Der Appetit ist so früh am Morgen schlecht. Das Frühstück besteht nur aus Brot und Tee (Abb. 248); doch sobald die Pfeife angezündet ist und man im Sattel sitzt, geht der Tag seinen ebenen Gang, obwohl das Zeichnen der Marschroute die Geduld auf die Probe stellt, wenn man ein Pferd hat, das sich wie eine alte abgenutzte Dreschmaschine bewegt.
Der Tag war ebenso trübe und düster wie die Nacht. Die Sonne läßt sich überhaupt nicht blicken; schwere, schwarze Wolken hängen überall, Vorhängen vergleichbar, und sie sehen so schwer aus, daß man meint, sie müßten herunterfallen und zerreißen.
Der Lama glaubte am Morgen, im Südwesten ein schwarzes Zelt zu sehen, und stimmte dafür, daß wir dorthin reiten und Erkundigungen einziehen sollten; ich zog es jedoch vor, geraden Weges auf den nächsten Paß in den südlichen Bergen, die jetzt von Hagel und Schnee kreideweiß waren, loszugehen.
Sobald wir in das Tal, in welchem ein Bach strömte, eintraten, nahm die Steigung zu und wurde bald steil. Wir verließen das Tal und ritten über Hügel von rotem, pulverisiertem Sandstein im Zickzack zum Passe hinauf. Von dort kamen wir einen steilen Abhang hinunter in ein ziemlich breites, südostwärts führendes Tal.
In einer Talweitung lag der Kadaver eines Schafes mit seiner Last, die aus Salz in einem zweiteiligen Beutel bestand. Wahrscheinlich hatte eine tibetische Schafkarawane unsere kleinen Räuberseen besucht, wo das Salz an einigen Stellen offenliegt und leicht erreichbar ist und wo wir auch Spuren einer Herde gesehen hatten. Feuerstätten werden immer häufiger; von tibetischen Mahlzeiten übriggebliebene Knochen und Schädel liegen umher.
Als unser Tal nach Südwesten abschwenkte, verließen wir es und ritten über die nächste Bergkette, wo Schagdur bald einen ziemlich stark benutzten Weg entdeckte. Von dem Passe hatten wir wieder eine umfangreiche, obgleich wenig aufmunternde Aussicht: Berge und Kämme überall, soweit der Blick nach Süden und Südosten reichte. Kein Mensch, kein schwarzes Zelt in Sehweite! Wir hatten also noch eine Frist vor neugierigen Blicken; aber wir ahnten doch, daß verborgene, schleichende Späher uns nicht aus den Augen ließen.
Der Himmel ist bleischwer und düster, und die Stunden vergehen langsam und ermüdend. Auch der Tag hat seine Spannung; wir wissen nichts von diesem Lande und seinen Verhältnissen, aber wir sind überzeugt, daß früher oder später etwas Außergewöhnliches eintreten wird. Wir müssen jede Minute auf unserer Hut sein, sonst wird uns ein Streich gespielt, wenn wir es am wenigsten erwarten.
Von dem Passe folgten wir einem deutlich ausgetretenen Wege, der in ein an Sümpfen, Tümpeln, Quellen, Bächen und üppiger Weide reiches Tal hinunterführte. Der in Hülle und Fülle vorhandene Yakdung war hier umgedreht worden, um besser zu trocknen; man beabsichtigte also, wiederzukommen und ihn zu holen. Überall waren Spuren von Nomadenlagern sichtbar.
Weiter abwärts schien die Weide abzunehmen. Als wir einen strategisch geeigneten Platz fanden, beschlossen wir daher, für die Nacht hier zu bleiben. Auf der 70 Meter breiten Landenge zwischen zwei kleinen Seen wurde unser nasses Zelt aufgeschlagen. Wir sehen der bevorstehenden Nacht mit einem gewissen Unbehagen entgegen und fragen uns, was sie wohl bringen werde.
Schon um 8 Uhr wurden die Tiere in gewöhnlicher Weise gebunden. Die Luft war ruhig, aber alle Himmelsrichtungen konnten als gleich unsicher gelten. Diese Nacht war noch ärger als die vorige; es war, als ob Tausende von Dachrinnen ihren Inhalt über unser Lager ausschütteten. Aber die hierzulande vorgeschriebene Regenzeit war da, und wir hatten kein Recht, uns zu beklagen. Wenn man, wie ich diesmal, vier Stunden Wache hält und bis auf die Haut naß wird, so weiß man ganz genau, wie ein richtiger, ehrlicher Regen beschaffen sein muß.
Von Zeit zu Zeit saß ich, einigermaßen geschützt, in der Zelttür. Es klatscht in den Packsätteln der Maulesel, von deren Ecken das Wasser in dicken Strahlen rinnt, wie in einer Waschmaschine. Die Tiere schütteln sich, daß die Tropfen nach allen Seiten spritzen. Bisweilen spitzen sie die Ohren, und die Hunde knurren dumpf. Malenki darf frei umherlaufen und schnüffelt auf einem alten Lagerplatze nach Knochen, denn er und Jollbars haben seit ein paar Tagen nichts als Brot bekommen.
