Granitfelsen in Usukuma

Kapt. Spring photogr.

Granitfelsen in Usukuma.

 

[] VIII. KAPITEL.
Die Völker des abflusslosen Gebietes.

Die Massai. — Die Wandorobo. — Die Wataturu. — Die Wafiomi. — Die Wambugwe. — Die Wanyaturu. — Die Wassandaui. — Wanderungen der Stämme.

Wie aus der allgemeinen Beschreibung hervorgeht, ist das abflusslose Gebiet durch das immerhin bedeutende Auftreten von Steppenstrichen bezeichnet. Zwar sind dieselben nicht annähernd so ausgedehnt als man vermuthete und viele Gegenden, die als Wüsten bezeichnet wurden, erwiesen sich als ausserordentlich fruchtbar, ja mit als die besten Länder Ostafrika's. Aber immerhin ist das Gebiet, welches menschlicher Siedelung einen günstigen Boden bietet, ein beschränktes und selbst von diesem ist nur ein geringer Theil ständig bewohnt, das übrige bildet den ungeheuren Weide- und Jagdgrund nomadischer Volksstämme. Gerade die schwierige Zugänglichkeit des Gebietes hat jedoch seine Bewohner in einer Ursprünglichkeit und Unberührtheit erhalten, wie sie in heutiger Zeit nur selten anzutreffen ist.

Massai-Knabe

Massai-Knabe.

Mehrere der Stämme des abflusslosen Gebietes werden hier zum ersten Mal genannt, von den meisten anderen kannte man nur den Namen, ohne von ihrer Lebensweise und ihrer ethnographischen Zugehörigkeit auch nur das Geringste zu wissen, da kein Reisender dieselben vorher gesehen hatte.

Dies ist allerdings nicht bei jenem Stamme der Fall, der dem ganzen Gebiete gewissermaassen seinen Stempel aufgedrückt hat, bei den Massai. Gründliche Forscher, wie Krapf, Dr. Fischer, Thomson und v. Höhnel, haben diesen Stamm in seinen nördlichen Wohnsitzen kennen gelernt und bei der ausserordentlichen Einheitlichkeit der Massai haben die Beschreibungen die sie entworfen im Allgemeinen auch für unser Gebiet Geltung. Dabei haben diese Forscher die Massai in ihrer Glanzperiode gesehen, während ich auf der letzten Reise sie im tiefsten Elend fand.

Wenn ich dennoch nachfolgend eine Beschreibung dieses merkwürdigen Hirtenvolkes gebe, so geschieht dies, weil ich durch monatelangen, täglichen Verkehr mit den Massai-Hirten der Expedition, sowie durch einen selten vorzüglichen Dolmetsch in der Lage war, manches zur Ergänzung der Berichte obengenannter Reisenden zu erfahren.

Die Massai-Völker zerfallen in zwei Gruppen, die Mbarawui, von den Küstenleuten Wakuavi genannt und die Massai im engeren Sinne. Die Sprache der beiden Stämme ist dialektisch verschieden, auch finden sich Unterschiede in den Sitten und vor Allem ist das Stammesbewusstsein beider Völker so stark ausgeprägt, dass eine Unterscheidung derselben berechtigt erscheint. Der Swahíli-Name »Mkuavi« wurde mir von einem gleichnamigen hohen Laubbaum mit rothen Früchten abgeleitet, der in Bondeï und im Hinterlande von Mombas gedeiht und von den Waschambaa Mambia genannt wird. Nach diesem Baum benannten die Küstenleute die hochgewachsenen Mbarawui, das erste Massai-Volk mit dem sie in Berührung kamen.

Die Nachrichten, welche ich über die Kämpfe dieser beiden Stämme erfuhr, lassen sich so ziemlich mit den von Thomson erkundeten in Einklang bringen.

Die Mbarawui sassen ursprünglich zu beiden Seiten des Pare-Gebirges und wohl auch in der Kiwaya-Steppe, von wo aus sie das Küstengebiet zu verheeren pflegten. Die Massai lebten am Manyara-See, in der Sogonoi-Gegend, in Kisongo und nordöstlich vom Kilimanjaro bis Ukambani hin. Nach Thomson litten die Wakuavi sehr unter Dürre und hatten sich eine Niederlage von den Wagogo geholt. Wie man mir mittheilte, drängten die von Süden kommenden Wambugwe auf die Massai und vertrieben sie vom Manyara. Mag nun dieser, oder ein anderer Grund als Veranlassung gedient haben, genug, die Massai bekriegten die ohnehin geschwächten Wakuavi und vertrieben sie aus ihren Wohnsitzen. Ein Theil wurde versprengt und fand in Usegua, Unguu sowie im Pare-Gebirge (als Wambugu) eine Zuflucht als halbansässige Viehzüchter oder schloss sich den Bantu-Ackerbauern von Taveta, Kahe, Ober- und Unter-Aruscha an. Der grösste Theil der Wakuavi zog jedoch nach Nguruman, wo damals noch keine Massai lebten. Dort theilten sie sich: eine Abtheilung besiedelte Ndare Serian (Friedens-Schaf) am Ngare dabash, die andere die Gegenden am Naivascha-See, vor Allem Guas Ngischu. Dort fand der von Thomson erwähnte Verzweiflungskampf mit den Massai statt. Besiegt zog die Hauptmasse der Guas Ngischu-Wakuavi nach Leikipya, dem »Neuland«, wo sie mit der Zeit wieder grosse Macht erlangten. Andere schlossen sich den Bantu (Wassegeju) von Nguruman und Sonyo, andere den, wahrscheinlich den Kamassia verwandten Urbewohnern von Njemps am Baringo und den Kavirondo an. Theilweise gingen sie in diesen Ackerbaustämmen auf, nicht ohne denselben in Tracht und Sitten, vielfach selbst in der Sprache ihr Gepräge aufzudrücken. Auch in Ngoroïne findet man zahlreiche angesiedelte Wakuavi.

Erst nach Verdrängung der Wakuavi aus Guas Ngischu besiedelten die Massai das Plateaugebiet, Mutier, Ndasekera und Serengeti, die ursprünglichen Wohnsitze der Wataturu.

Das weite Massai-Land, welches früher der ungeheuere Weideplatz der Massai-Heerden war, ist jetzt in verschiedene Distrikte wie Kiwaya, Simangiro, Mutyek u. s. w. getheilt, deren jeder ein bestimmtes Schildwappen führt, an dem sich die Krieger erkennen. Innerhalb der einzelnen Distrikte sind stets fast alle Massai-Stämme vertreten, die als mehr oder weniger vornehm gelten und wahrscheinlich noch aus der unbekannten Urheimath der Massai stammen. So giebt es überall Vertreter der Stämme Muleïlyan, Leisseri, Leitoyo, Mamasita, Mágesen, Marumwai, Lugumai, Maguveria und des Schmiedestammes der Elkonono, die ebenfalls Massai sind, aber von den anderen verachtet werden.

