Kapitel-Anfang

XI. KAPITEL. []

DIE NIEDERLANDE.

Die Illustration. Christoph Plantin, seine Nachkommen, das Plantinsche Museum. Die Familie Blaeu. Die Elzeviere: Ludwig i., Matthias und Bonaventura, Isaack, Bonaventura und Abraham i. Johann und Daniel. Ludwig und Daniel, das Ende des Hauses. Die Nachahmer der Elzeviere. Die Familie Enschedé und die Schriftgiesserei.

D DAUERTE es auch lange, ehe die Buchdruckerkunst in dem jetzigen Belgien und Holland recht heimisch wurde, so trieb sie, einmal dorthin verpflanzt, um so tiefere Wurzel; die Blütezeit derselben währte viel länger als in Deutschland, der Verfall war dort nie so gross als hier.

Die typographi-
schen Eigentüm-
lichkeiten.

Dieselben Eigenschaften, welche die niederländische Malerkunst auszeichnen, die grosse Sauberkeit der Ausführung und die über alle Einzelheiten sich erstreckende minutiöse Sorgfalt, kennzeichnen auch die dortige Typographie. Gleich den malenden Künstlern des Landes verfolgten die Buchdrucker und Verleger im allgemeinen eine realistische Tendenz. Sie veranstalteten eine Menge für das Leben und die Wissenschaft nützlicher Werke, huldigten jedoch selten der idealen Richtung, welche vorzugsweise in Deutschland, jedoch auch in Frankreich und Italien, durch Zusammenwirken des Griffels der Künstler mit der Feder des Schriftstellers die uns bekannt gewordene Reihe prächtiger Erzeugnisse des Buchgewerbes hervorgebracht hat.

Die Illustration.

Dennoch blieben die Niederländer nicht ohne Verdienste um die vervielfältigenden Künste, doch machen sich diese hauptsächlich in dem Kupferstich und der Radierung, weniger in der mit dem Buchgewerbe enger verbundenen Xylographie, geltend.

Deutschlands Albrecht Dürer stellen sie ihren Lucas van Leyden (Dammetz, geboren 1494, gestorben 1533) entgegen. Er lieferte etwa 200 Stiche; für den Holzschnitt ist seine Thätigkeit eine unbedeutende. Im Clair-obscur-Druck zeichnen sich aus: Hubert Goltz (geb. 1524, gest. 1583), dessen Icones imperatorum Romanorum in Kupferstich mit aufgedruckten Holzschnittplatten ausgeführt sind; Abraham Bloemaert (geb. 1567, gest. 1647); und Heinr. Goltzius. Dieser nähert sich in mancher Hinsicht Luc. van Leyden. Schon 1523 erschien bei Dodo in Amsterdam eine Passion in 62 Blättern von einem ungenannten Künstler (Joh. Walter von Assen?), welcher ein Jahrhundert vor Rembrandt in der bekannten Manier dieses Künstlers zeichnete. Rembrandt selbst (geb. 1606, gest. 1665) hat sich im Holzschnitt versucht und Joh. Livens (geb. 1607, gest. 1663), sowie Dirk van Bray (gest. 1680) ahmten mit Glück seinen Stil im Holzschnitt nach, während Rubens' Zeichnungen einen tüchtigen Dolmetsch in dem Holzschneider und Zeichner Christoph Jegher fanden, einem geborenen Deutschen, der 1620-1660 in Antwerpen wirkte.

Eine Notiz von K. v. Heinecken hat zu vielen Debatten über einen mystischen frühesten Xylographen der Niederlande „Phillery“ Anlass gegeben. Allem Anschein nach schrumpft derselbe zu einem erst in den zwanziger Jahren des xvi. Jahrh. lebenden Holzschneider „Willem“ zusammen und beruht der Name Phillery wohl nur auf undeutlichen Schriftzügen.


Als Träger der Buchdruckerei erblicken wir in den Niederlanden wie in Italien und Frankreich mehrere berühmte Familien, vornehmlich die der Plantin, der Blaeu und der Elzeviere.

Blühende Lage
Antwerpens.

Das blühende und mächtige Brügge hatte auf Grund seiner Haltung gegen den Kaiser Maximilian i. seine Privilegien verloren, die auf ANTWERPEN übertragen wurden. Hierdurch hatte die letztere Stadt seit dem Beginn des xvi. Jahrhunderts einen grossen Aufschwung als Depot zwischen Nord und Süd genommen. Auch die Buchdruckerei behauptete dort eine angesehene Stellung, und es erschienen viele wertvolle und gut ausgestattete Werke. Unter Karl v. erreichte die Stadt ihre höchste Blüte, ward jedoch zugleich ein Angelpunkt für die reformatorische Bewegung in den Niederlanden, welche, nachdem Karl v. am 25. Okt. 1555 die Regierung zugunsten seines Sohnes Philipp ii. niedergelegt hatte, so schwere Zeiten über das Land heraufbeschwören, jedoch auch ihre Freiheit begründen sollte.

Christ. Plantin.

Inmitten der politischen und religiösen Gährung liessen sich, um das Jahr 1550 herum, Plantin und seine Frau Johanne Rivière in Antwerpen nieder. Christoph Plantin[1], in Mont-Louis bei Tours in Frankreich geboren, hatte bei Robert Macé in Caen gelernt und eröffnete nach vielen Reisen einen kleinen Buchladen mit Buchbinderei, während seine Frau mit Leinen-Waren handelte. Der Gerichtsschreiber Graphäus gab Plantin seine Bücher zu binden und machte ihm kleine Vorschüsse. 1550 wurde er als Buchdrucker in die St. Lucas-Gilde aufgenommen, aber erst 1555 hatte er in dem von ihm angekauften Hause auf dem Freitagsmarkt eine vollständig eingerichtete Offizin.

Sorgsamkeit
Plantins.