Auf einmal fing der eine zu bellen an, und der andere stimmte bald ein. Es war nur ein Schreckschuß, denn nur einer der Maulesel hatte sich losgemacht und spazierte einen Abhang hinauf. Mir blieb nichts übrig, als ihn wieder einzufangen; aber dies war leichter gesagt als getan. Er war munter und lebhaft und sprang umher, und es dauerte lange, ehe ich ihn bei der Halfter packen konnte. Sein Betragen demoralisierte einen seiner Kameraden, der das Manöver wiederholte und gleichfalls mit großer Mühe eingefangen wurde.
31. Juli. Als ich nach mehrstündigem Schlafe geweckt wurde, um beim Einpacken und Beladen zu helfen, stürzte der Regen noch ebenso lustig nieder wie bisher, aber hier gab es keine Gnade: hinauf in den Sattel, sobald der Tag anbrach, und fort nach Südosten über beschwerliches, stark kupiertes Terrain. Jetzt hatte unsere kleine Gesellschaft keinen trockenen Faden mehr an sich, so daß uns der Regen eigentlich wenig genierte; aber wir sehnten uns danach, daß die Sonne sich einmal über uns erbarmte und uns trocknete.
Als ich mich auf meinen weichen, gepolsterten Sattel setzte, tropfte das Wasser aus ihm; nachher erhielt ich vom Regen eine so gründliche Dusche, daß das Wasser von meinen Kleidern in die Stiefel rann, in denen es bei der geringsten Bewegung plätscherte. Erhob ich meinen Arm, so klang es ungefähr, als ob ein Spüllappen ausgerungen werde. Das Ganze war recht betrübend; wenn es doch lieber geschneit hätte!
Der Weg, dem wir noch immer folgten — schon jetzt war deutlich zu erkennen, daß er nach Lhasa führte —, ging über fünf Pässe, von denen jedoch die beiden letzten nur in kleineren Abzweigungen zwischen Tälern lagen, deren Bäche einem Haupttale zuströmten. Im Osten sah man den sich schlängelnden Fluß.
Unser Weg vereinigt sich mit einem anderen, von links kommenden. Er ist deutlich ausgeprägt, weil eine große Yakherde ihn benutzt hat. Infolge des heftigen Regens, der alle Spuren bald vertilgen mußte, konnten wir annehmen, daß die Tiere hier ganz kürzlich, vielleicht erst am Morgen, vorbeigezogen waren, und wenn wir uns beeilten, mußten wir die Karawane noch einholen können.
Es dauerte auch nicht lange, so unterschieden wir ganz fern im Südosten eine Menge schwarzer Punkte; es waren Yake, und später trat auch eine Schafherde aus dem Halbdunkel hervor. Ein Zelt, das bisher verdeckt gewesen war, tauchte am Ufer eines Baches auf. Schagdur und ich ritten weiter, während sich der Lama dorthin begab. Wir nahmen als selbstverständlich an, daß die Besitzer des Zeltes mongolische Pilger seien, und hatten beabsichtigt, uns ihnen anzuschließen; es stellte sich jedoch heraus, daß es Tanguten waren, die nach dem berühmten „Tempel der zehntausend Bilder“ in Kum-bum pilgerten. Sie blieben auf jedem Lagerplatze einen oder mehrere Tage, reisten sehr langsam und waren, ihrer Meinung nach, noch eine Monatsreise von Lhasa entfernt. Sie zeigten bedenklich viel Interesse für uns und wollten alles wissen, wer und wie viele wir seien, woher wir kämen, wohin wir zögen usw. Sie hatten 50 Yake, einige Pferde und drei Hunde, die von Jollbars und Malenki greulich zerzaust wurden.
Die Schafherde zählte nicht weniger als 700 Tiere und wurde von einer alten Frau gehütet, die augenscheinlich an Pilger gewöhnt war, denn sie zeigte keine Furcht. Nach all dem Regen, Schmutz und Dreck sahen wir wie leibhaftige Vagabunden aus, und kein Ritter von der Landstraße brauchte sich mehr vor uns zu schämen. Die Eleganz war gewissenhaft abgespült worden.
Die Alte teilte uns mit, daß wir im nächsten Tal ein schwarzes Zelt finden würden, wo man uns alles, dessen wir bedurften, vor allem Auskunft über den Weg nach Lhasa geben könne.
Einen Kilometer von dem Zelte, das sich richtig an der angegebenen Stelle befand, lagerten wir, der Vorsicht halber noch immer auf freiem Felde.
Der Lama begab sich sofort zu den Tibetern und kehrte sehr befriedigt zurück. In dem Zelte, das von Hunden bewacht war, hatte er einen jungen Mann und zwei Frauen angetroffen, die sich entschuldigten, uns heute Schafe, Milch, Fett und Tsamba nicht verkaufen zu können, da es Feiertag sei; wenn wir uns aber bis morgen geduldeten, so sollten wir erhalten, was sie abgeben könnten. Womit sie uns aber gleich versehen könnten — weil wir friedliche Mongolen seien —, sei trockener Yakdung. Der Lama brachte einen ganzen Sack voll mit; es war zu schön, denn sonst wäre es uns in der ewigen Nässe kaum möglich gewesen, ein Feuer anzumachen. Auf die Frage, ob sie uns zwei Pferde verkaufen würden, hatte er die Antwort erhalten, daß darauf nur der Hausherr, der ausgegangen sei, Bescheid geben könne.
