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III. KAPITEL. []

DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IN DEUTSCHLAND.

Schnelle Verbreitung der Kunst. Die Nachfolger Gutenbergs in Mainz. Peter Schöffer und seine Nachkommen. Ulm. Beromünster. Basel. Bamberg, Albrecht Pfister. Augsburg. Nürnberg. Wien. Der Norden: Köln, Münster, Magdeburg, Leipzig.

Art der Verbrei-
tung der Kunst.

E ES ist eins der Hauptwunder der überhaupt wunderbaren Geschichte der Buchdruckerkunst, dass sie sich in einer verhältnismässig so kurzen Zeit von 1455-1475 beinahe über das ganze zivilisierte Europa verbreitete. Zwar liegt es auf der Hand, dass eine so wichtige Erfindung, nachdem sie einmal in den ersten Erzeugnissen der Presse ans Licht getreten war, auch von Anderen erfasst werden und, durch kein Gesetz geschützt, sofort Nachahmung finden würde. Vergleichen wir jedoch ihr schnelles Vordringen mit dem Gang der grossen Erfindungen der neueren Zeit, z. B. der Gasbeleuchtung oder der Eisenbahnen, so wird man finden, dass letztere, obwohl durch viele mitwirkende Umstände unterstützt, sich nicht so schnell Bahn gebrochen haben wie die Buchdruckerkunst.

Und wie geschah dieses Wunder?

Zu einer Zeit, wo das Reisen ein so beschwerliches und gefahrvolles Unternehmen war, wie wir es uns jetzt nicht mehr recht vorstellen können, bahnten ausdauernde deutsche Arbeiter, die unermüdlichen Pioniere der Erfindung, sich ihren Weg über die weiten Gefilde Deutschlands und Frankreichs, ja überschritten die Alpen und die Pyrenäen, um die Fahne der neuen Kunst in fremden Ländern aufzupflanzen. Es war, als ob Gutenberg ihnen einen unwiderstehlichen Talisman vermacht hätte, durch welchen Deutschland bestimmt wurde, die Wiege der Reformation zu werden und den Weg für jegliche Art des Fortschrittes im Vaterlande sowohl wie in fremden Ländern zu ebnen.

War auch die Absicht, den Lebensunterhalt zu verdienen, die erste Triebfeder der Jünger Gutenbergs gewesen, so ist doch die Unermüdlichkeit, mit der sie, das Geheimnis der neuen Kunst mit sich führend, nach den fernsten Teilen Europas drangen, der höchsten Bewunderung wert. Ein gewisser berechtigter Künstlerstolz und ein achtungswerter Ehrgeiz erwarben ihnen Zuneigung und Vertrauen, wo sie erschienen. Mit Energie verfolgten sie ihr Ziel ohne Rücksicht auf Hindernisse und Gefahren, als furchtlose Apostel und prädestinierte Verbreiter eines neuen Glaubens, von dem sie durchdrungen und begeistert waren[1].

Folgen wir nun diesen begeisterten Jüngern auf ihren Wegen in Deutschland und in den fremden Ländern bis zum Schluss des Jahrhunderts, nachdem wir erst Kenntnis von dem Fortschreiten der Druckerei von Fust und Schöffer genommen.


Fust und
Schöffers Offizin
in Mainz.

Im Besitz des neuen Gutenbergschen Materials und der genügenden Geldmittel, mit der technischen Tüchtigkeit verbunden, gelang es bald Fust und Schöffer, den Erfinder der Kunst zu überflügeln und nach der kurzen Zeit von noch nicht zwei Jahren eine grossartige Leistung der Typographie zu vollenden: das Psalterium von 1457. Dieses Druckwerk ist das erste, welches mit der Angabe des Druckers, des Druckortes, der Jahreszahl und des Datums (14. Aug. 1457) zugleich mit farbigen Initialen versehen ist, während Seitenzahl, Signatur und Kustoden immer noch fehlen. Man kennt 6 Exemplare, von denen drei 175, die anderen nur 143 resp. 136 Blätter zählen. Als unvollständig können letztere jedoch nicht bezeichnet werden, da alle den Schlusssatz enthalten. Die Auslassungen geschahen wahrscheinlich aus Sparsamkeitsrücksichten, um nicht zu viel Pergament zu verbrauchen[2].

Das Psalterium
von 1457.

Dreihundertundsechs grosse Initialen, in rot und blau gedruckt, schmücken das kostbare, der starken Benutzung wegen nur auf Pergament gedruckte Buch. Eine Hauptzierde ist das, den Text anfangende Initial B. Der eigentliche Körper des Buchstabens bildet ein Viereck von 9 cm Höhe und Breite, rechnet man jedoch die Ausläufer mit zur Höhe, so beträgt diese 31 cm. Die Ornamentierung trägt einen maurischen Charakter und ist wahrscheinlich einem spanischen Manuskripte nachgebildet. Über die Herstellung dieser farbigen Initialen sind die Kenner nicht einig. Die vollendete Genauigkeit des Passens schliesst, bei den damaligen technischen Hülfsmitteln, den Gedanken an einen Doppeldruck aus. Einige halten dafür, dass die Holzschnitte in einzelne Teile nach den Farben zerlegt, diese einzeln eingefärbt, und dann, in einander gefügt, mit Einem Druck hergestellt sind, ganz in der Art des, zu Anfang unseres Jahrhunderts entstandenen Congrevedruckes. Andere behaupten, die Holzschnitte seien blind in den Bogen gepresst und nachher ausgemalt und wollen überhaupt an vielen Stellen des Textes eine Übermalung weniger gut gedruckter Sätze und Buchstaben entdeckt haben. Wie dem auch sei, so ist die Ausführung der Doppelfärbung eine technisch vollendete. Ohne Mängel ist das Werk dennoch nicht, namentlich ist der Ausschluss ein unregelmässiger und haben die Zeilen verschiedene Länge; auch Druckfehler, selbst so auffälliger Natur wie spalmorum statt psalmorum in der ersten Zeile des Schlusswortes, kommen vor. Merkwürdig ist es überhaupt, dass gerade die Schlussworte der alten Drucke nicht selten Fehler aufzuweisen haben; namentlich in Bezug auf Jahreszahlen, was mitunter zu den sonderbarsten Schlussfolgerungen für die Geschichte der Buchdruckerkunst Anlass gegeben hat.