Eifersüchtig auf den Ruhm derselben, sorgte er für die schönsten Schriften und den besten Druck. Wennauch die Verwendung silberner Typen in das Reich der Fabel gehört, so steht es doch fest, dass er in seiner Giesserei mit dem Guss solcher experimentiert hat. Plantin gehörte auch nicht zu den Druckern, die, nach dem Ausspruch des Erasmus, „lieber 6000 Fehler, wie Ameisen, in ihren Werken herumkribbeln sehen, als einen tüchtigen Korrektor bezahlen“; im Gegenteil, er hatte sich die Worte Heinrich Stephanus', dass „die Korrektur das für die Druckerei ist, was die Seele für den Leib“, zu eigen gemacht. Überhaupt verstand er, wennauch nicht in Besitz tiefer Kenntnisse, als vorzüglicher Praktiker, dabei zäh ausdauernd in der Durchführung seiner Pläne, die Talente Anderer zu benutzen.

Sein Korrektor
Corn. van Kiel.

Der erste seiner Korrektoren war der berühmte Cornelius van Kiel, oder Kilianus (geb. um 1528, gest. 15. April 1607), der während seines fünfzigjährigen Wirkens in dem Plantinschen Hause sehr zu dem Ruhme desselben beitrug. Über alle Beschreibung anspruchslos, dachte van Kiel nie daran, sich selbst geltend zu machen, zufrieden wenn nur das Haus, an das er seine Existenz geknüpft hatte, gedieh.

Th. Pullmann.
Just. Lipsius.

Eine zweite Stütze hatte Plantin in dem gelehrten Theodor Pullmann (geb. um 1510), von Profession ein Walkmüller, jedoch von seiner Jugend ab den Wissenschaften mit Leidenschaft ergeben. Leider führte diese ihn in seinem Emendieren der Klassiker zu weit, und oft füllte er die Lacunen in kühnster Weise aus. Auch mit dem berühmten Justus Lipsius stand Plantin in engem geschäftlichen Verkehr.

Franz Raphelin-
gius.

Einen Hauptmitarbeiter im Geschäft fand Plantin in Franz Raphelingius. Derselbe hatte in Paris eifrigst griechisch und lateinisch getrieben und seine Studien in Cambridge vollendet. Plantin nahm ihn nicht allein als Korrektor auf, sondern gab ihm auch seine älteste Tochter Margaretha zur Ehe. Als Plantin, 1582, das belagerte Antwerpen verliess und das Geschäft in Leyden eröffnete, leitete Rapheling die Stammoffizin und trieb zugleich den Buchhandel. Nach der Rückkehr Plantins nach Antwerpen übernahm dagegen Rapheling das Geschäft in Leyden und wurde an dortiger Universität Professor der hebräischen Sprache. Er war ein Mann von bedeutenden Kenntnissen und ein unermüdlicher Mitarbeiter an dem grossen Bibelwerke Plantins.

Eine geschäftlich noch kräftigere Stütze fand Plantin in Johannes Moretus (Jean Moerentorff), geboren in Antwerpen am 22. Mai 1543. Anfänglich Arbeiter bei Plantin, gefiel er, wenn er auch dessen Ideale von einem Buchdrucker nicht vollständig entsprach, doch durch seine praktische Tüchtigkeit diesem noch mehr als der gelehrte Rapheling und er gab ihm seine zweite Tochter Martina zur Frau. Die dritte Tochter ward mit Gilles Beys, ebenfalls einem tüchtigen Buchdrucker, verbunden, welcher der Filiale des Geschäfts in Paris vorstand.

Biblia
polyglotta.

Das Werk, welches den Namen Plantin in der Buchdruckerwelt unsterblich gemacht hat, und in seinem Leben eben so eine Epoche bildet, wie der Thesaurus græcæ linguæ in dem Dasein des Heinr. Stephanus, ist die „Biblia sacra hebraice, chaldaice, græce et latine. Philippi II. reg. cathol. pietate et studio ad sacro sanctæ ecclesiæ usum Christoph Plantinus excud. Antwerpiæ“.

Die erste Idee eines polyglotten Bibelwerkes[2] stammt von Aldus Manutius, wie aus der in der National-Bibliothek zu Paris vorhandenen Probe hervorgeht (S. 179). Diese dreispaltige Seite enthält den hebräischen, griechischen und lateinischen Text und gab wahrscheinlich Veranlassung zu der in den Jahren 1514-1517 in Alcala in Spanien gedruckten Polyglotte des Kardinal Ximenes (S. 189), die bereits eine grosse Seltenheit geworden, sodass öfters der Gedanke entstanden war, eine neue Polyglottbibel zu drucken. Diesen Plan hatte auch der Kurfürst August von Sachsen gefasst, gab ihn aber zugunsten des Plantinschen Vorhabens auf. Auch Philipp ii. beabsichtigte ein ähnliches Werk ausführen zu lassen. Als Plantin ihm die Probebogen seines Unternehmens überreichen liess, ging er bereitwillig auf dessen Idee ein, bewilligte die Zahlung der für Druck und Papier allein auf 24000 Gulden veranschlagten Kosten, gewährte ausserdem einen Vorschuss von 6000 Dukaten und bestellte seinen Kaplan Arias Montanus als Überwacher der litterarischen Herstellung. Letzterer kam am 18. Mai 1568 nach Antwerpen und empfing vom König ausser seinem Gehalt noch einen Zuschuss von 300 Kronen jährlich; für die Textrevision wurde eine Anzahl tüchtiger Gelehrter gewonnen. Den Auftrag zur Anfertigung der Schriften erhielt der berühmte Schriftgiesser Wilhelm le Bé in Paris.

Druck der Poly-
glotte.