Der Lama hatte kaum über seine Mission Bericht erstatten können, als auch schon der in Frage stehende Mann in eigener hoher Person auf einem Hügel erschien, wo er in gebührender Entfernung stehenblieb und uns betrachtete. Ohne Ziererei oder Furcht kam er mit, als der auf ihn zugehende Lama ihn zu uns einlud, und setzte sich vor der offenen Zelttür auf den nassen Boden.
Dieser unser erster Tibeter mochte ein Mann von 40 Jahren sein; sein Name war Sampo Singi. Ein mehr schwarzes als sonnverbranntes, bartloses, runzeliges Gesicht; rabenschwarzes, schmutziges Haar in zottigen Strähnen, aus denen das Regenwasser auf den zerlumpten, sackähnlichen Mantel niedertropfte, Stiefel von grobem, ursprünglich weißem Filz, eine Leibbinde mit daranhängendem Tabaksbeutel und einer Pfeife, alles greulich schmutzig; dies war seine äußere Erscheinung. Sampo Singi war barhäuptig und, bis auf die Stiefel, barbeinig; mit anderen Worten, er hatte keine Hosen an. Es muß erfrischend sein, unter solchen Umständen bei Regenwetter zu reiten!
Unaufhörlich schneuzte er sich mit den Fingern mit einer bewundernswerten Energie; der Sicherheit halber machten wir es ebenso, da man ja nicht genau wissen konnte, ob die tibetische Etikette derartige demonstrative Handgreiflichkeiten in Gegenwart von Fremden nicht geradezu vorschrieb. Das Bild, das wir bei dem Regenwetter boten, muß ein Anblick für Götter gewesen sein; schade, daß es weiter niemand sehen konnte.
Sampo Singi untersuchte ganz ungeniert unsere Effekten — Instrumente und Tagebuch hatte ich rechtzeitig eingesteckt. Unsere oben engen, nach unten weiter werdenden Holznäpfe gefielen ihm besonders, und er machte die sachverständige Bemerkung, daß die Mongolen stets derartige Gefäße hätten. Mir gegenüber zeigte er kein Mißtrauen, war ich doch beinahe ebenso schmutzig wie er selber.
Nachdem die Bekanntschaft gemacht war und die Vertraulichkeit zugenommen hatte, gelang es dem Lama, aus Sampo Singi herauszuquetschen, daß unser gestriger Lagerplatz zwischen den beiden kleinen Seen Merik hieß. Den Fluß, den wir heute im Osten gesehen und ziemlich nahe zur Linken gehabt hatten, nannte er Gartschu-sängi. Der heutige Lagerplatz trug den Namen Gom-dschima, und der nächste Gebirgskamm im Südwesten hieß Haramuk-lurumak. Er teilte uns auch mit, daß wir während zweier weiterer Tagemärsche kaum Aussicht hätten, Nomaden zu treffen, auf dem dritten aber würden wir auf viele Zelte stoßen. Wenn wir kurze, langsame Tagereisen machten, würden wir bis Lhasa 12 Tage brauchen, marschierten wir aber so tüchtig wie heute (42,2 Kilometer), so würden wir die Stadt in 8 Tagen erreichen. Der Weg, auf dem wir uns jetzt befanden, führte richtig nach dem Passe Lani-la.
Schagdur und der Lama pflegten zu schnupfen, und Sampo Singi nahm sich auch eine gehörige Prise. Das hätte er jedoch lieber nicht tun sollen, denn er geriet in ein verzweifeltes Niesen, das gar kein Ende nehmen wollte. Er nahm es aber nicht übel, daß wir über ihn lachten. Ganz unschuldig fragte er, ob wir unseren Schnupftabak zu pfeffern pflegten, und ließ sich nicht in Versuchung führen, als ihm noch eine Prise angeboten wurde.
Jetzt besann sich Schagdur auf seine Würde und brüllte mich an: „Geh und treibe die Pferde ein, Bursche! Was hast du hier zu gaffen?“ Man konnte nicht wissen, ob Sampo Singi Mongolisch verstand, jedenfalls sah er nicht im mindesten erstaunt aus, als ich sofort nach den Hügeln lief und unsere Tiere nach dem Zelte zu treiben begann. Bevor ich weit mit ihnen gekommen war, hatte sich der Alte zum Glück entfernt, sonst würde seine Intelligenz mehr als ausreichend gewesen sein für die Überlegung: „Der Bursche da hat noch in seinem ganzen Leben keine Maulesel eingetrieben!“ Hatte ich sie endlich alle auf einem Haufen, so gefiel es dem Sarik Kullak oder „Gelbohr“, nach dem vortrefflichen Grase, von dem ich ihn eben fortgejagt hatte, zurückzugaloppieren. Ich mußte umkehren und das Vieh von neuem holen; aber wenn ich zum Haufen zurückkam, hatte sich dieser zerstreut, und mit der Disziplin war es vorbei. Schließlich erwischte ich drei Maulesel und ließ sie nicht eher wieder los, als bis sie festgebunden waren.
Unter dem Zelttuche der schweren Wolkenmassen warf die Sonne noch beim Untergehen einen Abschiedsblick hervor, der einige Minuten über die Weidegründe der ersten Nomaden hinstrahlte, und gegen 9 Uhr machte uns auch der Mond einen flüchtigen Besuch. Aber schon gleich nach 10 Uhr erhob sich der Weststurm, und ich, der ich die Wache hatte, mußte das Zelt, so gut es gehen wollte, festmachen. Eines der im Laufe des Tages gezeichneten Kartenblätter flog in die Nacht hinaus, wurde aber noch eingeholt und gerettet. Dann strömte der Platzregen wieder taktfest und trostlos von dem gleichmäßig schwarzen Himmel herab; nur mit Mühe konnte ich sehen, wo die Tiere standen.
