TAFEL X

Missosi ya Mwesi und die Nilquelle

Missosi ya Mwesi und die Nilquelle.

Am 19. September verfolgten wir den Ruvuvu-Nil aufwärts, der hier ein kleines, nicht viel über einen Meter breites Bächlein ist, das in schmalem, leicht sumpfigem Thal zwischen hohen und steilen Grashängen rauscht. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale sich einen. Hier war die Ansicht der Eingeborenen getheilt, welche der beiden Quellen als Ruvuvu, als Nil, zu bezeichnen sei. Doch schien mir dies von nebensächlicher Bedeutung, da die Schluchten, wie man deutlich wahrnehmen konnte, in den westlich ansteigenden theilweise waldigen Bergen ihr Ende erreichen und kaum einen Kilometer oberhalb des Vereinigungspunktes zu reinen Regenschluchten werden, die nur periodisch Wasser führen. Wir standen am Ursprung des Kagera, des mächtigen Hauptstromes des Victoria-Nyansa, welchen die Engländer Alexandra-Nil nennen, weil er zugleich der Quellfluss des Nil ist, wir standen an der

Quelle des Nil. Das uralte Problem, in welches zuerst Licht geworfen zu haben Spekes unvergänglicher Ruhm ist, fand hier seine endgiltige Lösung, das Ziel welches Stanley 1874 vergeblich angestrebt, war erreicht.

Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten und lagerten im kleinen Watussidorf Unyange. Unser Gefolge an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu betrachtet. Hier wurden einst die verstorbenen Mwesi begraben.

Wuruhukiro und der Ganso Kulu

Wuruhukiro und der Ganso Kulu.

In einem dunklen Hain, dem Wuruhukiro, unweit des linken Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleichen, die Bestattung fand dann am Gipfel des Ganso Kulu, eines hohen Grasberges, statt. In den Berg-Wäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge Missosi ya Mwesi genannt wird. Dieser Name, welcher wörtlich übersetzt »Mondberge« heisst, überraschte mich aufs höchste, denn wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil beschatteten?

In Unyange trat wieder ein freudiges Ereigniss ein, im Lager der Elephantenjäger wurde ein Sprössling geboren, den ich Caput Nili taufte; der leidenden Wöchnerin zuliebe blieben wir am 20. September am Platze. Die Watussi machten sich mehrmals unangenehm bemerkbar, ja sie umschlichen Nachts das Lager und versuchten während eines schweren Wolkenbruches mit Hagelwetter einen Angriff. Sie wurden zwar ohne Schwierigkeit geworfen, doch mit der Nachtruhe war es vorbei und mehrmals wurde die Umgebung bei eiskalter, stockdunkler Regennacht mit der Magnesiumfackel abgeleuchtet, die grelle Lichtstrahlen über die weiten, schweigenden Grashalden warf. Am nächsten Morgen zeigten uns die Warundi eine grosse Schaar Watussi, die auf einem entfernten Hang Kriegsrath hielten. Ich störte diese Berathung sehr unangenehm durch einige wohlgezielte Schüsse mit dem Repetiergewehr und zum nicht endenwollenden Erstaunen der Warundi stob der Haufe auseinander. Bald darauf loderten überall Feuer in den Dörfern auf: die Warundi steckten die Dörfer der Watussi an, die sie nun für endgiltig besiegt hielten.

Am 21. September kletterten wir auf lehmigen, durch den Regen schlüpferig gemachten Pfaden über steile hohe Grasberge welche die Ausläufer der Missosi ya Mwesi bilden und lagerten im Dorfe Demera, wo die Hütten hübsch aus Bambus erbaut waren. Selbst hier, einige Tagereisen vom Tanganyika wusste man nichts von der Existenz dieses Sees und die Entmuthigung meiner Leute wuchs täglich. Ich beschloss nun die Missosi ya Mwesi zu übersteigen, da ich nach der Breitenbestimmung genau wusste, dass das Nordende des Tanganyika nicht mehr fern sein konnte. Natürlich musste ich zu diesem Zwecke die Eingeborenen über die vorhandenen Pfade ausfragen, was wieder das Missliche hatte, dass dadurch die Watussi Nachricht über unsere Bewegungen erhielten.

Zum Glück brachten die Askari bei Demera einen alten Mtussi ein, der, peinlich befragt, uns mittheilte, dass seine Landsleute einen Angriff im Bergwalde planten, was mir dann auch von Warundi bestätigt wurde. Ein Waldkampf gehört in Afrika bekanntlich zu den misslichsten Sachen, ich beschloss daher die Watussi ruhig auf uns lauern zu lassen und das Gebirge an einer anderen Stelle zu überschreiten.

Am 22. September ging es bei kühlem Wetter steil bergan; über die Grasfelder flogen Nebelstreifen, während in den Thalrissen prächtiger Wald mit weissen schlanken Stämmen und hohen tiefgrünen Laubkronen gedieh. Dort sah ich zum ersten Mal seit Jahren wieder den grauen Papagei, einen alten Bekannten aus West-Afrika. Weiter oben ersetzten strauchartige Erika's die Stelle des europäischen Krummholzes und einzelne 3-4 m hohe, an Königskerzen erinnernde Pflanzen (Lobelia) fallen auf. Ganz nahe an der Kammhöhe trafen wir noch mehrere kleine Warundidörfer, deren, trotz der Kälte fast nackte Bewohner zu unserer Begrüssung herbeieilten. Steil stiegen wir durch dichtes Bambusgestrüpp ab, das mit seinen zahllosen schlanken Zweigen und dem zarten matt-grünen Laubgefieder einen reizenden Anblick gewährt. Wir passirten einen dem Russisi zufliessenden klaren Bergbach und überstiegen einen zweiten hohen Kamm, der ganz mit Bambus und hochstämmigem dichten Wald bedeckt und von schmalen in den Lehmboden tief eingetretenen Pfaden durchzogen ist.

Erst Nachmittags traten wir aus der dunkeln Wildniss und gelangten in das Dorfgebiet der Landschaft Imbo, wo Bananenhaine und reiche Felder die Hänge bedecken. Am Fusse des Berges dehnte sich ein welliges Land aus, wo sich Feld an Feld reiht und unzählige Rauchsäulen die Weiler bezeichnen. Westlich davon liegt das breite flache Thal des Russisi mit seinen fernen dunkeln Randbergen, die schon dem Territorium des Kongostaates angehören. Im Süden schloss ein scharfer, heller Streif das Bild. Es war der Tanganyika, und ich zeigte ihn meinen Leuten, doch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Erst als die Sonne für einen Augenblick die Wolken durchbrach und die Wasserfläche silbern erglänzte, da ging ein Jubelschrei durch die Karawane: Al hamdu lillahi, tumepona! (Gott sei Dank, wir sind gerettet.)

Wir lagerten in einem kleinen Dorfe, dessen Bewohner uns freundlich, aber ohne Begeisterung aufnahmen; auch ich sagte »Gott sei Dank«, denn die Mwesi-Tollheit war vorüber. Es waren echte Warundi, welche dieses gesegnete Land bewohnten. Das Auftreten anderer Kulturpflanzen zeigte die Nähe des völkerverbindenden Sees an. Am 23. September stiegen wir von der Höhe ab und marschirten durch welliges von Bachthälern durchzogenes Land, auf dessen fettem Humusboden prächtige Felder der Eingeborenen gedeihen, in welchen die Bananenhaine und Komplexe halbkugeliger Hütten verstreut sind. Auch der glänzendblättrige Rindenbaum wird überall gebaut und zur Verfertigung des schönen, ziegelrothen Zeuges verwendet. Man sah ziemlich viel Vieh auf der Weide und in den Dörfern gab es reichlich Nahrung, Tabak und vortrefflichen Honig. Das Benehmen der Eingeborenen war gerade nicht unfreundlich, aber scheu; vor allen Dörfern standen Bewaffnete: sie hatten offenbar schon Küstenkarawanen und nicht von der besten Seite kennen gelernt, denn der Araber Rumaliza (Mohammed bin Halfan) aus Ujiji pflegte seine Sklavenjagden bis hierher auszudehnen.

