Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Poesie im innersten Asien.

Solange wir still lagen, ging es uns nicht schlecht. Wir hatten alles, dessen wir bedurften, und die Bewohner von Abdall (Abb. 115) wußten gar nicht, was sie uns alles zuliebe tun sollten. Beschäftigung hatten wir auch vollauf; die Kosaken jagten Wildenten und machten Bootfahrten, wir maßen zum letztenmal den alten Tarim und fanden 43,7 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. In zweieinhalb Monaten war der Fluß auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft und er sollte im Sommer noch mehr abnehmen.

Während dieser Tage zeichnete ich zu meinem Vergnügen einige alte wohlbekannte Lieder auf, die seit über hundert Jahren von den Söhnen und Töchtern des Loplandes gesungen worden waren. Auch einige neue Lieder, welche die Fischer am Kara-koschun singen, schrieb ich nieder. Alle diese Lieder sind einfach und ungekünstelt und zeugen von beschränkter Phantasie und naiver Lebensanschauung. Aber sie beweisen doch, daß auch diesem kleinen Fischervolke, das seine Tage im Herzen von Asien abseits von den großen Karawanenstraßen und isoliert von anderen Stämmen einförmig verlebt, Poesie nicht fremd ist und daß die Liebe, bald süß, bald bitter, wie überall bei den Menschenkindern, auch bei ihnen herrscht. Durch diese Lieder erhält man auch einen Begriff von den Grenzen der Welt, in der sich ihre Gedanken und ihr Wissen bewegen. Doch sie verlieren durch Übersetzung und machen sich in ihrer ursprünglichen Form, in der Turkisprache mit holperig gereimten Versen nach einer eintönigen Melodie zu den Akkorden einer Dutar gesungen, viel besser. Die Wehmut, die sich wie ein roter Faden durch die Worte und die Musik zieht, paßt gut für den, der einsam ist, und läßt seine Hoffnungen schärfer hervortreten. Hier einige Proben dieser einfachen Dichtkunst.

Es folgt ein Lied, das Dschahan Bek, der Vater des alten Kun-tschekkan Bek, gesungen hat, das also gegen hundert Jahre alt ist; es spricht sich darin ein Weib aus, dessen Liebe verschmäht worden ist:

Die Geister haben dich schöner geschaffen als alle anderen Männer. Als du in deine Heimat zurückkehrtest, wäre ich dir nachgeflogen wie eine Gans, wenn ich Flügel gehabt hätte, und ich habe geschrien wie eine Wildgans. Du wußtest nicht, daß ich dich ein ganzes Jahr erwartet und auf deine Rückkehr wartend keinen anderen Mann geliebt habe. Ich erwarte dich seit lange und bitte alle, die zu dir reisen, dich, du meine andere Hälfte, zehnmal zu grüßen. Du nimmst alle auf, die vorbeiziehen und zu dir kommen, und du spielst und singst, aber wenn du spielst und singst, darf ich nicht mit dabei sein. Deine Füße scheinen gebunden zu sein, sonst kämst du her. Dein Name ist über ganz Alti-schahr bekannt. Mach’ es wie Juldus Wang, sei faul und laß andere für dich arbeiten. Wenn du mich nicht haben willst, komme ich doch und werde, so gut ich es kann, deine Magd. Alle Frauen raten mir, zu dir zu gehen; ein ganzes Jahr lang habe ich deinetwegen nicht lächeln können, denn du hast die Unwahrheit gesprochen; ich habe keine Freude von dir gehabt, meine Augen sind übergeströmt wie ein Fluß. Gott hat nicht befohlen, daß wir vereinigt werden sollen. Deine Wimpern und Brauen sind das Schönste, was es gibt.

Aus derselben Zeit stammt das mit Bitterkeit gemischte, sehnsuchtsvolle Lied eines Liebenden, dem seine Angebetete einen Korb gegeben hat:

Seitdem du dich zu Pferde fortbegeben, gehe ich hier umher und sehne mich nach deinen schwarzen Augenbrauen. Wenn ich Gelegenheit finde, reise ich dir im Laufe dieses Monats nach, um zu singen, zu spielen und zu trommeln. Du bist noch jung, und deine Eltern haben dich einem guten Manne gegeben. Du bist wilder als der Teufel, Jungfrau Sahib, du bist hartherzig; du verstehst meine Worte nicht, du wilder Teufel! Du bist wie das Wetter, bald trübe, bald sonnig. Deine Eltern hielten viel von dir und mußten dich fein und weich kleiden. Laß mich wissen, wann deine Hochzeit sein soll, damit ich komme und sie mitmache. Deine Mutter war besser als Imam Pattma und rein wie Nephrit. Imam Pattma liebt dich; als wir alle jung waren, spielten wir miteinander und waren Freunde. Du schwankst hin und her wie die Nackenfeder des Okkarvogels, und dein Ruf ist wie auf Flügeln bis Tschimen geflogen. Wenn wir uns im Herbst nach dem Tarim begeben, werden sich unsere Augen begegnen. Du bist jetzt vater- und mutterlos, aber alle werden dir mehr geben, als Vater und Mutter gekonnt hätten. Wenn du dein Gewand angelegt hast, gleichst du einem Sternwurme (Glühwürmchen).