In dieser Nacht fühlten wir uns bedeutend ruhiger als gewöhnlich. Seit dem unerwarteten Zusammentreffen mit den Yakjägern hatten wir keine Eingeborenen getroffen, wohl aber hatten wir sie wie böse Geister um uns herumspuken gefühlt, ja sie hatten uns sogar einmal überrumpelt. Jetzt dagegen, da wir friedliche Nomaden als nächste Nachbarn hatten, brauchten wir kaum nächtliche Besuche zu fürchten, und Sampo Singi hatte uns versichert, daß hier in der Gegend keine Räuber umherstreiften. Doch für alle Fälle wurde der Nachtdienst auf dieselbe Weise wie gewöhnlich verrichtet. Der einzige Unterschied war, daß ich im Zelte ein kleines Feuer unterhielt, das noch mehr dazu beitrug, unsere bereits genügend eingeschmutzten Sachen zu schwärzen.
1. August. Als ich mit den Worten: „Drei Tibeter kommen auf Besuch“ geweckt wurde, regnete es merkwürdigerweise nicht. Ich sprang auf und versteckte die Kleinigkeiten, die einen geheimnisvollen Fremdling hätten verraten können. Zwei Männer und eine Frau erschienen; daß sie in friedlicher Absicht kamen, sah man schon von weitem, denn sie führten ein Schaf am Strick und trugen verschiedene Sachen.
Sampo Singi führte wieder das Wort und reihte seine Delikatessen an unserem Feuer auf. Ach, was für schöne Sachen; jetzt würden wir nach der knappen Kost der letzten Tage wie Fürsten tafeln! Ein großes Stück Fett (Mar), einen Napf saure Milch (Scho), eine hölzerne Schale mit Käsepulver (Tschorá), eine Kanne Milch (Oma) und einen Klumpen Sahne (Bema): konnten wir uns ein lukullischeres Frühstück wünschen?
Alles war Primaware, außer der Sahne, die beinahe an einen Bund aufeinandergelegter, bedenklich rußiger und haariger Hautlappen erinnerte. Das Käsepulver ist eines der Ingredienzien der „Tsamba“, die im übrigen aus Mehl, Tee, Fett- oder Butterstücken, was man gerade hat, alles in einer Schüssel verrührt, zu bestehen pflegt. Ich muß gestehen, daß es mir nie gelungen ist, mich an diese von den Mongolen hochgepriesene Delikatesse zu gewöhnen.
Um so besser wußte ich die sauere Milch zu würdigen. Sie übertraf alles, was ich mir hatte denken können, und hätte mir ein höheres Wesen, als sie verzehrt war, unter allen Delikatessen der Erde freie Wahl gelassen, so würde ich ohne Zögern um noch etwas sauere Milch gebeten haben! Sie war dick, weiß und säuerlich; in der ganzen Welt hat die „Scho“ der Tibeter nicht ihresgleichen!
Alles dieses sowie das Schaf sollten nun bezahlt werden, und Schagdur zog einige chinesische Silberstücke hervor. Sampo Singi wog sie und fand sie gut, erklärte aber, nur Silbergeld von Lhasa annehmen zu können. Da wir solches nicht besaßen, prüften wir ihn auf seine Empfänglichkeit für blauen chinesischen Stoff, und das wirkte. Mit wahrem Genusse strich er darüber hin und ließ ihn zwischen den Fingern rauschen; er besah ihn in der Nähe und aus der Ferne, mit einem Worte: er hatte angebissen. Die Schweinsaugen seiner edeln Gattin glänzten vor Begierde. Wir hatten von diesem Zeuge zwei Pakete zu Tauschzwecken mitgenommen, und Sampo Singi wollte das eine haben. Das asiatische Parlamentieren und Feilschen begann, und schließlich mußte er sich mit 12 Ellen, dem dritten Teile eines Paketes, begnügen. Pferde konnte er jedoch nicht entbehren, so sehr wir ihn auch in Versuchung führten. Als der Handel abgeschlossen war, hielt jede Partei die andere für übervorteilt.
Nun baten wir Sampo Singi, das Schaf zu schlachten und zu zerlegen, dann sollte er als Lohn für seine Gastfreiheit und für die uns erwiesene Freundlichkeit das Fell behalten dürfen; hiermit war er sehr zufrieden. Ich beobachtete mit diplomatischer Gleichgültigkeit, wie er dabei vorging. Er legte das Tier auf die linke Seite und band ihm drei Beine zusammen, das linke Vorderbein aber ließ er frei. Dann schnürte er ihm einen dünnen, weichen Lederriemen mehreremal sehr fest um das Maul. Darauf legte er den Kopf des Schafes so, daß die beiden wagerechten, Korkzieher ähnlichen Hörner den Boden berührten, und stellte sich auf sie. Das Schaf lag jetzt wie in einem Schraubstock mit seinem Kopfe am Boden festgenagelt. Als Sampo Singi so weit war, steckte er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in die Nasenlöcher des gefangenen Schafes, um es durch Ersticken zu töten. Ich sah heimlich nach der Uhr, wieviel Minuten hierzu erforderlich sein würden, vergaß nachher aber, das Resultat aufzuschreiben; doch erinnere ich mich, daß es eine geraume Zeit dauerte und für mich eine entsetzliche Pein war, das arme Tier zappeln und zucken zu sehen, während seine Augen immer weiter aus ihren Höhlen traten. Die ganze Zeit über betete der Alte mit verzweifelter Zungengeläufigkeit „Om mani padme hum“, was mich an die Art der Muselmänner, Schafe zu töten, erinnerte. Wie um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen und dem Schöpfer zu schmeicheln, plappern auch sie Gebete zum Lobe des Ewigen her, während sich der kalte Stahl von unschuldigem Blute rötet.
