Am Morgen des 3. März war es ziemlich kalt. Nach dem Besteck mußten wir von der Stelle, an welcher wir im vorigen Jahre auf die Ruinen gestoßen waren, noch 14 Kilometer entfernt sein. Es handelte sich nun um das Wiederfinden jener alten Häuser, in denen Menschen zu einer Zeit gewohnt hatten, in der das Klima und die Natur dieser Gegend noch ganz anders waren als jetzt und die Wüste keine Wüste, sondern ein reich bewachsenes Gebiet am nördlichen Ufer des von den Wassermassen des Kum-darja gebildeten Sees war. Wir schritten langsam vorwärts, nach allen Seiten umherspähend, um nicht an dem wichtigen Punkte, der jetzt Gegenstand einer gründlichen Untersuchung werden sollte, vorüberzugehen.
Gleich links von unserem Wege fand Schagdur die Ruinen zweier Häuser. Das östliche bildete ein Quadrat von 6,5 Meter Seiten, und seine 1 Meter dicken Mauern waren aus gebrannten Ziegeln in quadratischen Platten ausgeführt. Das aus Holz gebaute westliche Haus war schon sehr mitgenommen, aber man konnte sehen, daß es 26 Meter lang und ebenso breit wie das östliche gewesen war. In dem letzteren fanden wir eine kleine Kanonenkugel, einen kupfernen Gegenstand, der genau die Form einer Ruderklammer hatte, einige chinesische Münzen und zwei rote irdene Tassen.
Eine Strecke weiter, als wir uns nach meiner Karte in der unmittelbaren Nachbarschaft des Fundortes vom vorigen Jahre befinden mußten, machten Faisullah und ich mit den Kamelen Halt, während die anderen zur Erkundung der Gegend ausgeschickt wurden. Sie blieben mehrere Stunden fort, und da es kurz vor Sonnenuntergang war, beschloß ich, am Fuße eines Lehmturmes, der sich eine Stunde östlich von unserem Rastplatze erhob, zu lagern. In der Dämmerung langten wir dort an und befreiten zu zweit die Kamele von ihren Lasten, worauf ich mit Hilfe eines Seiles und einer Axt den Turm bestieg. Er war um ein Gerippe von Balken, Reisig und Kamisch herumgebaut, so daß ich oben auf der Spitze ein Signalfeuer anzünden konnte.
Die Ausgeschickten kehrten jetzt gruppenweise zurück. Einige hatten ein von mehreren Hausruinen umgebenes hohes „Tora“ (Lehmturm) gefunden und empfahlen jenen Platz als Hauptquartier. Sie brachten als Beweis etwas Schrot, eine verrostete eiserne Kette, eine kupferne Lampe, Münzen, Scherben und einen Krug mit.
Bei Sonnenaufgang lenkten wir unsere Schritte nach dem neuen „Tora“ (Abb. 202) und lagerten unmittelbar im Südwesten davon, um Schutz von ihm zu haben, wenn sich ein Sturm erheben sollte. Unter einer nach Norden überhängenden Lehmterrasse wurden auf einigen Balken die Eissäcke aufgestapelt; dort war unser „Gletscher“, unser Eiskeller.
Nachdem die Kamele sich eine Weile ausgeruht hatten, sollten sie zu ihren Kameraden nach der Quelle zurückgeführt werden. Dieses verantwortungsvolle Geschäft wurde Li Loje anvertraut. Er sollte über Nacht an dem Punkte bleiben, wo das Terrain nach dem Gebirge anzusteigen beginnt. Soweit sollte der alte Faisullah mitgehen und dafür sorgen, daß der Jüngling in unsere Spur kam, dann aber schleunigst wieder zu uns zurückkehren. Li Loje hatte sich im übrigen an folgenden Befehl zu halten: er sollte in zwei Tagen nach der Quelle gehen, zwei Tage dort bleiben und schließlich mit der ganzen Karawane und einem großen Eisvorrat in weiteren zwei Tagen zurückkehren.
Als die Kamele zwischen den Jarterrassen verschwunden waren, war uns jegliche Transportmöglichkeit abgeschnitten. Unser Lager mußten sie jedoch leicht finden können. Der Turm war weithin sichtbar (Abb. 205), und am 9. März wollten wir auf seinen Zinnen ein Leuchtfeuer unterhalten. Nach ihrer Ankunft mußten wir sofort nach Süden weiterziehen, und es galt daher, die uns zur Verfügung stehenden sechs Tage nach Möglichkeit auszunutzen. Den ersten Tag benutzte ich zu einer astronomischen Bestimmung, während sämtliche Leute die Nachbarschaft abstreiften und sich erst am Abend mit ihren Berichten und Beobachtungen wieder einstellten.
Ich kam nur noch dazu, von der Spitze des Turmes ein paar Aufnahmen zu machen, die ich beigefügt habe (s. auch I, Abb. 86) und die einen deutlicheren Begriff von der Gegend geben als alle Beschreibungen. Im Vordergrund sieht man meine Jurte, die durch einige Balken vor dem Umfallen geschützt ist (Abb. 203). Im Hintergrund leuchtet die Wüste gelb und gleichförmig mit ihren scharfkantigen Tafeln und Jardangs von Lehm. Hier und dort erhebt sich ein mehr oder weniger von der Zeit zerstörtes Haus (Abb. 204); in seinem Inneren wohnen nur Stille und Tod. Die einzigen lebenden Wesen, die sich in Sehweite befanden, waren ich selbst und mein Hund Jolldasch.
