Elftes Kapitel.
In Schneesturm über den Arka-tag.

Am 22. Juni wurde ich in aller Frühe geweckt. Obwohl der Morgen kalt und unfreundlich und die Jurte nur schwach erwärmt war, ging es mit dem Ankleiden gut, und es dauerte nicht länger als gewöhnlich, bis die Karawane marschfertig war. Heute, da das Erstürmen der Höhen des Arka-tag versucht werden mußte, sollte die ganze Karawane beisammenbleiben. Der Himmel sah nicht sehr verheißungsvoll aus, als der lange Zug sich langsam nach dem Passe hinauf zu bewegen begann.

Kaum einen Steinwurf vom Lager entfernt, legte sich eines der schwachen Kamele nieder. Die Last wurde ihm abgenommen, es stand auf und ging noch eine Strecke weit, sank dann aber kraftlos an einem Abhange nieder und war offenbar verloren. Mit einem Schnitte öffnete das Messer den Abfluß für einen schwarzen dicken Blutstrahl, der allmählich ein höchst eigentümliches Aussehen annahm. Stoßweise kam aus der Wunde weißer, Schlagsahne gleichender Schaum, unter diesem aber bildete das Blut ein Bächlein. Das Kamel lag ganz still und schien sich über die Erlösung zu freuen. —

Weiter ging es, das ziemlich wasserreiche Tal hinauf. Jetzt brach eines der fürchterlichsten Unwetter los, das ich je in Tibet erlebt habe. Es kam mit nordwestlichem Winde heran und schüttete Massen von Schnee und Hagel über uns aus. Der Schnee taute auf den Kleidern auf, und man wurde durch und durch naß; man wurde steif vor Kälte und suchte sich vergebens gegen den schneidenden Wind zu schützen. Die Steigung war unbedeutend, aber auf dieser Höhe und bei diesem Wetter dennoch vernichtend. Ein Kamel nach dem anderen blieb erschöpft stehen und wollte keinen Schritt weiter; sie wurden abgekoppelt und mit einem Wächter zurückgelassen. Zwei ließen wir mit ihren Lasten liegen, um sie später zu holen, den anderen mußten die Pferde tragen helfen.

Bei dem undurchdringlichen Schneegestöber sieht man von der Gegend keine Spur. Als die Sonne auf ihrer Mittagshöhe stand, herrschte Halbdunkel, und es schneite ununterbrochen. Der Schnee deckt alles zu, nur der Fluß bildet ein dunkles, gewundenes Band, und sein Rauschen klingt metallisch in der verdünnten Luft. Ich beuge mich vornüber im Sattel, um mein Kartenblatt, das schon durchnäßt ist, zu retten. Wohin es geht und wie es geht, weiß ich nicht; ich folge nur der nächsten Karawanenglocke. Langsam wie Schnecken kriechen wir nach diesem unheimlichen Passe hinauf, während der Weg allmählich immer steiler wird. Von Zeit zu Zeit durchschneidet ein Brüllen die Luft, und es erschallt der Ruf: „Tuga kalldi“ (ein Kamel ist stehengeblieben). Ein Mann erbarmt sich des müden Tiers und führt es langsam den anderen nach; bald ist er uns aus den Augen entschwunden.

Die Schneedecke wurde immer höher. Ich ritt mit dem Lama voran, um zu sehen, ob der Paß überhaupt den Übergang gestattete. An und für sich war er nicht schwer zu überschreiten; aber die große absolute Höhe und der Schnee! In unsere Mäntel gehüllt, saßen wir, auf die anderen wartend, auf dem Passe und suchten den Schutz, den uns die Pferde gewähren konnten. Der Sturm schlägt uns mit seinen feinen, scharfen Schneenadeln ins Gesicht; man zittert vor Kälte und ringt nach Luft auf dieser Höhe von 5189 Meter! Wir hörten das schwermütige Läuten der Glocken und das Rufen der Leute durch das hier oben mit verdoppelter Kraft rasende Unwetter, aber es dauerte lange, bis die ersten Ankommenden, Gespenstern gleich, zwischen wahren Wolkensäulen von wirbelndem Schnee erschienen.

Gott sei Dank, dachte ich, als ich wenigstens 30 von den 34 Kamelen, die es nach meiner Rechnung sein mußten, gezählt hatte. Zwei waren nicht mehr bis an den letzten Paßabhang gekommen, zwei waren dicht vor dem Passe zusammengebrochen. Unter den fehlenden waren auch das älteste Junge und seine Mutter; immerhin war es noch ein Glück, daß sie miteinander in den Tod gingen. Die Pferde bestanden die Probe ohne Schwierigkeit, und den Mauleseln machte es gar nichts aus. Sogar die Schafe fanden sich gut damit ab.

Die Südseite des Arka-tag dachte sich sehr allmählich ab, und wir durchschritten hier einen großen, offenen Kessel, der auf allen Seiten von verhältnismäßig niedrigen Bergen umgeben war. Das Erdreich aber war abscheulich. Der frischgefallene Schnee hatte sich in Schneeschlamm verwandelt, der bei jedem Schritt klatschte und den Fuß förmlich festsog. Große Umwege wurden gemacht, um die tückischsten Stellen zu umgehen. Es ist gar nicht daran zu denken, in solch einer Suppe zu lagern; Kamele und Kisten würden einsinken und so fest im Schlamme stecken, daß man sie überhaupt nicht wieder herausbekäme.

Noch als die Dämmerung schon einbrach, waren diese unheimlichen weißgekleideten Bergrücken Zeugen unseres mühevollen Zuges. Wir suchten jetzt nur nach einem trockenen Flecke, auf dem unser Lager Platz finden konnte; an Weide und Brennholz dachte keiner, das wäre zuviel verlangt gewesen. Endlich erreichten wir einen Kiesabhang, der die Nässe einsickern ließ; hier wurde gelagert.

