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EINFÜHRUNG IN DAS ZWEITE BUCH. []

W WIR haben in dem vorstehenden gesehen, wie überraschend schnell die Verbreitung der Buchdruckerkunst durch alle Länder Europas sich vollzog, auch die Verhältnisse und Gründe kennen gelernt, welche zu diesen ausserordentlichen Erfolgen beitrugen. Wir treten jetzt an die zweite, die schönste, Periode der Typographie heran, in welcher sie ihren Weltgang vollendete und in Europa zur hohen Blüte gelangte.

Gelehrte von Ansehen wenden sich, teils direkt als praktische Ausüber, teils indirekt als fördernde Herausgeber, Redaktoren und Korrektoren, der Buchdruckerei zu, als dem vollendetsten Mittel, Aufklärung überallhin zu verbreiten. Sie schaffen durch dieselbe zahlreiche Ausgaben der Klassiker und andere Werke, deren äussere Ausstattung mit dem inneren Wert harmoniert. Eine Anzahl von Familien, die man als den Adel der Buchdrucker bezeichnen kann, erwirbt durch treffliche Arbeiten Ruhm und bewahrt diesen durch lange Reihen von Jahren. Gebildete Herrscher, in Deutschland voran der Kaiser Maximilian i. und die sächsischen Fürsten, in Frankreich Franz i. und fast alle seine Nachfolger, verschmähen es nicht der Typographie und den mit ihr verwandten Gewerben ihre persönliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Buchdruckerkunst ist in den Dienst der Wissenschaft getreten, sie ist ihr aber mehr eine sorgsame Genossin denn eine rastlos für alles schaffende Magd.

Die schönsten Früchte der ersten Hälfte des xvi. Jahrhunderts reifen jedoch erst durch die enge Vereinigung der Xylographie mit der Typographie. Bedeutende Künstler, die zum Teil nur durch die Holzschnitte ihren Ruf haben, welche, wenn nicht von ihnen selbst, so doch unter ihrer Leitung ausgeführt wurden, widmen sich mit Vorliebe der Illustration. So entstehen sowohl viele, heute noch mustergiltige ganze Werke, als zahllose Einzelblätter.

Diese Hinneigung zum Holzschnitt war nicht dem Zufall oder nur der Bequemlichkeit, für ihn zu zeichnen, zuzuschreiben, sondern sie lag in den Verhältnissen tiefer begründet. Es konnte nicht anders sein, als dass die Maler der Reformationszeit, welche Zeugen der Segnungen der Erfindung Gutenbergs waren, die populärste Kunst, die Xylographie, deren Erzeugnisse so leicht und so weit durch die Druckerpresse verbreitet werden konnten, freudig begrüssen und begierig eine Gelegenheit ergreifen würden, durch welche auch sie berufen waren, an dem grossen Werke der Reformation thätig mitzuwirken.

So wurde das Zeitalter der Reformation, wie die Gegenwart, zugleich ein Zeitalter der Illustration und die glückliche Verbindung von Bild und Wort hat denn auch gar viel zur schnellen Verbreitung der Bildung durch alle Schichten beigetragen. Die Geschichte der illustrierenden Künste, speziell der Xylographie, ist deshalb nicht von der Geschichte der Typographie dieser Periode zu trennen.

Bei den in der Gegenwart mächtig sich kundgebenden ernsten Bestrebungen, die zur Zeit der Renaissance bestandene innige Verbindung der Kunst mit dem Gewerbe wieder herzustellen, musste sich notwendigerweise auch die Aufmerksamkeit aller strebenden Jünger Gutenbergs den goldenen Tagen der Druckkunst zuwenden.

Ehrt man auch die vorangegangenen Anfänge der druckenden Künste als die ältesten ehrwürdigen Denkmale, verfolgt man auch mit lebhafter Teilnahme die allmählichen Fortschritte der Kunst bis zum Beginn des xvi. Jahrhunderts, so kann doch nur ein einseitiges Schwärmen für die Vergangenheit in diesen Leistungen — mit wenigen Ausnahmen — nachahmungswürdige Vorbilder erblicken.

Anders verhält es sich jedoch mit den Werken derjenigen Periode, vor welcher wir jetzt stehen. Hier haben wir es nicht mehr mit nur historisch interessantem oder relativ gutem zu thun, sondern mit Erzeugnissen der besten Schriftschneider, Buchdrucker und Holzschneider und mit meisterlichen Schöpfungen noch heute nicht übertroffener Künstler. Die Werke der Renaissancezeit bilden einen Born, aus dem man immer und immer schöpfen kann, ohne dass ein Versiegen bemerkbar wäre.