Kuntschekkan Beks Schwiegervater pflegte nachstehendes Lied zu singen, das also wenigstens achtzig Jahre alt ist, obgleich es ebenso wahrscheinlich ist, daß es damals schon ein altes Lied war. Ein Liebender, der noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat, singt:

Ich bin sehr traurig darüber, daß ich nicht meine kleine Freundin nahm; ich friere deswegen wie eine verfrorene Fischotter. Du hast einen schönen Chalat, aber ich war nicht stark genug, um deinen Chalat zu gewinnen. Wenn ich dich jetzt nicht zur Frau bekomme, werde ich doch an deinem Hause vorbeireisen und dich sehen. Dein schwarzes Haar ist sehr schön; wenn ich dich bekommen hätte, würde dein schwarzes Haar an meiner Brust geruht haben, aber mein Nebenbuhler nahm dich und gab dich mir nicht. Hätte ich gewußt, daß du einen Ring am Finger trägst, so hätte ich nie mit dir bekannt werden wollen, aber ich komme im zehnten Monat. Wenn ich im zehnten Monat komme, werde ich dich fragen, wie es dir geht, du bezaubernder Engel, der du allein in deinem leeren Hause geblieben bist. Deine Brust ist so weiß wie eine angezündete Lampe; wenn du dein Gewand öffnest, sieht man deine kreideweiße Brust. Deine Nägel gleichen dem Tage. Ich liebe dich glühend, du bist wie der Stern, der in die Spur des Mondes tritt. Wenn ich dich bitte, ein wenig zu verweilen, eilst du auf deinem schnellen Pferde davon. Nun, da ich ein alter Bettler geworden, kann ich dich, die du die schönste der Frauen bist, nicht bekommen; du bist schöner als die Sonne. Du, Assan, begib dich zu ihr und bringe die Worte vor, die ich gesagt! Ich werde die Beke bitten, dich mir zu geben. Als ich deine Fußspuren auf dem feuchten Sande sah, weinte ich so, daß kleine Hügel unter Wasser standen. Du gleichst einer Fürstin, und hast deine Teetasse auf einer Metallschale. Ich kam nach Jatschi hinüber, um dich zu sehen, fand aber nur deine Schale mit Reispudding. Da ich dich nicht bekam, habe ich tot in dieser Welt gelebt. Ich werde Gott bitten, mich noch ein paar Jahre leben zu lassen, damit ich dich doch noch bekommen kann. Ich jagte meine alte Frau fort. Möge Gott dich mir geben. Du gehst so leicht, wie der Falke fliegt, aber dein Mann hat dich noch nicht verlassen, und ich bin allein.

128. Rast der Karawane während Tscherdons Rekognoszierung (3. Aug. 1900). (S. 318.)
129. Auf der höchsten Bergkette der Erde. (S. 320.)

Ein zehn Jahre altes Lied aus Argan, gesungen von einem Manne, der an die Unrechte geraten ist, lautet:

Wie Tajir Chan und Suja Chan in derselben Nacht starben, haben wir einander auch nicht bekommen. Tajir Chan starb in dem Dorfe seines Mädchens, ehe er es bekommen hatte. Kara Vater schlug ihn dreimal mit dem Schwerte, und nun erholt er sich nie wieder. Er war nicht schwer verwundet, muß aber viele Sünden auf seinem Gewissen gehabt haben, weil er doch gestorben ist. Wie keiner Tajir Chans Tod rächte, so wird sich auch niemand darum kümmern, daß ich dich nicht bekommen habe. Jetzt, seit ich mit dir bekannt geworden, kommt am Ende jemand und schlägt mich tot. Jetzt habe ich eine andere Frau genommen, und nun mögen sie mit dir tun, was sie wollen. Nun aber reut es mich, daß ich den Bek und Ahun nicht gebeten habe, lieber dich mir zu geben. Und nun denke ich, daß, wenn Gott mich nicht sterben läßt, die Menschen mich nie werden töten können. Es wäre freilich besser gewesen, mit dem ganzen Dorfe zu kämpfen und totgeschlagen zu werden, als die Frau, die ich jetzt habe, auf dem Halse zu haben.