Am 24. September betraten wir in der Landschaft Utavuka die Russisi-Ebene, welche mit hohem Graswuchs, Dorngestrüpp und Baumeuphorbien einen steppenhaften Eindruck macht. Nur wo die wasserreichen Bäche aus den Bergen treten, dehnen sich üppige Bananenhaine und ganze Wälder herrlicher Oelpalmen aus, die mich lebhaft an Westafrika erinnerten. Besonders fällt der Reichthum an Schmarotzerpflanzen auf, die an den Blattansätzen der Palmen herauswuchern und oft förmliche Bäume am Baum bilden. Dazwischen flatterte in kreischenden Schaaren der graue Papagei.

Am 23. war der Marsch durch sumpfige Stellen erschwert und führte dann durch offenes sandiges Alluvialgebiet, in welchem die glühende Sonnenhitze lästig wurde, bis endlich ein Blick auf den wogenden Tanganyika alle Mühe vergessen liess. Wir durchzogen einen Bananenhain, der seine Ufer säumt und lagerten knapp am Strande in einem kleinen Dorfe.

Der Anblick der sich von dort bot gehört zu dem Grossartigsten was ich in Afrika geschaut. Vor uns dehnte sich, ein riesiges Binnenmeer, der tiefblaue Tanganyika mit seiner donnernden, oceanartigen Brandung. Hinter dem üppigen, palmbekränzten Ufer erhoben sich im Osten die grünen Urundiberge, während im Westen, scheinbar direkt den Fluthen entsteigend, die gewaltige dunkle Bergmauer von Uvira aufragte.

Mit Behagen athmeten wir die köstliche Seebrise ein und liessen uns selbst durch Krokodile den Genuss eines Bades nicht verkürzen. Hatten wir doch den schwierigsten Theil unserer Reise hinter uns, standen wir doch an der äussersten, westlichsten Grenze des deutschen Interessengebietes und führte unser Weg fortan doch der aufgehenden Sonne entgegen, nach der Küste, nach der Heimath!

Warundi vom Tanganyika

Warundi vom Tanganyika.

 

Ohne Titel

[] V. KAPITEL.
Vom Tanganyika nach Irangi.

Das Lager der Sklavenhändler. — Kämpfe mit Watussi. — Die südlichsten Nilzuflüsse. — Baumdörfer am Mlagarasi. — Im Waldland Uha. — Kirambo. — Die Mission Urambo. — Tabora. — Erstürmung von Tambarale. — Sunguisi. — Die Wembere-Steppe und Usure. — Turu. — Ussandaui. — Irangi.

Am Tanganyika trafen wir zum ersten Male seit Wochen wieder auf Küstenleute. Unweit unseres Lagers lag, von festem Stangenzaun umgeben, eine Niederlassung des Arabers Mohamed bin Halfan aus Ujiji, besser bekannt unter dem Namen Rumaliza. Doch die freudige Begrüssung, die sonst beim Zusammentreffen mit Swahíli stattfand, blieb hier aus; scheu hielten sich die Insassen des Ortes in ihrer Befestigung und Nachts zeugte das fortwährende Dröhnen einer Trommel, dass sie scharfe Wacht hielten.

Für mich lag darin nichts verwunderliches, denn Rumaliza, ein Sklavenhändler und Kompagnon Tippo-Tips, galt seit jeher als Feind des Europäerthums und stand damals in dringendem Verdacht, mit dem aufrührerischen Häuptling Sike von Unyanyembe unter einer Decke zu stecken. Das war mir bekannt, doch konnte ich nicht wissen, dass zur selben Zeit am Südufer des Tanganyika blutige Kämpfe zwischen Belgiern und Arabern stattfanden, und dass in Manyema der grosse Entscheidungskampf zwischen dem Kongostaat und den Arabern begonnen hatte. Doch liefen dunkle Gerüchte von Kämpfen der Europäer mit Rumaliza bei mir ein, und die Warundi meldeten mir, dass Bakari, der Häuptling Rumaliza's in Ruwenga, jenseits der Russisi-Mündung einen Angriff auf mich plane. Diesem galt es unter allen Umständen zuvor zu kommen. Ich schickte also einen meiner Elephantenjäger, der früher in Manyema gewesen, nach dem arabischen Lager und liess dessen Anführer auffordern, zu mir zu kommen.

Nach längerer Zeit erschienen sie auch, wüst aussehende Kerle in zerrissener Küstentracht und mit langen Flinten. Es war derselbe Schlag Leute, mit welchen ich vor Jahren an den Stanley-Fällen des Kongo viel zu thun hatte; Menschen, die sich Sansibariten nennen, weil sie nothdürftig Kiswahíli sprechen, und doch nur Sklaven aus Innerafrika sind, die niemals die Küste gesehen. Sie berichteten übereinstimmend mit den Warundi, dass Bakari (Kapokora) das Oberhaupt dieser Gegend sei, und erklärten sich bereit, einen Brief an denselben zu bringen. Denn es war natürlich mein Wunsch, mit diesen Leuten gütlich auszukommen, da mir an dem Risiko eines Gefechtes mit Arabern wenig gelegen war, um so weniger, als dasselbe auf keinen Fall der Expedition irgend etwas nützen konnte. Ich beschloss daher, an Bakari zu schreiben.

Solche Briefe sind keineswegs leicht zu verfassen, da sie, wenn zu friedlich gehalten, leicht den Eindruck der Aengstlichkeit machen und dadurch geradezu den Angriff herausfordern. Mein Sekretär für diese Art Korrespondenz war der Askari Mwalim bin Kivuma aus Tanga, ein braver, ernster Bursche, der zum Unterschied von dem endlosen Phrasengewäsch seiner Landsleute einen geradezu lapidaren, an antike Inschriften erinnernden Styl besass. Als Beispiel sei der Brief an Bakari angeführt, den er für mich verfasste:

Salaam, baada ya salaam nimekuja mzungu mdachi. Kana unataka kupigwa njo upigwe. Kana unataka amani nami nataka amani. Lete sawadi zako kwa sababu baada ya siku tatu nitaondoka. Hii ndio maneno yangu, bwana kivunja. Dr. O. B.

(Gruss, nach dem Gruss: ich, ein deutscher Reisender, bin gekommen. Willst du geschlagen werden, so komme und werde geschlagen. Willst du Frieden, so will auch ich Frieden. Sende deine Geschenke, denn in drei Tagen reise ich ab. Dieses ist meine Rede. Bwana Kivunja. Dr. O. B.)

Die Wirkung dieses Briefes war ganz die gewünschte: denn schon am nächsten Morgen schickte Bakari Reis und Fische als Geschenk und liess mir versichern, dass er gänzlich friedlich gesinnt sei. Offenbar scheute er das Abenteuer eines Kampfes mit einem Europäer, der in drei Tagen abzog.

