Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzig Tage im Kahn.

Am 3. April stürmte es den ganzen Tag heftig aus Nordosten. Der See lockte mich mit unwiderstehlicher Gewalt; ich wollte mich nach all dem erstickenden Sande und der Hitze auf seinen frischen Wogen tummeln und seine Tiefe messen, aber wir hatten kein Boot. Hätten wir nur die eine Hälfte der Segeltuchjolle mitgenommen, so hätte es damit keine Not gehabt. Es mußte sich aber mit den Ziegenlederschläuchen und den Leitern, an denen sie befestigt gewesen, ein Floß oder jedenfalls eine Art Fahrzeug herstellen lassen, in welchem man mit dem Winde über den See treiben konnte. Mit Tschernoff und Ördek ging ich am Strande entlang. Die Leitern wurden mit Stricken an zwei Stangen festgebunden, und das auf diese Weise hergestellte Floß wurde von den sechs Ziegenlederschläuchen getragen, die mit Luft gefüllt waren, die Ördek hineingeblasen hatte. Tschernoff und ich nahmen an Bord Platz, jeder auf einer Leiter reitend. Als Tschernoff seinen Platz einnahm, wäre die ganze Herrlichkeit beinahe umgeschlagen; die Ziegenlederschläuche lagen schon auf dem Wasser, die Leitern etwas unter diesem, und wir saßen halbnackt da und ließen die Beine ins Wasser herunterhängen. Unsere breiten Rücken dienten als Segel. Wir trieben gerade auf das Lager zu. Hunderte von Enten flogen, erschreckt durch die ungewöhnliche Erscheinung, in lärmenden Scharen auf. Wir mußten uns festhalten und balancieren, um nicht zu kentern, wenn die großen Wellen an uns vorüberrauschten. Binnen kurzer Zeit waren auch unsere Oberkörper völlig durchnäßt, denn jede Schlagwelle ging über das Floß weg und gab uns eine ordentliche Dusche.

Die Fahrt dauerte 2½ Stunden. Das Wasser war jetzt weder vollkommen süß noch ganz klar, denn von diesem Winde wird aus den östlichen Seegebieten stagnierendes Wasser nach Westen getrieben und durch den Wellenschlag getrübt.

Beim Lager war der Strand so seicht, daß Ördek eine Strecke weit in den See hineinwaten und uns dann an Land ziehen mußte. Wir waren derart steifgefroren, daß wir kaum nach dem Feuer hinaufgehen konnten. Mich überfiel ein sehr heftiger Schüttelfrost; meine Zähne klapperten und die Hände flogen, ich zog die nassen Kleider aus, trocknete mich am Feuer und ging dann zu Bett. Erst nach einer Stunde, als ich mich wieder warm angezogen und eine große Tasse brühheißen Kaffee getrunken hatte, fühlte ich mich am Lagerfeuer wieder einigermaßen normal.

Beim Sonnenuntergang nahm der Himmel einen seltsamen Farbenton an. Er leuchtete gelbrot über den Dünen im Norden. Der schon vorher heftige Wind schwoll zum richtigen Buran an. In zügelloser Wut stürmten die Wogen gegen das Ufer und überschütteten die Zelte mit Spritzwasser. Wir mußten mit den Zelten eine Strecke landeinwärts ziehen und ihre Befestigungen in der gewohnten Weise verstärken.

Noch einen Tag durften die Kamele sich ausruhen, während der Sturm zu heulen fortfuhr. Im Norden und Süden des Kara-koschun flammt der Horizont in unheimlichem, brandgelbem Farbentone, in der nordöstlichen Verlängerung des Sees aber ist er dunkelstahlgrau, was darauf schließen läßt, daß sich die Wasseransammlungen ziemlich weit nach dieser Richtung hin erstrecken und daß es dort keinen Flugsand gibt.

Als wir am 5. aufbrachen und am Strande entlang zogen, hoffte ich, daß es bis zu den ersten Menschenwohnungen am Kum-tschappgan nicht mehr weit sein würde.

Wildenten, Gänse, Schwäne, Taucher, Möwen, Seeschwalben und besonders Krähen kommen in Menge vor; Hasen und Igel sind nicht selten. Spuren von Füchsen, Rehen, Luchsen und Wildschweinen sieht man beständig an den Ufern. Zwei Jäger waren vor einigen Monaten auf dem Eise gewesen; ihre Spuren waren in den feuchten Uferlehm eingedrückt.

Längs des Ufers und auch ziemlich weit davon entfernt findet man Schneckenschalen und abgestorbenes Kamisch. Daß das Leben aus diesen Organismen entflohen ist, beruht darauf, daß sie einer längstvergangenen Periode angehören und älter sind als der jetzige See.

Am folgenden Tage wurde die Wanderung längs des Sees fortgesetzt. Ich ging schnell zu Fuß voraus, fest entschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis wir Menschen träfen. Nach solchen sehnten wir uns eigentlich nicht, wohl aber nach Fischen, Geflügel und Eiern und nicht zum wenigsten nach einem Boote, mit dem ich die jetzige Ausdehnung des Sees untersuchen konnte.

Als ich gegen Abend mitten in den unabsehbaren Sümpfen, die sich südlich von unserem Wege ausdehnten, eine gewaltige Rauchwolke erblickte, blieb ich daher sofort stehen und erwartete die anderen. Sicherlich hatten sich einige Lopfischer dorthin begeben und das dürre, vorjährige Schilf angezündet, einmal wohl, weil es ihnen irgendwo den Zutritt zu ihren Fischplätzen versperrte, dann aber auch in der Absicht, den frisch aufkeimenden Pflanzen Raum zu verschaffen. Während wir das Lager aufschlugen, mußte sich Ördek zu Pferd in der Richtung nach dem Rauche auf den Weg machen, obwohl ich lebhaft bezweifelte, daß er durch dieses Labyrinth von Sümpfen durchkommen würde. Er hatte Streichhölzer bei sich, um uns, falls er nicht zu den Lopfischern gelangen konnte, dies mittels eines Signalfeuers mitzuteilen.

