Eiligst kleidete ich mich in den mongolischen Anzug und wurde vom Scheitel bis zur Sohle ein Mongole (Abb. 245). Die während des Rittes zu gebrauchenden Instrumente, sowie Tabak und Fernglas wurden in ihren Verstecken untergebracht. Schon vom ersten Augenblick an fühlte ich mich in meinem mongolischen Rocke sehr gemütlich; er saß weich und gut, und das einzige, was ich entbehrte, waren die vielen Taschen, die ich in meinem Ulster hatte. Der Kompaß und das Marschroutenbuch wurden einfach vorn in den Rock gesteckt und von der gelben Leibbinde festgehalten. Auf dem Kopfe trug ich eine gelbe Mütze mit aufgekrempeltem Vorderrand. Die dicken, plumpen Mongolenstiefeln, mit denen ich schon lange gegangen war, damit sie genügend getragen und abgenutzt aussähen, paßten mir vortrefflich und waren infolge ihrer dicken Sohlen und aufwärtsgekehrten Spitzen auf feuchtem Terrain außerordentlich praktisch. Der Rock selbst hatte eine tiefdunkelrote Farbe. Der gelbe Pelz war heute morgen nicht nötig, da die Sonne sehr freundlich schien und Fliegen und Schmetterlinge die Luft erfüllten.
Ich sollte meinen Schimmel reiten, der jetzt schon lange wiederhergestellt war, und war gerade dabei, meinen weichen, bequemen Mongolensattel zurechtzurücken, als Sirkin von hinten kam und mich auf Mongolisch anredete. Er stockte jedoch sofort in seiner Rede und war ganz verdutzt, als er sah, daß ich es war; er hatte geglaubt, es sei der Lama. Ich fühlte mich durch diesen Irrtum außerordentlich geschmeichelt; meine Verkleidung konnte also entschieden für genügend gelten.
Jetzt wurden alle Hunde angebunden, außer Malenki und Jollbars, die uns freiwillig folgten. Unsere kleine Karawane wurde beladen, wir stiegen zu Pferd und ritten ab. Der Abschied rief viele Tränen hervor; Sirkin wandte sich ab, um seine Rührung zu verbergen, Hamra Kul aber weinte laut wie ein Kind und begleitete uns noch etwas zu Fuß, mit seinen großen Stiefeln ganz unbekümmert durch den Fluß watend.
Das Lager Nr. 44 verschwand hinter den Hügeln, und wir trabten schnell talabwärts. Würden wir diesen friedlichen Ort je wiedersehen? Ich zweifelte nicht an der mächtigen Hand, die bisher stets meine Schritte, durch Wüsten und über Berge, gelenkt hatte. Schagdur schwelgte förmlich in dem Gedanken an das beginnende Abenteuer. Der Lama war ruhig wie ein Stoiker, und als ich ihn der am Kum-köll getroffenen Verabredung gemäß fragte, ob er im Lager zu bleiben wünsche, wollte er nichts davon hören; jetzt wolle er mich nicht verlassen, sondern mit mir ziehen, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte.
Schagdur ritt einen Falben, der Lama den kleinen, dreisten Maulesel, der im vorigen Jahr, bei dem See, wo die Leute die beiden Denkmale errichteten, beinahe verlorengegangen wäre. Meine beiden Reisegefährten führten die Lasttiere, und Ordek, der eines der Pferde ritt, hatte ein Auge auf die Lasten. Er sollte uns die beiden ersten Tagereisen begleiten, um nachts die Tiere zu bewachen. Noch drei Nächte würden wir drei Pilger also ordentlich ausschlafen können, ehe die Aufgabe, unsere Tragtiere zu bewachen, uns selbst zufiel.
Ein paar Stunden weit begleiteten uns Turdu Bai und Tscherdon. Dann kehrten auch sie nach einem letzten Lebewohl um. —
Das Flußtal ist eng und zwischen steilen Hügeln eingeschlossen. Den Fluß überschritten wir schon zu Anfang neunmal. Die ganze Landschaft leuchtet rot, denn hier haben wir roten Sandstein, der derartig verwittert ist, daß man ihn selten als anstehendes Gestein antrifft. Grus und Blöcke sind dafür um so häufiger.
Am rechten Ufer, wo eine gute Furt durch zwei kleine Steinmale bezeichnet war, sah man Spuren eines Jägerlagers. Drei rußige Steine bildeten eine Unterlage für einen Kochtopf. Auch ein noch nicht lange erlegter, aber jetzt ganz zusammengetrockneter Yak legte von menschlichen Besuchen Zeugnis ab. Ein Bär war gestern oder heute hier gewesen und hatte den Kadaver umgedreht.