Endlich wurde das Schaf still, seine Beine fielen schlaff nieder, und Sampo Singi richtete sich auf. Es war hart, diese Tierquälerei mitanzusehen, ohne sie verhindern zu dürfen. Ich hütete mich aber wohl, mich und meine Gefühle zu verraten, und im übrigen ist auch jede Einmischung in alte, feststehende Gebräuche völlig nutzlos.
Sodann frühstückten wir miteinander von den gekauften Milchspeisen, und die Hunde erhielten zum Lohn für ihren tadellosen Wachtdienst eine tüchtige Portion Fleisch. Die Frau war von ihrem Zeuge derart entzückt, daß sie ganz den Appetit verloren hatte und nur bald diesem, bald jenem von uns freundlich zunickte. Ihre Kleidung war die der Männer; das struppige schwarze Haar war in zwei Zöpfe geteilt, stand aber eigentlich in rattenschwanzähnlichen Büscheln nach allen Ecken und Enden. Sie trug Filzstiefel mit einfacher Buntstickerei, die einst recht hübsch gewesen war. Wie sie es angefangen hatte, so fabelhaft schmutzig zu werden, wie sie war, begriff ich nicht, beneidete sie aber aufrichtig darum. Meine vermutlich feinere Haut wurde unaufhörlich vom Regen „rein“ gewaschen, auf ihrer Haut aber saß die Schmutzschicht so dick und kompakt, daß sie mit Aussicht auf Erfolg als Treibbeet für Frühkartoffeln hätte benutzt werden können. Die Poren in der Gesichtshaut der Tibeter müssen verschwunden sein; jedenfalls ist es sicher, daß ihre Öffnungen beständig verstopft bleiben.
Sampo Singi half uns bereitwillig beim Beladen unserer Tiere. Das Zelt war von all den Regenschauern, die es eingesogen hatte, doppelt so schwer geworden.
Der ehrliche Nomade wünschte uns glückliche Reise nach Lhasa und angenehmen Aufenthalt in dieser Stadt, und der Lama versicherte, er habe dies in so manierlicher Weise getan, daß ihm die lamaistischen Finessen sichtlich nicht fremd seien. Es war ihm augenscheinlich nicht darum zu tun, uns noch hier zu behalten; sonst hätte er uns gewiß vor dem bevorstehenden Tagemarsche gewarnt. Er sagte nur, daß wir einen Paß zu überschreiten hätten und daß der Weg nach Lhasa überall deutlich erkennbar sei, weiter nichts. Wir versprachen, ihn auf dem Rückwege wieder aufzusuchen. Wir taten dies auch, aber ohne Erfolg, denn er hatte seine Penaten bereits nach anderen Weideplätzen geflüchtet.
In halber Dämmerung brachen wir um 9 Uhr auf; der Himmel verhieß uns wenig Gutes, und bleischwer hingen die Wolken über der Erde. Über Hügel und Bergausläufer näherten wir uns dem Flusse Gartschu-sängi, der bei näherer Besichtigung nichts weniger als einladend aussah. Sein Tal drängt sich zusammen, und die schwere Wassermasse rauscht dumpf unten zwischen den Felsen, während wir oben dem oft ziemlich beschwerlichen und gefährlichen Wege über Pässe und Höhen folgen. Murmeltiere und Hasen kommen hier besonders häufig vor, und die Hunde machen sich mit ihrer Verfolgung viele unnötige Mühe.
Fünf Minuten, nachdem wir Gom-dschima verlassen hatten, brach die heutige Regenflut los, und peitschte die Erde wie mit Ruten; bald waren wir wieder pudelnaß (Abb. 249).
Nachdem wir über einen letzten kleinen Paß und einen steilen Abhang hinuntergegangen waren, erweiterte sich die Landschaft, und vor uns dehnte sich ein ebener Talgrund aus, der im Süden, soweit man vor dem Regen sehen konnte, nicht von Bergen begrenzt wurde. Den Gartschu-sängi verloren wir auf der linken Seite aus den Augen.
In zähem Schlamme geht es nach Südosten weiter, und wir hüten uns, den Weg aus dem Auge zu verlieren. Der Regen spült über die Erde, unsere Sättel rutschen in der Nässe hin und her, unsere förmlich am Leibe klebenden Anzüge glänzen von Wasser, und aus den Mähnen der Pferde rieselt es. Wenn die Hunde stehenbleiben, um sich zu schütteln, sind sie von einer Wolke sprühender Tropfen umgeben.
Eine Strecke weit ist das Terrain wieder etwas kupiert, das Gras ist gut, und man sieht oft verlassene Lagerplätze.
