III. König Maliatoa. Olosinga.
Der Ausbruch eines unterseeischen Vulkans
und die Entstehung einer neuen Insel.

Bei meiner Rückkehr nach Samoa waren die politischen Verhältnisse auf Upolu noch verwickelter als früher und für die deutschen Beamten eine stete, ernste Sorge, namentlich da die ansässigen Amerikaner und Engländer ihre Wühlerei unvermindert fortsetzten. Mir, als einem Uneingeweihten, fehlt die genaue Kenntniß, um ein anschauliches Bild der politischen Wirren, der feindlichen Kundgebungen wahrheitsgetreu wiedergeben zu können — viel Gutes wäre, nebenbei gesagt, nicht zu berichten gewesen — nur so viel sei erwähnt, hätte gehandelt werden dürfen, wie es uns Deutschen hier zu jener Zeit ums Herz war, mit der kleinen Zahl jener Abenteurer, die desto lauter schrieen, je mehr sie beachtet wurden, wäre bald genug aufgeräumt worden; es wäre ein Glück für Land und Volk, eine wahre Wohlthat für uns Deutsche gewesen!

Es lag mir viel daran, den Mann gelegentlich kennen zu lernen, in dessen schwachen Händen das Geschick Samoas lag, um dessen Gunst so viel Ausländer buhlten, dessen Macht ein Schein, dem nur sein Anhang — die stolzen, selbstbewußten Häuptlinge — die Königskrone sicherten. Der Zufall fügte es, daß ich auf einem Spaziergange nach Mulinuu einen langansässigen Deutschen traf, der mir behülflich sein wollte, den König sprechen zu dürfen. Während kein Samoaner wagen darf, ohne Erlaubniß den geheiligten Grund zu betreten, auf welchem sein König wohnt und auch dann nur unter Beobachtung gewisser Zeremonien, fanden wir dort ungehinderten Zutritt und, ohne nach unserm Begehr gefragt zu sein, näherten wir uns dem im Schatten seines Hauses sitzenden Könige Maliatoa.

Die Gastfreundschaft der Samoaner ist bekannt, und ihr König ist nicht minder bestrebt, solche seinen Gästen gegenüber auszuüben. Seine braune Majestät hieß uns willkommen und führte uns in den großen Vorraum des mit vielem Kunstsinn aufgeführten Palastes und lud uns ein, auf den mit Matten bedeckten Holzkisten Platz zu nehmen. Darauf rief der König dienstbare Geister, wohlgenährte Samoanerinnen erschienen und ließen sich geschäftig im Hintergrunde des Zimmers nieder. Schnell waren Steine, Becken und Wasser herbeigeschafft, das Zerklopfen der Kavawurzel begann und nach kurzer Zeit schon wurde durch Händeklatschen das Zeichen gegeben, daß der Trank bereitet sei.

Mit vieler Grandezza sich auf ein Knie niederlassend, reichte eine junge Maid dem Könige zuerst die Kokosschale, wurde aber bedeutet, diese seinen Gästen erst zu reichen. Da nahm ich sie in die Hände und leerte sie mit einem Zuge, obgleich sie wohl einen halben Liter faßte; das Wort „fafataii“, d. h. danke, war ich kaum im Stande, vernehmbar auszusprechen, so hatte das etwas starke Getränk mir den Athem genommen. Während dessen setzte sich der König würdevoll nach samoaner Art mit untergeschlagenen Beinen, auf weichen, feinen Matten vor uns nieder und eröffnete erst die Unterhaltung, als auch er die Schale geleert und seinen Gästen Bescheid gethan hatte.

Mit ausgesuchter Höflichkeit lenkte Maliatoa, nachdem er erfahren, daß nur der Wunsch uns hergeführt hatte, ihn kennen zu lernen (was besonders auf mich Bezug hatte), das Gespräch auf unsern großen Kaiser, er stand auch auf und holte unter anderen Sachen ein wohlgelungenes Bildniß des Kaiser Wilhelms herbei und fragte uns, ob der mächtige, deutsche Kaiser mit diesem Bilde sprechende Aehnlichkeit habe, wie ihm versichert worden sei. Unsere Bestätigung befriedigte ihn, und für einen Augenblick im Anschauen des Bildes versunken, fragte er dann plötzlich, wann ich eingelaufen sei und von welcher Insel ich gekommen wäre. Als ich Niua-fu erwähnte, lobte er die dort wachsenden großen Kokosnüsse; er wäre immer bestrebt, sagte er, solche zu bekommen und benutze sie gewöhnlich zur Auspflanzung, wenn anders nicht seine Frauen dieselben wegnähmen und zu Wasserbehältern oder Kavaschalen benutzten. Schiffsführer, die Niua-fu anliefen, brächten ihm mitunter schöne, große Nüsse mit, es wäre aber selten der Fall, weil dort wohl nur wenige Schiffe zu Anker gingen.

Das Letzte war mehr eine Frage an mich, und die Höflichkeit gebot, diese so zu verstehen, als sei es ein ausgesprochener Wunsch, darum erbot ich mich sofort, diesen zu erfüllen, sobald mir Gelegenheit dazu gegeben wäre; ich wüßte zwar nicht, wohin ich beordert werden würde, aber solcher geringen Mühe wollte ich mich gerne unterziehen und gelegentlich Nüsse mitbringen. Dankend nahm Maliatoa das Anerbieten an. Dann wurde uns auf seinen Wink die zweite Schale Kava von schöner Hand gereicht, worauf wir uns bald vom Könige verabschiedeten.

Während der kurzen Unterhaltung war es nicht uninteressant, zu beobachten, wie der König in nichts von den Gewohnheiten seiner Unterthanen abwich. Wie der Samoaner setzte er sich auf den mit Matten belegten Erdboden, stützte gewohnheitsgemäß den Oberkörper auf einen Arm oder gab bei nach vorne geneigter Haltung seinem Körper dadurch einen festen Stützpunkt, indem er die Ellbogen auf die fast flach am Boden liegenden Knie setzte. Bei solcher Haltung bleiben dann die Hände zur Vornahme beliebiger Verrichtungen frei. Wiewohl nach unseren Begriffen in der Haltung des Königs nicht allzuviel Majestätisches zu finden war, so gestehe ich doch offen, daß die ganze Erscheinung den Herrscher verrieth, dessen Blick Gehorsam zu heischen schien.

Einige Monate später, ich war über Niuatobutabu nach Niua-fu beordert worden, löste ich meine Zusage ein, und kaufte dort die größten Nüsse, welche ich mit Hülfe des deutschen Agenten auftreiben konnte, für den König Maliatoa auf. Nach Apia zurückgekehrt, traf ich leider den König nicht in seinem Palaste bei Mulinuu an, ich gab daher die Kokosnüsse an anwesende Häuptlinge ab, die solche sogleich den aufwartenden Weibern einhändigten, somit mag der König wohl Recht haben, daß ihm geschenkte Nüsse meistens zu anderen Zwecken, als zur Auspflanzung Verwendung finden.

