Itandulu.
Am 13. und 14. Dezember durchschritten wir theilweise bei Regen die Steppe, welche hier weit schmäler als beim Simbiti ist. Sie ist vollkommen offen, fast graslos und nur zahlreiche, nach den Eyassi ziehende Schwärme von Wasservögeln, von Flamingos, Enten und Pelikanen, beleben das eintönige Bild. Gegen den Ostrand zu, treten niedriges Stachelgestrüpp auf sandigem Boden, stellenweise sogar schönes Gras und einzelne riesige Baobabs auf und man erreicht die sanft ansteigende Randhöhe auf welcher mit Pfostenverschanzung das Dorf Urugu liegt.
Durch hügeliges, theilweise mit schönem Miombowald bedecktes Land ging es am 15. Dezember nach Ost. An den meist trockenen, breiten Bachrissen stehen malerische Gruppen schlanker Fächerpalmen. Wir kamen an dem grossen Dorfe Buschora (Mangura) vorbei, das zwischen Sorghum- und Reisfeldern gelegen ist und erreichten Mittags Ussure, einen von zwei hohen Kegelhütten überragten Tembebau an dessen Westecke die von Dr. Peters gehisste deutsche Flagge wehte. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.) Seine damalige Freundin Saratita war jedoch inzwischen verstorben und an ihrer Stelle regierte Mlewe ein intelligenter junger Häuptling und eifriger Elephantenjäger, der vorzüglich Swahíli spricht.
Ussure ist ein Grenzland Unyamwesi's, östlich davon dehnt sich die Landschaft Turu aus, deren Bewohner, die nackten Wanyaturu, als bösartig berüchtigt sind. Erst Stanley, dann anderen Reisenden traten sie feindlich entgegen, auch gegen Dr. Stuhlmann, der wenige Monate vor mir das Land durchzog, benahmen sie sich unverschämt, ohne jemals ernstlich gezüchtigt worden zu sein. Die Folge war, dass ihre Frechheit ins Grenzenlose wuchs und dass keine kleine Karawane mehr unbehelligt das Land durchziehen konnte. Kurz vor meinem Durchzug waren Leute der Araber in Irangi, die mit Vieh aus Unyamwesi heimkehrten dort überfallen und gänzlich ausgeraubt worden.
Mann aus Turu.
Bevor wir bewohntes Land erreichten, hatten wir einen wasserarmen Steppenwald zu durchziehen und erst am 18. Dezember betraten wir die ausgedehnte, leicht gewellte Ebene von Turu. Lichter, sandiger Boden bedeckt auf weite Strecken das Land, das stellenweise mit spärlichem Gestrüpp bestanden ist. Vereinzelt ragt ein hoher Baobab oder eine Anhäufung wilder Granitblöcke auf. In der Ferne erhebt sich eine riesige, dunkle Bergpyramide: der Gurui. Von dunkelen Euphorbienhecken umgeben, sind die elenden kleinen Temben der Wanyaturu verstreut, ärmliche, niedrige Lehmbauten, in welche man förmlich hinein kriechen muss. Dazwischen liegen die Felder, die mit hölzernen Hacken bebaut werden. Die Eingeborenen, die in ihrer Nacktheit originell aussehen, gleichen sehr den Waschaschi in Elmarau und benutzen auch dieselben originellen Stockschilde wie diese. Sie verhielten sich anfangs scheu, belästigten uns jedoch vorerst nicht.
Erst am 19. September, als wir den salzigen Singisa-See passirt hatten, in den tiefe Wasserrisse einmünden, zogen sie uns schaarenweise mit Kriegsgeschrei nach. Wir beachteten dies nicht weiter, bis sie Pfeile auf den Nachtrab schossen, einen Scherz, den sie sich meinen Vorgängern gegenüber mehrfach ungestraft erlaubt hatten. Diesmal waren sie jedoch an die Unrechten gekommen, wovon sie einige scharfe Salven belehrten, welche die freche Gesellschaft in wilde Flucht auflösten. Wir erbeuteten eine Heerde, in der die Araber von Irangi viele Stücke wiederfanden, die ihnen von den Wanyaturu geraubt worden waren. Ich gab meiner Gewohnheit gemäss selbst einige Schüsse ab, wobei meine Wunde wieder aufbrach und mir in den nächsten Tagen heftige Schmerzen verursachte.
Am Morgen des 19. Dezember stiegen wir zu einer Kammhöhe an und sahen uns abermals am Rande des grossen ostafrikanischen Grabens, dessen westlichen Abfall wir bei Leilelei im März erstiegen. Derselbe war hier nicht so steil wie im Massai-Land: tief unten lagen auf der flachen Sohle die Temben der Wanyamwesi-Kolonie Unyanganyi. Ueber theils grasigen, theils mit Dorngestrüpp bedeckten Hang, auf dessen Vorstufen vereinzelte Niederlassungen lagen, ging es bergab nach der sandigen Sohle, in der ungeheure Baobabs und kleine Wanyaturu- sowie grosse Wanyamwesi-Temben verstreut sind. Die Kolonisten, intelligente Leute aus Urambo, empfingen uns sehr freundlich, sie haben die hiesigen Wanyaturu völlig zu Paaren getrieben und leben jetzt auf gutem Fusse mit ihnen. Sie wiesen ein Schreiben von Dr. Stuhlmann vor, der einige Monate früher durch Unyanganyi gekommen. Da ich ersah, dass er den direkten Weg nach Irangi eingeschlagen, so beschloss ich über Ussandaui zu marschiren.
In den nächsten Tagen zogen wir durch dorniges, schwer gangbares Steppenland gegen Süden. Breite, gegen Ugogo verlaufende Bachbette durchschneiden das Land, dessen Steppencharakter durch den jüngsten Regen mit Grün übertüncht war. Am 24. Dezember lagerten wir unter hohen Akazien bei den klaren felsigen Igonda-Wasserlöchern. Die Wanyamwesi-Ansiedler in Ussandaui hatten von meiner Ankunft erfahren und brachten mir Eier und Feldfrüchte entgegen, ein Geschenk, das mich am Weihnachtsabend doppelt erfreute.
Am Christtag hielten wir unsern Einzug in Ussandaui und lagerten im Dorf des freundlichen Kolonisten Kipilipili, das zwischen ungeheueren Affenbrodbäumen am Fusse eines felsigen Hügels liegt. Von besonderem Interesse war mir das Volk von Ussandaui mit seiner merkwürdigen, durch Schnalzlaute an die Hottentotten erinnernden Sprache.