Turdu Bai und mehrere der Leute fehlten noch und kamen erst gegen 10 Uhr an, nachdem sie die vier Kamele im Stiche gelassen hatten. Doch am 23. Juni kehrten sie bei Tagesanbruch mit einigen Pferden wieder zu ihnen zurück, um zu versuchen, ob sie sich nicht retten ließen, oder um wenigstens ihre Lasten und das Stroh der Packsättel zu bergen. Leider war es mit dieser Hoffnung nichts; die Tiere waren nicht mehr zu retten und mußten getötet werden. Wir verlassen sie nie, bevor es ganz feststeht, daß es mit ihnen zu Ende geht, und dann befreit sie das Messer von ihren Leiden. Ein warmer Blutstrahl schmilzt den Schnee zwischen den Steinen, auf denen ihr Gebein bleichen wird. Eines der Kamele war schon verendet und lag kalt und steif im Tale.

An diesem einen Tage hatten wir also fünf Kamele verloren, der größte Verlust an Tieren, den ich je erlitten habe, nicht einmal die Wüste Takla-makan ausgenommen! Die Kerntruppe der Karawane hatte sich um ein Siebentel verkleinert, und die Lasten werden jetzt den überlebenden Tieren zu schwer werden. Ich ließ diese Mehl und Mais fressen, soviel sie nur konnten, und auch die Pferde durften nach Herzenslust fressen. Wir legten nur noch 11 Kilometer zurück. Die Hauptsache war jetzt, einen leidlichen Lagerplatz zu finden, wo wir die Tiere nach ihren Strapazen aufatmen lassen konnten. Als wir daher über eine kleine Wasserscheide mit zwei zugefrorenen kleinen Seen gegangen waren und südlich davon am Ufer eines Baches einige kümmerliche Grasbüschel fanden, machten wir Halt. Einer von den übrigen Todeskandidaten unter unseren Kamelen kam nur noch mit Mühe bis an diesen Platz. Eins der Pferde, das fett und gesund aussah, starb ganz plötzlich im Lager. Jetzt begann der Abschnitt der Reise, währenddessen kaum ein Tag verging, ohne daß wir ein Grab hinter uns zurückließen. Von den Skeletten geführt, könnte man dem Wege der Karawane folgen; ein trauriger Weg, dessen Meilensteine Gerippe sind! Die Kamele pflegen, wie ich oft gesehen habe, zu weinen, wenn sie den Tod herannahen fühlen und das Blut in ihren Adern zu erstarren beginnt.

Jetzt durften wir uns endlich guten Wetters erfreuen. Die Sonne schien ordentlich warm, und alles trocknete von der Nässe auf dem Arka-tag. Hierdurch verringert sich das Gewicht der Lasten nicht wenig. Der Morgen des Johannistages war klar, aber vollständig winterlich. Sobald ich mein Frühstück und meinen heißen Tee erhalten hatte, inspizierte ich die Karawane. Heute wurde gemeldet, daß Hamra Kul, der Pferdeaufseher, ernstlich erkrankt sei. Er saß in seinem Zelte, sah elend aus und hatte überall Schmerzen; er erhielt Chinin und ein Reitpferd. Den Tag vorher hatten nämlich alle Muselmänner zu Fuß gehen müssen, weil die Pferde für die Lasten der gefallenen Kamele gebraucht wurden.

Dann ging es zu meinem prächtigen Reitpferd, das kaum auf seinen zitternden Beinen stehen konnte. Der Lama, der neben seiner Priesterwürde auch Arzt von Beruf war und eine ganze Kiste mehr oder weniger wirksamer Drogen aus Lhasa bei sich hatte, nahm sich seiner an und wollte dafür einstehen, daß er wieder Leben in das Tier bringen würde. Er öffnete ihm an beiden Vorderfüßen die Adern, so daß das dunkle Blut herausströmte. Dann verband er die Wunden, und das Pferd folgte uns mit stolpernden Schritten und erreichte abends das Lager. Mehrere Kamele waren elend, alle waren erschöpft, und einige gingen ohne Lasten. Man fühlt, daß der Tod die Karawane begleitet, sich seine Opfer auswählt und sie niederstreckt, und man fragt sich nur, an wen das nächste Mal die Reihe kommen wird. Die Hoffnung, in einigen Wochen wieder in günstigere, wärmere, grasreichere Gegenden zu gelangen, hielt uns jedoch aufrecht.

Der Johannistag verlief übrigens noch glücklich genug. Das Terrain legte uns keine Hindernisse in den Weg, und wir marschierten südwärts in einer Zickzacklinie, um die zahllosen kleinen Süßwasserseen und Tümpel, die das Hügelland kennzeichnen, zu umgehen. Die Seen sind gewöhnlich zugefroren. Dann aber erhob sich vor uns wieder eine nicht unbedeutende Kette, die bisher von den Hügeln verdeckt worden war. Turdu Bai, der stets an der Spitze ritt, wollte sie auf dem ersten besten Passe überschreiten, ich zog es aber vor, nach Westnordwesten in ein mächtiges Tal hineinzugehen, das sich in dieser Richtung hinzog. Beim ersten Weideplatz schlugen wir unser Quartier für die Nacht auf und wurden dabei mit einem schmetternden Hagelschauer traktiert.

Die erste Sorge im Lager ist das Untersuchen und Gruppieren der Tiere. Die gesunden dürfen frei umherlaufen, die schwachen müssen bei den Zelten bleiben. Der Lama ließ meinem Reitpferd noch einmal zur Ader und gab ihm darauf ein langdauerndes, eiskaltes Fußbad im nächsten Bache. Diese „Pferdekur“ muß doch heilsam gewesen sein, denn das Tier wurde sichtlich besser, graste eine Weile mit gutem Appetit und knabberte dann seine Maiskörner, wobei ihm die Augen vor Freude und Wohlbehagen leuchteten. Da wir sechs ganze Kamellasten Reis hatten, wurde beschlossen, unter den Mais für die Tiere künftig auch Reis zu mengen, um ihre Kräfte dadurch zu stärken und aufrechtzuerhalten, bis wir Gegenden mit frischem grünem Grase erreichten, und auch um die Lasten zu erleichtern. So verging dieser Johannistag glücklich und gut und ohne Verlust eines einzigen Lebens.

Ich war jetzt gerade zwei Jahre unterwegs und konnte dankbar und befriedigt auf die ausgeführte Arbeit zurückblicken.