Die Massai sind meist hochgewachsen, schlank und langbeinig. Ihre Körperformen sind selten voll, sondern auch bei Männern vielfach zart und weibisch, doch oft von grosser Schönheit. Dennoch besitzen sie bedeutende Muskelkraft und Ausdauer. Die Extremitäten sind zierlich und schmal, die Haut ist meist dunkler als chokoladebraun und erstaunlich weich und sammetartig. Der Gesichtstypus variirt sehr. In Sogonoi und Kiwaya, also im Steppengebiet, findet man oft negerhafte Züge, hier treten auch vollere Körperformen auf. Fast rein hamitisch sehen die Plateau-Massai, also die von Mutyek und Serengeti aus. Dieselben haben regelmässige Züge, schmale Nasen und glänzende, schwarze Augen die manchmal leicht schiefgestellt sind. Im Alter werden die Züge hart und oft adlerartig scharf. Häufig trifft man sogenanntes Hamiten-Haar. Wenn der Kopf frisch rasirt ist, so erscheint das nachwachsende schwarze Haar bis zur Länge von ca. 1 cm völlig glatt und bekommt dann erst eine leichte Kräuselung, die an die Kraushaare mancher Europäer erinnert. Beim echten Wollhaar erscheinen dagegen schon die ersten Haaransätze gekräuselt. Dieses, an der Küste bei Mischlingen von Arabern und Negern nicht seltene Hamiten-Haar findet sich bei den Plateau-Massai häufig, etwas seltener bei jenen des Tieflandes die häufig Wollhaare haben.

Im Allgemeinen machen die Massai den Eindruck eines hamitischen Stammes, der in verschiedenen Gegenden mehr oder weniger starke Blutmischungen mit Bantu erhalten hat. Den tiefschwarzen, typisch negerhaften Sudanesen, welchen sie sprachlich so nahe stehen, gleichen sie physisch in keiner Weise.

Das Haar wird von jungen Leuten kurz getragen. Krieger lassen dasselbe lang wachsen und flechten es in fadendünne Strähnen, so dass es von weitem wie schlichtes Haar aussieht. Diese Strähnen werden mit Fett und rother Lehmfarbe eingerieben und verschiedene Frisuren daraus geflochten, bei welcher die mit langem, bastumwundenen Zopf überwiegt. Die eigenthümliche Art der Beschneidung (Incision) beschreibt Thomson ausführlich.

Die Weiber tragen den Schädel rasirt. Die beiden oberen, vorderen Schneidezähne werden bei beiden Geschlechtern vorgebogen, die entsprechenden unteren ausgebrochen, doch ist diese Sitte nicht mehr allgemein üblich. Die Ohrläppchen werden durchlöchert und bis zur Länge von 10 cm und darüber ausgedehnt. Darin tragen die Krieger Eisenspiralen, an welchen Kettchen hängen, die Weiber tellerförmige Eisenspiralen, die oft so schwer sind, dass sie durch einen über den Schädel gelegten Riemen gehalten werden müssen.

Um den Hals tragen die Weiber Bänder aus steifem Leder, auf welchen weisse und rothe Glasperlen genäht sind und von denen Eisenkettchen und Glasperlen herabhängen, die Verheiratheten auch einen tellerförmigen Kragen von dickem, gewundenem Eisendraht. Am Oberarm tragen die Krieger ein Armband aus Horn, am Unterarm manchmal einige Glasperlen. Die Weiber umwinden sich den Unterarm und Unterschenkel mit mächtigen Manschetten aus Eisendraht.

Die Kleidung besteht bei Kriegern aus einem kurzen Lederüberwurf, der die linke Schulter freilässt und niemals die Schamtheile bedeckt. Der selbe ist manchmal aussen behaart und aus verschiedenfarbiger Rindshaut gefertigt. Oefter tragen sie am Hintertheil ein dreieckförmiges Schürzchen als Sitzmöbel. Die älteren Leute haben längere Ledermäntel, ebenso die Weiber, deren, den Busen verhüllende Lederkleidung an den Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten wird. An den Füssen trägt man häufig kräftige Ledersandalen.

Der Kriegsschmuck der Massai ist schon oft beschrieben und abgebildet worden. Gerade diese zahlreichen Abbildungen können jedoch die Ansicht hervorrufen, dass dieser wilde, aus Colobusfellen, Straussfedern u. s. w. gebildete Kriegsschmuck allgemein getragen wird. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Ich habe auf dieser und auf meinen früheren Reisen öfter Massai am Kriegspfade gesehen, aber nicht einen einzigen im vollen Kriegsschmuck. Einer oder der andere — von 100 Kriegern etwa ein Dutzend — trugen den bekannten Federschmuck aus Straussfedern, der das Gesicht einrahmt, die übrigen zogen in gewöhnlicher Tracht ins Feld und bemalten sich höchstens mit weissem Mergel an den Beinen.

Körperbemalung ist überhaupt allgemein üblich und wird mit Fett und rother Lehmfarbe ausgeführt. Eine Körperreinlichkeit kennen die Massai nicht. Mein ältester Rinderhirt, ein weisshaariger Elmoruo, gestand mir ein, dass er sich im Leben noch nie gewaschen habe. Deshalb wimmeln denn auch die Haare, Lederkleider, ja selbst der Eisenschmuck der Weiber von Ungeziefer.

Durch Krankheiten wurden die Massai früher wohl nicht viel geplagt, die empfindlichsten waren die Augenleiden, welche durch die zahllosen Fliegen verbreitet werden und oft zur Erblindung führen. So zäh und gesund die Massai im eigenen Lande sind, so wenig widerstandsfähig zeigen sie sich in anderen Klimaten. Am besten halten noch die Steppen-Massai einen Klimawechsel aus, die Plateaubewohner gehen jedoch überall in der Niederung, besonders an der Küste oder am Victoria-Nyansa, rasch ein. Gegenwärtig leiden alle Massai an einer grossen Krankheit: dem Hunger.

Was den Charakter der Massai anbelangt, so ist für denselben vor Allem ein grosser Eigendünkel bezeichnend, der sie auf alles, was nicht Massai ist, mit Verachtung blicken lässt. Besonders die Krieger haben eine stolze, freie Haltung, blicken jedem Fremden gerade ins Auge und bringen dadurch, im Gegensatz zu anderen Schwarzen, einen angenehmen Eindruck hervor. Sie wirken auch auf ihren Raubzügen hauptsächlich durch den moralischen Eindruck eines trotzigen, rücksichtslosen Vorgehens, dem schwache Gemüther nicht gewachsen sind. Wo sie aber auf kräftigen Widerstand stossen, wie z. B. bei den Wambugwe, verwandelt sich ihre »Kühnheit« sofort in jämmerliche Feigheit.

