Sowie im Bereich der deutschen Handelsgesellschaft die ausgedehnte Tonga-Gruppe, früher auch die Vitji-Inseln, gezogen wurden, sind nördlich und westlich von Samoa in der Phoenix, Ellis, Gilbert-Gruppe, auf Una und Rotomah Handelsbeziehungen eröffnet worden und die Schiffe der Gesellschaft hielten auf diesem weiten Gebiet den Verkehr aufrecht. Verbindungen mit den Neu-Hebriden und Salomon-Inseln wurden ferner zu dem Zwecke unterhalten, um dort die Anwerbungen der so sehr benöthigten Plantagenarbeiter vorzunehmen, da der träge Samoaner sich zur dauernden Arbeit nicht bereit finden läßt. Ein Gemisch verschiedener Stämme, zu denen Rotumah- und Tapituwea-Leute (Gilbert-Inseln), sowie auch Marschall-Insulaner sich gesellen, findet man auf den deutschen Plantagen, und doch genügt oft die Arbeitskraft nicht, da nicht immer für heimbeförderte Arbeiter, nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages hinreichender Ersatz geschafft werden kann.
Die Marschall-Inseln und, im Zusammenhang mit diesen, die weite Karolinen-Gruppe und die Gilbert-Inseln bildeten in den achtziger Jahren getrennte Niederlagen für sich, gleichwie ein solches auch in Matupi (Neu-Pommern) errichtet war, unter Leitung von Beamten der deutschen Gesellschaft. Den Handelsverkehr hielten auf diesen Stationen, ebenso wie in Apia, die daselbst stationirten Schiffe aufrecht. Ablösungen der Schiffe erfolgten je nach Maßgabe der Verhältnisse, oder sobald sie reparaturbedürftig geworden waren, dem nur in Apia, der Hauptstation, abgeholfen werden konnte.
Aus dem Grunde schon, um meine Kenntniß über die Inselwelt des stillen Ozeans zu bereichern, begrüßte ich freudig die Weisung, mit einem anderen Schiffe auf den Marschall-Inseln stationirt zu werden, und im Anfang Januar 1886 segelte ich von Apia nach Jaluit, um erst nach Verlauf von zwei Jahren nach Samoa zurückzukehren.
Ziemlich nordwärts durch die Phönix-Gruppe ging mein Kurs, dem zu Folge die Marschall-Inseln weit westlich bleiben mußten, wenn keine oder nur schwache Aequatorialströmung vorhanden gewesen wäre; auch war es nöthig, wegen des nördlich vom Aequator zu erwartenden Nordost-Passatwindes, möglichst östlich von der Gilbert-Gruppe zu bleiben, um, sobald dieser einsetzen würde, mit freiem Winde die Fahrt des Schiffes zu beschleunigen; denn wenn diese Inseln in Lee blieben, wäre es zwecklos gewesen, gegen den starken Strom und Wind nordwärts zu kreuzen.
Wider Erwarten fand ich schon nördlich der Phönix-Gruppe einen starken Strom, der in 24 Stunden das Schiff 70-80 Seemeilen nach Westen versetzte, dessen Gürtel so schnell als möglich passirt werden mußte, wollte ich nicht in absehbarer Zeit gezwungen werden, mir durch die Gilbert-Gruppe hindurch einen Weg zu suchen. Zum Glück aber trat keine Windstille ein, der östliche Wind blieb beständig, wenn auch leicht, bis ich aus dem stärksten Strom heraus mit immer nördlichem Kurs die Insel Milli sichtete; ich hatte also in Wirklichkeit durch die Stromversetzung einen nordwestlichen Kurs gesegelt. Gerade drei Wochen waren vergangen, als ich den Bestimmungsort Jaluit erreichte, und begünstigt von anhaltend schönem Wetter die 1800 Seemeilen lange Entfernung in dieser Zeit zurückgelegt hatte.
Zum allgemeinen bessern Verständniß und, ehe ich zu einzelnen bemerkenswerthen Reisen durch die Marschall-Gruppe übergehe, scheint es mir angebrachter, vorher schon eine kurz gefaßte Uebersicht von diesen Inseln und deren Bevölkerung zu geben, um so mehr als besondere Eigenthümlichkeiten in der Bildung und Entstehung dieser Inseln zu erwähnen sind. Eine Gruppe verschieden geformter Atolls, oft von beträchtlicher Ausdehnung, umfassen, vom 4-12° nördlicher Breite und 166-172° östlicher Länge, die Marschall-Inseln ein weites Gebiet. Ihrer Bauart nach, sind es Randriffe der verschiedensten Bildung, die ein mehr oder weniger tiefes Korallenbett umschließen. Und wenn ich auf ihre Entstehung hinweisen soll, so haben wir die viel tausendjährige Arbeit der Korallenpolypen vor uns, die aus großer Tiefe Schicht auf Schicht bis zur Meeresfläche aufgebaut haben, und schwere See, Wind und Witterungseinfluß haben mit der Zeit zwar schmale, aber langgestreckte Inseln in beträchtlicher Zahl auf den Randriffen gebildet.
Die eigentliche Bezeichnung dieser Randriffe wäre Korallenwälle, da diese sehr steil bis zu einer großen Tiefe abfallen, und jeder Atoll erscheint wie ein langgestreckter, steiler Bergrücken, in einzelnen Fällen auch wie eine Bergkuppe, sofern man sich die thatsächliche Bildung des Meeresbodens vergegenwärtigt. Da nun die Koralle nicht tiefer als etwa 200 Fuß zu bauen beginnt, müssen in der That diese Erhebungen gleich Bergkuppen aus der Tiefe des Meeres aufragen, worauf als Grundlage die Polypen ihre Werke aufgebaut haben. Aber erwiesen ist es, daß die Korallenwälle viel hundert Fuß tief sich unter der Meeresfläche erstrecken, mithin kann der schichtweise Aufbau aus so bedeutender Tiefe nicht begonnen worden sein.
Es bleibt also nur die Annahme übrig, fast die Gewißheit, daß auch hier versunkene Höhen, besser gesagt Gebirgskuppen, das Fundament abgegeben haben, auf welchem die Koralle sich ansiedelte. Hätte nun nach erfolgtem Verschwinden der höchsten Bergspitzen ein Tiefersinken der Landmassen nicht stattgefunden, würden feste Riffflächen entstanden sein, auf denen sich im Laufe der Zeiten niedrige Inseln gebildet hätten, eine Bildung der heutigen Atolle würde naturgemäß dann nicht möglich gewesen sein. Einen anderen Anschein hingegen gewinnt es, sofern man der Vermuthung Folge giebt, daß, worauf ich schon hingewiesen, die ganze ausgedehnte Inselwelt des stillen Ozeans einst aus verschiedenen mächtigen Gebirgszügen, mit sehr zahlreichen thätigen Vulkanen bestanden hat, deren Kratersenkungen oft einen sehr bedeutenden Umfang gehabt haben müssen.
Wird dieses als erwiesen betrachtet, dann sind sämmtliche Atolls einst für lange Zeit noch über die Meeresfläche ragende Krater gewesen, Inseln, an deren Rändern die Koralle fortgebaut hat. Je tiefer die Kraterinseln langsam versanken und ein gänzliches Erlöschen der Vulkane die Folge war, ebenso schnell baute die Koralle fort und füllte schließlich die weiten Oeffnungen aus. Die Randriffe schon weit im Vorsprung konnten diese durch die bessere Ernährung der Polypen auch schneller anwachsen, aber der innere Aufbau und die allmähliche Auffüllung blieb zurück, was natürlich war, sobald das allmähliche Sinken der Landmassen aufgehört hatte, denn jetzt gestatteten die zusammenhängenden Randriffe den bauenden Polypen nicht mehr oder doch zum Theil nur, durch die von der Strömung offen gehaltenen Durchfahrten, die Zufuhr frischen Meerwassers und mit diesem frische Nahrung.
Die eine Gewißheit aber liegt bestimmt vor, ehe die heutige Beschaffenheit der Atolle herbeigeführt worden ist, sind große Zeiträume hingegangen, die alle Spuren der Entstehung verwischt haben.
Geht man von der Annahme aus, daß auffallende Veränderungen nicht mehr stattfinden, vor allem ein weiteres Sinken seit vielen Jahrhunderten unterblieben ist, dann müssen, da kein Stillstand im Schaffen der Natur eintreten kann, der einst sämmtliche Atolls durch die theils an der Innenseite, theils an den Außenriffen weiter bauenden Korallen geschlossen werden, wie es bei zwei kleineren Atolls in der Marschall-Gruppe bereits geschehen ist. Es werden, wenn dadurch auch der innere Aufbau der Korallen zum Stillstand gekommen ist, mehr oder weniger tiefe Wasserbecken zurückbleiben, die naturgemäß versumpfen müssen, sobald der vordringende Pflanzenwuchs festen Fuß faßt. Es ist erwiesen, daß starke Strömungen, wie solche durch den gleichmäßigen Wechsel von Ebbe und Fluth hervorgerufen werden, der Koralle am Weiterbau hinderlich sind, wenigstens nur langsame Fortschritte gestatten, dagegen findet man bei solchen Atolls, wo nur noch durch enge Zufahrten ein Zugang möglich, daß die Koralle diese von innen zu verbauen sucht. Begünstigt durch die immerwährend frische Zufuhr an reichhaltigen Nährstoffen, führen die Polypen in der Nähe der Durchfahrten allmählich kleinere Bänke auf, und bauen so weiter, bis jede Oeffnung im Randriff schließlich verschlossen wird, was bei den südlich liegenden Atolls zunächst zu erwarten ist.