Nachdem wir den Fluß noch ein paarmal gekreuzt haben, mündet unser Tal in weites, offenes, nur in der Ferne von Bergen begrenztes Terrain aus. Der Fluß durchzieht diese Ebene nach Nordosten, während wir den Weg nach Südosten einschlagen. Im Norden steht die vor kurzem überschrittene, so schwer zugängliche Bergkette mit zwei Pässen.
An Wild sahen wir zahlreiche Kulane, Hasen und Murmeltiere, sowie einen Wolf; später machten die Hunde noch einen Rundtanz mit einem alten Yak, den sie aufgespürt hatten. An einem offenen Quellbecken (Namaga), wo das Gras üppig stand, schlugen wir Lager, denn einer der Maulesel begann bedenklich zu hinken. Ich zündete Feuer an, indes die Männer die gröberen Arbeiten besorgten; Pferde und Maulesel wurden mit einem Stricke zwischen Vorder- und Hinterbein geknebelt, was sie verhindern sollte, sich allzuweit zu entfernen.
Darauf wurde das einfache Mahl von gebratenem Fleisch, Reis, Brot und Tee zubereitet; beim Essen bedienten wir uns der Hände, der chinesischen Stäbchen und einer kleinen mongolischen Holztasse — Luxusartikel, wie Gabeln und Löffel, enthielten unsere Kisten nicht. Nur der Lama hatte keinen Appetit; er litt an heftigen Kopfschmerzen und befand sich wirklich schlecht. Es wäre doch hart, wenn er jetzt, da wir ihn so weit gebracht hatten, nicht imstande sein würde, die Reise mitzumachen; es stand aber zu befürchten, daß er mit Ördek würde umkehren müssen.
Ich lag noch eine Weile auf der Erde und ließ mich von der Abendsonne bescheinen, doch um 8 Uhr gingen wir zur Ruhe, weil wir nichts weiter zu tun hatten. Ördek hütete die Tiere, aber die drei Pilger schliefen zum ersten Male brüderlich zusammen in ihrem Wallfahrtszelte. Der Mond schien über der stillen Gegend; es war ein Segen, daß wir während dieser Nächte sein Licht hatten.
In diesem Lager wurde beschlossen, daß Ördek uns noch einen Tag begleiten sollte, denn dem Lama ging es sehr schlecht; er schwankte im Sattel und mußte oft absteigen, um eine Weile auf der Erde zu liegen.
Das Terrain ist in dieser Gegend vorzüglich, und wir legten auf dem festen Boden mit größter Leichtigkeit beinahe 40 Kilometer zurück. Die Hügel und Täler, die wir hierbei passieren, sind arm an Gras, aber desto reicher an Kulanen und Yaken, die bei verschiedenen Gelegenheiten zu Hunderten auftraten. Sie nehmen aber auch mit Moosen und Kräutern vorlieb, die unsere zahmen Tiere nicht fressen würden. Spuren von Menschen fehlen noch. Von Zeit zu Zeit reitet einer von uns auf den nächsten beherrschenden Hügel hinauf, um Umschau zu halten. Jetzt würden wir freilich, wenn wir Reiter oder ein Nomadenlager sähen, als ehrliche Pilger direkt dorthin reiten, aber wir mußten doch Ördek Gelegenheit geben, vorher unbemerkt zu verschwinden und nach dem Lager Nr. 44 zurückzureiten.
Die Richtung ist Ostsüdost. Im Osten erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, und diesseits desselben liegt ein See von reinblauer Farbe. Am Seeufer, längs dessen wir nach Südosten hatten ziehen wollen, stiegen senkrechte, wie immer ziegelrote Sandsteinfelsen, das gewöhnliche Kennzeichen der tibetischen Landschaft, unmittelbar aus dem Wasser empor. Sie zwangen uns zu einem verdrießlichen Umwege nach Südwesten über beschwerliche Hügel, hinter denen wir wieder ans Ufer gelangen und an ihm auf viel bequemerem Terrain weiterziehen konnten. Konzentrisch längs des Ufers geordnete Absätze und Wälle lassen auf den ersten Blick erkennen, daß dieser Salzsee im Austrocknen begriffen ist.
Allzuweit konnten wir nicht reiten, um unsere schon angegriffenen Tiere nicht zu ermüden, und es wurde Zeit, ans Lagerschlagen zu denken. Trinkwasser schien es in der Nähe dieses Salzsees nicht zu geben. Wir folgten einem Kulanpfade zwischen zwei Uferwällen in der Hoffnung, daß er uns zu einer Quelle führen würde.
