen Euphorbienhecken, an welchen die kleinen eingezäunten Hüttenkomplexe grenzen. Die Eingeborenen nahmen uns mit Begeisterung auf, viele von ihnen waren an der Küste gewesen, was sie nicht abhielt in sehr einfacher Fellkleidung, oft sogar splitternackt einherzulaufen.

Am 17. Juni verliessen wir Ntussu und traten auf viel begangenem Wege, der nach den Salzlagern des Nyarasa führt, in die Steppe. Das Land wurde fast völlig flach, ausgedehnte Wiesengründe ohne Baumwuchs wechselten mit niedrigen Bodenschwellungen, auf welchen ärmliches Stachelgestrüpp gedieh. Am 18. überschritten wir den Simiyu-Fluss, der kein fliessendes Wasser enthielt und dessen tiefes Bett von dürren Akazien eingesäumt ist. Inmitten verbrannter, öder Steppe lagerten wir bei einigen Tümpeln, unweit eines riesigen einzelnen Baobabs Namens Mwandu, der von den Wasukuma als Sitz eines Geistes verehrt und mit Grasbüscheln bestreut wird.

Am 19. Juni wurde das Land welliger, von breiten, trockenen Wasserrissen durchzogen. Einzelne Felskuppen tauchten auf und vor unseren Blicken dehnten sich weite, gelbe Sorghumfelder: wir hatten die Landschaft Meatu, jenen äussersten Vorposten Usukuma's gegen die Steppe zu, erreicht. Aus den dunklen Euphorbien-Hainen der Dörfer kamen Eingeborene hervor: es waren nicht nur Wasukuma, sondern auch Wataturu die hier eine Kolonie besassen und sich durch scharfe hamitische Gesichtszüge auszeichneten.

An diesem weltentlegenen Platz, nach allen Seiten hin von Einöden umgeben, hatte ein Halbaraber Munyi Hemedi (Mwelekwanyuma) eine Niederlassung gegründet und sandte seine Jäger hinaus in die weite Steppe zur Verfolgung des edlen Dickhäuters, dessen Zähne ihn in diese Einsamkeit gelockt hatten. Munyi Hemedi hatte schon von unserem Herannahen gehört und kam uns entgegen. Es war ein netter lichtfarbiger Swahíli mit intelligentem Gesichtsausdruck, in tadelloses Weiss gekleidet. In seiner Gesellschaft befand sich eine Schaar baumlanger, herkulischer Gestalten in zerfetzter Küstentracht, viele mit weissem Haar und kühn blitzenden Augen, das lange Feuerrohr geschultert: die Elephantenjäger. Sie wurden gewöhnlich Makua genannt, da die ersten Leute, die dieses abenteuerliche Gewerbe betrieben, dem Stamm der Makua angehörten. Gegenwärtig sind es Leute aus allen Küstengegenden, die sich der Elephantenjagd widmen, in kleinen Trupps Jahre und Jahrzehnte lang das Innere durchstreifen, sich in Wildnisse wagen, die selbst ein Eingeborener kaum jemals betritt und in ihren Zügen bis Unyoro und Manyema vordringen.

Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu

Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu.

Zwischen zwei Felskuppen hatte Munyi Hemedi seine Niederlassung errichtet. Ihren Mittelpunkt bildete ein von einem Tembe umschlossener Hof, rings herum waren Hütten im Eingeborenen- und Küstenstil verstreut, alles nett und rein gehalten. Zahlreiche Weiber in Küstentracht begrüssten mit Jubelgeschrei die Karawane und noch zahlreichere braune, halbnackte Kinder lugten aus den Hütten hervor. Die Letzteren waren fast alle hier geboren, denn die Niederlassung bestand schon seit sechs Jahren. Erfreut, wieder einmal unter civilisirten, oder doch halbcivilisirten Menschen zu sein, schlugen wir Lager und ahnten nicht, dass unsere Ankunft zur Auflösung dieser hübschen Niederlassung Veranlassung geben sollte.