Die Marschall-Gruppe bildet zwei nahezu parallel laufende Ketten von Insel-Atolls in Nord-Nord-West- und Süd-Süd-Ost-Richtung, die östliche die Ratock-, die westliche die Ralik-Gruppe; die Bezeichnung beider Ketten ist der Sprache der Marschall-Insulaner entlehnt. Die Ralik-Kette zählt 15, die Ratock- 14 Korallengruppen, unter denen sich einige kleinere Inseln befinden, die keine Atolle sind.
Soweit die geschichtliche Kunde reicht, soll bereits im Jahre 1529 der spanische Kommandant Alvaro de Saavedra einige Atolls gesehen und besucht haben; nähere Nachrichten liegen aber erst seit 1788 vor und zwar von den englischen Befehlshabern Marschall und Gilbert, nach denen auch die beiden großen Inselgruppen benannt worden sind. Trotzdem nun in den folgenden Jahrzehnten der stille Ozean mehr und mehr von Kriegs- und Kauffahrteischiffen befahren und erforscht wurde, sind doch nur spärliche Nachrichten von jener fernen Inselwelt zu uns gekommen; bisweilen meldeten sie auch von dort verschollenen oder ermordeten Schiffsbesatzungen.
So befand sich im Jahre 1824 der amerikanische Walfischfänger „Globe“ in der Nähe der Insel Milli, wo der größte Theil der Besatzung dieses Schiffes meuterte und landete. Es gelang zwar einigen von der zahlreichen Mannschaft, die gezwungen den Meuterern hatten folgen müssen, ihr Schiff wieder zu erreichen und die offene See zu gewinnen, auch waren diese, obschon es ihnen an Offizieren fehlte im Stande die Sandwich-Inseln zu erreichen; auf ihren Bericht hin wurde dann im folgenden Jahre der Schooner „Delphin“ ausgesandt, um wenn möglich die Meuterer zu ergreifen. Aber nur zwei ganz junge Leute, die keinen Antheil an der Meuterei gehabt, wurden noch lebend vorgefunden, alle übrigen waren von den Eingebornen erschlagen worden, weil diese die ihnen überlassenen Frauen roh behandelt hatten, sie verfielen der Rache der Eingebornen und ernteten so den Lohn ihrer Thaten.
1834 landete Kapitän Dowsett auf den Marschall-Inseln. Dieser unterhielt freundlichen Verkehr mit den Eingebornen und nichts befürchtend, landete er eines Tages, und ging allein in ein Dorf, nicht ahnend, daß inzwischen seine Mannschaft am Strande ermordet worden war. Die an Bord zurückgebliebenen, die den Vorgang mit ansahen, waren der Meinung, ihr Führer sei auch erschlagen worden. Sie lichteten sofort die Anker und entflohen. Als das Schiff nach Honolulu zurückgekehrt war, wurde sogleich die „Waverley“ ausgerüstet, um nach Kapitän Dowsett oder dessen Schicksal zu forschen. Es wurde aber nichts weiter gefunden, als einige dem verschollenen Kapitän gehörende Sachen, und sein, in die Rinde verschiedener Bäume eingeschnittener Name. Die Eingebornen, mit denen wohl schwer eine Verständigung erzielt werden konnte, erzählten, der Kapitän sei mit seinem Boote in See gegangen; jedoch der Führer des „Waverley“ glaubte ihnen nicht und ließ eine ganze Anzahl niederschießen. Darauf segelte das Schiff weiter nach Ponape, der größten Insel der Karolinengruppe, und lief auch die östlichste dieser Inseln, „Kusai“ an, hier aber ereilte alle das Schicksal, das Schiff wurde von den Eingebornen genommen und die ganze Besatzung getödtet. Späteren Nachrichten zu Folge hat Kapitän Dowsett noch im Jahre 1843 auf einer Insel in der Ralikkette, die er mit seinem Boote erreichte, gelebt, wahrscheinlich aber hat er von hier die Karolinen erreicht und ist auf einer dieser Inseln getödtet worden.
Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, wo an verschiedenen Inseln Schiffe genommen, oder der Versuch dazu gemacht wurde, selbst schiffbrüchige Seeleute wurden nicht verschont; noch im Jahre 1852 wurde vor der Insel Ebon ein Schiff erobert, dessen Besatzung der Rache der Eingebornen verfiel, weil Jahre vorher dort von Weißen ein großer Häuptling getödtet worden war.
Selbst auf Jaluit, der heutigen Hauptinsel, wurde, wie ich aus sicherster Quelle erfahren, wenige Jahre später ein amerikanisches Handelsschiff die „See-Nymphe“ genommen. Es ankerte in der Lagune unter der Insel „Medjado“, und, hier mit den Bewohnern Tauschhandel treibend, ließ sich der Führer hinreißen, einen Häuptling thätlich zu beleidigen. Die Folge war, daß dieser mit seinen Verwandten und seinem Anhang einen Ueberfall plante, der, sobald die Mannschaft des Schiffes wieder landete, ins Werk gesetzt wurde. Es heißt, der damals noch junge Kabua, der jetzige König in der Ralik-Kette, habe selbst den nichtsahnenden Schiffsführer auf seinen Schultern über das Riff getragen, andere Eingeborne trugen auf gleiche Weise die Besatzung zum Lande. Weit genug vom Schiffe entfernt, wehrlos in die Gewalt der Eingebornen gegeben, wurden die Ahnungslosen auf ein gegebenes Zeichen hinterrücks niedergeschlagen. Das Schiff wurde darauf ausgeraubt und es entging keiner dem Tode.
Die Ursache dieser Metzeleien, der so viele Unschuldige zum Opfer gefallen sind, ist in der Roheit zu suchen, welche die Führer amerikanischer Walfischfänger, die in diesem Gebiete reiche Beute erjagten, an Eingebornen verübt haben. Sie litten es, daß oft mit Gewalt den Eingebornen die Weiber entrissen wurden, auch verhängten sie ungerechte Strafen. Mehr aber noch haben die zügellosen Mannschaften solcher Schiffe, deren brutales Auftreten die Führer nicht zu hindern vermochten, verschuldet, und bitteren Haß gegen den weißen Mann in die Herzen der Inselbewohner gesät.
Schlimmer noch, sie hinterließen scheußliche Krankheiten, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, tausende hinwegrafften und ein gesundes Volk zur Verzweiflung brachten. Erst nachdem die Meerbewohner vernichtet, die Walfischjagden nicht mehr lohnend genug geworden waren, wurden die Marschall-Insulaner seltener belästigt. Als dann die Missionare kamen, (zuerst 1857 auf der Insel Ebon) predigten diese das Evangelium und fanden willige Hörer bei denen, die so oft ihre Hände in das Blut des weißen Mannes getaucht hatten; eifrig befolgten die Eingebornen die göttliche Lehre und vergaßen ihre Rachsucht.
Heute, unter deutschen Schutz gestellt, mögen diese Insulaner, die so manche gute Eigenschaft besitzen, aufathmen, und sich in Sicherheit, ihres Daseins freuen; aber leider ward mit der Zivilisation auch der Todeskeim ausgestreut, langsam, aber sicher geht diese Menschenrasse dem endlichen Verfall entgegen.
Sowie geographisch der Marschall-Archipel in zwei Gruppen getheilt wird, so kann dies auch in Bezug auf Bevölkerung und politische Verhältnisse geschehen, denn sowohl die Ralik- als auch die Ratak-Kette ist in dieser Beziehung jede für sich als ein getrenntes Ganzes zu betrachten. Schon die Sprache beider Gruppen ist verschieden, nicht in ihrem Bau, vielmehr im Dialekt, und gleiche Unterschiede zeigen sich in den politischen Verhältnissen der Bewohner. Während auf der Ratak-Kette fast jeder Atoll von einem, oder mehreren Häuptlingen beherrscht wird, die oft in gegenseitiger Fehde leben und sich der Herrschaft zu bemächtigen trachten, selbst zur Eroberung anderer Gruppen (Atolls) lang vorbereitete Kriegszüge unternehmen, liegt die ganze Macht auf der Ralik-Kette in den Händen eines Königs, jenes schon erwähnten Kabua, besser gesagt, in den Händen seiner Familie.