Tschernoff machte sich mit der Flinte auf der Schulter auf und kam nach ein paar Stunden mit einer prächtigen Gans wieder, die er auf einem See geschossen hatte und zu der er dann hinausgeschwommen war. Er hatte auch das Pferd gefunden, das Ördek angebunden zurückgelassen hatte, um seinen Kundschafterweg zu Fuß und schwimmend fortzusetzen. Ördek gelang es schließlich doch, eine Fischergesellschaft ausfindig zu machen, und er kehrte noch am Abend mit acht Männern und ganzen Säcken voll des sehr nötigen Proviantes, bestehend aus drei Gänsen, vierzig Eiern, Fischen in Menge, Mehl, Reis und Brot, zurück.

Am 7. zeigten uns die redlichen Lopleute den Weg nach dem Kum-tschappgan. Am Kum-tschappgan lagerten wir da, wo sich der Tarim in zwei Arme teilt, in den Kum-tschappgan und den Tusun-tschappgan. Die Hütten standen noch an derselben Stelle wie 1896, die Verteilung der Gewässer war in der Hauptsache dieselbe, und alles war sich gleichgeblieben. Ich hatte wieder einen Punkt erreicht, wo ich die Marschrouten von dieser und der vorigen Reise vergleichen und aneinanderfügen konnte. Während der Nacht trat das in diesen Gegenden ziemlich wunderbare Phänomen ein, daß ein ziemlich heftiger Regen fiel und auf mein Zelt klatschte. Meine Leute, die unter freiem Himmel lagen, eilten in die nächste Sattma.

Schon am folgenden Morgen stellten sich zwei alte Bekannte ein, Numet Bek von Abdall und Tokta Ahun, der Sohn des alten redlichen Kuntschekkan Bek, der vor zwei Jahren tief betrauert von all seinen Leuten gestorben war. Numet Bek sollte uns jetzt in vieler Beziehung von großem Nutzen sein. Er wurde beauftragt, für die Kamele und das Pferd zu sorgen, sie nach den Weideplätzen von Mian zu schicken, sie dort bewachen zu lassen und uns später, wenn wir nach Tibet zogen, in gutem Zustande wieder abzuliefern. Ferner sollte er uns Proviant und Führer für die Rückreise nach Tura-sallgan-ui, die ich in Kähnen zu unternehmen beabsichtigte, besorgen.

Die Ruhezeit in Kum-tschappgan wurde zu zwei großen Bootexkursionen benutzt, die erste nach derselben Richtung wie 1896, die zweite durch den Tusun-tschappgan und über den südlichen Teil des Sees in Gegenden, die ich bisher noch nicht besucht hatte.

Tschernoff und ich nahmen in einem großen Kahne mit drei Ruderern Platz, Faisullah mit dem Proviant und zwei Ruderern in einem kleineren. Wie Aale glitten wir durch das Schilf, das vom Regen naß war und uns im Vorbeifahren ab und zu eine Dusche gab (Abb. 88, 89).

Es war unmöglich, diese Landschaft von Wasser, Sand und Schilf wiederzuerkennen, so hatte sie sich in den vier Jahren verändert. Seen, die damals offen und frei dalagen, waren jetzt ganz mit Kamisch zugewachsen, während sich neben ihnen andere gebildet hatten, die neue Namen trugen (Abb. 90). Kum-köll (Sandsee) und Jangi-köll (neuer See) sind Benennungen, die für sich selbst sprechen. Alles ist in diesem flachen Anschwemmungsgebiet veränderlich. Die größten während dieser Fahrt gemessenen Tiefen betrugen 4,85 und 5,15 Meter; sie befanden sich in einem ganz neugebildeten Seebecken namens Tojagun, was beweist, daß es neben dem Kara-koschun tiefere Senken geben kann, während ältere Teile des Sees allmählich versanden und zuwachsen.

Auf der ganzen Tagereise sahen wir Massen von toten Fischen, die bald auf dem Wasser trieben, bald im Schilf staken, bald, den Bauch nach oben, weiß auf dem Grunde schimmerten. In einigen Durchgängen war die Luft mit dem ekelhaften Gestanke verfaulter Fische erfüllt, die immer zahlreicher wurden, je weiter wir nach Osten kamen; man sagte mir, die Massen von Krähen, die wir überall erblickten, seien dadurch hierhergelockt worden. Einige unserer Ruderer glaubten, eine unbekannte Krankheit habe unter den Fischen gewütet, ein anderer aber erklärte, die große Sterblichkeit sei auf die ungewöhnliche Schneemenge des letzten Winters zurückzuführen. Der Schnee hatte fußhoch auf dem Eise gelegen, und unmöglich ist es nicht, daß dies den Fischen in den seichten Becken geschadet hat. Mit Recht klagten die Leute über Fischmangel und konnten sich nicht erinnern, je ein so schlechtes Fangjahr gehabt zu haben.

Wir ruderten auf neuen Wasserwegen auf den Kanat-baglagan-köll hinaus, wo das Schilf so dicht und dick stand, daß jedes weitere Vordringen eine absolute Unmöglichkeit war. Im Jahre 1896 konnte ich dieses Becken, das jetzt zugewachsen war, noch ungehindert befahren.