Der nomadischen Lebensweise entsprechen die Wohnsitze, oder besser gesagt die Lager der Massai. Sie bestehen aus 40 bis 60 kreisförmig angeordneten Hütten, die einen Viehhof umsäumen. (Abb. pag. 32). Die Hütten haben oblongen Grundriss, sind ca. 1,20 m hoch und durch ein Gerippe von Zweigen gestützt. Dieses wurde früher mit Kuhmist und Lehm, jetzt meist mit Stäbchenmatten und Fellen überzogen. Das Thor, durch welches man seitlich, wie in ein Schneckenhaus, eintritt, liegt an der Innenseite, der Hüttenraum ist in zwei Theile getheilt.

Beim Abzug bleiben diese Hütten stehen und finden sich als Wahrzeichen früherer Siedelungen überall im Massailand verstreut. Nur Felle und Hausgeräth werden auf Esel und Rinder gepackt und mitgenommen.

Das ganze Leben der Massai dreht sich um die Viehzucht, die Jagd war früher nahezu verpönt und wird erst in neuerer Zeit auch von den El Moran (Kriegern) betrieben. Die Hauptpflege wurde den Rindern zu Theil, deren Zahl durch die Raubzüge ungeheuer anwuchs. Daneben hält man auch Ziegen, Schafe und Esel. Die Zuchtwahl scheint den Massai nicht unbekannt, wenigstens sah ich öfters Schafböcke, welchen man steife Lederschürzen umgebunden hatte, um eine Fortpflanzung zu verhindern. Die Rinder gehören durchweg der Zebu-Rasse an, Anklänge an den bei den Watussi auftretenden Sangatypus der Galla-Länder fehlen gänzlich. Der Grund liegt jedenfalls in den Raubzügen, die den Massai massenhaft Rinder der ansässigen Völker zuführten, wobei etwa vorhandene ursprüngliche Formen aufgingen. Die Esel sind kräftig, untersetzt, von grauer Farbe und sehr ausdauernd. Bei den Krankheiten der Hausthiere werden verschiedene Arzneimittel angewendet. Den Rindern pflegt man mit einem eigenen kurzen Pfeil eine Ader zu öffnen, um deren Blut zu trinken, hierauf wird die Wunde wieder zugeheilt. Die Tödtung der Rinder geschieht durch einen Stich ins Genick. Das Melken der Kühe ist nur Nachts gestattet.

An Geräthen besitzen die Massai sehr wenig und nichts selbst gefertigtes, mit Ausnahme der Schmucksachen. Schlechte Thontöpfe liefern ihnen die Wandorobo, Kalebassen erhalten sie von den ackerbautreibenden Stämmen. Als Waffen dienen den Kriegern Speer, Schild, Schwert und Keule, den älteren Männern Bogen und Pfeile. Die Eisengeräthe fertigen die Elkonono, doch glaube ich nicht, dass dieselben das Herstellen von Eisen aus dem Erz verstehen. Vielmehr wird Eisen meist als Eisendraht von Karawanen importirt oder in anderer Form von Ackerbauern bezogen. Die schönsten der grossen breitklingigen Massai-Speere machen übrigens gar nicht die Massai, sondern die Wadschagga und Ober-Aruschaner, die auch die Eisen- und Kupferkettchen fertigen. Der Schild wird aus Büffelhaut von den Wandorobo gefertigt und mit Erdfarben in den Wappenmustern bemalt. Dieselben gelten für bestimmte Distrikte, z. B. kann man einen Mutyek-Schild sofort von einem aus Sogonoi erkennen. Die Keule ist aus hartem Holz und dient weniger als Waffe, als zum agiren bei Reden, sie wird auch meist nur von Anführern getragen. Die Elmoruo (die älteren Leute) tragen leichte Bogen und Pfeile in Holzköchern.

Pfeil zum Aderlassen der Rinder, Massai

Pfeil zum Aderlassen der Rinder, Massai.

Bei der Geburt eines Kindes umgeben verwandte Frauen die Wöchnerin, Männer dürfen die Hütte nicht betreten. Knaben sind beliebter als Mädchen, doch soll Kindesmord niemals vorkommen. Ist die Geburt glücklich vorüber, so wird für den Vater ein Rind, für die Mutter ein Schaf geschlachtet. Der Knabe, Layok, läuft völlig nackt und erhält Unterricht im Viehtreiben und Speerschwingen, manchmal wird er wohl auch bei Kriegszügen mitgenommen. Das Mädchen, Ndoye, verbringt die Jugend bei der Mutter, bis sie mit ca. 12 bis 13 Jahren als Ndito in den Elmorankraal kommt. Auch der Knabe wird schon mit 16 Jahren für erwachsen gehalten, was durch ein Fest gefeiert wird. Die älteren Leute versammeln sich, schlachten ein Rind und trinken drei Tage lang Honigwein. Dann werden die jungen Leute durch einen Kundigen — nicht den Zauberdoktor (Laibon) — nach Massai-Art beschnitten und die Zähne und Ohren in der oben erwähnten Weise behandelt. Bis zur Heilung der Wunde leben sie abseits im Busch und nähren sich von kleinen Vögeln, deren Bälge sie um den Kopf gewunden tragen.

Dann wird der junge Mann in den Elmorankraal aufgenommen und lebt zusammen mit den Nditos. Zeugt er ein Kind, so ist es üblich, dass er das Mädchen heirathet und Elmoruo wird, doch kann er sich auch durch ein Geschenk an den Vater loskaufen. Die Nahrung des Elmoran ist eine rein animalische; ausser Fleisch, Blut und Milch darf er nur Honig und Zuckerrohr geniessen. Wildfleisch und vor allem Getreide sind ihm gänzlich verpönt, so dass derjenige, welcher als Krieger »Ngúruma« (Getreide) isst, keine Frau bekommt. Das Blut wird in der oben beschriebenen Weise direkt aus der Ader des Rindes getrunken. Fleisch wird an Stöcken gebraten. Milch wird im Allgemeinen nicht gekocht, nur für Verwundete mit Blut vermischt und warm gemacht, ein Gebrauch, der jedoch von Fremden (Wagogo?) entlehnt sein soll. Sonst darf der Elmoran am selben Tage nicht Fleisch bezw. Blut und Milch zusammen geniessen.

Aller Nahrung wird ein aus einer Akazienrinde gewonnenes Mittel »Mokota« beigemengt, welches Erbrechen und Abführen, sowie bei reichlichem Genuss eine Art Berserkerwuth hervorbringt, in welcher die Krieger vor Aufregung zittern und wobei ihnen Speichel aus dem Munde fliesst. Fleisch mit Mokota und Milch soll jedoch Ruhr erzeugen, woher der obige Gebrauch stammt, an demselben Tage entweder nur Fleisch oder nur Milch zu geniessen. Auch die Weiber, vor allem die Nditos, geniessen Mokota, dürfen aber auch Pflanzenkost zu sich nehmen.

Im Kraal selbst darf keine Nahrung genommen werden. Um ein Rind zu schlachten, ziehen die Krieger mit einigen Nditos in den Busch, errichten mehrere leichte Grashütten und verschlingen dann unglaubliche Mengen Fleisch. Grosse und kleine Bedürfnisse verrichten die Massai stehend mit ausgespreizten Beinen.