Deshalb kann auch ein Zurückgreifen der Schriftschneider auf die besten Schriften des späteren Mittelalters oder ein Hervorholen der, lange Zeit in den Kunstsammlungen und Bibliotheken für das grosse Publikum begraben gewesenen Ornament- oder sonstigen Illustrations-Schätze nicht als ein Rückschritt zu etwas „veraltetem“ bezeichnet werden. Nach den Ausschreitungen über die Grenzen des Schönen, des Zweckmässigen und der wirklichen Fortschritte hinaus, an welche die neuere Zeit ebenso reich ist wie an wirklichen Verbesserungen, trat das Bedürfnis ein, die ruhigen, einfachen und doch kräftigen Formen der Glanzperiode wieder aufzusuchen, und was die Illustration betrifft, so kehren Künstler ersten Ranges mit Befriedigung zu der edlen einfachen Weise eines Dürer oder Holbein zurück.

Damit sei aber nicht behauptet, dass in dieser Richtung nicht das rechte Mass vielfach überschritten werde und dass nicht sklavische Nachahmungssucht auf Irrwege geführt habe, aber im grossen und ganzen bleibt es doch wahr, dass der denkende Schriftgiesser, der illustrierende Künstler und der Typograph in der Renaissancezeit die reichste Anregung und schönste Ermunterung für ein gedeihliches Schaffen auf ihren Gebieten suchen können und finden werden.

Darum bedarf es auch nicht der Entschuldigung, wenn wir bei dieser bevorzugten Zeit und den hervorragenden Persönlichkeiten derselben mit Vorliebe etwas länger verweilen; mussten doch gar zu bald fast in allen Ländern die Folgen der kirchlichen und politischen Spaltungen sich kund geben und der helle Glanz dem mehr oder weniger tiefen Dunkel des Verfalls weichen.

Leider sollte dieser Rückfall auf das empfindlichste das Heimatland der Erfindung treffen. Der Bauernkrieg, die langen inneren religiösen Kämpfe, vor allem der unselige dreissigjährige Krieg und die verwüstenden Züge der Franzosen schlugen der geistigen Entwickelung Deutschlands und seinem nationalen Wohlstande tiefe Wunden, die nur langsam vernarben konnten. Erst zu Ende der vorliegenden Periode zeigten sich der aufgehende Stern des preussischen Staates und die Anfänge der neueren nationalen Litteratur als Vorboten des Fortschrittes auf dem Gebiete der politischen und geistigen Machtstellung Deutschlands.

Je höher der Gipfel war, den Kunst und Bildung in Italien erreicht hatten, um so tiefer war der Fall, der auch hier eintrat. Zu gleicher Zeit seufzte Spanien unter dem Joche der Jesuiten und den Greueln der, den physischen und geistigen Tod verbreitenden Inquisition.

Frankreich musste unter politischen und Religionskämpfen bluten, erreichte jedoch trotzdem in dieser Periode unter der glanzvollen Regierung Ludwigs xiv. sein höchstes äusseres Ansehen und seinen litterarischen Zenith. Infolgedessen sinkt die Typographie hier auch nicht so schnell und erst zu einer Zeit, wo wir bereits von einem beginnenden Wiederaufblühen in anderen Ländern, namentlich in England, zu berichten haben.

Hier war eine Regierungsumwälzung der anderen gefolgt und die Presse hatte in schweren Fesseln gelegen, bis gegen den Schluss der Periode die Freiheit für immer einen festen Boden gewann, auf dem dann auch die Buchdruckerkunst sich eben so mächtig wie schnell entfaltete.

Im skandinavischen Norden wüteten die verwandten Stämme gegen einander und Schweden verzehrte ausserdem seine Kräfte in dem dreissigjährigen Krieg und in den Kämpfen mit Russland. Die Türken überschwemmten Ungarn und Österreich. Schwere und weitverbreitete Seuchen glichen in ihren Folgen den Kriegen.

Somit war ein grosser Teil des zweiten und des dritten Jahrhunderts der Buchdruckerkunst eine, dieser sehr ungünstige Zeit, in der sie nothwendigerweise leiden musste, und erst das vierte Jahrhundert sollte sie zum neuen Glanz wieder erstehen sehen.

Werke, welche ein Gesamtbild dieser interessanten Periode der typographischen und xylographischen Thätigkeit geben, oder auch nur die Geschichte der einzelnen Hauptländer in ihrer Totalität schildern, besitzen wir nicht. Dagegen giebt es eine stattliche Reihe erschöpfender Schilderungen der Wirksamkeit hervorragender Familien oder einzelner Persönlichkeiten, welche den Kern dieser Zeit bilden. Was die Meister der Typographie betrifft, so befindet sich das Ausland in einer besseren Lage als Deutschland, welches nicht einmal ein biographisch-kritisches Werk über die Familie Breitkopf aufzuweisen hat. Es sind namentlich die Franzosen, die sich durch solche Arbeiten Verdienste erworben haben.