Die Macht richtet sich hier nach Besitz und Anhang, und obgleich Kabua nicht der reichste der Häuptlinge, ist er doch als der älteste als König anerkannt worden, zumal da die Besitzungen seiner Stiefsöhne und deren Einfluß sein Ansehn erhöhte. Sein Stiefsohn Nelu (Lojab), dessen Bruder Lagajime, Litokua und neben diesen Launa sind die einflußreichsten Häuptlinge auf der Ralik-Kette; namentlich Nelu, seine Brüder und seinen Anhang habe ich häufig an Bord gehabt und mit diesen Reisen von Atoll zu Atoll gemacht.
Bei den meisten ungebildeten, sogenannten wilden Völkern findet man, daß das Weib nicht als gleichberechtigt angesehen wird, vielmehr die Sklavin des Mannes ist, auf deren Schulter alle Lasten und Mühen abgewälzt werden. Doch die Polynesier zeichnen sich darin aus, daß sie das Weib höher stellen, mehr noch ist dieses bei den Mikronesiern der Fall; vor allem bei den Marschall-Insulanern, bei welchen es volle Gleichberechtigung hat, d. h. keine Beschränkung im Handeln, in Haus und Hütte, und soweit des Weibes Einfluß reicht, der, da Rang und Würde nur vom weiblichen Geschlechte abgeleitet wird, häufig groß ist.
Die Bevölkerung ist zum großen Theil besitzlos, aller Landbesitz liegt in den Händen der Häuptlinge, deshalb ist es den Bewohnern nur gestattet, eine Frau zu haben, wo hingegen die Häuptlinge mehrere haben dürfen, doch bleibt die erste Frau, sofern sie Kinder hat, die rechtmäßige; sie ist bei den Vornehmen gewöhnlich die Tochter eines Besitzenden. Steht die Frau im Range höher als der Mann, so erhält dieser auch eine höhere Würde, nur über das Eigenthum der Frau hat er kein Verfügungsrecht, das verbleibt als mütterliches Erbtheil den Kindern. Die Tochter eines Häuptlings kann einen gewöhnlichen Mann heirathen, durch diese Verbindung wird derselbe ebenfalls in den Häuptlingsrang erhoben, auch auf die Kinder geht diese Würde über. Dem Häuptlinge steht es frei, sich die Frau eines seiner Untergebenen anzueignen, nie aber kann ein Besitzloser sich wiederum eine Häuptlingsfrau (also Wittwe) zum Weibe nehmen.
Etwas auffallend will es mir scheinen, daß nach meiner eigenen Wahrnehmung selbst im Innern Afrikas, bei den Völkern am Nyassa-See und oberen Schire, die ganz gleiche Einrichtung der weiblichen Erbfolge besteht, nur daß dort nicht direkt der Sohn als Nachfolger bestimmt wird, sondern der Neffe, und trotz des dem Weibe zugestandenen Vorrechtes, dieses doch nur sehr gering geachtet und mehr als Sklavin betrachtet wird.
Die Ehe bei den Marschall-Insulanern ist nur ein lockeres Band, leicht geschlossen und leicht gelöst. Der Eingeborne nimmt sich das Mädchen zur Frau, die ihm gefällt, sofern die Eltern desselben damit einverstanden sind, gefällt sie ihm aber nicht mehr, so schickt er sie einfach fort und sucht sich eine andere. Zwar hat wie in anderen Gewohnheiten auch hierin der Einfluß der Missionare Wandel geschaffen, namentlich auf den südlicheren Atolls, wo das Christenthum große Verbreitung gefunden hat, doch hat auf Gesittung die neue Lehre wenig Einfluß gehabt; Keuschheit ist keine Tugend der Insulaner, schon sehr jung verkehren, ohne daran gehindert zu werden, die Geschlechter mit einander und üble Folgen bleiben nicht aus, ebenso ist selbst die nächste Verwandtschaft kein Hinderungsgrund für solchen Umgang.
Als Beweis recht lockerer Sitten gilt der Umstand, daß es keiner Frau verargt wird, wenn sie sich einen anderen Verkehr sucht, sobald der Mann auf längere Zeit abwesend ist oder sich auf Reisen befindet; indeß schwinden solche Gewohnheiten immer mehr und mehr, häufiger trifft man sie nur noch auf den nördlicheren Atolls an. Von Erziehung kann eigentlich keine Rede sein, den Kindern wird in jeder Hinsicht volle Freiheit gelassen, Arbeit lernen die Kinder nicht kennen, das einzige was ihnen vielleicht von Seiten der Eltern beigebracht wird, ist die Einübung der Tänze und Gesänge. Auffallend ist auch die große Sterblichkeit unter den Kindern, wohl eine Folge zu geringer Aufsicht und schon früh entwickelter Krankheitskeime; die stetige Abnahme der Bevölkerung ist darauf zurückzuführen.
Der Körperbau der Männer überschreitet selten das Mittelmaß; die Weiber sind durchweg von kleinerem Wuchse. Diese verlieren auch schnell ihre Reize, schon im Alter von zwanzig Jahren ist alle Schönheit vergangen, wenn überhaupt von solcher die Rede sein kann, obgleich im jugendlichen Alter vielen der Reiz der Anmuth eigen ist, aber im Alter werden sie recht häßlich.
Daß auf den nördlichen Atolls sich ein kräftiger Menschenschlag erhalten hat, liegt wohl daran, daß dieser mit einer etwas rauheren Natur zu kämpfen, auch weniger durch die von Weißen eingeführten Krankheiten zu leiden gehabt hat. Auch zeichnen sich hier die Könige und Häuptlinge meistens von ihren Untergebenen durch eine stattlichere Gestalt aus, weil sie bemüht sind, möglichst reines Blut in ihrem Kreise zu erhalten, wovon freilich der bereits erwähnte große Häuptling Nelu eine Ausnahme macht, denn fast klein und schwächlich gebaut, hat er durchaus nichts Achtunggebietendes an sich.
Um Sitten und Gewohnheiten dieser Insulaner zu erforschen, muß man sich zu solchen Inseln und Atolls wenden, wo noch nicht der Einfluß der Zivilisation bemerkbar geworden ist, was besonders in Bezug auf Trachten der Fall. So tragen auch heute noch sowohl Männer als Frauen langes Haar, das stark und schwarz, von jenen am Hinterkopfe in einem Büschel oder Knoten zusammengebunden wird, die Frauen tragen es dagegen lose. Als besonderen Schmuck bei feierlichen Gelegenheiten, Tänzen und auch Kriegszügen, bedienen sich die Männer der Hühnerfedern; die tätowirten Gestalten mit aufrechtstehenden Federn in den Haaren, und oft unnatürlich erweiterten Ohrlappen geben sich dadurch ein wildes, Furcht erweckendes Aussehen.
Die Tätowirung ist allgemein und wurde früher mit Festlichkeiten verbunden, heute, wer die Kosten erschwingen kann, läßt solche ohne weiteres vornehmen, und entspricht eine solche dem Stande, welchem der Mann angehört. Dieses schmerzhafte Verfahren — ich habe oft, wenn hunderte Nadelstiche in die Haut getrieben wurden, die Nerven der Eingebornen bewundert — wird nach und nach auf dem ganzen Körper vorgenommen, sodaß die eigentlich helle Kupferfarbe der Haut unter den blauen Streifen verschwindet, sogar die Ohren, Augenlider, selbst die Finger werden tätowirt. Die Zeichnung ist immer streifenförmig, die Striche sind auf einem bestimmten Körpertheil stets gleichmäßig, entweder wagrecht oder senkrecht; auf Brust und Rücken laufen die Streifen meistens unter einem Winkel zusammen.
Wie bei den Samoanern, so benutzt man auch hier ein Instrument, das aus vielen Nadeln zusammengesetzt ist und die Breite der Streifen hat. Die Häuptlinge sind auch im Gesicht tätowirt und haben auf den Schultern undeutliche verschwommene Zeichnungen. Die Frauen sind weniger gezeichnet, in gleicher Weise höchstens an den Beinen, die Arme und die Brust werden seltener tätowirt.
Nicht zufrieden mit solcher langwierigen, schmerzhaften Operation, setzten diese Insulaner einen gewissen Stolz darin, unnatürlich erweiterte Ohrlappen auf künstlichem Wege herzustellen. Schon von früher Jugend an wird in beide Ohrlappen ein Loch geschnitten und dieses durch Einzwängen von einem Streifen des dehnbaren Pandanusblattes allmählich erweitert. Auf diese Weise wird das Loch im Ohrlappen bis vier Zentimeter und darüber lang, genügt dies nicht, wird der Fleischring dicht an der Backe abgeschnitten und mit einem Schnitt im Backenfleisch weiter unterhalb des Ohres verwachsen gelassen. Ist die Heilung erfolgt, so wird nun im Backenfleische selbst weiter geschnitten, bis ein Ring entstanden ist, durch den man bequem die Hand hindurchstecken könnte. Wird solches Loch nun mit einem aufgerollten Pandanusblatte ausgedehnt, so gewinnt es den Anschein, als hingen zwei hohle Röhren an den Backen herunter, was freilich etwas besonderes vorstellen soll, aber gewiß nichts zur Schönheit, vor allem nicht beim weiblichen Geschlechte beiträgt, bei alten Frauen und auch Männern sogar recht widerlich aussieht.
