Jetzt folgte eine ebenso herrliche wie notwendige Ruhezeit in der kleinen Stadt am Rande der Wüste. Eigentlich aber kann ich es kaum Ruhezeit nennen, denn ich arbeitete auch jetzt vom Morgen bis zum Abend. Wir hatten unzählige Angelegenheiten zu ordnen und vorzubereiten, denn jetzt stand die schwerste Aufgabe des ganzen Reiseprogramms bevor: der letzte große Aufbruch nach Tibet.
Wir bewohnten ein außerordentlich nettes Serai in der Nähe des chinesischen Yamen. Von einer zwischen grauen Lehmmauern eingehegten Straße trat der Besucher in einen Hof mit Stallungen für unsere Pferde und Maulesel. Auf der entgegengesetzten Seite des Stallhofes führte eine Pforte in das große Gemach, in dem die Muselmänner wohnten; von hier ging ein Korridor nach der Wohnung der Kosaken. Eine kleine, neben letzterer liegende Kammer hatte Sirkin bereits als photographische Dunkelkammer eingerichtet.
Hinter diesem Hause erstreckte sich ein ziemlich großer, ummauerter Garten mit Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln, und hier wurde auf einem schattigen Platze die große mongolische Jurte für mich aufgeschlagen. An den Toren des Serai stellten wir nachts stets Wachen auf, und im Garten ebenfalls. Als Gesellschaft in meiner friedlichen Wohnung, in die keine neugierigen Blicke drangen, hatte ich Jolldasch und den großen schwarzen, bösen Jollbars (Tiger), der einst in Jangi-köll von einem wütenden wilden Eber so arg zugerichtet worden war. Er konnte keine Fremden leiden, nur gegen mich war er fromm wie ein Lamm.
Ein Hirsch, ein schönes, prächtiges Tier aus den Wäldern des Tschertschen-darja, den mir Dschan Daloi, der Gouverneur des Ortes, geschenkt hatte, war an einen Baum festgebunden; er war zahm wie ein Hund und wurde von mir mit Brot gefüttert (Abb. 219). Ich konnte ihm stundenlang Gesellschaft leisten, und wir wurden bald die besten Freunde. Er war jung eingefangen worden, und seine großen, braunen Augen suchten nicht mehr mit wehmütigen Blicken eine Gelegenheit, nach den friedlichen Verstecken der Wälder zurückzufliehen.
Nur die allerersten Tage ruhte ich wirklich in dem Lehnstuhle, den mir Islam in den Grotten von Temirlik gezimmert hatte. Ich widmete diese Zeit der gewaltigen Post, die mir der Dschigit Jakub kurz vorher aus Kaschgar überbracht hatte; erst kamen natürlich die Briefe aus meinem geliebten Elternhause, dann ganze Ballen von schwedischen Zeitungen und zuletzt einige neue Bücher von meinen Lieblingsschriftstellern, Selma Lagerlöf, Kipling und anderen.
Die Abende wurden zum Entwickeln benutzt; alle Platten, die in den letzten vier Monaten aufgenommen worden waren, wurden fertiggemacht und gaben gute Bilder. Sirkin war mir hierbei eine unschätzbare Hilfe. Er brachte die Dunkelkammer vor und nach ihrer Benutzung in Ordnung, wußte genau mit den verschiedenen Chemikalien Bescheid, überwachte das Trocknen und kopierte die Platten con amore. Außerdem besorgte er das meteorologische Observatorium, das seinen Platz auf dem Dache hatte, wo es vor der Sonne gut geschützt war. Was seine Kameraden betrifft, so hatte Tschernoff die Oberaufsicht über alles, was mit der Karawane, unserer täglichen Kost und meiner Küche zu tun hatte; er war mein Koch, während Tscherdon mein Kammerdiener war.
Doch schon am 12. April erhielten die beiden burjatischen Kosaken einen besonderen Auftrag auszuführen. Ein Punkt des Programms meiner letzten großen Reise war der Versuch, wenn irgend möglich, als Mongole verkleidet, nach Lhasa zu gelangen. Daher mußte eine vollständige Ausrüstung an mongolischen Kleidern, Utensilien, Kisten, Geschirr usw. angeschafft werden; mit einem Worte alles, was man bei den Mongolen, die die Wallfahrt nach der heiligen Stadt machen, zu finden pflegt. Alles dieses sollte Schagdur, der von allen Karawanenleuten allein in meine Pläne eingeweiht war, bei einem Besuche in Kara-schahr einkaufen. Damit er sich auf dieser langen Reise, zu der ihm ein Monat zur Verfügung stand, nicht gar zu einsam zu fühlen brauchte, gab ich ihm Tscherdon als Begleiter mit. Sie bekamen ausgeruhte Pferde, kannten beide den Weg, waren schon in Korla und Kara-schahr gewesen und waren alle beide so klug und zuverlässig, daß ich mich ihretwegen keinen Augenblick zu beunruhigen brauchte.
Die Tage verrannen gar zu schnell, aber jeder Tag hatte seine Arbeit. Ich tröstete mich damit, daß es für das Gebirge noch zu früh sei; sogar hier unten fing das Grün jetzt erst an auszuschlagen, im Hochgebirge würde es bis zum Aufsprießen des Grases wenigstens noch sechs Wochen dauern. Unterdessen mußten unsere Tiere ruhen, fressen und zu den ihnen bevorstehenden schweren Strapazen Kräfte sammeln. Sie erhielten Kamisch und Mais in Menge und wurden von ihren Knechten mustergültig gepflegt. Turdu Bai war der Herr der Kamele und stand für ihr Wohlergehen ein. Die Kerntruppe der Karawane wurde mit zwanzig neuen Kamelen, die Islam Bai in Tscharchlik kaufte, verstärkt. Als wir schließlich aufbrachen, hatten wir nicht weniger als 39 Kamele, unter denen jedoch drei Junge waren. Das letzte von diesen wurde am 6. Mai geboren und beinahe unmittelbar darauf von uns in Augenschein genommen. Das arme Kleine konnte kaum auf seinen langen, zitternden Beinen stehen und betrachtete mit neugierigen, aufmerksamen Blicken die unruhige Welt, die es umgab. Binnen weniger Tage sprang es jedoch ganz lustig und heimisch auf dem Stallhofe umher und wurde bald der Liebling aller. Es wurde mit besonderer Sorgfalt gepflegt und begleitete uns auf dem größten Teile der Reise durch Tibet, und als es starb, hatte es seine beiden Kameraden längst verloren (Abb. 220).