Der Austritt aus dem Elmoran-Verbande erfolgt in verschiedenem Alter, meist jedoch früh, mit ca. 30 Jahren. Dem Massai behagt das Elmoran-Dasein, welches in Kriegszügen und faulem Umherlungern mit den Nditos getheilt ist. Die Väter jedoch, besonders wenn sie grosse Heerden besitzen, sehen ihre Söhne nicht gern in diesem unsteten, gefährlichen Stande und entführen sie nicht selten mit Gewalt aus dem Kraal; das Wahrzeichen des Elmoran, das Haar, wird abrasirt und der Elmoruo, alte Mann, ist fertig. Wer freilich einen armen Vater hat und auch bei den Raubzügen nicht viel Rinder bekommt, der bleibt bis in reiferes Alter Elmoran.

Der Elmoruo muss sich sofort um eine Frau umsehen, die er aus den Nditos seines eigenen Stammes erwählt. So heirathet ein Muleïlyan nur eine Muleïlyan, nicht aber etwa eine Leiseri. Der übliche Brautpreis besteht aus zwei Kälbern, zwei Kühen, einem grossen Stier, einem Ochsen und einer Kuh mit kleinem Kalb. Am Hochzeitstage wird ein Ochse geschlachtet. Die Brautleute verbringen hierauf drei Tage in einer Hütte; isst der Mann, so darf die Frau nicht zusehen und umgekehrt. Für die Nahrung des Elmoruo besteht ebensowenig eine Vorschrift, wie für die der verheiratheten Frauen, Siangiki. Auch darf er Honigwein trinken und Tabak schnupfen. Letzteres ist dem Massai-Elmoran verboten, dem Mbaravui- (Wakuavi) Elmoran dagegen gestattet. Die Elmoruo und Siangiki geniessen auch Mokota, doch in geringen Mengen. Vielweiberei ist üblich, Scheidung häufig und mit keinen Umständen verbunden. Den Männern liegt hauptsächlich die Viehzucht ob, den Weibern das Erbauen der Hütten und Treiben der Esel auf der Reise.

Bei Krankheiten werden verschiedene Arzneimittel, vor allem die Universalmedizin Mokota gegeben, auch pflegt man den kranken Theil zu massiren und mit Dornen zu stechen. Dagegen ist das sonst so verbreitete Schröpfen und Klystiren unbekannt.

Ein Todter wird mit Rindsfett bestrichen, in eine Haut gehüllt und unweit des Kraals ausgesetzt. Wenn ihn die Hyänen nicht gleich am ersten Tage fressen, so gilt dies als Unglückszeichen; es werden vier Rinder geschlachtet und das Fett auf den Todten gestrichen.

Der Familie, Weib und Kind, ist der Massai sehr zugethan und man kann oft harte Krieger plötzlich zur tiefsten Rührung übergehen sehen, wenn sie lange vermisste Familienglieder wiedersehen. Mit diesem anscheinend gutmüthigen Zug kontrastirt ihre Blutgier allen Fremden gegenüber, welche sie nicht nur bewaffnete Feinde, sondern auch gänzlich Wehrlose niedermachen lässt.

Ein eigenthümlicher Zug der Massai ist ihre Frömmigkeit und das feste Vertrauen, welches sie Ngai, dem Ueberirdischen, Gott, entgegenbringen. Das Ngai wirklich als Gott aufzufassen ist erscheint zweifellos, und wenn Thomson anführt, dass die Massai beim Anblick von etwas ihnen Ungewöhnlichem, z. B. einer Lampe, »Ngai« rufen, so ist darin ebensowenig etwas verwunderliches wie wenn der Mohammedaner im gleichem Falle »Alah« ruft. Der Massai will damit keineswegs sagen, dass die Lampe Ngai sei, sondern nur seinem Erstaunen über etwas für ihn so Uebernatürliches Ausdruck geben. Ngai hat seinen Sitz in der Höhe, im Himmel, er wird stehend mit erhobenen Händen, in welchen man Grasbüschel hält und mit dem Ruf »Ngaieh!« verehrt. Vor jedem Kriegszug, sowie überhaupt in allen Lebenslagen kann man die Massai derart beten sehen.

Die Sterne, welche Nachts am Himmel blinken sind Augen Ngai's, der auf die schlummernden Massai herabblickt. Eine Sternschnuppe bedeutet den Tod eines Menschen; dann flehen sie, dass kein Massai sondern ein Feind, ein Mangati sterben möge. Die Massai sind überhaupt das auserwählte Volk Ngai's, ihnen hat er alle Rinder zugewiesen und sie üben nur ihr Recht aus, wenn sie den Feinden die ihrigen wegnehmen. — Merkwürdig ist die Auffassung der Jahreszeiten. Während der grossen Regenzeit, ngokwa (den Mvuli der Swahíli), wo die Rinder fett werden, freut sich Gott und vergiesst Freudethränen. Im Blitz zeigt er seinen furchtbaren Blick, der Donner ist sein Freudengeschrei über das was er gesehen, dann folgt der befruchtende Regen. In der kleinen Regenzeit, ndumure (den Masika der Swahíli), wo die Rinder abmagern, weint Ngai vor Schmerz über die Gleichgültigkeit der Massai. Je länger die Masika dauert, desto grösser ist seine Trauer, die sie durch Gebet zu besänftigen suchen.

Die Sonne betrachten die Massai als einen Mann der auf einem Wege gegen Westen zieht, jedoch im Osten wohnt. Im Westen taucht er in eine Höhle und besucht seine Frau, den Mond. Dann eilt er auf hoher Brücke, den Blicken unsichtbar, wieder nach Osten, um Morgens wieder gegen Westen zu ziehen, wohin ihm der Mond schon vorausgeeilt ist. Als vornehmster Stern gilt Kilekeen, der Morgenstern.

Ein Leben nach dem Tode wird von allen Massai geleugnet. Die bösen Wald- und Felsengeister, die durch Bestreuen ihrer Wohnsitze mit Gras oder Steinen versöhnt werden, gelten nicht wie bei den Bantu als Geister der Verstorbenen, sondern als Kinder Gottes, der jedoch selbst gut ist. Dieser Gruppe gehört wohl auch der Geist Neiterkop an, den Krapf erwähnt, von dem ich jedoch nichts erfuhr. —

Den Verkehr mit Ngai vermittelt der Laibon, Zauberer, der überhaupt die bedeutendste Rolle im Distrikt spielt. Sein Schüler und Nachfolger ist der Leigwenan, der Anführer der jungen Krieger, der, wenn er über mehrere Kraals steht, Leitunu genannt wird. Der Laibon macht die Kriegsmedizin und weissagt aus Ziegendärmen, auch verabreicht er Heilmittel und sucht Ngai zu veranlassen die Regen günstig einzutheilen. Vor und nach jedem Kriegszug erhält er von den Kriegern Rinder. Der Laibon geniesst sein Leben lang nur Elmoran-Kost und Honigwein. Er hat Weiber, besucht sie jedoch nur insgeheim, seine Hütte darf kein Weib betreten. Manche Laibons sollen verschiedene Kunststücke machen, sich mit Speeren durchbohren u. s. w. Ein verstorbener Laibon wird im Gegensatze zum Allgemeingebrauch begraben; das Grab, das mit grossen Steinen bedeckt wird, bewacht der Stamm drei Monate lang.

