Dreizehntes Kapitel.
Das Hauptquartier.

Noch einen Tag sollten wir uns nach immer höheren Regionen hinaufarbeiten, und es galt jetzt, die gewaltige Schneekette, die wir solange zur Rechten gehabt hatten, zu übersteigen.

Die Kamele halten sich tapfer, aber ihre Kräfte sind im Schwinden. Das Dromedar scheint der nächste Todeskandidat zu sein; es ist nur noch Haut und Knochen und weint abends schmerzlich. Trotzdem spannte es seine Kräfte aufs äußerste an und legte ehrenvoll die 19,1 Kilometer zurück. Als Abendmahlzeit hatte es ein paar gewaltige Weizenbrote, Heu aus einem Packsattel und ein paar Klumpen rohes Schaffett bekommen, das an stärkenden Eigenschaften alles übertreffen solle.

Die Sonne und die Hochalpenlandschaft wurden bald von undurchdringlichen Wolken verdeckt. Unsere Straße ging nach Südsüdwest, und das Unwetter kam uns gerade entgegen. Was nützt einem bei solchem Wetter ein Pelzbaschlik? Hagel und Schnee schlagen mir wagerecht ins Gesicht, bleiben im Pelz sitzen, schmelzen und rinnen mir am Halse hinunter. Manchmal muß man stehenbleiben und dem Unwetter den Rücken kehren, um Atem zu schöpfen. Die Gegend ist verborgen unter diesen scheußlichen Wolkenvorhängen, durch deren Hagelschauer wir reiten müssen. Es ist nicht leicht, unter solchen Umständen zu zeichnen und zu schreiben! Wenn es sich für eine Weile aufklärt, wundern wir uns, daß wir dem gewaltigen Gletschermassiv zur Rechten nicht sichtlich nähergekommen sind. Wir schreiten freilich ununterbrochen nach dem Passe hinauf, aber ganz unglaublich langsam.

Auf beiden Seiten des Passes laufen mehrere Gletscherzungen aus; sie sind vollständig überschneit, und jede von ihnen entsendet einen Bach. Am Rande der Gletscher sehen wir große Yakherden; wir zählen über 300 Tiere, darunter einige ganz kleine Kälber. Tscherdon schoß eines der letzteren für unseren Proviantvorrat. In dem Maße, wie wir uns näherten, zogen sie sich über den Paß nach der Südseite hinüber. Die Abhänge, auf denen sie im Moose weideten, sahen von ihren dichten Reihen wie schwarzgestreift aus.

Mitten in dem flachen Tale, in dem wir nach der Paßschwelle hinaufziehen, rieselte ein Bach, der nur ein oder zwei Meter breit, aber oft einen Meter tief ist. Büschel von feuchtem, dichtem Yakgras bildeten seine Ufer. Daß sich der tibetische Ochs hier sehr wohl fühle, bewiesen die reichlichen Dungmassen, die umherlagen. In dem Bache leben kleine Fische, die sich besonders in den ruhigeren Becken aufhalten. Fische 5000 Meter über dem Meere! Wie gewöhnlich wurden Exemplare in Spiritus mitgenommen.

Schließlich hören Bäche und Gletscherabflüsse auf, die Steigung nimmt zu, und ich gelangte mit dem Lama auf diesen himmelstürmenden Paß, dessen Höhe 5462 Meter betrug. Die Karawane mühte sich noch auf dem Abhange ab. Ein großer Yak, der böse und herausfordernd aussah, versperrte den Weg nach Süden. Er wedelte mit dem Schwanze in der Luft, senkte die Hörner und machte gar keine Miene zu entfliehen. Wir hielten es für geraten, die Ankunft der Schützen abzuwarten; doch sobald die ersten Kamele auf dem Kamme auftauchten, trottete der Yak ab.

Inzwischen wurde das uns im Süden erwartende Land mit dem Fernglas gemustert. Vor uns breitete sich ein Gewirr von Bergen und Ketten, ein Labyrinth von Tälern aus. Ein bedeutender Fluß sammelte sich am Südabhange; wir folgten ihm abwärts. Hier hielten sich sieben alte Yake auf, die von den Hunden mit Todesverachtung angegriffen wurden. Vier suchten sofort ihr Heil in der Flucht, drei hielten eine Weile stand. Als aber die Angreifer ihre Attacke auf einen Yak konzentrierten, machten sich die beiden anderen ebenfalls aus dem Staube. Der letzte hatte verzweifelte Mühe, sich die Hunde vom Leibe zu halten. Er entschloß sich schließlich für die schlaue Taktik, sich mitten in den Fluß zu stellen, wo das Wasser um ihn schäumte und die Hunde scheu machte. Nach einer Weile kamen zwei Kameraden zurück, um sich nach ihm umzusehen, aber die Hunde waren des Spieles schon beinahe überdrüssig, hatten sich hingesetzt und schauten ihr Opfer nur noch an.