Es ist so still und feierlich wie auf einem Friedhof, der bis an den Horizont reicht. Man fühlt, daß das Leben hier einst in frischen Schlägen pulsiert hat, aber durch erbarmungslose Naturkräfte vernichtet worden ist. Der frühere Wald hat den Stürmen freies Feld gelassen, und die Sterne blicken auf Vergänglichkeit und Öde herab.
Es war unser erster Tag in dieser Gegend, die ich noch nicht hatte rekognoszieren können; ich wußte aber, daß ich vor einem großen, herrlichen Probleme stand. Würde diese geizige Erde, die sicherlich viele Geheimnisse zu verbergen hatte, mich etwas wissen lassen, das keine anderen Menschen auf Erden wußten? Würde sie uns einige ihrer Schätze schenken und mir auf die zahllosen Fragen, die gerade hier auf mich einstürmten, Antwort geben? Nun gut, ich würde jedenfalls tun, was ich konnte, um die schweigenden Ruinen zum Sprechen zu bringen, und mit ganz leeren Händen würden wir wohl nicht abzuziehen brauchen, wenn die Glocken das nächste Mal am Fuße des „Turmes der Stille“ läuteten. Ich hatte meinen ganzen ursprünglichen Reiseplan geändert und war auf Grund der von Ördek im vorigen Jahr gemachten wichtigen Entdeckung hierher zurückgekehrt. Dieser große Zeitverlust würde doch wohl nicht vergeblich gewesen sein?
5. März. Nach einer langen, ruhigen Nacht in diesem eigentümlichen Lager, das der frischen Quelle, die wir vor kurzem verlassen hatten, so unähnlich war und in dem uns nur der Eisvorrat am Leben erhalten konnte, machte ich einen Morgenspaziergang zwischen den Ruinen, während meine Leute schon damit beschäftigt waren, aus allen Kräften zu graben. Sie hatten das Eingeweide eines Hauses auf- und umgewühlt, aber nichts weiter gefunden als das Rad einer Arba und einige hübsch gedrechselte Pilaster. Im übrigen barg der Sand nur wertlose Dinge, die jedoch auch nicht jeglicher Bedeutung ermangelten, da sie stets zur Erklärung der Lebensweise der ehemaligen Bewohner beitrugen. Darunter waren rote Zeugstücke von derselben Sorte, wie sie die mongolischen Lamas noch heute tragen, Filzlappen, Büschel von braunen Menschenhaaren, Skeletteile von Schafen und Rindern, chinesische Schuhsohlen, ein Bleigefäß, merkwürdig gut erhaltene Stricke, Scherben von einfach ornamentierten Tongefäßen, ein Ohrgehänge, chinesische Münzen usw. In einem Hause, das wahrscheinlich als Stall gedient hatte, wurde ein dickes Lager von Pferde-, Rinder-, Schaf- und Kameldung durchgraben. Nur der Umstand, daß dieses Lager unter einer Schicht von Sand und Staub gelegen hat, macht es erklärlich, daß es nicht pulverisiert und vom Winde fortgetragen worden ist. Doch keine Schrift, nicht ein Buchstabe, der uns das Rätsel hätte lösen können; nur ein kleiner unbeschriebener, gelber Papierfetzen wurde gefunden. Ganz dicht beim Lager erhoben sich die Balken eines Hauses, in dessen Innerem wir jedoch nichts fanden.
Die Verhältnisse sind in diesem alten Orte ganz anders als in den Städten, die ich auf meiner vorigen Reise am Kerija-darja entdeckte. Dort liegen die Ruinen durch Sand geschützt, hier aber ist das Erdreich nackt. Was hier zurückgelassen oder vergessen worden ist, als die Einwohner von hier fortzogen, hat unbedeckt auf der Oberfläche des Bodens gelegen und ist vom Wetter und von den Winden angefressen und zerstört worden. Nur im Schutze der kleinen, höchstens 3 Meter hohen Lehmterrassen hat sich eine dünne Sandschicht angehäuft.
Der Turm, die imponierendste Ruine des Ortes, lockte mich besonders an, und ich ließ die Leute ihn in Angriff nehmen (Abb. 206). Er konnte ja, gleich einem Hünengrab, ein Geheimnis in seinem Inneren bergen. Es war jedoch gefährlich, an ihm zu rühren. Ein großes Stück seiner Spitze mußte erst mit Stricken und Stangen abgerissen werden; es stürzte herunter wie ein donnernder Wasserfall, ganze Wolken von braunem Staub aufrührend, der von dem ziemlich starken Nordostwind über die Wüste fortgewirbelt wurde (Abb. 207).