25. Juni. Jetzt haben wir lange kein Brennmaterial gefunden, und die Saumleitern sind in demselben Verhältnis draufgegangen wie die Kamele. Ohne ein kleines Kohlenbecken in meinem Zelte kann ich nicht arbeiten. Die Morgen sind recht kalt, und die Nachttemperatur sinkt gewöhnlich unter Null herab, so daß die Erde ein paar Stunden gefroren bleibt, dann taut sie wieder auf.

Unsere Richtung führt jetzt fast ganz nach Westen, denn wir folgen noch immer dem Längentale, das mit dem Südfuße des Arka-tag parallel läuft. Wir legten nur 19,1 Kilometer zurück. Mein erstes Ziel ist der See, an dem wir am 28. und 29. September 1900 gelagert und bei dem ich damals eine astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, an die ich jetzt die neue Observationskette anknüpfen wollte.

Der Marsch war einförmig, wie er es in diesen breiten, leblosen, sterilen Haupttälern zu sein pflegt, wo eine Tierfährte eine außerordentliche Seltenheit ist. Es erweckte förmliches Aufsehen, als wir einmal entdeckten, daß eine Orongoantilope quer durch das Tal gelaufen war. Das Terrain ist stark wellenförmig, und die Aussicht nach vornhin erstreckt sich nicht sehr weit. Man geht einem die Aussicht versperrenden Landrücken entgegen, auf welchem der Führer und sein Pferd sich wie ein scharfer Schattenriß vom Himmel abheben, und man glaubt und hofft, daß der Mann dort ein endloses Panorama überblicken könne; doch man irrt sich, denn von dem Hügel sieht man nur ganz in der Nähe wieder einen solchen Landrücken. So geht es den ganzen Tag, bis wir endlich an einem ganz kleinen See rasten. Seine Fläche ist mit Eis bedeckt, an den Ufern aber ist offenes Wasser.

In der Dämmerung inspiziere ich wieder das Lager. Jetzt kommt es nie mehr vor, daß sich alle wohl fühlen. Hamra Kul ist wieder gesund, dafür aber hat jetzt Rosi Mollah, der Priester, Rachenkatarrh, und der alte Kameltreiber Muhammed Turdu klagt über Brustschmerzen. Beide bekommen Medizin, die dank ihrer eigenen Einbildungskraft auch hilft, und sind von allen Arbeiten befreit, bis sie wieder gesund sind. Mehrere von den anderen klagen über Kopfweh, weshalb sie je ein Antipyrinpulver nehmen müssen und damit getröstet werden, daß in diesen höheren Regionen niemand einem Anfalle von Bergkrankheit (Tutek) entgehen könne; ich selbst fühle jedoch keine Spur davon.

Mein Pferd ist entschieden außer jeder Gefahr, wird aber bis auf weiteres noch nicht zur Arbeit benutzt. Mehrere Kamele sind jämmerlich mager. Die zwei kleinen Füllen saugen und zerren an den Eutern ihrer Mütter, werden aber bei weitem nicht satt. Darum haben sie Weizensemmel fressen lernen müssen, die sie delikat finden und hinunterschlucken, aber man muß sie ihnen auch ins Maul stecken!

26. Juni. Heute herrschte ein höchst eigentümliches Wetter. Der Morgen war strahlend schön und die Luft sommerlich warm, aber schon früh erhob sich ein so außerordentlich heftiger Westwind, daß wir, die wir ihm gerade entgegenritten, nach Atem rangen und uns möglichst hinter denjenigen Kamelen hielten, die die höchsten Lasten trugen. Sich durch einen solchen Sturm durchzuarbeiten, strengt die Tiere, die es in der verdünnten Luft schon ohnehin schwer genug haben, noch mehr an. Man kann hier von einem Westpassate reden, so beständig scheint die Windrichtung zu sein. Als wir endlich unser Lager Nr. 61 vom vorigen Herbste erreichten, herrschte dort derselbe heftige Wind wie damals; Sand und Staub wirbelten in der Luft, und Zelte und Jurten drohten, zerfetzt und von den unglaublich gewaltsamen Windstößen fortgeweht zu werden.

Das heutige Lager, Nr. 24, fällt mit Nr. 61 vom vorigen Jahre zusammen, und ich gewann einen unschätzbaren Kontrollpunkt für die Karte. Von unserem früheren Besuche zeugten nur noch von den Feuern übriggebliebene Kohlen- und Aschespuren. Wir lagerten auf derselben Stelle am linken Ufer des kleinen Baches.

Der größere Teil des Sees war noch mit einer porösen Eisschicht bedeckt. Erst Mitte Juli wird der See wieder offen sein, aber nur, um Anfang November von neuem zuzufrieren. Die Eisverhältnisse sind natürlich bei den verschiedenen Seen sehr verschieden und richten sich nach dem Salzgehalt, der Größe und der mehr oder weniger geschützten Lage der Seen. Die kleinen Süßwassertümpel in der Nähe des Arka-tag sind den größten Teil des Jahres über zugefroren.

Heute herrschte jedoch Sommerwetter, und um 1 Uhr stieg die Temperatur trotz des heftigen Windes beinahe auf +20°. Es war ein warmer Luftstrom, ein richtiger Föhn, der über diese kalten, hohen Regionen hinfuhr; ein Sommerwind über einen zugefrorenen See.

225. Unser Lager in Jiggdelik-tokai. (S. 105.)
226. Der Tscharchlik-su bei der letzten, scharfen Durchbruchsbiegung. (S. 105.)

Während des Rasttages, den wir hier verlebten, hatte ich glücklicherweise Gelegenheit, eine Ortsbestimmung zu machen. Sirkin und Turdu Bai rekognoszierten das Land nach Westen hin und fanden dort keine Hindernisse auf unserem Wege. Um diesen wichtigen Knotenpunkt zu fixieren und deutlich zu bezeichnen, errichteten die Kosaken einen doppelten Steinhaufen von Schieferplatten, in welche Sirkin und Schagdur ihren Namen einmeißelten, während der Lama sein ewiges „Om mani padme hum“ in eine große Scheibe einritzte (Abb. 235). Dieser Obo steht auf einem Hügel am rechten Ufer und ist leicht zu finden, wenn später einmal ein Reisender seine Schritte nach dieser Gegend lenken sollte. Meine Karte ist überdies so detailliert, daß man mit ihrer Hilfe auf unseren Lagerplatz direkt wird zugehen können. Die Muselmänner wollten auch nicht zurückstehen und errichteten ihre eigene Steinpyramide; ein gewisser Ehrgeiz trieb sie an, diese höher aufzutürmen, als der „heidnische“ Obo war.