Der oberste Laibon, gewissermaassen ein Massai-Papst, ist der Mbatyan, der stets westlich vom Kilimanjaro residirt. An diesen glauben alle Massai, nicht aber die Mbaravui (Wakuavi). Der Mbatyan ist stets einäugig, der Vater pflegt dem Sohn ein Auge auszuschlagen, um ihn zu der Würde geeignet zu machen. Alle Massai bringen ihm Rinder, erflehen seine Fürbitte bei Kriegszügen und betrachten ihn mit grosser Ehrfurcht.

Zeitpunkt und Richtung der Kriegszüge werden vom Laibon und Leigwenan bestimmt; letzterer ist der Anführer. An den Zügen betheiligen sich Elmoran und meist auch eine Anzahl Elmoruo. Eine Rinderheerde wird als Proviant mitgetrieben und im Dauermarsch werden ungeheure Strecken zurückgelegt. Immerhin hätten die Massai wohl niemals solche Erfolge erringen können, wenn sie es nicht verstanden hätten, unter den sesshaften Völkern selbst Bundesgenossen zu erwerben, die ihnen Zuflucht gaben und sie mit Führern versahen. Für Unyamwesi und Usukuma spielte Mtinginya von Usongo diese Rolle.

Der Angriff des Massai erfolgt meist überraschend und sehr energisch. Besonders wo Heerden unter wenigen Hirten weiden gelingt es ihnen fast immer sie zu erbeuten. Aengstliche Eingeborene wagen dann nicht die Räuber zu verfolgen, muthige dagegen, wie die Wambugwe, setzen ihnen nach und jagen ihnen das Vieh wieder ab. Mit der glücklich erworbenen Beute ziehen die Massai unter lautem Gesang heimwärts, wobei sie einen Mann voraussenden, der den glücklichen Verlauf des Raubzuges im Lager meldet. Die Vertheilung der Beute geschieht noch im freien Felde und dabei kommt es nicht selten zu blutigen Schlägereien. Im Lager findet ein Siegesfest statt, bei welchem die Krieger mit den Nditos im Gänsemarsch, singend tanzen.

Sklaverei ist den Massai unbekannt, doch machen sie nicht selten Knaben und Mädchen zu Kriegsgefangenen und nehmen sie in den Stamm auf. Diese Sitte, sowie die leichte Zugänglichkeit der Massaiweiber Karawanenleuten und wohl auch anderen Eingeborenen gegenüber, führt den Massai viel fremdes Blut zu. Das Streifgebiet der Massai umfasst ein ungeheures Gebiet. Im Osten reicht es an die Küste, im Süden nach Mpwapwa und Ugogo, im Westen zum Victoria-Nyansa und bis zur Grenze von Usinja, über ganz Unyamwesi und ins südliche Uha, wo sie vor mehreren Jahren mit den Wangoni (Watuta) zusammenstiessen. In Ugogo und Unyamwesi nennt man sie Wahumba, in Usukuma Wassekera, offenbar nach der Massai-Landschaft Ndassekera. Sie selbst haben für alle Länder ihre eigene Nomenklatur, so nennen sie Umbugwe Ltoroto, Unguu Kimalando und kennen nur ihre eigenen Bezeichnungen.

Als Friedenszeichen pflegen die Massai ein Büschel Gras zu überreichen, welches sie vorher bespeien. Das Bespeien spielt überhaupt eine grosse Rolle, so musste ich alle kleinen Geschenke an Glasperlen u. s. w., die ich ihnen machte, vorher bespeien. Der Gruss geschieht durch Reichen der Hand, wozu man »Sowai!« ruft, der Gegrüsste antwortet »Evá!«

In Streitfällen entscheidet ein Gericht von Greisen. Mörder werden getödtet, wenn eine Sühne von 10 Rindern von den Verwandten des Getödteten abgelehnt wird. Diebstahl im Stamme selbst kommt fast niemals vor. Lügen sind häufig, gelten jedoch als grosser Fehler.

Indem wir damit die Schilderung der Massai schliessen, muss hervorgehoben werden, dass dieselbe in vielen Zügen heute nicht mehr giltig ist, sondern sich auf den Zeitraum vor 1891 bezieht. In diesem Jahre verheerte nämlich die Viehseuche, eine Lungenkrankheit, die in ganz Ost-Afrika wüthete, die Heerden der Massai in furchtbarer Weise. Während die sesshaften Völker, welchen als Nahrungsmittel die Produkte des Ackerbaus blieben, sich durch Aufzucht der wenigen verschonten Thiere erholen konnten, zehrten die Massai auch diese auf, so dass sie heute thatsächlich fast gar keine Rinder mehr besitzen. In der ersten Zeit gingen kolossale Mengen von Massai, wohl zwei Drittel des ganzen Stammes, zu Grunde. Die Krieger konnten sich durch Jagd und kleine Diebstähle noch eher durchbringen, die Weiber, Kinder und Greise waren aber dem Elend völlig preisgegeben.

Zu Skeletten abgemagert wankten sie durch die Steppen, vom Honig der Waldbienen und ekelhaftem Aas sich nährend. Alle kriegerischen Unternehmungen schlugen fehl, die Elmoran wurden einfach zurückgeworfen und kehrten oft gar nicht heim, sondern verhungerten unterwegs. Nur in wenigen Gebieten halten sich noch Kraals durch Kleinvieh und Eselzucht, sowie durch die Jagd, sonst sind weite Striche verlassen und die Massai leben als Bettler bei den Ackerbauern der Umgebung. Dass sie dabei an Einhaltung der alten Speisegesetze nicht mehr denken, dass der Elmoran ebenso Getreide und Jagdwild verzehrt wie ein anderer, ist selbstverständlich.

Viele Ackerbauer, wie die Wambugwe und ihre Nachbarn, wollen die alten Feinde selbst im Elend nicht kennen und machen jeden Massai nieder. In Usukuma, Schaschi, in Irangi, Unguu und Usagara, sowie in der Kilimanjaro-Gegend finden sie jedoch Zuflucht und Almosen an Nahrungsmitteln. Denn der Massai bleibt stets ein Bettler, niemals wird es ihm einfallen zum Spaten zu greifen und seine Gastfreunde in der Arbeit zu unterstützen. Wo er dazu gezwungen wird, geht er entweder zu Grunde oder er läuft wieder davon — in die Steppe.