Im Süden des größeren Sees schimmerte jetzt der Spiegel eines kleineren Gewässers, das merkwürdigerweise süß war, obgleich seine Ufer ebenso flach und kahl aussahen. Obschon es hier sowohl mit der Weide wie mit der Feuerung schlecht bestellt war, wählten wir hier doch einen Platz für das zweite Nachtlager aus.
Der Lama fühlte sich besser, und die Stimmung war sehr gut. Wir saßen plaudernd um das Feuer und entwarfen unsere Pläne für die Weiterreise nach der heiligen Stadt. Ich berechnete die Marschroute des Tages und teilte den anderen mit, wie lang unser Weg noch sei. Der Lama erzählte von der Strenge, mit der die Tibeter in Nakktschu alle Pilger, die aus der Mongolei kommen, untersuchen. Wir hielten es daher für das Klügste, diesen Ort zu vermeiden und uns auf gebahnten oder ungebahnten Wegen nach dem Ostende des Tengri-nor zu begeben, um von dort nach dem Passe Lani-la zu gehen. Wir würden auf diese Weise die großen Pilgerstraßen zwischen Nakktschu und Lhasa erreichen und unter den übrigen Pilgern verschwinden.
Darauf folgte eine komische Szene. Mein Kopf sollte rasiert werden. Ich setzte mich neben dem Feuer auf die Erde, und Schagdur hauste mit der Schere wie ein Vandale in meinen Haaren. Nachdem ich auf diese Weise geschoren war, wurde mein Kopf eingeseift. Ördek kam mit dem Rasiermesser, und nach einer Weile glänzte mein Schädel wie eine Billardkugel. Schagdur und der Lama schauten zu und fanden die Situation höchst interessant. Schließlich nahm ich selbst den Schnurrbart vor, der ebenfalls ohne Erbarmen entfernt wurde, obgleich ich es eigentlich für jammerschade hielt, mein sonst ganz vorteilhaftes Aussehen auf solche Weise zu verschimpfieren. Ich tröstete mich damit, daß ich die Brauen und Wimpern behalten durfte.
Nachdem die Verwüstung so über mein Haupt hingegangen war, sah ich gräßlich aus. Doch hier war ja niemand, mit dem ich zu kokettieren brauchte, und es war schließlich einerlei, wie man in diesen ebenso glattrasierten Gebirgsgegenden aussah.
Meine Behandlung war jedoch noch nicht fertig. Wie ein alter, geübter Quacksalber begann der Lama mit sachverständiger Miene unter seinen Papieren, Beuteln und Medikamenten umherzusuchen und schmierte mir dann das Gesicht mit Fett, Ruß und brauner Farbe ein. Bald war das Werk getan, und nun glänzte ich wie eine Kanonenkugel in der Sonne. Ein kleiner Handspiegel überzeugte mich, daß ich wirklich schön echt aussah. Mir konnte vor mir selbst Angst werden, und ich mußte eine gute Weile in das Glas starren, ehe ich völlig davon überzeugt war, daß dieser mongolische Pavian wirklich mit meiner eigenen Person identisch war. Als die Salbe trocken war, nahm meine Haut eine mehr grauschmutzige Schattierung an.
Unser Lagerplatz lag offen auf der schmalen Landenge zwischen den beiden Seen; nur im Südwesten erhoben sich einige niedrige Hügel. Die Gegend konnte für vollkommen sicher gelten, denn weder alte noch frische Menschenspuren waren irgendwo zu sehen, und die Hunde verhielten sich ruhig. Gegen 5 Uhr erhob sich ein Nordsturm, der Wolken von Sand und Staub über den Salzsee und unser Lager jagte. Wir nahmen unsere Zuflucht zu der Jurte, und bereits um 8 Uhr fanden wir, daß es Schlafenszeit sei, und krochen auf dem Filzteppiche des Zeltes in unsere Pelze. Ördek bewachte die Pferde und Maulesel ungefähr 200 Schritte vom Lager entfernt. Er sollte die ganze Nacht wachbleiben, damit wir noch einmal gründlich ausschlafen könnten; am Morgen sollte er dann auf einem der vier Pferde nach dem Lager Nr. 44 zurückreiten.