Bei weiteren Reisen in der Südsee war ich insofern vom Glück begünstigt, als mir Gelegenheit gegeben wurde, auch die entlegensten Inseln der Samoa-Gruppe kennen zu lernen und dort Beobachtungen über Land und Bewohner zu machen. Auf solchen Fahrten zeigte freilich oft genug der gepriesene Stille Ozean ein recht unfreundliches Gesicht; widrige, stürmische Winde, gefährliche See, straften solche Bezeichnung Lügen. Ist man aber mit der wechselnden Eigenart der Witterung erst vertraut geworden, namentlich mit der unbeständigen, sogenannten schlechten Jahreszeit, so nimmt der Seemann alles ruhig mit in den Kauf und sucht dem Unfreundlichsten noch eine gemüthliche Seite abzugewinnen.

In freier See, wenn dem Schiffe keine Gefahren weiter drohten, als durch Wind und Wetter, war ich immer zufrieden, hier war des Menschen Können den Elementen gewachsen, wenn diese es nicht gar zu böse meinten, hingegen vor gefährlichen Riffen auf schlechtem Ankergrunde, wo das Schiff gefährdet lag, schlich sich recht oft die Sorge bei mir ein.

Kräftig hatte der Südost-Passat wieder eingesetzt, vor dessen Hauch das düstere Gewölk entfloh, das regenschwer oft genug über Land und Ozean gebreitet lag; ein dauernd heiterer Himmel lachte auf die blaue Fluth hernieder, deren schaumgekrönte Wellen sich im lustigen Spiele endlos jagten. Aufkreuzend gegen solchen steifen Wind und einer in Folge dessen recht bewegten See, brauchte ich, nach der Manua-Gruppe bestimmt, acht Tage, um die 130 Seemeilen lange Strecke von Apia bis zur Insel Ofu und Olosinga aufzusegeln; in Wirklichkeit aber hatte das Schiff annähernd 800 Seemeilen im Zickzackkurse zurückgelegt, ehe das Ziel erreicht war.

Durchzieht die langgestreckte Insel Tutuila ein mächtiger Höhenrücken, der wegen seiner Form und Steilheit unübersteiglich ist, eine Basaltformation von solcher Zerrissenheit darstellend, daß thatsächlich zwischen der Nord- und Südküste keine Verbindung besteht, so bieten die beiden kleinen Inseln Ofu und Olosinga fast noch ein verzerrteres Bild vulkanischer Wildheit dar. Die Massen dieser Inseln, steil und hoch, gleich senkrechten Wänden aus der Tiefe des Meeres aufragend, zeigen nicht die stumpfe Kegelform vulkanischer Bildung, sondern die zackigen Bergspitzen sind hier und dort durchbrochen und getrennt, als wären diese durch Gigantenhände aufgethürmt worden, sie scheinen das Ergebniß übergewaltiger Eruptionen zu sein. Diese unzugänglichen Spitzen und Zacken, gesprengte Lavablöcke, ragen fast 3000 Fuß hoch über dem Meeresspiegel empor, in Wirklichkeit starre Zeugen einer längst entschwundenen Zeit, die auch hier einst die unterirdischen Gewalten schaffen und zerstören sah.

An der Südseite der Insel Olosinga öffnet sich eine von Korallenriffen eingeengte Bucht, die durch vielzackige sehr steile Basaltfelsen abgeschlossen wird, namentlich sind drei spitze zusammenstehende Kegel auffallend und geben ein gutes Merkzeichen. Die große Wassertiefe in dieser Bucht bedingte es, daß ich sehr weit hineinlaufen mußte und erst ganz in deren Nähe Ankergrund fand; fast blieb für das Schiff kein genügender Raum frei von diesen zu schwingen, so nahe der Brandung war ich zu ankern gezwungen. Zudem war die Verbindung zwischen Schiff und Land nur zur Zeit des Hochwassers herzustellen, da das Riff ganz trocken fällt und nur während weniger Stunden des Tages, ebenso wie der Nacht, konnte Ladung an Bord geschafft werden.

Eine schmale Fläche Landes liegt nur zwischen Strand und steiler Felswand, noch dazu bedeckt mit großen abgestürzten Lavablöcken, zwischen denen die Hütten der wenigen Bewohner dieser Insel zerstreut errichtet sind; aber wie drohend und kahl auch die gewaltigen Felsmassen von der Höhe herabschauen, ihnen zu Füßen auf fruchtbarster Erde, ja selbst aus jedem Felsspalt blüht und sprießt eine reiche Vegetation. Vornehmlich gedeihen hier der Kokosbaum und die Bananen vortrefflich, jener der genügsam ist, reckt am Felsengrat sowohl wie am Strande seine stolze Krone in die Lüfte und das in solcher Zahl, daß es sich verlohnt hatte hier eine kleine Handelsstation anzulegen.

Die Händler an solchen entlegenen Orten, meistens Mischlinge, tauschen für geringe Waare den Ueberschuß an Nüssen von den Eingebornen ein und erzielen durch die Verarbeitung derselben zu Kopra für sich einen Gewinn, der ihnen sogar ermöglicht Ersparnisse zu machen, da ihre Bedürfnisse sehr gering sind. Zwei höchstens drei mal im Jahre versieht ein Schiff die Händler mit Tauschartikeln und holt die erhandelten Erzeugnisse ab, daher ist denn auch das Einlaufen eines Fahrzeuges immer ein Ereigniß von Bedeutung, sowohl für den Händler wie für die Eingebornen. In der Station Olosinga, die seit Kurzem durch einen von der Insel Tau hierher übergesiedelten Zwischenhändler errichtet war, schien hier ein weißer Mann kaum je gesehen worden zu sein, denn sowohl der älteste Greis wie der jüngste Sproß waren am Strande versammelt als ich landete und Neugierde mit auffallender Scheu gepaart, ließ sie die fremde Erscheinung anstarren; namentlich die Kinderschaar fürchtete sich und anfänglich genügte eine rasche Bewegung meinerseits schon die neugierige Menge auseinander zu treiben. Das kleine Haus des Händlers, mit dem ich den geschäftlichen Theil abzuwickeln hatte, war schon, noch ehe ich eintrat, voll von Menschen, so daß die Jüngeren herausgetrieben werden mußten, um Raum zu schaffen.

Angenehm ist solches Anstarren und Umdrängtwerden nicht, und mancher würde es höchst lästig finden; weiß man aber, daß barsche Worte wenig nützen, zumal den Erwachsenen gegenüber nicht, so erduldet man schon solche Unbequemlichkeit, bald kommt man auch zu der Ueberzeugung wie vortheilhaft es ist, da bald die Neugierde dieser Naturvölker gestillt ist, Vertrauen erweckt zu haben. Frauen und Kinder laufen nicht ängstlich davon, Männer gehen nicht mit scheelen Blicken an einem vorüber, das „talofa, ali,“ guten Tag, Herr, hat einen freundlicheren Klang; ich muß sagen, natürliche oder sogar erzwungene Ruhe, die ein Europäer zeigt, imponirt den Eingebornen am meisten.