Am 28. Juni zogen wir längs des Ufers weiter. Es war wirklich herzerquickend, daß man heute nicht nötig hatte, die Kamele steile Abhänge hinaufkeuchen zu sehen; sie gingen ruhig auf dem festen ebenen Kiesufer. Im Südwesten kamen wir an noch einen See, dessen Ostufer uns zwang, nach Südosten abzubiegen. Meine Absicht war jetzt, noch eine Zeitlang möglichst nach Südwesten zu ziehen, um die schwer passierbaren Berggegenden, die wir von der vorjährigen Reise her kannten, zu vermeiden.

Der neue See, an dessen Ufer das Lager Nr. 25 aufgeschlagen wurde, war ebenfalls mit ziemlich dickem Eise bedeckt.

Am 29. Juni marschierten wir ganze 27 Kilometer. Anfangs ging es nach einem niedrigen Passe hinauf, der, wie die ganze Gegend, schneefrei war. Von hier hatten wir nach Süden hin die herrlichste Aussicht über ein neues, breites und flaches Längental, das sich in ostwestlicher Richtung hinzog und reich an Seen war. Der größte von diesen lag im Südwesten; daß er salzig war, konnten wir daraus schließen, daß er völlig eisfrei war. Auf seinem Südufer erhoben sich feuerrote, weich abgerundete Hügel, deren grelle Farbe sich ebenso scharf von der sonst einförmig grauen Landschaft abhob wie der herrliche, rein marineblaue Wasserspiegel des Sees. Im Südosten und Süden zeigten sich drei dominierende Schneegipfel.

Jetzt handelte es sich nur darum, Wasser zu finden. In dem nach dem See hinunterführenden Tale floß ein Bach, der aber salzig war, und auf dem Westufer des Sees gab es keine Quellen. Eine Strecke weiter entdeckte Schagdur, der vorausritt, einen Fluß, an dem wir inmitten kärglicher Weide rasteten. Wie meistens in den offenen Tälern machte sich der Westpassat mit aller Kraft geltend. Ein Blatt aus meinem Notizbuche löste sich und flatterte im Winde dem nahegelegenen See zu, aber der Lama setzte sein Pferd in scharfen Trab und fing das Blatt im letzten Augenblicke noch glücklich auf. Bei Sonnenuntergang herrschte vollkommene Windstille; aber um 8 Uhr tobte ein Nordsturm von 17 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde! Sein klagendes Geheul übertönte alle anderen Laute und wurde nur gelegentlich von dem Geschrei der Männer durchdrungen, wenn sich etwas gelöst hatte und fortfliegen wollte.

Erst gegen Morgen legte sich der Sturm, und der neue Tag brach klar und schön an, obwohl der Passat noch ununterbrochen aus Südwest wehte. Ohne allzu große Anstrengungen überwanden wir die Höhen, die sich auf der Südseite des Sees hinziehen, und ich brauchte kein schwarzes Kreuz in den Kalender zu zeichnen. Der Marsch war freilich recht beschwerlich, denn wir mußten über drei Pässe, ehe wir wieder an fließendes Wasser gelangten, in dem wir rasch den Oberlauf desselben Flusses, an welchem wir zuletzt gerastet hatten, erkannten. Hätten wir hiervon eine Ahnung gehabt, so hätten wir uns natürlich die Pässe geschenkt und wären in dem harten Bette, in dem es sich vorzüglich marschierte, weitergezogen. Doch es sind ja unbekannte Teile der Erdrinde, die wir durchziehen, und dies ist gerade das Einzigschöne an der ganzen Reise.

Am 1. Juli gingen wir 27½ Kilometer nach Süden. Ich hatte allen Grund zu vermuten, daß, wie unser Schicksal sich auch gestalten würde, mit diesem Tage ein ereignisreiches Halbjahr beginnen werde. Auf unserem Wege erhob sich eine gewaltige Bergkette, deren höchste Partie, die mit einer ewigen, eisartig glänzenden Schneehaube bedeckt war, auf einer von beiden Seiten umgangen werden mußte. Tschernoff, der die westliche untersucht hatte, kam uns auf halbem Wege mit der Nachricht entgegen, daß dieser Weg für die Kamele unmöglich sei. Tscherdon und der Lama hatten auf der Ostseite mehr Glück gehabt, bereiteten uns aber auf einen schweren Übergang vor.

In langsamem Tempo schritt die Karawane nach der schwindelnden Höhe hinauf. Die Steigung nimmt zu, der Fluß wird immer wasserreicher, je mehr wir uns dem ewigen Schnee nähern, von dessen schmelzenden Zungen in den Klüften eine ganze Reihe kleiner Bäche in Schuttbetten herunterrieseln. Im Hauptbett ist das Wasser ganz rot und dick und wälzt sich dumpf und schwer talabwärts. Jegliche Vegetation hat aufgehört, nicht einmal ein Moosfleckchen kann in dem Schutte wurzeln und gedeihen. Endlich haben wir den letzten steilen Abhang besiegt. Die Kamele atmen laut und schwer, die Leute, von denen viele haben zu Fuß gehen müssen, um die Lasten zu überwachen, sinken kraftlos zu Boden, da es ihnen schwarz vor den Augen wird. Ganz oben auf dem Passe erwartet uns der Lama; sein rotes Gewand macht sich weniger als gewöhnlich geltend, denn die Gesteinart ist rotes Konglomerat, und die ganze Landschaft schillert in roten Schattierungen.

Obwohl fünf Kamele schwach waren und drei ohne Last gingen, erreichten sie alle diesen 5337 Meter hohen Paß, der also bedeutend höher als der Arka-tag, aber schneefrei ist. Ein Glück war, daß wir diesmal von einem Schneesturm verschont blieben. Der Südabhang dieses dominierenden Gebirgsstockes war dagegen fast ganz schneefrei. Doch sammelte sich auch hier ein ziemlich bedeutender Fluß, der nach Südosten abbog und zwischen einem Gewirr von Bergen verschwand. Wie schon so oft, konnten wir nicht feststellen, wo er blieb. Wahrscheinlich ergießt er sich in irgendeinen versteckt liegenden See. An seinem rechten Ufer wurde das Lager Nr. 28 aufgeschlagen. Von Weide und Brennmaterial konnte an diesem wüsten Orte nicht die Rede sein.