An dem Punkte des Tales, wo den Kamelen die Lasten für die Nacht abgenommen wurden, war das Gras bedenklich mager. Mitten auf ebenem Boden lag ganz regungslos, den Blick auf uns gerichtet, ein Rebhuhn, auf das einer der Kosaken schoß. Es taumelte im Todeskampfe auf; dabei stellte sich heraus, daß es auf drei kleinen Küken gelegen hatte, die unverletzt piepend um die Mutter herumliefen. Wenn man sich nicht zum Troste sagen könnte, daß man in diesen unwirtlichen Gegenden jedes Wild, das einem in den Weg kommt, zu erlegen berechtigt ist, weil man sein eigenes Leben damit fristen muß, so würde man sich wie ein Räuber und Schurke vorkommen, wenn man ein so idyllisches Familienleben gewaltsam zerstört und solch ein bescheidenes Glück von der Erde vertrieben hat. Es dauerte lange, bis ich die Erinnerung an diesen feigen Schuß los wurde. Ich suchte mich damit zu trösten, daß die Hunde das Rebhuhn, das mit seinen drei Küken abends in die Bratpfanne kam, doch totgebissen haben würden.

Die Kamele müssen lange rupfend umhergehen, ehe sie so viel Gras im Maule haben, daß es sich des Kauens und Schluckens verlohnt. Das Gras ist zäh und hart, und die Wurzeln bleiben beim Rupfen daran sitzen, denn der Erdboden ist von den Niederschlägen aufgelöst.

Der Lama, der ein kluger Mensch ist, bemerkte ganz richtig, daß diese gigantische Bergkette für die Tibeter dieselbe Rolle spiele wie der Arka-tag für die Bewohner von Ostturkestan; sie ist eine Grenzmauer gegen das unbekannte, unbewohnbare Land, eine Grenze, die selten überschritten wird, und dann nur von Yakjägern. Zwischen dieser Kette und dem Arka-tag liegen die höchsten und unfruchtbarsten, daher auch am schwersten zugänglichen Teile von Tibet. Jetzt hatten wir noch 280 Kilometer bis nach dem Nordufer des Tengri-nor, und die ersten Lagerplätze der Nomaden konnten nicht mehr sehr weit sein.

Am Morgen des 21. Juli erwachte ich bei Schneetreiben. Kompakte, beinahe schwarze Wolkenmassen hängen längs des Kammes der ewigen Schneekette. Diese wird ganz von ihnen eingehüllt, und man würde von ihrem Dasein keine Ahnung haben, wenn nicht zwei Gletscherzungen, den Tatzen eines ungeheueren Eisbären vergleichbar, unter dem Saume des Wolkenmantels herunterhingen. Die Schneegrenze dürfte sich hier etwa 100 Meter über der Paßhöhe befinden. Trotz dieser bedeutenden absoluten Höhe kamen keine nennenswerte Fälle von Bergkrankheit vor. Nur Tscherdon, der Yaken nachgelaufen war, hatte Kopfweh.

Durch eine Hagelbö nach der anderen reiten wir zum Passe hinauf. Auf der rechten Seite mündet hier ein Nebental, und der vereinigte Fluß, der nun die Richtung nach Südost einschlägt, mußte uns den Weg nach tieferliegenden Gegenden mit Weideland zeigen. Wir beschlossen, ihm zu folgen, soweit er ging.

Gerade in dem Talknie lagen zwei gewaltige Eistafeln, in denen hier und dort Waken gähnten, unter denen man das Wasser des Flusses strömen sah. Manchmal muß man sich darüber wundern, daß die ziemlich gebrechlichen Eisbrücken nicht unter den Kamelen einstürzen. Bald wird das Eis zusammenhängender und dicker. Der Fluß strömt frei in der Mitte des Talbodens, und auf jeder Seite begleitet ihn ein ununterbrochenes dickes Eisband mit senkrechten oder überhängenden Wänden (Abb. 242).

232. Eine angeschossene Orongoantilope. (S. 126.)
233. Erlegter tibetischer Bär. (S. 127.)

Die Karawane ging auf der rechten Eisscholle, die bei einer Biegung des Flusses unterbrochen war, so daß wir auf den Schuttboden hinunter mußten. Die Eistafel war jedoch lotrecht und 1,97 Meter hoch, so daß alle Äxte, Stangen und Spaten in Tätigkeit gesetzt werden mußten, um einen Weg zu bahnen (Abb. 243). Diese Arbeit dauerte eine gute Stunde, während welcher Schagdur weiterritt. Mir sah diese Straße höchst bedenklich aus, denn das Tal verschmälerte sich immer mehr; wahrscheinlich war es ein tief eingeschnittenes Durchbruchstal, das uns nicht mehr herauslassen würde.