In reichen Mengen brachten die Eingeborenen Mehl und Hülsenfrüchte; sie alle schienen Munyi Hemedi, der sie mit seinen Jägern vor einigen Jahren aus Massai-Gefahr errettet, sehr hoch zu achten. Ich beschloss, in Meatu eine Anzahl kranker Leute, darunter besonders Kiroboto, der noch stets in der Hängematte getragen werden musste, zurückzulassen, ebenso auch das Vieh und den grössten Theil der Lasten, um mit leichter Expedition einen Vorstoss in das Gebiet des Eyassi-See zu machen. Dieser war den Elephantenjägern unter den Namen Mangora wohl bekannt, doch erklärten sie, dass ein direkter Vorstoss nach Westen in gegenwärtiger trockener Jahreszeit nicht möglich wäre und verwiesen uns auf den Pfad, der nach den Salzlagern von Nyarasa führt.

Wir brachen am 22. Juni auf, überschritten den Semu-Fluss, der klare Wassertümpel enthält und betraten das Dorfgebiet von Igulya, dem südlichsten Bezirk von Meatu, das gut bebautes Land und schöne Wiesen, aber nur schlechtes, faulig riechendes Trinkwasser hat. Dann gelangten wir in unbewohntes, vom Pfad der Salzkarawanen durchschnittenes Land. Der Boden war stets leicht gewellt, oft mit Quarzsplitter bestreut und mit dünnen Streifen Gras bewachsen. Einzelne breite, sandige Bachbette durchziehen die Senkungen und enthielten Wassertümpel, in anderen konnte man durch Graben schlechtes Wasser erlangen. Lichter, hochstämmiger Schirmakazienwald wechselte mit ödem, verbranntem Grasland und Stachelgestrüpp. Dicke Baobabs sind häufig, in welchen die Kletterpfosten eines Steppenvolkes, der Wanege, zu sehen sind, welche die Bäume auf der Suche nach Waldhonig ersteigen. An den Bachrissen gedeiht oft dichte Gallerievegetation, Tamarinden und ganze Wälder von Borassus-Palmen, in deren Schatten üppiges Grün aufschiesst. Wild sieht man nur wenig, doch giebt es auffällig viel Löwen, die Nachts das Lager umbrüllten.

Am 25. Juni stiegen wir den niedrigen aber steilen Abfall zum Wembere-Graben ab. Vor uns dehnte sich eine ungeheure Fläche mit erst sandigem, dann lehmigem Boden ohne Graswuchs aus, nur stellenweise bedeckt mit kriechendem Akaziengestrüpp. Zahlreiche Nashorne belebten den Rand dieser Wüste, von welchen ich eines, ein riesiges, weibliches Thier erlegte. Am Marago Mihinani fanden wir durch Graben Wasser in einem Bachriss und lagerten, um am nächsten Morgen weiter zu ziehen. Immer öder wurde die Steppe, der Strauchwuchs hörte fast ganz auf und in dicken Krusten bedeckte weisses, glänzendes Salz den Boden, das unter unseren Tritten wie Schnee knirschte.

Von Nordost, vom Eyassi-See her raste fast ununterbrochen ein Sturmwind über die Ebene, geschwängert von dichten salzigen Staubwolken, die alles einhüllen und ein intensives Durstgefühl hervorrufen. Fern im Norden tauchten durch den Staubnebel die dunkeln Umrisse der Neirobi-Berge auf. Auch die übliche Wüsten-Staffage, gebleichte menschliche Skelette, morsches Tragzeug und zerbrochene Töpfe, fehlte nicht: Eine Wasukuma-Salz-Karawane war hier vor längerer Zeit von Massai überfallen und niedergemacht worden. Wild ist nicht mehr zu sehen und die einzigen lebenden Bewohner scheinen mächtige Sandvipern, die mehrmals fauchend neben uns ihr geschwollenes Haupt erhoben.