Zugegeben, dass die ganze blendende Pracht der Erscheinung die, an unseren nüchternen Buchdruck gewöhnten Beschauer befangen gemacht und sie veranlasst hat, die Mängel zu übersehen und alles für unübertrefflich zu halten, so kann man doch das Psalterium nur als ein Wunderwerk ansehen, wenn man bedenkt, dass es nur wenige Jahre nach der Erfindung erschien. Über diesen so schnellen Aufschwung muss man staunen und bekennen, dass die vier Jahrhunderte, die seit der Zeit vergangen sind, zwar in der technischen Tüchtigkeit und Korrektheit des Materials grosse Fortschritte gemacht haben, in der eigentlichen Kunst jedoch verhältnismässig wenige; ja wir möchten bezweifeln, dass ein Meisterwerk von heute nach 400 Jahren ein so jugendliches Gepräge besitzen wird, wie das Psalterium heute zur Schau trägt. Fasst man ausserdem ins Auge, dass dies Werk kaum 21 Monate nach der Trennung Fust und Schöffers von Gutenberg ausgegeben werden konnte, so liegt der Gedanke nahe, dass die Anfänge schon aus der Zeit der Verbindung stammen, worauf auch die von der sonstigen Schöfferschen abweichende Schrift und die Ausstattungsart hinweisen.

Bereits im Jahre 1459 erschien eine zweite Auflage in etwas vergrössertem Format, von der man zwölf Exemplare kennt. Eine dritte folgte 1490; eine vierte 1502; die fünfte, aus dem Jahre 1516, stammt aus der Offizin des jüngeren Schöffer.

Weitere Druck-
werke Fusts und
Schöffers.

Am 6. Oktober 1459 vollendeten Fust und Schöffer Durandi, Rationale divinorum officiorum, welches mit neuen Typen Schöffers gesetzt wurde. Am 25. Juni 1460 erschienen: Constitutiones Clementi V. Im Frühjahr 1462 druckten Fust und Schöffer die erste politische Flugschrift in Brief- (Plakat-)Form, das Manifest Diethers von Isenburg gegen Adolf von Nassau, welches verhängnisvoll für ihre Druckerei werden sollte.

Die 48zeilige
Bibel.

Das vierte der grossen Mainzer Druckmonumente (vorausgesetzt, dass die 36zeilige Bibel das erste gewesen), war die, fünf Jahre nach dem Psalterium erschienene „Biblia sacra latina“ („Die 48zeilige“ genannt). Dies Werk bildet zwei Foliobände von je 242 und 239 zweispaltigen Blättern zu 48 Zeilen. Die Exemplare sind teils auf Pergament, teils auf Papier gedruckt; in die ersteren sind die Initialen hineingemalt, in den letzteren fehlen sie gewöhnlich. Gegen siebenzig Exemplare dieses Druckwerkes, welches sowohl durch seine typographische Schönheit, wie auch als erste vollständig datierte Bibel einen Hauptrang einnimmt, sind erhalten.

So wenig wie Gutenberg früher den Mut verlor, so wenig war es mit Fust und Schöffer der Fall, als ihre Offizin in der Nacht vom 27.-28. Okt. bei der Eroberung von Mainz durch den Grafen Adolf 1462 verwüstet wurde und in Flammen aufging.

Fust † um 1466.

Schon 1465 ward die Herausgabe von „Cicero de officiis“ unternommen, worin zum erstenmale griechische Schriften, jedoch in Holz geschnitten, verwendet wurden. Im Sommer 1466 war Fust, um den Verkauf der Verlagswerke zu betreiben, nach Paris gereist. In dem folgenden Jahre war er nicht mehr am Leben; wahrscheinlich ist er in Paris, wo damals die Pest hauste, gestorben.

Schöffer setzte nun das Geschäft allein fort. Unter seinen Druckwerken ist noch die am 24. Mai 1468 erschienene herrliche Ausgabe von: „Justiniani Institutiones cum glossa“ zu nennen, in deren Schlussschrift er sich selbst auf Kosten Gutenbergs etwas gar zu grosssprecherisch hervorhebt.

Schwabacher
Schrift.
Erhard Rewich.

Ob Schöffer auch das Verdienst gehabt hat, die erste rein deutsche Schrift, die „Schwabacher“, zu erfinden, lässt sich nicht bestimmt ermitteln. Sie kommt zum erstenmale 1486 in Mainz zum Vorschein in dem Werke Bernhard von Breydenbachs „Heylige reyssen gen Jerusalem“, das bei Erhard Rewich gedruckt wurde. Da Schöffer im J. 1492 die Chronik der Sachsen mit dieser Schrift druckte und man von Rewich aus Utrecht, der als Maler die Reisen Breydenbachs mitmachte und auf dessen Buche als der Drucker genannt wird, in letzterer Eigenschaft sonst nichts kennt, so dürfte die Annahme, dass Rewich nur der Herausgeber und Peter Schöffer der Drucker und Erfinder der Schrift sei, manches für sich haben. Andernfalls müsste man annehmen, was ja nicht als einziger Fall dastehen würde, dass Breydenbach als reicher Mann für dieses Werk eine eigene Druckerei von Schöffer hätte einrichten lassen. Woher der Name „Schwabacher“ stammt, ist ebenfalls nicht ermittelt. Die Anwendung der Schrift als Werkschrift hält sich bis in die Mitte des xvi. Jahrhunderts und man verwandte sie ebensowohl zu lateinischen wie zu deutschen Texten. Später unterlag sie mancherlei Änderungen, die sie der Fraktur näherführten. Als Auszeichnungsschrift findet die Schwabacher noch bis gegen die Mitte unseres Jahrhunderts Verwendung. Dann kam sie in Vergessenheit, um in neuester Zeit wieder als Buchschrift aufzuleben.

Schöffer in Paris.