Der Eisabhang wurde mit Sand bestreut; dann führten wir alle Tiere vorsichtig hinunter, um in der 20–40 Meter breiten Rinne zwischen den Eisbändern weiterzuziehen, wobei wir meistens im Flusse selbst gingen. Auf dem Talboden war es tüchtig naß; es spritzte und patschte um die Kamele. Von den Eisrändern tropfte und rieselte es im Regen, umsomehr als sich die Temperatur den ganzen Tag einige Grade über dem Gefrierpunkte hielt.

Wir waren schon eine Strecke weit in der Nässe gewatet, als wir Schagdur trafen. Fünf, sechs Kilometer könnten wir noch marschieren, sagte er, weiter aber nicht. Dort hörten die Eisbänder auf und ein Hohlweg beginne, in dem der Fluß zu einem tiefen, unpassierbaren Strom zusammengedrängt werde. Schagdur war mit seinem Pferde noch in ein Meter tiefem Wasser geritten, dann aber umgekehrt.

Da dazu kam, daß sich die Wassermenge des Flusses bis zum späten Abend stündlich vergrößern mußte, beschloß ich umzukehren. Man konnte ja in einer solchen Falle in eine, gelinde ausgedrückt, ungemütliche Lage geraten und von oben und unten abgeschnitten werden. Das Wasser würde nachdrängen und das Tal so füllen, daß wir auch nicht wieder zurückkönnten. Und Talerweiterungen, wo man die Kamele nach den Seiten hätte führen können, hatte der Späher nicht gesehen.

Also das Ganze kehrt gemacht und wieder zurück durch diese angenehme Passage mit ihren unzähligen Furten, Waken und Tümpeln. Jetzt war alles noch mehr durchweicht, und in den Spuren der Kamele hatte sich Wasser angesammelt. Überall rieselt und sprudelt es, und das Eis knackt und kracht. Es füllt im Winter ohne Zweifel das ganze Tal aus, wird aber von dem von den Gletschern gespeisten Flusse im Frühling schließlich durchbrochen. Es mag eigentümlich erscheinen, daß solche Eismassen bis Mitte Juli liegenbleiben können; doch dies hat seinen Grund teils in der absoluten Höhe, teils in der hohen, schützenden Bergwand, die sich auf der Südseite des Tales erhebt.

Da, wo die Richtung des Tales nach Südosten überging, verließen wir unsere Spur und gingen am Ufer des von rechts kommenden Nebenflusses hinauf. Damit der Nachhut unsere vergebliche, anstrengende Eiswanderung erspart bliebe, wurde in der Talbiegung ein Steinmal errichtet und davor an der Erde aus Steinstücken eine Pfeilspitze angebracht, die nach Südwesten zeigte.

Statt, wie wir gehofft, die Reise nach Süden und wärmeren Gegenden hinunter fortsetzen zu können, mußten wir wieder ein völlig unfruchtbares Tal hinaufziehen. Der Hagel schlug heftiger als je nieder. Es war ziemlich gleichgültig, wie die Gegend aussah, denn heute konnten wir nicht mehr weiter, und da es sich hier um einen neuen Paß handelte, war auch keine Hoffnung vorhanden, daß wir eher Weide finden würden als auf seiner anderen Seite.

Gegen Abend klärte sich der Himmel auf; ich lag auf meinem Bett, rauchte meine Pfeife und betrachtete die Kamele, die mit Engelsgeduld nach Gras suchten. Die Sonne sinkt, die Wolken färben sich rotbraun, und als es dämmerig wird, schmettern wieder schwere Regentropfen auf die schon feuchten Filzdecken der Jurte. Nun wird das Licht angezündet, die Arbeit geht weiter, und der Abend verfließt in gewöhnlicher Ruhe. Wir plaudern eine Weile in Sirkins Zelt und tauschen unsere Meinungen darüber aus, wie Tschernoff mit den erschöpften Kamelen der Nachhut hier durchkommen wird. Wir beraten auch über die Reise nach Lhasa. Sollten wir nicht einige Platz erfordernde Sachen, wie Stearinkerzen und den kleinen photographischen Apparat in dem Packsattel eines Maulesels durchschmuggeln können? „Nein“, erklärte der Lama, „hierzulande ist man nie sicher; sie stehlen uns vielleicht das ganze Tier mit Sattel und allem.“

Der nächste Tag brachte uns hinsichtlich der Terrainverhältnisse keine Änderung zum Bessern. Nachdem wir noch ein Steinmal errichtet hatten, schritten wir zu dem Passe hinauf, der von fern sehr leicht aussah, in Wirklichkeit aber schwerer zu übersteigen war als der vorige.