Der Druck begann im Jahre 1568 und dauerte bei fortwährender Beschäftigung von 40 Arbeitern bis zum Jahre 1572. Anfänglich war das Werk auf vier Bände berechnet; auf Plantins Vorschlag wurde jedoch noch das Neue Testament in der syrischen Sprache, welches bereits in Wien gedruckt war, mit einverleibt, so dass das Werk mit Inbegriff der drei Bände „Appendix“ aus acht Bänden besteht. Ausser 12 Pergament-Abdrücken wurden 1200 Exemplare gedruckt; 10 auf Imperial-Velin zu 40 Gulden das Ries; 30 Exemplare auf etwas geringeres; 200 auf Royal-Velin aus Lyon und 960 Exemplare auf Royal-Papier aus Troyes. Im Verhältnis zu den Kosten waren die Verkaufspreise mässig gestellt. Der Preis betrug für eins der 200 Exemplare auf Royal-Velin 40 Kronen, für ein gewöhnliches 35 Kronen[3].

Schwierigkeiten.

Ein mühsames Werk war vollbracht; Plantin selbst sagt: „Jetzt, wo die Bibel vollendet ist, stehe ich mit Überraschung und Erstaunen vor der Arbeit, welche ich nicht nochmals machen möchte, selbst wenn man mir 12000 Kronen dazu schenkte, und obwohl sie jetzt, wo die Schriften und die Einrichtung vorhanden sind, vielleicht um 6000 Kronen billiger zu stehen kommen würde“. Nimmt man seine Aussprüche buchstäblich, so war ihm nicht allein kein angemessener Vorteil, sondern sogar ein direkter Nachteil aus der Arbeit erwachsen; jedoch, Plantin war ein schlauer Geschäftsmann, der sich nicht gern tief in die Karten blicken liess.

Ohne Verdriesslichkeiten sollte es nicht abgehen. Der König wünschte die Approbation des Papstes Pius v. Dieser verweigerte sie jedoch entschieden und Plantin erhielt Ordre, vorläufig kein Exemplar auszugeben. Montanus musste im Auftrag des Königs nach Rom gehen, um womöglich die Angelegenheit zu ordnen. Er kam gerade an, als Gregor ix. den Stuhl des verstorbenen Pius v. eingenommen hatte und fand den neuen Papst günstiger für die Sache gestimmt. Die Approbation wurde 1572 erteilt. Hiermit waren jedoch die Anfechtungen nicht vorbei. Einer der erbittertsten Feinde des Unternehmens, der Professor León de Castro in Salamanca, denunzierte Plantin und Montanus der Inquisition. Montanus reichte seine Rechtfertigung ein, erhielt aber erst nach vier Jahren, 1580, insoweit Recht, dass das Buch dem Schicksal entging, auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt zu werden.

Plantin, Proto-
typographus
.

Durch Patent vom 10. Juni 1570 wurde Plantin zum Prototypographus der Niederlande ernannt. Es handelte sich dabei nicht um einen blossen Ehrentitel. Er hatte die Rolle der Meister und Lehrlinge, sowie der autorisierten Korrektoren, Holzschneider und Kupferstecher zu führen, eine Liste über alle Werke, deren erster und letzter Bogen ihm behändigt werden mussten, anzufertigen, und sollte ausserdem die Bücherpreise bestimmen. Alle Änderungen in den Arbeiterverhältnissen waren ihm anzuzeigen. Die Mühen und Verdriesslichkeiten bei diesem Amte waren jedoch so gross, dass Plantin i. J. 1576 seine Entlassung nachsuchte. Einmal war er sehr nahe daran, die Gunst des Königs zu verscherzen, indem auf Veranlassung des Wiedertäufers Niclaes aus Münster, mit dem er in inniger Verbindung stand, mehrere ketzerische Schriften, angeblich freilich ohne Wissen des zufällig abwesenden Besitzers, in seiner Offizin gedruckt wurden. Über seine religiöse Überzeugung herrschte bereits lange einiger Zweifel, er verstand es jedoch so gut, sich wenigstens äusserlich als guter Katholik zu geben, dass er allen drohenden Gefahren entging.

Umfang von
Plantins Thä-
tigkeit.

Plantins Druckerthätigkeit blieb eine sehr grosse. Ruelens und Backers Annalen zählen von ihm 1031 Druckwerke auf, obwohl viele Bibelausgaben und Missalen nicht mit angeführt sind. Mit dem Missale Romanum von 1522 fängt eine Reihe von prachtvollen liturgischen Werken an, durch welche die Plantinsche Druckerei sich langezeit auszeichnete.

Schönheit seiner
Typen.

Die Typen des Plantin halten den Vergleich mit denen seiner Zeitgenossen, Aldus Manutius und Heinr. Stephanus, vollkommen aus. Seine Cursiv ist besonders elegant und nicht so schreibschrift-ähnlich, wie die Aldinische. Die Antiqua ist etwas derb und breit, jedoch für das Auge gefällig, leicht lesbar und den Schriften des Stephanus vollständig ebenbürtig. Die griechischen Schriften sind schöner als die des Aldus. Zu loben ist ferner die Genauigkeit des Gusses, einschliesslich des Durchschusses und der Quadrate. Die ganze Disposition der Titel, der Schriftkolumnen und der Vignetten zeigt Geschmack und Verständnis.

Plantins Druck-
zeichen.

Das erste, 1555 angenommene Druckerzeichen Plantins war ein Baumstamm, um welchen sich ein Weinstock schlingt, mit zwischen den Zweigen herabhängenden Trauben. Ein Weinbauer ist beschäftigt die schlechten Zweige abzuschneiden. Als Umschrift liest man Excerce imperium et ramos compesce fluentes[4]. Als Zeichen bedient er sich von 1558 ab des Zirkels, von einer Hand aus den Wolken geführt, mit der Inschrift: „Labore et constantia“. Zwei allegorische, schildhaltende Figuren versinnlichen des weiteren den Gedanken, worauf der Zirkel schon hinweist: der feste Teil desselben deutet auf die Beständigkeit in dem einmal Vorgenommenen; der bewegliche auf die rastlose Arbeit.

Plantins Tod.