Die Kamele wurden tagsüber auf die Weide, bei Sonnenuntergang aber nach einem offenen Platze vor unserem Hofe geführt. Dort erhielten sie als Abendfutter Mais, der ihnen sackweise auf Matten geschüttet wurde.
Die Pferde und Maulesel fraßen im Stallhofe aus ihren Krippen. An heißen Tagen nahmen sie ein Bad in einem großen Teiche, der inmitten dichtbelaubter Weiden vor der Eingangspforte des Serai lag, und hier versammelten sich stets Scharen von Reisenden und Neugierigen (Abb. 221).
Der Unterhalt der immer größer werdenden Karawane wurde ziemlich teuer. Alle die neuen Diener, die nach und nach in meine Karawanenliste eingeschrieben wurden, sollten beköstigt werden und Lohnvorschuß erhalten. Täglich wurde mindestens ein Schaf geschlachtet, und Massen von Reis, Brot und Eiern wurden aufgegessen. Andererseits aber war es ein großer Vorteil, daß alle, Menschen und Tiere, die jetzt ins Feuer sollten, Kräfte für die schweren Tage sammelten.
Schon bei unserer Rückkehr nach Tscharchlik hatte Islam Bai den Proviant der ganzen Karawane für eine etwa zehnmonatige Reise angeschafft. Er bestand aus Reis, Mehl und Talkan (geröstetes Mehl, das, mit Wasser angerührt, als Suppe gegessen wird). Später sollte eine ganze Schafherde gekauft werden; im übrigen würde der Ertrag der Jagd so reich werden, daß es uns, auch abgesehen von den Schafen, nicht an frischem Fleische zu fehlen brauchte.
Für mich selbst hatte ich ein paar hundert Konservenbüchsen, die mir Oberst Saizeff in Osch besorgt hatte; sie wurden mir jedoch bald so zuwider, daß die Kosaken den größeren Teil davon nehmen mußten. Eingemachte Früchte, Gemüse und Suppen blieben jedoch die ganze Zeit genießbar.
Für die Kamele und die Pferde wurde ein großer Vorrat Mais in Säcken mitgenommen. Es handelte sich nur darum, wie diese schwere Last transportiert werden sollte. Ich dachte daran, zu diesem Zwecke Esel zu kaufen; ein Esel kostet in Tscharchlik nur 10 Sär (30 Mark). Aber eine hinreichend große Eselkarawane erforderte mindestens ein halbes Dutzend Treiber, und wenn dann die armen Tiere zusammengebrochen waren, würden wir alle diese Männer nutzlos, aber zu großem Schaden für unseren Proviant, auf dem Halse haben. Statt dessen beschloß ich, 70 Esel auf zwei Monate zu mieten. Sie kosteten freilich je 5 Sär den Monat, also ebensoviel, wie wenn wir sie gekauft hätten, aber wir hatten den Vorteil, daß wir nun von allen Sorgen um den Transport befreit waren und es Sache der Eseltreiber war, wie sie wieder nach Tscharchlik zurückkamen. Das Geschäft wurde mit dem alten Dowlet Karawan-baschi aus Buchara abgeschlossen, der sich vorzüglich bewährte, aber selbst wenig Gewinn davon hatte, da beinahe alle seine Esel dabei draufgingen.
Am 28. April traf mein alter Diener Mollah Schah aus Tschertschen ein. Er sollte durchaus mit auf diese Reise, denn er hatte an Littledales Zug nach dem Tengri-nor und Ladak teilgenommen und kannte daher die Hilfsquellen des Landes genauer als alle anderen.
Ich mußte unaufhörlich Besuche von Dienstsuchenden und anderen in meinem Garten empfangen. Bald kam dieser, bald jener mit der Bitte, mich begleiten zu dürfen. Aber mein Stab war schon ausgewählt, und wir wollten nicht zuviele Leute haben. Wir waren sogar der Meinung, daß einige der angestellten Männer vom Arka-tag, sobald alles in Ordnung war und die Tiere sich an ihre Lasten und an die Marschordnung gewöhnt hatten, zurückgeschickt werden könnten. Der Vater des toten Aldat suchte mich auch auf und erhielt ein Geldgeschenk. Dschan Daloi, der Amban von Tscharchlik, befand sich auf seiner Dienstreise nach Kara-schahr; aber sein kleiner sechsjähriger Sohn besuchte mich oft in meiner Jurte. Er zeigte stets in seiner Rede und seinem Benehmen den feinen, eleganten Umgangston, der gebildete Chinesen kennzeichnet. Ich schenkte dem Knaben Süßigkeiten, illustrierte Zeitungen und allerlei Kleinigkeiten, die sein großes Entzücken erregten, und er versäumte nie, mir zum Dank Obst mitzubringen oder meinen Pferden einige Bündel frischen Klee zu senden. Anfang Mai starb er an den Blattern; der arme Vater kam einen Tag zu spät heim, um in der Todesstunde bei ihm sein zu können.
Das Wetter war herrlich. Es stürmte beinahe unaufhörlich; dadurch blieb die Luft frisch und kühl. Die Atmosphäre war voller Staub, der die Sonne verhüllte. Abends war es manchmal so kalt, daß ich das Innere der Jurte mit einem Kohlenbecken erwärmen mußte. Am Tage aber war es mir ein Genuß, dem Heulen des Windes in den Maulbeer- und Pflaumenbäumen zuzuhören; ich weiß nicht, wie es kam, aber es war mir stets besonders behaglich zumute, wenn es recht toll stürmte.
Anfang Mai wurde es jedoch fühlbar heiß. Am 1. Mai hatten wir +32,7 Grad im Schatten; die Luft war klar und ruhig, und im Süden glänzten die Firnfelder auf den höchsten Gipfeln des Astin-tag. Heimtückisch lockten jene schönen Berge, die dem größeren Teile meiner Karawane das Leben kosten sollten.