Wir erreichten den Simbiti-Fluss, ein brackisches Gewässer mit lehmigem Löss-Ufer, auf welchem Schwärme von Flamingos und Pelikanen sitzen: der Unterlauf des Wembere. Die Leute waren durch den Durst, den salziges Wasser nicht stillen konnte, aufs Aeusserste erschöpft: ein weiteres Vorgehen in dieser Wüste hätte sicher Opfer an Menschenleben gefordert. Da jedoch der Zweck unseres Ausfluges, der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Wembere und Eyassi-See, zweifellos nachgewiesen war, so hielt ich eine Verlängerung desselben nicht mehr für unumgänglich nöthig und trat den Rückweg nach Meatu auf anderer Route an.

Man sollte glauben, dass eine Wüste, in der ein Salzwind weht, zwar kein paradiesischer, aber doch ein gesunder Aufenthalt sei. Es erwies sich jedoch das Gegentheil; ein grosser Theil der Mannschaft und auch ich selbst wurde von heftigen Fiebern ergriffen. In solcher Zeit, wo man sich kaum auf dem Reitesel erhalten kann, wo der Kopf glüht und wilde Fieberbilder jedes klare Denken verwirren, in solchen Momenten die topographische Aufnahme ununterbrochen durchzuführen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des wissenschaftlichen Reisenden. Erst in Meatu, wo wir am 1. Juli anlangten, fand ich die nöthige Erholung und gönnte mir und meinen Leuten eine Rast von 10 Tagen.

Während dieser Zeit hatten die Elephantenjäger, besonders aber ihre Weiber und Töchter, sich sehr mit meinen Leuten befreundet und lagen Munyi Hemedi fortwährend in den Ohren, diese Einöde zu verlassen, und sich mir anzuschliessen. Da dieser sehr begreiflicher Weise nichts davon wissen wollte, seine Niederlassung ohne besonderen Grund aufzugeben, so suchten sie ihn durch ein schlaues Manöver dazu zu zwingen. Einige Jäger brachen nämlich einen Streit mit den Eingeborenen vom Zaun, griffen sie an und brannten eines ihrer Dörfer nieder. Dadurch aufgeregt, sammelten sich die Wasukuma, die sonst stets sehr friedliche Leute gewesen, in grossen Schaaren und rückten gegen das Dorf, so dass es meines Einschreitens bedurfte, um sie zu verjagen. Dann erklärten die von Munyi Hemedi nicht abhängigen Jäger, etwa 20 Mann, mit mir aufbrechen zu wollen. Die übrigen 40 wollten zwar bei ihm aushalten, redeten dem ängstlichen Manne jedoch ein, dass dies unter den gegenwärtigen Umständen gewagt sei.

Als wir am 10. Juli aufbrachen, schloss sich uns ein ganzer Tross von Jägern mit Weib und Kind an. Munyi Hemedi hoffte bis zum letzten Augenblick bleiben zu können, doch als er sah, wie einer nach dem Anderen uns nachfolgte, packte schliesslich auch er seine Siebensachen und zog ab: die Niederlassung war verlassen.

Am Nenge-Bach, einem Wasserplatz am Rande der Steppe, hielt ich mit den Jägern grosse Berathung ab. Die 20 Makua, welche nicht Munyi Hemedi's Leute waren, sondern nur seine Niederlassung bewohnten, sagten sich endgiltig von ihm los, die übrigen gelang es mir zu bewegen, bei ihm zu bleiben, doch nur unter der Bedingung, dass er Meatu, das sie schon gründlich satt hatten, verliesse. Es blieben nur die Alten und Gebrechlichen, darunter ein feister Blinder, der Jahre in seiner Hütte kauernd verbracht hatte und nun kaum mehr gehen konnte. Diese willigte ich ein, nach Mwansa zu bringen, wo sie unter dem Schutze der Station ihr Dasein fristen konnten. Munyi Hemedi zog auf mein Anrathen mit seinen Leuten ab nach Uduhe, wo er mehrere Monate später von Herrn Wolf gesehen wurde.