109. Die umgebaute Fähre. (S. 274.)
110. Der Bau der Pontonfähren. (S. 274.)
111. Sattma in Abdall. (S. 275.)
112. Die Pontonfähren auf dem Wege nach Abdall. (S. 275.)

Auf der Rückfahrt schaute ich mit großer Spannung zu, wie die Ruderer einen großen schönen Schwan mit den Händen griffen. Wir sahen ihn auf dem offenen Wasser am Schilfrande schwimmen; er tauchte aber unter, als wir uns näherten. Die Leute senkten die Ruder mit aller Kraft ins Wasser und ruderten nach der Stelle hin, wo der Schwan sich wahrscheinlich wieder zeigen würde, was an den Ringeln auf der Wasserfläche zu sehen war. Als der Schwan wieder emporkam, waren wir ihm so nahe, daß er sich in seiner Verwirrung in das Schilf hineinbegab; damit war er verloren, denn dort konnte er nicht die Flügel zur Flucht ausbreiten. Der Kahn flog ihm wie ein Pfeil nach; der alte Jaman Kullu sprang ins Wasser, das ihm bis an die Hüften reichte, fiel über das arme Tier her und schleppte dann seine Beute in das Boot. Der Schwan war so verängstigt, daß er mit schlaffem Halse und hängendem Kopfe wie tot dalag; er wurde sofort getötet.

Zahllose Wildenten und Gänse bevölkerten den See. Vielleicht hatten sich einige von ihnen schon zu Prschewalskijs Zeit hier als Junge aufgehalten. Die Generation der menschlichen Eingeborenen, die damals in ihrer vollen Kraft stand, ist jetzt zu Greisen und Greisinnen geworden, und ein neues Geschlecht ist seitdem herangewachsen. Nicht einmal die Seen sind dieselben geblieben, sie sind geschrumpft und zugewachsen und haben die Lage gewechselt; die Sanddünen sind vorgerückt, alles hat sich in der kurzen Zeit von 20 Jahren verändert, und das Bild, das man von einem flüchtigen Besuche mitnimmt, ist, genau genommen, nur eine Momentphotographie.

Wir verbrachten die Nacht an einem sehr notwendigen Feuer auf einem kleinen Eilande im „See der vergessenen Fischhaut“ und kehrten am nächsten Tage bei starkem Winde und hohem Seegange nach Kum-tschappgan zurück. Faisullah, der nie in einem Boote gesessen hatte, wurde bleich und sehnte sich, wieder an Land zu kommen.

Am 10. April wurde an dem Punkte, wo der Fluß sich in Sümpfe auflöst, die Wassermenge des Tarim gemessen; sie betrug 29,7 Kubikmeter in der Sekunde. Im Jahre 1896 hatte ich an derselben Stelle und um dieselbe Zeit 50,5 Kubikmeter gefunden. Der bedeutende Unterschied beruht teils auf dem neugebildeten Schirge-tschappgan-Arme, teils auf einer Menge von natürlichen Kanälen, die sich seit meinem vorigen Besuche oberhalb des Kum-tschappgan vom Hauptflusse abgetrennt haben.

Die Sanddüne, die dem Kum-tschappgan seinen Namen gegeben hat, ist 10,24 Meter hoch. Die größte Tiefe des Sees beträgt 5,15 Meter. Man kann diesen Vertikalunterschied von 15,39 Meter als den größten im ganzen unteren Lop-nor-Becken betrachten.

Am 11. April unternahmen wir eine Kahnfahrt nach den südlichen Teilen des Kara-koschun, die den nördlichen sehr unähnlich sind. So betrug die größte gemessene Tiefe nur 1,90 Meter, aber während des ganzen späteren Teiles der Fahrt hatten wir nur 0,3 und noch weniger. Der Grund besteht aus feinem gelbem Schlamm, der auf schwarzem Moore oder blauem Tone ruht; sobald das Ruder ihn streift, steigt es wie Tinte im Wasser auf. Als das Wasser so seicht wurde, daß die Kähne nicht mehr darauf schwammen, mußten die Leute aussteigen und sie an Stricken weiterziehen; als aber auch dies bald unmöglich war, mußten wir umkehren. Man sinkt 10 Zentimeter tief in den Schlamm ein, findet dann aber einen festen, aus einer dünnen Salzschicht bestehenden Untergrund. Der Sate-köll ist eine ausgedehnte, seichte Wasserfläche mit wenig Schilf und liegt ganz in der Nähe des Wüstenweges, der am Südufer von Abdall nach Sa-tscheo führt. Weder Seevögel noch Fische gibt es in diesen sterilen Seebecken, die zu baldigem Verschwinden verurteilt sind; keine Algen bedecken ihren Boden. Während des Sommers trocknen sie vollständig aus, und ihr Bett verwandelt sich dann in eine harte, rissige Lehmschicht. Der ganze Kara-koschun wandert langsam nach Norden zurück.

Den Tag darauf ruderten wir nach Abdall und lagerten auf dem westlichen Ufer, wohin auch die Kamele geführt wurden. Der Tarim führte hier nicht weniger als 93,3 Kubikmeter in der Sekunde, verlor also auf der kurzen Strecke bis Kum-tschappgan 63,5 Kubikmeter, die sich in vielen Tschappganen oder Kanälen von dem Hauptflusse abtrennen. Das Tarimdelta wandert flußaufwärts, wie auch die Seen, die von den vielen Armen gebildet werden. Der Fluß hatte hier jetzt infolge der Eisschmelze seinen höchsten Wasserstand und war ungefähr ebenso hoch angeschwollen wie beim Hochwasser im Herbst vor dem Zufrieren. Im Sommer steht die Wasserfläche volle 2 Meter niedriger.