Doch die Zeit verging, und der Tag des Aufbruchs nahte heran. Das ganze Gepäck wurde in Säcken und Kisten untergebracht. Am 22. April standen fünfzehn Kamellasten verschnürt und festgebunden auf ihren Saumleitern und brauchten nur noch auf ihre Träger hinaufgehoben zu werden. Einige Tage später war die ganze Last auf dem Seraihofe bereit (Abb. 222). Da lagen sie in langen Reihen, diese schweren Ballen, die quer durch Tibet getragen werden sollten. Bei ihrem Anblick war ich starr, aber Turdu Bai versicherte, daß die Lasten durchaus nicht zu schwer seien und überdies auch mit jedem Tage an Gewicht verlieren würden. Dort sah man die fest auf ihre Leitern gebundenen Reissäcke, in einer anderen Reihe stand der Mais, in einer dritten das gebrannte Mehl und mehrere Lasten mit eigens für uns gebackenem Brote. Große Ballen enthielten Pelze für die Leute und weißen Filz zu Mänteln für die Kamele. Lange Reihen von Kisten bargen meine persönliche Habe, Reserveinstrumente, Kleidungsstücke, Bücher, Konserven usw.
Um jedoch die Last nicht schwerer zu machen, als sie notwendigerweise sein mußte, hatte ich gleich nach meiner Ankunft im Hauptquartier alles ausgesondert, was sich entbehren ließ, darunter auch die Sammlungen an Gesteinproben, Skelette, Pflanzen und die archäologischen Funde aus Lôu-lan. Von allem diesen, das acht tüchtige Kamellasten ausmachte, wollten wir uns befreien. Es sollte nach Kaschgar geschickt werden und bei Generalkonsul Petrowskij in Verwahrung bleiben.
Doch wem sollte ich diese wichtige Sendung anvertrauen? Sollte ich es von den Chinesen besorgen lassen? Nein, dies wagte ich nicht. Ich wollte schon an Chalmet, den Aksakal von Korla, schreiben, als das Rätsel eine sehr einfache, aber höchst unerwartete Lösung erhielt. Islam Bai suchte mich eines Abends, als ich allein in meinem Zelte war, auf und bat, die Sammlungen nach Kaschgar bringen zu dürfen. Ich sprach meine Verwunderung aus, daß er mich gerade jetzt, da die größten Schwierigkeiten und Gefahren begannen, verlassen wollte, doch er antwortete ohne Bedenken „ja“. Er gab als Grund an, daß er sich alt und müde fühle und fürchte, mir nicht von so großem Nutzen, wie ich gedacht, sein zu können. Es tat mir freilich weh, mich von ihm zu trennen, aber ich hatte gemerkt, daß er die Kosaken nicht ausstehen konnte und die Muselmänner, unter denen er übrigens stets exemplarische Disziplin gehalten hatte, sehr hart behandelte. Ich verdankte ihm viel und wollte ihm auch jetzt einen Beweis meines Vertrauens geben. Daher stellte ich für ihn folgendes Programm auf. Er sollte die Sammlungen in zwei Monaten über Korla, Kutschar und Aksu nach Kaschgar führen, bis Korla auf Kamelen, dann auf Arben, und für alle diese Städte gab ich ihm Empfehlungsbriefe mit. Seinen rückständigen Lohn, 300 Rubel, erhielt er in Gold, außerdem sollten ihm die Reisekosten für ihn selbst und der Transport vergütet werden.
Von Kaschgar sollte er nach Osch heimreisen und dort fünf Monate bleiben, dann aber wieder nach Kaschgar zurückkehren und einen Auftrag ausführen, über den ihm Herr Petrowskij genauere Auskunft erteilen würde. Es handelte sich nämlich darum, mir eine größere Geldsumme und meine dann ganz gewiß sehr große Post nach Ladak zu bringen. Dieses Vertrauen schmeichelte ihm und versöhnte uns beide mit der Bitterkeit der Trennung.
Der alte Faisullah sollte ihn nach Kaschgar begleiten. Er war müde und fürchtete die Gebirgsluft. Er hatte mir zwei Jahre treu und mustergültig gedient und erhielt eine große Extrabelohnung in Silber nebst einem Reitpferd. Die anderen versuchten vergeblich, ihn zu überreden, uns zu begleiten, denn alle hielten viel von ihm, während dagegen Islams Ausscheiden aus der Karawane nur Befriedigung erregte.
Am 5. Mai zogen sie mit ihren acht Kamelen, drei Pferden und drei bis Korla gemieteten Leuten ab. Es stürmte an jenem Tage außerordentlich heftig, und schon da, wo das Gäßchen auf einen offenen Platz mündete, verschwand die Karawane in dichten Staubwolken. Ich hatte während des letzten Jahres nicht viel von Islam Bai gesehen, denn er war stets, während ich mich auf Reisen befunden hatte, als mein Karawan-baschi im Hauptquartier geblieben. Niemand hatte sich bei mir über ihn beklagt, aber nun, da er fort war, merkte man bald den Unterschied. Die Stimmung wurde heiter und gemütlich, alle waren vergnügt und zufrieden, und jeder ging mit Freude an seine Arbeit.
Islam Bai nahm eine gewaltige Post von mir mit. Ich hatte einen 216 Seiten langen Brief — ein ganzes Buch — an meine Eltern und außerdem noch ausführliche Briefe an König Oskar und den Kaiser von Rußland geschrieben. Ich hatte auch an viele meiner Freunde in der Heimat geschrieben, namentlich an Adolf Nordenskiöld. Er empfing meinen Brief einige Tage vor seinem Tode. Er war einer von denjenigen Freunden, die man nur durch den Tod verliert.
Ein wichtiges Schreiben, das Mr. Macartney in Kaschgar befördern sollte, war an Lord Curzon, den Vizekönig von Indien, adressiert. Ich teilte ihm darin mit, daß ich zu Ende des Jahres wahrscheinlich in Leh in Ladak einträfe, und bat ihn, in dieser Stadt eine Summe von 3000 Rupien aufnehmen zu dürfen. Ich erwähnte auch die Möglichkeit eines kurzen Besuches in Indien und bat, in diesem Falle einen der Kosaken mitbringen zu dürfen.