Um Mitternacht wurde das Zelttuch auseinandergeschlagen. Ördek steckte den Kopf herein und flüsterte mit angsterfüllter Stimme: „Bir adam kelldi“ — ein Mann ist gekommen! Seine Worte wirkten wie ein Donnerschlag. Alle drei stürmten wir mit den Flinten und dem Revolver in die Nacht hinaus (Abb. 246). Der Sturm tobte noch immer, und der Mond schien bleich durch zerrissene, schnell hinjagende Wolken. Ördek zeigte uns den Weg und berichtete, daß er zwischen den am entferntesten weidenden Pferden eine dunkle Gestalt habe umherhuschen sehen. Dies hatte ihn so erschreckt, daß er nach dem Zelte gelaufen war, anstatt Alarm zu schlagen.
Die Folge davon war natürlich, daß wir zu spät kamen. In dem matten Lichte des verschleierten Mondes sahen wir gerade noch, wie einige dunkle berittene Gestalten davonsprengten und zwei Pferde vor sich herjagten. Einen Augenblick darauf verschwanden sie hinter den Hügeln. Eine ihnen von Schagdur nachgeschickte Kugel richtete keinen Schaden an. Er, der Lama und Ördek verfolgten die Spur, während ich im Lager blieb, das vielleicht von einer ganzen Bande umringt war. Nach einer Stunde kehrten sie zurück, ohne etwas Weiteres gehört oder gesehen zu haben.
Jetzt berieten wir uns sofort über die Sachlage. Zunächst zählten wir unsere Tiere; alle Maulesel und die beiden schlechtesten Pferde waren noch da und weideten in größter Ruhe. Aber die beiden besten Pferde, mein lieber Schimmel und Schagdurs Falbe, waren fort. Aus den Spuren ergab sich, daß die Räuber drei berittene Männer gewesen waren, die sich, direkt gegen den Wind, an das Lager herangeschlichen hatten. Sie waren zu Fuß gegangen und hatten ihre Pferde in einer gut versteckten Bodensenkung geführt, in der zuzeiten Wasser nach dem großen See strömt. Von dort war einer der Männer allein auf allen vieren weiter gekrochen, bis er sich ganz in der Nähe der hintersten Pferde befand. Er hatte sie durch sein Aufspringen scheu gemacht und nach dem Ufer hinabgejagt, wo ihm die beiden anderen Männer mit den tibetischen Pferden entgegengekommen waren. Alle waren im Handumdrehen aufgesessen und dann über die Hügel gejagt, bei denen sie schon angekommen waren, als wir, noch ganz schlaftrunken, aus dem Zelte stürzten.
Ich glaube nicht, daß ich mich in meinem ganzen Leben je so geärgert habe wie diesmal. Sich seine Pferde vor der Nase der Nachtwache fortstehlen zu lassen, wenn man obendrein noch zwei große, bissige Hunde hat! In der ersten Wut wollte ich die ganze Reise nach Lhasa bis auf weiteres aufschieben und die Diebe ihren Streich teuer bezahlen lassen. Ich wollte sie wochenlang verfolgen, bis wir sie in Sicht hätten, und sie dann ebenso überfallen. Den einfältigen Ördek, der früher stets so tüchtig gewesen war, auszuzanken, vergaß ich dabei vollständig. Aber sein Mut beschränkte sich auf die Wüsten und andere unbewohnte Gegenden, und er mochte gewissermaßen recht darin haben, daß Menschen von allem, womit man zu tun haben kann, das Schlimmste sind, viel schlimmer als Tiger und Sandstürme.
Nach und nach bekämpfte ich meinen Verdruß und erwog mit wiedergewonnener Ruhe unsere Lage. Wir folgten der Spur noch einmal bis auf die Höhen der Hügel, wo sie im harten Gruse verschwand. Schagdur wollte sich durchaus auf die Verfolgung machen, das Magazingewehr brannte ihm in den Händen. Er wollte sein Pferd, das er die ganze Zeit wie sein Kind gepflegt hatte, unter keiner Bedingung einbüßen. Doch auch er beruhigte sich, als ich ihn daran erinnerte, daß diese Männer, waren sie nun gewerbsmäßige Räuber oder nur Yakjäger, die sich die Gelegenheit nicht hätten entschlüpfen lassen wollen, ganz gewiß nicht vor dem nächsten Abend Halt machen würden. Wir hatten gar keine Aussicht, sie mit unseren müden Tieren einzuholen; sie hatten unsere besten Pferde, die ledig liefen, genommen, und ihre eigenen waren ganz gewiß kräftig und an die Bergluft gewöhnt.
Ferner kannten sie das Terrain, wir aber nicht. Sie konnten den Flußlauf und Schuttbetten, wo sich keine Spur verfolgen ließ, benutzen und uns auf diese Weise leicht irreführen.