In diesem Falle war es ein kurzer Sprung von auffälliger Scheu bis zur Vertraulichkeit. Der Händler wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, seine Angaben schienen einigen Erwachsenen aber nicht zu genügen; diese wollten durchaus wissen, ob ich auf der Brust ebenso weiß sei wie im Gesicht und obwohl die Frage eigenthümlich genug klang, so war sie doch ernst gemeint, denn sie öffneten mein weißes Hemde und überzeugten sich selbst davon — das war ihnen genügend, befriedigt gingen sie fort. Nun war nach Verlauf einer halben Stunde die erst so große Neugierde aller gestillt; ein Anstarren, geschweige denn eine Belästigung kam nicht mehr vor, höchstens trat ein kleiner Bursche noch heran und wagte mich um ein Stückchen Tabak anzusprechen.

Zu den Pflichten eines Schiffsführers gehört es, stets für den Empfang einer Schiffsladung die Ladescheine zu zeichnen; so war es auch hier (gleichwie an anderen Orten war ich der einzige Europäer), es war meine Aufgabe, die zu empfangende Menge Kopra abzuwiegen. Schon um den Aufenthalt hier unter den gefährlichen Riffen abzukürzen, wurde die Verschiffung der Ladung auch während der Nacht bei lodernden Feuern, die immer von Neuem mit trockenen Palmenrippen angefacht wurden, ausgeführt. Dabei nun leisteten uns einige Kinder Gesellschaft, die es vorzogen wach zu bleiben, um die Feuer zu unterhalten. Unter diesen war ein etwa siebenjähriges Mädchen von auffallender Schönheit, wie ich noch keins unter farbigen Völkern gesehen; es mag sein, daß die leicht gebräunte Hautfarbe dies Kindergesicht so anziehend und interessant machte, so viel wenigstens kann ich behaupten, dieses Naturkind konnte mit seinen weißen Schwestern wetteifern und sich den Hübschesten seines Geschlechts an die Seite stellen. Manches hübsche Mädchen habe ich zwar unter den Samoanerinnen gesehen, ein solches aber, wie dieses in dieser weltentlegenen Gegend aufgewachsen, nicht wieder. Unter anderem erhielt ich noch Kenntniß von einem unterseeischen Vulkan, der sich an der Ostseite der Insel Olosinga befindet. Ich zog darüber Erkundigungen ein, erfuhr aber nur Folgendes: Die älteren Bewohner haben vor einer Reihe von Jahren einen Ausbruch desselben beobachtet, dabei aber nur leichte Erschütterungen des Bodens, sonst nichts Auffallendes wahrgenommen, und seit jener Zeit sei an der bezeichneten Stelle im Ozean weiter kein Ausbruch erfolgt. Immerhin ist das Vorhandensein eines solchen Vulkans, auch wenn ihn die Fluthen des Meeres bedecken, eine gefährliche Nachbarschaft und ein Zeichen, daß die Naturkraft fortbesteht, die diese gewaltigen Basaltmassen aufgethürmt hat, wenn auch längst die Krater dieser Inseln erloschen sind.

Die größte der Inseln in der Manua-Gruppe ist Tau, ebenfalls vulkanischen Ursprungs, an Umfang aber viel bedeutender noch als Ofu und Olosinga zusammen genommen; in der Mitte dieser Insel erheben sich gegen 3000 Fuß hohe Krater, deren Umgebung indeß weniger wild und zerrissen erscheint, da sie von der Hügel- zur Bergform übergeht und ausgedehntes Vorland die ganze Erhebung umgiebt. Fraglos ist es, daß auf gehobenem Korallengrunde im Laufe der Zeiten die flachen Landstrecken gebildet wurden, die wiederum ein weites Riff umgiebt, das stetig an Ausdehnung durch den Fortbau der Korallenpolype gewinnt. Nimmt auch die Kratergegend den bei weitem größten Flächenraum dieser 16 Seemeilen im Umfang großen Inseln ein, so hat sich doch auf verwittertem Lavagrunde eine reiche Pflanzenwelt entfaltet und von See aus gesehen erscheint dieselbe sich bis zu den hohen Bergkuppen ausgedehnt zu haben; vor allem sind die Umgebungen der Dörfer Tau, Siufanga, Faleasao an der West- und Nordwestseite von ausgedehnten Kokospflanzungen umgeben. Bestimmt von Olosinga zunächst nach Tau zu segeln, mußte ich hier, nachdem mit Schwierigkeit Waaren gelandet, auch der Vertreter der deutschen Handelsgesellschaft abgeholt war, nach Faleasao weiter fahren, wo in der guten Jahreszeit der sicherste Ankerplatz sein sollte. Hier befand sich auch der Hauptstapelplatz für Kopra. Als ich vor Faleasao ankam, schien mir dort der Ankerplatz nahe dem Riffe einigermaßen sicher und ein Landen nicht zu schwierig zu sein. Weht der Südostwind, so hat Faleasao wohl den Vorzug der gesichertste Ort für ein Schiff zu sein, da sich hier ausgedehnte Korallenflächen unter Wasser hinstrecken, wenn auch bei schnell zunehmender Tiefe; weht derselbe aber östlicher, wie ich es fand, so läuft die schwere See längs der kreisförmigen Insel auf und erzeugt selbst hier noch eine gefährliche Brandung.

Von einem Schiffe aus gesehen scheint freilich eine Brandung nie so schwer als sie in Wirklichkeit ist, befindet man sich aber mit einem Boote in derselben, erkennt man erst die gewaltige Kraft der mit großer Geschwindigkeit heranrollenden und sich überstürzenden Wogen.

Genöthigt zu warten bis Hochwasser eingetreten war, wodurch am Riffe die Brandung vermindert wurde, machten wir doch beim ersten Landungsversuch eine unliebsame Bekanntschaft mit derselben. Obgleich die Bootsbesatzung tüchtig und geübt war, überlief uns dennoch die See; in dem Augenblicke, wo es galt, mit aller Kraft zu rudern, um die hinter uns brechende Woge nicht über das Boot stürzen zu lassen, unterlief die Kraft der neben dem Boote aufrollenden Vorwelle den Riemen (Ruder) eines Mannes, den dieser nicht schnell genug zu heben vermocht hatte. Trotz der Anstrengung des Steuerers wirbelte im Augenblick das Boot herum, die Welle brach über das breitseits liegende Boot herein, überschlug dasselbe, und Menschen, Boot und dessen Inhalt bildeten ein Chaos, daß die brüllende Woge strandaufwärts trug. Weil ich selbst kein Schwimmer war, und keinen Grund unter den Füßen fand, so wurde für mich die Lage bald bedenklich, zumal da ich nichts zu sehen im Stande war, und nur donnerndes Brausen mir in den Ohren gellte. Ein Spielball des Wassers, mußte ich das Schlimmste befürchten, wenn die rücklaufende Welle mich mit sich riß; aber plötzlich fühlte ich einen Halt, ein Eingeborner der Bootsbesatzung hatte mich gefaßt, ehe es zu spät gewesen, ich fand auch gleich wieder Grund und tummelte fort, nur beschleunigte die nächste Welle mein Bestreben, den Strand zu gewinnen dermaßen, daß ich durch den heftigen Stoß ziemlich unsanft auf die spitzen Korallen geworfen wurde; aber abgesehen von einigen Verletzungen an den Händen kam ich noch glimpflich davon. Weitere Verwundung erhielt keiner, nur der Mann, dessen Ungeschick alles verschuldet hatte, hatte sich den Kopf verletzt. Zum Glück war auch das große von Tau mitgenommene Brandungsboot unbeschädigt geblieben, die Besatzung desselben, an solche Fahrten gewöhnt und aus guten Schwimmern bestehend, wußte mit Geschick einen verderblichen Aufstoß des Bootes auf den harten Korallengrund zu vermeiden. Schnell war das Mißgeschick vergessen. Das Boot wurde ausgeschöpft und flott gemacht, dann mit dem Verschiffen der Ladung begonnen. Freilich manchmal glaubten wir Boot und Ladung nicht wieder zu sehen, wenn es in der Brandung verschwand oder in Gefahr war, von einer steilen Woge überworfen zu werden.