Jetzt führte der Weg gerade nach dem rechten Ufer eines so breiten, gewaltigen Flusses, daß wir ihn von fern für einen See hielten, dessen gegenüberliegendes Ufer vom Regen verschleiert wurde. Doch das laute Aufschlagen der Regentropfen auf der Wasserfläche wurde bald durch ein dumpferes Getöse wie vom Heranwälzen großer Wassermassen übertönt. Auch die gelbe, trübe Farbe verriet einen Fluß, und als wir am Ufer standen und die Wellen nach Westsüdwesten rollen sahen, war unser Schicksal deutlich besiegelt, denn hinüber mußten wir um jeden Preis.
Der Fluß, der kein anderer war als der Satschu-sangpo, den schon Bonvalot, Prinz Heinrich von Orleans und Rockhill vor mir in derselben Gegend überschritten hatten, war infolge des ewigen Regens zu ungeheuren Dimensionen angeschwollen und teilte sich in seinem breiten Bette in 20 Arme, von denen jeder an und für sich schon einen ziemlich großen Fluß bildete. Vier Arme waren kolossal, und es erschien mir fast unmöglich, sie zu durchwaten. Doch ohne einen Augenblick zu zögern und ohne die Furt erst genauer zu untersuchen, ging der Lama, der stets voranritt, gerade in das Wasser hinein, und die beiden anderen Pilger folgten ihm. Es lief noch glücklich ab, und nur ein paarmal betrug die Tiefe mehr als einen Meter. Ich erwartete immer, den Lama, der den kleinsten Maulesel ritt, in den trüben Wellen verschwinden zu sehen. Von der Tiefe kann man sich bei so trübem Wasser vorher natürlich keinen Begriff machen.
Wir hatten uns über die halbe Anzahl von Armen hinübergearbeitet und rasteten einige Minuten auf einer Schlammbank mit kaum fußtiefem, langsam fließendem Wasser. Man atmet von seiner Angst um die kleine Gesellschaft auf und freut sich, so weit gekommen zu sein. Die Annehmlichkeit der Lage ist jedoch zweifelhaft. Hinter uns der halbe Fluß, vor uns die andere Hälfte, und wir stehen mitten in dieser rauschenden, tosenden Wassermasse, die vom Tale herunter auf uns losstürmt und die Absicht zu haben scheint, uns zu überwältigen und mitzureißen. Es schwindelt einem vor den Augen; die ganze ausgedehnte Wasserfläche ist auf allen Seiten in Bewegung, doch uns kommt es vor, als wären wir es, die durch das Tal jagen. Die Ufer sind vor dem Regen, der die Wasserfläche peitscht, nicht zu sehen; jeder Bach, jede Rinne in der Nachbarschaft trägt zum Anschwellen des Flusses bei, jeder Tropfen liefert seinen Tribut zum unwiderstehlichen, gewaltsamen Vorwärtsstürmen der Wassermasse.
Der Lama stemmte seinem Maulesel die Fersen in die Seite und begab sich wieder in tiefes Wasser hinein. Er hatte noch nicht zehn Schritt zurückgelegt, als es dem Maulesel schon bis an die Schwanzwurzel ging und der Reiter die Knie hochziehen mußte, um wenigstens die Stiefelschäfte über dem Wasser zu haben. Der Maulesel, der unsere beiden mit Leder überzogenen Kisten trug, geriet in eine höchst bedenkliche Lage. Die Kisten wirkten, bevor das Wasser in sie hatte eindringen können, wie Korkkissen, und das Tier verlor infolgedessen den Boden unter den Füßen, beschrieb dabei einen halben Bogen und wurde mit unwiderstehlicher Kraft von der Strömung ergriffen. Der Strudel riß das Tier natürlich in den schnellsten Strömungslauf, wo nur noch sein Kopf und die beiden Kisten über dem Wasser sichtbar waren. Ich gab es verloren, aber es zog sich auf bewunderungswürdige Weise aus der Geschichte. Beim Herumtasten im Flusse stieß es schließlich wieder auf festen Grund und es war gerade so dicht an das linke Ufer getrieben worden, daß es selbst hinaufkletterte, wobei es die jetzt halb mit Wasser gefüllten Kisten noch immer im Gleichgewichte auf dem Rücken hatte. Die Strömung hatte das Tier aber schon so weit abwärts getrieben, daß es ziemlich lange Zeit erforderte, um es wieder zu holen.
Sobald wir das Manöver des Maulesels gewahrten, schrien wir dem Lama verzweifelt zu, er solle umkehren; er hörte aber keinen Ton. Das Wasser wirbelte und schäumte um ihn herum wie unterhalb eines Mühlrades, er setzte sich aber nur höher in den Sattel und trieb seinen Maulesel an, der immer tiefer sank. Seine Todesverachtung war bei dieser Gelegenheit großartig, wenn man bedenkt, daß er, wie wir, mit einem schweren, tropfnassen Schafpelze bekleidet war und obendrein überhaupt nicht schwimmen konnte. Ich hatte die Leibbinde abgenommen und den Pelz aufgeknöpft, damit ich ihn jeden Augenblick abwerfen konnte, und ich war vollständig auf ein Bad vorbereitet, obgleich ich durchaus keine Sehnsucht danach verspürte. Man wird in der nebelkalten Luft steif und unlustig, und das Wasser ist zu kalt, um einladend zu sein, wozu noch kommt, daß jetzt alles, was Waschen und Reinlichkeit heißt, unseren mongolischen Prinzipien widerstreitet.