Und schließlich, wenn zwei von uns die Verfolgung aufnahmen und zwei zurückblieben, so zersplitterte sich unsere kleine, an und für sich zu schwache Truppe, und die Klugheit verbot uns entschieden, einen so abenteuerlichen Plan auszuführen. Wir mußten froh sein, daß die Diebe sich mit zwei von unseren Tieren begnügt hatten, und ich tröstete Schagdur mit der Bemerkung, daß ich, wenn ich einer der Tibeter gewesen wäre, alle unsere Tiere gestohlen hätte, um uns jegliche Verfolgung ganz unmöglich zu machen.
Wir hatten eine nützliche Lehre und eine Warnung bekommen! Aus dem Scherz war auf einmal Ernst geworden; hier galt es mehr als je die Augen offenzuhalten! Mitten zwischen diesen öden, stillen Bergen war eine Räuberbande, wie Gespenster in der Nacht, aus dem Schutze der Erde aufgetaucht; nicht einmal die Hunde hatten etwas gemerkt. Mit den Yakjägern vom Lager Nr. 38 hatten die Diebe vermutlich nichts gemein, dagegen ist es wahrscheinlich, daß die von Sirkin in unserem Tale gesehene Spur und der von den Muselmännern gehörte Schuß auf irgendeine Weise mit unseren nächtlichen Gästen in Zusammenhang standen. Sie hatten uns gewiß keinen Augenblick aus den Augen verloren, sie hatten sich vor der großen Karawane nicht sehen lassen wollen und hatten in irgendeinem versteckten Tale gelagert, aber stets auf eine Gelegenheit zum Überfall gelauert, die sich ihnen früher oder später darbieten mußte. Sodann hatten sie unsere kleine Pilgerschar beobachtet, waren uns von fern, durch Hügel verdeckt, gefolgt, hatten uns wie Wölfe umlauert und waren jetzt vom Sturm unterstützt worden.
Sicher war diese Erfahrung für uns nützlich. Mit einem Schlag waren wir uns über unsere Lage klar und erkannten, daß wir künftig auf dem Kriegsfuß leben und jeden Augenblick auf einen Überfall gefaßt sein mußten.
Ein kleines Feuer wurde vor dem Zelte angezündet; dort ließen wir uns nieder. An Schlaf war diese Nacht nicht mehr zu denken. Die Pfeifen wurden hervorgeholt, wir hüllten uns in unsere Pelze und plauderten, während der Mond von Zeit zu Zeit zwischen unheildrohenden Wolken hervorguckte. Dann wurde Tee gekocht, der nebst Reis und Brot unser Frühstück bildete. Beim ersten Tagesgrauen erhoben wir uns und rüsteten uns zum Aufbruch. Ich nahm den zweiten großen Schimmel, Schagdur Ördeks Pferd; der Lama hatte seinen Maulesel behalten.
Als die Sonne aufging, saß der arme Ördek weinend am Feuer. Er war ganz außer sich vor Angst, jetzt allein und unbewaffnet die 70 Kilometer nach dem Lager Nr. 44 zu Fuß zurücklegen zu müssen. Er bat und flehte, uns begleiten zu dürfen, und versprach, ein andermal besser aufzupassen; als ich aber unbeweglich blieb, bat er um den Revolver. Doch das nächtliche Abenteuer hatte uns gelehrt, daß es nicht ratsam war, in diesem Land ohne Waffen zu reisen.
In aller Eile schrieb ich auf ein ausgerissenes Tagebuchblatt einen Brief an Sirkin. Ich beschrieb kurz, was geschehen war, und ermahnte ihn, auf seiner Hut zu sein. Räuber streiften in der Gegend umher, und da sie offenbar mit unseren Verhältnissen völlig vertraut seien, müsse Tag und Nacht die strengste Wachsamkeit beobachtet werden. Vor allem hätten die im Lager Zurückgebliebenen darauf zu achten, daß nicht noch mehr Karawanentiere gestohlen würden. Ferner befahl ich ihm, die Diebe durch Tscherdon, Li Loje und noch einen Mann verfolgen zu lassen; mehr als eine Woche dürfe aber diesem Versuche nicht geopfert werden. Alle weitere Auskunft werde Ördek erteilen, der auch die Stelle kenne, von welcher die Spur ausgehe.