Bis 30. September erfreuten wir uns des angenehmen Aufenthaltes am See. Ein besonders eigenartiges Schauspiel bot das nächtliche Fischen der Eingeborenen bei Fackelschein, welches einen Kranz hellleuchtender Brände über die dunkle Wasserfläche zog.

Die arabische Niederlassung, die aus einigen Negerhütten bestand, war gefüllt mit Sklaven, meist Weibern und Kindern, von welchen nur einige Fusseisen trugen, während die andern frei umherliefen. Diejenigen, welche sich schon länger in der Station aufhielten, sahen halbwegs gut genährt aus, ein neuer Transport jedoch, der von Ruwenga ankam, bestand fast nur aus skelettartig abgemagerten elenden Gestalten, aus deren tiefliegenden Augen der Hunger sprach. Es waren meist Leute aus Ubmari, Uvira und Ubembe, Gegenden, die von Rumaliza's Leuten unaufhörlich verheert werden, die trotz ihrer Fruchtbarkeit nun fast brach liegen, und wo die von Pocken und Elend decimirten Eingeborenen ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen oder selbst von den Leuten der Araber aufgelesen werden.

Obwohl die Händler viele kleine Stationen errichten, um die Verproviantirung zu erleichtern, wüthet doch fast fortwährend Hungersnoth in denselben, und die Krokodile des Tanganyika haben an den täglich hineingeworfenen Leichen ein reiches Mahl. Denn die ausgesogenen Gegenden können den Unterhalt dieser Massen nicht mehr bestreiten, die nur langsam in Kanus nach Ujiji zur Weiterfracht befördert werden.

Mhogo hadim Kivunja

Mhogo hadim Kivunja.

Aus Mitleid kaufte ich einige dieser Elenden, aufgeweckt aussehende Jungen, für Spottpreise, um eine rothe Mütze, zwei Meter Baumwollstoff u. s. w., frei, und gab sie später an Missionen ab. Es war unglaublich, wie rasch diese armen Kinder sich erholten: ein Bad, ein Fetzen Zeug als Lendenschurz, eine tüchtige Mahlzeit — und der stumpfsinnige, verzweifelnde Wilde ward zum heiteren, leidlich aussehenden Menschenkind.

Besonders rasch und gründlich veränderte sich Mhogo hadim Kivunja, ein Knirps, den ich in der Nähe des arabischen Lagers als schielendes kleines Scheusal mit runzeligem Greisengesicht aufgelesen. Er wurde später mein persönlicher Diener und weilt in dieser Eigenschaft heute noch bei mir. Doch Niemand würde in dem lebhaften, gesunden Jungen das elende Sklavenkind wiedererkennen, welches ich für eine Schüssel Maniok (Mhogo) und einen Meter Baumwollzeug am Tanganyika erstanden.

Am 30. September verliessen wir Usige, wie die von Warundi bewohnte Landschaft am Nordende des Tanganyika genannt wurde, um den Rückmarsch anzutreten. Natürlich wählten wir dazu nicht den Weg über Ujiji und die vielbetretene Karawanenstrasse, sondern hielten direkt Südost durch gänzlich unbekanntes Gebiet auf Urambo zu. Die Leute Rumaliza's, die uns abziehen sahen, schüttelten bedenklich die Köpfe und meinten, wir würden in dieser Richtung wohl nicht weit kommen, denn die Araber hätten sich da oben im Gebirge mehr als einmal blutige Köpfe geholt.

In den nächsten Tagen stiegen wir steil zur Höhe des Abfalls an. Der Hang ist von Warundi bewohnt und reiche Bananen- und Maniokpflanzungen dehnen sich zwischen völlig offenen, baumlosen Weidegebieten aus. Zahlreich sind die kleinen von Dornhecken umgebenen Dörfer, deren freundliche Eingeborene verwundert die Karawane anstarrten. Am 2. Oktober erreichten wir den Kamm, warfen einen letzten Blick auf die mächtige Fläche des Tanganyika, der düster zwischen seinen Steilufern lag und betraten ein welliges Grasland.

Wir waren hier wieder im Nilgebiet; die klaren, in den Thälern rauschenden Bäche bildeten die südlichsten Zuflüsse des »Vaters der Ströme«. Hier hausten ausschliesslich jene kühnen Hirten hamitischer Abstammung, die Watussi, und ihre ärmlichen Weiler mit ihren Distel- und Stachelgestrüpphecken, mit ihren malerischen hohen Bambusstauden und kleinen Erbsen- und Kürbisfeldern, waren überall verstreut; auf den Wiesen weideten zahlreiche, grossgehörnte Rinder. Diese Watussi waren es, welche Rumaliza und sein Gefolge geschlagen hatten.

Zuerst zeigten sie uns gegenüber keine feindlichen Absichten, nur alte Leute mit scharfen Zigeunergesichtern hockten unbeweglich am Wege und starrten uns misstrauisch an. Als wir jedoch eine Anhöhe hinanstiegen, erblickten wir auf deren Höhe eine grosse Schaar bewaffneter Krieger, welche den Weg versperrten. Sie riefen uns zu, wir möchten sofort umkehren und das Land verlassen, sonst würde es uns wie jenen ergehen, die vor uns gekommen seien. Ich liess ihnen antworten, dass wir nur friedliche Absichten und mit den Arabern nichts gemein hätten, ja gleich ihnen ihre Feinde seien. Ein wildes Kriegsgeschrei und Pfeilschüsse waren die Antwort. Ich liess einige Salven abgeben und ging dann sofort zum Sturm über, bei dem die Gegner geworfen wurden, worauf wir die Anhöhe besetzten.

Die Watussi, die offenbar von unserem Angriff überrascht waren, sammelten sich jedoch schnell, stürmten mit furchtbarem Geheul und geschwungenen Speeren wieder an und gaben erst nach, als sie durch erneuerte Salven erhebliche Verluste erlitten hatten. Dann begannen sie sich über die weite Hochfläche zu zerstreuen.

TAFEL XI

Der Tanganyika von Usige

Der Tanganyika von Usige.

Da wir in dieser Gegend gänzlich ohne Wegweiser waren, musste ich eine Abtheilung Askari entsenden, welcher es auch nach langer Mühe und einer förmlichen Jagd gelang, einen der langbeinigen Watussi und ein Weib festzunehmen, die uns in den nächsten Tagen über das Grasplateau führten.

In Mhororo erreichten wir am 3. Oktober wieder ein Warundi-Dorf und traten am 4. in den vorzugsweise von Watussi bewohnten Distrikt Issasu, der von steileren, theilweise steinigen Kuppen durchzogen wird, deren Hänge mit zartem Gras bedeckt sind. Schon bei unserem Eintritt in das Land liefen uns viele Watussi mit Bogen und Speer nach und begannen schliesslich den Nachtrab zu beschiessen. Mzimba, dessen Augenleiden nun wieder völlig geheilt war, warf sie jedoch zurück und erbeutete eine Heerde von über 200 grosshörnigen Rindern. Von allen Bergen erscholl das Kriegsgeschrei der Watussi, aber nur wenige wagten sich in die Nähe der Karawane und griffen sie mit unglaublicher Kühnheit — natürlich erfolglos — an.

Gegen Mittag kamen wir in ein Dorfgebiet der Warundi, die uns unbewaffnet mit Tänzen und Jubelgeschrei empfingen und die Watussi, welche uns noch nachfolgten, mit den Waffen in der Hand verjagten, da diese, wie sie sagten, »den Krieg in ihr Land brächten«.