Uebrigens habe ich solche Erweiterung der Ohrlappen nur bei ganz alten Leuten gefunden, ein Zeichen, daß die Operation seit vielen Jahren fortgesetzt wurde; gewöhnlich aber ist das Loch nur einige Zentimeter groß und dient als Aufbewahrungsort für Schmuckgegenstände, als Muscheln, Blätter und Blumen, namentlich einer lilienartigen Blüthe, auch für Tabak, Pfeifen u. a.
Die Willkürherrschaft der Häuptlinge, unter denen der reichste auch der mächtigste ist, hat dahin geführt, daß, wie schon erwähnt, die Bevölkerung nur in zwei Klassen, die Besitzenden und Besitzlosen, zerfällt und der großen Masse eigentlich nichts gehört, diese vielmehr vollständig von den Landbesitzern abhängig ist. Ein solcher giebt dem Besitzlosen ein Stück seines Landes, auf welchem jener seine Hütte erbauen, sowie die Erzeugnisse, als Pandanus, Brotfrucht und Taro verwerthen kann, nur die Kokospalmen gehören ihm nicht.
Für Land, Schutz und Obdach ist der Besitzlose verpflichtet, gemeinhin sechs Monate zu arbeiten und zwar während dieser Zeit die Kokosnüsse für den Besitzer einzuernten, den Ertrag der Palmen in der anderen Jahreshälfte kann er für sich selbst verwenden, aber, da die Kokosnuß so gut wie baar Geld im Tauschhandel ist, muß er häufig noch seinen Antheil abgeben und ihm verbleibt nur wenig.
Dennoch kennt der Eingeborne keine Nahrungssorgen, und will er nur verwenden, was die Natur so reichlich ihm zugedacht hat, so kann er mit geringer Müh' und Arbeit sich ein sorgenloses Dasein schaffen, Bequemlichkeit, oft Gleichgültigkeit jedoch verhindern ihn daran, er ißt, was er gerade hat und sobald er das Bedürfniß fühlt, sich zu sättigen, ihm genügen schon die Milch und der Kern einer Kokosnuß, oder die süße Pandanus.
Letztere Frucht, die ich überall auf den Marschall-Inseln gefunden habe, dient namentlich zur Zeit der Reife als ein Hauptnahrungsmittel. Sehr zuckerhaltig, wird der süße Saft aus der fasrigen, prismatisch geformten Frucht, aufgesogen und da dieser nahrhaft genug ist, genügt er schon zur Sättigung. Mehr aber noch eignet sich der darin enthaltene Zuckerstoff zur dauernden Erhaltung einer Art Speise Pyru genannt. Dieselbe wird aus der Arrowroot-Wurzel, Brotfrucht und Kokosnuß hergestellt; auf heißen Steinen gebacken, durch den reichlichen Zusatz von Pandanussaft äußerst dauerhaft gemacht, hat sie einen der Feige ähnlichen Geschmack. Die Masse wird in etwa Zolldicke auf Blättern zubereitet, fertiggestellt wird sie dann aufgerollt und sehr dicht in trockenen Pandanusblättern eingepackt und mit dem schon beschriebenen Cajar kunstvoll verschnürt. So erhält man eine angenehme Dauerspeise, die jahrelang sich hält, selbst im Wasser nicht verdirbt.
Die so verfertigten Rollen, von gewöhnlich einem Meter Länge und fünfzehn Zentimeter Durchmesser, haben ein beträchtliches Gewicht, sie werden im Haushalte nur verbraucht, wenn Mangel an anderen Nahrungsmitteln eintritt; gewöhnlich aber dient diese Speise dazu, um auf weiten Seereisen oder an entlegenen Orten, wo nichts Genießbares erhältlich ist, die benöthigte Nahrung zu ersetzen.
Der Pandanusbaum, ein schlanker, fester Stamm, der zuweilen die Höhe einer mittelhohen Palme erreicht, trägt eine Blätterkrone, deren Zweige ähnlich den einzelnen Blattstreifen einer Kokospalme, tief herabhängen; die Frucht, ein bis 70 Pfund schwerer Kolben besteht aus vielen prismatisch geformten, nach innen spitz zulaufenden, faustgroßen Fruchtkernen, die, gut gereift, sich leicht loslösen lassen.
Für die Marschall-Insulaner, kann man sagen, ist dieser Baum fast werthvoller als die Kokospalme; mit den Blättern deckt er das Dach seiner Hütte, der Stamm giebt ihm die Stützen, die Frucht nahrhafte Speisen, und aus dem Blatte verfertigt er sich seine kunstvoll gearbeitete Kleidung, dazu geben Handstöcke und Knüttel die Luftwurzeln. Das Pandanusblatt läßt sich, wenn es getrocknet ist, nach Belieben in ganz feine Streifen zertheilen; um diesem aber die Sprödigkeit zu nehmen, wird das Blatt erst für längere Zeit in Frischwassertümpel gelegt, dann aufgerollt und feucht tüchtig geklopft. Dadurch gewinnt der Eingeborne einen dauerhaften Stoff zu seinem Mattengewebe und zu Hüten die dem echten Panama an Güte fast gleich kommen und lange halten. Ueberhaupt entwickeln die Frauen im Handflechten eine Geschicklichkeit, die kaum übertroffen werden möchte.
Sucht sich der Mann keine angemessene Beschäftigung — Trägheit ist ihm angeboren — so hilft er den Frauen beim Flechten der Matten, oder bereitet das Material dazu vor, auch übernimmt er wohl selbst solche Arbeit. Hierbei bedienen sie sich nicht allein der Hände, sondern auch die Füße müssen helfen, und zwar dienen die beweglichen Zehen dazu, die Gewebe fest und straff zu halten.
Die Tracht der Frauen ist einfach genug, ihre ganze Bekleidung besteht bei Erwachsenen aus zwei lang herunterhängenden Matten, von denen eine vorne, die andere hinten angebracht ist und zwar so, daß sie übereinander fassen und mittels eines Gürtels um die Hüften festgehalten werden. Dieser Gurt, ein weiß und schwarz gesprenkeltes dünnes Tau, häufig mehrere Meter lang, wird um den Leib gewickelt und der obere Theil der Matten um dieses eingesteckt, so bleibt von diesem nichts sichtbar. Junge Mädchen tragen eine kürzere, ebenso befestigte Matte, aber nur nach vorne und je nach Alter und Größe ist eine solche breiter oder schmäler; der Oberkörper bleibt unbedeckt, Kinder sind ganz nackt. Aehnlich wie die Samoaner, tragen auch die Männer einen Bastrock, verfertigt aus den Fasern des Boa-Busches, indeß ist die Herstellung eines solchen kostspielig und seltener habe ich solche Bekleidung gefunden; gewöhnlich macht eine zwischen die Beine gelegte und um den Leib mit einer Schnur befestigten Matte den ganzen Anzug des Mannes aus. Von meiner Schiffsbesatzung, die meistens nur aus diesen Insulanern bestand, hatten die meisten selten mehr in ihrem Besitz als solch Bekleidungsstück und eine Schlafmatte; liebten es aber, sobald ihr Verdienst groß genug geworden, der gewöhnlich 52-60 Mark monatlich betrug, sich nach europäischer Art, mit Hose und Hemd zu bekleiden.
Was den Bau der Wohnungen der Marschall-Insulaner anbetrifft, so findet man sowohl recht ärmlich und einfach, als auch großartig und kunstvoll aufgeführte Bauten. Oft genügen ihnen als Aufenthaltsort sogar die denkbar einfachsten Hütten; ein schrägliegendes Dach, das vorne auf Stützen, hinten auf der Erde ruht, und mit Wänden aus Flechtwerk hergestellt ist. Dennoch ist die Bauart der Hütten und Häuser auf einigen Atolls verschieden, nicht in der Form vielmehr in der Größe und Festigkeit, größere Häuser sind mit bemerkenswerthem Geschick erbaut. Das Dach, das gewöhnlich aus einem Geflecht von Pandanus- oder Kokosblättern wasserdicht hergestellt wird, ist eine feine Arbeit. Man findet das Innere eines Hauses meistens reinlich und sauber, oft auch mit feinen Matten ausgeschmückt; der Boden ist mit kleinen Korallensteinen bedeckt und gewöhnlich mit großen, reinlichen Matten belegt. Auch die nähere Umgebung zeugt von einem Sinn für Reinlichkeit, der Erdboden ist ringsum geebnet und ebenfalls mit kleinen Steinen besät. Man kann sagen, je nach Zahl der Familienglieder begnügt sich der Eingeborne entweder mit einer unscheinbaren Hütte oder er baut sich ein stattliches Haus.