Der Weg, den ich wählte, um auf das tibetische Hochland hinaufzugelangen, führt durch das enge Tal des Tscharchlik-su und ist vor mir noch nie von einem Europäer versucht worden. Dieser Weg ist aber für Kamele absolut unmöglich und selbst für Packpferde sehr schwer. Wir mußten daher die Sache auf andere Weise einrichten. Die große, schwerbeladene Karawane sollte von Tschernoff, Tscherdon und Turdu Bai über Tattlik-bulak und Bag-tokai nach dem Westufer des unteren Kum-köll geführt werden, wohin ich mich, nur von wenigen Dienern begleitet, auf dem näheren, aber schwierigeren Wege durch das Tal begeben wollte.
Am 8. Mai waren wir reisefertig (Abb. 224). Alle Lasten, einige achtzig, standen in der Gasse vor dem großen Tore aufgereiht und wurden nun schnell auf die Rücken der wartenden Tiere gelegt. Es war eine gewaltige Karawane, die größte, die ich je zuvor unbekannten Geschicken entgegengeführt hatte, die größte, die je unter Führung eines Europäers in das Innere von Tibet eingedrungen ist. Sie wurde in verschiedenen Abteilungen abgeführt und nahm den ganzen Weg nach dem Yamen ein. Zuerst schwankten meine Kisten im Sonnenbrande fort, dann die Sachen der Leute, die Zelte und das Boot, und darauf die verschiedenen Proviantkarawanen, jede Abteilung mit ihren besonderen Führern.
Wieviel leichter ist es doch für einen Seefahrer oder eine Expedition, die nicht weit bis zur Küste hat, mit großen Sammlungen heimzukehren! Man braucht sie nur einzuschiffen. Im inneren Asien dagegen muß jeder Gegenstand, den man zu Anfang der Fahrt erwirbt, Tausende von Kilometern unter außerordentlich ungünstigen Verhältnissen auf Pferden oder Kamelen mitgeschleppt werden. Die Lasten müssen jahrelang jeden Morgen auf- und jeden Abend abgeladen werden. Ich verdanke es nur dem Entgegenkommen des Dalai-Lama, daß die während dieser letzten Reise in Tibet gemachten Sammlungen überhaupt aus dem Lande gebracht werden konnten.
Bisher hatte ich in der großen, geräumigen Mongolenjurte gewohnt, die jetzt aber von der Karawane mitgenommen wurde, während ich in die kleine, nur aus einem Holzringe, etwa zwanzig Stangen und einigen weißen Filzdecken bestehende Jurte übersiedelte. Sie war bis Ladak meine Wohnung. Als der Umzug vor sich ging, fanden wir einen großen, abscheulichen, strohgelbgrauen Skorpion unter einer der Kisten; er hatte mir gewiß die ganze Zeit über in der Jurte Gesellschaft geleistet, mir aber merkwürdigerweise nichts zuleide getan. Einer der Leute dagegen wurde, als er den Pferden Stroh gab, von einem Skorpion gestochen. Er mußte ein paar Tage liegen, ehe der Schmerz aufhörte. —
So setzte sich denn die Karawane in Gang. Zwei von den jungen Kamelen liefen ungebunden mit ihren Müttern, die ihre Kinder ängstlich im Auge behielten. Das jüngste Füllen dagegen, das erst ein paar Tage alt war, wurde sorgfältig in Filzdecken gepackt und zwischen zwei Kisten auf mein altes Reitkamel gelegt. Die Mutter ging unmittelbar hinter ihm; sie brüllte unruhig und suchte ihr Junges, bis sie es in seinem Versteck ausfindig gemacht hatte. Die Pferde waren von Fett und Wohlergehen halb wild geworden; sie machten draußen auf der Straße einen entsetzlichen Spektakel, schüttelten die Lasten ab und liefen wild durcheinander. Doch sie trugen nur Proviantsäcke, und diese konnten eine solche Behandlungsweise vertragen.
Es war ein großartiger Anblick, als dieser gewaltige Zug unter Glockenklang, Geschrei, Rufen, Brüllen und Wiehern von unserem ruhigen Serai und aus dem Schatten der Weiden fortzog. Nur wenige Tiere sollten grüne Gärten wiedersehen und wieder im Stalle in ihren Ständen Mais fressen. Wie fühlte ich mich jetzt reich als Besitzer all dieser Herrlichkeit; wie mächtig erschien mir dieses Werkzeug, mit welchem ich, wenn ich es richtig anwandte, große Teile von Tibet der Wissenschaft würde erschließen können! Und doch überkam mich Wehmut, als ich den bunten, gewaltigen, lebensfrohen Zug betrachtete. Nie haben die Glocken der Kamele in so hohem Grade wie jetzt zum Begräbnis, nein, zu einer ganzen Reihe von Begräbnissen geläutet! Ich ahnte, daß dieser Weg für die meisten ein Todesweg werden würde, ein Weg, der Tränen kostete, und daß die Route auf der Karte nicht zufällig mit Rot eingetragen werden würde, — sie kostete Blut!
Wie elend und armselig sollte diese prächtige Karawane am Ende des Jahres aussehen, wie verringert an Zahl und geschwächt an Kräften! Nur ein Fünftel bestand die Probe. Sogar ein paar der Männer starben, und alle anderen, ich nicht zum wenigsten, waren kraftlos und erschöpft, als wir Tibet durchzogen hatten. Es wurde die anstrengendste, schwerste Reise, die ich je gemacht habe. Bei mehr als einer Gelegenheit war ich dem Tode näher als damals, als ich 1895 in der Wüste Takla-makan vor Durst verschmachtete; damals aber, in der Wüste, dauerte das Leiden nur ein paar Wochen; hier in Tibet aber gehörten Leiden zur Tagesordnung, nachdem die wirklichen Schwierigkeiten einmal angefangen hatten. Ich mache lieber noch zehn Reisen durch die Wüste Takla-makan als noch einen solchen Zug durch Tibet!