Zu jener Zeit machte sich der Mangel an Kugeln für die Vorderlader unangenehm bemerkbar, die wir erst durch Steine und hartgebrannten Töpferthon, dann (in Unyamwesi) durch Eisenkugeln ersetzten. Patronen für die Hinterlader besassen wir noch reichlich, was der ausschliesslichen Anwendung des Salvenfeuers zu danken war, durch welche eine grosse Munitionsersparniss ermöglicht wurde. Mehr als 5-10 Patronen per Mann wurden selten bei einem Gefecht verschossen, was bei Anwendung anderer Feuerarten entschieden unmöglich gewesen wäre. Auch machte ich die Beobachtung, dass die Leute, die ja im Schiessen nicht sehr gut ausgebildet waren, bei Salven ungleich ruhiger und besser schossen, als bei Einzelfeuer. Da Salven auf wilde Gegner auch einen weit grösseren Eindruck machen, so wurde Einzelfeuer überhaupt gänzlich untersagt und Niemand durfte ohne direktes Kommando schiessen.

Mein Vorgehen den Eingeborenen gegenüber war stets von dem Grundsatze geleitet, dass die festeste Hand zugleich auch die mildeste sei. Der Eindruck, welchen der erste Europäer in neuen Gebieten hervorruft, bleibt oft entscheidend für lange Jahre. Allzu friedfertige Haltung wird leicht als Aengstlichkeit aufgefasst und giebt Veranlassung zu eingeborenem Uebermuth, der später nur durch Ströme Blutes gebrochen werden kann. Energisches Auftreten dagegen, welches auch einen Kampf nicht scheut, der bei dem moralischen Uebergewicht unserer Waffen meist sehr unblutig verläuft, bringt den Eingeborenen von vornherein eine heilsame Achtung vor Europäern bei, welche die sicherste Gewähr späterer friedlicher Entwicklung ist.

Am 15. Oktober überschritten wir den Luaga und Msuávula, ansehnliche reissende Bäche, die zwischen ziemlich steilen Hängen rauschen und in ihrer sandigen Thalsohle die unglaublichsten Krümmungen machen. Den Msuávula bis zu seiner Quelle verfolgend, erstiegen wir einen höheren Grasberg; in zahlreichen Thalrissen bilden kleine Bäche hübsche Wasserfälle, an welchen Gruppen reizender Baumfarne auffallen. Auf der Höhe trafen wir ein offenes, leicht geneigtes Plateau, in dessen grasigen Halden die Felder und Dorfgruppen von Kiyonzo verstreut sind. Jedes Dorf bildet mit seinem stachligen Zaun, mit seinen dichten Bananen- und Ficus-Beständen einen kleinen Hain, der unvermittelt und kreisrund aus der grasigen Umgebung absticht. Im Innern sind die Dörfer durch Hecken in förmliche Irrgärten verwandelt, bieten jedoch einen schattigen, kühlen Aufenthalt.

Kiyonzo

Kiyonzo.

Am 7. Oktober überschritten wir einen kleinen, aber tief eingerissenen Bach, was mit den Rindern fast eine Stunde in Anspruch nahm, kamen an dem charakteristisch spitzen Felskegel Ulembera vorüber und passirten den vielgewundenen Luvirosa-Bach, unweit welchem wir in einem kleinen Dorfe, das theilweise von Watwa-Töpfern bewohnt war, lagerten.

Am 8. Oktober überstiegen wir eine mässig hohe, aber steile und steinige Bergkette, welche dadurch merkwürdig ist, dass sie die Wasserscheide zwischen Kongo und Nil bildet. Nach Nord laufen die kleinen Gewässer in den Luvirosa und Nil, dem Victoria-See und Mittelmeer zu, im Süden sammeln sich die Wasser des Mlagarassi, der dem Tanganyika zuströmt, welcher durch den Lukuga-Kongo mit dem Atlantischen Ocean in Verbindung steht.

Aus der kühlen, feuchten Höhe stiegen wir in ein heisses, trockenes Tiefland ab, in dem es augenscheinlich schon lange nicht geregnet hatte. Mächtige ziegelrothe Lateritmassen, in welche die Gewässer tiefe Rinnen eingegraben, bedecken das theilweise steinige Hügelland. Doch war das Land keineswegs unfruchtbar und schöne Felder umgaben die Dörfer der südlichsten Warundi, die hier leben. Zum ersten Mal in Urundi sah man Baumwollzeug, ein Anzeichen der grossen Karawanenstrasse, die Unyamwesi durchschneidet, während nördlich von der Wasserscheide alles gänzlich unberührt von jedem fremden Einfluss war. Aber auch ein sehr böser Gast hatte sich in diesen Theil Urundi's eingeschlichen: die Pocken. Ich empfand es nun schwer, dass der Impfstoff, den ich seiner Zeit von Europa mitgebracht, an der Küste keine Wirkung mehr besass, denn auch in der Karawane brach die Seuche aus. Durch strenge Absonderung der Kranken konnte ich das Umsichgreifen derselben verhindern, aber fast zwei Monate dauerte es, bis wir das Uebel gänzlich los wurden, und mehrere Askari und Träger, darunter der letzte Sudanese Faraj Abdallah erlagen demselben.

Am 10. Oktober verliessen wir das Dorfgebiet und traten in den dichten Laubwald ein, welcher das Thal des Mlagarassi bedeckt. Unterholz fehlte gänzlich und seine Stelle vertrat dürres, schneeweiss gebleichtes Bambusgestrüpp. Nach langem Marsch bei glühendem Sonnenbrand erreichten wir schöne Bohnenfelder und ein Dorf unweit des Mlagarassi, der zwischen Lehmufern nach Nord fliesst. Das Dorf, offenbar eine Neugründung und der südlichste Ort Urundi's, war ganz eigener Art. Zum Schutz gegen wilde Thiere waren die Hütten auf leichten Bambusplattformen in der Höhe der Bäume errichtet und nur durch primitive Leitern zugänglich. Die Grashütten auf ihren luftigen Höhen, die dunklen Gestalten der Eingeborenen auf den schwankenden Plattformen gaben in dem grünen Rahmen des Laubwaldes ein eigenartig malerisches Bild.

Am 11. Oktober überschritten wir den Mlagarassi und betraten die Landschaft Uha. Dieselbe ist ihrer grössten Ausdehnung nach mit Miombo-Wäldern bedeckt, die in der trockenen Jahreszeit kein sehr üppiges Aussehen hatten. Die Gras- und Krautvegetation, welche den Boden bedeckte, war verbrannt und in schwarze Asche verwandelt, die Stämme waren vielfach verkohlt und dürr hingen die Blätter an den Zweigen. Die Eingeborenen, Waha, welche die Dörfer der Waldlichtungen bewohnen, gleichen vielfach den Warundi, stehen jedoch in steter Verbindung mit Unyamwesi. Sie waren früher ihrer Habsucht und Gewaltthätigkeit wegen berüchtigt, wir lernten sie als ruhige, völlig harmlose Menschen kennen. In dem Distrikte Ruvungu wird der Wald von offenen Strichen unterbrochen, wo auf nacktem, ziegelrothem Lateritboden niedriges, glänzendblättriges Gesträuch kleine Oasen bildet, bei welchen eine schöne Primelart gedeiht. Sonst dehnt sich überall dichter endloser Wald aus, in dem die Siedelungen weit zerstreut sind und der so wasserarm ist, dass einzelne Dörfer ihr Trinkwasser stundenweit aus dem Mlagarassi schöpfen müssen.