Soweit die Leute Grund unter den Füßen hatten, schoben sie das Boot stets hinaus, dann wurde gewartet, bis drei schwere Seen herangelaufen waren, sofort aber hinter der dritten schwang sich die Besatzung in das Boot und ruderte mit aller Kraft der vierten, gewöhnlich schwächsten Woge entgegen, die passirt sein mußte, ehe sie sich brach; gelang dies nicht, kam häufig das Boot fast sinkend längsseit des Schiffes und es entstand dadurch eine Verzögerung.

Dem Manne, der mich flüchtig gestützt, als ich kraftlos ein Spiel der Wogen gewesen, gab ich auf Anrathen des Händlers eine Hand voll Stangentaback, kaum aber hatte derselbe begriffen, daß solcher sein Eigenthum sein solle, als er wie besessen umhersprang, immer wieder sein „fafataii“, danke, brüllend, bis sich seine Genossen um ihn geschaart und er schnell die Hälfte seines Geschenkes los geworden war.

Das Rauchen ist unter den Eingebornen der Südsee stark verbreitet, daher ist eigens für sie zubereiteter, kräftiger Taback ein bedeutender Tauschgegenstand geworden. Selten nur findet man die Tabackpfeife in Gebrauch, dagegen kommt allgemein die Cigarette in Anwendung, die mit Vorliebe von beiden Geschlechtern geraucht wird. Sehr oft habe ich mich ebenfalls derselben bedient und gefunden, daß der Europäer in der Hütte des Eingebornen stets willkommen ist, der seinen Vorrath mit ihnen theilt, wenigstens aber so viel abgiebt, um das augenblickliche Bedürfniß zum Rauchen zu befriedigen. Einfach genug ist die Herstellung einer Cigarette, als Umhüllung dient ein Streifen vom getrockneten Bananenblatt; der Taback, aus zusammengepreßten Blättern bestehend und meistens feucht, wird nach Bedarf auseinander gewickelt, über ein entzündetes Streichholz oder eine kleine Flamme, auch über Kohlengluth etwas angeröstet, eigentlich nur dadurch betrocknet und dann in den bereitgehaltenen Streifen eingewickelt. Auf diese Weise ist eine Cigarette schnell genug angefertigt; diese geht dann von Hand zu Hand und hat Jeder durch einige Züge das augenblickliche Verlangen befriedigt, so wird der Rest der Cigarette von einem der Anwesenden hinter der Ohrmuschel so lange aufbewahrt, bis sich wieder das Bedürfniß zum Rauchen einstellt.

Es erwies sich übrigens als leichter, mit einem schwerbeladenen Boote gegen die starke Brandung zu rudern, als mit dem leeren vor derselben zu laufen, im letzteren Falle meistens von dem Kamme einer Woge riffaufwärts getragen, wird das Boot von ihr schließlich überlaufen und die darauf folgende gefährdet es. Zweimal geschah es während der 60-70 Fahrten, welche das Boot zum Schiffe hin und zurück machen mußte, daß dieses in der Brandung überworfen wurde, jedoch ohne weiter Schaden zu nehmen. Ich habe manche Brandung an Korallenriffen mit weniger tüchtiger Mannschaft und schwächeren Booten passirt, bin aber niemals später genöthigt gewesen, wie hier, bei so hohem Seegange Ladung abzunehmen. Diese See, eigentlich nur längs und auf das Riff laufende Roller, war schon schwer genug; eine Möglichkeit hätte es aber nicht mehr gegeben, durch die Brandung zu kommen, wenn auch nur ein leichter Wind die Wogen verstärkt hätte; diese sind übrigens desto gefährlicher, je weiter vom Strande entfernt abflachender Grund der Wassermasse gestattet sich aufzurollen.

Des Ungeziefers, welches mit einer Kopraladung an Bord gebracht wird und sich dort schnell einnistet, habe ich früher Erwähnung gethan, namentlich der Ameisen und der Kakerlaken. Mich jener zu erwehren, wenigstens sie möglichst aus der Kajüte zu vertreiben, wurden Fugen und Ritzen im Holz mit Petroleum angefeuchtet oder gut verkittet; solche Mittel lohnten zwar nicht viel, aber eine Zeit lang wenigstens etwas; hingegen die Kakerlaken zu vertreiben, wollte nichts verfangen. Unglaublich vermehren sich die bis zu 1½ Zoll und darüber wachsenden Thiere; da sie an feuchten Stellen mit Vorliebe sich aufhalten, ist ihnen zwischen den Rippen des Schiffes nicht beizukommen. Selbst wenn ich zeitweilig eine Ausräucherung des ganzen Schiffes mit Kohlengas vornahm, um die nicht minder lästigen Ratten zu vertilgen, gelang es wohl, die schlimmen Nager zu tödten, die meistens in der Nähe der erloschenen Kohlenbecken, wo sie wegen des hierher strömenden Sauerstoffes am längsten zu leben vermochten, aufgefunden wurden; den Kakerlaken hingegen schadete solche Ausräucherung nichts.

Bei Tage nicht sichtbar, kommen die Kakerlaken Abends aus ihren Verstecken hervor, dann aber ist es in geschlossenen Räumen nicht auszuhalten, so groß ist die Menge der Thiere. Sehr lebhaft aber werden sie und die, welche fliegen können, schwirren umher, sobald sich eine Aenderung im Wetter bemerkbar macht; ich beobachtete, daß jedesmal Regen eintrat, wenn die Kakerlaken zu fliegen begannen.