Tschernoff führte den Oberbefehl über die Pferde und hatte bestimmte Befehle, wie er marschieren sollte. Turdu Bai war Chef der Kamelkarawane. Sie sollten sich erst nach Abdall begeben und dann auf dem bekannten Wege ins Gebirge hinaufziehen. In Abdall sollten sie 50 Schafe kaufen und auf Tscherdon warten, der von Kara-schahr dorthin unterwegs war. Sie nahmen den Hirsch mit; er folgte den Kamelen treu wie ein Hund und wurde mit größter Fürsorge behandelt. Sieben Hunde, unter ihnen Malenki und Maltschik, die eben mit in der Wüste Gobi gewesen waren, gehörten mit zum Zuge. Alles ging gut, und der Leser wird sie alle nach etwa einem Monat am Ufer des Kum-köll wiedertreffen.
Jetzt lag unser Serai öde und still da; die Höfe standen leer, und wir fühlten uns einsam und verlassen. Sirkin war jetzt mein Kammerdiener und Li Loje mein Koch. Mollah Schah besorgte unsere Pferde. Nur diese drei Leute hatte ich bei mir, nebst Jolldasch, der nie von meiner Jurte wich.
Jetzt mußte nur noch die Eselkarawane auf den Marsch gebracht werden, die über Owras-sai und Kara-tschokka gehen und bei Bag-tokai mit der großen Karawane zusammentreffen sollte. Am Morgen des 13. war der alte Dowlet Karawan-baschi fertig und hatte seine 70 Esel mit Mais beladen und seine zehn Untergebenen mit Proviant und Pelzen ausgerüstet. So zog nun auch diese Abteilung der Karawane, der eigentliche „Train“, ins Gebirge hinauf.
Jetzt waren unsere Truppen geteilter als je zuvor. Ich selbst lag in Tscharchlik, die Karawane war auf dem Wege nach Abdall, die Esel zogen nach dem Aftin-tag, Schagdur war noch nicht aus Kara-schahr zurückgekehrt, und Islam Bai würde mitten in der ärgsten Sommerhitze mit meinen Sammlungen in Kaschgar eintreffen. Ich kam mir vor wie ein Feldherr, der alle Fäden in seiner Hand halten muß. Es galt jetzt, so mit den Truppen zu manövrieren, daß alles klappte und die Berechnungen stimmten, wenn die rechte Zeit da war.
Am 14. Mai traf um die Mittagzeit ein Mann aus dem Dorfe Lop ein und brachte gute Nachrichten von Schagdur, der mir jedoch schrieb, daß seine Pferde sehr abgehetzt seien, weshalb Sirkin sich rüstete, um seinem Kameraden mit drei frischen Pferden entgegenzuziehen. Als er gerade fortreiten wollte, ritt die kleine Karawane schon in den Hof ein. Nun waren alle unsere Besorgnisse wegen der Burjaten mit einem Schlage beendet. Tscherdon hatte meinen Befehl in Tscheggelik-ui erhalten und sich schleunigst im Kahne nach Abdall begeben.
Schagdur hatte seinen Auftrag natürlich in vortrefflicher Weise ausgeführt. Er brachte die ganze mongolische Ausrüstung mit, deren wir für unsere Pilgerfahrt bedurften, und obendrein noch einen wirklichen, echten Lama, Schereb Lama, der 27 Jahre alt und aus Urga gebürtig war, aber einem Tempel vor den Toren von Kara-schahr angehörte (Abb. 223). Der Lama trug sein rotes Priestergewand, das eigentlich wie ein langer, durch einen Gürtel zusammengehaltener Schlafrock aussah, und auf dem Kopfe ein chinesisches rundes Käppchen. Ich kam ihm sehr freundlich entgegen, damit er sich vom ersten Augenblick an bei uns heimisch fühlen sollte, und begann sofort, meine eingerosteten Kenntnisse der mongolischen Sprache wieder aufzufrischen. Es dauerte auch nicht viele Wochen, bis ich mit dem Lama, wie wir ihn einfach nannten, ziemlich fließend sprechen konnte. Er war die interessanteste Persönlichkeit unserer reisenden Gesellschaft; der Leser wird bald seine Bekanntschaft machen. Mit mir stand er schon nach wenigen Tagen auf sehr vertrautem Fuße und kam stets zu mir, sobald er etwas auf dem Herzen hatte. Er war bereit, sein Leben für mich zu lassen, und es ist wirklich ein Wunder, daß er es um meinetwillen nicht verloren hat.
Schagdur hatte noch zwei Reisegefährten, alte Bekannte von uns, mitgebracht. Der eine war Ördek, der den Tempel in Lôu-lan entdeckt hatte, der andere Chalmet Aksakal von Korla. Es war ein recht eigentümliches, interessantes Quartett, das jetzt die Bevölkerung unseres leeren Serai vergrößerte, und die Stimmung wurde wieder heiter. Jeder von den vier Gästen mußte vorbringen, was er auf dem Herzen hatte. Zuerst berichtete Schagdur über seine Mission, zeigte seine Abrechnung und lieferte den Rest der erhaltenen Summe wieder ab. Er brachte ungefähr die Hälfte wieder, — ein anderer Asiat hätte dieses Geld natürlich in seine eigene Tasche gesteckt, aber Schagdur war ein ehrlicher, redlich denkender Mensch. Schon der Gedanke zu stehlen wäre ihm ganz absurd vorgekommen.
Ördek war gesund und munter und bat aufs flehentlichste, mitkommen zu dürfen, gleichviel wohin und unter welchen Bedingungen. Als er im vorigen Jahre um seine Entlassung bat, hatte er als Grund eine bösartige Krankheit angegeben. Jetzt versicherte er, dies sei gelogen und der wahre Grund der gewesen, daß Islam ihn mit dem Tode bedroht habe, wenn er es wagen würde, sich in Temirlik sehen zu lassen.
Jetzt, da Islam uns verlassen hatte, zog sich ein Unwetter über ihm zusammen. Ördek aber wurde unter denselben Bedingungen wie früher fest angestellt, mußte sich alles Nötige besorgen und erhielt den Befehl, den Eseln nachzueilen und mit ihnen nach dem Kum-köll zu ziehen.
Der Lama war im vorigen Winter von einer Pilgerfahrt nach Lhasa zurückgekehrt, wo er eine Zeitlang in einigen Tempeln die heiligen Bücher studiert hatte. Auf der Rückreise hatte er einen anderen Lama aus Kara-schahr als Genossen gehabt und dabei in Zaidam Kosloffs Expedition gesehen. Dies war das einzige Mal auf der ganzen Reise, daß ich etwas von meinem russischen Freunde hörte.