Eine kurze Tagereise nördlich von der Gegend von Abdall wird die Wüste von einem neugebildeten Arme durchschnitten, der von Schirge-tschappgan am unteren Tarim ausgeht. Dieser Flußarm war bisher nur von Jägern aus Abdall besucht worden; ich wollte eine Karte von ihm aufnehmen. Da das Gebiet aber nur mit Kähnen untersucht werden konnte, mußten solche auf irgendeine Weise über den Wüstenstreifen, welcher den neuen Arm vom Tarim trennte, mitgenommen werden; es handelte sich nun darum, wie dies zu bewerkstelligen sei. Einen schweren Kahn auf einem Kamele zu balancieren, ist unmöglich, und zwei hintereinander gehende Kamele mit zwei Kähnen in der Länge zu beladen, gelang ebensowenig; durch den ungleichen Takt ihres Ganges war es ein ständiges Hin- und Herreißen, und die Tiere scheuten auch vor diesen ungewöhnlichen Lasten.

Die einzige Möglichkeit war, sie wie Schlitten auf der Erde weiterzuziehen, wobei vor jeden Kahn ein Kamel gespannt wurde (Abb. 91). Die Tiere mußten vorsichtig geführt werden, damit sie nicht scheuten und durchgingen. So gelangten die Fahrzeuge mit ein wenig abgescheuertem Boden, sonst aber in gutem Zustand an Ort und Stelle.

Unser Zug nahm sich recht komisch aus. Die Kamele hatten den größten Teil ihrer Wolle verloren und waren, ein paar hier und dort noch sitzende Haarbüschel abgerechnet, nackt. Sie zogen die langen, knirschenden Kähne geschickt durch den Sand, in welchem dadurch eine abgerundete Furche entstand. Alle Mann gingen zu Fuß; ein drittes Kamel trug das Gepäck, alle notwendigen Instrumente und Proviant für sieben Tage.

Faisullah sollte die Kamele wieder zurückführen und dafür sorgen, daß sie nach Mian gebracht würden, worauf er und Ördek uns wieder bei Schirge-tschappgan zu treffen hatten.

Ich, Tschernoff, Tokta Ahun, Jaman Kullu und noch zwei Ruderer lagerten bei Jangi-jer (neue Stelle), wo wir die erste seeartige Anschwellung des Schirge-tschappgan-Armes erreichten, die größtenteils mit Schilf zugewachsen war, im Norden aber von ziemlich hohem Sand begrenzt wurde.

Die Kähne wurden sofort ins Wasser gebracht, und die Männer machten eine kleine Rekognoszierung, um die Strömung zu suchen, der wir aufwärts folgen mußten, um uns in diesen Irrgängen von Kamisch und Wasser nicht ganz zu verlieren.

Der Tag war so weit vorgeschritten, daß wir unser Nachtlager da, wo wir uns befanden, aufschlugen. Die Nacht unter freiem Himmel war jedoch wenig angenehm. Ein heftiger Nordoststurm erhob sich und brachte starken Regen. Als Tschernoff mich gegen 4 Uhr mit einem Filzteppiche bedeckte, war ich schon ziemlich durchweicht, hatte einen kleinen See an den Füßen und ein paar kleine Bäche auf dem Kopfkissen, schlief aber wieder ein, ohne mich um den Regen zu bekümmern.

Unsere erste Beschäftigung am Morgen war, unsere Kleider an einem schönen Feuer zu trocknen, worauf das Geschwader ausgerüstet wurde. Ich hatte die Instrumente in meinem Kahne, Tschernoff den Proviant in dem seinen; dieser war aber so schwer belastet, daß die Reling nur 4 Zentimeter über dem Wasser lag, und an offneren Stellen des Flusses schlugen die Wellen dann und wann in den Kahn. Jolldasch, der ohne Erlaubnis bei uns geblieben war, durfte auch mitkommen, fiel uns aber nur lästig; wenn es ihm im Kahne zu langweilig wurde, sprang er ins Wasser und schwamm in das Schilf hinein, und wir hatten viele Mühe, ihn wieder zu erwischen.

Die Fahrt war ziemlich mühsam. Der Buran fuhr fort, im Schilfe zu heulen und zu pfeifen, und wir mußten an dem dichten Schilfbestande entlang rudern, um Schutz zu finden. Auf offenem Wasser drohten die Kähne sich selbst bei ziemlich unbedeutendem Wellenschlage mit Wasser zu füllen und unterzugehen. In dem Schilfdickicht war es halbdunkel. Hier und dort plätscherte ein Fisch; Schwäne und Gänse eilten fort, und bei ein paar Gelegenheiten wurden sie ihrer Eier beraubt.

Solange die Strömung deutlich war, ging alles gut; dann aber wurden wir durch ein vollständiges Labyrinth von dichtem Kamisch, aus dem Wasser herausguckenden Tamariskenkegeln, Anschwemmungen, Landzungen und Landengen gehemmt. Über drei Stunden lang suchten wir hier kreuz und quer nach einem Durchgange, gingen denselben Weg, den wir gekommen waren, wieder zurück, verloren uns in schlängelnden Buchten, wo wir wieder umkehren mußten, forcierten den Schilfbestand, indem wir die Kähne mit den Rudern durch seine knackenden Wände trieben, und schleppten sogar die Fahrzeuge über schilfbewachsene Landengen, die benachbarte Wasserflächen voneinander trennten. Jede Düne, die dabei passiert wurde, mußte einer von uns besteigen; doch der Blick reichte bei dem Nebel nicht weit, und die ganze Umgebung war ein einziges dichtes Dschungel.