Doch nicht nur sehr unangenehm und widerwärtig sind diese Thiere, sondern sie sind auch im Stande, empfindlichen Schaden anzurichten; man darf kein unreines Zeug oder Leibwäsche frei liegen lassen, soll solche nicht angefressen werden. Anfänglich, ehe ich dahinter kam, maß ich den Ratten die Schuld bei, wenn mir gute wollene Hemden verdorben wurden. Glücklicherweise gab mir der Zufall ein Mittel an die Hand, diese Kakerlaken nach Möglichkeit zu vernichten. Eine entleerte Flasche Bier war unabsichtlich in eine leere Koje gesetzt worden und zwar so, daß es den durch den Biergeruch angelockten Thieren möglich geworden war, den Hals der Flasche zu erreichen und hinein zu kriechen. Einmal hinein gab es kein Zurück mehr, und ich fand, einem widerlichen Geruch nachspürend, diese Flasche ganz angefüllt mit todten Kakerlaken.

Später ließ ich denn auch frisch geleerte Bierflaschen aufstellen und konnte bald, da oft Hunderte in einer Nacht gefangen wurden, eine Abnahme bemerken. Auf längeren Reisen, wenn der geringe Vorrath an Bier ausgetrunken war, setzte ich entweder eine Schüssel mit Seifenwasser oder mit einem Zusatz von Syrup den Kakerlaken hin und richtete es so ein, daß sie bequem hineinkommen konnten; war es auf solche Weise auch nicht möglich, die Thiere auszurotten, weil sie sich zu stark vermehrten, so wurde doch ihre Zahl sehr vermindert.

In späterer Zeit hatte ich leider nie wieder Gelegenheit, die Manua-Gruppe anzusegeln und meine Beobachtungen zu vervollständigen, dagegen wurde ich mit den Tonga-Inseln, ihrer Beschaffenheit und Bevölkerung, vertrauter, da ich meistens längere Reisen durch diese ausgedehnte Gruppe zu machen hatte.

Der bereits geschehenen Erwähnung, daß in freier See sowohl, wie unter den zahlreichen Inseln, eine große Zahl Haifische zu finden ist, wollte ich noch näher darauf eingehen, in welcher Weise es mir gelang, eine beträchtliche Anzahl dieser gefährlichen Meerbewohner zu fangen, die zum Theil dann von meiner Schiffsbesatzung verzehrt wurde. Möglich ist der Fang des Haifisches nur bei ruhiger See und bei Windstille; er wird um so leichter, wenn der Hai hungrig ist und nach allem gierig schnappt, was über Bord geworfen wird. War also Windstille eingetreten, wiegte das Schiff sich steuerlos auf der blauen Fluth, so währte es gewöhnlich nicht lange und die Rückenflosse eines oder mehrerer Haie wurde sichtbar, die langsam näher kamen und entweder hinter dem Schiffe verblieben, wenn dessen Fahrt vielleicht noch gering war, oder sonst um dieses herumschwammen.

Kamen die Thiere nicht nahe genug heran, so wurde eine Lockspeise an dünner Leine befestigt, jedoch so, daß diese der Hai wohl befühlen, aber nicht erfassen konnte; die Leine wurde nämlich schnell eingeholt, sobald der Hai sich auf den Rücken legte und zuschnappen wollte. War der Hai erst gierig gemacht, so folgte er dem Köder schneller, besonders, wenn es ihm doch gelungen war, ein Stückchen Fleisch zu erfassen.

Auf diese Weise bis dicht unter das Heck des Schiffes gelockt, schwamm der Hai achtlos auf die Gefahr, welche ihm drohte, in die weit in das Wasser reichende Schlinge hinein, schnell diese fallen gelassen und zusammengeholt, war solch großer Fisch immer gefangen, weil ein Uebergleiten der Schlinge wegen der unbiegsamen Schwanzflosse nicht mehr möglich war. Bot sich eine Gelegenheit in der Nähe der Insel Upolu einige Haie zu fangen, und war das Schiff nicht allzufern dem Hafen von Apia, gestattete ich der Besatzung meistens die Fische aufzubewahren, die dann außenbords in den Rüsten oder unter dem Bugspriet aufgehängt wurden, denn der Fischgeruch war nicht besonders angenehm. Verzögerte sich die Ankunft aber und hatte die heiße Sonne schon zersetzend eingewirkt, ließ ich die Haie losschneiden, was von den Samoanern immer bedauert wurde; hingegen, wenn wirklich ein todter Hai mitgebracht werden konnte, gab es einen Festschmaus bei den Anverwandten am Lande.

Anstoß an dem strengen, widerlichen Geruch des Fisches nahmen die Samoaner nicht, vielmehr durch eingetretene Zersetzung ward das Fleisch desselben mürbe, das sonst hart, zähe und trocken ist. Aus Noth habe ich auch einmal versucht, das zubereitete Fleisch eines jungen, frisch gefangenen Haies zu essen, aber es wollte selbst gebraten nicht munden, obgleich sicher ein gewisser Widerwille das meiste dazu beitragen mochte.

Das Gebiß eines großen Haifisches ist furchtbar, die vorderen festen Zähne im Unter- und Oberkiefer sind an der Wurzel breit und flach und scharf wie ein Messer, die Zähne fassen so ineinander, daß alles, was der Hai erfaßt, von diesen durchschnitten wird. Hinter den festen Vorderzähnen liegen noch sechs Reihen ebensolcher, jede kleiner als die andere und in den Rachenmuskeln beweglich. Faßt der Hai eine Beute, ist er nicht im Stande, solche wieder fahren zu lassen; die hinteren Zahnreihen richten sich auf und geben einmal Gefaßtes schwerlich wieder frei.

Einmal, in der nördlichen Einfahrt von Tongatabu (ich war zwischen den Riffen von Windstille befallen worden) hielten sich schon längere Zeit zwei mächtige Haie von seltener Größe beim Schiffe auf. Schließlich machte ich mich daran, da diese Thiere ohne Scheu längsseit kamen, einen mit der Schlinge zu fangen. Ohne daß Köder angewandt war, hatte sich bald eines der Unthiere in der Schlinge festgelaufen; am Schwanz gefangen, peitschte der Hai wüthend das Wasser und die Leute hatten zu thun, das starke Thier zu halten, das erst jeden weiteren Versuch sich zu befreien aufgab, als es ermattet an der Schiffsseite hochgezogen war.

Der zweite Hai, der anfänglich gleich verschwunden, kam bald wieder zum Vorschein und so nahe an seinen gefangenen Gefährten heran, daß auch er nach einigen Versuchen demselben Schicksal verfallen war. Die Leute sollten nun den zweiten nicht zu nahe dem schon hochgezogenen aufholen, aber in ihrer Hast zogen sie das heftig um sich schlagende Thier doch nahe an dem ersten Hai vorbei und dieser, ebenfalls unruhig gemacht, wohl auch von dem Schwanze des zweiten getroffen, schwang seinen Oberkörper im Wasser hin und her, dabei den mächtigen Rachen auf- und zuschnappend.