Schereb Lama war sofort außerordentlich geneigt gewesen, die burjatischen Kosaken nach Lhasa zu begleiten, und hatte ihnen so viel von den Herrlichkeiten dieser Stadt erzählt, daß Schagdur vor Sehnsucht brannte, dorthin zu kommen. Der Lama war aber mißtrauisch gewesen und hatte gefragt, ob auch ein „Russe“ mitwolle, denn dann könne er sich mit der Sache nicht befassen, — das würde ihm das Leben kosten. Schagdur hatte beteuert, daß kein Russe mitgenommen würde. Der Lama erklärte mir nun, daß er mich gern überallhin begleiten wolle, — nur nicht nach Lhasa, und daß er mit einem Lohne von zwei Jamben für die ganze Zeit zufrieden sei. Er erzählte dann allerlei von der heiligen Stadt und der Wallfahrt und sagte, daß Lhasa schon in einer Entfernung von zehn Tagereisen von Reitern und Grenzaufsehern umgeben sei, die jede ankommende Karawane, ja jeden einzelnen Reiter gründlich untersuchten. Alle würden auf diese Weise angehalten, und erst nachdem ihre Pässe in Lhasa geprüft und von dort Bescheid gekommen sei, dürften sie frei passieren. Die große Mongolenkarawane, die voriges Jahr an unserem Lager in Temirlik vorbeigezogen war, sei zehn Tage aufgehalten worden, weil man in Erfahrung gebracht, daß unsere Karawane an der Grenze des Landes der Zaidammongolen lagere, und man wahrscheinlich befürchtet habe, daß sich irgendein Unbefugter mit ihr einschleichen wolle.
Darauf kam die Reihe an Chalmet Aksakal. Zuerst fragte ich ihn, ob er mir einen großen Dienst erweisen wolle, was er selbstverständlich bejahte. Er solle mir zehn Jamben Silber leihen, nach damaligem Silberwert etwa 2000 Mark. Bald darauf reihte er die Silberbarren in meinem Zelte auf. Ohne diese Verstärkung meiner Kasse würde ich in Südtibet in eine äußerst unangenehme Lage geraten sein. Nach meinem Diktat schrieb er einen Brief in türkischer Sprache an Herrn Petrowskij, welches Schreiben von mir unterzeichnet wurde und als Wechsel für besagte Summe galt, der auch rechtzeitig eingelöst wurde.
Nun war also endlich alles klipp und klar, und wir konnten am nächsten Morgen, 15. Mai, aufbrechen. Daraus sollte jedoch nichts werden. Um 5 Uhr fing es in außergewöhnlicher Weise an zu gießen, und der Donner rollte dumpf in den Bergen — ein passender Hintergrund zu der traurigen Überraschung, die mir an diesem Abend bevorstand. Neue Wolken ballten sich über dem armen Islam Bai zusammen!
Chalmet Aksakal beklagte sich darüber, daß Islam in Korla 27 Sär von ihm entliehen und ihn, als er das Geld zurückgefordert, beschimpft und verhöhnt habe. Jetzt behauptete er auch, wohlbegründete Veranlassung zu der Vermutung zu haben, daß auch ich bestohlen worden sei. Ich begriff gar nicht, was er meinte. Islam Bai? Nein, das war nicht möglich! Er, der fünf Jahre lang mein Geschick geteilt hatte, mit mir in der Wüste beinahe umgekommen war und so viele Beweise meines Vertrauens und meiner Zuneigung erhalten hatte, er, der so viele Geschenke bekommen hatte und höheren Lohn erhielt als alle anderen und der die goldene Medaille für Treue und Redlichkeit trug!
Doch schon bei der ersten vorsichtigen Untersuchung in Tscharchlik kam allerlei an den Tag. Schagdur hatte Islam Bai in Temirlik für 165 Sär Gold von Goldgräbern aus Bokalik kaufen sehen, sich aber keine Einmischung erlaubt, weil er überzeugt war, daß es auf meinen Befehl geschehen sei. Sirkin und Ördek hatte Islam um 16 und 10 Sär betrogen, sie hatten mir aber nicht durch Klagen lästig fallen wollen. Man könnte sagen, daß die Wahrheit durch reinen Zufall ans Licht gekommen sei, wenn man nicht darin vielmehr die Strafe der himmlischen Gerechtigkeit sehen müßte. Chalmet Aksakal war brieflich beauftragt worden, Zucker u. dgl. zu kaufen und uns zu schicken. Als ich in das Hauptquartier zurückkam und die Rechnung sah, fand ich sie sehr hoch. Islam verstand es damals, mir zu beweisen, daß sie um 23 Sär zu hoch war. Ich hatte mir darauf Chalmet Aksakals Bruder, einen Tscharchliker Kaufmann namens Osman Bai, kommen lassen, hielt ihm eine niederschmetternde Rede und sagte, daß sein Bruder sich als unredlicher Mensch bewiesen habe. Osman verteidigte ihn und bat mich himmelhoch, doch nicht der Verleumdung Glauben zu schenken. Da ich mich nicht überzeugen ließ, hatte Osman einen Eilboten nach Korla geschickt und seinem Bruder geraten, unverzüglich zu kommen, da hier Böses gegen ihn im Werke sei. Er kam nun auch mit Schagdur. Als sie Islam bei Tikkenlik begegneten, war er sichtlich unangenehm berührt gewesen und hatte gesagt, er sei beauftragt, den Kosaken mitzuteilen, daß ich meinen Plan geändert hätte und sie über Abdall und Tschimen reiten müßten, wenn sie mich finden wollten. Hätten sie ihm geglaubt, so würde ich sie erst Anfang Juni am Kum-köll getroffen haben. Doch Islams Plan, der darauf angelegt war, ihm bis Kaschgar Vorsprung zu verschaffen, scheiterte an der Pflichttreue der Burjaten. Sie wußten, daß sie sich ausschließlich nach meinen eigenen schriftlichen oder mündlichen Befehlen zu richten hatten, und da ich glücklicherweise ein paar Tage vorher mit der chinesischen Post einen Brief an Schagdur geschickt hatte, kehrte sich dieser nicht an Islams intrigante Reden und begab sich direkt nach Tscharchlik.