TAFEL VIII

Wasukuma-Weib

Wasukuma-Weib.

Ich schloss mit den Makua, welche der Expedition beitraten, einen Vertrag, worin sie sich zu unbedingtem Gehorsam und zu allen Arbeiten bereit erklärten, wofür ich ihnen versprach, für sie eine Niederlassung im elephantenreichen Umbugwe zu gründen. Ich forderte sie dann auf, mir ihr Oberhaupt zu zeigen, worauf die baumlangen Kerle, unter denen sich auch einige grauhaarige befanden, zu meinem Erstaunen einen kleinen, hübschen Jungen von etwa 12 Jahren anbrachten. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich alle die Sklaven dieses Jungen waren. Obwohl ich also seine Oberherrlichkeit anerkennen musste, bestimmte ich doch als seinen Stellvertreter den ältesten Jäger Fundi Mazazwa. Dann fragten mich die Leute, wie ich hiesse, worauf ich ihnen meinen Namen nannte. Denselben fanden sie »ngumu« (hart) und fügten in der blumenreichen Ausdrucksweise des Kiswahíli hinzu: »Umevunja mapori ya Massai, umevunja nguvu za washenzi, umevunja mji etu: bassi jina lako bwana Kivunja!« (Du bist durch die Massai-Steppen gebrochen, Du brachst die Kraft der Wilden, Du hast unsere Niederlassung gebrochen [gesprengt]: so heisse denn »der Brecher«.) So hatte ich denn einen schönen Namen und war auch für meine Leute von nun an stets der Bwana Kivunja.

Mit den Makua war das Element des »ewig Weiblichen« in der Karawane zur wahren Hochfluth angewachsen. Dasselbe war schon früher in stetem Steigen begriffen; aus den drei Weiblein, mit welchen wir Tanga verliessen, waren schon längst dreissig und mehr geworden; denn solch' eine Karawane übt auf die Schönen des Landes eine zauberhafte Anziehungskraft. Gar mancher schwarzen Dame aus Umbugwe und Schaschi, aus Ukerewe und Usukuma gefiel der flotte, reinliche Swahíli besser als der schmutzige Gatte mit seinem Ziegenfellchen. Nachts verliess sie das sichere Heim und lief der Karawane oft tagelang nach, um im Lager flüchtig geknüpfte Bande zu dauernden zu machen. Selbst dem Sultan Lukonge waren mehrere seiner zahllosen »Sultaninnen« — und nicht die schlechtesten — ausgerückt, indem sie einen ganzen Träger dem hundertsten Theil eines Sultans vorzogen. Nur selten kam der erboste Ehegatte nachgeeilt und erhielt die ungetreue Gattin zurück, meist liess er sie laufen und freute sich wohl noch darüber. Doch nun kamen plötzlich über sechzig Weiber und zahlreiche Kinder zur Karawane, denn jeder Makua hatte mindestens drei »Surias« (Kebsweiber) bei sich. Man sollte glauben, dass solcher Tross den Marsch verzögert, was jedoch kaum der Fall ist. Bepackt mit hohen Schachteln, in welchen Mehl und andere Lebensmittel verstaut sind, mit Kochgeschirr und allerlei Hausrath, womöglich noch einen Sprössling auf dem Rücken, marschirten die Weiber tapfer mit. Selbst die Kinder liefen im scharfen Tempo der Karawane und wurden, wenn sie müde waren, von ihren kraftvollen Vätern auf die Schulter gehoben. Im Lager war das Walten der Weiber ein höchst wohlthätiges; die ermüdeten Leute konnten ihre Ruhe völlig geniessen, denn das Sammeln von Brennholz und Wasserholen, das Mehlmahlen und Kochen, dies alles besorgten die Weiber, während die muntern Kinder durch Spiele und heiteres Wesen Leben in das Bild brachten.