Plantin starb am 1. Juli 1589, 75 Jahre alt. Sein letztes Werk war der i. Band der: Annales ecclestiastici Cæsaris Baroni Sorani.

Die Nachfolger
Plantins.

Nach seinem Tode übernahm Rapheling das Leydener Geschäft. Beys behielt die Pariser Filiale und Moretus die Antwerpener Offizin, deren Leitung er schon seit zwei Jahren besorgt hatte.

Johannes Moretus besass keine tiefergehenden Kenntnisse, verstand es aber die Verbindungen mit den vielen Gelehrten aufrecht zu erhalten. Als im Jahre 1592 die Vulgata in Rom gedruckt wurde, erhielt er durch päpstliches Breve vom 11. März 1597 für zehn Jahre das Alleinrecht, jenseit der Alpen das Werk zu drucken und zu verbreiten, unter der Verpflichtung, die grösste Sorgfalt auf Korrektur und Druck zu verwenden und durchaus keine Änderungen vornehmen zu lassen.

Balthazar Mo-
retus.

Unter der Leitung von dem Sohne des Johannes, dem gelehrten Balthazar Moretus, nahm die Plantinsche Druckerei noch durch lange Zeit eine hochangesehene Stellung ein. Gegen die Mitte des xvii. Jahrhunderts jedoch schwand die Bedeutung mehr und mehr, und mit dem Beginn des xviii. Jahrh. war der geschäftliche Glanz des Hauses erloschen. Äusserlich wurde jedoch alles mit grosser Pietät in dem alten Stand gelassen und das Haus mit allen seinen reichen Sammlungen, welche es, von dem grossen Publikum ungekannt und selbst für Auserwählte nur schwer zugänglich, umfasste, sorgfältig erhalten. Da wurden seitens der Verwaltung der Stadt Antwerpen Verhandlungen über die Erwerbung dieser typographischen Schatzkammer angeknüpft. Nachdem der Graf von Flandern die Initiative ergriffen hatte, zeigte sich die Staatsregierung geneigt, einen wesentlichen Anteil der Kosten auf sich zu nehmen, der aber später sehr zusammenschrumpfte. Schliesslich wurde i. J. 1875 ein Vertrag abgeschlossen, nach welchem das Haus und die Sammlungen für 1200000 Franken, von welchen der Staat die 200000, die Stadt die 1000000, zahlte, in den Besitz der letzteren überging. Hiermit ist ein wahres graphisches Museum für alle Zukunft erhalten, welches mit jedem Jahr, das uns ferner von der früheren Geschäftsweise rückt, an Wert gewinnt. Es ist geboten, demselben in einer Geschichte der Buchdruckerkunst einige Seiten zu widmen.

Das „Hôtel
Plantin“.
Das Vestibule.

Das HÔTEL PLANTIN, auf dem Freitagsmarkt gelegen, nimmt die eine Seite desselben ganz ein. Die Façade wurde durch Joh. Moretus restauriert, das alte Merkzeichen jedoch erhalten. Hat man die Thorschwelle überschritten, befindet man sich in einem Vestibule mit vier Eingangsthüren, zwei rechts, zwei links, während eine gut erhaltene Glasthüre das Vestibule von dem Hofe abschliesst. Eine besondere Zierde des ersteren ist das Medaillonporträt des Balthazar Moretus, darüber ein Adler, in der linken Klaue einen, zu dem Wappen der Moretus gehörenden, Stern haltend.

Der Hof.

Der Hof bildet ein grosses Viereck, von dessen vier Seiten drei ihr ursprüngliches Aussehen ganz behielten. Das Hauptgebäude besteht aus einem Erdgeschoss und zwei Etagen; der rechte Flügel aus zwei Etagen und einem Bogengang, der sich auch unter die Hälfte des Hintergebäudes erstreckt, das ganz von den Zweigen und Blättern eines dreihundertjährigen Weinstocks, zwischen welchen die mit Blei eingefassten Fensterscheiben sichtbar werden, überdeckt ist. Der linke Flügel, aus neuerer Zeit stammend, besteht aus Einer Etage. Büsten von Plantin, Johannes, Balthazar und Joh. Jak. Moretus, Just. Lipsius u. a. zieren die Façaden. Der ganze Hof übt in seiner Abgeschlossenheit einen besonderen Reiz aus, es ist, als könne von aussen keine Störung hier hineindringen. Nichts Verunstaltendes, nichts Zerfallenes, wennauch die Zeit dem Gemäuer ihr Gepräge aufgedrückt hat; man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt.

Der Setzersaal.

In der Werkstätte findet sich der Apparat für 20-25 Setzer vor. Die Setzkästen sind noch gefüllt, die Tenakel stehen noch darauf befestigt. Die Kästen sind nicht so hoch angebracht, wie bei uns, man arbeitete sitzend, und die Sessel stehen noch in den Gassen; an den Wänden hängen die Kolumnenschnuren. Es ist, als wäre die Arbeit nur von der üblichen Mittagspause unterbrochen und als müsste sie baldigst wieder begonnen werden.

Im Hintergrunde des Zimmers liegen auf verschiedenen Tischen: Linien in allen Grössen, Schiffe mit noch nicht umbrochenem Satz, Durchschuss u. dgl. Die hintere Wand ist von Aufsätzen mit Regletten und Keilen eingenommen. Zwei zum Druck fertige Formen lehnen an der Wand. Auch ein Stoss Papier steht noch da. An der linken Langseite sind sieben hölzerne Pressen aufgestellt.

Das Zimmer der
Korrektoren.