Bald hätte noch ein neuer schwerer Verlust das Schöffersche Geschäft getroffen. Das Bücherlager, welches Fust nach Paris gebracht hatte, wurde, nachdem Schöffers dortiger Faktor Hermann von Stathoen ebenfalls 1475 gestorben war, als herrenloses Gut vom Fiskus in Besitz genommen. Zur Wiedererlangung seines Eigentums reiste Schöffer selbst nach Paris, erreichte auch glücklich sein Ziel und ernannte Conrad Henlif[3] zu seinem Faktor. Schöffer kann eigentlich als der erste Sortiments-Buchhändler betrachtet werden, da er nicht allein mit seinen eigenen Druckwerken Handel trieb, sondern auch die Erzeugnisse anderer Drucker verkaufte.

Schöffers Tod.

Von 1493 erlahmt seine Thätigkeit. Das letzte Buch mit seinem Namen ist die schon erwähnte vierte Auflage des Psalterium (21. Dez. 1502). Das erste Buch mit dem Namen seines Sohnes ist vom 27. März 1503 datiert. Sonach fällt der Todestag Schöffers, den man nicht genau kennt, in diese Zwischenzeit. Am 9. Juni 1836 wurde das ihm von seiner Vaterstadt Gernsheim errichtete Denkmal enthüllt.


Strassburg.
Joh. Mentelin.
Heinr. Eggesteyn.

Kehren wir auf unserer Wanderung[4] nach STRASSBURG[5] zurück, so begegnen wir als den ersten Buchdruckern dort Johann Mentelin und Heinrich Eggesteyn. Von beiden existieren Bibeln schon aus dem Jahre 1466; jedoch ohne Nennung des Druckers und des Datums. Die ersten datierten Drucke aus Strassburg gehören Eggesteyn an (1471) das: Decretum Gratiani. 2 Bde. fol. und die: Constitutiones Clementi V., ebenfalls in fol., in welchen der Drucker sagt, er habe schon unzählige Bände gedruckt. Dass auch Mentelin um diese Zeit eine grössere Thätigkeit entwickelt hatte, geht schon daraus hervor, dass er 1471 einen — den ersten überhaupt existierenden — Verlagskatalog auf einem Oktavblatt von 19 Zeilen herausgab[6] und dass Kaiser Friedrich iii. ihn schon 1468 auf Grund seiner Verdienste in den Adelstand erhob. Eggesteyns Wirksamkeit endigt schon 1472; Mentelin starb 1478 und sein Begräbnis fand unter grossen Ehren im Dome statt[7].

Die ersten Strassburger Drucke sind weit unvollkommener als die Mainzer, und weisen eine ganz abweichende Type auf. Es war deshalb nicht so unnatürlich, dass man auf eine selbständige und ältere Erfindung in Strassburg, der „Wiege der Kunst“, — jedoch wie Schaab richtig bemerkt „eine Wiege ohne Kind“ —, schliessen wollte.

Die Schweiz.
Beromünster.
Basel.
B. Richel.

Das benachbarte Basel, das später einen bedeutenden Platz in der Geschichte der Typographie behauptet, nahm die Kunst bald auf. Allgemein wird jedoch nicht Basel, sondern der Flecken BEROMÜNSTER im Canton Luzern, eine Stunde von Sempach, wo am 9. Juli 1386 Arnold Winkelried durch seine heldenmütige Aufopferung „der Freiheit eine Gasse brach“, als erster Druckort der Schweiz betrachtet. In dem dortigen berühmten Chorherrenstift des Erzengels Michael lebte ein, durch seine Gelehrsamkeit hervorragender Mann Elias Eliae (Helias Helie)[8] aus dem berühmten Geschlecht derer von Laufen. Derselbe soll die Buchdruckerkunst durch Ulr. Gering, der später als erster Buchdrucker in Paris wirkte, nach der Schweiz gebracht haben und dort als erstes Buch den Mamotrectus des Joh. Marchesini, ein beliebtes, für höhere Schulen bestimmtes Wörterbuch der schwersten Ausdrücke der Bibel, gedruckt haben. Hiergegen wird jedoch Zweifel erhoben, und der Mamotrectus soll, inklusive der Jahreszahl 1470, nur ein Nachdruck einer Mainzer Ausgabe aus diesem Jahre sein und frühestens 1474 gedruckt, dagegen das 1472 erschienene: Roderici, Speculum vitæ humanæ das erste Buch aus Beromünsters Presse sein. Um diese Zeit kam auch die Kunst nach BASEL[9] durch Bartholdus de Basilea (eigentlich aus Hanau). Das erste Buch mit Jahreszahl ist Magister Konrads Repertorium vocabularum von 1473. Michael Wenssler und Fr. Biel druckten die Briefe Gasparinis von Bergamo ohne Jahreszahl. Eine handschriftliche Notiz in einem Exemplar in der Baseler Stadtbibliothek bezeichnet es als im Jahre 1472 gekauft. Bernhard Richel druckte bis 1482. Bekannt sind seine vier Ausgaben der Vulgata. Aus seiner Offizin stammt auch die erste Ausgabe des „Sachsenspiegels“, des von Eyke von Reppgowe zwischen 1215-1230 verfassten deutschen Rechtsbuches.

Bekannt ist ebenfalls Johannes Bergmann von Olpe (1494-1499), namentlich durch die mit 114 merkwürdigen Holzschnitten geschmückte Ausgabe von Sebastian Brants „Narrenschiff“. Die erste Auflage dieses oft gedruckten und nachgedruckten Buches erschien 1494.

Joh. Ammerbach.

Der berühmteste unter den ältern Buchdruckern Basels war Johannes Ammerbach aus Reutlingen (geb. 1434). Seine Liebe zu den Wissenschaften führte ihn nach Paris, wo er sich dem Rektor Joh. v. Stein anschloss. Dies mag wohl den Anstoss gegeben haben, dass Ammerbach sich der Buchdruckerei widmete. Als Magister artium kehrte er nach Deutschland zurück, arbeitete eine zeitlang als Korrektor bei Anton Koberger. Zwischen 1475 und 1480 eröffnete er seine Offizin in Basel und liess sich namentlich sorgfältige Ausgaben der hauptsächlichsten Kirchenväter angelegen sein. Er war der erste Baseler Buchdrucker, der sich der Antiqua bediente. Unterstützt wurde er in seinen Unternehmungen von seinen gelehrten Freunden Aug. Dodo, Conr. Pellicanus, Beat. Rhenanus und Joh. v. Stein, der von Paris nach Basel gezogen war.