Infolge der vorläufigen Untersuchung, die jetzt angestellt wurde, verzögerte sich unsere Abreise um ein paar Tage. Als wir endlich aufbrechen konnten, begleitete uns der Aksakal noch auf der ersten Tagereise. Als er nach Korla zurückkehrte, nahm er ein Schreiben an den Generalkonsul mit, der Islam Bai, welcher russischer Untertan war, auf mein Ersuchen gleich bei seiner Ankunft in Kaschgar verhaften und alle seine Effekten untersuchen lassen sollte. Alles darunter befindliche chinesische Silbergeld und das rohe Gold sollten mit Beschlag belegt werden.
Doch ehe ich erzähle, wie es Islam in Kaschgar ging, will ich zeigen, daß er das Schicksal, das ihn traf, in jeder Hinsicht verdient hatte. Als wir in Kum-köll mit der Karawane zusammentrafen, wurden alle meine Diener einzeln verhört. Jeden hatte er um größere oder kleinere Summen betrogen; nur Tschernoff hatte sich nicht überlisten lassen. Im ganzen ließen sich etwa 12 Jamben nachweisen, die er den Eingeborenen nach und nach in größeren oder kleineren Beträgen abgenommen hatte, und mir hatte er durch gewisse Geschäftspraktiken 9 Jamben veruntreut, einen großen Teil davon bei den letzten Kamelankäufen.
Schon in Jangi-köll hatte ich einen großen Vorrat von Tschapanen, Pelzen und Stiefeln kaufen müssen, die unseren Dienern geschenkt werden sollten. Die Sachen waren allerdings unter sie verteilt worden, aber Islam hatte sich dafür bezahlen lassen und den Gewinn in seine Tasche gesteckt.
Es ist seltsam, daß ich nie gemerkt hatte, wie ich täglich so gemein bestohlen wurde; aber es war doch auch wieder erklärlich. Erstens wurden alle Auszahlungen aus meinen Geldkisten ordnungsmäßig gebucht, und direkter Kassendiebstahl war nie vorgekommen; dazu war Islam viel zu klug. Da aber alle größeren Beträge für den Ankauf von Proviant, Kamelen und Pferden und die Löhne der Leute durch Islams Hände gingen, hatte er Gelegenheit, den Lieferanten weniger zu geben, als sie zu fordern berechtigt waren. Die guten Eingeborenen waren in weit höherem Grade als ich die Geschädigten gewesen, daher fehlte auch nie etwas in meiner Reisekasse; ich wußte stets, wieviel ausgegeben wurde und wieviel noch da war.
Dann findet man es wohl unbegreiflich, daß sich keiner der Betrogenen bei mir beklagt hat, und auch ich wundere mich noch heute darüber, daß dies nicht geschehen ist. Aber Islam war ein großer starker Kerl, der es verstanden hatte, sich bei den Muselmännern in großen Respekt zu setzen. Sie fürchteten ihn wie einen asiatischen Despoten, wagten nicht zu murren, schwiegen und nahmen, was er ihnen gab, um so mehr, als er, wie ich am Kum-köll erfuhr, drohte, dem, der bei mir zu klagen wagte, den Schädel einzuschlagen. Deshalb nahmen sie sich hübsch davor in acht und fanden sich still und ergeben in ihre ungerechtfertigten Verluste. Er hielt sie durch seine bloße Gegenwart in hypnotischer Angst, und erst jetzt, da er fort war, kam die Wahrheit zum Vorschein. Ja, jetzt kam alles an den Tag! „O Gott, wie viele haben seinetwegen weinen müssen“, hieß es.
Auf der Fähre und in der Tschertschenwüste, den einzigen Reisen, auf denen ich ihn unter meiner eigenen Kontrolle hatte, war er derselbe wie früher, derselbe ruhige, besonnene, treue Diener wie auf der Reise durch Asien in den Jahren 1893–97. Nachher nahm ich ihn nicht mit auf große Exkursionen, weil ich glaubte, beruhigt sein zu können, wenn er die Aufsicht über das Hauptquartier führte. Und wenn ich von den verschiedenen Touren dorthin zurückkehrte, beklagte sich keiner; die beste Ordnung herrschte überall. Gerade dieser Umstand, daß wir meistens an verschiedenen Orten waren, macht es zum großen Teile erklärlich, daß ich von den Unredlichkeiten nichts merken konnte, und es würde mir überdies auch nie eingefallen sein, Islam Bai in Verdacht zu haben. Dazu hegte ich viel zu großes Vertrauen zu ihm; von diesem Gesichtspunkt aus war ich in nicht geringem Maße an seinem Unglück schuld.
Psychologisch war mir die Ursache seines Falles bald verständlich. Während der Reise nach Peking war er in meiner Karawane drei Jahre lang stets der Erste gewesen. Vom einfachen Arbeiter bei den Pferdekarawanen zwischen Osch und Kaschgar hatte ich ihn zum Führer und Karawan-baschi erhoben, und er hatte sich aus reiner Anhänglichkeit aufs glänzendste bewährt. Auch jetzt hatte er mir anfänglich am nächsten gestanden. Doch mit der Ankunft der Kosaken trat eine andere Ordnung ein. Ich schätzte sie mehr, und ihre Gesellschaft war mir lieber als die Islams. Alle Beschäftigungen in meiner unmittelbaren Nähe wurden den Kosaken übertragen, während Islam nur mit den Muselmännern und den gröberen Karawanenarbeiten zu tun hatte. Es verdroß ihn, sich von den Ungläubigen verdrängt zu sehen, und in seinem Herzen stieg der Gedanke auf: „Soll ich ihnen weichen, so will ich wenigstens Ersatz dafür haben“, und nun begannen die Diebstähle in Jangi-köll und wurden die ganze Zeit bis zu seiner Abreise von Tscharchlik fortgesetzt.
Der Arme tat mir leid, und ich nahm mir vor zu versuchen, seine Strafe nach Möglichkeit zu mildern, um so mehr, als die Muselmänner ihre Beschuldigungen gewöhnlich sehr übertreiben. Doch wenn auch nur die Hälfte davon wahr war, waren die Diebstähle schon groß genug, um ihn nach Sibirien zu bringen. Aber in der Wüste Takla-makan hatte er mir 23 Jamben gerettet und mir bei unzähligen Gelegenheiten unschätzbare Dienste geleistet.