Ich ritt mit dem Lama in dem Flußbette aufwärts, das der einzige Weg mit festem Boden war; denn entfernt man sich nur ein wenig von ihm, so sinkt das Pferd in den Morast ein, und man muß schnell abspringen und versuchen, wieder auf tragfähigen Boden zu gelangen. Die Abhänge bestehen nach dem Flußbette zu aus einer breiähnlichen Schlammmasse, die, nach den oft vorkommenden Quer- und Randspalten zu urteilen, sich in wenn auch unmerklich gleitender Bewegung befindet. Die absolute Höhe, die recht fühlbare Steigung und der lose Boden könnten vereint auch die beste Karawane vernichten.

Zwei Stunden brauchten wir zum Hinaufreiten; nachher mußten wir dort zwei Stunden auf die anderen warten. Ein rasender Hagelsturm tat das Seine, den Boden noch mehr aufzuweichen. Es ist qualvoll anzusehen, wie die Kamele, wenn sie in den Brei einsinken, sich abmühen und abquälen, um sich wieder herauszuarbeiten. Nur fünfzehn erreichten den Paß, zwei waren mit je einem Manne zurückgelassen worden. Ihre Lasten übernahmen Pferde, deren Reiter zu Fuß gehen mußten.

Der Südabhang war zehnmal schlimmer; dort war es weder möglich, festen Boden zu finden, noch zu Pferd zu sitzen. Ein Mann geht voraus, um das Erdreich zu prüfen, ihm folgt Turdu Bai mit den Kamelen. Er eilt so schnell, wie er nur kann, vorwärts, damit die Kamele nicht zu tief in den Schlamm einsinken können. Das nützt ihm jedoch wenig. Gebrüll ertönt; ein Seil hat sich gespannt und ist gerissen, ein Kamel ist im Versinken begriffen. Alle Mann müssen ihm heraushelfen, nachdem ihm die Last abgenommen worden ist; dann schreitet der Zug weiter. Es ist ein Wunder, daß es gelingt, denn das Kamel sinkt bis an die Knie in den Schlamm ein, der jetzt so dünnflüssig ist, daß sich die Gruben sofort wieder schließen. Der Regen gießt herab, und die dämmerungsdunkeln Wolken lassen nirgends ein Aufhellen ahnen. Ein Maulesel bleibt in einem Sumpfloche stecken und kann nur mit Mühe gerettet werden. Von Menschen und Tieren rieselt und tropft das Wasser herunter, und alle atmen mühsam und schwer. Ein hoffnungsloses Land! Nicht genug damit, daß uns hier die Menschen den Zutritt verweigern, auch die Elemente und die Erde verschwören sich, um uns totzuquälen, bevor wir die erfrischenden Weidegründe und die belebende Ruhe erreicht haben, von denen wir nachts träumen! Wie würde es Tschernoffs elf schlechten Kamelen hier ergehen? Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, daß kein einziges von ihnen die beiden Pässe und den Morast, der mit jedem Regentage immer schlimmer wurde, überleben würde.

Endlich erreichten wir einen größeren Fluß. Woher er kam und wohin er strömte, konnten wir bei dem jetzt herrschenden, ungeheuer dichten Schneeregen nicht sehen. Was wir aber mit Befriedigung fühlten, war, daß sein Kiesboden wenigstens nicht nachgab und uns nicht, wie eben noch die Erde, zu verschlingen drohte. Alles war schon so durchnäßt, daß es nichts mehr machte, wenn wir auch noch in diesem Flusse plätscherten. Ein wenig weiter abwärts entdeckte ich auf dem rechten Ufer Gras und Schagdur einen großen Tonkrug. Der Lama war der Ansicht, daß seine Größe darauf schließen lasse, daß keine Nomaden in der Gegend wohnten, denn im anderen Falle würden sie sich nicht mit einem solchen Dinge geschleppt haben. Jäger, die auf ihren Gebirgswanderungen eines festen Lagerpunktes zum Ausruhen bedürfen, hätten den Krug hier ein für allemal zurückgelassen.

Wir waren eben mit dem Aufschlagen der Zelte fertig, als sich auch schon die nächste Regenbö einstellte. Arme Karawanentiere! Sie mußten die eiskalte Dusche über sich ergehen lassen.