In größeren Bauten ist meistens auf den Sparren noch eine besondere Schlafstätte für das Ehepaar oder vornehmere Gäste errichtet, sonst schlafen alle durcheinander auf dem mit Matten bedecktem Fußboden. War ich gelegentlich gezwungen die Gastfreundschaft der Eingeborenen in Anspruch zu nehmen, dann wurde stets ein besonderes Lager für mich hergestellt.
Geschick und Kunstfertigkeit der Insulaner lassen sich erst recht beurtheilen, wenn man in ihre Kirchen eintritt; alles Schöne, was sie durch ihrer Hände Arbeit herzustellen im Stande sind, ist darin vereinigt und eine wahre Ausstellung weisen die langen Wände auf, die ganz mit feinen, in Form und Muster verschiedenen Matten behängt sind. Es finden sich darunter Gewebe, die Zeugniß ablegen von großer Geschicklichkeit und außerordentlichem Fleiße.
Die Lebensweise der Eingebornen ist ein sorgloses Dahinträumen, das nur unterbrochen wird, wenn sie sich gelegentlich zur ernsten Arbeit aufraffen. Vor Tagesanbruch, wenn noch frische Kühle über Meer und Land gebreitet liegt, sorgt der Insulaner schon für den täglichen Unterhalt, d. h. er erklettert die hohe Palme und bricht genügend Nüsse ab oder schafft andere Lebensmittel herbei; er liebt nicht die heißen Sonnenstrahlen und sucht Kühlung und Schatten unter seiner Hütte oder unter breitästigen Bäumen. Auch mehrmaliges Baden am Tage in der See ist ihm zur Gewohnheit geworden, als tüchtiger Schwimmer und Taucher scheut er selbst nicht vor schwerer Brandung zurück. Sonst, wenn keine Nothwendigkeit zur Arbeit vorliegt, verträumt er den Tag, und essen, schlafen, rauchen, gelegentliche Handreichung, füllt die Tagesstunden aus. Lebendig und lebhaft wird er erst, sobald das Tagesgestirn zur Rüste geht, der Hauch vom endlosen Ozean ihm Kühlung zufächelt, auch sucht er erst zur späten Nachtstunde sein Lager auf; vor allem liebt er es in mondhellen Nächten im Kreise Vertrauter zu rauchen und zu plaudern, wobei es recht laut und lebhaft hergeht. Für den Europäer, der die Ruhe der Nacht nicht gestört wissen will und gerne schlafen möchte, was oft Mosquitos und drückende Schwüle verhindern, sind solche Ausführungen, Gesang und Tänze, nächtlicher Weile, manchmal recht unangenehm.
Die Gesänge sind eintönig und wenig melodienreich; im Chor gesungen, werden sie stets langsam und halblaut begonnen, allmählich aber lauter und schneller, begleitet mit Händeklatschen und dem taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers, bis sie schließlich zu einem Tempo übergehen, das mehr Aehnlichkeit mit Schreien als mit Singen hat. Vor allem haben die Frauen große Fertigkeit darin, und jede Bewegung mit der Hand oder dem Körper wird stets sorgfältig ausgeführt, genau wie bei den Samoanern; freilich habe ich auf diesen Inseln die Frauen nie tanzen sehen, nur Männer zuweilen, mit Federbusch, Muscheln und sonstigem Zierrath geschmückt, führten vor meinen Augen Tänze auf, zu denen die Frauen im Chor sangen.
Anlaß zu Tänzen und Aufführungen giebt jedes geringe Vorkommniß, z. B. das Eintreffen eines Europäers, eines Schiffes u. a.; der Vorsänger erzählt darüber, was ihm gerade in den Sinn kommt, oft den tollsten Unsinn, und zwar in kurzen Sätzen, hinter denen der Chor irgend einen Kehrreim unermüdlich absingt, bis der Gegenstand erschöpft ist und der Schluß durch lautes Klatschen schon allseitige Zustimmung gefunden hat.
Auch von Häuptlingen aufgeführte Einzeltänze sind nicht selten, solche haben aber immer ein kriegerisches Gepräge; wilde Geberden, Sprünge, Gliederverrenkungen, ein möglichst wildes Aussehen gehören dazu und können bei dem Zuschauer das Gefühl erwecken, als würde man es im Ernstfalle mit einem furchtbaren Gegner zu thun haben. Der Gesang ist mehr Geheul, ein Rühmen nie ausgeführter Thaten, zu dem ein Chor von Männern und auch Frauen ein entsprechendes Lied oder den passenden Kehrreim absingen.
Eine Eigenthümlichkeit dieser Insulaner ist ferner, daß sie ihre Todten nicht der Erde, sondern dem Meere übergeben, wobei sie eine Ausnahme mit den Häuptlingen machen. Ist ein gewöhnlicher Mann gestorben, wird er in Matten fest eingehüllt und bereits am zweiten Tage mit einem Kanoe in die See hinaus geführt, wo, fern dem Lande unter Beobachtung einiger Zeremonien der Todte den Wellen übergeben wird. Ans Land wird die Leiche wohl sehr selten wieder angeschwemmt, dafür sorgen schon die zahlreichen Haie, welche diese als willkommene Beute ansehen und schnell genug damit aufräumen.
So lange die Beerdigung am Lande oder in der See nicht erfolgt ist, werden Klagelieder um den Todten gesungen, auch Tänze aufgeführt, dann aber ist es Sitte, daß die Verwandten die Hinterbliebenen besuchen und beschenken.
Die Grabstätten der Häuptlinge werden gewöhnlich außerhalb eines Dorfes angelegt, wenn möglich in Korallensand gegraben; ist das Grab zugeschüttet, wird der Hügel abgeflacht und mit Steinen glatt bedeckt. Unter Palmen und Gebüsch liegen solche Stätten, oft nur noch erkennbar an den Steinhaufen, aus denen als einziges Zeichen verwitterte Kanoe-Paddeln hervorragen, die der Todte einst geführt oder angefertigt hat. Einem Todten wird alles mögliche mit in das Grab gelegt, Eßwaaren, Tabak, Pfeifen, u. a. m., damit derselbe auf der langen Reise, die er angetreten hat, nichts entbehrt. Auf frischen Gräbern habe ich fast immer Tabak und Nahrungsmittel vorgefunden, die dem Todten gespendet waren, sie dienen freilich nur dazu, die zahllosen Ratten, die gierig über solche Speisen herfallen zu sättigen.
Eine gewisse Scheu hat der Eingeborne auch davor, die Gräber der Verstorbenen zu öffnen; da er glaubt, der Geist des Todten könne ihm Uebels thun, so läßt er sich nicht dazu bewegen. So ist die deutsche Station auf der Insel Jabor (Jaluit) auf einem verfallenen Kirchhofe erbaut worden, die Zeit hat aber alle äußeren Spuren verwischt und nichts mehr deutet darauf hin, daß hier vor langen Jahren die Angesehensten und Vornehmsten der Bevölkerung begraben worden sind. Ich wußte es auch nicht eher, als bis ich, mit der Aufrichtung eines hohen Flaggenmastes betraut, mit meiner Mannschaft die nöthigen Vorbereitungen dazu treffen wollte. Die Leute weigerten sich aus den angeführten Gründen, an der bezeichneten Stelle eine Grube zu graben, und, unnöthiger Weise einen Zwang befürchtend, entfernten sie sich, und kehrten erst zum Schiffe und ihrer Pflicht zurück, nachdem der Flaggenmast errichtet war. Sie ernstlich zu tadeln wäre thöricht gewesen, da sie sonst stets willig und gehorsam waren, und nur abergläubische Furcht sie hinweggetrieben hatte, worauf eben Rücksicht genommen werden mußte.
Als die Ausschachtung von Arbeitern der Station (Neu-Hebriden-Insulanern) vorgenommen ward, in der eine feste Mauerung aufgeführt werden sollte, um das Grundwasser vom Fuß des Mastes fernzuhalten, stießen diese auf ein Grab; vorsichtig ließ ich das gefundene Skelett freilegen und gedachte den Schädel zu erhalten, aber das vermoderte Knochengerüst fiel zusammen und da nichts davon verwendbar war, wurden die Ueberreste an einer anderen Stelle vergraben.
Wie im weiten Ozean, und namentlich unter den Riffen und Inseln viele Fischarten angetroffen werden, so sind auch die Lagunen sehr fischreich. Schillernd in den schönsten Farben findet man hier die merkwürdigsten Arten und Größen. Aber leider was das Auge erfreut, ist dem Magen nicht dienlich, der Genuß solcher schönen Meerbewohner bringt dem Menschen den Tod oder langes Seichthum.