Sodann wurde von oben ein senkrechtes Loch, einem Brunnen vergleichbar, gegraben; einen Tunnel von der Seite zu machen, wäre ein zu großes Wagestück gewesen, denn der Turm war voller gefährlicher Risse, und sein trockenes, loses Material hätte leicht einstürzen können. Der 8,8 Meter hohe Turm war jedoch massiv und wurde nur von horizontalen Balken durchzogen, die den an der Sonne getrockneten Ziegeln Halt gaben. Nur bis zu 3 Meter Höhe von der Basis haben diese eine rötliche Färbung, als seien sie leichtem Feuer ausgesetzt gewesen.
Unterdessen zeichnete ich einen genauen Plan von dem Dorfe, dessen Häuser in einer Reihe liegen und stets von ungefähr Südosten nach Nordwesten gerichtet sind.
Einige Häuser sind ausschließlich aus Holz gebaut gewesen, und die senkrechten Wandplanken sind in Balkenrahmen, die unmittelbar auf dem Erdboden liegen, eingefügt gewesen. Bei anderen bestehen die Wände aus Kamischgarben, die mit Weiden zwischen Stangen und Pfosten eingeflochten sind. Schließlich sind noch ein paar Häuser von an der Sonne getrocknetem Lehm vorhanden.
Die meisten dieser alten Wohnungen sind eingestürzt, aber viele Balken und Pfosten stehen noch aufrecht, obwohl ihnen Wind und Sand recht übel mitgespielt haben (Abb. 208). Aus dem Aussehen des Bauholzes auf das Alter zu schließen, ist unmöglich. Wohl sieht es sehr alt aus und ist grau-weiß, rissig und zerbrechlich wie Glas, andererseits aber sollte man meinen, daß Stürme, Flugsand und Unterschiede von 80–90 Grad zwischen der niedrigsten Nachttemperatur des Winters und der höchsten Tagestemperatur in der Sommersonne das Material in verhältnismäßig kurzer Zeit ziemlich arg ruinieren können.
Drei Türrahmen standen noch. In einem von ihnen war sogar noch die Tür selbst an ihrem Platze, weit offen, wie sie der letzte Eigentümer beim Aufbruch nach einem anderen Wohnorte gelassen hatte. Sie war bis zur Hälfte in Sand und Staub gebettet.
Sämtliche Gebäude erheben sich auf kleinen Hügeln; daß sie aber ursprünglich auf ebenem Boden errichtet worden sind, davon ist man schon beim ersten Anblick völlig überzeugt, denn die Plattform des Hügels hat ganz dieselbe Fläche wie der Grundriß des Hauses. Die Teile des Bodens ringsumher, die das Bauholz nicht schützte, sind vom Wind ausgehöhlt worden und bildeten Einsenkungen. Da wohl 3 Meter von der Oberschicht des Lehmbodens weggehobelt worden sind, kann man sich denken, daß ziemlich lange Zeiträume verflossen sein müssen, seit das Dorf verlassen worden ist.
Um Faisullah den Weg nach dem Lager zu zeigen, zündeten wir am Abend einen gewaltigen Scheiterhaufen an. An der Basis des Turmes lagen Massen von Balken und Pfosten, die ihrerzeit einen Rundbau um ihn herum gebildet zu haben scheinen. Aus ihnen wurde ein Scheiterhaufen von riesenhaften Dimensionen aufgetürmt, und es war ein in hohem Grade phantastischer, großartiger Anblick, den alten, grauen Turm in feuerroter Beleuchtung, die die Wirkungen des Mondscheins beinahe ganz aufhob, zu sehen. Einige Leute schürten das Feuer mit langen Stangen, die anderen saßen niedergekauert am Fuße des Turmes. Dicke Rauchwolken und ganze Feuerwerke von Funken flogen nach Südwesten. In einer klaren Nacht mußte ein solches Feuer schon in einer Entfernung von mehreren Tagereisen sichtbar sein. Faisullah wurde auch durch seinen Schein auf den richtigen Weg geführt, nachdem er Li Loje geholfen hatte, die Spur nach der Quelle zu finden.
6. März. Als ich heute aufwachte, waren alle meine fünf Männer verschwunden, und ich mußte sehen, wie ich mit dem Feueranmachen und dem Essenkochen fertig wurde. Wir waren nämlich übereingekommen, daß es am klügsten wäre, wenn wir den ganzen Tag zum Auskundschaften einer besseren Stelle benutzten.
Die Leute sollten radial, jeder in einer anderen Richtung, gehen. Es wurde eine förmliche Treibjagd auf Ruinen, und die Leute interessierten sich so sehr dafür, daß sie viel zu lange aufblieben und sich beim Feuer darüber unterhielten. Sie hatten den ganzen Tag vor sich, und wenn sie sich vor Dunkelwerden nicht wieder einstellten, sollte ich sie mit einem Signalfeuer zurückrufen, dessen Holzstoß sie vor dem Aufbrechen aufzuschichten hatten. Schagdur hatte ich eine detaillierte Marschroute gegeben, die angab, wo der vorjährige Lagerplatz lag und wo die von Ördek gefundenen Ruinen zu suchen sein mußten.
Sonntagsruhe umgab mich auf allen Seiten, als ich erwachte; ich mußte an das Leben in der Laubhütte am Chotan-darja, als die Hirten in den Wald gegangen waren, denken. Ich photographierte mehrere Partien der Dorfruinen, nahm eine Mittagshöhe, beendigte die Planaufnahme und untersuchte die verschiedenen Schichten der Tonablagerungen.