Von den zurückgelassenen Kamelen konnte nur eines noch das Lager erreichen. Das andere war unmittelbar unter dem Schlammpasse geblieben, wo Hamra Kul die Nacht bei ihm zubringen wollte. Das Kamel steckte dort buchstäblich im Schlamm, und alle Versuche, ihm herauszuhelfen, waren fruchtlos geblieben. Es hatte seine Kräfte in der Verzweiflung aufs äußerste angespannt, war aber nur immer tiefer in den Morast geraten, der es nun festhielt. Hamra Kul ließ mich hiervon durch einen Kameraden benachrichtigen und mich zugleich fragen, was er tun sollte. Ich schickte zwei Männer mit Proviant und etwas Feuerung zu ihm. Sie sollten alle drei die Nacht bei dem verunglückten Kamele zubringen; am Morgen, wenn die obere Schicht des Bodens ein wenig erstarrt war, so daß man wie auf Eis an das Kamel herangehen konnte, sollten sie versuchen, ob sie es nicht mit Hilfe von Spaten und Filzdecken herauszuziehen vermöchten. Alle übrigen Leute sollten ihnen zu Hilfe kommen, da wir auf jeden Fall einen Tag liegenzubleiben beabsichtigten. Li Loje hatte nämlich nur einen Kilometer weiter flußabwärts viel bessere Weide gefunden, wohin die Tiere schon am Abend geführt wurden.

Alle Versuche, dieses an und für sich gesunde, fehlerfreie Tier zu retten, mißlangen. Es sank während der Nacht immer tiefer ein und wurde, wie die Leute meldeten, am Morgen, halb in diesem heimtückischen, verfluchten Boden festgefroren, tot gefunden. Nur einmal war es mir bisher passiert, daß uns ein Kamel in einem Sumpfe erstickt war, sonst war es uns stets geglückt, die Tiere noch zu retten. Der Leser kann sich einen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die mit der Reise durch ein Land verbunden sind, in welchem sich die Erde auftut, um die Karawanentiere zu verschlingen! Mit jedem Tage wunderte ich mich immer mehr, daß die Kamele sich unter diesen fürchterlichen Strapazen noch so gut hielten.

Während des Ruhetages im Lager Nr. 43 gingen Sirkin und Schagdur auf die Jagd. Nachher berichteten sie, daß sie in einer Entfernung von nur 3 — 4 Kilometer talabwärts Hügel gefunden, die mit vortrefflichem Grase, besserem, als wir je gehabt hätten, bewachsen seien. Turdu Bai hielt sich fast den ganzen Tag draußen bei den Kamelen auf; er hatte sich den Genuß, sie wieder zu sehen, nicht verkürzen wollen. Er erklärte, daß die Weide hier in der Gegend für einen vollen Monat ausreiche und nur ein längerer Aufenthalt die Karawane retten könne. In aller Eile beschloß ich, am folgenden Tage, 24. Juli, nach den Weideplätzen, welche die Kosaken entdeckt hatten, aufzubrechen und dort das große Hauptquartier anzulegen. Dort sollte das Lager befestigt, eine astronomische Ortsbestimmung ausgeführt und die letzte Hand an unsere mongolische Ausrüstung gelegt werden, und von dort wollten wir in der Richtung nach Lhasa aufbrechen. Es war hohe Zeit! Einige Muselmänner hatten auf ihren Streifzügen nach Brennmaterial einen Flintenschuß gehört. Wir hatten vielleicht Nachbarn in der Gegend, und jetzt hieß es aufpassen.

Anfangs war es meine Absicht gewesen, auf dem Ritte nach Süden die beiden burjatischen Kosaken und den Lama mitzunehmen. Da jedoch unsere Ankunft von den Yakjägern, auf die wir so unerwartet gestoßen waren, ganz gewiß schon erzählt worden, wagte ich nicht, nur einen Kosaken im Hauptquartier zurückzulassen. Wenn es auch nicht wahrscheinlich war, daß die Tibeter unseren Rückzugspunkt angreifen würden, so erforderte es doch die Klugheit, auf jede Möglichkeit vorbereitet zu sein. Es konnte noch lange dauern, bis Tschernoff mit den Trümmern der Nachhut anlangte. Daher beschloß ich, auch Tscherdon zurückzulassen, der mit seinem Magazingewehre zur Sicherheit des Lagers beitragen würde. Es tat mir sehr leid, ihm dies mitteilen zu müssen, und ich hatte es möglichst lange hinausgeschoben. Ich wußte, daß es für ihn eine sehr große Enttäuschung sein würde, denn die Wallfahrt nach Dscho (Lhasa) ist in der lamaistischen Welt ebenso verdienstvoll wie der Titel eines Hadschi, eines Mekkapilgers, bei den Muselmännern. Doch ich tröstete ihn damit, daß es wenig wahrscheinlich sei, daß es uns gelänge, die Wachsamkeit, mit der die Tibeter jetzt ohne Zweifel ihre Stadt hüteten, zu täuschen, und versprach ihm, daß er vor dem Ende dieser Reise ebenso wie die anderen Gelegenheit haben sollte, einen Tempel zu besuchen.