Es ist jetzt eine ausgemachte Sache, daß die Medizinkiste in jedem Lager herhalten muß. Tschernoff hatte wütende Kopfschmerzen, Turdu Bai klagte über Stechen in dem einen Auge und wurde mit Kokain behandelt, dessen Wirkung ihm ungeheuer imponierte. Hamra Kul ging es am Tage vorher ebenso, als ich ihm sein Zahnweh mit Zahntropfen stillte. Es war wohl mehr der Neugierde zuzuschreiben, daß heute wieder drei Patienten, besonders Islam Ahun aus Tscharchlik, über Zahnschmerzen klagten. Sie wollten wahrscheinlich ausprobieren, ob Hamra Kuls lebhafte Beschreibung von der Kraft des Heilmittels mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Am schlimmsten steht es mit Muhammed Tokta, der über sein Herz klagt und an Schlaflosigkeit leidet. Er ist schon lange von aller Arbeit entbunden und sollte sie nie wieder aufnehmen können. Von Zeit zu Zeit gab ich ihm Morphium zum Schlafen.

Die Medizinkiste wurde als ein wundertuender Talisman betrachtet. Sobald sie hervorgeholt wurde, versammelten sich alle, die gerade nichts zu tun hatten, vor meinem Zelte. Viele bittende Blicke wurden während der monatelangen Reise auf den Blechdeckel der Kiste gerichtet. Ich selbst war so glücklich, von ihrem Inhalt nie Gebrauch machen zu müssen.

Auch am 2. Juli wurde ein schöner Marsch von 26½ Kilometer gemacht, der uns durch eine Landschaft aus rotem Sandstein führte. Von dem schlechten Grase wenig gesättigt, müssen die Kamele täglich ihre schwere Lasten geduldig weiter über die Berge schleppen. Das Schlimmste ist, daß sie selbst leichter werden und von ihrem eigenen Fette zehren, das nicht ersetzt werden kann, weil sie keine genügende Nahrung erhalten. Von dem Mais sind jetzt nur noch drei große Säcke übrig. Werden wir Gegenden mit besserer Weide erreichen, ehe es zu spät ist?

Eine recht ansehnliche Bergkette zwingt uns, nach Südwesten zu gehen. Mehrere Tümpel und kleine Seen glitzern im Sonnenschein. Hier wanderte eine nichts Böses ahnende Orongohindin mit ihrem wenige Tage alten Jungen, das von Jolldasch gejagt, eingeholt und sofort totgebissen wurde. Ich bat Schagdur, die Mutter zu verfolgen, um ihrem Gram ein Ende zu machen, aber sie entkam, und ich habe es nicht verhindern können, daß sie noch lange voller Kummer ihr Kind suchen wird.

Endlich finden wir ein nach Süden hinabführendes Flußtal. Nach und nach wurde es weniger bequem, als wir gehofft hatten, denn es drängte sich zu einem scheußlichen gewundenen Korridor zusammen, und der Boden desselben war mit Sandsteinplatten bedeckt, an denen die Kamele sich die Füße verletzten. Wir verlassen daher das Tal und ziehen über einen niedrigen, hügeligen Paß, auf dem Sirkin eine viel zu wenig scheue Antilope erlegte. Jolldasch stürmte blindlings auf das verwundete Tier los, wurde aber sehr kleinlaut, als sich ihm zwei spitze Hörner entgegenstreckten. Fleisch hatten wir stets in genügender Menge. Den Hunden ging es von der ganzen Gesellschaft am besten. Auch wenn die Jagd schlecht gewesen wäre, hätten sie doch an dem Fleische der gefallenen Karawanentiere übergenug gehabt. Jagd durfte nie als Sport betrieben werden, sondern nur wenn wir Fleisch brauchten. Wir mußten auch an die Munition denken. Augenblicklich hatte noch jeder Kosak 142 Patronen, welcher Vorrat allerdings völlig ausreichend war, wenn vernünftig damit umgegangen wurde; aber man konnte nicht wissen, was die Zukunft in ihrem Schoße barg, und daher mußten wir damit sparsam sein.

Von einer letzten, schwachen Schwelle erblickten wir wieder einen kleinen See. Sein südliches Ufer glänzte grün, und nach einer Weile befanden wir uns auf Gras, das freilich außerordentlich dünn und niedrig stand, aber doch besser war als seit langer Zeit, denn es war von diesem Sommer und weich. Kulanmist zur Feuerung war gesammelt worden, es blieb nur noch das Wasser zu versuchen. Tschernoff fand es schlecht, Tscherdon meinte, es sei ganz süß; Schagdur wollte es auch probieren und fand es mäßig. Es half schließlich nichts, ich mußte selbst absteigen, um zu kosten, und ich war der Ansicht, daß wir damit zufrieden sein könnten.

Ein charakteristischer Zug der Windverhältnisse dieser Gegenden, den ich seit mehreren Tagen beobachtet hatte, war folgender. Der Passatwind endet mit Sonnenuntergang; in der Dämmerung ist es so windstill, daß ich bei freibrennendem Licht und offener Tür Mittag esse. Gleich nach 8 Uhr erhebt sich ein nördlicher Sturm und bringt das Lager in Aufregung Alle müssen sich beeilen, ihre Zeltleinen straffzuspannen, die Zelte zu verankern und alle zufällig noch draußen umherliegenden Sachen in Sicherheit zu bringen. Die Funken stieben so dicht wie Kometenschweife um die Feuer, und es heißt aufpassen, daß sich auf der Seite, nach der der Wind weht, nichts Entzündbares befindet. Der Sturm hält wenigstens so lange an, als ich wach bin, d. h. bis Mitternacht, doch wenn ich morgens geweckt werde, also kurz vor 7 Uhr, ist die Atmosphäre wieder im Gleichgewicht. Hier gibt es also zwei herrschende Winde, einen westlichen und einen nördlichen, einen bei Tage und einen nachts wehenden.