Es waren ihrer sechs von verschiedener Dicke. Auffallend ist, daß einige Schneckenschalen und Pflanzenreste enthalten, andere aber nicht, was verschiedene klimatische Verhältnisse während verschiedener Perioden anzeigt. Vielleicht haben sich die von organischem Leben freien Schichten in salzigem Wasser gebildet. Da sich im alten See Lop-nor Sedimente von 9,6 Meter Dicke haben absetzen können, liegt die Vermutung nahe, daß der Kara-koschun, auch wenn die Ablagerung dort viel unbedeutender ist, eines Tages wird nach Norden zurückwandern müssen. Noch immer ist es derselbe See, der in die Nivellierung des Landes eingreift, aber er führt ein Nomadenleben; bald liegt er im nördlichen, bald im südlichen Teile der Wüste.
Mein Tag verlief in der Einsamkeit still und ruhig. Am Abend kamen die Kundschafter, vom Feuerschein geführt, einer nach dem anderen wieder. Schagdur traf erst um 9 Uhr ein; er war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, die anderen hatten die heißen Stunden gewiß verschlafen. Die Lehmterrassen hatten ihn in der Dunkelheit viele Purzelbäume machen lassen. Die Rinnen zwischen ihnen sehen wie schwarze Gräben aus, man kann ihre Tiefe nicht beurteilen und fällt infolgedessen oft wirklich in den Graben. Schagdur hatte sich daher gerade hinlegen und die Morgendämmerung abwarten wollen, als das Feuer aufgelodert war. Mein prächtiger Kosak hatte so lange gesucht, bis er sowohl das Ruinenlager vom vorigen Jahre wie Ördeks Fundort entdeckt hatte.
Der 7. März sollte zur Untersuchung des letzteren benutzt werden. Um 8 Uhr setzte ich mich mit allen Männern, außer Kutschuk, der für das Signalfeuer sorgen sollte, in Marsch. Schagdur war unser Führer.
Der Weg ging genau südlich von dem Lagerturme vom 3. März, in dessen Nähe wir eine tiefe Einsenkung kreuzten, die einem alten Kanale glich. Ein neues „Tora“ wurde entdeckt. Beinahe in jedem Dorfe der Gegend gibt es einen Lehmturm; hier und dort liegen Balken umher, die von dem Vorhandensein ehemaliger Häuser Kunde geben. Ein solcher Balken hatte 7,8 Meter Länge und 35 × 17 Zentimeter Stärke. Hier sind also in früheren Zeiten ebenso prächtige Pappeln gewachsen wie nur irgendwo in den Urwäldern des Tarim.
Das Terrain, auf welchem wir jetzt wanderten, ist sehr interessant und verdient eine flüchtige Beschreibung. Wir gehen nach Westnordwest und kreuzen alle Lehmterrassen auf und ab im Zickzack. In kleinen Gruppen stehen uralte Pappeln; ihre Gruppierung ist genau dieselbe wie am Kara-köll, am Tschiwillik-köll und an den unteren Armen und Wasserläufen des Tarim. Manchmal stehen sie in Linien, manchmal in Hainen. Wo sie fehlen, haben sichtlich Flußarme gelegen oder Seen sich ausgedehnt, und ihre Gruppierung zeigt den Verlauf der Ufer an. Sonst sind Kamischstoppeln außerordentlich häufig, aber nur 20 Zentimeter hoch. Die Stengel sind so von Staub und Sand durchdrungen, daß sie bei der Berührung wie Ton zerspringen, aber die Blätter, die jedoch seltener noch vorhanden sind, lassen sich noch biegen. Auch das Bauholz ist in dieser Gegend so voll Sand, daß es im Wasser untergeht.
So erreichten wir das Lager vom vorigen Jahre, das an den Kohlenhaufen von unseren Feuern leicht wieder zu erkennen war. Nach ein paar weiteren Kilometern waren wir an Ördeks Fundort. Hier fanden wir 8 Häuser, von denen nur drei so weit erhalten waren, daß ich von ihnen einen Plan aufnehmen konnte. Sie waren angelegt wie ein chinesisches Yamen (Amtslokal): ein Hauptgebäude und zwei große Flügelgebäude. Zwischen ihnen liegt ein viereckiger Hof, den im Südosten ein Plankenzaun mit einer Tür, deren Pfosten noch dalagen, einfriedigt.
Das ziemlich kleine Hauptgebäude ist entschieden ein Buddhatempel gewesen (Abb. 209). Hier war es, wo Ördek seinen Fund gemacht hatte; die Spuren seines Pferdes waren noch in einer Vertiefung zu sehen.
Die mitgenommenen Spaten wurden in den Sand gestochen, und nach einer Weile tauchte Buddha selbst auf, obwohl in wenig schmucker Inkarnation. Das Bild war von Holz und hatte noch Kopf und Arme. Ohne Zweifel war es nur das Gerippe einer tönernen Statue, die in gewöhnlicher Weise geschmückt und bemalt gewesen war.