Es tauchten aber noch allerlei andere häßliche Geschichten auf, die mich gegen sein Schicksal total gleichgültig machten. In Jangi-köll hatte er sich drei, sage drei, junge „Frauen“ genommen, von denen ihn eine 100 Sär gekostet hatte, und damals waren ihm erst 30 Sär von seinem Lohne ausbezahlt worden. Während der zwölf Tage, die er in Tschertschen zubrachte, hatte er sich ebenfalls „verheiratet“, und in Tscharchlik hatte er sich zum Schlusse auch noch eine „Gattin“ zugelegt. Je nachdem das Hauptquartier verlegt wurde, wurden die Damen der Reihe nach abgedankt, und als er endgültig nach Kaschgar reiste, ließ er sie alle miteinander sitzen. Bei all diesen leichtsinnigen Streichen hatte er obendrein in Osch seine rechtmäßige Frau mit fünf Kindern!
Auf die Länge wird es kostspielig, sich fünf Frauen zu halten. Erst muß die Auserwählte gekauft und bar bezahlt werden, dann wird sie eingekleidet und dabei sind ihre Neigungen für chinesische Stoffe u. dgl. zu befriedigen, und schließlich ist sie, vielleicht auch noch ihr Papa und ihre Mama, zu beköstigen. Letzteres ließ sich ja aus unseren eigenen Vorräten leicht bewerkstelligen, und ich werde es also wohl gewesen sein, auf dessen Kosten geschmaust worden ist.
Der letzte Abschnitt der Geschichte Islams nahm folgenden Verlauf. Bei der Ankunft in Kaschgar ließ der Konsul seine Sachen durchsuchen. Bares Geld wurde nicht mehr viel gefunden, aber das gefundene, soweit es reichte, den Benachteiligten zugestellt. Seine Freiheit durfte er behalten, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, denn es wurde ihm verboten, Kaschgar zu verlassen. Als ich Anfang Mai 1902 wieder dorthin kam, hatte er infolgedessen noch keine Beschäftigung gefunden. Er suchte mich im Dorfe Japptschan auf, und er tat mir sehr leid, als er sich laut weinend mir zu Füßen warf. Ich ermahnte ihn aufs eindringlichste, sich bei dem Verhör in Kaschgar streng an die Wahrheit zu halten. Ich versicherte ihm, daß ich ihn, wenn er löge, ohne Erbarmen der Gerechtigkeit des russischen Gesetzes überlassen, wenn er aber die Wahrheit spräche, dafür sorgen würde, daß er straflos ausginge. Er versprach, meinem Rate zu folgen. Er war kalt, finster, bleich und abgezehrt und sah ein, daß er sein Leben ruiniert hatte. Hätte er sich so gut geführt wie das vorige Mal, so wäre er in seinem Heimatorte ein angesehener Mann geworden. Sein Name war schon jetzt in ganz Innerasien bekannt, aber welche traurige Berühmtheit sollte er künftig erlangen!
Als aber das Verhör vor sich ging, alle Anklageakten vorgelegt und alle Zeugen zur Stelle waren, leugnete er hartnäckig bei jedem einzelnen Punkt. Man konnte ihn nicht dazu bringen, die Richtigkeit auch nur der greifbarsten Beschuldigungen anzuerkennen; er erklärte alles für boshafte Verleumdung. Ich erinnerte ihn wieder daran, daß es in seinem eigenen Interesse liege, zu gestehen, aber nichts half. Keine Stimme erhob sich zu seiner Verteidigung. Er erhielt jetzt vom Konsul Befehl, sich bei dem Distriktschef, Oberst Saizeff, in Osch einzustellen, in welcher Stadt nach russischem Gesetz das Urteil über ihn gefällt werden mußte und wo er bald nach mir eintraf. Auch hier leugnete er alles. Da er sich durch die Veruntreuungen gegen das russische Gesetz und durch seinen Lebenswandel gegen das Scheriet (religiöse Gesetz) der Muhammedaner vergangen hatte, wurde er für Sibirien reif erklärt, die Strafe aber auf drei Monate Gefängnis ermäßigt; auf meine besondere Bitte wurde die Strafe nachher auf vierzehn Tage ermäßigt, aber ganz straflos durfte er schon seiner Landsleute wegen nicht ausgehen.
Ich sah ihn in Osch nicht wieder und wollte ihn auch nicht mehr sehen. Er, der in meiner Karawane eine so hervorragende, ehrenvolle Rolle gespielt hatte, war von nun an für mich tot. Durch seine grenzenlose Dummheit und Gedankenlosigkeit und durch eine Art Größenwahn hatte er sich in das schimpflichste Elend gestürzt, er, der in seiner Heimat einen Ehrenposten hätte erhalten können und dem die russischen Behörden als Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste einen goldgestickten Samtchalat versprochen hatten. Damit war seine Geschichte zu Ende. Nach den Verhören am Kum-köll wurde sein Name in der Karawane nicht mehr genannt.
Die Moral der Geschichte ist: „Traue nie einem Muselmann!“ Man sollte glauben, daß, wenn man einen Diener so viele Jahre gehabt und mit Güte überhäuft und er selbst nur Vorteil von seinem guten Betragen hat, man sich schließlich auf ihn wie auf sich selbst müßte verlassen können. So aber sind die Muhammedaner nicht. Sie vergessen nie, daß sie bei einem Ungläubigen in Diensten stehen. In moralischer Hinsicht ist diese Rasse schlecht, aber man muß sie nicht zu streng verurteilen, denn sie lebt wirklich in harten Verhältnissen. Die Mongolen sind unvergleichlich viel besser, und ist man wie ich so glücklich, eine Eskorte von Kosaken zu besitzen, so dürfen die Muhammedaner nur zu den gröberen Arbeiten benutzt werden. Mehrere von meinen muhammedanischen Dienern, Turdu Bai, Kutschuk, Chodai Kullu und Ördek, waren allerdings außergewöhnlich prächtige Menschen, aber sie hatten auch nie Gelegenheit, in allzu große Versuchung zu geraten.