Ein Kosak zeigt übrigens nicht, was er empfindet oder denkt, er antwortet nur: „Wie der Herr befehlen!“; der Wille des Vorgesetzten ist für ihn Gesetz. Doch ich wußte nur zu gut, daß diese Wendung der Dinge den guten Tscherdon sehr betrübte.

Für uns drei Pilger wurde die Sachlage dadurch ebenfalls anders — unsere Truppe verkleinerte sich um ein Viertel. Das Unternehmen war jedoch in jedem Falle so gewagt, daß es keine Rolle spielte, ob wir drei waren oder vier.

Viele Fragen stürmten auf mich ein, als wir am 24. Juli aufbrachen. War es das letztemal, daß ich in Gesellschaft meiner Karawane marschierte? Würde ich sie wiedersehen und würde dann im Lager alles ruhig sein?

Es wurde ein kurzer Marsch, kaum drei Kilometer; das Tal fällt ziemlich rasch ab, und der Fluß bildet schäumende Stromschnellen. Er wird unaufhörlich überschritten. Auf den Uferhügeln wird die Weide immer besser, sie ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt, sondern bildet besonders da, wo die Abhänge der Südsonne ausgesetzt und vor den kalten Nordwinden geschützt liegen, kleine Rasenflecke von üppigem, saftigem Grase.

Auf dem flachen Gipfel eines Hügels am linken Ufer des Flusses wurde der wichtige Lagerplatz in 5127 Meter Höhe ausgewählt, wo wir uns unter so eigentümlichen Verhältnissen trennen sollten. Die Weide war hier gut genug, aber vom strategischen Gesichtspunkte aus war die Lage unvorteilhaft. Die Aussicht wurde auf allen Seiten von Hügeln versperrt, die den Lagerplatz beherrschten, und wenn irgendein räuberischer Tangutenstamm auf den Gedanken verfiele, feindselig vorzugehen, würde sich hier ein Überfall mit größter Leichtigkeit ausführen lassen.

Während der beiden Tage, die ich noch im Lager Nr. 44 weilte, wurden die letzten Vorbereitungen zur Abreise getroffen. Die Tiere, die uns begleiten sollten, fünf Maulesel und vier Pferde, wurden mit besonderer Sorgfalt gepflegt und durften die letzten Reste des noch vorhandenen Maises verzehren. Ihre Hufe wurden neu beschlagen, ihre Sättel und Decken ausgebessert.

Alles Gepäck, das wir mitnehmen wollten, wurde in zwei mongolischen Kisten untergebracht. Von den Instrumenten waren es nur 3 Kompasse, 2 Uhren, 1 Aneroid, 2 Thermometer, 3 Paar Schneebrillen und die Veraskopkamera mit 8 Dutzend Platten. Ferner folgende absolut notwendige Dinge: das Blatt Lhasa der asiatischen Karte des russischen Generalstabs, Notiz- und Marschroutenbücher in Miniaturausgaben, sowie Tinte, Papier und Federn, Zirkel, Rasiermesser und Seife, denn jetzt galt es, daß der ganze Kopf stets frisch rasiert blieb; andere Waschutensilien waren nicht nötig, im Gegenteil war es wünschenswert, möglichst schmutzig zu werden, um dadurch eine echtere mongolische Farbe zu erhalten. Eine Schere, eine Laterne, ein Beil, ein Dutzend Stearinlichter und einige Schachteln Zündhölzer, einige Medikamente, 10 Jamben in Silber, Pfeifen und Tabak gehörten zum Unentbehrlichen. Der Proviant bestand aus Mehl, Reis, Talkan und Fleisch. Zehn Konservendosen wurden für die ersten Reisetage mitgenommen; jede geleerte Dose sollte in Seen oder Flüssen versenkt werden, um, falls man uns beobachtete, nicht Verdacht zu erregen. Die Bewaffnung bildete ein russisches Magazingewehr, ein Berdangewehr und ein schwedischer Offiziersrevolver nebst 50 Patronen für jede Waffe. Einige Kleinigkeiten, welche die Mongolen ständig bei sich tragen, fehlten uns auch nicht. Auch ich trug einen Rosenkranz, ein Gavo (Amulettfutteral) mit Götzenbild um den Hals, ein am Gürtel hängendes Messer in Scheide, chinesische Elfenbeinstäbchen zum Essen, einen ledernen Tabakbeutel, ein Feuerzeug mit Stein und Zunder und die lange Pfeife (Abb. 244). An Kleidern, Stiefeln und Mützen hatte jeder von uns eine doppelte Ausrüstung, denn wir hatten alle Aussicht, bald durchnäßt zu werden. Alles, was Gefäß hieß, wie Kochtöpfe, Kannen, Tassen, war echt mongolisch. Das kleinste und leichteste Zelt wurde unsere Wohnung. Für die Nachtwache nähte der Lama einen prächtigen Mantel aus dickem weißem Filz, der sich später als sehr praktisch erwies.