Agatscha Chan war ein Mädchen aus Kum-tschappgan, das sich tröstete und sang:

Mein Freund ist hierhergekommen, und seitdem grünt alles. Es ist für dich, der du die Erde mit deinem Spaten bearbeitest, Zeit, deinen Weizen zu säen. Wenn ich die Sprache der Wildente verstehen könnte, würde ich sie fragen, wie es dir geht. Du kamst hierher, wolltest mich aber nicht ansehen, und dann reistest du wieder heim. Agatscha Chan begleitete dich nicht, sie stieg aufs Pferd und ritt mit einem anderen Manne fort.

Noch ein Liebeslied trostlosen Inhalts, das vor einigen Jahren in Tusun-tschappgan gedichtet ist, lautet:

Du gleichst der weißen Ente. Ich möchte die Nacht an deinem Busen zubringen. Wenn du zum abendlichen Saitenspiele tanzest, umflattern dich die schönen Bänder. Ich sitze bei mir, du bei dir, aber ich weiß, daß du an mich denkst. Sende mir den Falken, den du auf deiner Hand trägst. Wenn ich mich abends hinlege, kann ich nicht schlafen, weil ich an dich denke. Deine Eltern wollen dich mir nicht geben, sie geben dich gewiß einem Bek aus Turfan. Die Leute sagen, daß deine Eltern dich mir darum nicht geben, weil sie mich nicht mögen. Meine Sehnsucht nach dir macht mir den Kopf wirr, mir ist, als drehten sich die Wolken um mich herum. Du hast einen vornehmen Mann bekommen, und ich bleibe einsam und verlassen. Ein anderer hat dich genommen, ich bekam dich nicht. Deine Mutter hat Brot und Saatkorn in Menge, ihr Vorrat nimmt kein Ende. Wenn deine Mutter morgens Brot backt, kocht schon der Kessel. Es ist so lange her, seit ich dich sah.

Es ist derselbe Klageton, der durch alle diese Liebesergüsse geht: es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, wo man ihr auf Erden begegnet. Aber auch die Lieder, die nichts mit Liebe zu tun haben, sind ebenso wehmütig. So singt zur Zeit des alten Numet Bek (etwa 1700 geboren) ein Jüngling ein Lied an seinen Bruder; sie waren beide vom Kara-koschun, hatten sich aber nach Abdall begeben:

Reise du heim und erkundige dich, wie es dort steht; ich fahre aus und fange Fische. Wenn die Fische hier knapp sind, reise ich lieber nach Hause und fische dort. Ich sehne mich so nach Hause, daß ich nicht essen kann. Alle in dieser Gegend, Gute und Böse, schelten auf mich, so daß ich nicht essen kann. Ich kam hierher, um zu sehen, ob dies ein guter Ort sei, aber meine Frau und die Kinder blieben in Jatschi (Dorf am alten Kara-koschun). Wenn ich mit dem Kahne früh abfahre, komme ich in einem Tage heim. Jetzt reise ich; es war dumm, daß ich den Pelz und andere Sachen, die ich hätte zu Hause lassen können, mitnahm. Wenn die Abdalleute mich auch töten wollen, werde ich mich nicht umsehen, sondern heimreisen. Sie mögen nach Belieben hinter mir herschelten und schreien, aber heim fahre ich. Wie das Siebengestirn am Himmel und das Archari auf den Bergen ging ich von Hause fort, und nun weine ich. Jetzt fahre ich heim; lebe wohl du mein einziger Freund an diesem Orte. Wenn ich dich verlassen habe und nach Hause zurückgekehrt bin, sind wir wie durch einen hohen Berg getrennt.