Der Verlauf dieser Seuche hat überhaupt den Beweis geliefert, dass die Massai, trotz ihres intelligenten und einnehmenden Aeusseren, doch absolut nicht bildungsfähig und zum Untergang bestimmt sind. Ich selbst hatte eine Anzahl Massai als Viehhirten Monate hindurch bei der Expedition, die sich rasch von ihrem Hunger erholten. Sie ertrugen Klimawechsel sehr schlecht, der jedesmal mehrere Opfer erforderte. Zu irgend welcher anderen Beschäftigung als Viehtreiber waren sie gänzlich unfähig. Trotzdem sie wenig unter einander, sondern meist mit Trägern verkehrten, die nur Kiswahíli sprachen, hat doch kein Einziger auch nur nothdürftig diese Sprache erlernt, wie denn die Massai im Gegensatz zu anderen Negern absolut kein Sprachtalent haben.

Einen aufgeweckt aussehenden Jungen von ca. 12 Jahren wollte ich zum Diener abrichten. Er war zu den einfachsten Verrichtungen unfähig, schmutzig und faul und so wie er zeigten sich auch andere, mit welchen ich denselben Versuch machte. Einen jungen Elmoran, der unsere Gefechte mitmachte und grosse Freude über unsere Erfolge zeigte, kleidete ich als Askari ein und liess ihn durch einen Mann, welcher Massai sprach, abrichten. Er war nicht im Stande den einfachsten Gewehrgriff zu lernen, nach zwei Monaten war er noch ebenso weit, wie am ersten Tage. Die Leute gaben sich redliche Mühe; aber wenn man sie fragte, warum sie denn garnichts zu Stande brächten, schüttelten sie stets mit trübem Blick den Kopf und sagten »Maiollo«, ich kann nicht. Und sie hatten Recht. Ein Massai kann nicht ackern, exerzieren oder Teller waschen, ebenso wenig wie ein Zebra den Karren ziehen oder ein Leopard Mäuse fangen kann. Damit ist aber auch der Untergang des Stammes besiegelt.

Unter früheren Verhältnissen hätten die Massai sich nach und nach wohl wieder einen Viehstand zusammengeräubert. Gegenwärtig dürfte ihnen dies, besonders in der deutschen Interessensphäre, recht schwer werden. So ist es denn wahrscheinlich, dass die Massai erst als halb sesshafte Viehzüchter im Gebiete von Bantustämmen ihr Leben fristen, nach und nach aber in diesen aufgehen werden.

Eine längere Existenz als den Massai lässt sich den Ndorobbo, gewöhnlich Wandorobo genannt, voraussagen. Denn ihr Lebensunterhalt, die Jagd, wird in absehbarer Zeit keine Aenderung erleiden. Die Wandorobo wurden bisher als einheitliches Volk aufgefasst, doch ist mir wenigstens in meinem Forschungsgebiet aufgefallen, dass thatsächlich recht verschiedene Stämme mit diesem Namen belegt werden. Das Massai-Wort Ndorobbo wird von v. Höhnel mit »arme Teufel« übersetzt. Dies mag immerhin die Grundbedeutung sein, doch ist sicher, dass gegenwärtig die Massai jeden Jäger als Ndorobbo bezeichnen. So nennen sie die Küstenleute, die sich mit Elephantenjagd beschäftigen, die sogenannten Makua »ndorobbo a láshomba«, wobei láshomba den Küstenmann bedeutet.

Ich fand drei scharf geschiedene Gruppen von Wandorobo. Die Wandorobo von Balanga sind reine Massai, die sich der Jagd gewidmet haben. Sie sprechen nur Massai und erhalten gegenwärtig aus der Zahl der Viehzüchter starken Zuzug. Die Wandorobo von Sogonoi und Kinyarok, die bis Buiko streifen, nennen sich selbst Ngaramaníg und bilden einen Stamm für sich. Es sind vielfach untersetzte Leute mit oft thierisch hässlichen Gesichtszügen; doch trifft man auch noch reinen Hamitentypus. Alle sprechen Massai, besitzen jedoch eine Sprache für sich, von welcher ich trotz aller Mühe nur dürftige Proben bekommen konnte. Möglicherweise sind sie den Wanege der Wembere-Steppe verwandt und bilden ein Gemisch dieser mit Massai und Mbarawui (Wakuavi). Die Wandorobo von Serengeti sprechen wieder eine andere Sprache, von der ich Proben bekommen konnte, daneben aber auch Massai. Es sind hochgewachsene, schöne und kräftige Leute von oft reinem Hamitentypus. Sie stammen zweifellos von den Wataturu ab, die früher diese Gegenden bewohnten und haben vielleicht Blutmischungen mit Wanege und Massai erfahren. — Ausser diesen fand ich noch Wandorobo in Mutyek, die jedoch gegenwärtig derart mit Massai vermischt sind, dass es mir nicht möglich war festzustellen, welcher der drei Gruppen sie am nächsten stehen.

Bogen der Wandorobo

Bogen der Wandorobo.

Trotz ihrer Verschiedenheit weisen die Wandorobo in der Lebensweise viel gemeinsames auf, welches jedoch grösstentheils dem herrschenden Volk, den Massai, entlehnt ist. In Haarfrisur, Schmuck und Tracht gleichen sie völlig den Massai, nur pflegen die Ngaramaníg in den beiden vorderen, oberen Schneidezähnen je eine Einkerbung zu machen. Ihre Hütten haben ein Gerüst im Massai-Styl, sind jedoch mit Gras bedeckt. Als Waffen dienen ihnen vor Allem kräftige Bogen mit Zebrasehnen und meterlangen, vergifteten Rohrpfeilen, die sie in einem Lederköcher tragen. Der von v. Höhnel erwähnte Jagdspeer ist den Wandorobo, mit welchen ich in Berührung kam, gänzlich unbekannt; möglicherweise gehören die Wandorobo v. Höhnel's wieder einer anderen Gruppe an. In Serengeti tragen die Krieger — oder besser gesagt Jäger — auch Schwert und Keule nach Massai-Art, aber niemals Speer und Schild.

Die Ngaramaníg legen ihre Lager meist versteckt in dichtem Busch an und umgeben sie mit Dornzäunen. Die Serengeti-Leute dagegen lagern im offenem Land. Alle Wandorobo-Kraals sind widerlich schmutzig und bestreut mit faulendem Wild und Fellen. Ihre Nahrung liefert ihnen die Jagd, deren Erträgniss sie manchmal bei Ackerbauern gegen Feldfrüchte umtauschen, die sie keineswegs verschmähen. Doch darf der Wandorobo-Elmoran nur Wildfleisch und Rindfleisch mit Mokota essen. Letzteres essen sie sehr gern, ja die Serengeti machen öfter Einfälle nach Usukuma, um Vieh zu rauben, züchten dieses jedoch niemals, sondern schlachten es.