Durch zwei kleine Räume, von denen der eine das Arbeitszimmer des Just. Lipsius war, der andere die Revisionsbogen von verschiedenen Werken in bester Ordnung enthält, kommt man in das Zimmer der Korrektoren, ein längliches Viereck und einer der grössten Räume des Hauses. Alles steht noch auf seinem alten Platze, alles spricht von den grossen Arbeitern, deren Namen mit dem Ruhme des Hauses Plantin verbunden sind, und die hier viele Jahre in rastloser Wirksamkeit zugebracht haben. Zur Rechten steht eine enorme Truhe, gefüllt mit Briefen, Korrekturbogen, Manuskripten, weiter das Pult der Korrektoren, ein Meisterstück der Holzschnitzerei. Eine Seite desselben lehnt an der Mauer. An zwei Seiten sind Sitze mit hohen Rücklehnen und reichen Bildschnitzereien auf einem Podium angebracht, so dass man eine Stufe hinaufsteigen muss. Unter dem Pult befinden sich viele Fächer. Zwei mächtige Repositorien enthalten eine grosse Anzahl von Kästen, jeder derselben trägt den Namen einer der Städte, mit welchen Plantin Verbindungen unterhielt, und umschliesst die Aushängebogen der in Arbeit befindlichen Werke aus dieser Stadt und die darauf bezügliche Korrespondenz. Der übrige Wandraum ist mit Wandschränken und Regalen ausgefüllt, welche Pakete mit Vorratsschriften und Defekten zu den in Gebrauch befindlichen Schriftsorten enthalten; durch alles geht der Geist der genauesten Ordnung.

Bücherstube.
Schriftgiesserei.

In dem obern Stock ist die Bücherstube für das Trocknen, das Abpressen und Komplettieren der Bücher. Hier steht auch ein Schatz von hohem Wert, ein Schrank, dessen Kästen eine bedeutende Anzahl, mit grösster Akkuratesse geordneter Geschäfts- und Familienbriefe bergen. Die Schriftgiesserei nimmt zwei Räume ein; der eine für das eigentliche Giessen bestimmt, der andere für das Schleifen, Fertigmachen und Verpacken. Auch das Firniskochen wurde hier besorgt. Ferner zeigt man eine Bronziermaschine. In diesen Räumen steht ebenfalls alles da, als ob die Arbeit eben aufgehört hätte. Das Handwerkszeug hängt an den Wänden, die Giessöfen enthalten Reste von flüssig gewesenem Metall. Probepakete, Stempel, Instrumente liegen umher. Auch einige silberne Buchstaben finden sich vor, jedenfalls Resultate von unpraktisch befundenen Versuchen, Typen aus diesem Metall zu formen.

Die Bibliothek.

Die grosse Bibliothek (es giebt auch eine kleine) ist ein längliches Viereck, dessen Wände, soweit sie nicht durch die Fenster unterbrochen werden, mit Regalen bedeckt sind. Durch die ganze Länge des Zimmers zieht sich ein Doppelpult, unten mit Fächern versehen. Hier lagern Bücher, Zeichnungen, Stiche nach Rubens, Teniers, van Dyck, Jordaens u. a., fast alle in den ersten Abdrücken vor der Schrift. Ein Album umfasst mehr als vierhundert Handzeichnungen der grossen Meister, darunter elf Rubens. Dreiunddreissig Familienporträts vollenden den Schmuck des Raumes.

Selbstverständlich bilden die Plantinschen Drucke einen wichtigen Bestandteil der Bibliothek, sie sind jedoch nicht ganz vollzählig. Die Zahl der Manuskripte kann man auf 200 anschlagen. Von Inkunabeln sind gegen 60 vorhanden. Die Zahl der sonstigen Bücher wird auf 9000 geschätzt, darunter eine auserlesene Sammlung von Missalen, Breviarien u. dgl.

Eine typographische Kuriosität ist ein Band, welchen Johann Moretus 1576 Plantin gewidmet hat, der eine Sammlung der Titel von allen bei Plantin bis zum Jahre 1576 gedruckten Büchern enthält, gewiss ein interessantes Musterbuch für Typographen. Von noch grösserem Interesse dürfte das Studium des Journals des Hauses und der Hauptbücher aus drei Jahrhunderten, 1566 bis 1865, sein. Mit letzterem Jahre hörte die Thätigkeit des Hauses auf, die bereits früher auf ein Minimum reduziert war.

Die Schriftstücke
und andere Sel-
tenheiten.

Ferner sind noch aufbewahrt: die Messabsatz-, die Arbeits- und die Buchbinderbücher, Kataloge der verschiedensten Art, sowie die Korrespondenz-Brouillons, geeignet Licht über manches zu werfen, was jetzt dunkel ist. Die Zahl der Holzstöcke beträgt mindestens 15000; die der Kupferstiche 7 bis 8000. Von den kostbaren Porträts aus den Meisterhänden Rubens', van Dycks und anderer, den prachtvollen Meubeln, den seltenen Porzellanstücken und von vielen anderen Kostbarkeiten wollen wir hier nicht reden. Abgesehen von diesen, bietet das Plantinsche Museum in typographischer Hinsicht ein so ungemeines Interesse, dass die typographische Welt sich zu der Opferwilligkeit der Bürgerschaft der Stadt Antwerpen Glück zu wünschen hat, welche diese Schätze der Zukunft erhielt.

Die Familie
Blaeu.

Eine zweite bedeutende Druckerfamilie war die der Blaeu in Amsterdam. Wilhelm Blaeu[5], geboren zu Alkmar im Jahre 1571, legte sich auf Astronomie und war ein Schüler und Freund des berühmten dänischen Astronomen Tycho de Brahe (S. 155). Blaeus Hauptthätigkeit war der Herausgabe astronomischer und Karten-Werke gewidmet. Selbst ein tüchtiger Mechaniker, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Vervollkommnung der Druckpressen, deren neun, von verbesserter Konstruktion und nach den neun Musen benannt, in seiner Offizin aufgestellt waren. Die Verbesserungen bezogen sich namentlich auf den elastischen Zug. Blaeu starb am 21. Okt. 1638 und sein Sohn Johann (geb. 1596) setzte die Druckerei fort, zuerst in Verbindung mit seinem Bruder Cornelius, von 1641 ab allein. Im Jahre 1663 lieferte er einen prachtvoll ausgeführten Atlas in zwölf Grossfoliobänden, dem mehrere ebenso grossartige Werke folgten. Seine Offizin galt für die bedeutendste und schönste Europas, sie beschäftigte regelmässig über 40 Arbeiter namentlich mit dem Druck grosser Werke, mit Karten und Illustrationen, für deren Herstellung er einen besonderen Ruf hatte. Am 22. Febr. 1672 brannte die Offizin gänzlich ab. Die strenggläubigen Protestanten erklärten dies für ein Strafgericht des Himmels, weil Blaeu viele Breviarien und Missalen für die Papisten druckte. Er starb am 28. Dezember 1673 und wurde von seinen Söhnen Peter und Johann gefolgt.