Als dieses Suchen umsonst war, steckten wir das Kamisch in Brand. Es gab in dieser mit Dämmerung gesättigten Atmosphäre ein großartiges Schauspiel, als sich die Flammen in die regenfeuchten Schilfhecken hineinwarfen und diese knallten, knisterten und dampften und rabenschwarze Wolken emporsteigen ließen, die vom Sturme zerzaust wurden und wie ein Trauerflor über diese irreführenden Sümpfe mit ihren überwachsenen Irrgängen führten. Rußflocken erfüllen die Luft, und man wird ebenso schmutzig wie naß, während man in dem seichten Wasser umherpatscht und die Kähne in die vom Feuer gebahnte Gasse schleppt, die jetzt auch einen Blick nach vorn gestattet und uns sehen läßt, wo wir den nächsten Weg zum offenen Wasser haben (s. bunte Tafel).

Endlich waren wir wieder auf dem rechten Wege, wo das Wasser tüchtig strömte. Die Strömung war so saugend und so schnell, daß die Ruderer all ihre Kraft aufbieten mußten, um den Kahn gegen sie vorwärtszubringen. Gegen Abend sahen wir uns nach einem geeigneten Lagerplatze an dem hier überall feuchten Ufer um; da es uns aber nicht gelang, einen solchen zu finden, blieben wir bei einigen Tamarisken und legten, um wenigstens trocken zu liegen, Kamisch auf die Erde. In schneidendem Wind machte ich meine Aufzeichnungen beim Scheine des Lagerfeuers, und der Sturm peitschte den Flußarm derart, daß von den Wogenkämmen weißer Gischt sprühte.

Der Morgen war wenig verlockend zur Fortsetzung der Fahrt. Im Norden war der Himmel schwarzgrau von Flugsand, und bei Wellenschlag läßt sich die Strömung schwer unterscheiden. Erst um 11 Uhr konnten wir aufbrechen und zogen nun nach Nordwesten über langgestreckte Seen, die uns wieder in ein deutliches Flußbett führten. Manchmal verengte sich dieses bis nur auf 10 Meter Breite und hatte dann eine Stromgeschwindigkeit von 0,9 Meter. Dann folgt eine verwickelte Strecke, von den Jägern Tokkus-Tarim (neun Flüsse) genannt, weil der Strom hier in mehrere Arme geteilt ist.

In brennendem Schilfe.

Der größte See auf dem ganzen Wege zog sich glücklicherweise von Norden nach Süden hin. Indem wir seinem östlichen, von hohen Dünen eingefaßten Ufer folgten, blieben wir vor dem Sturme geschützt. Gerade über den See hinüberzufahren, wäre unmöglich gewesen; er war ganz weiß von den schäumenden Wellen, und es war mehr Glück als Geschicklichkeit, daß wir uns auf der anderen Seite wieder in den Flußarm hineinfanden. Der Wasserweg lief alsdann nach Südwesten, und der Wind neutralisierte den hemmenden Einfluß der Strömung. Bei dem Lager Nr. 30 führte dieser Arm 10,6 Kubikmeter Wasser, die dem unteren Tarim entzogen worden waren.

Auch die folgende Tagereise war verwickelt, und der Wind dauerte fort. Die Minimaltemperatur war auf −0,3 Grad heruntergegangen. Wir ruderten längs des Ufers weiter, gerieten aber oft in Sackgassen. Ein junger Hirt, auf den Tokta Ahun gestoßen war, diente uns als Lotse, bis wir eine Sattma erreichten, von welcher aus ein alter Fischer uns zu Boot begleitete. Ohne seine Hilfe wäre es uns nicht möglich gewesen, die Mündung des Flußarmes zu finden, denn sie war total vom Schilfe verdeckt. Ein wenig weiter aufwärts lotste er uns durch einen kaum meterbreiten Kanal, wo die Kähne an einer Stelle auf das Land und durch das Schilfdickicht gezogen werden mußten, um an einem etwa 55 Zentimeter hohen Wasserfalle vorbeizukommen. Ein zweiter Katarakt hatte eine Höhe von 60 Zentimeter.

Man erhält durch diese Wasserfälle den Eindruck, daß der Schirge-tschappgan-Arm stärkeres Gefälle hat als der Hauptfluß, sich also auf einem etwas höheren Niveau befinden muß. Hierdurch erklärt sich auch die Tendenz des ganzen hydrographischen Systems, nach Norden zu wandern und sich nach diesen flachen Depressionen hinüberzuwerfen. Ein Niveauunterschied von einem Meter spielt in einem Lande, das beinahe ganz horizontal ist, eine sehr große Rolle.

Bei Jekken-öi fanden wir ein Dörfchen (Abb. 92) von 4 Sattmen und 20 Einwohnern, ausschließlich aus Greisen, Frauen und kleinen Kindern bestehend, denn die kräftigere männliche Bevölkerung hatte sich nach Tscharchlik begeben, um Ackerbau zu treiben. Die Bevölkerung lebt hier von Fischfang, Wildenten, die sie massenweise fangen, und Enteneiern. Sie besitzen auch 150 Schafe und eine Anzahl Kühe. Vor vier Jahren waren sie von Tscheggelik-ui hierher gezogen und sie erzählten, daß der neue Flußarm erst vor sieben Jahren angefangen habe, sich von ihrem See aus einen Arm nach Osten zu bahnen.

Von einem ganzen Geschwader von Kähnen begleitet, steuerten wir am 18. nach Südwesten über eine Seenreihe, die Tiefen bis zu 4,6 Meter zeigten. Diese Seen sind dadurch eigentümlich, daß das Wasser sich von ihnen nach zwei Seiten teilt; die Bifurkation findet nach Osten und Westen statt. Die Hauptmasse geht ostwärts und bildet den Arm, dem wir gefolgt waren, ein Teil aber fließt bei Schirge-tschappgan in den Tarim, und der Spiegel des Sees liegt 60 Zentimeter über dem Niveau des Tarim.