Als ich den Anführer der jungen Krieger in Serengeti fragte, warum sie denn von Viehzucht nichts wissen wollten, erzählte er mir das Folgende: Massai, Wandorobo und Elkonono sind Söhne eines Vaters. Der Massai nahm als Knabe einen Stock um Rinder zu hüten, der Ndorobo einen Bogen um auf die Jagd zu gehen und der Elkonono einen Stein um Eisen zu bearbeiten. So ist es seither geblieben.

Viele Wandorobo lebten in einer Art Abhängigkeit von den Massai und mussten ihnen das Elfenbein liefern, welches diese an die Küstenkarawanen verkauften. Niemals war dies bei denen von Serengeti der Fall, welche die Massai öfters schlugen und stets von ihnen gefürchtet wurden. Gegenwärtig geht es allen Wandorobo weit besser als den Massai und es hat sich das Verhältniss daher nahezu umgekehrt.

Das Pfeilgift wird aus einer Baumrinde von den Männern bereitet, wobei kein Weib zusehen darf. Die Ngaramaníg haben keinen Laibon, besuchen jedoch jene der Massai um Jagdzauber zu erhalten.

Die Wandorobo sind im Allgemeinen friedlich und gut geartet. Selbst die von Serengeti, die über bedeutende Macht verfügen, sind Fremden gegenüber stets freundlich. Sie sind vielleicht bildungsfähiger als die Massai, am Paregebirge und Panganifluss giebt es sogar sesshafte Ngaramaníg, welche Ackerbau treiben.

Als nahe Verwandte der Massai erscheinen sprachlich sowohl wie in ihrem Aeusseren die Wataturu, welche sich selbst Tatoga nennen. Vor einigen Jahrzehnten lebten sie noch ausschliesslich als Viehnomaden. Sie theilen sich in drei Stämme ein, die Brariga, Bayuta und Simityek. Die beiden ersten gelten als voll, die Simityek, von den Bantu »Wanonega« genannt, sprechen eine dialektisch verschiedene Sprache und gelten als Pariastamm, der sich vielfach von Jagd und Fischfang nährt. Alle drei Stämme bewohnten ursprünglich die Gegend Rotigenga, das Gamrit der Massai, die südöstlich von Ikoma (Elmarau) gelegen ist. Von dort wanderten die Bayuta nach Gurus, dem Mutyek der Massai, sowie weiter nach Süden bis zum Gurui-Berg aus, besassen besonders viele Lager und ungeheure Heerden im heutigen Ngorongoro und Mangati und durchstreiften die Steppen bis Ussandaui und Ugogo hin. Sie waren damals ebenso gefürchtete Viehräuber wie heute die Massai.

TAFEL XVIII

IRAKU-LEUTE - WAFIOMI

Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.

IRAKU-LEUTE                      WAFIOMI

Eine völlige Aenderung geschah durch den Einbruch der Massai, welche vor etwa 35 bis 40 Jahren zuerst auf das Plateau von Mutyek vordrangen und die Bayuta-Wataturu aus Ngorongoro verdrängten. Ein Theil derselben flüchtete sich nach Gamrit, die meisten jedoch zogen mit ihrem Häuptling Sagiro, der heute noch lebt, längs des Manyara südwärts. Aeltere Leute in Umbugwe erinnern sich noch genau daran, wie die Wataturu in ungeheueren Mengen mit Weib und Kind am linken Ufer des Kwou lagerten und von den Wambugwe Erlaubniss zur Ansiedlung erbaten. Da dieselben eine solche Masseneinwanderung nicht wünschten, wurde ihnen der Uebergang über den Kwou verweigert.

Viele schlossen sich nun ihren nomadisirenden Landsleuten am Gurui-Berg an, andere jedoch zogen mit Sagiro nach Unyambeïu in Unyamwesi und liessen sich dort nieder. Ihre Rinderheerden wuchsen wieder ungeheuer an, doch gerade dies wurde ihr Verderben, denn die Massai, die ihre Raubzüge immer weiter ausdehnten, drangen bis zu ihnen vor und beraubten nicht nur die Wataturu, sondern auch ihre Gastgeber, die Wanyamwesi. Letztere verweigerten daher den unbequemen Gästen die Erlaubniss, länger zu bleiben, und Sagiro zog, einer Einladung des Häuptlings Mtinginya folgend, nach Usongo. Doch bald bekam auch dieser Streit mit den übermüthigen Viehnomaden, und, da er selbst sich gegen sie zu schwach fühlte, rief er die Massai zur Hilfe. Zum letzten Male standen sich hier die stammverwandten erbitterten Feinde gegenüber, in blutiger Schlacht wurden Sagiro und die Seinen besiegt und alles Vieh von den Massai geraubt. Mit den wenigen Leuten, die ihm blieben, zog sich Sagiro erst nach Ntussu, dann nach Mbulu (Iraku) zurück, wo er heute noch lebt.

Nicht viel besser als den Bayuta erging es den Brariga von Gamrit. Auch diese wurden von den Massai verdrängt und verliessen das Land, das jetzt öde liegt, um am Victoria-Nyansa nördlich vom Speke-Golf zu nomadisiren. Doch auch dort blieben sie nicht ruhig, die Massai beraubten sie ihres Viehstandes und zersprengten sie gänzlich. Ihre spärlichen Ueberreste findet man auf der Insel Ukerewe, am Spekegolf, unter den Waschaschi von Ikoma, in Meatu und anderen Theilen von Usukuma.

Auch die Gurui-Wataturu wurden ihres Viehes beraubt und zu sesshafter Lebensweise gezwungen. Einige von ihnen wurden bis Ugogo versprengt.

Der einst mächtige, zahlreiche Stamm ist heute nur mehr eine Völkerruine, die Zahl der Wataturu beträgt nach roher Schätzung kaum 5000 Menschen. Nur in Mangati leben sie in geschlossenen Massen, sonst als Fremdlinge unter den Eingeborenen, haben es jedoch, wie in Iraku und Ufiomi, nicht selten zu einflussreicher, ja herrschender Stellung gebracht.

Im Körperbau gleichen die Wataturu sehr den Massai, ja der hamitische Typus tritt bei ihnen häufig reiner hervor. Sie sind alle schlank, langbeinig, mit zierlichen Körperformen und Extremitäten und haben vielfach sehr anziehende, an Nubier erinnernde Gesichtszüge. Viel plumper und negerhafter sind die Weiber. Die Hautfarbe ist sehr variabel, viele, sehr typische Wataturu sind schwarzbraun, andere, besonders die von Ukerewe, auffallend lichtfarbig. Man sieht unter ihnen ziemlich viele kränkliche Leute. Das bei den Massai beschriebene Hamitenhaar kommt bei ihnen häufig vor.

Auch geistig machen die Wataturu den Eindruck tiefen Verfalls; früher freilich sollen sie ein kühner, trotziger Stamm gewesen sein, jetzt sind sie völlig harmlos und friedlich. Einzig in Mangati soll sich noch manchmal der alte räuberische Sinn durch Uebergriffe gegen Küstenhändler geäussert haben. Nach der Niederlage der Wambugwe gaben sie diese jedoch auf und ich selbst fand bei ihnen überall freundliche Aufnahme.