Der Stammvater
der Elzeviere.

Es bleibt noch die berühmteste der holländischen Buchdruckerfamilien, die, wenn von den Leitsternen der Typographie die Rede ist, gewöhnlich mit den Geschlechtern des Aldus und des Stephanus zusammen genannt wird.

Ludwig Elzevier, der Stammvater des berühmten Geschlechts, ist zu Löwen in Brabant um das Jahr 1540 geboren. Aus den Arbeitsbüchern des Plantin geht hervor, dass ein Buchdrucker Johann aus Löwen mit dem Beinamen Helsevier bei ihm von 1565-1588 arbeitete. Ob dies Ludwigs Vater war, ist nicht ermittelt, doch ist es nicht unwahrscheinlich, da Ludwig sich schon in jüngern Jahren in Antwerpen aufhielt und ihm dort zwei Kinder Matthias (1564) und Ludwig (1566) geboren wurden. Die Mutter derselben hiess Mayke (Marie) Duverdyn. Die Hypothese in Bezug auf Ludwig Elzeviers Vater gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dass Ludwig, der die Buchbinderei übte, von Plantin beschäftigt wurde, der, selbst früher Buchbinder, sich der Buchdruckerei und dem Verlagshandel mit so grossem Erfolge gewidmet hatte[6].

Lage der Prote-
stanten.

Antwerpen war, wie schon erwähnt wurde, der Herd der reformatorischen Bewegung in den Niederlanden geworden, von welcher auch Elzevier ergriffen wurde. Die scharfen Edikte des Kaisers Karl v., welche Todesstrafe für den Anschluss an eine sektiererische Verbindung feststellten, waren noch in Kraft, wenn sie auch unter der milden Regierung der Statthalterin Margaretha von Parma nicht so gefährlich waren. Die Lage änderte sich jedoch, als König Philipp ii. den Herzog von Alba (1567) mit dem Auftrag sandte, durch Feuer und Schwert jede Spur der Ketzerei zu vertilgen. Tausende von Familien verliessen den heimatlichen Herd; auch die Ludwig Elzeviers gehörte zu diesen und zog nach Wesel, wo zahlreiche Emigranten sich zusammengefunden hatten und von wo eine thätige Propaganda ausging. Viele Bücher und kleinere Schriften reformatorisch-agitatorischen Inhalts in vlämischer Sprache wurden dort gedruckt und von dort aus verbreitet, so dass Elzevier als Buchbinder auf Beschäftigung rechnen konnte.

Wie man über seinen Aufenthalt in Antwerpen hauptsächlich aus den Geburtsscheinen seiner Kinder Positives weiss, so auch über seine Existenz in Wesel und später in Douai. In Wesel wurde sein dritter Sohn, Aegidius; in Douai Justus und Arnold geboren. Nach seinem Vaterland ist er jedenfalls erst nach der Übernahme der Regentschaft durch Louis de Requesens i. J. 1574 zurückgekehrt, und mag wohl nur, weil in Antwerpen schon verdächtig, Douai vorgezogen haben, das seit 1462 eine wallonische Universität besass, die Philipp ii. als Gegengewicht zu den Universitäten in Genf und Paris mit ihrer freieren religiösen Bewegung errichtet hatte, so dass ein Buchbinder auch hier auf Erwerb rechnen durfte. Der Friede zu Gent, 1576, schien den religiösen Wirren ein Ende machen zu wollen; als sich jedoch die wallonischen Provinzen 1579 wieder unter das Joch Spaniens begaben, zogen die Protestanten, unter diesen Elzevier, wieder aus, letzterer nach Leyden, damals, nächst Amsterdam, die volkreichste Stadt Hollands, wo der Handel blühte und die von Wilhelm von Oranien begründete Universität einen raschen Aufschwung nahm.

Ludwig Elzevier
in Leyden.

Elzevier fand, als er 1580 mit seinen fünf Söhnen und einer Tochter Marie nach Leyden kam, eine Stütze bei den vielen emigrierten Landsleuten. Im übrigen kann er nicht ganz ohne Mittel gewesen sein, denn er erwarb bald zwei Häuser, von denen das eine auf der „Rapenburg“, in der Nähe der Universität gelegen war. Dass er für letztere beschäftigt war, beweisen viele Rechnungen. Die günstige Lage im Zentrum der Gelehrsamkeit veranlasste ihn den Buchhandel anzufangen, der bald einen ziemlichen Umfang genommen haben muss, wie man aus einem unerfreulichen Zusammenstoss mit Plantin erfährt. Elzevier war diesem für gelieferte Bücher 1270 Gulden schuldig und musste 1583 vor Gericht erklären, dass Plantin berechtigt sei, sich an seine beiden Häuser zu halten, wenn Zahlung in den übereingekommenen Terminen nicht erfolgen würde.

Elzevier wird
Pedell.