Von der durchwachten Nacht schmerzten mir die Augen, als die Sonne aufging. Ördek steckte den Brief in den Gürtel und erhielt noch eine Schachtel Zündhölzer, damit er sich bei seinem Nachtlager Feuer anzünden konnte. Als wir uns trennten, sah er aus wie ein zum Tode Verurteilter, der zum Richtplatze geht. Kaum aber waren wir zu Pferd gestiegen, so sahen wir ihn halb laufend längs des Ufers verschwinden. Er glaubte natürlich, es werde den ganzen Tag Räuber regnen und jeden Augenblick könne eine Flintenkugel durch die Luft pfeifen. —
Später, als alle unsere Sorgen um Lhasa glücklich überstanden waren, erzählte er selbst, wie sein Rückzug abgelaufen war. Am 29. Juli hatte er den ganzen Tag nicht eine Minute Halt gemacht. Er hatte es nicht gewagt, auf freiem Felde unseren Spuren nachzugehen, sondern sich wie eine wilde Katze in trockenen Bachbetten und Rinnen, sie mochten gerade oder krumm sein, weitergeschlichen. Den ganzen Tag über hatte er sich nach der Dämmerung und der Dunkelheit gesehnt. Doch als diese eingetreten war und der Regen schnurgerade herniederströmte, erschreckte ihn auch das nächtliche Dunkel, und er glaubte, überall Räuber zu sehen. Ein paarmal hatten ihn friedliche Kulane beinahe um den Verstand gebracht und ihn veranlaßt, sich wie ein Igel zusammenzurollen.
Endlich erreichte er in pechfinsterer Nacht den Eingang unseres Tales und beschleunigte seine Schritte noch mehr. Der Fluß rauschte laut in seinem Bette und übertönte jeden anderen Laut. Unaufhörlich glaubte Ördek jemand hinter sich herschleichen zu hören. Jeder Stein war ein lauernder Schurke, der nach seinem Herzen zielte. Wie er im Regen und in der Dunkelheit über die steilen Hügel gekommen war, wußte er selbst nicht; er war nur immer vorwärtsgeeilt, gestolpert, gefallen, wiederaufgestanden und unzähligemal durch den Fluß, dessen Wasser ihm bis zu den Hüften ging, gewatet.
Als er schließlich das Lager erreichte, wäre er von der Wache, die Lärm schlug, beinahe erschossen worden. Er hatte den Mann jedoch noch rechtzeitig angerufen, wurde erkannt und von seinen erstaunten Kameraden sogleich mit Fragen bestürmt. Eine gute Weile konnte er nicht antworten. Vor Müdigkeit erschöpft, brach er nach Atem ringend zusammen. Den Brotfladen, den er als Proviant mitbekommen, hatte er nicht angerührt, und sein Appetit kam erst wieder, nachdem er den ganzen nächsten Tag geschlafen hatte.
Ördeks Bericht und mein Brief erschreckten natürlich die Daheimgebliebenen, die das Schlimmste befürchteten, da es schon die zweite Nacht war, daß unser Lager einem Attentate ausgesetzt gewesen war. Indessen hatte die Nachricht das Gute, die Wachsamkeit aufs äußerste zu schärfen, und hätten sich ungebetene Gäste dort in der Nähe sehen lassen, so wären sie mit scharfen Patronen empfangen worden.
Gleich am Morgen rüstete sich Tscherdon, um unsere Diebe zu verfolgen. Er nahm Turdu Bai und Li Loje mit; Ördek konnte nicht mitgehen. Trotz des Regens war unsere Spur auf dem ganzen Wege deutlich erkennbar gewesen, und auch die Spur der Diebe wurde gefunden. Sie hatten am Morgen in einer Entfernung von 30–40 Kilometer vom Salzsee gerastet und waren dort von mehreren der Ihren mit 15 Yaken erwartet worden. Dann hatten sie den Ritt eine so lange Strecke auf Grus und im Wasser fortgesetzt, daß die Spur völlig verschwand und nicht wiederzufinden war. —
Doch kehren wir zu unserer Pilgerfahrt zurück. Nachdem wir von Ördek Abschied genommen hatten, zogen wir nach Südosten und Ostsüdosten und legten auch an diesem Tage beinahe 40 Kilometer zurück (Abb. 247). Die Maulesel hätten noch weitermarschieren können, aber wir mußten die Pferde schonen. Zwischen dem Lagertümpel und einem anderen Gewässer, an dessen Ufern wir ziemlich frische Spuren von Schafherden sahen, zogen wir ein breites, grasreiches Tal hinauf. Rechts von unserem Wege ließen wir eine kleine hügelige Paßschwelle liegen, deren Ecke von ein paar Hundert Yaken rabenschwarz erschien. Wir musterten sie mit dem Fernglase und erwarteten ihren Wächter zu sehen, denn die Tiere machten keine Miene zu entfliehen. Vielleicht waren sie zahm. Doch als wir uns der Herde näherten, ergriff sie die Flucht, und Menschen zeigten sich nicht. Demnach konnten wir darauf rechnen, noch ein paar Tage lang keine Nomaden zu treffen, denn die wilden Yake halten sich nicht in der Nähe menschlicher Wohnungen auf.