Allmählich kommen wir in einen Kok-ala (kleinen Flußarm) hinein, der sich nach dem Tarim hinunterschlängelt, wo sein kristallhelles Wasser sofort in den trüben Fluten des Flusses verschwindet.

Eine Strecke weiter abwärts machen wir an den Hütten von Schirge-tschappgan Halt und haben eine prachtvolle Aussicht über den gewaltigen Fluß, der hier gerade und regelmäßig ist und von ehrwürdigen dichtbelaubten Pappeln eingefaßt wird. Hier werden 5,6 Kubikmeter Wasser aus den Seen von Jekken-öi wieder an den Tarim abgegeben, der selbst an diesem Punkte 108,4 Kubikmeter in der Sekunde führte, die größte Wassermenge, die ich bis dahin in dem Flusse gefunden hatte (Abb. 93).

In der Nacht auf den 20. April ging die Temperatur wieder auf −4 Grad herunter, was für diese Jahreszeit recht ungewöhnlich ist. Nachdem wir uns mit Faisullah, Ördek und Maschka wiedervereinigt hatten, war unser Plan, auf den östlichen Seen, die ich das vorige Mal entdeckt hatte, nach Tikkenlik zurückzurudern. Es war recht ärgerlich, zwei Tage lang denselben Weg wie damals gehen zu müssen, nach Kum-tschekke, aber die hydrographischen Verhältnisse hatten sich so verändert, daß ich auf mehrere neue Erfahrungen hoffen konnte.

So ließen wir denn jetzt den Nias-köll zur Linken liegen und ruderten über den Tschong-köll, der seinen Namen (großer See) mit Recht führt und auf dem man sich mit den wenig seetüchtigen Kähnen nicht zu weit hinauswagen darf.

Sodann gehen wir einen mächtigen Flußarm hinauf, der lauter Sand durchschneidet und Lailik-darja heißt. Indem ich von Zeit zu Zeit die Wassermenge in diesem östlichen Arme auf dem Wege aufwärts maß, würde ich allmählich seinen Charakter erforschen und ausfindig machen können, wieviel Wasser unterwegs in den Seen verloren geht, sich durch Verdunstung verflüchtigt, in den Boden einsickert usw.

Der Sadak-köll hatte sein Aussehen in den vier Jahren vollständig verändert. Er war mit Schilf zugewachsen und voller Sand und Anschwemmungen, in denen ein Flußarm mit starker Strömung entstanden war. Die Hütten, bei denen ich damals vom Sturme aufgehalten wurde, standen noch. Ihre Bewohner waren größtenteils noch dieselben; sie erkannten mich wieder und empfingen uns mit der größten Freundlichkeit. Sie nennen ihr mit 26 Menschen bewohntes Dorf Merdektik, nach einem neugebildeten Arme des Merdek-köll. Schritt für Schritt sehen wir, wie das ganze hydrographische System nach Norden und Osten wandert, um dereinst wieder in das Seebecken des alten Lop-nor zurückzukehren.

Von dem Dorfe begleitete uns ein Fischer in seinem Kahne und zeigte uns den gegen die ziemlich reißende Strömung angehenden Weg nach Norden. Tschernoff hatte uns eine 6 Meter lange Stange besorgt, die er in Meter und Dezimeter eingeteilt hatte, so daß er die Tiefen direkt ablesen konnte, wenn ich Sondieren für wünschenswert hielt. Längs der Ufer stand reicher Tograkwald in seinem ersten, zarten Lenzgrün und wirkte da, wo er, wie hier, die gelbe, öde Sandwüste als Hintergrund hatte, besonders anziehend.

In Kulaktscha machten wir eine kurze Frühstücksrast; dort wohnten noch immer fünf Familien, lauter alte Bekannte von 1896. Seit meinem vorigen Besuch hatten die Hirten der Gegend eine ziemlich feste Brücke (Abb. 94) von Balken, Ästen und Kamisch über den Fluß geschlagen, um ihr Vieh im Sommer von einem Ufer nach dem anderen hinübertreiben zu können. Sie ist so niedrig, daß man mit belasteten Kähnen nur gerade unter ihr durchfahren kann; aber sie ist pittoresk, wie sie ihre Pfähle und Balken in dem Ilek spiegelt, dessen Wasser schwarz wie Tinte, aber auch klar wie Kristall ist.

Dann ruderten wir mit einer Geschwindigkeit von 1,8 Meter in der Sekunde zwischen üppigen Wäldern und undurchdringlichen Schilfdickichten weiter und langten bei Sonnenuntergang unter Mückentanz in Kum-tschekke an, wo wir gleichfalls von Freunden aus dem Jahre 1896 empfangen wurden.

Mit ihnen machte ich am folgenden Tage eine Fahrt nach dem Merdek-köll, um von diesem eine Karte aufzunehmen. Dieser Fluß empfängt sieben Kubikmeter Wasser vom Ilek und hat Tiefen bis zu 7,4 Meter, also viel bedeutendere als der Kara-koschun.

Von Kum-tschekke gingen wir weiter den Fluß hinauf, der noch immer außergewöhnlich tief ist und von prächtigen Wäldern eingefaßt wird. Es ist eine sehr schöne Gegend, die mit ihrem Kanale und ihrem blanken, dunkeln Wasserspiegel einem Parke gleicht, und es ist eine Freude, die unaufhörlich wechselnden Uferszenerien zu betrachten (Abb. 95, 96).