Am 26. Dezember gings durch hügeliges bewohntes Land. An den meist trockenen Bachbetten lagen die niedrigen Temben der Eingeborenen und ihre Felder, in welchen die Aussaat eben vollendet war. Aus den felsigen Höhen im Norden erhob sich die dunkele, waldige Kuppe des Tuyui. Bei dem an einen Felsblock geklebten Tembe des Mnyamwesi Mtoro, bezogen wir Mittags das Lager. Mtoro, ein hochgewachsener alter Mann, war das Oberhaupt der Wanyamwesi-Kolonisten in Ussandaui, überhaupt der eigentliche Beherrscher des Landes und unter den primitiven Eingeborenen ein wahrer Pionier der Kultur, oder doch der Halbkultur.
Durch unbewohntes, vorherrschend flaches Land mit einzelnen felsigen Kuppen ging es nordwärts, theils durch lichten Wald, theils durch dornenreiche Steppe. Wir kamen an Dr. Fischer's Lagerplatz von 1885 vorbei und gelangten am Abend des 28. Dezember an einen felsigen, wasserführenden Riss in den Vorhöhen der Irangi-Berge. Gegen Abend erschien Ali bin Nasor, ein Araber von Irangi, der mir mit reichen Geschenken entgegengeeilt war. Er war der Zweite im Range der arabischen Kaufleute in Irangi und lebte auf gespanntem Fusse mit seinem ungleich bedeutendern Nebenbuhler Saïd bin Omar, dem er auf jede Weise den Rang abzulaufen suchte. Er bot Alles auf um sich mit den neuen Herren Ost-Afrika's, den Deutschen, auf guten Fuss zu stellen. Er ist ein intelligenter Maskataraber, und ich war immerhin erfreut wieder einmal mit einem vernünftigen Menschen sprechen zu können, wenn auch seine übertriebene Demuth und die fortwährenden Versicherungen seiner Liebe zu den Deutschen mich nicht sehr angenehm berührten.
Mann aus Ussandaui.
Am 29. Dezember ging es ziemlich steil durch Wald zum breiten, wasserlosen Bubu. Wir verfolgten das sandige Bett eines Nebenflüsschens, in dem sogar etwas Wasser rieselt und das sich zwischen freundlichen, bewaldeten Hügeln schlängelt. Später lichtet sich der Wald und in den Feldern der Ansiedler und Eingeborenen wird der ziegelrothe, frisch geackerte Boden sichtbar. Kurz bevor wir Irangi erreichten begegnete uns ein prächtiger Zug von Arabern und Swahíli mit goldgestickten Mänteln und blendend weissen Hemden, mit blitzenden Schwertern und Dolchen im Gürtel. Es war Saïd bin Omar, der mit seinem Gefolge zu meiner Begrüssung ankam, ein vornehmer Araber, der mich mit orientalischer Würde und Höflichkeit empfing, bei der man jedoch so ziemlich durchmerkte, dass er Europäern nicht übermässig grün ist. Die besseren arabischen Kreise halten sich überhaupt noch etwas reservirt und jene Gestalten, die mit überschwänglicher Demuth den siegreichen europäischen Machthabern die Füsse lecken, sind oft die grössten Schufte. Die Zeit wird auch hier klärend auf die Verhältnisse einwirken.
TAFEL XIII
WANYATURU STOCK-KÄMPFERWANYATURU STOCK-KÄMPFER
Unter solchen Betrachtungen, von welchen ich natürlich nichts laut werden liess, näherten wir uns der Niederlassung. Auf niederer Kuppe lagen zwischen hohen Baobabs die ansehnlichen Temben der Araber, umgeben von reichen Kulturen von Weizen- und Zuckerrohrfeldern, aus welchen sich — ein seltener Gast in Ost-Afrika — die schlanke Dattelpalme erhob. Ueber dem Ganzen wehte auf hoher Stange das schwarz-weiss-rothe Banner, das die Araber uns zu Ehren gehisst hatten.
Unter Flintenknallen und Jubelgeschrei hielten wir unsern Einmarsch. Ein Theil meiner Leute, die Elephantenjäger, waren hier so gut wie zu Hause, auch die anderen fanden Landsleute, Freunde und Bekannte und das Ziel der Reise, die ersehnte Küste, schien in greifbare Nähe gerückt.
Mtoro's Dorf, Ussandaui.
Aufenthalt in Irangi. — Uassi. — Ufiomi und die Wafiomi. — Wieder in Umbugwe. — Iraku und die Höhlenbewohner. — Meri. — Mangati und der Gurui-Berg. — Die Massai-Steppe. — Unguu. — Ankunft an der Küste.
Wenn wir Weihnachten im Busch verlebt hatten, so wollten wir wenigstens das neue Jahr 1893 unter Menschen antreten. So blieben wir denn fünf Tage in Irangi und liessen uns die Gastfreundschaft der Araber gefallen, die in Anbetracht der Umstände geradezu glänzend war. Sie hatten auch Grund, der Expedition wohlgesinnt zu sein, denn unsere Kämpfe in Umbugwe hatten ihnen dieses Handelsgebiet erschlossen, und die Ausbeute an Elfenbein war grösser als seit Jahren.
Wataturu Sagiro's.
So schwelgten denn die Leute in reichlichen Vorräthen und bei mir erschienen täglich nicht weniger als achtmal kleine Karawanen zierlich gekleideter Sklaven, die auf schönen Metalluntersätzen verdeckte Schüsseln brachten. Da gab es Reis und Würfelfleisch in Gewürzsauce, süsses Gebäck von einheimischem Weizenmehl, Datteln und parfümirten Sherbet — all' die Leckerbissen einer echt arabischen Mahlzeit.
In den Morgenstunden kamen in farbenprächtigem Aufzuge die vornehmsten Araber und Swahíli zur »Barasa«. In dem lichten Vorraum eines Tembe brachten wir, auf bunte Strohmatten gekauert, eine Viertelstunde mit jenen nichtssagenden, konventionellen Gesprächen zu, die bei solchen Gelegenheiten im Orient üblich sind.
Ausser Elephantenjägern und Karawanenleuten gab es in Irangi auch viele Massai, die vor der Hungersnoth geflüchtet waren und für kleine Dienstleistungen gefüttert wurden. Unter diesen fand unser braver Elmoruo Ndaikai seine längst vermissten Kinder. Mit zitternder Hand betastete er die Verlorengeglaubten, heisse Thränen liefen über sein wetterhartes Gesicht und kaum konnte man den blutgierigen Krieger wiedererkennen, den ich gar oft in Gefechten die Gegner mit breitklingigem Speer zerfleischen sah. Seines Bleibens bei uns war nun nicht mehr länger, reich beschenkt mit Rindern nahm er Abschied und zog mit seinen Kindern in die Steppe hinaus.