Am 16. Oktober standen wir wieder am Mlagarassi, dessen rechtes Ufer besiedelt ist, während sich am linken weites, theilweise versumpftes, grasiges Ueberschwemmungsgebiet ausdehnt. Wir übersetzten den knietiefen Fluss und lagerten jenseits am Waldrande. Hier sah ich einige Zebras, das einzige Wild, welches mir westlich vom Victoria-See begegnete. Bei glühender Sonnenhitze ging es am 17. Oktober nach Iwanda, das in einem ausgetrockneten Papyrussumpf gelegen ist, bei welchem einige halb verschmachtende Marabus ein trauriges Dasein führten und in dem, von Staub bedeckt, einige Rindenkanus lagen, die zur Regenzeit die Ueberfahrt vermitteln. Unsere langhörnigen Watussi-Rinder, welche wasserreiche Höhen gewohnt waren, fielen zu Dutzenden und die Heerde schwand täglich.

Waha

Waha.

Am 19. Oktober durchzogen wir ein offenes Grasland mit breiten, zur nassen Jahreszeit versumpften Senkungen, in welchen die wasserliebende Raphia-Palme ihre nun dürren Wedel trübselig hängen liess und traten in ein weites Waldgebiet ein. Nur Elephantenjäger durchstreifen zeitweise diese gänzlich pfadlose Wildniss, in der die Richtung durch Axthiebe an den Bäumen bezeichnet ist. Ein Verirren konnte hier verhängnissvoll werden, denn viele Stunden weit sind die spärlichen Wasserplätze von einander entfernt. Alles Gras war abgebrannt und nur abenteuerliche Termitenbauten erhoben sich aus dem kahlen rothen Boden. Auch einzelne Baumstämme waren den Flammen erlegen und sperrten als verkohlte Strunke den Weg. Besser hatten die kieselharten, blendend weiss gebleichten, dürren Bambusrohre Stand gehalten, deren Gruppen überall als ungeheure Besen aufragten.

Wir mussten — zum ersten Mal auf der ganzen Reise — die Nacht ohne Wasser verbringen und bezogen mitten im Walde ein unverfälschtes Buschlager. Es war eine herrliche, laue Tropennacht. Nur die eintönigen Rufe der Wachtposten unterbrachen die Waldesstille und hochlodernde Lagerfeuer übergossen die schlanken, grauen Baumstämme und das malerische Gewirr der zierlichen weissen Bambusrohre mit phantastischem Licht.

Am 20. Oktober erreichten wir schon Morgens einen kleinen, niemals austrocknenden Tümpel, Itanga, und trafen dort auf einige Eingeborene, die in der Waldeinsamkeit die Rinde der Bäume abschälten und zu Schachteln und Rindenzeug verarbeiteten. Dann ging es weiter durch den Wald. Erst bei Sonnenuntergang betraten wir offenes Land, in dem die schlanke Form der Borassuspalme das Auge erfreute, und gleich darauf das grosse Dorf Makindi, wo wir gastliche Aufnahme fanden. Meiner Gewohnheit gemäss schlug ich das Zelt zwischen den netten Grashütten der Eingeborenen auf, wurde jedoch Nachts aus demselben vertrieben und musste vor dem Dorfe lagern. Dies geschah nicht etwa durch feindliche Menschen, sondern durch zahllose Ratten, die bei den grossen Getreidevorräthen des Dorfes geradezu Legion waren und mein Bett buchstäblich überschwemmt hatten. Auch Mzimba hatte im Lastenzelt einen förmlichen Kampf mit diesen Scheusalen zu bestehen.

Da diese sich Tags über zum Glück verloren, hielten wir am 21. in Makindi Rast und erhielten den Besuch des weiblichen Häuptlings dieser Gegend, eines zarten, kränklichen, aber nicht unschönen Weibes, dessen feine Züge deutlich den hamitischen (Watussi-) Typus trugen. Der Aberglaube verbietet der »Sultanin«, das Hauptdorf zu betreten; so traf ich denn draussen unter einer Palme mit ihr zusammen, wo sie mit schwacher Stimme und müdem Aufschlag der tiefschwarzen Rehaugen um »Medizin« bat.

Am 22. Oktober ging es durch eine weite, völlig baumlose Steppe, die zur Regenzeit ein Kothmeer bildet, mit Wasserarmen, die nur im Rinden-Kanu passirbar sind. Auch jetzt waren sie ziemlich mühsam zu durchwaten und die schlammige schwarze Fluth reichte den Leuten bis zur Brust. Dieser schmale, unbewohnte Streifen bildet die Grenze zwischen Uha und Kirambo, der ersten Landschaft von Unyamwesi, deren Grenzdorf wir am 23. Oktober erreichten.

Wir waren nun wieder in einer Gegend, die auf der Karte stand, bei dieser Reise eine seltene Ausnahme und auch die Dörfer und Felder, besonders die Reis-Kulturen zeigten uns, dass wir uns der Karawanenstrasse näherten. Ganz besonders imponirte uns das Hauptdorf Kirambo's, die Residenz Mlamira's, das wirklich eine kleine Stadt genannt zu werden verdient. Aussen zieht sich um den Ort ein tiefer Schutzgraben, dessen Wall mit dichtem, buschigem Euphorbiengestrüpp bepflanzt ist. Durch ein Thor betritt man den ersten koncentrischen Ring und gelangt an einen festen Stangenzaun, vor dem abermals ein tiefer Graben gezogen ist. Den dritten und innersten Ring bildet ein starker Lehmbau, ein Tembe, innerhalb welches, durch labyrinthartig verlaufende Zäune geschützt, Mlamira's Hütten gelegen sind.

In allen Ringen verstreut liegen die zahlreichen Kegelhütten, die schönsten und sorgfältigsten, die ich jemals im Innern Afrika's gesehen. Die grössten sind jene Mlamira's, im Centrum des Dorfes aufragende 12 m hohe Pagoden, die für Hunderte von Menschen Platz haben. Zahlreiche Taubenschläge beleben das Bild und überall beschatten Ficusbäume die kahlen Dorfplätze. Sie dienten früher zur Anfertigung des Rindenzeuges, doch ist letzteres längst durch das Baumwollzeug ersetzt, welches die unternehmenden Bewohner von der Küste holen. Hier trägt Alles Gewehre, die Männer kleiden sich mit weissem und blauem Zeuge, die Weiber mit bunten Tüchern nach Art der Swahíli-Weiber. Man könnte sich ohne viel Phantasie in ein Küstendorf versetzt denken, ein wunderbarer Kontrast gegen das wenige Tagereisen entfernte, gänzlich unberührte Urundi.

Obwohl noch kein Europäer sein Dorf besucht — die Route Stanley's verlief etwas östlich davon — hatte der junge Häuptling Mlamira, ein gutmüthig aussehender, schüchterner Bursche, doch eine deutsche Flagge und einen Schutzbrief, den er sich aus Tabora hatte holen lassen. Er nahm uns sehr freundlich auf und stellte reichliche Vorräthe von Reis, die uns besonders erfreuten. In den nächsten Tagen ging es durch die zu Urambo gehörigen Landschaften Mtimbi und Msennyi, in welchen stets Miombo-Wald mit Feldern wechselt und die Bewohner sich in ausgedehnten, befestigten Dörfern zusammenschliessen. Verschiedene Kulturpflanzen, rother Pfeffer, Tomaten und Citronen, eine Seltenheit im Innern, traten auf, ja jenseits des trockenen Igombe-Baches fanden wir beim Dorfe Mpegusi sogar Mango-Bäume, Granaten und Guayaven, welche die Stelle der früheren arabischen Niederlassung Msenne bezeichnen. Wir waren an der grossen Karawanenstrasse; nirgends erregte unser Erscheinen Aufsehen und die Eingeborenen, die uns in ihrer reichen Zeugkleidung unglaublich civilisirt vorkamen, standen höchstens neugierig vor ihren Dörfern und riefen uns auf Kiswahíli oder gar — auf deutsch ihren Gruss zu.