Elzevier hatte Gelegenheit gehabt, verschiedene bibliopolische Erwerbungen für die Universität in einer für diese vorteilhaften Weise zu machen, was auch Anerkennung fand, so dass er am 30. September 1586 zum Pedell mit 72 Gulden Gehalt ernannt wurde. Noch mehr sollte ihm aber die Gunst der Universität in indirekter Weise zustatten kommen. Elzevier konnte die oben erwähnten Verbindlichkeiten gegen Plantin nicht erfüllen und er musste seine Häuser diesem überweisen. In dieser Not richtete er das Gesuch an den akademischen Senat, auf dem Grund und Boden der Universität einen Laden errichten zu dürfen, weil es sehr zum Nachteil der Professoren und Studierenden gereichen würde, wenn er seinen Laden weit weg von der Universität verlegen müsste. Das Gesuch Elzeviers wurde zugestanden; bis 1595 besass er den Laden ganz umsonst, von da ab musste er 75 fl. Miete bezahlen. Dieser Laden war die Wiege des Glanzes der Elzeviere, jedoch hatte Ludwig noch lange mit Sorgen zu kämpfen. Erst das Jahr 1594, in welchem er Bürger von Leyden wurde, scheint den Wendepunkt zum Günstigen gebildet zu haben.

Ludwigs Kinder.

Seinen ältesten Sohn Matthias nahm er um 1590 als Teilnehmer auf, später den zweitjüngsten Bonaventura; der zweite Ludwig ging als Buchhändler nach dem Haag, der vierte Justus nach Utrecht. Der dritte Aegidius erscheint nur vorübergehend in dem Haager Geschäft, seine übrigen zwei Söhne, Arnold und Adrian, gehören so wenig wie seine zwei Töchter der Geschichte der Buchdruckerkunst an.

Sein Verlag und
seine Reisen.

Von seinen Verlagswerken erschien das erste 1592; nach 1594 folgten sie in ununterbrochener Reihe. 1595 wendete er zum ersten male das Insigne an: den Adler auf einer Säule, in den Klauen das Bündel mit sieben Pfeilen haltend und mit der Umschrift: Concordia res parvæ crescunt, wie bekannt die Devise der holländischen Republik. Um diese Zeit fängt auch sein regelmässiger Besuch der Frankfurter Messen an. Ludwig begriff sehr wohl, dass die Erzeugnisse des Geistes nicht auf den heimischen Markt sich beschränken konnten und suchte den ausländischen Markt auf. Er selbst war viel gereist und liess auch seinen Sohn Bonaventura noch jung auf Reisen gehen. Seit 1601 besuchte er regelmässig zweimal jährlich die Frankfurter Messe, wo er ein besonderes Depot hatte, ohne sich durch die damals mit solchen Reisen verbundenen vielen Mühseligkeiten und Gefahren abhalten zu lassen. Als die Buchmesse sich mehr und mehr nach Leipzig zog, folgte Elzevier dem Strom doch nicht, sondern fuhr fort, Frankfurt zu besuchen, wo er fast das Monopol für Versorgung Deutschlands mit ausländischer Litteratur hatte. Mit Paris unterhielt er ebenfalls regelmässige Verbindungen, obwohl der Verkehr dort mancherlei Beschränkungen unterworfen war.

Der Umfang seiner Geschäfte und das Zutrauen der Autoren zu ihm stiegen fortwährend. Nicht wenige der letzteren übergaben ihm ihre Werke in vielen Exemplaren zum Debit. Wenn deshalb sein Name öfters in Verbindung mit dem eines anderen Verlegers auf einem Titel vorkommt, so ist daraus nicht zu schliessen, dass es sich um eine Association handelte, sondern, dass ein Verleger ihm den Debit eines Werkes für das Ausland übertragen hatte.

Geschäftliche
Manipulation.

Bei seiner grossen Thätigkeit im Vertrieb war er nicht immer gar zu wählerisch in den Mitteln. Er kaufte öfters liegengebliebene Auflagen und versah sie, unter Benutzung seiner Firma, mit neuen Titeln; manchmal wurden einige Seiten neu angedruckt oder zwei Bände in einen verbunden, und dann solche als neue Ausgaben versandt. Kurz, es wurden verschiedene, auch noch heute im Buchhandel übliche Mittel angewendet, die man nicht gerade als Unrecht bezeichnet, die aber doch auch nicht zu den ganz soliden zählen. Dass sein persönlicher Charakter ein ehrenwerter war, dafür sprechen das grosse Zutrauen und die Auszeichnung, welche ihm von den Gelehrten, seinen Geschäftsfreunden und seinen Mitbürgern entgegengetragen wurden.

So war der Name Elzevier, noch ohne Hinzutreten des Elements, welches seinen eigentümlichen Ruhm begründen sollte, der Typographie, ein sehr gut renommierter geworden. Ludwig selbst sollte eine Buchdruckerei nicht besitzen, wohl aber erleben, dass sein Enkel Isaack, zweiter Sohn des Matthias, eine solche (1616) erwarb. Noch konnte man nicht auf den künftigen typographischen Ruhm schliessen, und die Werke, die Ludwig in den verschiedenen Offizinen ausführen liess, zeichneten sich in Nichts vor hundert anderen aus, wenn man auch später, als der Nimbus das Haus umgab, oft versucht hat, einen besonderen Wert herauszufinden, wo keiner vorhanden war.

Ende Ludwigs.

Ludwig näherte sich dem Ende seiner Laufbahn, auf die er mit Befriedigung zurückschauen konnte. Der unbekannte Handwerker war ein durch Europa angesehener Mann geworden. Vier Söhne hatten den Beruf des Vaters ergriffen; ein Enkel übte die Buchdruckerei; sie konnten sich in ihrer Wirksamkeit gegenseitig stützen und ergänzen. Sein neues Vaterland war in seiner Freiheit anerkannt, es war ihm beschieden, auch seinen religiösen Überzeugungen sich ruhig hingeben zu können.