Am 4. Januar rüsteten auch wir zum Aufbruch von Irangi, wobei die Araber es sich nicht nehmen liessen, mir 40 Bewaffnete mitzugeben, eine Hilfstruppe, die mich ein wenig an jene drei Schutzmänner erinnerte, welche einmal in bewegter Zeit einem marschirenden Infanterieregiment »als Bedeckung« beigegeben wurden. Vor meiner Abreise schickte ich vier meiner Leute als Postboten nach Pangani, theils um Nachrichten an die Küste gelangen zu lassen, theils um die gänzliche Ungefährlichkeit der »Massairoute« einmal durch ein auffallendes Beispiel darzulegen. Es sei gleich erwähnt, dass diese Leute Pangani in der unglaublich kurzen Zeit von 13 Marschtagen erreichten, ohne von Eingeborenen irgendwie belästigt worden zu sein.
Wir selbst wandten uns Umbugwe zu. Die Araber und ihre Leute erreichen dieses Land meist auf allerlei Umwegen, bei welchen sie die Landschaft Uassi umgehen, deren Bewohner als boshaft und kriegerisch gefürchtet sind. Ich sah jedoch keinen Grund, von der direkten Route über Uassi abzuweichen. Durch ein sandiges Thal ging es von Kondoa nach Simba's Niederlassung. Beiderseits erhoben sich kahle Hügelzüge, die Thalsohle war mit Stachelgestrüpp bedeckt und nur am Rande der Höhen ragten einzelne Baobabs und riesige, schattige Waldbäume auf.
Am Morgen des 5. Januar ging es steil hinan zur Höhe des Uassi-Plateaus. Kalte Winde trieben Nebelstreifen über das wellige Land, dessen sandigem Boden die Wauassi einen kärglichen Ertrag abringen. Diese standen abseits bei ihren niedrigen, kleine Höfe einschliessenden Temben, begrüssten uns mit Kriegsgeschrei und riefen uns zu, wir möchten unsere Rinder hergeben. Wir kümmerten uns nicht darum, sondern zogen mit grösster Vorsicht durch das theilweise mit Gestrüpp bedeckte Land, stets verfolgt von den lärmenden Wauassi-Kriegern. Als wir wieder offenes Tembegebiet betraten, begannen dieselben Pfeile auf uns zu schiessen. Um sie zu verjagen, liess ich durch eine kleine Abtheilung eine Salve abgeben, worauf die meisten spornstreichs davonliefen und einige vor Schreck — in Ohnmacht fielen. Gänzlich unverwundet wurden sie von uns aufgelesen und haben uns als Wegweiser gute Dienste geleistet.
Auf dringende Bitten der Leute aus Irangi lagerte ich schon in den Morgenstunden und liess zahlreiche Temben der Wauassi einäschern, um diese für ihre fortwährenden Räubereien zu bestrafen. Nachmittags zeigte sich eine bewaffnete Schaar derselben auf einem Hügel und stiess ihr Kriegsgeschrei aus. Um den Irangi-Leuten zu zeigen von was für »Helden« sie sich gewöhnlich ins Bockshorn jagen liessen, sandte ich meinen boy Hamadi und zwei Küchenjungen aus, die von einem Tembedach ein kräftiges Feuer auf die Kriegerschaar — es waren mindestens 200 Mann — eröffneten und sie in wilde Flucht auflösten. Der ganze Vorgang hatte den Erfolg, dass es den Arabern gelang mit den Uassi-Leuten ein Abkommen zu treffen und dass von nun an nie mehr Karawanen in Uassi belästigt wurden. Es war dies das letzte Mal, dass die Expedition von den Waffen Gebrauch machen musste.
Ufiomi.
Zwei Tage marschirten wir durch unbewohntes, grasiges, von lichtem Akazienwald bedecktes Plateaugebiet und stiegen am 8. Januar nach der Landschaft Ufiomi ab. Zu beiden Seiten des langgestreckten, blauen Maitsimba-Sees dehnen sich bebaute Landschaften, aus welchen die viereckigen, ziegelrothen Flecken der Tembendächer hervorstechen. Im Nordost ragt die dunkle, waldige Masse des Ufiomi-Berges auf.
Die Eingeborenen, welche vor den Temben oder auf den Dächern hockten, sahen mit ihren verschlissenen Lederschürzen, den Laubmassen im Ohrlappen und dem verfilzten Haar, in dem eine ruppige Feder steckte, unglaublich wüst aus. Sie galten jahrelang als äusserst bösartig und ihr Land wurde von allen Fremden sorgfältig gemieden. Sei es, dass sie ihre Sitten geändert haben, sei es, dass die Niederlage ihrer Nachbarn sie gewitzigt hatte: sie begnügten sich uns anzustarren und unternahmen nichts Feindliches. Nachmittags hatten wir sogar das Vergnügen die Damenwelt Ufiomi's kennen zu lernen, die sich bisher in den Dachsbauen verborgen hatte, welche diese Eingeborenen in den Lehmboden ihrer Hütten graben, und nun kothbespritzt ans Tageslicht kam. Aus ethnographischem Interesse besuchte ich eine dieser Schutzhöhlen, musste etwa fünf Minuten durch einen beängstigend niedrigen Schacht bergabkriechen und gelangte dann in einen grösseren Raum, der durch einen Luftschacht mit der Oberfläche in Verbindung steht.
Von Ufiomi, das wir am 10. Januar verliessen, ging es leicht bergab durch fruchtbares, waldiges Land. Zwischen den Bäumen erblickt man die glänzende Fläche des Manyara-See. Auch die graue Ebene von Umbugwe wurde sichtbar und erweckte die Erinnerung an unsere Todten, die nun fast ein Jahr in fremder Erde lagen.
Ich war einigermaassen gespannt darauf, wie man uns in Umbugwe empfangen würde. Nachdem unsere Kämpfe im März 1892 in Deutschland bekannt geworden, waren nämlich einige »Kenner« aufgestanden, welche die Meinung aussprachen, dass Umbugwe nun endgiltig für alle Karawanen gesperrt sei. Ich war zwar vom Gegentheil überzeugt und die Erfahrungen der Irangi-Araber bewiesen dasselbe, aber wer kann mit Bestimmtheit auf die Gesinnung so unbeständiger, wilder Völkerschaften zählen?
Weib aus Ufiomi.
Mit gewohnter Vorsicht betraten wir daher am 11. Januar das Tembengebiet Umbugwe's, aber schon die ersten Eingeborenen zeigten uns, dass sich hier viel verändert hatte. Statt der Kriegerschaaren, die uns bei der ersten Ankunft umschwärmt, erblickten wir überall friedliche, unbewaffnete Menschen, die uns ihr »Tálala« als Gruss boten. Bald kam Mbaruk, der Elephantenjäger, der immer noch hier weilte und mit ihm die Führer von Küsten-Karawanen, welche die Freundlichkeit der Eingeborenen nicht genug loben konnten. Bei dem ernsten freundlichen Häuptling Mbi, dem stets wie ein Schatten sein ewig heiterer Minister folgte, schlugen wir das Lager auf.