Solange der Hai noch im Wasser war, sträubte er sich mit seiner ganzen Kraft und folgte nur widerwillig der angewendeten Gewalt, er entriß auch den Händen der Leute das Tau, ehe dasselbe befestigt werden konnte und schoß seitwärts in die Tiefe. Indeß da das Tau, womit der Hai gefangen worden war, zum Aufhissen eines der Vordersegel diente und an diesem befestigt war, so vermochte er nicht zu entkommen. Als er wieder herangeholt war, sollte gewartet werden, bis er sich müde gearbeitet hätte; aber übereifrig geworden, zogen die Leute weiter und als sie unachtsam wieder dem ersten Hai zu nahe gekommen waren, hielten sie plötzlich das lose Tau in Händen. Der hängende Hai hatte nämlich nach dem Schwanze des zweiten geschnappt, die halbe Flosse mitsammt dem starken Tau durchbissen und so seinem Gefährten die Freiheit gegeben. Ein kurzer, aber gewaltiger Schlag war es, den dieser Hai führte, als er gebissen sich zur Wehr setzte, doch bald schoß er frei mit einer Geschwindigkeit hinweg, wie man solche diesen sonst trägen Thieren nicht zutrauen sollte.

Um nun den gefangenen Hai, dessen Körper noch halb im Wasser niederhing, sicher an Deck zu bringen, mußte ihm eine zweite Schlinge oberhalb der Rückenflosse umgelegt werden; an dieser wurde das Thier dann hochgezogen, der Schwanzwirbel durchgeschlagen und erst, als es sich verblutet hatte, an Deck genommen. Das Thier maß etwas über 13 Fuß und hatte ein furchtbares Gebiß. Dieses sollte später ein Tonganer für mich präpariren und reinigen, nachdem der Kopf wochenlang in Salz-Seewasser gelegen und alles Fleisch sich abgelöst hatte; ich sah aber nie etwas davon wieder, es hieß, die Kiste mitsammt dem Kopfe des Haies, die am Riffe versenkt worden war, sei verschwunden.

Auf meiner zweiten Reise, von Apia nach Tongatabu, lief ich, von Vavau kommend, westlich von der ganzen Tongagruppe, und befand mich eines Tages im Mai 1885, als voraus die Basaltkegel Hunga-hapei und Hunga-tonga gut in Sicht gekommen waren, nicht allzufern von den in der Karte angeführten Culebrasriffen. Mein Kurs, der südwärts gerichtet war, mußte mich gerade darauf führen. Aber als ich die hohen Inseln Kao und Tofua in Deckung gebracht hatte — die Kreuzpeilung von der Insel Namuka und Hunga-tonga ergab, ich müsse zwischen den Riffen mich befinden — wollte von den Riffen nichts sichtbar werden. Vergeblich hielt ich selbst von den Masten aus Umschau, ich konnte weit in der Runde kein Riff, noch flacheres Wasser sehen und ebensowenig die noch schärferen Augen meiner Leute.

Fünf Monate später bekam ich auf ebensolcher Reise, die Hapai-Gruppe anlaufend, in Lefuka einen Lootsen als Passagier an Bord, der sich erbot, mir den Weg durch die Riffe der Kotu- und Namuka-Gruppe zu zeigen. Ich nahm das Anerbieten an, schon weil der Weg kürzer war und ich auch wußte, dieser Mann kenne die Durchfahrten ganz genau. Es war am Nachmittage des 12. October 1885, die Insel Namuka in Sicht, hielt ich den Kurs nach der freien See zu, um nicht während der Nacht zwischen gefährlichen Riffen laviren zu müssen.

Westwärts mit freiem, leichtem Winde zog das Schiff, ich konnte hoffen, ehe die Nacht hereinbrach, die freie See zu gewinnen, bevor, wie ich fürchtete, westlicher Wind, der in der Ferne mächtige, drohende Wolkenmassen aufballte, mein Vorhaben, Namuka zu umsegeln, vereitelte. Keiner anderen Annahme konnte ich Raum geben, so ungewöhnlich in dieser Jahreszeit mir auch eine Aenderung in der Witterung erscheinen wollte, als der, es müsse ein schwerer Sturm heraufziehen. Das schönste Wetter war um uns, der Himmel blau und klar, ich konnte nicht verstehen, da auch das Barometer immer noch keine Aenderung zeigen wollte, was im Westen das Anstürmen der Wolkenmassen, die dunkel wie die heraufziehende Nacht waren, zu bedeuten habe.

Unverändert, den ganzen Horizont im Südwesten bedeckend, blieb diese Erscheinung. Wider Erwarten entwickelte sich nicht ein heraufziehender Sturm, auch nicht das Gewölk, welches ein solcher vor sich hertreibt. Ein Räthsel war es, dessen Lösung ich nicht fand.

Die Nacht brach herein, herrlich glänzte über uns der Sternenhimmel einer friedevollen Tropennacht. Nur von den Riffen, die die Insel umgeben, schallten vereinzelte Stimmen über das stille Gewässer, dort rüsteten sich die Bewohner zum Fischfange, und bald leuchteten die Kokosfackeln in den zahlreichen Kanoes auf, eine Beleuchtung, wie solche stimmungsvoller nicht der ganzen Umgebung angepaßt werden konnte.

Aber auch die tiefdunkle Nacht in der Ferne wurde erleuchtet, Feuergarben zuckten zum Himmel empor, momentan die dunkle Masse wie mit magischem Lichte erhellend. Unerklärlich, wußte ich doch, daß dorthin auf hunderte Seemeilen kein Land zu finden war; die kleinen Felseninseln Hunga-tonga und Hunga-hapai lagen südlicher. Es war nicht der Blitz, der durch die Wolken zuckte, aus der Tiefe des Meeres herauf glühte es, sekundenlang immer wieder mit graufahlem Schimmer, mit blitzendem Feuerschein, den Horizont durchleuchtend.

Nichts veränderte sich während dieser Nacht, das Phänomen blieb sich gleich, auch trotz der größer werdenden Entfernung, bemerkte ich keine wesentliche Veränderung; erst der neue Tag bleichte den Feuerschein, der, was ich schließlich als positiv habe annehmen müssen, nur von einem zum Ausbruch gelangten Vulkan herrühren konnte. In Nukualofa eingelaufen, erfuhr ich, daß am 11. Oktober ein zeitweise heftiges Erdbeben die Insel Tongatabu erschüttert habe, und die Feuergarben, die ich gesehen hatte, waren auch hier beobachtet worden.

Natürlich war jedermann auf Tongatabu in Spannung versetzt, als nach meinen Angaben, die ich zu machen im Stande gewesen, kein Zweifel blieb, daß nördlich der Inseln Hunga-tonga und Hunga-hapai der Ausbruch eines unterseeischen Vulkans stattgefunden habe; das Erdbeben also hiermit in Verbindung zu bringen sei. Selbst begierig, den näheren Zusammenhang zu erfahren, kam ich mit Herrn von Treskow überein, das Schiff so schnell wie möglich abzufertigen, und ich nahm mir vor, so eingehend als möglich zu erforschen, welche Bewandtniß es mit dieser Erscheinung habe.