Die Makua machten sich von Anfang an nützlich und bewiesen, dass sie in der Kunst des Buschlebens uns doch noch weit über waren. Vor allem verstanden sie es vorzüglich in unglaublicher Schnelligkeit wasserdichte und behagliche Grashütten aufzurichten, was meine Leute ihnen bald ablernten, wodurch unser Lager einen besonderen Charakter erhielt. Auch als geschickte Jäger zeigten sie sich und lieferten häufig grosses und kleines Wild für die Küche.

Vom Nenge-Bach, der nur spärlich Wassertümpel enthält, zogen wir durch fast flache, trostlose Baumsteppen zum Marago Saïd bin Sef, einem Lagerplatz, der nach dem früheren Vorstand der Araber-Kolonie Magu benannt ist, wo einige Lachen uns Erquickung boten. Am 12. Juli durchwanderten wir, von den Makuas geführt, wegelose, offene Steppe und überschritten den Simiyu, der zu dieser Jahreszeit nur grosse Tümpel enthält, in welchen sich Welse und sogar Flusspferde finden, die zur Regenzeit vom Nyansa aus hierher gelangen.

Feldbeil, Usukuma

Feldbeil, Usukuma.

Durch flache Steppe gelangten wir zu den nahe aneinander gelegenen Dorfgebieten von Dudumo und Sagayu, kleinen, an die Steppe grenzenden Ortschaften, welche von Flüchtlingen aus Uduhe, Usmau und Ntussu bewohnt sind, die schöne Kulturen und ansehnliche Hütten besitzen. In einer der letzteren fand ich zu meinem Erstaunen ein französisches Erbauungsbuch und eine Kiganda-Bibel und erfuhr später, dass dieselben von dem Ueberfall einer Missions-Karawane in Sengerema herstammten. Gegenwärtig sollen die Bücher als Kopfputz bei Tänzen dienen, eine Verwendung, die ihre frommen Verfasser wohl kaum voraussahen.

Am 15. Juli passirten wir abermals den hier völlig trockenen Simiyu-Fluss und gelangten in die Landschaft Nyasambe, wo Wasukuma aus Mwagala wohnen, die besonders viel Baumwolle bauen. Sie spinnen daraus ungemein schöne feste Doppelgewebe, eine Kunst, die in Usukuma weit verbreitet ist. Am 16. Juli überschritten wir mit dem trockenen Ididi-Bache die Grenze von Usmau. Eine weite, sanft gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, überall sah man Felder von ungeheurer Ausdehnung, dazwischen die ansehnlichen von Euphorbien umgebenen Dorfkomplexe. Angebaut wird hauptsächlich Sorghum, weniger Mawele (Penicillaria), vereinzelt auch Reis. Die Eingeborenen sind grosse Reisende, fast alle jungen Leute sind an der Küste gewesen und neben fast nackten Burschen mit elendem Ziegenfell sieht man Gestalten mit Flanellbeinkleidern, schwarzem Salonrock und mächtigem grauen Schlapphut. Sie erzählten mir allerlei Neuigkeiten, darunter auch die von meinem eigenen Tode. Der Europäer, meinten sie nämlich, der früher in Katoto sass, sei von den Wagaya todtgeschlagen worden. Andere behaupteten, er wäre vielleicht doch nicht ganz todt, habe jedoch eine Speerwunde erhalten. Ich lachte damals über dieses Negergeschwätz, konnte ich doch nicht ahnen, dass sich ein schlauer Europäer (der Stationsvorsteher von Mwansa) finden würde, der nichts eiligeres zu thun hatte, als diesen Unsinn nach der Küste zu melden, von wo er nach Europa gelangte und dort unnütze Besorgnisse hervorrief.

Am 19. Juli hatten wir Usmau hinter uns und betraten Usukuma im engeren Sinne, wie die Landschaften am Nyansa genannt werden. Am nächsten Tage stiegen wir den steilen Abfall zum See ab und erreichten gegen Mittag die Station Mwansa. Wieder breitete sich der herrliche See vor uns aus und drüben, jenseits der Bai, tauchten die grünen Ufer Usinja's verheissungsvoll aus der tiefblauen Fluth.