Vor hundert Jahren sprach ein blinder Greis in Tusun-tschappgan seinen Schmerz in folgendem Liede aus, das noch gesungen wird:

Ich Armer bin von Gott mit Blindheit gestraft worden. Wie bin ich jetzt unglücklich; nun sehe ich weder die Hütten noch die Kamischhecken um sie herum, sondern muß einsam in meiner Sattma sitzen! Jetzt ist es traurig, ich kann meine Freunde weder sehen noch treffen, meine Knochen sind so weich wie Mehl geworden. Seit ich blind geworden bin, ist mir, als ob mein ganzer Körper schmerze. Gott hat mich hart gestraft, daß er mich die Hütten und die Kamischfelder nicht sehen läßt. Weshalb, Gott, ließest du mich geboren werden, wenn du mich nachher meines Augenlichtes berauben wolltest? Seit ich blind geworden, ist mein Inneres voll Kummer und Gram. Möchte Gott nie einen anderen Elenden mit Blindheit heimsuchen! Da ich nicht sehe, kann ich nicht gehen, ohne die Hände zum Fühlen auszustrecken. Meine Kinder rufen mir zu: du tust nichts, du fängst keine Fische, du verschaffst uns nichts zu essen. Es wäre besser, wenn Gott mich sterben ließe, statt mich zu meiner Qual in dieser Welt zu lassen. Früher konnte ich Geld verdienen, jetzt sehe ich es nicht einmal und kenne es nur wieder, wenn ich daran rieche. Gott hat mich hart gestraft, als er mich so elend werden ließ. Wenn ich mit meinem Weibe sprechen will, antwortet sie mir nur mit harten Worten. Als ich sah, erhielt ich gut zubereitetes Essen; jetzt stellt sie mir kaum Tee hin. Wenn ich nur sehen könnte, würde ich wie früher auf den See hinausfahren und meine Netze auslegen. Würde ich es jetzt versuchen, so würde ich den Weg nicht finden können und an die unrechte Stelle kommen. Als ich Kind war, müssen meine Eltern für ein Versehen meinerseits den Wunsch ausgesprochen haben, daß ich blind werden möchte. Früher konnte ich meine Netze auslegen, doch dem Blinden ist das Fischen unmöglich. Jetzt, da ich die Meinen nicht mit Fischen versehen kann, werden sie nur halbsatt. Ich glaubte, daß du, mein Sohn, mir auf meine alten Tage helfen und mich ernähren würdest, aber du hast mich von dir gestoßen.

Daß ein Volk, welches früher fast ganz von Fischnahrung gelebt hat, den Fischfang und die kleinen Abenteuer dabei besingt, ist selbstverständlich. Als Probe dieser kunstlosen Seepoesie mag das im Fischerdorfe Kara-koschun passierte und besungene Mißgeschick dienen:

Ich war draußen auf dem See, als der Sturm kam und meinen Kahn umriß, und hier liege ich nun, und Vater und Mutter wissen es nicht. Die Fische und das Brot, die ich mit hatte, landeten im Magen des Sees statt in meinem Magen. Beim Schiffbruche konnte ich nichts weiter retten als den Kochtopf, Gott sei gelobt. Ich habe gewiß harte Worte gegen einen Älteren gebraucht oder irgendein Unrecht getan, weil ich diese Strafe erhalten habe. Mein Kamerad, der gleichzeitig mit mir draußen war, verlor nichts; Gott muß ihn lieben. Ich hatte 30 Fische in einem Bunde und 12 in dem anderen, und alle gingen sie unter. Wenn ich jetzt aufstehe und mich spute, komme ich zum Abendessen nach Hause. Ich warf einen Blick auf die Binsenbündel, die auf dem Wasser schwammen, und eilte dann heim. Bei meiner Heimkehr schalten meine Eltern und sagten: Was hast du mit all den Fischen gemacht? Und ich antwortete: Wäret ihr froher über die Fische gewesen als über meine Rettung, so könnt ihr mich ja totschlagen. Du, mein Freund, komm, laß uns das Boot an Land ziehen und es zum Trocknen hinlegen.

Ich kann auch einige Proben geben, wie die Menschen, welche derartige Lieder singen, ihre Briefe schreiben, was ebenfalls von Interesse sein dürfte. Die Schriftstücke zeugen bei all ihrer sklavischen Untertänigkeit von großem Wohlwollen und großer Höflichkeit, und zwischen den Zeilen schimmert das Ansehen hervor, dessen sich unsere Karawane überall erfreute. Während meines Aufenthalts im Lande erhielt ich Massen von Briefen und mußte einen einheimischen Sekretär für ihre Beantwortung haben. Der Sekretär las mir die Briefe vor, und ich teilte ihm mit einigen Worten mit, was er antworten sollte. Es ist sowohl komisch wie für die Achtung, die wir genossen, bezeichnend, daß alle diese Briefe mit den Worten. „Dem großen König, dem gnädigen Herrn, Gottes Segen“ begannen. Als die Kosaken mich Exzellenz nannten, fand ich diesen Titel schon übertrieben, aber den Beken des Loplandes war er noch viel zu nichtssagend; sie kamen sofort mit Ullug Padischahim (Eure Majestät). Ich fühlte mich zweihundert Tage lang beinahe als König von Lop-nor.