Die beigefügten Bilder (Abb. 210, 211) geben dem Leser einen klareren Begriff von dem Aussehen der mitgebrachten Schnitzereien als alle Beschreibungen. Auf einige von ihnen will ich jedoch besonders aufmerksam machen. Auf einem Pfosten ist eine ganze Reihe stehender Buddhabilder dargestellt, auf einem anderen eine Reihe sitzender; jedes Bild hat über sich einen Heiligenschein, der einem Rundbogen gleicht. In einem Ornamente kommt zwischen Blättern und Ranken ein Fisch vor; seine Kiemendeckel und Schuppen sind vollkommen deutlich. Der Künstler würde nie auf den Gedanken geraten sein, einen so wenig dekorativen Gegenstand wie den Fisch in seinen Schnitzereien zu verwenden, wenn dieses Tier nicht von besonderer Bedeutung für die Gegend gewesen wäre und eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Bevölkerung gebildet hätte. Es wäre ja sonst höchst unmotiviert, statt der Vögel Fische mit Girlanden und Blättern zu verflechten. Gäbe es nicht andere, unwiderlegliche Beweise dafür, daß die Dörfer am Ufer eines Sees gelegen haben, so könnte man eine dahinzielende Vermutung schon auf Grund des Vorkommens des Fisches in der Ornamentik aufwerfen. So wie das Land jetzt aussieht, wäre der Fisch das letzte Tier, an das man denken würde.
Die Lotosblume bildet in diesen Schnitzereien ebenfalls ein hervortretendes, dankbares Motiv, sowohl in langen Reihen auf ziemlich großen Planken wie auf Scheiben von 50 Quadratzentimeter, die zwischen jene eingefügt gewesen sind.
Noch ein Fund von großer Bedeutung wurde hier gemacht. Schagdur grub mit seinem Spaten Erde auf und durchsuchte diese, wobei ein kleines Holzbrett zum Vorschein kam, das mit Schriftzeichen beschrieben war, die wir nicht lesen konnten. Er achtete nicht darauf, sondern warf das Brettchen als wertlos beiseite, aber durch reinen Zufall nahm ich es auf, weil mir das Holz unglaublich wohlerhalten vorkam. Jeder Buchstabe war scharf und deutlich mit Tusche aufgetragen, aber die Schrift war weder arabisch noch chinesisch, weder mongolisch noch tibetisch. Was hatten diese geheimnisvollen Worte wohl mitzuteilen? Ich nahm das Brettchen und bewahrte es so sorgfältig wie Gold.
Die Belohnung von 10 Sär, die ich dem versprochen hatte, der zuerst etwas Geschriebenes, gleichviel in welcher Gestalt, finden würde, fiel also Schagdur zu (Abb. 212). Nachdem derselbe Preis für den nächsten derartigen Fund versprochen worden war, gruben die Männer mit verdoppeltem Eifer in dem friedlichen Innern des armen Tempels, siebten den Sand durch die Finger und untersuchten jeden Span von beiden Seiten, aber ohne Erfolg. Nur die Schnur eines Rosenkranzes, einige chinesische Kupfermünzen und eine Menge flacher irdener Schalen, die wohl mit Opfergaben vor die Götter gestellt worden waren, kamen zum Vorschein.
Wie anders ist dieses Land jetzt gegen früher! Kein vom Winde verwehtes Blatt, nicht einmal eine Wüstenspinne ist zu sehen; die Skorpione, die verdorrte Pappeln lieben, würden hier vergeblich Schlupfwinkel suchen. Der Wind ist die einzige Kraft, die in diesem erstarrten, totenstillen Reiche Geräusch und Bewegung verursacht. Man würde hier nicht eine ganze Woche bleiben können, wenn man nicht, wie wir, Verbindung mit einer Quelle hätte.
Daß der kleine Tempel ein vollendetes Kunstwerk gewesen, geht aus all den kleinen und großen Schnitzereien, die wir ausgruben, deutlich hervor. Zu einem Ganzen zusammengefügt, haben sie mit ihren geschmackvoll und mühsam geschnitzten Ornamenten eine wahre Augenweide gebildet.
Und welch herrlicher Aufenthaltsort muß es gewesen sein, als der Tempel noch mit seiner zierlichen, wahrscheinlich ebenfalls bemalten Fassade prunkte und auf mehreren Seiten von dichtbelaubten Pappelhainen umgeben war, die nur durch Seebuchten, Kamischfelder und von gewundenen Kanälen bewässerte Äcker voneinander getrennt waren! Hier und dort lagen Dörfer zerstreut, und ihre Lehmtürme oder „Pao-tai“ waren hoch genug, um sich über den Wald zu erheben, damit sie mit ihren Signalfeuern in Kriegsgefahr von den Nachbardörfern aus gesehen werden konnten und die große Heerstraße, die hier vorbeiführte, anzeigten. Im Süden dehnte sich der gewaltige blaugrüne Wasserspiegel des Lop-nor aus, umrahmt von Hainen und mächtigen Schilf- und Binsenfeldern und reich an Fischen, Wildenten und Gänsen. Im Hintergrunde, gegen Norden, zeichnete sich wie jetzt bei klarem Wetter der Kurruk-tag ab, in welchem die hiesige Bevölkerung alle Quellen und Oasen, durch die früher sicherlich ein Weg nach Turfan führte, gekannt haben wird.