Ihre Sprache gehört, wie gesagt, der nilotischen Gruppe an, ist jedoch vom Massai so verschieden, dass eine Verständigung gänzlich ausgeschlossen ist. Das reinste Tatoga wird in Mangati gesprochen, in Usukuma und Ukerewe ist es stark mit Bantu-Elementen versetzt. Sagiro's Leute sprechen ausser der Muttersprache alle Kinyamwesi. —

Wataturu-Mann aus Mangati

Wataturu-Mann aus Mangati.

Bei dem Uebergangsstadium, in dem die Wataturu sich jetzt noch befinden, ist es schwer, in ihrer Tracht das Ursprüngliche herauszufinden. Eine Haarfrisur kommt nur selten in Form eines Haarbüschels am Hinterhaupt vor. Die Krieger pflegen einige Straussfedern am Scheitel zu tragen. In die ausgedehnten Ohrlappen steckt man runde Holzscheiben. Die Kleidung besteht bei Männern aus einem Ueberwurf aus Leder, welcher öfters in der bei den Wafiomi üblichen Art durchlocht ist. Um die Hüften werden zahlreiche Bastschnüre geschlungen. Die Weiber tragen Lederkleidung, welche meist die Brust verhüllt. Als Schmuck dienen letzteren vielfach Glasperlen, Messing- und Eisenarmbänder. In dieser Tracht sieht man die Wataturu in Mangati. Die Leute Sagiro's (Abb. pag. 114), die durch den langen Aufenthalt in Unyamwesi überhaupt »civilisirter« sind, tragen meist Baumwollzeug, die Wataturu der Nyansaländer gleichen bezüglich Tracht völlig den umwohnenden Bantu-Stämmen. Die Beschneidung ist bei Männern und Weibern üblich, und zwar bei ersteren in Form gewöhnlicher Circumcision, nicht nach Massai-Art.

Früher wohnten die nomadischen Wataturu in ähnlichen Lagern wie die Massai, heute ahmen sie die Siedelungsformen der Stämme nach, deren Gebiete sie bewohnen. So hausen die Wataturu von Mangati und Iraku in Temben, die genau jenen der Wafiomi gleichen und theils oberirdisch theils unterirdisch angelegt sind. Jene in Usukuma und Ukerewe dagegen leben in Rundhütten. Die Mangati-Leute pflegen jedoch die Temben etwas höher zu bauen als die Wafiomi, eine Neigung, die jedenfalls Sangiro's Leute aus Unyamwesi mitgebracht haben. Die Temben selbst sind meist ziemlich gut gebaut, die Umgebung jedoch verwahrlost und schmutzig.

Es erscheint zweifellos, dass nicht nur der Simityek-Stamm, sondern alle Wataturu, selbst in der Blüthezeit des Volkes, ausser Viehzucht auch Jagd betrieben haben. Heute noch widmen sie sich derselben mit Eifer und Geschick und stellen dem Wild mit Bogen und langen, stark vergifteten Pfeilen nach, die sehr jenen der Wandorobo gleichen. Die Simityek trieben und treiben in ihren spärlichen Ueberresten heute noch Fischfang im Nyansa, auch die wenigen, die im Mangati-Gebiet leben, sollen im Kwou- und Maitsimba-See fischen.

Die Wataturu nannten früher ungeheure Rinderheerden ihr Eigen, heute beschränkt sich die Viehzucht auf Ziegen und Schafe, deren sie in Mangati recht viele besitzen, und wenige Rinder.

Im Ackerbau sind die Wataturu noch Anfänger, doch bauen sie in Mangati und Iraku mit Eifer Sorghum und Mais, während sie auf Ukerewe hauptsächlich von Pataten leben. Diese Kulturpflanzen liefern denn auch heute die Hauptnahrung, während sie früher aus Fleisch und Milch bestand. Besonders die Krieger durften früher nur Rindfleisch und Milch geniessen, ausserdem jedoch das Fleisch vom Büffel, Giraffe, Zebra, Gnu, der Swara-Antilope und ausnahmsweise auch das der auf Kiswahíli »povu« genannten Antilope. Wer jedoch das Fleisch der letzteren gegessen hatte, durfte am selben Tage keine Milch trinken. Das Fleisch aller anderen Thiere war streng verpönt. Das Aderlassen der Rinder mit dem charakteristischen Pfeil, war ebenfalls üblich und wurde das frische Blut wie bei den Massai getrunken und mit Milch zusammen gekocht. Das Kochen der Milch war überhaupt stets gebräuchlich. Ausserdem genossen die Krieger mit Vorliebe Kuhurin, dem sie ein Pflanzenmittel (Luidanda) sowie Kuhfett beimischten, worauf sie erbrachen und heftig abführten, jedoch Kriegsmuth bekamen. Tabak schnupfen und rauchen ist heute allgemein üblich.

Die Geräthe der Wataturu haben wenig Charakteristisches und sind meist den umwohnenden Stämmen nachgeahmt. Früher werden sie wohl — ähnlich wie die Massai — überhaupt nicht viele Geräthe besessen haben. Ihre Waffen bestehen aus Wurfspeeren, die jenen der Wambugwe gleichen, doch schlechter gearbeitet sind, aus einem Rundschild von Büffelhaut und aus den vorerwähnten Bogen mit vergifteten Pfeilen, die jedoch hauptsächlich zu Jagdzwecken dienen. Früher besassen sie breitklingige Speere, die jedoch nicht wie die der Massai eine übergreifende Zwinge, sondern einen eingelassenen Schaftdorn besassen. Sie waren an der Klinge hübsch ornamentirt und besassen reiche Schaftverzierung. Diese Speere findet man im Stamme selbst fast garnicht mehr, sondern nur noch bei den Wasukuma und Waschaschi als Paradewaffen. Sie wurden von einer Schmiedekaste, den Gidamudiga gefertigt, die eine ähnliche Stellung wie die Elkonono der Massai einnahmen, jedoch nicht verachtet wurden. Sagiro's Leute benutzten vielfach Vorderlader-Gewehre.

Von Handel kann bei den Wataturu kaum die Rede sein. Höchstens Sagiro's Leute befassen sich mit dem Verkauf von Elfenbein und Kleinvieh und die Mangati-Leute tauschen das Salz des Balangda-See an umwohnende Stämme gegen Kleinvieh um. Sie pflegen das Salz in halbkugelförmigen Klötzen in den Verkehr zu bringen.

Bei der Geburt eines Menschen wird meist eine Ziege geschlachtet und von den Verwandten gegessen. Die Beschneidung wird in früher Jugend vollzogen. Beim Reifwerden werden die Zähne nach Massai-Art hergerichtet, das heisst die vordersten oberen Schneidezähne vorgebogen, die entsprechenden unteren ausgebrochen. Doch kommt diese Sitte immer mehr ab. Eine Absonderung der jungen Leute fand niemals statt, dieselben hausten stets im Kraal der Eltern.