Von dem See und Dorfe Tosgak-tschantschdi an nahmen wir neue Ruderer, und ich machte einen Ausflug nach dem auf der vorigen Reise entdeckten Arka-köll.

Auf der folgenden Tagereise wurde mitten im Flusse eine der größten Tiefen gelotet, die ich im ganzen Tarimsysteme je gefunden habe, 12,55 Meter. Von dem Punkte, wo wir am Ufer lagerten, unternahm ich wieder eine Bootexkursion nach dem nahegelegenen Tajek-köll. Ich hatte nur einen Mann bei mir, und der Kahn mußte einen halben Kilometer über Land von dem Flusse nach dem See getragen werden. Der Tajek-köll, an dessen östlichem Ufer wir 1896 mit Kamelen durch mühsames Terrain wanderten, ist ziemlich offen und hat in der Mitte Tiefen von 5,7 Meter, 6,9 Meter und 9,5 Meter, die also beinahe doppelt so groß sind wie die tiefsten Stellen des Kara-koschun.

Als ich wieder ins Lager kam, war das Zelt so voller Mücken, daß sie ausgeräuchert werden mußten, worauf die Leinwand auf allen Seiten zugezogen und Jolldasch angebunden wurde, damit er nicht, wie er zu tun pflegte, aus und ein liefe und diese verwünschten Insekten, die uns jetzt abends zu plagen begannen, mitbrächte. Es ist eine Art großer hellgrauer Mücken, die ihr Opfer mit unglaublicher Energie und unglaublichem Eigensinn umschwärmen; sie hinderten mich am Schreiben sowie an jeder anderen Beschäftigung. Man ist ihrem Blutdurste, gegen den der eines Tigers nichts ist, völlig preisgegeben. Sie zeigen eine Todesverachtung, die nicht Mut, sondern Dummdreistigkeit ist, greifen von allen Seiten an und gehen gern in den Tod, wenn sie nur erst eine tüchtige Mahlzeit Blut haben einsaugen können.

Am 27. brachen wir bei Tagesgrauen aus diesem unwirtlichen Mückenneste auf. Es dauerte nicht lange, so fegte ein warmer, dunstiger Südwestwind über das Wasser in diesem unheimlich verwickelten Labyrinthe von Seen, Sümpfen und Flüssen hin. Wir folgten unserem alten Ilek aufwärts; er gleicht kaum einem Flusse, sondern eher einer offenen Gasse in einem Sumpfsee. Unsere Richtung ist anfangs nördlich, aber beim Suji-sarik-köll (See des gelben Wassers) biegen wir nach Westen ab, um in ungeheuer verwickelten Dickichten und Dschungeln von Kamisch, durch die ein schlecht instandgehaltener Tschappgan führt, zu verschwinden (Abb. 97). Drinnen ist es dunkel und schwül; das Kamisch ist von den Stürmen über den engen Wasserweg gelegt worden und ist mit Staub und Flugsand bedeckt. Stellenweise bildet das Ganze eine Brücke, auf der man bequem weite Strecken über das im allgemeinen 2 Meter tiefe Wasser gehen kann. Es war jedoch nicht immer ganz leicht, unter diesen mächtigen natürlichen Gewölben, wo man so staubig wird wie auf einer Landstraße, vorzudringen. Zwischen Milliarden von Schilfstengeln rinnt das Wasser nach dem Ilek hinab. Diesen Abend lagerten wir im Dorfe Scheitlar, das wir auch im Winter besucht hatten (Abb. 98); ich erhielt also einen Anknüpfungspunkt an die Karte der Expedition nach Tschertschen.

113. Tokta Ahun und seine Mutter in Abdall. (S. 275.)
114. Tamarisken bei Tattlik-bulak. (S. 292.)
115. Frauen und Kinder der Loplik. (S. 278.)
116. Das Gerüst meiner Jurte. (S. 292.)

Von diesem Punkte aus machte ich am folgenden Tage mit zwei Führern einen Ausflug nach dem Kara-köll. Wir mußten 4,1 Kilometer zu Fuß gehen, ehe wir an sein Ufer gelangten, wo ein Kahn im Schilfe angebunden lag. Auch jetzt hatten wir einen Nordoststurm von der schlimmsten Sorte uns gerade entgegen. Wir ruderten um die größte offene Wasserfläche des Sees herum, indem wir uns längs des Schilfes oder innerhalb seines äußeren Randes, wo der Wellenschlag gemildert war, bewegten. Im Kara-köll sieht man ganze Fladen von Kamischwurzeln, die mit Lehm, Schlamm und verfaulten Algen vom Seeboden zusammengeballt sind und teils auf dem Wasser, teils ein wenig unter der Oberfläche treiben. Sie werden von der Bevölkerung „Sim“ genannt und sehen oft aus, als könnten sie einen Mann tragen. Sie zeigen jedenfalls deutlich, daß die Wasservegetation einer der Faktoren ist, die zur Verseichtung dieser ausgedehnten, wenig tiefen Sumpfseen beitragen.

Mit Tschernoff als Gehilfen maß ich jeden Arm, jeden Kanal, der Wasser nach dem Ilek und nach Argan führte und gewann die interessantesten Resultate, unter anderem den Beweis, daß das Wasser des Tarim sich seit meinem vorigen Besuche in immer größerer Menge in dieses östliche System hinübergezogen hatte.

Mit neuen Booten und Ruderern fuhren wir am 29. nach Westen und Nordwesten, den gewaltigen See Tschiwillik-köll kreuzend, der bedeutende offene Wasserflächen besitzt, aber gleich den anderen größtenteils von Schilf und Binsen überwuchert ist. Bei dem Dorfe Kadike, das 40 Bewohner zählt, durften die anderen lagern, während ich mit zwei Kähnen nach dem Awullu-köll weiterfuhr, um seinen Zusammenhang mit den übrigen Wasserwegen zu untersuchen.