Durch das klare Meerwasser bis auf den Grund schauend, sieht man auf wachsenden Korallenriffen ein wunderbares Gebilde, bunte Sträucher, kleine Bäume, schöne Blumen, ein bunter, blühender Garten dehnt sich in der Tiefe aus; Gewächse in einer Mannigfaltigkeit, wie sie auf der Erdoberfläche schwerlich könnten zusammengestellt werden. Und alles dies ist nur das Werk der unscheinbaren Korallenpolype, die die wunderbarsten Gebilde auf dem tiefen Grunde erbaut. Ein reges, ungeahntes und nie geschautes Leben herrscht weiter unten, vieltausend Thiere, nicht sichtbar für des Menschen Auge leben und weben in dieser verborgenen Welt. Stahlblaue Fischlein spielen umher, bald hier bald dort an einem Strauche oder einer Blume naschend; naht sich ein größerer Fisch oder erschreckt sie irgend etwas, fliehen sie im Nu in das Labyrinth der Pflanzenwelt, oder suchen Schutz und Deckung zwischen den Zweigen, unter den Aesten der vielgestaltigen Korallenformen, wohin kein Feind ihnen zu folgen vermag.
Das Wenige, was in dieser unterseeischen Welt sichtbar ist, die Schönheit derselben und ihre Bewohner, kann keine Feder schildern, selbst wenn man die Phantasie zu Hilfe nähme, würde man hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Stundenlang über den Bord meines Bootes geneigt, achtlos die Angel in der Hand, trieb ich oft über ein Korallenfeld, und ward gefesselt von der Schönheit dessen, was ich unter mir vorüberziehen sah. Geradezu Wunderwerke erbaut die Koralle, die nicht vergehen und die Zeit die rastlose Schaffenskraft der Natur, selbst zu Inseln gestaltet, auf denen der vergängliche Mensch, der Schöpfung vollkommenstes Wesen, leben und auch leiden kann — die Werke von Menschenhand verfallen, die der winzigen Polype bleiben bestehen!
Nicht selten ist unter dem Schönen und Schönsten, was die Natur erschaffen, ein bitterer Kern, ein Tropfen Gift enthalten; so birgt auch die Koralle, unter einer schönen Hülle, ein tödtliches Gift, das den Meerbewohnern, den bunt schillernden Fischen nichts schadet, diese selbst aber giftig und gefährlich macht. So finden sich denn unter der großen Zahl von Fischen viele Arten, die nicht gegessen werden dürfen; stets muß ein gemachter Fang dem Gutachten eines erfahrenen Eingeborenen unterbreitet werden, will der Europäer nicht Gefahr laufen, Gesundheit und Leben zu gefährden.
Trotzdem machen die Eingebornen den Versuch, die Beschaffenheit eines ihnen unbekannten Fisches durch Essen zu erproben, bezahlen diesen aber, da sie keine Gegenmittel haben, oft mit dem Leben.
Tüchtige Fischer sind aber diese Insulaner doch, durch Erfahrung klug gemacht, stellen sie gewöhnlich nur solchen Fischen nach, die ungefährlich sind, unter anderen einem der Sardine ähnlichen Fische, der in größeren Schwärmen in den Lagunen angetroffen wird. Ist ein solcher Schwarm entdeckt und nahe genug dem Lande, treiben sie ihn mit Kanoes allmählich dem Strande zu; schnell werden dann Matten und Schnüre zwischen den einzelnen Fahrzeugen ausgespannt, der Kreis immer dichter gezogen, und die Fische, durch Geschrei, Schlagen mit den Paddeln gezwungen, in Massen auf ein Riff oder dem flachen Lande zu laufen, wo sie mit Matten, Körben und Händen leicht eingefangen werden können.
Beim Einzelfang auf großer Tiefe bedienen sie sich ihrer aus Perlmutter gefertigten Haken, die denen der Samoaner ähnlich sind; tauschen sich aber mit Vorliebe auch von den Weißen eiserne Angelhaken ein, die dem Zwecke besser entsprechen. Den fliegenden Fisch, der seltener in den Lagunen zu finden ist, fangen sie sich außerhalb der Riffe in ganz gleicher Weise wie ich es bei den Polynesiern gesehen und beschrieben habe.
Seit jeher waren die Marschall-Insulaner kühne entschlossene Seefahrer und verdienten den Namen „Schiffer“ eher, als die Samoaner. Sie sind nicht bloß in den Grenzen ihrer Inselwelt geblieben, sondern weit über diese hinaus, haben sie sich dem trügerischen Meer anvertraut und namentlich mit den Bewohnern der Karolinengruppe Verbindungen gesucht. Welch ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Volksstämmen bestanden haben mag, die in Sprache, Gebräuchen und Sitten sehr vieles gemeinsam haben, ist schwer zu sagen.
Am glaubwürdigsten scheint es, daß durch Wind und Strömungen große Kanoes (Proas) von den Marschall-Inseln verschlagen wurden, deren Insassen dann auch glücklich Land gefunden haben. So soll noch im Jahre 1855 eine kleine Flotte die östlichste der Karolinen-Inseln „Kusai“ erreicht haben und nach monatelangem Aufenthalt wieder nach den Marschall-Inseln zurückgekehrt sein; auch noch größere Entfernungen, wie berichtet, sollen sie zurückgelegt und glücklich ihr Heimathland wieder gefunden haben. Aber so einsichtig und wagemuthig in dieser Hinsicht der Eingeborne auch ist, so ist doch anzunehmen, daß nur glückliche Zufälle es gewesen sind, die ihn nach langer Irrfahrt haben Land finden lassen. Darnach zu urtheilen, daß sie oft viele Wochen gebraucht haben, um von einer Insel zur anderen zu gelangen, müssen ihre Kenntnisse in der Seefahrt doch recht bescheidene sein; was aber jedenfalls für viele verderblich geworden, ist die Gewohnheit, sobald sie nach längerem Suchen ihr Ziel nicht finden können, die Segel niederzuführen und sich ihrem Schicksale zu überlassen.
Besondere Beachtung nun verdienen die Fahrzeuge, mit denen der Inselbewohner sich auf den gefährlichen Ozean hinauswagt. Den Kanoebau muß man entschieden als ihre bedeutendste Leistung ansehen, Geschick, ja Kunstfertigkeit ist ihnen dabei nicht abzusprechen. Schon die Anforderungen, die sie an ihre größeren Fahrzeuge stellen, bedingen eine eigenartige Bauart; ihnen genügen nicht mehr ausgehöhlte Baumstämme, wie sich andere Völker solcher bedienen, hier gilt es vielmehr einen regelrechten Bau aufzuführen. Und zieht man in Betracht, daß früher (und heute noch vielfach) ihre einzigen Werkzeuge die Meermuschel und die Fischgräte waren, und das mit Geschick verwendete Feuer bei solcher Arbeit ihr bester Helfer ist, so kann man sich vergegenwärtigen, was es heißt, solche Fahrzeuge, die oft 50 und mehr Menschen zu fassen vermögen, herzustellen.
Ihre Geschicklichkeit und Ausdauer finden deshalb staunende Anerkennung bei den Fremden, ja ich möchte den Europäer sehen, der an die Stelle der Eingebornen gestellt, sich mittelst Feuer und Muscheln aus einem dicken Baumstamm eine Planke verfertigen könnte!
Die Kanoes, zu deren Bau das nicht sehr harte Holz des Brotfruchtbaumes verwendet wird, sind aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Der Kiel wird aus einem Stücke gefertigt, dies ist so ausgehöhlt, daß er an und für sich schon ein kleines Kanoe bilden würde; auf diesem werden dann die scharfen Vorder- und Hintertheile aufgesetzt, und dazwischen wieder die oft aus mehreren Stücken bestehenden Seitenwände eingefügt; die Höhe eines mittelgroßen Kanoes beträgt etwa 4 Fuß.
Alle Theile werden stumpf auf- und aneinander gesetzt; aber um die dauernde Befestigung derselben, die Dauerhaftigkeit des Ganzen zu erreichen, dazu gehört eine wahre Engelsgeduld, denn um dieses zu erreichen müssen durch zolldicke Wände oft viele hundert Löcher mittelst Fischgräten oder Knochen gebohrt werden, die nahe aneinander, in den einzelnen Theilen sich stets gegenüber liegen.
Naturgemäß können mit so unvollkommenen Instrumenten, Werkzeugen gearbeitete, stumpf aufeinander stoßende Hölzer nicht dicht halten, auch glatte Flächen sind damit nicht herzustellen; um aber dennoch eine gewisse Dichtigkeit zu erzielen, werden die Nähte mit zwischen gelegten trockenen Pandanusblättern ausgefüllt, dann werden durch die einander gegenüber liegenden Löcher Cajarfäden eingezogen und diese sehr fest angeholt. Die große Zahl solcher Laschungen ermöglicht es, jeden Theil des Kanoes dauernd und gut zu befestigen, und was Menschenkraft nicht fertig bringt, thut das Wasser, indem durchnäßt, sowohl die Pandanusblätter aufquellen, als auch die Cajarfäden sich zusammenziehen.
Finden sich sichtbare Undichtigkeiten, namentlich in den Löchern, so bereitet sich der Erbauer aus fein geriebenem Holz und dem klebrigen Safte der Pandanusfrucht eine Art Kitt, mit dem er gefundene lecke Stellen zustopft und verkittet. Da unbedingte Dichtigkeit natürlich nicht herzustellen ist, so lecken ohne Ausnahme alle Kanoes ziemlich stark, indeß mit einer aus demselben Holze hergestellten Mulde, einer Art Schöpfkelle, die der Eingeborne geschickt zu handhaben weiß, bewältigt ein Mann bequem ohne sonderliche Anstrengung das eingedrungene Wasser leicht; auch Kokosnußschalen, Blechbüchsen, selbst die hohlen Handflächen dienen ihm als geeignete Schöpfgefäße.