Weiber der Karawane

Weiber der Karawane.

 

[] IV. KAPITEL.
Vom Victoria-See zum Tanganyika.

Durch Usinja. — Ussui. — Kassussura's Residenz. — Uyogoma. — An der Nil-Fähre. — Urundi. — Freudenfeste der Warundi. — Der Akanyaru. — Ruanda. — Raserei der Warundi. — Gefecht mit Watussi. — An der Nilquelle. — Uebersteigung der Missosi ya Mwesi (Mondberge). — Am Tanganyika.

An den Gestaden der Bukumbi-Bai stand die Expedition abermals an einem Wendepunkt. Der Marsch durch's Massai-Land und die Erforschung der östlichen Nyansa-Gebiete war vollendet, nun hätte programmmässig die Reise nach den südlichen Massai-Gebieten folgen sollen. Ich brachte es jedoch nicht über mich, meine Schritte ostwärts, nach der Küste zu lenken. Denn im Westen, an der Grenze des deutschen Schutzgebietes, lockten mich gänzlich unbekannte Striche, welche die letzten Räthsel des alten Nilproblems bargen. Allerdings hatte Stanley vor fast zwanzig Jahren vergeblich versucht in jene Gebiete einzudringen und das mächtige Prestige, welches dieser Reisende mit Recht geniesst, hatte seither andere abgehalten, ihre Schritte dahin zu lenken. Aber ich besass eine vorzüglich eingeschulte, leistungsfähige Mannschaft; das Material der Expedition war noch in gutem Stande, ich selbst fühlte mich gesund und kräftig: wenn es irgend Vorbedingungen gab die ein Gelingen erhoffen liessen, so waren es diese.

Ohne Titel

In den Instruktionen freilich, die meine Auftraggeber mir fürsorglich mitgegeben, war das Gebiet meiner Forschungen so ziemlich umgrenzt und von jenen entfernten Ländern stand keine Zeile darin zu lesen. Aber solche Instruktionen sind ja nur dazu da, um nicht befolgt zu werden: entweder sie verlangen zu viel oder zu wenig von dem Reisenden, im letzteren Fall werden sie überschritten — »und wenn es glückt, so ist es auch verziehn.«

So begann ich denn meine Vorbereitungen für den Marsch nach dem Westen. Ich liess alle Lasten, die nicht unbedingt nöthig waren, bei Seite packen, wählte eine Anzahl schwacher Leute aus und sandte diese, sowie einige angeworbene Wasukuma, unter Befehl des Askari Mzee bin Jumah, eines älteren, vorsichtigen Mannes, voraus nach Tabora mit der Instruktion, mich dort zu erwarten. Ferner entliess ich sämmtliche Sudanesen bis auf einen (Faraj Abdallah) und gab sie an die Station Mwansa ab, da sie für meine Zwecke gänzlich unbrauchbar waren. Alle Leute, mit Ausnahme der Sudanesen, schieden nur sehr ungern von der Expedition und mussten förmlich gezwungen werden, mit Mzee zu marschiren, obwohl sie ganz gut wussten, welch' abenteuerliche Reise wir vorhatten.