Wir Pilger einer späteren Zeit fühlten sofort, daß wir uns in einer Gegend befanden, die schöner und herrlicher als vielleicht irgendeine in dem heutigen Ostturkestan gewesen war. So künstlerisch und geschmackvoll verzierte Häuser gibt es jetzt in diesem Teile Asiens nicht, und das dichte, leuchtende Grün ließ die Architektur noch wirkungsvoller hervortreten.
Und jetzt! Nur unzählige Grabmale nach all dieser Herrlichkeit! Und warum? Weil der Fluß, der Tarim, sich ein anderes Bett grub und sein Wasser nach Süden schickte, um neue Seen zu bilden. Der alte See trocknete schnell aus, vielleicht schon in wenigen Jahren, der Wald und das Schilf lebten noch ziemlich lange von der Feuchtigkeit des Bodens, dann aber siechten auch sie allmählich dahin, wobei die Bäume, welche die längsten Wurzeln hatten, am zähesten waren; aber schließlich waren auch sie zum Tode verurteilt. Jetzt ist alles ein großer Friedhof, in welchem man jedoch auf den Grabinschriften von einer früheren, üppigen Vegetationsperiode liest.
Als wir, mit der Ernte des Tages zufrieden, mit dem Graben aufhörten, näherte sich die Sonne dem Horizont, und wir brachen auf. Der Wind erhob sich, der östliche Horizont war grau und düster, der Nebel verdichtete sich, ein heftiger Sturm schien im Anzug zu sein, und wir beschleunigten unsere Schritte, um das Lager noch vor Dunkelheit zu erreichen. Endlich tauchte der westliche Lagerturm auf, und nun mußten wir unseren Weg im Staubnebel selbst finden können. Der Wind fegte Sand- und Staubmassen durch die Rinnen; sie eilten vorwärts wie Wasser in seinem Bette, man glaubte förmlich zu sehen, wie der Wind an den Seiten und Rändern der Rinnen feilte, und man kann sich denken, welch kräftigen Bundesgenossen er in dem Flugsande hat, der das leicht zerstörbare Tonmaterial wie Sandpapier zerreibt.
In der Dämmerung erblickten wir den Schein von Kutschuks Signalfeuer, dessen Flammen immer höher aufloderten. Wir waren rechtzeitig zu Hause, ziemlich ermüdet von einem Spaziergange von 28 Kilometer, doch weniger von der Länge des Weges als von dem beschwerlichen Terrain. Wenn man den ganzen Tag hat dursten müssen, schmeckt ein großer Becher auf Eis gekühlten Wassers mit Zitronensäure und Zucker gar zu gut!
Am 8. durften alle ausschlafen. Der Buran war stärker geworden, die Luft war mit Staub gesättigt; heute wäre es unmöglich gewesen, die Tempelruine zu finden.
Durch die versprochenen Belohnungen angespornt, arbeiteten die Leute um das Lager herum mit ihren Spaten aus Leibeskräften, und jetzt sollten ihre Anstrengungen von einem Erfolg gekrönt werden, von dem ich kaum zu träumen gewagt hätte. Vergeblich hatten sie den Sand in vielen verlassenen Holzgebäuden untersucht, als sie ihre Aufmerksamkeit einem aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln erbauten Hause zuwandten, das einem Stalle mit drei Ständen glich (Abb. 213). Jedenfalls sah es im ganzen Dorfe am wenigsten verheißungsvoll aus. Aber gerade hier, in dem, von vorn gesehen, rechten Stande, fand Mollah einen kleinen zerknitterten Papierfetzen mit mehreren ganz deutlichen chinesischen Schriftzeichen.
Es ist nicht zuviel gesagt, daß der Inhalt dieses Standes nun buchstäblich durchgesiebt wurde. Zwei Fuß tief, unter Sand und Staub, stießen wir auf etwas, das ich einfach einen Kehrichthaufen oder eine Unratbucht nennen möchte, das aber diverse schöne Raritäten enthielt. Dort fanden wir Lumpen von Teppichen und Schuhzeug, Schafknochen, Körner und Stroh von Weizen und Reis, eine Menge Rückenwirbel von Fischen und unter all diesem Trödel — wohl ein paar hundert beschriebene Papierstücke nebst 42 Holzstäben, die der Form nach schmalen Linealen glichen und ebenfalls mit Schriftzeichen bedeckt waren.
Dieser Fund war ein Triumph. Sollte es übertrieben sein, ein so starkes Wort da zu gebrauchen, wo es sich nur um alte Papierblätter handelt? Nein, durchaus nicht! Ich sah voraus, daß diese Blätter ein kleines Stück Weltgeschichte enthalten und mir den Schlüssel zur Lösung des ganzen Lop-nor-Problems schenken würden. Die rein geographischen und geologischen Untersuchungen enthüllten wohl deutlich genug Tatsachen; sie zeigten, daß das Land früher so und so ausgesehen haben muß; hier in der Wüste hatte ja ein großer See sein Bett gehabt, und hier in den Ruinen hatten Menschen gewohnt.