Der alte Naser Bek von Tikkenlik überraschte mich mit folgendem Briefe:

Wir, Eure allerschlechtesten Untertanen, Naser Bek, mein Schwiegersohn und alle, Große wie Kleine, wünschen unserem großen Padischah, daß Ihr, was Gott gnädig geben möge, in Tschimen ruhig und friedvoll anlanget; und wenn Ihr dorthin gekommen seid, hatten wir zu Euch eilen und Euch dienen wollen, aber der Amban ist hier, und ich kann daher nicht um Urlaub bitten. Indessen wäre es notwendig gewesen, daß ich mich bei Euch eingestellt und meine Verbeugung gemacht hätte. Wenn Ihr mich durch eine Zeile von Tschimen wissen laßt, daß Ihr ruhig und friedvoll dort angekommen seid, wäre ich sehr dankbar. Zum Zeichen, daß ich lebe, sende ich Euch zehn Ellen weiße Leinwand. Bitte, vergeßt mich nicht.

Mirab Bek von Ullug-köll schreibt:

Eure niedrigen Sklaven und Diener, Mirab Bek von Ullug-köll und sein Sohn Baker Schang-ja, Seidulla Imam, Mahmet Baki Masin, Sati Ahun, Allah Kullu, alle großen und kleinen Bewohner Ullug-kölls, fragen durch diesen Brief nach der Gesundheit des Tura (des Herrn). Wir hätten Euch begleiten und Euch dienen müssen, konnten es aber nicht, weil wir den Amban fürchteten. Gott allein weiß, ob wir Euch noch einmal wiedersehen werden; doch hoffen wir es. Wenn wir erfahren, daß Ihr glücklich im Gebirge angelangt seid, werden wir in Wahrheit Gott danken, und wir werden beten, daß Ihr wieder hierherkommt, damit wir uns wieder treffen.

Mehr kollegialisch schreibt der Amban von Tscharchlik:

An den sehr lieben und gnädigen Herrn He-dani (Hedin) von Dschan Daloi aus Tscharchlik. Ich bitte, schriftlich mein Bedauern aussprechen zu dürfen, daß wir, als wir uns zum erstenmal in Tikkenlik trafen, keine Gelegenheit hatten, einander zum Gastmahl einzuladen. Wir trafen uns spät, Ihr fuhrt nach Eurem, ich nach meinem Bestimmungsorte, aber wir werden einander nie vergessen. Gebe Gott, daß wir uns einmal unter günstigen Verhältnissen treffen! Wir müssen uns nahetreten, einander kennen lernen und die besten Freunde werden. Möchten wir nicht anders als gut voneinander denken. Von woher und wann es auch sein möge, schreibt mir einen Brief und fordert mich zu einer Begegnung auf. Wir bitten, Euch mitteilen zu dürfen, daß wir den Brief von Chalmet Aksakal gelesen haben und sehr dankbar sind, daß Ihr uns gebeten habt, die Diebe ausfindig und dingfest zu machen. Wir haben die abhanden gekommenen Waren bei den Dieben gefunden und die Sache, die gesetzlich behandelt und abgeschlossen ist, schon erledigt. Wünscht Ihr noch etwas mehr, so seid so gnädig und laßt mich es wissen. Leider konnte ich nicht mehr zu Euch kommen, habe aber Nachricht erhalten, daß Ihr hier vorbeipassiert seid. Für alle Fälle schicke ich Euch 100 Dschin Reis und ein paar Flaschen Branntwein und bitte Euch, mich nicht zu vergessen.

Infolge der Etikette konnte er mich nicht aufsuchen, weil ich keine Miene gemacht hatte, ihm eine Visite abzustatten. Den Branntwein mußte der Bote wieder mitnehmen; dergleichen durfte es in unserer Karawane, wo strenge Mannszucht gehalten wurde, nicht geben. Im allgemeinen ist auf die Artigkeiten der Chinesen, ob sie mündlich oder schriftlich ausgedrückt werden, nicht viel zu geben, doch hinsichtlich Dschan Dalois hatte ich keinen Grund, mich zu beklagen. Als er ein Jahr darauf von dem Generalstatthalter in Urumtschi abgesetzt wurde, hieß es in Tscharchlik, der Grund seiner Absetzung sei seine allzu große Dienstwilligkeit gegen einen „Jang-kwetsa“ oder „fremden Teufel“. Von dem Boxeraufstande in China verspürten wir nicht einmal eine schwache Dünung; kein verhallendes Echo davon drang bis ins innerste Asien.