Den Grund, weshalb die Druckkunst in Basel so schnell Wurzel fasste, muss man namentlich in seiner 1460 gegründeten, frisch aufblühenden Universität suchen. Mitgewirkt hat vielleicht auch der Umstand, dass die Papierfabrikation dort in grossem Flor stand. Bereits 1440 besass Hans Halbysen dort eine Papiermühle. Einen besonderen Aufschwung erhielt die Fabrikation durch die Brüder Antonius und Michael, die Gallicianen, welche um 1470 aus Spanien eingewandert waren.

Ulm und seine
Kunstschule.
L. Hohenwang.

ULM[10] war, nächst Augsburg, in der ersten Hälfte des xv. Jahrhunderts die wichtigste Stadt Schwabens und zählte über 50000 Einwohner. Es war nicht allein durch seinen Handel reich, sondern zeichnete sich auch durch die Pflege der Poesie und der bildenden Künste aus. Baukunst, Holzbildnerei, Malerei, Formenschneiderei blühten dort und die Häupter der Schwäbischen Schule Martin Schön, Bartholomäus Zeitblom und Martin Schaffner hatten einen grossen Ruf. Neben Anfertigung von Heiligenbildern war das Kartenmachen sehr in Schwung und grosse Massen dieser Erzeugnisse gingen nach Italien. Es war deshalb natürlich, dass die Buchdruckerei dort schnell Fuss fasste. Nächst Augsburg hat Ulm die meisten Wiegendrucke aufzuweisen, nämlich 136, unter denen 86 datierte. Ludwig Hohenwang aus Elchingen war einer der ersten Ausüber der Kunst. Er war selbst Zeichner, Formenschneider, Schriftsteller und Drucker, der mit Holztafeldruck anfing. Vier Ausgaben der ars moriendi sollen aus seinen Pressen hervorgegangen sein. Seine keineswegs vorzügliche Type ähnelt der römischen und seine Bücher zeichnen sich unvorteilhaft durch die Masse der Abbreviaturen aus, mitunter über 300 auf einer 32zeiligen Seite. Wahrscheinlich spielte Schriftmangel dabei eine Rolle, denn man findet, wie öfters in alten Drucken, kleine Buchstaben für grosse, oder einander ähnliche Buchstaben als Ersatz für einander verwendet, z. B. ein K für ein R.

Joh. Zainer.

Scheint es demnach nach neueren Untersuchungen, als müsse Johannes Zainer dem Genannten den Ehrenplatz als „erster“ Buchdrucker einräumen, so ist letzterem wenigstens der Ruhm als Ulms bedeutendsten Druckers und als eines der hervorragendsten in Deutschland gesichert. Durch einen langen Zeitraum, von dem Anfange der siebenziger Jahre des xv. bis zur Mitte der zwanziger Jahre des xvi. Jahrh., lieferte er umfangreiche Druckwerke. Zwar hat man von ihm kein datiertes Werk älter als 1473 aufzuweisen, da er jedoch um diese Zeit mit einer Anzahl, zumteil Vorbereitungen aus langer Hand erfordernder Werke auftritt, so muss er jedenfalls früher als 1473 zu wirken angefangen haben, und die handschriftliche Notiz des Käufers eines von ihm gedruckten Buches: „Albertus Magnus, de adherendo deo“, dass es 1470 gekauft sei, dürfte auf Wahrheit beruhen. Wahrscheinlich gebührt ihm, nicht Günther Zainer in Augsburg, der Ruhm, die Antiqua zuerst in Deutschland eingeführt zu haben. Ob er ein Bruder des Augsburger Zainer gewesen ist, weiss man zwar nicht, beide stammen jedoch aus Reutlingen. Überhaupt kennt man von seinem Privatleben wenig mehr, als dass es eine Kette von Sorgen war.

Leonh. Holl.

Leonhard Holl, Ulms dritter Buchdrucker, besass eine Spielkartenfabrik. Seine Waren gingen bis nach Konstantinopel. Er war der erste, der ein Werk mit in Holz geschnittenen Landkarten, worin zumteil Typen eingesetzt werden konnten, druckte. Es war dies: Claudii Ptolomäi Alexandrini Cosmographia mit 32 Karten von Johann Schnitzer von Armsheim ausgeführt. Pekuniären Erfolg hatte Holl davon nicht; erst musste er das Werk versetzen, später verkaufen. Es kam darauf in die Hände eines Venetianers Justus de Albano, der durch seinen Faktor Johannes Reger eine neue Ausgabe druckte.

Augsburg.

AUGSBURGS[11] erster Buchdrucker Günther Zainer (1468-1475) ist wahrscheinlich ein Schüler Fusts oder Schöffers gewesen. Bei ihm erschien um 1470 die erste Ausgabe von Thomas a Kempis' „Vier Bücher von der Nachfolge Christi“, ein Buch, welches nächst der Bibel am häufigsten aufgelegt worden ist. Eine grosse Anzahl deutscher Bücher druckte Johann Bämler (1472-1492). Anton Sorg (1475-1498) gab das erste Wappenbuch heraus, enthaltend die Wappen aller bei dem Konzil von Constanz anwesenden Herren. Einen hochberühmten Namen erwarb sich der Augsburger Erhard Ratdolt, ein fahrender Buchdrucker, dessen Namen mit der venetianischen Buchdruckergeschichte rühmlichst verknüpft ist. Am meisten glänzt Hans Schönsperger der Ältere (1481-1523). Über diesen sowie über Ratdolt wird später ausführlicher zu sprechen sein.

Nürnberg.
Antonius Ko-
berger.

Der Vater der Typographie NÜRNBERGS[12] ist Johann Sensenschmid (1473-1478), ein durch Gelehrsamkeit und Korrektheit seiner Druckwerke bekannter Buchdrucker, der 1478 nach Bamberg zog. Auch der berühmte Astronom Joh. Regiomontanus (Joh. Müller aus Königsberg) errichtete in Nürnberg eine Druckerei und druckte deutsche und lateinische Kalender. Des grössten Namens als Buchdrucker und Buchhändler erfreute sich aber Antonius Koberger[13] (1473-1513). Er arbeitete mit 24 Pressen und beschäftigte über 100 Gesellen. Man kennt 220 aus seinen Pressen hervorgegangene Werke, beinahe alle in Folio-Format von bedeutendem Umfange, von grosser Korrektheit und Eleganz. Allein 19 Bibeln druckte er, darunter eine in deutscher Sprache mit gothischen Typen und mit denselben Holzschnitten ausgestattet, die bereits in Köln zu der niederdeutschen Bibel von 1480 verwendet waren.