Am 14. Oktober früh, nach eintägigem Aufenthalt, segelte ich wieder ab, und meinen Kurs direkt auf jene Gegend setzend, fand ich am Nachmittage, sobald die Felseninsel Hunga-tonga querab lag, daß in nordwestlicher Richtung eine neue Insel entstanden war, genau auf derselben Stelle, wo ich vor 5 Monaten vergeblich das in der Karte angegebene Culebrasriff gesucht hatte. Der frisch wehende Südost-Passat trieb das Schiff schnell vor sich her und ehe der Abend hereinbrach, war ich keine halbe deutsche Meile von dieser Insel und dem in furchtbarer Thätigkeit befindlichen Vulkan entfernt. An der Ostseite dieser neuentstandenen Erhebung, die etwa 300 Fuß hoch und ¾ deutsche Meile im Umfang haben mochte, befand sich ziemlich in der Mitte dicht am Strande der Krater. Am Südende der Insel stieg eine etwa 40 Fuß hohe, weiße Dampfsäule ebenfalls unmittelbar am Strande auf, die wie ein mächtiger Springbrunnen ununterbrochen emporschoß, und soweit ich es unterscheiden konnte, war es heißes Wasser.

Hatte der Anblick dieser entfesselten Naturgewalt schon etwas Furchtbares, so wurde das grollende Rauschen, der gewaltigsten Brandung, dem dumpfen Rollen entfernter Donnerwogen vergleichbar, fast unheimlich. Meine Leute, Eingeborne der Samoa-Gruppe und der Insel Niue, erzitterten, und ich selbst konnte mich eines Schauders nicht erwehren. Die Sprache, möcht' ich sagen, ist zu arm, um das Empfinden bei solchem Anblicke wiedergeben zu können.

Jede Minute brachen fünf gewaltige Rauchmassen aus dem tiefen Schlunde herauf, abwechselnd ein schwererer, dann ein etwas leichterer Ausbruch, unter diesen war immer einer, der mit solcher Gewalt zum Himmel fuhr, daß erst in gewaltiger Höhe die geballte Rauchmasse sich vertheilte; kaum daß der starke Wind seinen Einfluß ausgeübt hatte, war schon die nächste aus dem rauschenden, zischenden Schlunde emporgefahren.

Mit diesem günstigen Südost-Winde, der mich, das wußte ich wohl, nicht im Stiche ließ, hätte ich es gewagt, so nahe als möglich heranzusegeln, obgleich die See, durch den starken Wind erregt, um mich schäumte und brüllte; es waren keine langgestreckten Wellen mehr, sondern ein Chaos weißköpfiger, tummelnder Wogen. Aber wie wohl ich bis zum Strande nirgends Brandung sah, fürchtete ich schließlich doch, daß mit der Insel auch Untiefen, die dem tiefgehenden Schiffe verderblich werden können, gehoben sein möchten.

Ich stand hoch oben im Vordermast und schaute scharf voraus, bis plötzlich ein Blick unter mir auf die brausende See mich erschauern machte; einer gewaltigen Stromkabelung nämlich gleich war die See, durch welche mit schneller Fahrt das Schiff sich Bahn brach. Noch wartete ich, obgleich ich nicht mehr als eine Seemeile vom Krater entfernt war, da geschah ein furchtbarer Ausbruch, um den Krater, der noch immer die schwarzen Massen scheinbar direkt aus der See herausschleuderte, hoben sich die Wogen, was ich mit einem guten Glase deutlich unterscheiden konnte, als wallten sie auf von einer gewaltigen Kraft zurückgeschleudert, das Meer erzitterte, und ich fühlte das Beben des Schiffskörpers. Nun war es genug, die Unruhe meiner Leute war zu groß, ich mußte fürchten, ein plötzlicher Befehl würde ungeschickt ausgeführt werden — in so unheimlicher Nähe einer solchen Naturgewalt hätten auch wohl andere Herzen gezittert — und „hart an den Wind“ durch das Zischen der See, durch das Brausen der Eruption, rief ich das Kommando. Da ich schwerlich von den Leuten verstanden wurde, war eine Handbewegung bezeichnender, unter dem Druck seiner Segel fuhr das Schiff herum und stampfte, seine Fahrt vermindernd, auf und nieder in dieser wild durcheinander laufenden Wassermasse.

Als ich aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß keine Gefahr vorhanden, die Erschütterung nur durch den heftigen Ausbruch verursacht worden war, vergrößerte ich den Abstand nicht, und hielt, überall frei Wasser auch vor mir sehend, wieder nach Norden ab, nur lief ich nicht näher heran. Bald wurde um das Schiff die See wieder ruhiger, lief wenigstens gleichmäßiger und als ich die Nordspitze bei gleichem Abstande umsegelte, hatte ich große Lust, hier im ruhigen Wasser, an der Westseite zu landen. Doch freiwillig wäre keiner meiner Leute in das Boot gegangen und, da ich als einziger Europäer — meinen Steuermann hatte ich in Apia für ein anderes Schiff abgeben müssen — mein Schiff nicht verlassen durfte, hätte der Anbruch des nächsten Tages abgewartet werden müssen, um eine genaue Ortsbestimmung vornehmen zu können, für diesen Tag war es zu spät.

Mit dem Lothe die Tiefe zu sondiren und vorsichtig heranzulaufen hätte uns solche Untersuchung, obgleich auf einer Seemeile Abstand noch kein Grund gefunden wurde, viel Zeit weggenommen; auch lag eine tiefe Dämmerung, verursacht durch die über die Insel getriebenen Rauchwolken, an der Westseite. Einer tiefschwarzen Nacht fuhr ich entgegen, es war, als läge in ihr das Verderben vor uns.

Diesen Plan gab ich auf, wendete und fuhr, beim Winde haltend, so weit wieder ostwärts, daß der Krater in seiner unheimlichen Schönheit vor Augen blieb. Bald kam der Abend, bald entzog die dunkle Nacht, da ich nun den richtigen Kurs wieder aufgenommen hatte, die Insel unsern Augen; nur der Krater spie fort und fort seine dunklen Massen empor, aber nicht mehr wie am Tage, wo das unterseeische Feuer nur hellgrau den Fuß der emporgeschleuderten Massen färbte, sondern jetzt glühte es, als wenn ein undenkbar gewaltiger Schlot seine Feuergarben zum Himmel sendete.

Wie schnell das Schiff auch vor dem Winde seines Weges zog, so verminderte sich doch nicht diese gewaltige Erscheinung, und während dieser langen Nacht wandte ich kein Auge von diesem grausig schönem Schauspiele. Erst die im Osten aufsteigende Morgenröthe eines neuen Tages, die, wer sie einmal in ihrer Pracht auf dem endlosen Meere gesehen, nie vergißt, und immer wieder sehen möchte, bleichte den Schimmer der Feuersäule und in der hier friedevollen Natur zogen wir beflügelt unseres Weges dem fernen Ziele entgegen.