Alle Kanoes haben an einer Seite einen Ausleger, ein dem Kanoe parallel gelegtes und dem Bau desselben entsprechendes Stück Holz, mit diesem durch eine Anzahl biegsamer Zweige, die über beide Seitenwände des Kanoes hinreichen, verbunden ist. Weit genug abstehend, dient dieser als eine Art Schwebe, ein Kentern der scharf gebauten Fahrzeuge wird dadurch verhindert; namentlich beim Segeln giebt er ein Gegengewicht ab. Bei großen Kanoes liegt der Ausleger oft 6-8 Fuß von der Bordseite entfernt und besteht aus einem schweren Holzstücke, das, an sich möglichst stark, durch Träger und schräg liegende Gegenstützen, am Kanoe befestigt ist. Auf solchen Trägern, d. h. den einzelnen Verbindungen mit deren Ausleger, die unter sich ebenfalls gut verbunden sind, findet man oft noch eine kleine Hütte erbaut, worin für mehrere Mann Raum vorhanden ist, sie dient dem angesehensten der Besatzung gewöhnlich als Aufenthalt. Auch wenn befürchtet wird, der starke Wind könnte durch seinen Druck auf das Segel das Kanoe trotz des Auslegers zum Kentern bringen, setzen sich außerhalb der Bordwand mehrere Insassen auf das Flechtwerk des Trägers, so daß durch ihr Körpergewicht ein gewisser Gegendruck erzielt wird.
Im ruhigen Wasser, oder in leicht bewegter See, sind diese Kanoes sehr schnelle Fahrzeuge. Ein europäisch gebautes Boot muß sehr gute Eigenschaften haben, wenn es eine Wettfahrt mit ihnen aufnehmen will, würde aber stets, sobald ein Ziel windwärts erreicht werden sollte, also ein Aufkreuzen gegen den Wind nöthig wäre, glänzend geschlagen werden; denn die scharf gebauten Kanoes mit ihren Mattensegeln liegen so dicht am Winde und werden dennoch so schnell durchs Wasser getrieben, wie es mit einem gewöhnlichen Boote nicht möglich ist. Ich habe in den großen Lagunen, Majuro, Arno, Malonlab u. a., wenn ich auf entfernteren Inseln in solchen Atolls kleinere Aufkäufe an Kopra oder Nüssen machen wollte, des öfteren diese Kanoes benutzt und muß bezeugen, flinkere Fahrzeuge habe ich bei keinem ungesitteten Volksstamme gefunden.
So praktisch der Ausleger aber auch ist, ja so nothwendig für größere Fahrzeuge, um das Segeln mit diesen zu ermöglichen, so wird er doch auf freier und bewegter See oft verhängnißvoll. Obgleich er nach Möglichkeit zwar festgefügt und durch Cajar mit dem Kanoe verbunden ist, so löst er sich doch und bricht jede Verbindung leicht und geht, wenn die Wellen unablässig diesen hin und her zerren, verloren. Da eine Ausbesserung kaum vorgenommen werden kann, so ist, sobald diese Stütze verloren gegangen, das Schicksal der Insassen eines Kanoes auch besiegelt. Und diese Gefahr liegt immer vor, sie wächst mit dem Winde und den Wellen.
Ich habe erwähnt, daß diese Proas sehr scharf gebaut sind, sie sind es aber nicht nur vorne und hinten, sondern auch längs des ganzen Kiels; was aber besonders von Verständniß und Nachdenken zeugt, ist die Form, welche solchen Kanoes gegeben wird. Beim Vorwärtstreiben durch Wind und Paddeln ist der Ausleger, der zwar ebenso scharf geformt ist, doch naturgemäß ein Hinderniß und würde ein Kanoe immer nach der Seite hin abweichen, an welcher sich dieser befindet. Diesem Uebelstande abzuhelfen, baut nun der Insulaner sein Kanoe so, daß die Seite, an welcher der Ausleger nicht angebracht werden soll, vom Kiel aufwärts bis zur Bordwand fast ganz flach verläuft, die andere dagegen ist erhaben ausgebaut. Natürlich ergiebt sich daraus, daß im Verhältniß zur Länge ein Kanoe nur sehr schmal sein kann, aber durch die flache Seite wird der Vortheil gewonnen, das tiefgehende Kanoe kann beim Segeln am Winde nicht oder nur sehr wenig abgedrängt werden.
Zudem bleibt der Ausleger stets an der Windseite, andernfalls würde durch den Druck des Segels das Kanoe sofort kentern; ein wenden, wenn eine andere Kursrichtung genommen werden soll, geschieht nicht, vielmehr wird das gehißte Segel nur von vorne nach hinten oder umgekehrt geschiftet. Der Mast, in der Mitte des Kanoes in einer Spur feststehend, wird vom Ausleger aus durch Cajartaue gehalten, ist aber beweglich, so daß er nach vorne oder hinten geneigt werden kann, was stets beim Umschiften des immer in der Spitze festgesetzten Segels geschehen muß. Das Tau, mit dem das an langer Raa befestigte Segel gehißt ist, dient gewöhnlich nach hinten zu dem Maste als Stütze, seltener sind noch Hilfstaue angebracht.
Ein Reffen, d. h. verkleinern der Mattensegel, sowie diese gebildet sind, ist nicht wohl angängig; wird der Wind zu stark oder überrascht eine starke Böe ein Kanoe, kann man nichts weiter thun, als das Segel einfach niederzuführen, oder frei im Winde peitschen zu lassen. Im ersteren Falle kommt es oft vor, daß das vom Winde aufgebauschte Segel ins Wasser zu liegen kommt, und wüßten die Eingebornen nicht so geschickt mit den Fahrzeugen umzugehen, müßte häufig genug, wenn die nicht selten äußerst heftigen Windböen einfallen, ein Unglück eintreten. Für einen Europäer wäre das Kentern eine unangenehme Sache, der Eingeborne dagegen macht sich nicht viel daraus, er bringt schwimmend sein gekentertes Kanoe wieder in Ordnung.
Die Mattensegel, stets dreieckig, sind aus einem Geflecht von Pandanusblättern hergestellt, das aus etwa zehn Zentimeter breiten Streifen besteht, die sauber zusammengenäht, dicht und biegsam sind.
Von Religion kann bei diesen Inselbewohnern eigentlich keine Rede sein; sie haben nur eine unbestimmte Vorstellung von einem höheren Wesen, welches ihnen Gutes und Böses zufügen kann, sonst sind sie wie alle ungesitteten Völker dem Aberglauben verfallen. Da sie nur wenige Ueberlieferungen besitzen, so beschränkt sich ihr Gottesdienst lediglich auf einige Gebräuche. Gewöhnlich wenn ein Unternehmen geplant ist, z. B. eine Reise, ein Kriegszug, wahrsagen weise Männer aus loderndem Feuer und das gute oder böse Vorzeichen ist für die Ausführung oder Unterlassung maßgebend; auch wird zum Weissagen ein zusammengefaltetes Pandanusblatt angewandt, man fängt an dem einen Ende zu kniffen an und benutzt die so gewonnene Breite als Maßstab für die übrige Blattlänge, bleibt nichts übrig, so ist es ein gutes Zeichen, im anderen Falle ein schlechtes.
Erklärlich ist, da Götter und Gottheiten nicht vorhanden, die Insulaner nur eine sehr beschränkte Vorstellung von einem höheren Wesen hatten, daß sie, als die Missionare unter ihnen erschienen, willig der neuen Lehre lauschten, und sich zu ihr bekannten. Das Ansehen der Missionare war groß; diese verwandten dann ihren Einfluß dazu, der Unsittlichkeit, der Vielweiberei und anderen Lastern entgegen zu treten, sie haben aber nur dort Erfolg gehabt, wo sie selbst ansässig waren, d. h. auf den südlicheren Atolls, als Ebon, Jaluit und Milli.
Anscheinend ist das Begriffsvermögen des Eingebornen nicht groß, er erfaßt bei weitem nicht alles, was ihm gelehrt wird, auch hat er nur eine unklare Vorstellung von allem, was außerhalb seines Gesichtskreises liegt, und nur das natürliche Empfinden von Recht und Unrecht ist bei ihm geschärft worden; er folgt zwar aus Furcht vor einer strafenden Gerechtigkeit nicht so willig mehr den natürlichen Trieben, erliegt aber trotzdem leicht einer Versuchung.
Ausgebildete einheimische Missionszöglinge sind heute die eigentlichen Lehrer, und es ist zu hoffen, daß unter dem Schutze der deutschen Verwaltung das Christenthum mehr und mehr an Ausbreitung gewinnt, das ist um so eher zu erwarten, wenn erst die Häuptlinge bekehrt sind und durch maßvolles Vorgehen, unparteiische Rechtspflege, das Vertrauen der Eingebornen ganz gewonnen ist.