Vor dem Sturme gewährten unser Lager und seine Umgebungen an diesem Abend einen wirklich idyllischen Anblick, wenn man sich eines solchen Ausdruckes zur Bezeichnung einer tibetischen Landschaft bedienen darf. Die Sonne war untergegangen, aber im Westen sah man noch ihren Purpurschein. Im Osten stieg am dunkelblauen Horizont blaßgelb und kalt der Vollmond auf, dessen Licht durch einen dünnen leichten Abendnebel noch mehr gedämpft wurde.

Die auf den Hügeln zerstreuten Tiere weiden gierig (Abb. 236). Die Todeskandidaten unter den Kamelen liegen dicht aneinandergedrängt unter ihren weißen Filzmänteln neben Turdu Bais Zelt. Auch die beiden Jungen und ihre Mutter werden mit besonderer Sorgfalt gepflegt und bringen die ganze Nacht in liegender Stellung zu. Die kleinen Tiere werden stets zwischen zwei große Kamele gelegt, von denen eines die Mutter ist. Alle anderen Tiere weiden draußen im Mondschein, von ihren Wächtern und den Hunden vor den Wölfen geschützt, von denen wir in den letzten Tagen in der Gegend mehrfach Spuren gesehen haben.

Wir rasteten hier noch einen Tag. Ein Pferd, das gestern zurückgelassen worden war, kam heute an. Die gewöhnlichen Windgesetze gelangten auch heute zur Geltung, obwohl der Nordsturm früher als sonst einsetzte. Nachdem er über die Erde hingefahren ist, sieht diese merkwürdig reingefegt aus.

Nach meiner Ortsbestimmung mußte dieses Längental dasselbe sein, in welchem wir im vorigen Herbst Aldat begraben hatten. 30 Kilometer weiter östlich würde ein Wanderer zu seinem Erstaunen das einsame, verlassene, mit einem flatternden Yakschwanze geschmückte Grab des Jägers finden.

Am 4. Juli ging es beinahe direkt nach Süden über schwach wellenförmiges Land mit dünnem Graswuchs, zahlreichen Salztümpeln und ziemlich vielem Wild, besonders Kulanen und Antilopen. Yakdung ist sehr häufig und obendrein alt und trocken, so daß wir genügend Brennmaterial einsammeln konnten. Auch der Boden ist im allgemeinen merkwürdig trocken, ganz anders als im vorigen Herbst, wo wir hier beinahe im Schlamm ertranken. Es ist jetzt aber auch lange her, seit Niederschläge gefallen sind. Jetzt wirbelt der Staub im Winde hinter der Karawane auf.

Vor uns erhebt sich drohend ein neuer Paß. In einem mit Schutt bedeckten, ziemlich stark ansteigenden Tale gehen wir langsam nach dem Kamme hinauf, dessen Höhe 5210 Meter beträgt. Ein unbeladenes Kamel kann nicht mitkommen und wird mit einem Wärter zurückgelassen. Droben auf der Höhe gibt es keine andere Vegetation als Yakmoos. Die Aussicht nach Süden ist umfangreich; wir sehen nach dieser Richtung hin wohl vier Tagereisen weit, und keine unüberwindlichen Hindernisse drohen uns. Anders sieht die Landschaft im Norden aus, woher wir gekommen sind, denn dort türmen sich eine Menge Ketten und Kämme über- und durcheinander, und der Horizont wird von der Kette mit dem unterhalb des ewigen Schnees liegenden Passe abgeschlossen.

Die Landschaft schillert in blassen Farbenschattierungen, in denen Rot in verschiedener Stärke vorherrscht. Nur schwache Anflüge von Gelb und Grün deuten die Weideplätze an, die wir eben verlassen haben. Das Land erinnert an ein Wüstenbild. Hier und dort glänzen Schneestreifen, und über dem Ganzen wölbt sich der türkisblaue Himmelsdom.

Der vom Passe hinabführende Abhang, auf dem die Gesetze der Schwere den Kamelen wieder zu Hilfe kommen, wird von uns als eine Erholung betrachtet. An dem ersten Punkte, wo es wieder Gras gab, schlugen wir unsere luftigen provisorischen Hütten auf (5054 Meter). In einem trockenen Bette wurde ein Brunnen gegraben, der bald gutes Wasser gab, und am folgenden Morgen wurde eine Quelle entdeckt, an welcher Sirkin und Tscherdon zwölf Rebhühner schossen. Zwei Yake mußten ins Gras beißen. Wir haben es freilich gut, aber die Kamele, die aufs Weiden angewiesen sind, sehen mager und elend aus. Die Pferde sind nicht viel besser daran. Eines muß in diesem Lager Nr. 30 geschlachtet und den anderen muß ein Ruhetag gegönnt werden.

An den Rasttagen sind Schagdur und der Lama mit der Herstellung meines Mongolengewandes beschäftigt. Mit dem Lama ist eine merkliche Veränderung vorgegangen; sein Mut ist gewachsen, und er sehnt sich nach Süden und nach Lhasa zurück. Der mongolische Unterricht geht ununterbrochen weiter, und der Lama zeichnet für mich Pläne der heiligen Stadt, ihrer Tempel und ihrer freien Plätze. Er sieht die ganze Reise jetzt in hellerem Lichte an als früher und pflegt seine Ansicht darüber in folgender, außergewöhnlich intelligenter Redensart auszudrücken: „Mo bollne ikke mo bollne gué, sän bollne ikke sän bollne“ („Geht es uns schlecht, so geht es uns nicht sehr schlecht, geht es aber gut, so geht es uns sehr gut“).