Alle diejenigen Sachen, die bei den Tibetern sofort Verdacht erregt hätten, wurden in der einen Kiste unter dem Proviant verborgen. Vieles davon konnte ohne Bedauern ins Wasser geworfen werden, falls unsere Lage kritisch wurde. Dagegen müßte es uns schon sehr schlecht gehen, ehe ich mich von den Instrumenten und den gemachten Aufzeichnungen trennen würde. Für Uhr, Aneroid, Kompaß und Thermometer hatte ich besondere Taschen im Futter, die so gut versteckt waren, daß nur ein sehr dreister Untersucher imstande sein würde, sie zu entdecken.

Als alles bereit und die astronomische Beobachtung ausgeführt war, wurde die Abreise auf den 27. Juli festgesetzt.

Am letzten Abend verschloß ich meine kostbaren Kisten, außer derjenigen, in der die Chronometer in ihren Futteralen in Watte eingebettet lagen. Sirkin hatte lernen müssen, sie mit größter Vorsicht aufzuziehen, um sie bis zu meiner Rückkehr in Gang zu halten. Ja, vorsichtig war er, ganz übertrieben vorsichtig! Schon am ersten Abend nach unserer Abreise blieb der eine Chronometer stehen, weil Sirkin nicht gewagt hatte, ihn ganz aufzuziehen, aus Furcht, die Feder könnte springen. Dasselbe passierte am Tage darauf mit dem zweiten Chronometer. Es schadete jedoch nicht viel, denn durch Wiederholung der Beobachtungen im Lager Nr. 44 erhielt ich die Zeit später wieder.

Wie gewöhnlich, sollte das meteorologische Observatorium die ganze Zeit über von Sirkin besorgt werden, der zu diesem Zweck einen eingefriedigten Schuppen baute, in dem die Instrumente geschützt standen.

In Gegenwart aller wurde Sirkin feierlich zum Führer und Chef des Hauptquartiers ernannt; seinen Befehlen sollte geradeso gehorcht werden, als ob ich sie selbst erteilt hätte. Doch stand Turdu Bai als Sachverständigem das Recht zu, Vorschläge zum Aufbruche nach einem Punkte in der Nachbarschaft zu machen, sobald das Land um das Lager herum nahezu abgeweidet war. Er hielt es für angemessen, den ersten kurzen Umzug nach etwa zehn Tagen vorzunehmen; sie hatten überreichlich Zeit, sich die allerbesten Weideplätze in der Gegend auszusuchen. Infolgedessen würde das Lager Nr. 44 keine bleibende Statt haben. Damit wir Pilger bei unserer Rückkehr die Unserigen wiederfinden könnten, sollte auf dem ursprünglichen Lagerplatze ein Dokument mit Auskunft über das neue Lager, seine Richtung und seine Entfernung von ersterem, niedergelegt werden. Zogen sie wieder um, so sollte ein neues Dokument deponiert werden.

Ich redete mit jedem der Männer besonders und ermahnte sie, ihre Pflicht zu tun. Li Loje hatte jedoch seine eigenen Pläne. Nachdem er gebeten hatte, mich nach Lhasa begleiten zu dürfen, und dies ihm bestimmt abgeschlagen worden war, bat er, auf demselben Wege, den wir gekommen, über das Gebirge nach Tscharchlik zurückkehren zu dürfen, — 950 Kilometer! Mollah Schah und Hamra Kul wollten ihn begleiten. Da die Sache ein Stück aus dem Narrenhause war, erklärte ich ruhig, es stehe ihnen frei zu gehen, doch könnten wir unter den jetzigen Verhältnissen keine Pferde entbehren; nur Li Loje, der sein eigenes Pferd mitgebracht, könne also reiten. Proviant wolle ich ihnen geben, und Li Loje habe ja auch seine eigene Flinte.