In offenem Terrain mit freier Aussicht nach allen Seiten schlugen wir das Lager an einem kleinen Bache auf, an dem es gutes Gras und Yakdung zum Feuern in Fülle gab. Jetzt waren wir nur noch drei, und ich mußte beim Abladen, Zeltaufschlagen und allerlei gröberen Arbeiten helfen, was ich sonst nie nötig gehabt hatte, außer im Jahre 1886, als ich zweimal fast allein durch Persien gereist war.
Während Schagdur und der Lama die Tiere besorgten und sie auf der besten in der Gegend aufzufindenden Weide zur Hälfte, d. h. mit einem Stricke zwischen dem rechten Vorder- und dem linken Hinterbeine, fesselten, sammelte ich in meinem weiten Mantel trockenen Yakdung, welche Beschäftigung mir höchst interessant erschien. Die beiden anderen Pilger sprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß es mir gelungen war, in kurzer Zeit einen so ansehnlichen Haufen zusammenzubringen.
Jetzt hieß es nicht mehr „Eure Exzellenz“, denn ich hatte Schagdur und dem Lama strengstens verboten, mir die geringste Spur von Ehrerbietung zu erweisen. Sie sollten mich im Gegenteil wie einen Stallknecht behandeln. Schagdur sollte als der Vornehmste von uns angesehen werden und hatte auf den Lagerplätzen seine Befehle zu erteilen. Ebenso streng war es verboten, russisch zu sprechen; von nun an durfte nur noch Mongolisch über unsere Lippen kommen. Schagdur spielte seine Rolle ausgezeichnet, und dasselbe dürfte ich auch von mir sagen können. Anfangs wurde es meinem Kosaken schwer, mich zu kommandieren, nach ein paar Tagen ging es aber ausgezeichnet!
Der Lama brauchte nicht als Schauspieler aufzutreten; er war, der er war, und so sollte es sein. Am schlimmsten war es für mich, der ich in zwei Rollen zugleich auftreten mußte, als Mongole und als Handlanger. Nachdem ich jedoch mit dem Dungsammeln zur Zufriedenheit meiner Herren fertig geworden war, aß ich zu Mittag, trank Tee, rauchte eine Pfeife, ging ins Zelt, legte mich nieder und schlief wie ein Stock bis 8 Uhr. Ich war da allein, die anderen trieben die Tiere zur Nacht ein. Noch eine Stunde durften diese in unserer unmittelbaren Nachbarschaft grasen. Schagdur und der Lama waren an diesem Abend weniger heiter als sonst. Sie hatten, während ich schlief, drei Tibeter zu Pferde gesehen, die von einem Passe im Osten kamen und nach Nordwesten ritten, wobei sie unserem Lager die Flanke zukehrten, so daß man nur ein paarmal hatte sehen können, daß es ihrer drei waren. An einem Punkte hatten sie gehalten, wie um sich zu beraten, worauf sie sich dem Lager genähert hatten, dann aber waren sie hinter einem Hügel verschwunden, um sich nicht wieder zu zeigen. Sie erwarteten wohl die Nacht, und ihr Benehmen kam uns höchst verdächtig vor. Es war uns jetzt klar, daß wir von Spionen und reitenden Späherpatrouillen umgeben waren; ob uns diese Reiter aus eigenem Antrieb oder auf Befehl beobachteten, konnten wir natürlich nicht wissen.
Um 8½ Uhr wurden die Tiere an ein längs der Erde zwischen zwei Pflöcken straffgespanntes Seil gebunden, und jetzt und in Zukunft folgender Lagerplan beobachtet. Der eine Eingang des prismatischen Zeltes war vom Winde abgekehrt und stand weit offen; unmittelbar davor waren die Tiere angebunden. Nächtliche Besuche kommen, aller Wahrscheinlichkeit nach gegen den Wind, besonders da, wo sie Hunde vorfinden.