Das Glück steht jedoch dem Kühnen bei. Bald sahen wir den Maulesel sich höher aus dem Wasser erheben, und der Lama konnte die Stiefel wieder in die Steigbügel stecken. Für uns, die wir auf unseren hohen Pferden saßen, war der Übergang weniger gefährlich.
Der Satschu-sangpo hatte jedoch beschlossen, mich zur Strafe für unser dreistes Unterfangen nicht ohne eine kleine Taufe zu entlassen. „Wagst du es zu versuchen, nach dem Allerheiligsten von Tibet vorzudringen, so sollst du wenigstens nicht vergessen, daß du dem Hindernisse, das ich dir in den Weg gelegt habe, Trotz geboten hast.“
Der letzte Arm, einer der vier größten, war nur 30 Meter breit, aber tief, schäumend und reißend. Ich war ein wenig zurückgeblieben und hatte nicht gesehen, wo die anderen, die sich bereits am Ufer befanden, hinübergewatet waren. Daher ritt ich gerade auf ihren Landungsplatz zu. Das Wasser stieg um mich herum immer höher, und der Schimmel sank immer tiefer. Mir wurde schwindlig, als das Wasser mir über die Stiefelschäfte ging, dann aber stieg es über die Knie, über den Sattel, und bald guckten nur noch Hals und Kopf des Pferdes aus den um mich herumschäumenden Wellen hervor. Der Lama und Schagdur standen am Ufer, brüllten mir etwas zu und zeigten, wo die Furt ging; ich aber hörte nichts als das Tosen der Wassermassen. Nun ging mir das Wasser schon bis an die Rippen, und es wurde Zeit, das Pferd seinem Schicksal zu überlassen. Doch gerade in diesem Augenblick verlor es den festen Boden unter den Füßen und begann zu schwimmen, und ich hielt mich unwillkürlich an seiner Mähne fest. Dies war klug, denn bald hatte das Pferd wieder Grund gefaßt und erkletterte schließlich mit verzweifelter Anstrengung das steile Ufer, wo das Wasser von Roß und Reiter nur so herabströmte. Mein Bad hatte ich bekommen, und zwar gründlich, und vor Aufregung zitterten mir noch eine ganze Weile die Knie.
An und für sich hatte die Taufe wenig zu sagen, denn wir waren schon vom Regen durchnäßt, aber letzteren ziehe ich doch dem direkten Untergetauchtwerden vor. Alle unsere Sachen, Zelt, Kisten, Kleider und Proviant, waren ebenso übel daran. Waren die Lasten an diesem Tage schon von oben herab angefeuchtet worden, so wurden sie durch die Berührung mit dem Flusse auch noch von unten gründlich eingeweicht. Nach dieser Wasserprobe sah unsere kleine Schar am Ufer noch jammervoller aus als je zuvor. Wir waren aber doch froh, den Übergang bewerkstelligt zu haben, denn keiner konnte wissen, wie lange es noch zu regnen fortfahren würde, und vor Beendigung der Regenzeit würde der Fluß sicherlich nicht fallen.
Es hatte uns 26 Minuten gekostet, über das ganze Flußbett hinüberzugelangen, aber es war auch langsam gegangen, und zwischen den Armen war das Bett teilweise wasserfrei. Mein Pferd machte, wenn ich nur die wasserführenden Teile der gigantischen Rinne rechne, 716 Schritte, also ungefähr 500 Meter. An eine Berechnung der Wassermenge ist bei einem so zersplitterten Flusse und unter so schwierigen Verhältnissen nicht zu denken, und ich hatte auch — im Pilgergewande — wenig Ruhe und Lust dazu. Ich taxiere sie jedoch annähernd auf 200–250 Kubikmeter in der Sekunde. Nur während der Regenzeit, und auch dann nur selten, steigt der Satschu-sangpo zu so kolossalen Dimensionen an. Er ist jedenfalls einer der größten Flüsse im inneren Tibet. Ich spreche dabei natürlich nicht von denjenigen, die sich ins Meer ergießen, sondern nur von denen, die von der Quelle bis zur Mündung innerhalb des Landes bleiben und ihr Wasser in abflußlose Salzseen entleeren. Ich sollte später Gelegenheit erhalten, den untersten Teil des Laufes dieses Flusses genauer kennen zu lernen.
Grau, kalt und wüst sah die Landschaft in Westsüdwest aus, wo das Tal im Regennebel verschwand, und triefend ließen wir den Satschu-sangpo mit Freuden hinter uns zurück. Meine Stiefel waren bedenklich mit Wasser gefüllt, und ich fand bald, daß es unnötig sei, ihren Inhalt mitzuschleppen, obgleich es nicht das erstemal war, daß ich in den Stiefeln Wasser trug. Doch als dies 1895 in der Wüste Takla-makan geschah, sollte ich damit einem Menschen das Leben retten, während wir jetzt durchaus keine Veranlassung hatten, über Wassermangel zu klagen. Ich hielt daher, leerte die Stiefel aus, band sie hinten an den Sattel und ritt barfuß weiter. Die Kisten waren weniger dichte Wasserbehälter; als wir lagerten, war die ganze Flüssigkeit aus ihren unteren Ecken herausgetropft.