Ich holte die von mir nach und nach zusammengestellte Übersichtskarte herbei und rief ihnen jeden Lagerplatz, auf dem wir seit Tscharchlik gerastet, ins Gedächtnis. Dann prophezeite ich ihnen, wie ihre verrückte Wanderung ablaufen würde. Zuerst würde Mollah Schah, der ein alter Mann sei, zusammenbrechen und zurückgelassen werden, denn er werde doch wohl nicht glauben, daß die beiden anderen einen Kranken auf dem Pferde mitschleppen würden. Dann werde die Reihe an Li Loje kommen, der nicht übertrieben kräftig sei. Hamra Kul würde freilich, sagte ich, da es das Leben gelte und er ein starker, kräftiger Mann sei, Tscharchlik erreichen können. Erreichen aber werde er es nie, denn er werde vorher im Arka-tag von Wölfen überfallen und zerrissen werden. Ich wünschte ihnen jedoch eine glückliche Reise und sagte, ich wollte hoffen, daß Allah seine schützende Hand über ihnen halte.

Sei es, daß diese Schilderung tiefen Eindruck auf sie machte oder daß sie von selbst wieder zur Vernunft kamen, genug, abends erschienen sie als Büßer in meinem Zelte, fielen vor mir auf die Knie und flehten mich an, sie um Gotteswillen hierzubehalten, was ihnen auch in Gnade bewilligt wurde. Ich bin mir nie darüber klar geworden, was für ein böser Geist eigentlich in sie gefahren war, und ich war zu sehr mit meinem eigenen gewagten Plane beschäftigt, um zu versuchen, den Grund zu erforschen. Sie selbst versicherten, die Veranlassung sei nur Heimweh und nicht Furcht vor den Tibetern gewesen, aber Sirkin hatte am selben Tage in einem hinter dem Lager befindlichen Tale die frischen Spuren eines Mannes gesehen, der teils gegangen, teils geritten war, und die Hunde hatten die letzten Nächte wütend gebellt. Es wurde schon im Lager geflüstert, daß wir von Tibetern beobachtet und bewacht würden. Ich glaubte indessen nicht daran, denn Kulane zeigten sich oft bald auf dem einen, bald auf dem anderen Hügel, und die beobachteten Spuren konnten recht gut von ihnen herrühren. Etwa zwanzig Raben kreisten wie schwarze Furien über dem Lager. Unter den ernsten Verhältnissen, in denen wir jetzt lebten, erschienen sie uns abscheulicher als sonst.

234. Berg beim Lager Nr. 16. (S. 126.)
235. Das Steinmal auf dem Knotenpunkte bei Lager Nr. 24. (S. 137.)
236. Weidende Kamele. (S. 141.)
237. Sirkin mit meinem alten Reisekameraden von 1896. (S. 144.)
238. Endlich in einer Gegend mit gutem Wasser. (S. 150.)

Schließlich sprach ich mit Sirkin allein und erklärte ihm die ganze Tragweite des Wagnisses, in das wir uns stürzten. Er hörte schweigend zu, schüttelte aber langsam den Kopf.

„Wenn wir in dritthalb Monaten nicht wieder hier sind“, sagte ich, „so müßt ihr aufbrechen und nordwärts nach Tscharchlik ziehen, von dort aber nach Kaschgar zurückkehren.“

Ich glaubte allerdings nicht, daß man uns totschlagen würde, aber jedenfalls mußte ich mich auf alle Möglichkeiten vorbereiten und solche Anstalten treffen, daß meine Karten und Aufzeichnungen um jeden Preis gerettet würden. Sirkin erhielt den Schlüssel zur Silberkiste, damit er in Tscharchlik eine neue Karawane ausrüsten konnte. Er bekam die Übersichtskarte über den von uns zurückgelegten Weg, und im übrigen würde ihr Ortssinn die Leute nicht im Stiche lassen; sie würden sich ohne Schwierigkeit zurückfinden. Es war freilich wenig wahrscheinlich, daß ein einziges Kamel noch eine solche Reise überleben würde, aber einige der Pferde sollten sie doch wohl aushalten können, und Sirkin wußte, welche Kisten um jeden Preis gerettet werden mußten. Wie lange sie auch im Lager Nr. 44 bleiben würden, stets sollte Tag und Nacht strenge Wache gehalten werden. Besonders da, wo die Tiere weideten, sollten sich stets einige bewaffnete Leute mit ein paar Hunden befinden.

Dann ging ich zum letztenmal unter „zivilisierten“ Verhältnissen zu Bett, schlief sofort ein und erwachte nicht eher, als bis Schagdur kam, um mich zu dem verhängnisvollen Aufbruch zu wecken.