Da die Marschall-Inseln heute deutsches Besitzthum, die Bewohner also in gewissem Sinne unsere Landsleute sind, so mag es vielleicht an der Stelle sein, hier in ihrer Sprache das Gebet des Herrn, das „Vater unser“, anzuführen.
Yememuij i lon, en kwojarjar etom. Ea itok am ailin. Yen komonmon ankil am i lol enwot dri lon.
Ranin, letok non kim kijim ranin: Im jolok annuij jerawiwi, enwot kimuij jolok an armij jerawiwi jen kim. Im jab tellok non mon, ak drebij kim jennana, Bwe am ailin, im kajur, im wijaak in driv.
Erwähnt habe ich bereits, daß eine Stammverwandtschaft zwischen den Bewohnern der Marschall-Inseln und der Karolinen-Gruppe besteht, ihre Sprache und Sitten in vielen übereinstimmen. Deshalb will ich das gleiche Gebet auch in der Sprache dieser Inselbewohner, mit denen ich oft genug zusammengekommen und die auch zu jener Zeit, leider nur vorübergehend, unter dem Schutze der deutschen Flagge gestanden haben, hier anführen. Es lautet:
Papa tumus su in kosav, E'los val payi. Pogasai lalos tuku. Orek ma nu fwalu, ou elos oru in kosav. Frite kit len si ini ma kut mono misini: et nunok munas nu seske ma koluk las, oanu kut nunok munas sin met orek ma kuluk nu ses. A tie kot kit kut in mel, a es kit la liki ma koluk, tu togusai lalos, a ku, a mwolanu, ma patpat.
Mit dem Versuche, in obiger Schilderung ein anschauliches Bild von den Marschall-Inseln zu geben, möchte ich noch gleichzeitig eine wichtige Frage, nämlich die Deportationsfrage, verbinden.
Unzweifelhaft wird auch in unserem Vaterlande einst entschieden werden müssen, ob Deutschland nicht auch, wie seit langem Rußland und Frankreich, die Deportation als ein Mittel ansehen muß, um sich der Elemente der Bevölkerung zu entledigen, die heute die Zucht- und Gefängnißhäuser anfüllen, wenigstens die unverbesserlichen Individuen und schweren Verbrecher auszustoßen und solche, so der menschlichen Gesellschaft, ihrer Gefährlichkeit halber, zu entziehen. Zwar wird in Deutschland wohl nur die zwingende Nothwendigkeit dahin führen die Deportation rechtskräftig zu machen, zumal die Ansicht, mit dieser sei sowohl das geistige wie körperliche Verderben eines Individuums verbunden, noch eine allgemeine ist. Indeß man kann doch zu einer anderen Beurtheilung der Frage gelangen, wenn zugleich mit der zweifellos harten aber gerechten Strafe die Menschlichkeit durchaus gewahrt wird und ein Deportirter nicht als ein bereits dem Tode Verfallener anzusehen ist, eher noch die Möglichkeit vorliegt, ein solcher kann der menschlichen Gesellschaft wieder als ein nützliches Mitglied zugeführt werden.
Wohl zu berücksichtigen ist natürlich bei einer in Frage kommenden Deportation, daß eine der Hauptbedingungen, der nöthige Abschluß von jeder Gesellschaft ist und dabei doch, anders als in Zucht- und Gefängnißhäusern, den Verurtheilten ein bestimmtes Maß der Freiheit gegeben wird. Das Nächstliegende, um solche unerläßliche Vorbedingung zu erfüllen, wird immer das sein, daß man naturgemäß einsame, dem Verkehr entzogene Landstrecken, wie es größere oder kleinere Inselgruppen sind, dazu in Aussicht nimmt. Und nicht mit Unrecht, denn der schwer zu bändige Trieb nach persönlicher Freiheit wohnt jedem Wesen inne und wird daher bei verwegenen Naturen weit eher zum Durchbruch kommen.
Indeß, ist eine natürliche, unübersteigliche Grenze gezogen, stellt dem menschlichen Willen und Wollen sich ein Element, der Ozean, entgegen, ist die Folge, daß bei nicht gänzlich empfindungslosen Naturen schon der großartige Anblick des Weltmeers, die ruhige oft aber wildgrollende Sprache des Ozeans, eine wirksame Besserung im Naturell eines Verbannten erwarten läßt. Und fraglos werden demjenigen, dessen Gesichtskreis nicht enge Zellen beschränken, sondern dem sich die Wunder der Natur, der Ozean und das Firmament, in ihrer erhabensten Schönheit zeigen, sich Empfindungen aufdrängen, die schließlich die Erkenntniß herbeiführen, daß der Mensch dazu berufen ist, im Einzelnen, wie in der Gesammtheit einem höheren Zwecke zu dienen.
Wohl läßt sich erwarten, daß prinzipielle Fragen sich einer gesetzlichen Deportation entgegen stellen werden, indeß, mögen sich auch noch so große Einwendungen dagegen erheben lassen, eines ist sicher, dem in Freiheit gebornen, wenn auch verbrecherisch veranlagten Menschen, bringt nicht die Strafe, bringt nicht die enge Zellenhaft, sondern die goldene, wenn auch beschränkte Freiheit zur besseren Erkenntniß. Um nun zu begründen inwiefern die Deportationsfrage nicht so ohne weiteres als unausführbar abzuweisen ist, ziehe ich die Möglichkeit in Betracht, daß die einsamen sehr wenig bevölkerten und dem Weltverkehr entlegenen Marschall-Inseln als eine Heimstätte für schwerer Verbrechen wegen Verbannte angesehen werden könnten und zwar aus triftigen Gründen 1. als das Klima auf diesen Inseln als ein gesundes anzusehen ist; 2. die Ernährung, selbst für eine große Zahl, mit Leichtigkeit durchzuführen ist; 3. die Bewachung auf so einsamen von jeder Verbindung abgeschlossenen Inseln keine strenge zu sein braucht; 4. Feste Häuser unnöthig sind und nur Baracken des milden Klimas wegen in Frage kommen können. Sollten aber dennoch feste Häuser nothwendig sein, sind solche leicht durch das im Ueberfluß vorhandene Korallenmaterial herzustellen; 5. geregelte Thätigkeit wird durch Anbau von Kokosplantagen, Anpflanzung tropischer Gewächse als Taro, Arrowroot etc. der Züchtung von Schweinen und Hühnern und schließlich Bereitung der Kopra, der Herstellung von Matten und Tauwerk aus den Fasern der Kokosnuß etc. für zahlreiche Verbannte vorhanden sein und mit der Zeit sich aus Anpflanzungen Erträge ergeben, die die zweifellos anfänglich erheblichen Kosten reichlich decken werden.
Was speziell die Ernährung anbetrifft, die für einen Europäer besondere Beachtung verdient, so würde solche durch Zufuhr geeigneter Nahrungsmittel in Verbindung mit den leicht zu züchtenden und zu erhaltenden Schweinen und Hühnern eine ausreichende sein, zudem bietet der Ozean selbst durch seinen überaus großen Fischreichthum eine beliebige Abwechslung dar, und für keinen Kenner jener Koralleninseln kann ein Zweifel bestehen, daß dort nicht ausreichende gesunde Nahrungsmittel vorhanden sind. Anders freilich würde die Frage betreffs des guten Trinkwassers zu lösen sein, da das gefundene Grundwasser (durch Korallen filtrirtes Seewasser) auf die Dauer doch schädlich sein könnte, auch angelegte Cisternen in regenarmer Zeit nicht ausreichen möchten. Jedoch die Anlage von Condensatoren, die Seewasser in Süßwasser verwandeln, das auf großen Passagierschiffen fast ausnahmslos verwendet wird, würde jeden Bedarf decken.
Der berechtigte Einwand, den auf tiefer Kulturstufe stehenden Eingebornen sollte man nicht, um nicht das Ansehen der Europäer zu schädigen, den Transport gefangen gehaltener Weißer vor Augen führen, wird bei der Anlage einer Verbrecherstation auf den gedachten Inseln hinfällig. Denn wie erwähnt ist die Bevölkerung eine geringe und manche Korallen-Inseln sind fast unbewohnt auf denen aber nicht minder die Anlage von ausgedehnten Kokosplantagen möglich ist. Zieht man das Facit, so kann der Gedanke, auf einsamen Inseln der Marschall- resp. Browns-Gruppe Deportirte unterzubringen, durchaus nichts abschreckendes haben, zumal alle Vorbedingungen gegeben sind und neben der großen Entlastung der Zellengefängnisse käme der Vortheil dazu, daß mit einer verhältnißmäßig billigen Arbeitskraft ein Kulturwerk gefördert würde, das die Eingebornen niemals zu vollbringen im Stande sein werden; auf solche Weise der Werth der Marschall-Inseln für Deutschland ganz besonders gesteigert werden würde.