In den nächsten Tagen trat ich eine kleine Rundreise durch Umbugwe an, die mich zu Kutadu und auch nach dem Schauplatz unserer früheren Kämpfe in Mtakayko's Land brachte. Ueberall wurden wir freundlich, wenn auch etwas scheu empfangen und erhielten von allen Häuptlingen, auch von Mtakayko, reiche Geschenke. Unter diesen Umständen hielt ich es nicht für gewagt, den grössten Theil der Karawane in Umbugwe zurück zu lassen und mit einer kleinen Abtheilung die Reise nach Iraku anzutreten. Natürlich durften die Zurückgebliebenen einzeln das Lager nicht verlassen, eine Maassregel, die eben nur durchführbar ist, wenn man Poscho (Wegzehrung) in natura und nicht in Zeug an die Leute vertheilt. Denn sonst kann man es ihnen nicht verbieten, einzeln auszuziehen und Lebensmittel einzukaufen, was kriegerische Eingeborene geradezu zu Mordthaten auffordert. Allerdings erfordert die Verpflegung in natura mehr Erfahrung und der Expeditionsführer muss auf Wochen hinaus auf Beschaffung von Proviant bedacht sein.
Mit leicht beweglicher Schaar verliess ich am 17. Januar Umbugwe, übersetzte den Kwou-Fluss und zog auf gutem Wege durch buschbedecktes Land nach dem Fuss des Steilabfalls. Auf einer Vorkuppe desselben lagerten wir und genossen bei Abenddämmerung einen schönen Blick auf die Seen Manyara und Laua ya Sereri und auf die weite, graue Massaisteppe über deren Horizont, wie ein lichtes Phantom der glänzende Schneedom des Kilimanjaro aufragte.
Nachts wurden wir von einem wilden Thiere, über dessen zoologische Stellung Meinungsverschiedenheiten herrschten, belästigt, welches zwei Mal in's Lager einbrach und erst einen Askari an der Schulter, dann einen Jungen an der Ferse verwundete. Die Patienten wurden am nächsten Morgen nach Umbugwe zurückgeschickt, während wir den steilen, felsigen Hang des Abfalls hinanstiegen.
Je höher wir kamen, desto frischere Luft wehte uns entgegen, bis wir die offene, grasige Hochfläche von Iraku erreichten. Zahlreiche Bäche durchschneiden das gewellte Land, im Norden und Nordosten ragen dunkle Waldberge auf. Die Eingeborenen gleichen völlig den Wafiomi, leben auch in ähnlichen Temben und sehen womöglich noch schmutziger, abenteuerlicher und wilder aus. Dennoch kamen sie uns sehr freundlich entgegen und machten den Eindruck friedfertiger Menschen. Als Ackerbauer leisten sie wirklich Hervorragendes; weite Strecken bedecken die schön gehaltenen, viereckigen Felder, die eben umgeackert wurden und als rothe Quadrate an den grasigen Hängen erschienen. Ueberall konnte man eifrig hackende Eingeborene sehen.
Durch ähnliches Gebiet, in dem sich ein stolzer Gipfel erhob, auf seiner Höhe förmliche Felszinnen tragend, ging es am 19. Januar nach der Residenz des Wataturu-Häuptlings Sagiro. Derselbe hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, er hat schon im Massai-Land, in Unyanyembe und Usongo residirt und wurde von seinen Erbfeinden, den Massai, in diese entlegenen Höhen verdrängt. Seine Leute, unter welchen man auffallend wohlgebildete, echt hamitische Gestalten trifft, sehen verkommen aus, schmutzig und elend ist auch sein Dorf, ein halbverfallener Tembenring.
Landschaft in Iraku.
Am 20. Januar ging es südwärts durch Iraku. Ueberall dehnte sich reich bebautes Land aus, von rothen Viehpfaden durchzogen, und belebt von Farnen- und Phönixpalmen-Gruppen. Hier haust ein uralter Häuptling, der mit seiner langen, schmutzig weissen Haar- und Bartmähne wie ein Kobold aussah. Ueberall standen die abenteuerlichen Gestalten der Eingeborenen in neugierigen, harmlos freundlichen Gruppen am Wege und boten mit ihren scharfgeschnittenen Zigeuner-Gesichtern und dem Leder-Ueberwurf einen originellen Anblick. Das Merkwürdigste waren ihre Wohnungen, in die Erde eingelassene, geräumige Erdställe, in welchen es bei der herrschenden Kühle trotz der Dunkelheit ganz angenehm war. An den Eingängen standen dichtgedrängt die fellbekleideten Weiber, darunter auch manches ganz niedliche Höhlenmädchen, die uns vergnügt anlachten, aber bei dem leisesten Versuch sich zu nähern, in ihrem Mauseloch verschwanden.
Iraku-Leute.
Am 22. Januar verliessen wir das Dorfgebiet von Iraku, dessen letzte Siedelungen am Rande des Steilabfalles liegen und stiegen auf felsigem Pfade dem Kwou-Thale zu. Ueppige Krautvegetation bedeckt die rauhen Felswände aus deren Spalten reizende Phönixpalmen ihre schlanken Wipfel erheben.
Am klaren Kwou, dessen Ufer hochstämmiger Galleriewald säumt, lagerten wir und stiegen am nächsten Morgen über reich bewachsenen Hang zur welligen Plateaulandschaft Meri an. Hier haust eine kleine Kolonie von Irakuleuten und Wataturu, heitere, gutmüthige Leute, die in schönen Temben leben, welche in Gruppen geordnet, mit den ziegelrothen Dächern sich scharf aus der grünen, hügeligen Umgebung abheben. Ringsum dehnen sich prächtige Felder hinter welchen der begraste Berg ansteigt. Das Schönste an Meri ist jedoch die herrliche Aussicht über den gewaltigen Steilabfall des Grabens, die Niederung mit ihren schimmernden Seen, die graubraune Steppe mit ihren dunklen Gebirgsinseln und in weiter Ferne die Bergriesen des Meru und Kilimanjaro. Letzterer hatte eben eine neue Schneehaube bekommen und erschien in scharfen, blendend weissen Umrissen am Horizont.
TAFEL XIV
WATATURU AUS MANGATIWATATURU AUS MANGATI
Hinter Meri ging es wieder steil bergan. Die Hänge bedeckten Gras und Farnvegetation. Manch' schöne Blumen, darunter reizende Primeln, leuchteten daraus hervor und wurden von farbenprächtigen, kleinen Vögeln umflattert. Dann traten wir in dunklen Laubwald ein, der völlig jenem von Mutyek glich. Lange Bartflechten hingen von den moosbedeckten mittelhohen Laubbäumen, dichte Krautvegetation, meist Nesseln und Farne, bedeckte den Boden. Stellenweise öffnete sich eine kleine Lichtung und breite Elephantenpfade durchschnitten diese herrliche unbewohnte Wildniss. Erst am nächsten Morgen verliessen wir den Wald und durchzogen ein offenes grasiges Land bis zum Rande des Steilabfalles. Vor uns stürzte ein schroffer, theils felsiger, theils bewaldeter Felshang mit eingestreuten Gruppen von Phönixpalmen ab. In der Tiefe erblickten wir die leicht gewellte, theils offene, theils mit Busch bedeckte Landschaft Mangati mit dem Balangda-See und den Temben der Wataturu. Uns gegenüber jedoch ragte in greifbarer Nähe, von dunklen Basaltwänden gekrönt, die kühne Bergpyramide des Gurui auf.