Der Aufenthalt in Mwansa war nicht übermässig angenehm. An die Stelle des liebenswürdigen Kompagnieführers Langheld war ein Feldwebel getreten, der als Gärtner wohl vorzügliche Eigenschaften besass, im Uebrigen jedoch mit seinem Vorgänger nicht rivalisiren konnte. Dazu kam, dass mir ein Unfall passirte, der leicht ernste Folgen haben konnte. Ein Träger kam nämlich eines Morgens zu mir und erklärte, sein Gewehr wolle nicht losgehen. Als ich selbst versuchte, ging das Gewehr allerdings los, aber nach rückwärts und scharfer Pulverdampf drang mir in die Augen. Eine heftige Entzündung war die Folge, die mich zwang, acht Tage mit verbundenen Augen im Zimmer zu sitzen. Ich siedelte während dieser Zeit nach Nyegesi über. Es war dies eine französische Missions-Station, die für einige Zeit an die Seen-Expedition des Antisklaverei-Komite vermiethet worden war und wo mein armer Landsmann Baron Fischer vor Kurzem seinen Tod gefunden. Seine gründlichen topographischen Kenntnisse — er war ein Zögling des Wiener militärisch-geographischen Instituts — sowie sein wissenschaftlicher Eifer liessen glänzende Leistungen von ihm erwarten, als er leider durch ein tückisches Fieber dahingerafft wurde. Zur Zeit meiner Anwesenheit befand sich in Nyegesi nur der Steuermann Blatt, welcher in der zur Werkstatt umgewandelten Kapelle eifrig an einem Boote hämmerte.

Während ich in Nyegesi krank lag, hatte Mzimba das Uebersetzen der Karawane über die Bucht mit grossem Geschick besorgt. Es war das keineswegs eine leichte Aufgabe, da uns nur wenige und sehr elende Kanus zu Gebote standen und besonders die Rinder grosse Schwierigkeiten machten. Dieselben in das schmale Fahrzeug zu verladen, erwies sich als unmöglich und so mussten sie schwimmend über den breiten Seearm gelangen, was auch ganz gut ging. Am 2. August bezog Mzimba in Ngoma, einem kleinen Dorf des Wasinja-Häuptlings Rotakwa, das Lager. Ich selbst konnte erst am 7. August Nyegesi verlassen. Ich begab mich zu jener felsigen Landzunge, von der aus die Ueberfahrt stattfindet und setzte in etwa einer Stunde an's andere Ufer, wo ich von meinen Leuten mit Freudengeschrei begrüsst wurde.

Eine Musterung ergab, dass alles in schönster Ordnung war: alle kränklichen und schwächlichen Leute waren mit Mzee nach Tabora gegangen, die Lasten waren bedeutend vermindert und leicht verpackt worden, für die 30 Rinder, die wir mithatten, waren reichlich Treiber vorhanden und der Unternehmungsgeist, der aus den Blicken der gesunden, nun völlig ausgeruhten Leute sprach, war mir eine Gewähr des Erfolges.

In meinem Haushalt war eine kleine Aenderung vorgegangen indem der Koch, den ich von der Küste mitgebracht, nun nicht mehr da war. Ich hatte ihn an einen Agenten der britisch-ostafrikanischen Gesellschaft, den ich in Mwansa traf, abgetreten, da die Küchenjungen und besonders die Küchenmädchen, von welchen es jetzt wimmelte, ihm seine Kunst bereits abgelernt hatten. Ueber ihnen stand, als unumschränkte Herrscherin, die »Mami safari«, Kibibi, die alle Strapazen und Entbehrungen mit gleich unverwüstlicher Gesundheit und trefflichem Humor ertrug.

Auch einer meiner Dienerjungen musste krankheitshalber in Mwansa bleiben, doch fand ich vollen Ersatz an Hamadi (Pflaume), einem etwa vierzehnjährigen Jungen, der durch den Tod seines Herrn, eines Unteroffiziers, dienstfrei in Mwansa weilte. Trotz seiner Jugend hatte er schon viel mitgemacht und war bei der verhängnissvollen Wahehe-Expedition Zelewsky's mit dabei gewesen. Es war der richtige Buschboy, ein anstelliger, aufgeweckter Junge und ein Kerl, der selbst im dichtesten Kugel- und Pfeilregen nicht von seinem Herrn wich.

Am Tage meiner Ankunft in Ngoma gebar ein Makuaweib einen Sprössling, der blassroth gefärbt war und sich — wie alle neugeborenen Neger — nur durch den Typus von europäischen Säuglingen unterschied. Erst nach Tagen bricht das dunkle Pigment durch und der kleine Mensch erscheint in schwarzer Farbe. Dieser Junge, der mir zu Ehren den Namen Kivunja erhielt, war der erste einer langen Reihe von Nachfolgern, die alle unterwegs das Licht der Welt erblickten. Unter dem Grasdach der Lagerhütte, ja oft in einem Gebüsch am Wege wurde das Weib von Wehen überkommen und am nächsten Tage schon konnte sie, mit dem Neugeborenen auf dem Rücken, weiter marschiren.