Der Schatzbe-
halter.

Die Ausführung befriedigte jedoch Koberger nicht und gab ihm Veranlassung, Schritte zu thun, um künftig auf heimischem Boden stehen zu können. Wie rasch dies gelang, zeigt der 1491 erschienene „Schatzbehalter des Reichtums des ewigen Heils“. Die Holzschnitte sind zwar ungleich, je nach Fertigkeit der Holzschneider, aber die Zeichnungen, die unzweifelhaft Michel Wohlgemut angehören, sind durchweg mit Geschmack und künstlerischem Sinn ausgeführt, zugleich unter Innehaltung der Grenzen, welche die noch nicht vollendete Technik des Holzschnittes verlangte.

Schedels
Chronik.

Das 1493 sowohl in einer deutschen, wie in einer lateinischen Ausgabe erschienene „Buch der Chroniken und Geschichten“ des Doktor Hartmann Schedel ist als illustriertes Werk eins der merkwürdigsten Presserzeugnisse des xv. Jahrhunderts. Da ein Übereinkommen mit Wohlgemut und Wilh. Pleydenwurf über die Lieferung der mehr als 2000 in dem Buch enthaltenen Illustrationen (von den zweimal und öfter vorkommenden abgesehen) erst 1491 getroffen wurde, so sieht man, dass über bedeutende sowohl xylographische wie typographische Kräfte verfügt wurde. Zum Schluss des Werkes werden die angesehenen Nürnberger Bürger Sebald Schreyer und Sebastian Kammermaister als um die Förderung des Werkes verdient erwähnt, ohne dass jedoch über die Art und Weise etwas verlautet, vielleicht haben sie als reiche Kunstkenner die Kosten der Illustrationen getragen.

Bei dem Druck der „Reformation der Stadt Nürnberg“ (1475) wendete Koberger eine verschönerte halbgothische Schrift an, welche der nachherigen Fraktur sehr nahe stand und die später auch bei dem grossen Druckwerke „Leben der Heiligen“ (1488) benutzt wurde.

Kobergers grosse
Thätigkeit.

Die Wirksamkeit Kobergers als Verleger war eine so grosse — sein Katalog zählt allein 33 Bibeln auf —, dass die Kräfte der eigenen bedeutenden Offizin zur Herstellung aller Werke nicht zulangten und öfters andere Offizinen in Anspruch genommen werden mussten, namentlich die von Johannes Ammerbach in Basel. Aus Kobergers Briefwechsel[14] mit diesem zeigt sichs, wie umsichtig er für alles besorgt war, und mit Recht allgemein den Ruf eines ungemein fleissigen, ordnungsliebenden und pünktlichen Mannes genoss.

Selbst bei dieser grossen Verlagsthätigkeit ruhte Koberger nicht. Er trieb zugleich einen ausgedehnten Sortimentshandel, hatte an mehreren Orten Filialen und Agenten, ja es scheint sogar, als habe er sich auch mit anderen als buchhändlerischen Geschäften befasst. Diese seine Thätigkeit brachte ihm Ansehen und goldene Früchte. Auch im häuslichen Leben war er gesegnet und hatte von seinen zwei Frauen mehr als zwanzig Kinder, von denen einige ebenfalls eine bedeutende geschäftliche Wirksamkeit entfalteten. Er starb im J. 1513.

Bamberg.
Albr. Pfister.

In BAMBERG[15] wirkte Albrecht Pfister (geb. um 1420; gest. um 1470), von vielen für einen selbständigen Erfinder der Buchdruckerkunst und den Drucker der 36zeiligen Bibel gehalten. Als Beweis wird die Identität der Typen dieses Werkes mit denen des Bonerschen „Fabelbuches“ (1461), der „vier Historien“ (1462), sowie des „Belial“, welche Pfisters Namen tragen, angeführt. Dagegen spricht entschieden die typographisch sehr niedrig stehende Ausführung sämtlicher Druckwerke Pfisters. Wer die 36zeilige Bibel gedruckt hat, wird schwerlich als Künstler so tief sinken. Die Typen kann Pfister ja recht wohl von Gutenberg erworben haben.

Das Bonersche Fabelbuch (1461) enthält 88 sehr geringe Holzschnitte und wurde früher für das erste deutsche illustrierte Buch[16] gehalten. Die Priorität muss jedoch den: „Sieben Freuden Mariä“ und der „Leidensgeschichte Jesu“ (1450-1460) eingeräumt werden, die in künstlerischer Beziehung über dem Fabelbuch stehen. Ob letztere beiden Erzeugnisse der Pfisterschen Presse angehören, lässt sich nicht ermitteln. Unter diesen bleiben noch zu erwähnen: eine „Armenbibel“ deutsch (wahrscheinlich 1462), sowie dasselbe Werk lateinisch. Es enthält 17 Blätter in Folio mit 170 Holzschnitten. Mutmasslich hat Pfister keinen bleibenden Aufenthalt in Bamberg gehabt, denn in neunzehn Jahren, bis 1481, ist kein aus Bamberger Pressen hervorgegangenes Werk bekannt.

Johann Sensen-
schmid.

Der von Nürnberg nach Bamberg übergesiedelte Johann Sensenschmid (1482-1490) lieferte ein prachtvolles Missale ordinis S. Benedicti und später im Verein mit Heinrich Petzensteiner (bis 1491) das Missale ecclesiæ Ratisponensis, welches so grossen Beifall fand, dass der Drucker desselben mit vielen ähnlichen Aufträgen beehrt wurde.

Wien.