Durch Gestrüpp und Wald ging es auf felsigem Wege in die Tiefe. Bald hatten wir die Sohle des Grabens und die Niederlassung Barabeïda erreicht, wo ein jüngerer Bruder Sagiro's regierte. Hier lernte ich das Volk der Wataturu in seiner ganzen Ursprünglichkeit kennen. Langbeinige Krieger mit wildem Kopfschmuck von Straussenfedern kamen herbeigeeilt, auf den Kehrichthaufen kauerten Gruppen von Weibern mit Lederzeug und rasselndem Eisenschmuck, schwarzäugige, schmutzige Kinder auf dem Rücken tragend. Allen sieht man auf den ersten Blick die hamitische Abkunft an und negerhafte Züge sind hier nicht zu finden. Auch in Mangati fanden wir freundliche Aufnahme und bekamen reichlich Lebensmittel geliefert. Ein Ausflug brachte mich am nächsten Tage zum salzigen Balangda-See, der den Eingeborenen Kochsalz liefert. Von hier präsentirt der Gurui sich wieder anders, aber stets als prächtiger Bergriese.
Leider konnte ich meinen Wunsch, diesen Gipfel zu ersteigen, nicht erfüllen, denn ein Fieber, gegen das ich seit einigen Tagen ankämpfte, warf mich nun zu Boden und zwang mich, einen Tag in Barabeïda zu verbleiben. Obwohl mir am 27. Januar nicht viel besser war, reiste ich doch ab, um mein Fieber durch Ortsveränderung zu kuriren. Dieses alte Buschmittel versagte auch diesmal seine Wirkung nicht; als wir gegen Mittag am papyrusreichen Bubu lagerten, erholte ich mich ganz leidlich.
Durch bergiges, licht bewaldetes, fruchtbares Land ging es am 28. Januar an's Westufer des Maitsimba-See und nach unserem alten Lagerplatz in Ufiomi. Auf einer anderen Route längs des Kwou, der tief in den Lehmboden eingerissen ist, erreichten wir am 30. Januar Umbugwe wieder. Ich fand dort alles in bester Ordnung, meine Leute hatten mit den Wambugwe gutes Einvernehmen erhalten und reiche Vorräthe für den Marsch durch die Massai-Steppe gesammelt.
Noch hatte ich in Umbugwe eine Pflicht zu erfüllen, die Errichtung der Niederlassung, die ich in Meatu den Elephantenjägern zugesagt. Als Oberhaupt derselben bestimmte ich Mwanangwa Swetu, einen intelligenten Häuptling aus Unyamwesi, und wies demselben den Platz zur Errichtung einer Station an. Mit grossem Geschick hat dieser Mann seine Aufgabe gelöst und meinen Nachfolgern in Umbugwe gute Dienste geleistet. Von den Jägern blieben die meisten zurück, nur wenige, die sich vollkommen in die Expedition eingelebt, zogen mit uns nach der Küste.
Unter jenen, welche zurückblieben, gab es auch Leute, die schon Jahrzehnte im Innern zugebracht und unter andern Umständen vielleicht gern ihre Heimath wieder gesehen hätten. Wenn ich sie aber fragte, warum sie nicht mit nach der Küste wollten, meinten sie meist: »Hatutaki ku cheza ngoma ya Wazungu« (Wir wollen den Weissen nichts vortanzen). Diese Redensart stammt von den grossen Tanzfesten her, die von den Stationschefs bei festlichen Gelegenheiten, z. B. dem Erscheinen eines Oberbeamten zuweilen »amtlich« inscenirt, und von den Eingeborenen als lästiger Zwang empfunden werden.
Ueberhaupt ist es bemerkenswerth, dass weniger die grossen politischen Umänderungen, als die kleinen Polizeinörgeleien von der ostafrikanischen Bevölkerung als Druck gefühlt werden. Dass statt des Sultans von Sansibar nun ein deutscher Gouverneur regiert, ist den Leuten ganz gleichgiltig, aber dass sie nach 9 Uhr Abends nicht mehr spazieren gehen dürfen, Lampen brennen sollen, bei Tänzen und sonstigen Kleinigkeiten erst amtliche Erlaubniss einholen müssen, dann aber wieder auf Kommando, wenn sie keine Lust dazu haben, tanzen sollen, scheint den Swahíli unerträglich. Sie wollen ja gern Alles thun, im Nothfall selbst Steuern zahlen und für die Behörde arbeiten, aber tanzen wollen sie, wenn es ihnen Spass macht und nicht, wenn es der »Bwana mkubwa« befiehlt. Ein Bakschisch an die farbige Polizei befreit ja freilich von diesen und von den meisten anderen Lasten, wer aber darüber nicht verfügt der muss eben tanzen. Der grosse Mann freilich, zu dessen Ehren solche Feste arrangirt werden, ahnt von alledem nichts und sieht wohlgefällig dem »muntern Treiben« zu, wirft auch vielleicht einige Rupies unter die tanzenden Weiber, die ihnen nachträglich von den Polizisten wieder abgenommen werden. Zum Glück versteht er und seine Umgebung meist so gut wie kein Swahíli, sonst würde er grosse Augen zu den sonderbaren Schmeicheleien machen, die ihm in Form von Huldigungsliedern an den Kopf geworfen werden.[2]
Wenn ich auch überzeugt bin, dass solche Erscheinungen zu den Kinderkrankheiten einer jungen Kolonie gehören, die sich mit der Zeit verlieren, so konnte ich es doch meinen alten Elephantenjägern nicht übel nehmen, dass sie es unter solchen Umständen vorzogen in Umbugwe zu bleiben.
Am 3. Februar nahmen wir Abschied von den Zurückbleibenden und traten den Marsch durch die Massai-Steppe an. Um deren Erforschung in grossen Zügen zu vollenden, beschloss ich dieselbe in einer schrägen Linie nach Mgera in Nord-Unguu zu durchqueren. Als Führer für die ersten Tage dienten uns einige Wambugwe, später Massai, die wir von Irangi zu diesem Zwecke mitgenommen. Nach Verlassen der Felder von Umbugwe kamen wir an das Südende des salzigen Laua ya Sereri-Sees und traten dann in lichten Akazien- und Baobab-Wald ein. Vorbei an den nördlichen Ausläufern des Ufiomi-Gebirges gelangten wir an den kleinen Sickerbach Tschem-Tschem, wo wir lagerten.