In Kadike gesellten sich am nächsten Tage Kirgui Pavan und Schirdak Pavan, meine alten Führer, zu uns, und erst jetzt erhielten wir die Nachricht von Parpi Bais Tod. Als wir uns vor ein paar Tagen von Faisullah trennten, der sich schleunigst nach Tura-sallgan-ui begeben sollte, hatte er den Befehl an Parpi Bai und Tscherdon mitgenommen, mit der Hauptmasse der Karawane nach Tschimen vorauszugehen, damit die Tiere nicht unnötig von Bremsen und Mücken gepeinigt würden. Doch Parpi Bai sollte von dem Vertrauen, das ich zu seiner Fähigkeit hegte, eine große Karawane leiten zu können, nie Kenntnis erhalten.

Am 1. Mai hatten wir wieder neue Boote und neue Leute, darunter Kirgui und Schirdak. Die Fahrt ging auf dem Kuntschekkisch-Tarim nach Westnordwest. Bei Dargillik sind im Walde noch Spuren von etwa 20 Hütten, nach denen die Beke von Turfan sich unter der chinesischen Herrschaft vor Jakub Beks Zeit über Turfan-köbruk am oberen Ilek begaben, um die hauptsächlich in Otterfellen bezahlten Steuern für den Kaiser einzutreiben. Sie pflegten Geschenke in Gestalt von Mehl für die Beke und die Bevölkerung des Landes, die sich in ihren Kähnen von allen Seiten hier einfanden, mitzubringen. Dargillik war damals eine Art Marktplatz, und alle sehnten sich dorthin, in der Hoffnung, mit einem Beutel Mehl zurückzukehren, denn damals wurde im Loplande noch kein Ackerbau getrieben.

Bei dem Lager Dillgi fanden wir, daß jetzt 84,3 Kubikmeter Wasser dem Tschiwillik-köll zuströmten, aber ein paar Tage vorher hatten wir 91 Kubikmeter gemessen, die aus ihm abflossen. Dieses beim ersten Anblick seltsame Verhältnis beruht darauf, daß der Zufluß schon angefangen hat, abzunehmen, so daß der See, der als Reservoir wirkt, sich noch eine Zeit lang mehr Wassers entledigt, als er empfängt.

Die drei folgenden Tage ruderten wir angestrengt flußaufwärts. Am 4. Mai lagerten wir bei dem alten Naser Bek in Tikkenlik (Abb. 99) und erhielten gute Nachrichten aus dem Hauptquartier. Der 5. wurde Tikkenlik geopfert, denn am Morgen langte die erste Karawane aus Tura-sallgan-ui unter Tscherdons Oberbefehl hier an und mußte inspiziert werden. Die übrigen Teilnehmer waren Faisullah, Mollah Schah, Musa, Kutschuk und zehn Loplik samt 35 Pferden, 5 Mauleseln und 5 Hunden; Menschen wie Tiere waren in gutem Zustand. Das Gepäck der Karawane war imponierend und bestand aus Reis, Mehl, Konserven usw., der privaten Habe und den Kleidungsstücken der Leute, einem großen mongolischen Filzzelte und unzähligen anderen Dingen. Eine kleine Strecke außerhalb des Dorfes hatte die Karawane ihr großes Lager aufgeschlagen. Nach dem von mir durch Faisullah gesandten Befehl sollte sie den großen Karawanenweg bis Abdall benutzen und von dort direkt nach Tschimen in Nordtibet gehen, ein passendes Standlager aussuchen und meine Ankunft dort abwarten, wobei vor allem dafür gesorgt werden sollte, daß die Tiere gut gepflegt wurden, damit sie die Strapazen, die ihrer im Sommer warteten, aushalten konnten.

Der Amban von Tscharchlik, Dschan Daloi, passierte Tikkenlik während meiner dortigen Anwesenheit. Er war auf dem Wege nach seiner Residenzstadt und zeigte sich als ein ungewöhnlich liebenswürdiger, artiger, feiner Chinese, der mir später von großem Nutzen sein sollte.

Am 6. Mai wechselten wir zum letzten Male auf dieser langen Fahrt die Ruderer und Kähne. Wir brauchten leichte Fahrzeuge und starke Muskeln, denn ich beabsichtigte, die uns noch von Jangi-köll trennende Strecke möglichst schnell zurückzulegen. Über den Kalmak-ottogo-Arm (Abb. 100) gelangten wir wieder in den Tarim, wo wir am 7. gute Hilfe vom Winde hatten, was bei der starken Strömung, die jetzt nach der Eisschmelze herrschte, auch sehr nötig war.

Den letzten Tag lag wieder Staubnebel schwer über dem Lande. Bei Artillma ersparten wir uns eine große Flußbiegung dadurch, daß wir die Kähne über eine schmale Landzunge schleppten. Als wir schließlich an unseren wohlbekannten Strand mit der einsamen Pappel gelangten, standen alle Mann zu unserem Empfang bereit. Sirkin berichtete über alles Vorgefallene und überreichte das meteorologische Journal nebst seinen Aufzeichnungen und Beobachtungen über die Veränderungen des Flusses während meiner Abwesenheit. Auf dem Korso hatten sie eine hübsche kleine mongolische Jurte aufgeschlagen, in der ich von nun an wohnte. Die Kosaken logierten in der Kamischhütte, Islam und Turdu Bai im Zelte. Die Fähre lag im Hafen vertäut und sollte jetzt wieder zu Ehren gelangen.