Aehnlich wie die Eisenbahnen in Europa, so wirken die grossen, alten Karawanenstrassen in Afrika unglaublich nivellirend. Ein und derselbe Typus von Leuten zieht sich längs derselben bis ins Herz des Kontinents, während wenige Meilen abseits, oft schon in der Nähe der Küste das unverfälschte Afrikanerthum blüht. Wer nur die Heerstrasse gesehen, kann kaum sagen, dass er in Afrika war.

Wenn schon die bekleideten Wanyamwesi mir den Eindruck höherer Kultur gemacht hatten, so sollte ich in Urambo noch ganz andere Civilisation kennen lernen, denn am 30. Oktober erreichten wir die englische Mission Kilimani-Urambo. Schon der äussere Anblick hatte gar nichts Afrikanisches. Auf dem Gipfel einer Anhöhe, erhob sich ein nettes Gebäude im Schweizer-Styl, umgeben von Wirthschaftsbauten und eingebettet in einem Hain von Citronen. Hier hatten nun schon seit vier Jahren Mr. und Mrs. Shaw ihr Heim, letztere eine junge englische Lady, die ihrem Gatten ins Innere des dunkeln Welttheils gefolgt war. Ich fand die liebenswürdigste Aufnahme bei dem Ehepaar und wurde auch dem Baby vorgestellt, einem reizenden kleinen Mädchen, das in Urambo geboren ist und mit seiner zarten, weissen Haut mir, der ich Monate lang nur schwarze Gesichter gesehen, fast als höheres Wesen erschien.

Mission Kilimani-Urambo

Mission Kilimani-Urambo.

In der Häuslichkeit sprach sich deutlich das Wirken einer Frau aus. In allen Räumen herrschte Ordnung und Behaglichkeit und bei Tisch erschienen auf blüthenweisser Decke Porzellangeschirre und geschliffene Gläser. Wenn Mrs. Shaw sich hauptsächlich mit dem Hauswesen beschäftigte, so war ihr Gatte ein wahres technisches Genie, Schlosser, Zimmermann, Tischler, Seifensieder in einer Person und konnte mit Stolz die schön eingelegten Möbel und sogar einen Kamin zeigen, den er zur Erhöhung der Wohnlichkeit in seinem elegant eingerichteten Salon aufgebaut. Porzellangeschirr, ein Kamin, ein Salon — in Urambo! Nun, mehr konnte man im Innern Afrika's, 700 Kilometer von der Küste, nicht verlangen.

Die Mission hat eine Anzahl Zöglinge, Knaben und Mädchen, die sich Abends in dem luftigen Dachraum des Hauses zur Andacht versammeln. Mr. Shaw spricht ein kurzes Gebet, dann singen die Kinder, durch Mrs. Shaw am Harmonium begleitet, einige Lieder. Die schwarze Schaar hat es im Singen recht weit gebracht, und wenn man diese Choräle mit meist bekannten Melodien, darunter auch die der österreichischen Volkshymne hört, so vergisst man, dass sie aus Negerkehlen ertönen und unwillkürlich fliegen die Gedanken nach der Heimath.

Leider ist der Gesang so ziemlich der einzige Gegenstand, in welchem die Mission bei ihren Schülern Erfolge erringt. Bei der ausserordentlichen Gleichgültigkeit der Wanyamwesi für alle religiösen Dinge ist es kaum möglich Proselyten zu machen. Die Missionskinder erhalten als Löhnung für ihre Thätigkeit als Schuljungen 2 Doti Baumwollzeug monatlich, doch selten hält es einer auch nur ein halbes Jahr aus und der Wechsel ist ein fortwährender. In zwölf Jahren, seit die Mission besteht, wurde noch kein einziger Schwarzer zum Christenthum bekehrt! Dabei stehen die Missionare auf bestem Fuss mit den Eingeborenen. Zu Lebzeiten Mirambo's, des bekannten »Napoleon von Unyamwesi«, kam dieser Häuptling oft allein und ohne Bedeckung in die Mission und vertrat stets energisch deren Interessen, indem er jede Schädigung ihres Eigenthums streng bestrafte. Ebenso hielt es auch sein Bruder und Nachfolger Mpanda Charo. Der jetzige Häuptling Tuga Moto (Sprühfeuer), ein halbwüchsiger, auffallend hübscher Junge, der mir, behängt mit Schmuck und Seidentüchern am Tage nach meiner Ankunft seinen Besuch machte, verbringt ganze Monate in der Mission und begegnet dem Ehepaar Shaw mit grösster Achtung.

Wenn daher auch der äussere Erfolg der Mission nur ein geringer ist, so kann doch der Einfluss auf die Bevölkerung nicht hoch genug angeschlagen werden. Der fortwährende, nahe Verkehr mit einem gebildeten Europäer hat offenbar bei den in so hohem Grade entwickelungsfähigen Warambo seine Wirkung nicht verfehlt und wenn die Warambo im Küstenaufstand sowohl, wie in den Kämpfen in Unyamwesi stets auf Seiten der Deutschen standen und stets eifrige und gehorsame Bundesgenossen waren, so ist das in erster Linie der Mission von Urambo, mit ihrem Leiter Mr. Shaw zu danken.

Wir verliessen Urambo am 3. November und zogen durch schwach bewohntes Waldgebiet der Landschaft Usagali zu. Aus dem Laubholz ragten stellenweise wilde Granitblöcke auf. Die Dörfer waren theils von Stangenzäunen, theils von jenen starken Lehmbauten, den Temben, umgeben, die im mittleren Unyamwesi die Dörfer zu kleinen Festungen machen. Wasser war spärlich und musste oft weit her aus dem Igombe geholt werden, in dessen Tümpel zahlreiche Welse sich aufhielten.

Am 7. November stiegen wir an einer Felskuppe vorbei in eine weite, grasige Mulde. Bärtige Araber auf weissen leichtfüssigen Maskat-Eseln, gefolgt von bewaffneten Sklaven jagten, eine Wolke Staub aufwirbelnd, durch die Ebene, schlanke Wasserträgerinnen in bunter Küstentracht folgten in malerischer Haltung, die den schöngeformten Arm zur Geltung bringt, den schmalen Pfaden, und Swahíli-Leute in weissem Talar riefen uns ihr »Yambo« zu.

Aus dem Grau der Ebene tauchten allmählig dunkle Parthien auf, man unterschied Gruppen schattiger Mangobäume, aus welchen vereinzelt verkümmerte Kokospalmen ihr Haupt erheben, dazwischen die braunen Dächer der runden und kegelförmigen Hütten und die flachen blendend weissen der Temben: der Knotenpunkt des Karawanenverkehrs, das Emporium Central-Afrika's, Tabora.

TAFEL XII

Pfahldorf am Mlagarassi

Pfahldorf am Mlagarassi.

Ueber dem höchsten Tembedach wehte das deutsche Reichsbanner; darunter die unbewegliche Silhouette des Sudanesenpostens, der sich scharf von dem lichten Hintergrund abhob: die kaiserliche Station.