Jeden Abend Schlag 9 Uhr mache ich eine Visite in der großen Jurte, die von Schagdur, Sirkin und dem Lama bewohnt wird. Es gilt, das meteorologische Journal für den Tag zu kontrollieren und das Thermohypsometer abzulesen, was ich stets selbst tue. Dann bleibe ich bei ihnen sitzen und plaudere eine Weile mit ihnen über unsere Zukunftsaussichten, und Turdu Bai und Hamra Kul müssen mir über das Befinden der Tiere Bericht erstatten. Wenn ich es für nötig halte, instruiere ich dann auch den oder die Männer, welche am folgenden Morgen rekognoszieren sollen. Heute Abend wurde mir mitgeteilt, daß kaum noch ein Sack Mais übrig sei und wir, wie es uns auch ginge, den Tieren so viel Reis und Mehl wie nur irgend möglich abtreten müßten. Turdu Bai hielt es für durchaus notwendig, nach Gegenden mit Weide zu eilen und dort die Kamele sich mindestens einen Monat lang wieder kräftigen zu lassen. Ja, sie sollten sich nachher auch ausruhen, wenn ich nach Lhasa ritt.

Eine zweite wenig erfreuliche Nachricht war, daß noch alle vorhandenen Schafe im Laufe des Tages durchgebrannt seien. Die meisten Muselmänner waren schon auf der Suche. Erst in der Dämmerung hatte man die Tiere vermißt. Tschernoff hatte sich zu Pferd aufgemacht und einige Hunde mitgenommen. Ich fürchtete, daß es den Schafen am Ende ebenso gegangen sein würde, wie wir es im vorigen Jahre schon einmal erlebt hatten, und mir graute vor der Strafpredigt, auf die ich mich vorbereiten mußte. Tatsächlich war das Kommando über die Herde viel zu sehr dem Leithammel Wanka überlassen worden, der indessen dieses Amt mindestens ebenso gut ausgeübt hatte wie ein Muselmann. Müde kamen die Suchenden gegen 9 Uhr zurück und wollten noch eine Stunde warten, bis der Mond aufging und ihnen erlaubte, der Spur der Herde zu folgen. Erst um Mitternacht wurde es im Lager lebendig, denn da brachte die ganze Gesellschaft die unversehrten Schafe vollzählig wieder heim. Die Tiere waren ein Tal hinaufgegangen und hatten sich in ein tiefes Flußbett gelegt.

6. Juli. Die Marschgeschwindigkeit nimmt in demselben Maße ab, wie die Kräfte der Tiere sinken. Selten sind wir imstande, mehr als 20 Kilometer zurückzulegen. Ich ziehe es dann vor, auf meinem jetzt ganz wiederhergestellten Pferde mit dem Lama vorauszureiten, und, wenn wir die Karawane aus den Augen verloren haben, auf einem Passe zu rasten. Die Kamele waren heute schlaffer als gewöhnlich, und es dauerte daher lange, bis das Glockengeläute näherkam.

Still und feierlich wie ein Friedhof dehnt sich dieses öde Gebirgsland vor uns aus, in das bisher noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hat. Auf allen Seiten umgibt uns die ursprünglichste und ganz unberührte Natur. Wir durchziehen sie seit Wochen und Monaten und sind stets die einzigen Menschen, die diesen Teil der Erde bevölkern.

Noch immer herrscht derselbe Parallelismus wie in den Gegenden, die wir im vorigen Jahre durchreisten; alle Ketten und Kämme und alle Längentäler haben eine westöstliche Richtung, und wenn man, wie wir, nach Süden zieht, muß man sie alle in der Quere überschreiten. Kaum eine Tagereise geht zu Ende, ohne daß wir einen Paß überschritten haben, und gewöhnlich haben wir mit dem Tagemarsch zugleich auch ein paar Pässe hinter uns.

Auch heute hatten wir einen recht fühlbaren Paß, der sich nicht umgehen ließ. Merkwürdigerweise ist jedoch anstehendes Gestein eigentlich eine Seltenheit. Sowohl diesen wie den folgenden Tag wanderten wir über ganz weichen Boden, wo man nur auf dem Grunde der Täler Schutt findet. Später wurde der Boden sandig und infolgedessen trocken und tragfähig; auch das Gras wurde ein bißchen besser, als es bisher gewesen war. Wir lagerten an einer kleinen Quellader. Ein paar Kamele waren zurückgelassen worden, wurden aber abends geholt. Eines von ihnen war mein alter Reisekamerad von 1896; er blickte mit seinen glänzenden, rabenschwarzen Augen auf dieses Land, das ihm bald das Leben kosten sollte, und ging auf zitternden Beinen, als Sirkin ihn vor den photographischen Apparat führte (Abb. 237). Ich wollte mir sein Bild zur Erinnerung an die Dienste, die er mir geleistet, aufheben. Daß er bald sterben würde, war klar. Noch hielt er sich jedoch tapfer und schien beschlossen zu haben, seine Gebeine nicht eher der Erde zu schenken, als bis er keinen Schritt mehr gehen konnte. Hocherhobenen Kopfes stand er mit dem Packsattel in seinem weißen Mantel da und ahnte vielleicht, daß er bald von uns scheiden würde. Er hatte schon angefangen zu weinen, was die Leute für ein untrügliches Zeichen halten. Jetzt bekam er ein großes Weizenbrot und sollte keine Last mehr zu tragen brauchen.

Am 7. Juli begünstigte uns das Terrain in hohem Grade. Im Süden zeigte sich wieder ein See, nach dessen Ostufer wir hinsteuerten. Es kostete uns den ganzen Tag, nach seinem Südufer zu gelangen. Das Tal, dessen Mitte dieser mittelgroße See einnimmt, ist kesselförmig, flach und offen, und auch der See ist beinahe rund und tritt durch seine starken, frischen Farben sehr hervor. Das Wasser ist rein und grellblau und ist mit einem ziemlich breiten Gürtel von blendendweißen Salzkristallisationen umgeben, die von fern wie Eis oder Schnee glänzen. Am Westufer erheben sich ziegelrote Höhen.

Es war lebensgefährlich, sich dem feuchten eigentlichen Uferstreifen zu nahen, denn er bestand ausschließlich aus salzhaltigem Schlamm, und es war nicht leicht, eine Kanne Wasser zum Untersuchen herbeizuschaffen. Kutschuk mußte sich eine Art improvisierter Schneeschuhe an die Füße binden, um an den Rand des Sees gelangen zu können. Das Wasser war derartig mit Salz gesättigt, daß das Aräometer halb über der Oberfläche schwamm; die Skala genügte natürlich nicht entfernt, sondern es mußte eine besondere Marke in das Glas geritzt werden.