In WIEN[17] stand die 1365 begründete Universität in voller Blüte und der Kaiser Friedrich iii. war der Buchdruckerkunst wohl gewogen. Er hatte, wie erwähnt, Joh. Mentel in den Adelstand erhoben und die Kunst durch ihre und ihrer Verwandten Aufnahme in seinen und des Reiches Schutz und durch Verleihung eines Wappens[18] geehrt. Zu verwundern bleibt es umsomehr, dass erst 1482 in Wien gedruckt wurde. Allerdings waren die Zeiten nicht gerade die günstigsten. Im Jahre 1481 führte Matthias Corvinus von Ungarn zum drittenmale seine Heere nach Österreich; 1482 brach die Pest in Wien aus; 1485 zog Matth. Corvinus siegreich dort ein und behauptete seine Herrschaft bis 1490.

Aus dem Jahre 1482 stammen die ersten unbedeutenden Druckerzeugnisse Wiens ohne Namen und Datum. Bis zum Jahre 1492 zeigt sich keine weitere Spur vom Druck und erst von da ab kann man eigentlich von einer Buchdruckerkunst in Wien reden.

J. Winterburger.

In dem zuletzt genannten Jahre druckte Joh. Winterburger, aus Winterburg bei Kreuznach, A. Flacci: Persij Satire. Weder dieser Druck, noch die 1492 gedruckte Leichenrede Bernh. Pergers auf den Kaiser Friedrich iii. trägt die Firma Winterburgers und nur die Typen gestatten den Schluss, dass sie von ihm ausgeführt wurden. Da seine Druckerei damals eine sehr gut eingerichtete war, so ist es nicht unmöglich, dass sie schon 1482 bestand und dass die Drucksachen aus jener Zeit von ihm stammen, doch sind keine Beweise dafür vorhanden, und die lange Pause wäre nicht ganz leicht zu erklären. Erst 1493 kommt sein Name vor, zum erstenmale auf dem Ceremoniell zu dem „begencknus Kaiserlicher Maistat“, Friedrich iii. Kaiser Maximilian begünstigte Winterburger sehr und verlieh ihm die Führung des kaiserlichen Adlers[19]. Er verdiente aber auch jede Aufmunterung, denn er druckte kostbare Werke und förderte die Arbeiten nicht allein der Wiener Gelehrten. Er starb im hohen Alter (1519), in demselben Jahre wie sein Gönner, der Kaiser.

Köln.
Ulrich Zell.

In den West- und Nordmarken des Deutschen Reiches ist es ganz besonders KÖLN, das in den ersten Zeiten der Kunst die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seine Lage machte es zum Mittelpunkte der Verbreitung des Buchdrucks im Norden Deutschlands und überhaupt Europas, und von dort gehen auch viele der typographischen Verbesserungen aus, z. B. die Anwendung der Signaturen, der Pagination, des eigentlichen Buchtitels und der Kolumnentitel, der kleinern Schriften und Formate. Viele der Buchdrucker, die mit Ruhm anderswo arbeiteten, erhielten ihre typographische Bildung in Köln. Schon im frühesten Mittelalter war es ein Sitz der Wissenschaft und der Kunst, und seine 1388 gegründete Universität bildete einen Hauptsitz der Theologie und der Philosophie. Ulrich Zell, ein berühmter Schönschreiber, Illuminator, Rubrikator und Schüler der Mainzer Offizin, war der erste Drucker Kölns. Seine frühesten Werke sind Chrysostomus: Super psalmo quinquagesimo und die Bulla retractionum Pii II., datiert Rom 16. März 1463. Von seinen vielen Meisterwerken verdient die lateinische Bibel in zwei Grossfolio-Bänden (wahrscheinlich aus dem Jahre 1470), besonders erwähnt zu werden. Die erste niederdeutsche Bibel, eins der berühmtesten und wertvollsten Erzeugnisse der Kölner Presse, gehört ohne Zweifel dem Nikolaus Götz (1474-1478). Sein Geschäftsnachfolger war Heinrich Quentell (1479-1500), der berühmteste Typograph Kölns und Stammvater einer hochangesehenen typographischen Familie.

Heinr. Quentell.

Solange die geistreichen Kombinationen Maddens nicht durch unwiderlegliche Thatsachen unterstützt werden, kann die von ihm angenommene grosse Druckanstalt und typographische Ausbildungsschule der fratres vitæ communis in Köln nicht der Geschichte eingereiht werden[20].

Münster.

Auf die erwähnte energische und werkthätige Korporation dürfte die erste Presse MÜNSTERS[21] zurückzuführen sein. Die Brüderhäuser in Köln und Rostock standen mit denen zu Münster in naher Beziehung und die ersten Pressen hier empfingen ihre Hauptnahrung von dem Humanismus. Der Name des ersten Druckers ist Johannes Limburgus, Aquensis (von Aachen), und der erste Druck: Kodri Kerkmeister, Comedia (1485). Mit dem nächsten Jahre verschwindet aber die Presse Münsters und taucht erst zu Anfang des xvi. Jahrh. wieder auf. Bei der dort herrschenden Gelehrsamkeit und Geistesthätigkeit bleibt nur die Vermutung übrig, dass die mit Münster eng verknüpften Städte Köln und Deventer, namentlich die letztere, dort Filiale errichtet haben; nur so lässt sich die grosse Druckthätigkeit Deventers erklären.

Die grösste Bedeutung als Drucker in Münster hat der bekannte Humanist Theodorik Tzwyvel. Von seinen vielen Druckwerken sind jedoch verhältnismässig nur wenige übrig geblieben und die Wiedertäufer, die seine Druckerei plünderten, haben gründlichst für die Zerstörung gesorgt.

Lübeck und
Hamburg.

In LÜBECK[22], welches eine tüchtige Pflanzschule für den Norden wurde, erschien 1498 die erste niederdeutsche Ausgabe des „Reineke de Voss“, von der das einzige bekannte Exemplar in Wolfenbüttel aufbewahrt wird. In HAMBURG[23] druckten 1491 die Brüder Hans und Thomas Borchardus. Aus dem xv. Jahrh. ist nur ein einziger Hamburger Druck bekannt: Laudes beate Marie virginis. Das Buch ist zwar sauber ausgeführt doch in seiner ganzen Ausstattung sehr einfach ja fast dürftig gehalten. Überhaupt scheinen die ersten dortigen Drucker auf keiner hohen Stufe gestanden und nicht mit besonderem Glück gearbeitet zu haben.