Doch die Bruchstücke der Dokumente würden meinen mühsamen Untersuchungen Schwarz auf Weiß ihr Schlußzeugnis geben; sie würden den Stempel auf diese ganze Arbeit drücken, die seit Jahren Gegenstand meiner Arbeit und meiner Studien gewesen; sie würden erzählen, wann dieser See existierte und welche Menschen hier wohnten, unter welchen Verhältnissen sie lebten, mit welchen Teilen Innerasiens sie in Verbindung standen, ja vielleicht sogar, welchen Namen ihr Land führte. Dieses Land, das sozusagen vom Erdboden vertilgt worden ist, diese Menschen, deren Geschichte längst der Vergessenheit anheimgefallen und deren Geschicke vielleicht nicht einmal Annalen anvertraut worden sind, alles dieses würde, so hoffte ich, jetzt wieder ans Tageslicht gezogen werden. Ich stand vor einer Vergangenheit, die ich wieder ins Leben rufen würde. Wäre es auch nur ein kleines Volk, ein unbedeutender Staat gewesen, was machte das aus? Es war doch immer eine Lücke im menschlichen Wissen, die jetzt ausgefüllt werden würde.
Die Muselmänner hofften wie gewöhnlich Gold zu finden, aber ich hätte die zerrissenen, schmutzigen Brieffragmente nicht gegen große Schätze vertauscht.
Daß dies wirklich ein Kehrichtloch gewesen, ging daraus hervor, daß der Raum viel zu klein war, um als Zimmer habe dienen zu können, und daß alle Papiere nur Bruchstücke waren; sie waren zerrissen und fortgeworfen worden. Infolge dieses Umstandes hoffte ich auch, daß es lauter Lokalbriefe gewesen, deren Inhalt sich ausschließlich um die an diesem Orte herrschenden Verhältnisse drehen und für meine Studien von viel größerem Interesse sein würde als Folianten, die aus einer anderen Gegend stammten. —
Nach meiner Rückkehr nach Europa übergab ich dieses ganze Material dem gelehrten Sinologen Karl Himly in Wiesbaden, der es jetzt in Arbeit hat und seinerzeit eine besondere Abhandlung darüber veröffentlichen wird. Er machte schon bei der ersten Durchsicht mehrere interessante Entdeckungen und schrieb mir darüber unter anderem:
„Die vorhandenen Zeitangaben bewegen sich zwischen der Mitte des dritten und dem Anfange des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Der Fundort scheint einem wohlhabenden chinesischen Kaufmanne gehört zu haben, der allerlei Lieferungen besorgt, Wagen und Lasttiere vermietet und die Beförderung von Briefen nach Tun-huang (Scha-tschôu) und dergleichen übernommen hat. Zu den Reisen nach dieser Stadt wurden Pferde, Wagen und Rinder benutzt. Einmal scheint von einem Feldzug die Rede zu sein, doch ohne Angabe der Zeit. Unter den Ortsnamen finden wir auch den, der das Land, um das es sich hier handelt, bezeichnet hat: Lôu-lan. Die Bewohner müssen auch Ackerbau getrieben haben, denn in den Briefen ist sehr oft die Rede von Getreidemaßen, wobei auch zuweilen die Getreideart angegeben ist. Vielleicht hat an der Stelle, wo die Schriftstücke ausgegraben worden sind, ein altes Steuereinnehmerhaus oder eine Art Getreidebank, wo Korn aufgekauft oder als Pfand angenommen worden ist, gestanden. Eigentümlich ist das Papier, das manchmal auf beiden Seiten beschrieben ist, was jetzt in China weder beim Schreiben noch im Druck üblich ist.
„Jedenfalls ist die mitgebrachte Sammlung, die auch für die Chinesen von großem Interesse ist, derart, daß sie noch lange das Interesse der Männer der Wissenschaft in Anspruch nehmen wird.
„Einige Blätter enthalten nur Schreibübungen, andere sind abgebrochene Sätze, aber die Abweichungen von der jetzigen Schrift sind im ganzen nicht groß. Die Stäbe haben den Vorteil vor den Papierblättern, daß sie einen oder mehrere Sätze, die abgeschlossen sind, enthalten, z. B., daß eine Antilope geliefert, so und soviel Korn abgegeben worden, so und soviele Menschen für einen Monat oder länger mit Lebensmitteln versorgt worden sind.
„Der Beamte, der hier residiert hat, scheint eine nicht unbedeutende Provinz verwaltet zu haben, was aus folgendem Satze zu schließen ist: «Von dem angelangten Kriegsheere sind 40 Beamte an der Grenze (oder dem Ufer?) zu empfangen, und die Höfe sind zahlreich.» Er scheint auch zwei eingeborene Fürsten neben sich gehabt zu haben.
„Die meisten Zeitangaben sind aus den Jahren 264–270 n. Chr. Im Jahre 265 starb Kaiser Yüan Ti aus dem Hause Wei, und im Norden folgte die Tsin-Herrschaft unter Wu-Ti, der bis zum Jahre 290 regierte.