Dieser heimtückische Schlammstreifen war durch eine ausgeprägte Wulst scharf von den Abhängen getrennt, die noch etwas Gras trugen und auf denen wir ohne Gefahr hinziehen konnten. Im Südosten drohte uns der nächste Paß; wir wollten in der Mündung des zu ihm hinaufführenden Tales lagern. Es handelte sich nur darum, Wasser zu finden, das es hier nicht in solchem Überflusse gab wie im Arka-tag. Der Niederschlag war zu unserem Glück in der letzten Zeit unbedeutend gewesen; morastiger Boden hätte unsere erschöpften Kamele umgebracht.

227. Unser Lager in Unkurluk. Blick auf das Nebental. (S. 110.)
228. Die am Ufer des Kum-köll aufgestapelten Kamellasten. (S. 112.)
229. Ankauf von Schafen bei den Hirten von Unkurluk. (S. 111.)

Ich ritt voraus die Talmündung hinauf; sie war ganz trocken. Auf ihrer anderen Seite fand ich doch noch ein paar kleine Tümpel mit schwach salzhaltigem Wasser, mit welchem die Hunde vorliebnahmen. Im Talgrunde aber griffen die Männer zu den Spaten; es wurde ein Brunnen gegraben, der in einer Tiefe von 56 Zentimeter kaltes süßes Wasser gab.

Obwohl wir am 8. Juli nur 14 Kilometer marschierten, konnten nur 27 Kamele das Lager Nr. 33 (5041 Meter) erreichen. Sie waren jetzt so erschöpft, daß wir aus Furcht, eines oder mehrere der Tiere zu verlieren, an und für sich unbedeutende Pässe umgehen mußten.

Der heutige Paß (5059 Meter) ließ sich jedoch nicht umgehen, und der Lama, der ihn rekognosziert hatte, versicherte, daß er nicht schwer sei. Die Steigung war auch unbedeutend, aber für die kraftlosen Tiere trotzdem mühselig. In der Nähe des Kammes grasten 8 Yake; einer von ihnen, ein alter Stier, war recht dreist, durfte aber nicht unnötigerweise geschossen werden; das Fleisch war vermutlich zäh und schlecht. Ein einzelner Kulan umkreiste uns in den tollsten Kurven und erregte durch seine urkomischen Manöver große Heiterkeit.

Auf der Südseite des Passes war das Relief der Landschaft verwickelter und ungünstiger. Mehrere Kämme zeigten sich, die überschritten werden mußten.

Jetzt ritt Schagdur voraus und meldete, er glaube kaum, daß die Kamele imstande sein würden, die nächste Schwelle zu überschreiten, da diese zu hoch für sie sei. Schon waren drei zurückgeblieben, auf die wir je eher, desto besser warten mußten, unter ihnen mein großer Veteran. Daher machten wir bei einem Tümpel Halt, obwohl die Weide dort schlecht war. Den Tag darauf schleppten sich zwei von den drei zurückgelassenen Kamelen noch nach dem Lager hin, das dritte lag kalt und steif auf dem Flecke, wo wir es verlassen hatten.

Daß es so nicht weitergehen konnte, war klar. Eine Veränderung mußte in der Marschordnung vorgenommen, alle schwachen Tiere mußten ausgeschieden werden, mit dem Reste würde ich dann in längeren Tagemärschen nach Süden ziehen. Zunächst mußte die Gegend rekognosziert werden, denn jetzt hatten wir das Gefühl, in einem Sacke zu stecken, aus dem wir irgendwo heraus mußten. Tschernoff ritt nach Osten und fand das Terrain dort ganz unmöglich und von steilen Bergen versperrt. Mollah Schah, der es nach Süden hin versucht hatte, erklärte, er sei dort über einige kleinere Pässe geritten, die nicht besonders schwierig seien.

Dann wurde die Auslese vorgenommen. Elf Kamele, von denen fünf die letzten Tage schon keine Last mehr getragen hatten, und sechs Pferde sollten hier zurückgelassen werden, um sich einige Tage auszuruhen und dann unserer Spur in kurzen Tagemärschen nachgeführt zu werden. Dieser wichtige Auftrag wurde Tschernoff anvertraut; er wurde Chef der Nachhut, die außerdem noch aus Rosi Mollah, Mollah Schah, Kutschuk, Chodai Kullu und Almas, einem Tscharchliker, dessen hochtönender Name „das Juwel“ bedeutet, bestehen sollte. Die vier Hunde Maltschik, Hamra, Kalmak und Kara-Itt gehörten auch zur Gesellschaft, ebenso ungefähr die Hälfte des noch vorhandenen Dutzends der Schafe.

Die Auslese der untauglichen Kamele wurde von Turdu Bai und den Kosaken sorgfältig gemacht. Es waren ihrer zehn, aber beim Aufbruch wurde noch eines zurückgestellt. Acht Kamellasten, die beinahe ausschließlich aus Proviant bestanden, sollten von der Nachhut übernommen und auf die elf Kamele verteilt werden. Alle Instrumente und wichtigeren Dinge nahmen wir mit.

Ganz richtig war es wohl nicht, die Karawane gerade jetzt zu teilen, da wir uns bewohnten Gegenden näherten und vielleicht nötig haben konnten, in voller Stärke aufzutreten. Doch es blieb uns keine Wahl, und auch die Nachhut war mit zwei Gewehren und mehreren Revolvern bewaffnet.

Tschernoff hatte Befehl, noch zwei oder drei Tage im Lager Nr. 33 zu bleiben und dann unseren Spuren zu folgen, die in dem Boden ziemlich lange erkennbar sein mußten. An Stellen, wo man ein schnelles Verschwinden der Spuren befürchten konnte, wie in Talfurchen oder auf festgepacktem Schutt, wollten wir kleine Steinmale errichten. Wo ich mit der Hauptkarawane bleiben würde, wußte ich selbst nicht; es würde von Umständen, die uns unbekannt waren, und besonders von dem Vorkommen von Weide und menschlichen Spuren abhängen. Doch das spielte keine Rolle, denn selbst wenn Tschernoff einen ganzen Monat unterwegs sein sollte, hatte er ja nur der Spur zu folgen, bis er ins große Hauptquartier gelangte.