Schwärme kahlköpfiger Aasgeier, die übliche Staffage der Lager im Massai-Land, hatten sich eingestellt und bedeckten die umliegenden Baumwipfel. Sie waren diesmal besonders frech und rissen in pfeilschnellem Fluge nicht selten den Leuten die Fleischstücke aus der Hand oder vom Feuer weg. Diese rächten sich, indem sie den Geiern mit der — Angel nachstellten. Sie banden eine gewöhnliche Fischangel mit einer Schnur an einen Ast und hingen ein Stück Fleisch daran. Ich lachte erst über diese komische Idee und war sehr erstaunt nach wenigen Minuten einen der gefrässigen Raubvögel an der Schnur zappeln zu sehen, mit dem Haken tief im Rachen.
Der nächste Marsch führte uns durch pfadlosen Steppenwald zum Tarangire-Fluss, der tiefe Tümpel enthielt, in welchen die Leute massenhaft Welse fingen. Am jenseitigen Ufer lag der frische Leichnam eines Nashorns, das von einem Löwen gefällt worden war. Der Wüstenkönig, den unsere Ankunft in seiner Mahlzeit gestört hatte, kam Nachmittags wieder um dieselbe zu vollenden. Es war ein riesiges, männliches Thier, der erste Löwe, den ich auf meinen langjährigen afrikanischen Reisen lebend in Freiheit sah. Natürlich versuchte ich ihn anzupürschen, doch nahm er schleunigst Reissaus und jagte in langen Sätzen über die Ebene davon.
Am 5. Februar ging's durch Steppenland, das öfter gänzlich offene, in der Regenzeit jedenfalls versumpfte Senkungen unterbrachen, dem Sambo-Berg zu, der mit seinen südöstlichen Ausläufern, den Lolduman-Hügel, vor uns auftauchte. Viel Wild war zu sehen, darunter besonders Rhinozeros, deren ich eines, meine Leute zwei erlegten. Wir fanden Abends etwas Wasser in einem Thalriss und zogen am nächsten Tage durch die, von tiefen Schluchten zerrissenen Vorhöhen des Sambo, einigen Wasserlöchern zu, die südlich von diesem Bergkegel lagen. Zu jener Zeit brachen wir nicht Morgens, sondern stets Mittags auf, um die Sonne im Rücken zu haben und lagerten erst Abends. Ich selbst wurde fast fortwährend von kleinen Fiebern geplagt und konnte nur mit Mühe topographische Arbeiten verrichten.
Ueber breite, flache Bodenwellen, deren Höhen mit Buschwald bedeckt sind, gingen wir am 7. Februar weiter. In einem felsigen Riss fanden wir Nachmittags Wasser, in das unsere durstigen Rinder förmlich hineinsprangen. Durch die Wegweiser verleitet, marschirten wir jedoch noch weiter, einem Wasserplatz zu, der angeblich nahe war. Doch erreichten wir ihn nicht und mussten wasserlos in der Steppe lagern. Mit seinem ziegelrothen Boden, seinen Termitenbauten und dürrem Stachelgestrüpp, schien das Land eine rechte Einöde und ich dachte eben darüber nach, wie selten wohl ein Mensch hierher gelangen mochte, als sich die Büsche theilten und eine Schaar Wandorobo hervortraten. Sie jagten in der Umgebung und waren stark mit Massai gemischt, die in ihrem Elend zu Wandorobo wurden. Auch einige schreckliche Hungergestalten waren unter ihnen, die Ueberreste ganzer Stämme, deren Gebeine in der Steppe bleichten.
Die Wandorobo führten uns am nächsten Morgen zum Wasserriss Kivululo, in dem viele ständige Tümpel sich ansammeln. Dann ging es bei glühendem Sonnenbrand wieder in die Steppe hinaus; auf weite Strecken ist das Land mit niedrigem, schwer passirbarem Gestrüpp bedeckt, über welches Heerden von Giraffen ihre langen Hälse erheben. Wir sollten Abends ein Wasserloch erreichen, fanden dasselbe jedoch leer und mussten abermals ohne Wasser lagern.
Am 9. Februar ging es auf den langen Felshügel Neibor-murt zu, der wie ein riesiger Elephantenrücken aus der welligen Steppe hervorragte. An seinem Fusse lagen, von Schattenbäumen umgeben, einige Tümpel. Dort hatten Jäger aus Usegua ein Lager geschlagen und durchstreiften mit einigen Massaiführern die Steppe nach Wild und Elfenbein. Zum letzten Mal erblickten wir vom Neibor-murt die fernen Gipfel des Kilimanjaro und zogen dann weglos durch Dorngestrüpp nach Südosten. Die alten Viehpfade der Massai waren alle verwachsen, nur mit dem Buschmesser kamen wir Schritt für Schritt vorwärts. Glühend brannte die Sonne auf den nackten, rothen Boden zwischen den Stachelbüschen und selbst die Nacht brachte uns kein Labsal, denn ohne Wasser mussten wir abermals bei einem Felshügel Ndigira lagern.
Die furchtbare Hitze, der Wassermangel und die schwierigen Terrainverhältnisse stellten an die mit Proviant schwer bepackte Mannschaft harte Anforderungen. Die »alte Garde« der Massai-Expedition allerdings war Allem gewachsen und behielt ihr flottes Marschtempo und ihren guten Muth bei. Die Neulinge jedoch, die in Tabora hinzugekommen, hauptsächlich die Wanyamwesi fielen vollständig ab, waren auf's Aeusserste erschöpft und kaum noch vorwärts zu bringen. Solche Steppenmärsche sind überhaupt die besten Prüfsteine für die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft. Wenn ich die Ostafrikaner nach ihrer Eignung zu Pionier-Expeditionen eintheilen sollte, so würde ich die Pangani-Leute entschieden obenan stellen. An Massai-Reisen gewöhnt, halten sie unter allen Umständen, bei jeder Nahrung aus und sind auch vor dem Feinde muthig. Besonders die Sklaven aus Bwenyi, meist Manyema, sind ein vorzügliches Material. Ihnen fast ebenbürtig sind die Wadigo, ausdauernde, muthige Bursche, die noch dazu nicht das unruhige Wesen der Manyema besitzen.
Die echten Tanga- und Mtangata-Leute, sowie die Wassegeju sind vielfach ebenfalls in Massai-Reisen erfahren, stehen jedoch den Pangani-Leuten im Allgemeinen nach. Die Wabondeï sind weder physisch noch moralisch ähnlichen Aufgaben gewachsen, besser sind Waschambaa und Wasegua, unter denen besonders die Wanguu sich als zähe, tapfere Leute auszeichnen. Unter den Bagamoyo-Trägern muss man die echten Wasaramo von der Küstenbevölkerung unterscheiden. Erstere sind weniger brauchbar, letztere recht tüchtig, aber mehr für Karawanenstrassen-Dienst und zu Soldaten verwendbar. Bezüglich der Nahrung sind sie weit empfindlicher als die Pangani- und Tanga-Leute, passen also weniger zu Forschungsreisen.