Es dauerte nicht besonders lange, bis wir lagerten, denn für heute hatten wir genug. Wir blieben an einem kleinen Bache auf einem grasreichen Hügel, wo der Regen ohne Schlammbildung in den Boden eingesickert war. Der Bach schwoll vor Einbruch der Dunkelheit wohl dreimal so hoch an, wie er ursprünglich war, und ich seufzte bei dem Gedanken an das jetzige Aussehen des Flusses erleichtert auf; jetzt wäre es absolut unmöglich gewesen, ihn zu überschreiten. Sampo Singi hatte uns gewiß mit Fleiß nicht gewarnt, weil er vielleicht gefürchtet hatte, daß wir in solchem Falle zu lange auf seinen Weideplätzen bleiben würden, oder er mochte auch keine Lust gehabt haben, uns zu begleiten und uns die beste Furt zu zeigen.
Unser Lager mußte sich diesen Abend mit einer Zahl, Nr. 50, begnügen, denn wir wußten nicht, wie die Gegend hieß. Es war ein recht angenehmes Lager! All unser Gepäck war durch und durch naß und verschiedene Sachen ruiniert. Der Lama war hauptsächlich über seine Apotheke, d. h. seine in Papieren und Beuteln verwahrten Medikamente und heilbringenden Samen, betrübt.
Wie sollte es unter diesen Umständen mit dem Feueranmachen gehen? Yakdung lag zur Genüge umher, aber er war ebenfalls naß. Nach mehreren ebenso energischen wie vergeblichen Versuchen glückte es uns schließlich doch. Der Dung wurde von seiner feuchtesten Oberschicht befreit, und mit Aufopferung einiger Papierstücke brachte ich ihn zum Brennen. Unsere Tiere liefen, solange es hell war, frei auf der Weide umher; wir selbst hatten alle Hände voll damit zu tun, unsere Kleidungsstücke wenigstens von der Hauptmasse des Wassers zu befreien. Ich zog mich aus und kauerte vor der nichts weniger als aromatisch duftenden Argolglut, an der ich meine Kleider trocknete, nachdem ich so viel Wasser wie nur irgend möglich aus ihnen herausgerungen hatte.
Wir wechselten einander als Blasebalg beim Feuer ab, sonst wäre es bald erloschen. Es ist eine wenig dankbare Aufgabe, bei Regenwetter Kleider zu trocknen, aber auf die Gefahr hin, sie anzusengen, gelang es uns doch, die Feuchtigkeit einigermaßen aus ihnen herauszubringen.
Erbarmungslos und grausam senkte sich die Nacht über die Erde herab, und der Mond fand keine Gelegenheit, auch nur den allerflüchtigsten Blick auf Tibets naß geregnete Gebirge zu werfen. Ich war nach vier Stunden mit der gewissenhaften Verrichtung meines verantwortungsvollen Nachtdienstes fertig. Kalt und düster, windig und dunkel war es, und es regnete immerzu. Das Zelttuch flattert und schlägt wie ein im Winde schwellendes Segel; ich glaube schleichende Schritte oder herangaloppierende Reiter zu hören. Von zwei verschiedenen Seiten schallen Rufe durch die Nacht. Vielleicht nähern sich die Kum-bum-Pilger; aber nein, diese waren gewiß nicht so verrückt wie wir, jetzt über den Satschu-sangpo zu reiten.
Man wird nervös von der Nachtwache und dadurch, daß der Tag ebenso reich an Spannung ist wie die Nacht. Jetzt ist es kein Geheimnis mehr, daß wir unterwegs sind; wir sind bereits mit den ersten Tibetern zusammengetroffen. Unsere Lage wird mit jedem Tage kritischer; unter wechselnden Geschicken und ungewissen Schicksalen entgegen geht unser Weg immer tiefer in dieses geheimnisvolle Land hinein. Wir nähern uns langsam und sicher dem Ziele, aber müde sind wir; ich sehne mich beinahe danach, irgendwie festzusitzen, damit wir ausschlafen können.
Ich glaubte freilich, daß jetzt, nachdem wir zwei schwere Proben, den Räuberüberfall und den Satschu-sangpo, überstanden hatten, das Glück unsere Reise begünstigen und uns Lhasa erreichen lassen müßte. Es war wie in einem Märchen, wo der Held erst durch Feuer und Wasser gehen muß, ehe er den Preis gewinnt und das erträumte Ziel erreicht.
Auch in dieser Nacht rissen sich einige Tiere während meiner Wache los, und es dauerte ziemlich lange, bis sie wieder eingetrieben waren. Meine beiden Reisegefährten lagen in schwerem Schlaf in unserer nassen Höhle. Der Lama ist jedoch guten Mutes und sieht unsere Aussichten in hellem Lichte, was man ihm, der anfangs durchaus nicht mitwollte, wirklich nicht hätte zutrauen können. Schagdur ist ruhig und ernst. Beide sind prächtige Menschen, gerade solche Leute, wie man sie um sich haben muß, um sich sicher zu fühlen, und deren man bedarf, wenn ein derartiges Abenteuer nicht ein Ende mit Schrecken nehmen soll.
In dieser Mitternachtstunde wartete ich keine Minute über 12 Uhr mit dem Wecken, sondern rüttelte Schagdur unbarmherzig wach; er kroch in das Regenwetter hinaus, nachdem er seine Flinte untersucht hatte, während ich in unser klägliches Nest schlüpfte. Er war zu schlaftrunken und ich zu schläfrig, um zu reden; ohne ein Wort auszutauschen, wechselten wir den Platz.