Am 9. August verliessen wir das buchtenreiche Ufer des Nyansa und zogen durch leicht gewelltes, von lichtem Steppen-Wald bedecktes Land. Die grosse Trockenzeit nahte ihrem Ende und einzelne Schauer deuteten das Herannahen der kleinen Regen, der mwua za mwaka, an. Gelb und dürr hingen die Blätter an den Bäumen, wodurch die Landschaft ein herbstliches Gepräge erhielt, das durch die traurigen, verbrannten Grashalden, den trüben Himmel und besonders durch den scharfen Nordwind gesteigert wurde, der vom Nyansa herüberstrich. Doch schon machte sich die Wirkung der jüngsten Regen bemerkbar, aus den schwarzen Brandflächen spross das zartgrüne, junge Gras hervor und neben dürrem Laub schlugen an den Bäumen grüne Knospen aus — ein Bild der ewig jungen Tropenwelt. In dem gänzlich unbewohnten Gebiet sah man Spuren früherer Siedelungen; die Ackerfurchen sind noch erkennbar und nicht selten trifft man tief ausgeriebene Mahlsteine. Die Wangoni haben diese früher reichen Gebiete entvölkert.

Dorf der Wasinja

Dorf der Wasinja.

Am 12. August gelangten wir wieder zu Dörfern, die dem Wasinja-Distrikt Ugulula angehören. Ausgedehnte Maniokfelder, in welchen gleichzeitig auch süsse Kartoffeln gebaut werden, bedecken hier das Land, in den Wasserrissen und Mulden gedeihen prächtige, tiefschattige Wäldchen, überragt von schlanken Phönix-Palmen. Ueberall sieht man kleine Dörfer mit leichten lebenden Hecken, an welchen sich Bohnengerank hinaufschlingt, und in denen die netten Grashütten unregelmässig verstreut sind. Neben ihnen stehen Vorrathshütten aus eigenthümlichem, cigarrenförmigem Grasgeflecht, welche Getreide enthalten. Die Eingeborenen sind Wasinja, geschickte Schmiede, welche ihr Handwerk in offenen Grashütten ausüben und schöne Speere, Pfeile und Hacken anfertigen, eine Kunst, der sie das viele Baumwollzeug verdanken, das sie von anderen Stämmen eintauschen. Ihr Häuptling Mtikiza besuchte uns und bat, wir möchten einen seiner Feinde bekämpfen, was uns natürlich gar nicht einfiel.

Ausser diesem menschlichen hatten Mtikiza und seine Leute noch einen thierischen Feind, der nicht so leicht zu besiegen war. Es war das ein alter Bekannter von der Westküste Afrika's, den ich hier zum ersten Male traf, ohne sagen zu können, dass mich dieses Wiedersehen besonders erfreute. Ich meine den Sandfloh, Pulex penetrans, jenes widerliche Insekt, welches sich in die Zehen und in andere Körpertheile des Menschen einbohrt. Als ich 1885 den Kongo bereiste, war der Sandfloh, der bekanntlich aus Brasilien stammt und von Schiffen mit Sandballast nach West-Afrika gebracht wurde, erst am Stanley-Pool. Durch die Kongo-Dampfer gelangte er rasch nach Stanley-Falls und verbreitete sich über Manyema, von wo er allmählich bis Ujiji und Tabora kam. An das Westufer des Nyansa soll er direkt durch die Stanley'sche Expedition eingeschleppt worden sein. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis er die Ostküste Afrika's erreicht, ja vielleicht erleben wir, dass er von dort über Indien seinen Triumphzug um die Welt fortsetzt.