Doch sollten seine letzten Tage noch in peinlicher Weise eine Störung erleiden. Ludwig hatte erlangt, dass sein Sohn Matthias 1607 ihm als Vicepedell adjungiert wurde. Am 11. Nov. 1616 wurde ein Teil der Universitätsgebäude vom Feuer zerstört und die Untersuchungsrichter gaben der Nachlässigkeit der Pedelle allein die Schuld. Matthias wurde seines Amtes enthoben; über Ludwig wurde der Beschluss noch nicht gefasst. Die Möglichkeit ist wohl nicht ausgeschlossen, dass dies Ereignis heftig auf ihn eingewirkt hat; Thatsache ist es, dass er gleich zu Anfang des Februar 1617 starb und am 4. Febr. neben seiner Frau, die ihm schon vor drei Jahren im Tode vorangegangen war, begraben wurde. Übrigens wurde Matthias in demselben Jahre wieder in sein Amt eingesetzt, das er bis zu seinem Tode behielt. 1636 war ihm das Recht zugestanden, sich durch seinen Schwiegersohn, Peter Caron, vertreten zu lassen.


Ludwigs Söhne.

Nach dem Tode des Vaters übernahmen der älteste Sohn Matthias und der vorletzte Bonaventura das Leydener Geschäft, jedoch bereits am 3. Septbr. 1622 übertrug der erstere seinen Anteil auf seinen ältesten Sohn Abraham.

Der zweite Sohn Ludwigs, Ludwig ii., wahrscheinlich 1566 geboren, ging 1590 als Buchhändler nach dem Haag. Seinen Laden hatte er in einem grossen Saal des Palais der Generalstaaten, vorzugsweise de Zaal genannt, an dessen Wänden Buchhändlerstände ringsum eingerichtet waren. Mit einer kurzen Unterbrechung in den Jahren 1598-99 stand er an der Spitze des Haager Etablissements, welches keine grosse Bedeutung hatte, und nur eine ganz geringe Verlagsthätigkeit entwickelte. Ludwig ii. starb wahrscheinlich 1621. Das Geschäft erwarb Bonaventura und übergab es wieder in demselben Jahre an Jacob Elzevier, den dritten Sohn des Matthias. Jacob zog sich 1636 zurück, ging in Staatsdienst über und siedelte sich schliesslich in Gensingen im Kurpfälzischen an. Das Haager Geschäft blieb als Filiale bei dem Leydener. Von dem dritten Bruder Aegidius weiss man nur, dass er in der Abwesenheit Ludwigs eine kurze Zeit das Haager Geschäft besorgte. Er starb als Kaufmann in Leyden 1651.

Der vierte Bruder Justus (geb. 1575) erhielt in Utrecht das Bürgerrecht als Buchhändler. Von seinen vier Kindern war das älteste, Ludwig iii., der später so berühmte Gründer des Amsterdamer Hauses. Sein Todesjahr ist nicht bekannt. Ein Enkel von ihm, Peter, trieb kurze Zeit den Buchhandel in Utrecht und verschwand 1675 von der geschäftlichen Bühne. Der fünfte Sohn wurde Landschaftsmaler, der siebente, Adrian, trat in die Dienste der Ostindischen Compagnie und wurde 1609 von den Wilden auf den Bandainseln ermordet.

Bevor wir an die weitere Geschichte des Stammhauses in Leyden unter Bonaventuras und Abrahams Leitung gehen, müssen wir der Thätigkeit des zweiten Sohnes des Matthias, des Buchdruckers Isaack, gedenken, die fast ihr Ende erreicht hatte, als die zuerstgenannten die ihre begannen.

Isaack, Ludwigs
Enkel.

Isaack war am 11. Mai 1596 in Leyden geboren. Am 14. Febr. 1616 verheiratete er sich mit Jaquemine Symons van Swieten, einer Waise, und wurde wahrscheinlich durch ihr Vermögen in die Lage versetzt, eine Druckerei erwerben zu können, denn seine grossen für den Grossvater ausgeführten Druckwerke datieren aus dem Jahre 1617. Isaack fuhr fort vorzugsweise für Matthias und Bonaventura, später für Bonaventura und Abraham zu drucken. Es finden sich auch Druckwerke vor, die keine andere Firma als die Isaacks tragen, doch lässt sich daraus nicht schliessen, dass er als Verleger und Konkurrent seiner Verwandten aufgetreten wäre, sondern nur, dass solche Werke im Selbstverlage der Autoren erschienen sind.

Isaack,
Universitäts-
Buchdrucker.

Am 9. Febr. 1620 erhielt Isaack die Stellung als akademischer Buchdrucker, in der die Familie bis zu ihrem Ende 1712 blieb. Gleich bei der Begründung der Universität Leyden war der Beschluss gefasst, einen gelehrten, namhaften und erfahrenen Mann zum akademischen Buchhändler und Buchdrucker zu ernennen. Die Wahl fiel auf Wilhelm Sylvius, der in Antwerpen mit dem Titel königl. Buchdrucker etabliert war (1579), Sylvius starb bereits 1580. Sein Nachfolger war der berühmte Christoph Plantin (1584), der Antwerpen verlassen hatte, jedoch bald wieder nach dort zurückkehrte. Seine Offizin und sein Amt gingen auf seinen gelehrten Schwiegersohn, Franz von Rapheling, über; das Amt erbte nach dessen Tode (20. Juli 1597) der Sohn Christoph, der ihn jedoch nicht vier Jahre überlebte. Der Senat erwählte nun (1602) Johann Paedts (Patius) zu seinem Nachfolger. Er starb 1620 und das Amt wurde auf Isaack Elzevier übertragen. Als Universitätsbuchdrucker war er verpflichtet, eine und eine halbe Presse für den Druck der kleinen Universitäts-Schriften zur Disposition zu halten. Er hatte für gute Korrektur und dafür zu haften, dass keine willkürlichen Änderungen gemacht wurden; die Besorgung der Bücher zur Frankfurter Messe übernahm er zu festgesetzten Bedingungen. Jährlich erhielt er eine Entschädigung von 50 Gulden.