Ganz unbrauchbar zu jeder richtigen »Buschfahrt«, abseits von der Heerstrasse, sind Wanyamwesi und vor Allen Wasukuma. So ausdauernd diese bei guten Rationen und reichlichem Wasser auf gewohnten Wegen sind, so wenig bewähren sie sich in nur einigermaassen ungewöhnlichen Verhältnissen. Betreffs der Sudanesen machte ich schlechte Erfahrungen, so vorzüglich dieselben im Stationsdienst und auf kleinen Expeditionen, sowie vor dem Feind sich bewähren, so wenig sind sie grossen Strapazen gewachsen, wie auch Stanley erfahren hat. Die Expeditionen der Schutztruppe, welche höchstens einige Wochen hindurch Anspannung aller Kräfte erfordern, dann aber wieder lange Ruhepausen gewähren, sind natürlich in keiner Weise mit einer grossen Forschungs-Expedition zu vergleichen, die Monate und Jahre lang dauert und Kräfte, die für die Schutztruppe genügen, sind für solche Zwecke noch lange nicht ausreichend.
Besonders bei wasserlosen Märschen zeigt sich der Unterschied zwischen erfahrenen und unerfahrenen Leuten. Während erstere mit ihrem Trinkwasser haushalten, trinken letztere alles unterwegs, sind dann im Lager dem Verschmachten nahe und am nächsten Morgen marschunfähig. So war es auch am 11. Februar: Eine ganze Anzahl Wanyamwesi blieb verzweifelt liegen, während wir unsern Marsch durch die glühende Wüste — Steppe ist für diese fast kahle rothe Fläche zu gering — eilig fortsetzten. Gegen Mittag erreichten wir einen ansehnlichen Wassertümpel, Mabani, und Mensch und Vieh schlürften mit Wollust das schwarze, schlammige Nass. Die unermüdlichen Askari hatten kaum den ersten Durst gelöscht, als sie Gefässe mit Wasser füllten und zurückliefen, um die Wanyamwesi zu laben. Sie fanden dieselben fast sterbend, konnten jedoch alle retten und brachten sie ins Lager. Auch hier hatten einige Elephantenjäger aus Pangani ihr Lager aufgeschlagen und bereits recht ansehnliche Elfenbeinvorräthe gesammelt.
Von nun an ging es mit dem Wasser besser; Graswuchs bedeckte stellenweise das Land, Tümpel mit rothem, grünem oder schwarzem Wasser waren ziemlich häufig: wir näherten uns dem Rand der Steppe. In der Ferne tauchten die Berge von Unguu auf, bewohntes Gebiet, dessen erster Anblick Jubelgeschrei hervorrief. Am 14. Februar lagerten wir unweit des Talama-Berges bei einer Wandorobo-Niederlassung. In dichtem Gestrüpp verborgen lagen die elenden, halbrunden Grashütten, an der Einzäunung standen schlanke Männer, auf den Bogen gestützt und zwischen den Hütten, inmitten von Fleisch- und Knochen-Ueberresten, kauerten ihre eisengeschmückten, kahlköpfigen Weiber.
Am 15. Februar veränderte sich die Landschaft; nach kurzem Marsch durch offene Steppe traten wir in lichten Laubwald ein, das Land wurde hügelig, die wohlbekannten Formen der Unguuberge traten näher, an den Hängen nahm man die grünen Vierecke der Felder wahr. Nachmittags wurden auch die zaunumgebenen Gruppen der spitzen Kegelhütten wahrnehmbar und mit Trommelklang und Hörnerschall marschirten wir in das Grenzdorf Unguus, in Kwa Maligwa ein.
Am nächsten Morgen erreichten wir Mgera, den Hauptort dieser Gegend, der mir schon von 1890 her bekannt war. Damals machten mir die Eingeborenen einen ziemlich urwüchsigen Eindruck, jetzt, wo wir von den Höhlenmenschen kamen, erschienen sie mir in ihrer reichen Baumwollkleidung als hochcivilisirte Menschen. Die gutmüthige, dicke »Königin« Mandaro, eine alte Bekannte, machte mit einigen ganz niedlichen Hofdamen ihre Aufwartung.
Mehr als das freute mich jedoch das Eintreffen der Postboten, die mir lang ersehnte Nachrichten von der Heimath brachten. Hatte ich doch während der ganzen Reise nur zweimal veraltete Postsendungen bekommen! Wir waren eben zu schnell gereist, die Herren, die an der Küste die Beförderung der Posten leiteten, rechneten mit dem üblichen Schneckengang der Expeditionen, und wenn eine Sendung irgendwo eintraf, war ich immer schon längst über alle Berge. Der Grund, warum wir so rasch vorwärts gekommen, liegt, wie ich glaube, hauptsächlich darin, dass wir niemals Gewaltmärsche machten, dass es uns niemals auf einen oder zwei Rasttage ankam, dass wir überhaupt niemals Eile hatten. »Haraka haïna baraka« (Eile bringt kein Glück) sagt der Swahíli, und was das Reisen im Innern anbelangt, hat er gewiss Recht. Jede unnütze Ueberanstrengung der Kräfte, jede überstürzt eingeleitete und mangelhaft vorbereitete Unternehmung rächt sich durch endlose Aufenthalte, die dem Reisenden alle Lust benehmen und den Geist der Mannschaft schwer schädigen.
Wenn es der Küste zu geht, ist es freilich ein alter Karawanenbrauch, dass die letzten Tage in Gewaltmärschen zurückgelegt werden. Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der Küstenstädte, nach dem »Msonga nyuele«, dem geflochtenen Haar der reizenden Swahíli-Damen, lässt die Leute nicht ruhen. So ging es denn förmlich im Trab hügelauf, hügelab, durch die reich bebauten Gehänge Usegua's. Mir war die Gegend schon bekannt und im Fluge gings bei Makoma, der Stätte unserer blutigen Kämpfe von 1890, und den zahllosen grossen und kleinen Dörfern vorbei.
Selbst ein Krieg, der etwas abseits von unserer Route »wüthete«, konnte unser Interesse nicht erregen. Es kämpften da Leute des verstorbenen räuberischen Häuptlings Kiro mit einer eingeborenen Regierungspartei, die im amtlichen Auftrage diese Rebellen bestrafen sollte. Der »Krieg« bestand darin, dass alle 10 bis 20 Minuten ein Schuss fiel; zur Mittagszeit und bei Regenwetter wurde überhaupt nicht Krieg geführt. Ob dieser gemüthliche Kampf heute noch »tobt« oder ob die Regierungspartei inzwischen der gerechten Sache zum Sieg verholfen, ist mir nicht bekannt.