Wir betraten bald die staubigen Plätze, die sich zwischen den verstreuten Siedelungen ausdehnen und hielten, von grosser Volksmenge begleitet unseren Einmarsch in Tabora. Der erste Bekannte den wir trafen, war zu meiner Freude der Askari Mzee bin Jumah, der mir meldete, dass er die Lasten von Mwansa richtig hierhergebracht habe. Bei den kriegerischen Verhältnissen, die damals in Unyamwesi herrschten, war ich um diesen Mann bereits besorgt gewesen, doch hatte er seine keineswegs leichte Aufgabe, mit seltenem Geschick anstandslos gelöst. Wenige Augenblicke später drückte ich dem deutschen Stationsvorsteher Med. Dr. Schwesinger und den Offizieren der belgischen Expedition die Hand, die sich eben auf dem Durchmarsch zum Tanganyika in Tabora befanden.

Der Aufenthalt in Tabora gehört nicht zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Schon der Ort ist nichts weniger als anheimelnd mit seinen öden staubigen Strassen, seinen Kehrichthaufen und vielfach verlassenen halbverfallenen Temben und Hütten, ein Bild Grau in Grau, welches deutlich spricht, dass Tabora das Emporium Central-Afrika's — gewesen ist.

In der Station herrschte trübe Stimmung, denn die Spannung mit Sike, dem aufrührerischen Häuptling, der inzwischen sein wohlverdientes Ende gefunden, war damals am stärksten und fortwährend fanden aufregende Schauri mit übel beleumundeten Arabern, mit Seliman bin Masud, Ali bin Nasor und anderen verrätherischen Schuften statt, die unter der Maske tiefster Demuth nur mühsam den wilden Europäer-Hass verbargen. Die Belgier litten unter dem obligaten Träger-Elend und so war an Geselligkeit nicht zu denken. Die einzige Gelegenheit, bei der ich sämmtliche Europäer von Tabora versammelt sah, war eine — Hinrichtung, bei der ein Mörder an einen Baum beim Marktplatz aufgeknüpft wurde. Man wollte durch diese Exekution moralischen Eindruck auf die Bevölkerung machen, doch schien dieser Zweck nicht erreicht, denn kaum einer der zahlreichen, feilschenden Marktbesucher wandte den Kopf nach dem baumelnden Landsmann.

Ich erlitt einen schweren Verlust in Tabora durch den Tod meines Askari Kihara wadi Mwamba aus Kwa Kyege bei Mkusi in Bondeï, jener braven Seele die 1888 Dr. Meyers und meine Gefangenschaft bei Buschiri getheilt und in seltener Treue bei uns ausgehalten hatte. Er erlag einem perniciösen Fieber.

Ausser den Lasten die ich von Mwansa hergeschickt, fand ich auch Waffen und Munition, die von der Küste für mich angelangt waren, in Tabora. Es war mir daher garnicht unangenehm als täglich zahlreiche Leute sich meldeten, die unter dem Schutze der Expedition als freiwillige Träger nach der Küste gehen wollten, und ich nahm solche, wenn sie nur halbwegs kräftig waren, gerne an. Auch ein langer dürrer Araber erhielt die Erlaubniss sich mit seinen Leuten uns anzuschliessen, ein echter Maskater, der jahrelang im Innern Afrika's Alles versucht und nichts erreicht hatte. Derselbe erschien täglich Nachmittags zum Thee und machte eifrige Versuche mich zum Islam zu bekehren.

Auch die Expeditions-Damen erhielten in Tabora einen namhaften Zuwachs, meine Leute machten nämlich in den fünf Tagen unseres Aufenthalts die unerhörtesten Eroberungen und gar manche schwarze Schöne fand in der Nacht nach unserem Abmarsch eine Hinterthür, durch die sie dem Haremszwang entsprang und dem heissgeliebten Träger oder Askari nachrannte.

Am 15. November verliessen wir Tabora und zogen am 16. durch lichten, wasserlosen Wald nach Uyui, wo ein befestigtes Dorf und eine Niederlassung des Mr. Stokes sich befindet, eine ehemalige Mission, die jetzt in recht baufälligem Zustande ist. Ich selbst wurde dort — nach langer Pause — von einem starken Fieber ergriffen, das mir erst am 20. November den Weitermarsch gestattete. Durch die Grenzdörfer von Uyui ging es nach Ndara, wo zahlreiche kleine Tembedörfer mit viereckigem Grundriss und schmutzigem, winkeligem Innern in der ziemlich dürren Landschaft verstreut liegen. Von dort brachte uns ein zweitägiger, wasserloser Marsch durch öden Steppenwald nach Tambarale, dem Dorfe Mwana Tombolo's. An die Stelle des Miombowaldes traten Schirmakazien, Stachelgestrüpp und Baumeuphorbien, in den Mulden reckten ungeheure Baobabs ihre riesigen Aeste — wir näherten uns dem Massai-Land.

Aus der Wildniss tretend, erblickten wir am Morgen des 23. November das Dorf Tambarale. Ein dreifacher Ring fester Tembebauten, dessen äussere Umfassung wohl 4 Kilometer im Umfang hielt, umschloss einen Platz, in dem wenige Rundhütten ihre Kegeldächer erhoben. Auf der höchsten flatterte die schwarz-weiss-rothe Flagge und liess uns schliessen, dass wir einem freundlichen Dorfe nahten.

Durch das Thor des äussern Tembe traten wir in den ersten Ring und lagerten bei einem schattigen Baum, unweit des einzigen Brunnens des Ortes. Eingeborene waren hier nur spärlich zu sehen. Einer erschien und legte einen vom Lt. Langheld unterschriebenen Schutzbrief vor mir auf den Boden, worauf er sich schleunigst entfernte. Während ich noch über diese sonderbare Art, einen Schutzbrief vorzuweisen, nachdachte, krachten plötzlich Schüsse und einige Askari kamen, um zu melden, dass sie vom innersten Tembering aus beschossen würden. Ich dachte erst an einen Irrthum und eilte in den koncentrischen Raum zwischen dem zweiten und dritten Tembering, wurde jedoch aus den Schussscharten des letzten Tembe mit heftigem Feuer und einem Hagel von Pfeilen empfangen.

In der Eile hatte ich nur wenige Askari mit mir genommen und versuchte, mit diesen das niedrige Thor des Tembe zu stürmen, ein mörderisches Feuer aus allernächster Nähe streckte jedoch sofort 5 Mann todt nieder, mehrere wurden verwundet und ich selbst durch den Oberarm geschossen, so dass ich durch den Blutverlust gezwungen wurde, den inneren Tembering zu verlassen.

Ich liess die Kugel durch den Koch herausschneiden und begann mit Mzimba über die weiteren Schritte zur Einnahme des Ortes zu berathen. Denn dass wir einen so verrätherischen, grundlosen Angriff nicht unbestraft dulden konnten, war uns völlig zweifellos. Wir schossen erst Brandpfeile und Brandraketen auf die Strohdächer der Hütten im Innenraum, doch ein leichter Regen vereitelte unser Bemühen.

So warteten wir denn bis zum Einbrechen der Dunkelheit, vertheilten hierauf, um die Hinterlader-Munition zu schonen, die Vorderlader-Schützen auf das Dach des zweiten Temberinges und eröffneten bei Magnesiumlicht ein ununterbrochenes Feuern auf den Innenraum. Der Gegner erwiderte dies kräftig, aber gänzlich wirkungslos, da er stets aus den Schussscharten feuerte und daher unseren höher stehenden Leuten nichts anhaben konnte.