Magdeburg.

Ein überaus reges geistiges Leben entfaltete die reiche Stadt MAGDEBURG[24], wohin die neue Kunst durch Albert Ravenstein und Joachim Westfal, zwei Brüder des gemeinsamen Lebens, gebracht wurde. Sie lieferten 1483 und 1484 mehrere kleinere Schriften, dann aber auch ein grösseres, auf Laien berechnetes niederdeutsches Evangelienbuch in Folio. Westfal, der aus Stendal stammte, zog 1486 oder 1487 mit der Offizin nach dort; von Ravenstein hört man nichts weiter.

Eine staunenswerte Thätigkeit entfaltete Moritz Brandis, der von dem damals im Erzstift regierenden kunstsinnigen Erzbischof, Ernst, Prinz von Sachsen, aus Leipzig berufen wurde. Seine Offizin war mit zwölf Typengattungen und mit mindestens 9 Suiten von Initialen ausgestattet. Sein Meisterdruck ist die erste Ausgabe eines Missale in Folio; die zweite Stelle gebührt dem Halberstädter Breviarium in 8° von 1495.

Die Xylographie
in Magdeburg.

Besondere Beachtung verdient die Magdeburger Xylographie. Schon die ersten Drucke von dort zeigen Holzschnitte. Moritz Brandis lieferte 1492 einen Folianten mit vierzig, 1494 einen anderen mit elf Holzschnitten. Die meisten der, während eines Zeitraumes von siebzehn Jahren erschienenen Holzschnitte zeigen eine solche künstlerische Verwandtschaft, dass man auf die Abstammung von einem und demselben Künstler oder von einer und derselben Kunstanstalt schliessen muss. Dies wird noch bestätigt durch einen, im Kloster Zinna, dem einzigen Ort der Mark Brandenburg, ausser Stendal, der im xv. Jahrhundert eine Presse hatte, gedruckten „Marienpsalter“, ein für damalige Zeit seltenes Prachtwerk, das auf 116 Blatt in Quart nicht weniger als 189 vortreffliche Holzschnitte enthält[25].

Leipzig.
Andr. Friesner.

LEIPZIG[26], das später eine so wichtige Rolle in der Geschichte der Typographie spielen sollte, erhielt eine Druckerei erst zu einer Zeit, als manche andere Städte schon Bedeutendes geleistet hatten; ja es war nicht einmal die erste Stadt Sachsens, die die Kunst in ihren Mauern aufnahm, denn es giebt bereits Bücher aus dem Jahre 1473 mit dem Druckorte MERRSBORG[27]. Trotzdem ist die Einführungsgeschichte in Nebel gehüllt. Thatsache ist nur, dass Andreas Friesner, Sohn eines Ratsherrn in Wunsiedel, ein gelehrter Mann, der mit Sensenschmid in Nürnberg zusammen gewirkt hatte und 1479 nach Leipzig als Professor der Theologie berufen wurde, eine Buchdruckerei mit sich brachte. Ob er jedoch selbst gedruckt hat, oder ob er vielleicht seine Offizin einem der, als die frühesten bekannten, Buchdrucker Leipzigs übergeben hat, lässt sich nicht ermitteln. Im Jahre 1482 bekleidete Friesner die Stelle eines Rektors der Universität Leipzig. Er starb in Rom im Jahre 1504 und vermachte seine Presse dem Leipziger Predigerkonvent[28].

Erster datierter
Druck.

Ein datierter Druck ist erst aus dem Jahre 1481 bekannt, er trägt jedoch keine Druckerfirma. Es ist ein sehr sauber auf gutes Papier gedrucktes Bändchen in klein Quart, so frisch aussehend, als wäre es erst vor einem Jahrzehnt aus der Presse gekommen. Es führt den Titel: Johāis viterbiēsis: Glosa sup. Apocalipsim und das Impressum: Lipczk MCCCC LXXXI in pfesto michahelis. Der Schnitt der, namentlich durch ihre absonderlich geformten Initialen sich auszeichnenden halbgothischen Type ist derselbe, mit welchem das erste mit Namen des Druckers versehene Buch Leipzigs gedruckt wurde: Albici tractatulus de regimine hominis, welches von Marcus Brandis (1487) herrührt. Nicht weniger gut ist ein Benedictionale des Marcus Brandis aus dem Jahre 1487. Die Notensysteme sind rot eingedruckt, aber behufs handschriftlicher Einzeichnung der Noten leer gelassen. Für mit Marcus Brandis identisch wurde früher Moritz Brandis (1488-1498) gehalten, der, wie erwähnt, später nach Magdeburg zog.

K. Kachelofen.

Konrad Kachelofen, der langezeit für Leipzigs ersten Buchdrucker angesehen wurde, entwickelte eine grosse Thätigkeit von 1489 ab, in welchem Jahre er Joh. Widmanns von Eger: „Behende vnd hübsche Rechenung auf allen Kaufmannschaft“ druckte, ein Lehrbuch der elementaren Mathematik, in welchem auch einfache Holzschnitte vorkommen. Eine ausgezeichnete Leistung ist das im Jahre 1495 gedruckte Meissner Missale. 1495 zog Kachelofen, der in Leipzig herrschenden Pest wegen, nach Freiberg; die Leipziger Stadtbibliothek besitzt jedoch einen „Leipzig 1513“ datierten Druck von ihm.

Vor dem Schluss des xv. Jahrhunderts konnte Leipzig über 150 datierte Drucke aufweisen, abgesehen von den vielen undatierten.