Uebrigens konnte ich es den braven Kämpfern nicht übel nehmen, wenn sie sich die Sache etwas bequem machten, denn die Sonne brannte in diesen Tagen ganz höllisch, es herrschte das, was man sich gewöhnlich unter einer »afrikanischen Hitze« vorstellt. Dieser und meiner schadhaft gewordenen Kopfbedeckung verdanke ich es, wenn ich am Nachmittag des 20. Februar plötzlich von einem Hitzschlag getroffen wurde, der mich vom Reitesel herab bewusstlos ins Gras warf.
Als ich nach Stunden aus tiefer Ohnmacht erwachte, fand ich mich blitzschnell durch einen nächtlichen Wald schwebend, den zahlreiche strahlende Lichter mit feenhaftem Glanz übergossen. Ich glaubte mich schon in einem Zauberreich, als ich, durch die scharfe Morgenbrise völlig zum Bewusstsein gebracht, erkannte, dass ich durch einen Wald getragen wurde, während vor und hinter mir Askari mit Magnesiumfackeln liefen. Meine Leute hatten mich nämlich, nach vergeblichen Versuchen mich zu erwecken, in eine Hängematte gepackt und im Laufschritt den Marsch angetreten, um mich nach Pangani zum Arzt zu bringen.
Glücklicherweise siegte meine kräftige Natur und als bei Morgengrauen die Palmenwipfel der Pangani-Ufer sichtbar wurden, war ich schon wieder auf den Beinen. In der Zucker-Plantage eines Arabers in Mauia fanden wir freundliche Aufnahme und Unterkunft in dem schönen, kühlen Steingebäude. Vom Hause blickte ich hinab auf den grauen, langsam dahinfliessenden Pangani mit seinen üppigen, palmengekrönten Ufern.
Jenseits lagen Tschogwe, Pongwe und Mundo, die frühere Schamba Buschiri's. Welche Fülle von Erinnerungen bargen diese Namen für mich! Hier war ich 1888 mit Dr. Hans Meyer von bewaffneten Schaaren Buschiri's geführt, und meiner letzten Habe beraubt worden. Tagelang mussten wir an diesen lachenden Palmenufern in Ketten unser Schicksal, einen wahrscheinlich schrecklichen Tod erwarten, dem wir nur durch ein Wunder entgingen. Mehr jedoch als unser Leben, bedauerten wir damals das Missglücken unserer Expedition, das Fehlschlagen unserer grossen Pläne. Und doch sollten wir beide diese Pläne noch einmal zur Wahrheit machen: Hans Meyer hat als erster den stolzen Gipfel des Kilimanjaro bestiegen und mir ist es gelungen unsere weiterreichenden, damaligen Entwürfe zur Wahrheit zu machen. Buschiri, unser Gegner von 1888, fand den verdienten Tod und über dem Schauplatz unserer Leiden weht die deutsche Flagge!
Nachmittags verliessen wir Mauia und zogen durch die reichen Pflanzungen des rechten Pangani-Ufers. Stolz erhob sich die königliche Kokospalme und der herrliche, schattige Mangobaum verbreitete süssen Duft. Mit den letzten Strahlen der Sonne zogen wir in Bweni, gegenüber Pangani, ein und sahen in magischer Beleuchtung die Steingebäude des ansehnlichen Städtchens am jenseitigen Ufer.
Die Deutschen Pangani's, die von meiner Ankunft wussten, kamen mir im Boot entgegen und ich konnte den Herren Pfrank, von Rode und Dietert die Hand drücken, alten afrikanischen Bekannten, die in ihren blüthenweissen Anzügen, mir zerfetztem, kothbespritztem Buschmann ungeheuer civilisirt vorkamen.
Dumpf rollte die Trommel, die Freudenschüsse der Leute erklangen und die Luft erzitterte von ihrem Jubelgeschrei. Stolz wehte die zerschlissene Flagge der Massai-Expedition im Abendwind. Und sie hatte ein Recht auf die Expedition stolz zu sein, der sie durch 14 Monate ein Banner gewesen!
An 4000 Kilometer hatten wir durcheilt, wovon mehr als zwei Drittheile durch gänzlich unerforschtes Gebiet führten. Die riesigen weissen Flecken, welche die Karte des nördlichen Deutsch-Ost-Afrika aufwies, waren ausgefüllt, weite Landstriche, die noch keines Weissen Fuss betreten, erforscht und Völker, die bis auf den Namen unbekannt waren, besucht worden. Zwei grosse Seen, der Manyara und Eyassi und eine tiefe Bucht des Victoria-Nyansa waren entdeckt und die letzten Räthsel des alten Nilquellproblems gelöst worden. Zahlreiche Kämpfe hatten wir zu bestehen gehabt, konnten jedoch mit Stolz behaupten, dass durch unsere Expedition das deutsche Ansehen in Afrika keinen Schaden gelitten hatte.
Zum letzten Male erklang am nächsten Tage, dem 22. Februar, die Karawanentrommel und die Mannschaft trat vor dem Usagarahaus in Pangani an, um ihren hart verdienten Lohn in Empfang zu nehmen. Die Braven erhielten ihn nebst einem reichen Geschenk und standen dann, ihrer Entlassung harrend, im Vorhofe des Gebäudes.
Noch einmal überblickte ich alle die dunkelfarbigen Gesichter, deren jedes einzelne eine Fülle von Erinnerungen für mich barg. Ich gedachte der schweren Zeiten, die wir gemeinsam verlebt und der Erfolge, die wir errungen, ich gedachte Jener die diese Stunde nicht erlebt, die den Heldentod vor dem Feinde gefunden oder Krankheit und Elend im Innern Afrika's erlegen waren.
Die Träger begannen ungeduldig zu werden. Bei der Auszahlung, als sie ihrem »Bwana kivunja« die Hand drückten, war wohl manchem dieser leichtlebigen jungen Burschen etwas weich zu Muthe geworden, nun forderte die Gegenwart ihr Recht, es galt die sauer verdienten Silberlinge rasch wieder anzubringen.
Ernster standen ihnen gegenüber die Askaris. Für diese wäre nun der Augenblick gekommen gewesen, mir nach dem Muster der Stanley'schen Getreuen zu Füssen zu fallen und mich dann im Triumph zu tragen. Doch nichts dergleichen geschah, sie standen nur stramm, wie es braven Soldaten geziemt. Aber ich hatte gelernt in den Augen meiner Leute zu lesen und sah recht wohl, dass im Innern dieser harten Buschläufer mehr vorging als das unbewegliche Aeussere verrathen mochte.
Mit einem »Lebt wohl!« entliess ich meine Mannschaft. Kwaheri bwana! scholl es aus hundert Kehlen zurück. Rasch verliessen die Träger, langsamer die Askaris den Hofraum, doch dauerte es keine Minute und der Letzte war um die Ecke gebogen.
Die Massai-Expedition war zu Ende.