Unaufhörlich krachten die Schüsse, gellend tönte das Geschrei der Weiber aus dem Innenraum, rasselnd schallten die Trommeln, und die Kämpfenden riefen sich wilde Flüche zu. Besonders ein Bursche aus Tabora war im Fluchen gross: Tomba mbwa! (Heirathe einen Hund!) rief er hinein, und von dort erschallte das Kriegsgeschrei »Mwana Kiunge!« womit Sike von Unyanyembe gemeint war. Damit war mir auch klar, dass der ganze Anschlag auf Anstiften dieses Häuptlings geschehen war und einen direkt deutschfeindlichen Charakter hatte.

Nach und nach wurde das Geschrei im Innern schwächer. Das wohlgenährte Feuer hatte schwere Verheerungen angerichtet, Todte und Verwundete lagen bei den Hütten umher, und wir hielten den Augenblick zum Sturm gekommen. Natürlich konnten wir nicht daran denken, einen so ausgedehnten Ort von allen Seiten zu bestürmen, wir erstiegen daher rasch das Dach des innersten Temberinges und eröffneten ein kräftiges Feuer auf die letzten Vertheidiger, worauf gleichzeitig das Thor aufgeschlagen und der Innenraum besetzt wurde. Die noch lebenden Insassen suchten in verzweifelter Flucht nach der anderen Seite ihr Heil: breite Blutspuren bezeichneten ihren Weg.

Tambarale war unser und die erbitterten Leute wollten sofort Brand an die Hütten legen; doch liess ich dieselben erst untersuchen, was sich als sehr nothwendige Vorsicht erwies, denn grosse Pulvervorräthe lagen im Innern. Auch Zeug wurde in ziemlicher Menge vorgefunden und kam meinen schon recht zerrissen aussehenden Leuten sehr zu statten.

Am 24. November steckten wir Tambarale an, was bei den Tembebauten keineswegs leicht war, so dass erst gegen Mittag der leichenerfüllte Schauplatz unseres Kampfes eine rauchende Brandstätte war.

Man wird nun vielleicht die Frage aufwerfen, warum ich mich in dieses Gefecht einliess und mein Leben sowie das meiner Leute auf's Spiel setzte, wo mir doch als »Privatmann« frei stand, nach den ersten Schüssen abzuziehen und eine Klageschrift an das Gouvernement in Dar-es-Salaam zu leiten? Es ist auch möglich, dass die Erstürmung Tambarales mir in gewissen Kreisen keinen Dank, sondern sogar den Vorwurf eines unberechtigten Eingriffs in amtliche Rechte einbringen mochte. Aber erwägen wir einmal die Folgen, welche das obengenannte »korrekte« Vorgehen gehabt hätte! Wenige Tage nach mir passirte die Expedition Gemmer Tambarale. Sie führte an 500 Wanyamwesi-Träger und bedeutende Waffen und Munitions-Vorräthe in Lasten verpackt bei sich, besass fast gar keine Soldaten und war zur Vertheidigung gänzlich unfähig. Diese hatte Sike im Auge gehabt, als er seinem Verbündeten Mwana Tombolo den Auftrag gab, die nächste europäische Karawane anzugreifen. Denn er konnte nicht ahnen, dass ich plötzlich auf einer Seitenroute ankommen würde.

Hätte ich nun diesen Angriff nicht mit vollständiger Niederlage des Gegners beantwortet, so wäre die Expedition Gemmer überfallen, und, da sie nahezu wehrlos war, vernichtet worden. Die Hinterlader und Patronen wären den Aufständischen unter Sike in die Hände gefallen und es ist fraglich, ob es dann gelungen wäre, derselben Herr zu werden. Die Postverbindung mit dem Victoria-See, die damals über Tabora schon unterbrochen war, wäre auch auf der direkten Route gesperrt und die Seestation gänzlich abgeschnitten worden. Mir aber wäre für mein »korrektes« Vorgehen wahrscheinlich der Vorwurf schmähliger Feigheit gemacht worden. Denn ein Reisender im Innern Afrika's besonders auf wenig betretenen Pfaden, kann eben kein Privatmann sein, wie immer er sich anstellen möge, er ist und bleibt für die Eingeborenen der Vertreter seiner Nation, ja des Europäerthums überhaupt, und muss danach handeln, wenn er die Flagge, unter der er reist, nicht mit Schmach bedecken und der grossen Sache nicht schaden will, für welche wir alle, sei es nun amtlich oder nicht amtlich, unser Leben einsetzen. Solchen Personen, welche die Gewähr für ein umsichtiges Vorgehen nicht bieten, möge man das selbstständige Reisen im Innern einfach verweigern, da sie durch planloses Handeln die Kolonie schwer schädigen können. Bewährte Führer jedoch statte man unbedingt mit den Rechten und Pflichten der Gouvernements-Expeditionen aus, wie das auch vom Kongostaate den Expeditionschefs der grossen Gesellschaften gegenüber stets gehalten wird.

Von Tambarale begaben wir uns einige Stunden nördlich nach Sunguisi, dem südlichen Grenzdorf von Ussongo, jenem Distrikt, den der bekannte deutschfreundliche Häuptling Mtinginya beherrscht. Von den Eingeborenen gastlich aufgenommen, beschloss ich, dort die Heilung meiner Wunde abzuwarten. Bei sorgfältiger antiseptischer Behandlung, in welcher ich schon einige Uebung besass, ging dieselbe ziemlich rasch von statten, so dass ich schon am 10. Dezember aufbrechen konnte.

Während des Aufenthalts in Sunguisi kam die Karawane des Kapt. Gemmer und später jene des Grafen Schweinitz, der nach der Küste zog, durch, und es fehlte mir daher nicht an europäischer Gesellschaft. Auch Mtinginya machte mir seinen Besuch, war hocherfreut über die Niederlage seines alten Gegners Mwana Tombolo und schenkte meinen Leuten zwei Lasten Baumwollzeug. Der Unterhäuptling in Sunguisi, ein behäbiger, gutmüthiger Mann, dessen höchster Stolz seine zahllosen — Kinder waren, benahm sich musterhaft und räumte mir sein geräumiges Tembe ein. Ein Theil dieses Baues stürzte allerdings eines Morgens ein, erschlug einen Massaihirten und begrub mehrere Askari und Weiber, die aber nur unwesentlich beschädigt wurden. Man wird jedoch auf afrikanischen Reisen nach und nach so abgestumpft, dass mich dieser Unfall keineswegs abhielt, den Rest des Tembe weiter zu bewohnen.

Am 10. Dezember lagerten wir in Maragano, einem kleinen Dorfe am Saume des Buschwaldes und traten am nächsten Morgen in denselben ein. Die Regenzeit setzte langsam ein, häufig gingen leichte Schauer nieder und die Baobabs und niederen Büsche trugen grünes Laub. Ein wenig begangener, durch Gestrüpp recht erschwerter Pfad führt durch diese Wildniss an den Rand des Wembere-Grabens, den wir am 12. Dezember erreichten. Er war durch malerische Haufen riesiger Granitblöcke bezeichnet, zwischen welchen Baobabs und schöne grüne Vegetation gedieh. Auf diesen Felsmassen lagen die kleinen Dörfer Nyambeïu und Itandulu verstreut. Besonders das letztere, eine neue Niederlassung mit weissen spitzen Kegelhütten, lag hochromantisch zwischen mächtigen Felszähnen. Einen dieser erkletterte ich, und überblickte die weite, tischflache Wemberesteppe zu meinen Füssen, mit dem niedrigen Saum der jenseitigen Randberge.