„Von den leserlichen Kupfermünzen sind die meisten sogenannte Wu-tschu-Stücke. Diese Prägung war während der Periode von 118 v. Chr. bis 581 n. Chr. in Gebrauch. Ferner sind darunter zahlreiche Huo-thsüan-Münzen, die auf Wang-Mang zurückgehen, der zwischen den Jahren 9 und 23 n. Chr. die Macht in Händen hatte. Die Bezeichnungen der gefundenen Münzen widersprechen also den Zeitangaben der Papierfetzen und Stäbe nicht.“
Schon diese vorläufigen Mitteilungen zeigen, welch wichtige Aufklärungen man von der von mir mitgebrachten Sammlung erwarten kann. Sie bringen ein neues Licht in die politische und physische Geographie des innersten Asien während der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt und zeigen, welch ungeheure Veränderungen dieser Teil der Welt in 1600 Jahren erlitten hat.
Der Name Lôu-lan kommt bei dem im 12. Jahrhundert lebenden arabischen Geographen Idrisi vor, und ein gelehrter Mandarin in Kaschgar, dem ich die Manuskripte zeigte, sagte mir, daß das Land um das jetzige Pitschan bei Turfan in alten Zeiten Lôu-lan geheißen habe. Im Verein mit den physikalisch-geographischen Untersuchungen, die ich in bezug auf die Wanderungen des Lop-nor-Sees ausführte, sind diese historischen Daten von unschätzbarem Wert. Sie geben nicht nur über das Land Lôu-lan am Nordufer des früheren Lopsees Auskunft, sondern verbreiten auch Licht über viele andere ungelöste Probleme in dieser Gegend, die auf halbem Wege zwischen China und dem Abendland liegt. Sie erzählen von regelmäßiger Post zwischen dem Lop-nor und Scha-tschôu, also von einer regelrechten Verbindungsstraße durch die Wüste Gobi. Der alte Weg von Korla längs des Ufers des Kontsche-darja, wo ich das vorige Mal eine ganze Reihe von Lehmtürmen (Pao-tai) und Festungen fand, erhält jetzt eine ganz andere Beleuchtung. Ich habe im ersten Bande S. 205–207 von den Ruinen in Jing-pen gesprochen — auch sie waren ganz gewiß eine wichtige Station auf dem alten Wege.
Daß in Lôu-lan Ackerbau hat getrieben werden können, ist von großem Interesse. Wie ist dies möglich gewesen? Vom Kurruk-tag kommt kein Bach, vom Himmel kein Tropfen Wasser. Das Klima wird sich verändert haben, sagt vielleicht jemand. Nein, durchaus nicht! Im Herzen eines Kontinents pflegt das Klima in anderthalb Jahrtausenden nicht solch kolossale Veränderungen zu erleiden. Kanäle müssen vom Flusse, dem Tarim oder Kum-darja, abgeleitet worden sein, Bewässerungskanäle von derselben Art wie überall in Ostturkestan. Getreidebanken gibt es noch jetzt in allen Städten Ostturkestans; sie stehen unter der Kontrolle der chinesischen Behörden und dienen zur gleichmäßigen Verteilung des Brotes unter die Eingeborenen. Ich fand allerdings nur 4 Dörfer, von denen das größte 19 Häuser hatte, aber es können noch mehr Ruinen in der Wüste liegen. Und wenn von Kriegsheeren, 40 Beamten und zahlreichen Höfen die Rede ist, hat man Grund, anzunehmen, daß Lôu-lan reich bevölkert gewesen ist. Die von uns gefundenen Ruinen würden dann von Amtslokalen und vornehmeren Wohnungen herrühren, und es ist ja auch wahrscheinlich, daß diese bei den Türmen gelegen haben, während die Hütten der Fischerbevölkerung an den Ufern lagen und natürlich in viel kürzerer Zeit zerstört worden sind.
9. März. Noch ein Tag blieb uns an diesem, ich hätte beinahe gesagt, heiligen alten Orte — jedenfalls einem Ort, an dem man von feierlicher Schwermut über die Vergänglichkeit alles Irdischen erfüllt wird und vor der Tatsache steht, daß Städte und Stämme von der Zeit wie Spreu vor dem Winde vom Erdboden verweht werden.
Als ich aufstand, waren die Leute schon ein paar Stunden bei der Arbeit gewesen und brachten nun ihre Funde in meine Jurte (Abb. 214). Diese bestanden wie gestern aus Papierfetzen und Holzstäben, alle aus dem nordöstlichen Stande des Lehmhauses; in den beiden anderen wurde nichts gefunden. Fischgräten, Skeletteile von Haustieren, unter anderen von Schweinen, Lumpen, einige Pinselstiele, eine Peitsche, das Skelett einer Ratte und diverse andere Raritäten kamen auch zum Vorschein. Ein völlig unbeschädigter roter Tonkrug wurde ausgegraben (Abb. 215). Er war 70 Zentimeter hoch und 65 Zentimeter breit und besaß keine Henkel. Wahrscheinlich ist er in einem Weidenkorbe mit Henkel, der in der Nähe lag, getragen worden. Scherben von derartigen Gefäßen sind außerordentlich häufig.
Nachmittags kam die Karawane von der Quelle. Die Pferde sahen kümmerlich aus, aber die Kamele waren fett geworden. Sie trugen 10 Tagare und 11 Tulume Eis, welcher Vorrat ziemlich lange reichen würde.