[1] Worte eines Engländers H. Noel Humphreys, in seiner History of the art of printing.
[2] Es befindet sich je eins der Exemplare in Darmstadt, Dresden (nicht vollständig) und Wien (sehr schön und vollständig).
[3] J. Wetter, Conrad Henlif oder Henekies. Mainz 1851.
[4] Wir schlagen den geographischen Weg ein, ohne uns streng an die chronologische Folge der Einführung der Kunst zu halten.
[5] L. de Laborde, Débuts de l'impr. à Strassbourg. — J. D. Schöpflin, Vindiciae typographicae. Strassburg 1760.
[6] Die Bibliothek des Börsen-Vereins in Leipzig besitzt hiervon ein Exemplar.
[7] Nach Madden ist Mentelin aus der Offizin der „Brüder des gemeinsamen Lebens“ im Kloster am Weidenbach in Köln 1463 nach Strassburg gekommen. Alle Drucke mit den absonderlichen R, die man von vielen Seiten Mentelin zuschreibt, will Madden nach Köln verlegen.
[8] J. L. Äbi, Die Buchdruckerei in Beromünster. Einsiedeln 1870.
[9] D. A. Fechter, Beiträge zur ältesten Gesch. d. B. in Basel. Basel 1863 (B. Taschenbuch). — J. Stockmeyer und B. Reber, Beiträge zur Baseler Buchdruckergeschichte. (Herausg. von der Hist. Gesellsch.) Basel 1840. — Streuber, Neuere Beiträge zur Baseler Buchdruckergeschichte. Basel 1846.
[10] Dr. K. D. Hassler, Die Buchdrucker-Geschichte Ulms. Ulm 1840. — G. W. Zapf, Älteste Buchdruckergeschichte Schwabens. Ulm 1791.
[11] G. C. Mezger, Augsburgs älteste Druckdenkmale. Augsburg 1840. — G. W. Zapf, Augsburgs Buchdruckergeschichte. 2 Teile. Augsburg 1786.
[12] G. W. Panzer, Älteste Buchdruckergeschichte Nürnbergs. Nürnberg 1789. — J. Baader, Beiträge z. Kunstgesch. Nürnbergs. 2 Hefte. Nördlingen 1860-62.
[13] G. E. Waldau, Leben A. Kobergers. Dresden 1786. — Dr. O. Hase, Die Koburger. Leipzig 1869.
[14] Als Vorläufer einer zweiten Auflage seines Buches über die Koberger, zugleich als Weihgeschenk zu dem 25jährigen Jubiläum des, um die Geschichte des Buchhandels hochverdienten Dr. Albr. Kirchhoff, liess Dr. Hase (einer der Chefs der Firma Breitkopf & Härtel) ein: Brieffbuch der Koberger zw Nurmbergk, Leipzig 1881 (in 25 Expl.) erscheinen, das namentlich Briefe des Ant. Koberger an Joh. Ammerbach in Basel enthält. Diese Briefe erstrecken sich über die Jahre 1493-1509, werden aber von 1504 ab immer sparsamer und kürzer, der letzte und einzige Brief aus 1509, „dem Erbern weisen meyster Hanssen Froben zw bassell meinem Sundern gunstigen guten Freund“ geschrieben, schliesst, das Obengesagte von der Fürsorge Kobergers bestätigend: „Lieber meyster Hans jch bitt euch wollet gute Fass machen lassen Die starck vnd Dick von holcz sind wan es ist So grawsam wetter bey vnss von regen vnd von schne Das gleichen kein man gedenkt Jch hab euch gancz eyllet geschrieben Die furlewt seyn wegfertig“.
[15] Placidius Sprenger, Älteste Buchdruckergeschichte von Bamberg. Nürnberg 1800. — H. I. Jæck, Jubelschrift 1840. Erlangen 1840. Vergl. auch Kap. II, S. 29.
[16] Es ist hiervon nur ein Exemplar, in Wolfenbüttel befindlich, bekannt.
[17] M. Denis, Wiens Buchdr.-Gesch. bis 1560. Wien 1782. — Die österr. Buchdrucker-Zeitung 1873, Nr. 9 u. flg. enthalten sehr detaillierte „Beiträge zur Geschichte der Buchdruckerei in Wien“ bis auf die neueste Zeit.
[18] Das Buchdruckerwappen ist ein schwarzer Adler auf goldenem Schild, in der rechten Klaue einen Winkelhaken, in der linken ein Tenakel haltend; den Helmschmuck bildet ein Greif in halbem Körper, zwei Druckerballen an einander drückend. Merkwürdigerweise herrscht Zweifel, ob der ursprüngliche Adler der zweiköpfige Reichsadler gewesen oder ein einköpfiger. E. Bekkers Eintreten für den ersteren (in seiner Broschüre „Das Buchdruckerwappen“. Darmstadt 1837) stützt sich auf nur schwache Argumente. Von den von ihm angezogenen Quellen liegt keine weiter zurück als im Jahre 1730. Ein Frankfurter Messkatalog, also eine offiziöse Erscheinung, aus d. J. 1662 trägt auf dem Titel den einköpfigen Adler, ob es mit älteren der Fall ist, ist uns unbekannt. Auch Ernestis „Wohleingerichtete Buchdruckerei“, 1721, bildet den Adler einköpfig ab. Der Greif soll erst später durch Kaiser Ferdinand i. dem Wappen hinzugefügt worden sein.
[19] Auch hierin dürfte ein Beweis gegen den zweiköpfigen Adler im Buchdruckerwappen liegen; denn, dürfte jeder Buchdrucker diesen führen, so lag ja darin keine Bevorzugung Winterburgers.
[20] Vergl. die eingangs erwähnten: Madden, Lettres d'un bibliographe, zugleich IV. Kap. S. 68.
[21] J. B. Nordhoff, Denkwürdigkeiten aus dem Münsterschen Humanismus. Münster 1874.
[22] J. H. v. Seelen, Nachricht über die Bchdkst. Lübeck 1740. — Deecke, Einige Nachrichten etc. Lübeck 1834.
[23] J. M. Lappenberg, Gesch. d. Bchdkst. in Hamburg. 1840.
[24] L. Götze, Ältere Gesch. d. Bchdkst. in Magdeburg. Magdeburg 1872. Hierzu ein Supplement.
[25] Ein gut erhaltenes Exemplar besitzt die Stadtbibliothek in Thorn.
[26] J. H. Leich, De orig. typogr. Lipsiensis 1740. — J. J. Müller, Incunabula typogr. Lips. Leipzig 1720.
[27] Die Behauptung, dass dies nicht Merseburg sei, sondern Mörsburg am Bodensee, hat sich längst als unbegründet erwiesen.
[28] Dr. G. Wustmann in seiner Schrift: „Die Anfänge des Leipziger Bücherwesens“, 1879, hält dafür, dass die Kunst schon vor Friesner geübt wurde.