Dahingegen bietet Deutschland vorzügliche Werke über seine grossen Künstler, die auch für die Illustration thätig gewesen sind. Solche Quellen des In- und Auslandes werden an den betreffenden Stellen angeführt, hier sei nur der bereits eingangs erwähnten allgemeinen Schilderungen Jackson, Chattos und Firmin Didots gedacht, sowie des, von Dr. Rob. Dohme herausgegebenen Kollektiv-Werkes: „Kunst und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit“. 5 Bde. (Leipzig 1875-1881), das kritische Würdigungen und biographische Skizzen fast aller der Kleinmeister, die für die Illustration so Bedeutendes geschaffen haben, enthält.

Einen grossen Vorteil bieten die Kunstverfahren der Neuzeit: Photographie, Lichtdruck, Photolithographie und Zink-Hochätzung, durch die Möglichkeit, mittels derselben eine Anzahl von Werken aus der Renaissancezeit, die auf Grund ihrer Seltenheit und ihrer hohen Preise nur einem kleinen Kreis zugänglich waren, in getreuen Nachbildungen allgemein zu verbreiten; denn Werke, die wie R. Weigels wertvolles „Holzschnitte berühmter Meister“ (Leipzig 1857), vorzügliche Nachbildungen in Xylographie bringen, sind nur bei grosser Opferwilligkeit des Verlegers möglich.

Unter den Kollektivwerken, welche durch die oben erwähnten Verfahren eine reiche Auswahl des für den Typographen zu Studium und Nacheiferung Geeigneten bringen, sind namentlich die von G. Hirth in München und Leipzig herausgegebenen: „Der Formenschatz der Renaissance 1500-1600“ und „Die Bücherornamentik der Renaissance“ erwähnenswert.

Die Schriften der deutschen Fachgenossen aus älterer Zeit geben in Bezug weder auf äussere noch innere Verhältnisse der Buchdruckereien eine nennenswerte Ausbeute. Zu erwähnen sind:

J. H. G. Ernesti, „Die wol-eingerichtete Buchdruckerey“, (Nürnberg 1721). Mit vielen deutschen, lateinischen und orientalischen Schriften.

Chr. Fr. Gessner, „Die so nöthig als nützliche Buchdruckerkunst und Schriftgiesserey“. 4 Teile. (Leipzig 1740-1745). Ein reichhaltiges, fleissig zusammengetragenes Buch mit vielen Illustrationen technischer und geschichtlicher Natur.

Ch. G. Täubel, „Theoretisch praktisches Wörterbuch der Buchdruckerkunst und Schriftgiesserei“ (Wien 1805).

Höher stehen folgende Werke des Auslandes.

M. D. Fertel, La science pratique de l'imprimerie. Avec des fig. 2 Bde. (St. Omer 1723).

P. S. Fournier, Le Jeune, Manuel typographique. 2 Bände (Paris 1764). Das auf vier Bände berechnete Werk wurde durch den Tod des Verfassers unterbrochen.

Joseph Moxon, Mechanick Exercises; or the doctrine of Handy-works, applied to the art of printing (London 1677-1696). Das Buch ist sehr selten und Schreiber dieses nicht zurhand gewesen.

John Johnson, Typographia or the Printers Instructor. 2 Bde. (London 1824), und Thomas Curson Hansard, Typographia (London 1825), erschienen fast gleichzeitig und beide Verfasser waren tüchtige Typographen.

C. H. Timperley, Encyclopaedia of literary and typographical anecdote (London 1842) ist als eine vorsorglich gefüllte Vorratskammer zu betrachten. Die unzähligen Artikel sind nach den Jahreszahlen, aus allen Ländern untereinander, gereiht.

Ein sehr schätzbares Werk aus allerneuester Zeit ist:

E. C. Bigmore and C. W. H. Wyman, A Bibliography of printing with notes and illustrations. I. Band. A-L (London 1880). Das Buch enthält nicht nur eine reiche, wir möchten fast sagen überreiche, typographische Bibliographie aller Länder von der ältesten Zeit bis auf heute, sondern auch eine Menge von schätzbaren historischen Notizen und Illustrationen. Die Fortsetzung des Werkes erscheint vorerst in der von C. Wyman herausgegebenen vortrefflichen Fachzeitschrift: Printing times and Lithographer.

Die bereits in dem i. Buch erwähnten Spezialgeschichten einzelner Druckorte werden in dem ii. Buch nicht wiederholt.

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