Andere Schiffe nach mir haben diese Insel in Sicht gelaufen, aber viel größeren Abstand gehalten, nach den Berichten ist, soweit ich solche verfolgen kann, die Landmasse noch weiter gehoben worden, und der Krater noch lange in Thätigkeit gewesen; auch wird berichtet, daß am Südende später drei Dampfsäulen gesehen worden sind. Sehr leid hat es mir nachher gethan, daß ich nicht den nächsten Tag abgewartet und nach einer Möglichkeit gesucht habe, an der Nordwestseite eine Landung zu versuchen, nicht dem ersten Drange, die deutsche Flagge dort aufstecken zu lassen, gefolgt bin.

Meinem Berichte über den Ausbruch dieses unterseeischen Vulkans und die Entstehung dieser neuen Insel, scheint das deutsche Konsulat in Apia keine Bedeutung beigemessen zu haben, bekannt geworden sind nur Berichte von englischer Seite und der des deutschen Kriegsschiffes „Albatros“, das wenige Monate nach mir, am 21. Januar 1886, die neu entstandene Insel sichtete. Direkt von Tongatabu nach der Insel Niua-fu bestimmt, fand ich dort die ganze Bevölkerung in großer Aufregung, denn heftige Erdbeben hatten zur selben Zeit auch diese Insel erschüttert; ein Ausbruch wurde erwartet. Der Hauptkrater, die drei Hügel im See, rauchten heftiger, dennoch wurde hier kein Ausbruch vorausgesetzt, vielmehr befürchtet, an irgend einer anderen Stelle würde ein solcher erfolgen.

Eine Beruhigung für alle war die Kunde, die ich hierher gebracht, daß im Süden ein gewaltiger Ausbruch stattgefunden habe, die Annahme, ein Ausgleich der Naturkräfte hätte sich dadurch ergeben, wirkte beruhigend auf die Gemüther, zumal da schon während der letzten Tage die Erschütterungen auf Niua-fu immer schwächer geworden waren.

Aber mag auch der Ausbruch jenes unterseeischen Vulkans ein Ableiter gewesen sein, am Ende des Jahres 1885 mehrten sich doch wieder die Anzeichen einer drohenden Gefahr; die heftigen Erschütterungen mehrten sich, bis plötzlich am Südende von Niua-fu ein sehr starker Ausbruch erfolgte, und ob ich auch nie wieder diese Insel betreten habe, hörte ich doch in den fernen Marschallinseln, daß die Verheerung durch fließende Lava auf Niua-fu furchtbar gewesen sein soll.

Ein beschränktes Feld nur ist es, im Verhältniß zur ausgedehnten Inselwelt des großen Ozeans, dessen ich hier Erwähnung gethan, und doch im Gegensatz zu den einzelnen, erwähnten Inselgruppen, den niedrigen Koralleninseln, muß die beträchtliche Anzahl erloschener, und zum Theil noch thätiger Vulkane auffällig erscheinen. Sie alle aufzuzählen scheint mir unnöthig, zumal jede hohe Insel vulkanischen Ursprungs ist, fast ohne Ausnahme ließen sich auf allen erloschene Krater nachweisen.

Bedenkt man nun, daß schon dieses kleine Gebiet seit grauer Vorzeit ein ausgedehnter Kraterheerd gewesen ist, worauf der Einfluß der stets thätigen Naturkraft Veränderungen hervorgerufen haben mag, deren Größe und Bedeutung wir heute kaum zu ermessen im Stande sind, so tritt, wenn wir die ganze ausgedehnte Inselwelt in Bereich der Frage ziehen, welchem Ursprung entstammen diese Ländermassen, unwillkürlich beim Nachdenken die Möglichkeit heran, wir könnten es hier mit einem ehemaligen, versunkenen Festlande zu thun haben. Und ganz erklärlich muß dies erscheinen, sofern nur in Betracht gezogen wird, daß bedeutende Umwälzungen und Veränderungen auf unserer Erdoberfläche stattgefunden haben, ehe die heutige Lage und Gestaltung stetig geworden ist. Wir wissen, daß die Festlande aus der Tiefe der Ozeane gehoben wurden, die mächtigen Gebirge als vereinzelte Inseln oder Inselmassen über die Oberfläche der Wasser hervorragten an denen sich dieselben Vorgänge, während zehn Jahrtausenden vielleicht abspielten, wie an den Vulkaninseln des heutigen stillen Ozeans.

Fußen wir auf diese Theorie, dann sind die vereinzelten und zusammenhängenden Bergmassen im großen Ozean, die höchsten Punkte eines versunkenen, gewaltigen Festlandes deren vulkanischer Charakter im Laufe der Zeiten zur Erhöhung durch häufige, heftige Ausbrüche viel beigetragen hat. Die Koralleninseln, ebenfalls unter der Meeresfläche gesunkene Gebirgsrücken, auf denen es der Korallenpolype ermöglicht wurde sich anzubauen, haben die Thierchen trotz des langsamen, allmählichen Sinkens der Ländermassen immer höher und höher zur Meeresoberfläche gebaut, bis auch hier Stetigkeit eingetreten ist und ausgedehnte Inseln gebildet wurden.

Die Tiefenverhältnisse im großen Ozean ergeben ein Bild, wonach mächtige Gebirgszüge diesen durchziehen, ausgedehnte Thäler umschließend, und zum Theil sehr steil anstreben bis zu 18000 Fuß und darüber; hohe Inseln im Ozean kämen demnach unsern höchsten Bergen gleich.

Die Annahme nun, daß die ganze große Inselwelt ehemals eine zusammenhängende Landmasse gewesen, führt dahin, daß diese auch von verschiedenen Völkerstämmen bewohnt worden ist; streng geschiedene Rassen, vielleicht getrennt durch natürliche Grenzen, haben hierauf weite Strecken bewohnt. Im Westen die schwarze, die Papuarasse, ganz Melanesien umfassend, östlich davon die kupferfarbene, die Polynesier, und im Norden von beiden, Mikronesien, Mischarten der Malaien. Kann angenommen werden, daß die heutige Bevölkerung Ueberreste der Urbewohner sind, die durch Versinken der Landmassen isolirt wurden, wäre die Erklärung dafür gefunden, wie allmählich selbst die niedrigen Koralleninseln bevölkert worden sind. Denn der Drang nach Ausdehnung, Aufsuchen neuer Wohnsitze, kann nach ostwärts nur im beschränkten Maaße stattgefunden haben, die Strom- und Windverhältnisse im Ozean mußten Versuche auf großen Wasserflächen vereiteln, hingegen nach Westen begünstigen, zumal da bessere Verkehrsmittel als die heutigen Kanoes schwerlich den einzelnen Stämmen zur Verfügung gestanden haben.

Der in früherer Zeit bei diesen Rassen und einzelnen Stämmen gebräuchliche Kannibalismus hat alle Spuren vertilgt, die über die Verbreitung derselben Aufschluß geben könnten, es bleibt also nur die Gewißheit übrig, daß die einzelnen Rassen ihr ursprünglich bewohntes Gebiet heute noch innehaben, was namentlich auf die Polynesier und Melanesier Bezug hat.