Sobald es dunkelte, ließen wir das Feuer ausgehen und trugen die draußen noch umherliegenden Sachen, wie Kisten, Küchengeräte und Sättel, in das Zelt. Der große, schwarze Jollbars wurde vor den Pferden und Mauleseln angebunden. Von ihm konnte man das erste Warnungssignal erwarten. Malenki, ein bissiger, schwarz und weiß gefleckter Karawanenhund, war auf der Windseite hinter dem geschlossenen schmalen Ende des Zeltes angebunden.
Die Nacht wurde in drei Wachen, 9–12, 12–3 und 3–6 Uhr geteilt; gewöhnlich übernahm ich die erste, der Lama die letzte.
Jetzt hatte ich meine erste Nachtwache. Es war keine Kunst wach zu bleiben, denn teils hatte ich schon, während es noch hell war, ausgeschlafen, teils konnte man sich jeden Augenblick auf einen Überfall gefaßt machen. Schon vor 9 Uhr schliefen meine von den Anstrengungen der vorigen Nacht ermüdeten Kameraden und schnarchten laut.
Ich begann meinen Wachdienst, bald dicht bei dem Zelte, bald weit von ihm entfernt umherschlendernd. O diese finsteren Nächte, diese endlosen Stunden! Nie werde ich meine müden Schritte zwischen Malenki und Jollbars hin und zurück bis ins Unendliche vergessen! Die Minuten vergingen so langsam! Ich zählte zehn, zwanzig solche Promenaden, aber nur einige Minuten, höchstens eine Viertelstunde hatten sie in Anspruch genommen. Ich spielte mit Jollbars, der vor Freude heulte, wenn ich ihn besuchte, ich klopfte den Pferden und den Mauleseln den Rücken und ging dann weiter, um Malenki, der ganz allein hinter dem Zelte lag, zu streicheln.
Der Morgen war warm gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte es tüchtig geregnet, der Abend aber war einigermaßen klar. Um 9½ Uhr brach ein Höllenwetter los. Der Himmel überzog sich mit rabenschwarzen Wolken, die von innen heraus durch zuckende Blitze erhellt wurden, und der Donner rollte mit infernalischer Kraft ringsumher in den Bergen und über unserem einsamen Lager.
Das Allerschlimmste aber war der Regen, der die Erde peitschte und wolkenbruchartig herniederströmte. Nie ist mir ein so entsetzlicher Regen vorgekommen. Er schmetterte und prasselte auf das Zelt, das einzufallen drohte und durch dessen Tuch ein feiner Staubregen in das Innere sprühte und sich dabei verteilte wie die Dusche einer Spritzflasche Eau de Cologne. Alles wurde durchnäßt, aber die Schlafenden kümmerten sich nicht um den Regen, sondern krochen nur tiefer unter ihre Pelze und fuhren fort Bretter zu sägen. Die Regentropfen trommelten lustig auf die mongolische Kasserolle und ihren Deckel, die wir beim Feuer hatten stehenlassen. Ich setze den schlüpfrigen Spaziergang zwischen den Hunden noch eine Weile fort, suche dann aber, naß wie eine ersäufte Katze, in der Zelttür Schutz. Von dem Mondschein hatte ich keinen Nutzen, denn die Wolken waren trostlos kompakt, und es sah aus, als wollte der Regen überhaupt nicht aufhören. Ganz undurchdringlich bleibt jedoch das Dunkel nicht; der Mond liefert wenigstens eine sehr schwache, diffuse Helle, in der sich die Umrisse der Karawanentiere ein wenig schwärzer als die Nacht um sie her abzeichnen, so daß ich von Zeit zu Zeit ihre Rücken zählen kann.
Ich zünde eine Pfeife und einen Lichtstumpf an, den ich in eine kleine Holzschachtel stelle; bei seinem Schein schreibe ich meine nächtlichen Betrachtungen nieder. Immer nur einen Satz, dann wieder eine Runde um das Lager. Es trieft mir von den Ärmeln, und die Mütze sitzt wie festgekleistert auf meinem kahlen Schädel. Nach den Abspülungen erinnerte mein geschminktes Antlitz sehr an das Fell eines Zebras. Die Temperatur sank nicht unter +4°, und von Kälte war daher keine Rede.
Der Regen strömt ohne Unterbrechung nieder, und sein eintöniges Plätschern übertönt alle anderen Geräusche. Doch was war das? Ein klagender Ton in der Ferne! Sollten die Tibeter gerade so ein Hyänenkonzert anstimmen wie 1896 die Tanguten bei Karascharuin-kubb? Nein, bewahre, es war Jollbars, der vor Ärger heulte, weil er draußen liegen und sich vollregnen lassen mußte. Und was war dies wieder für ein Lärm? Nur ein entfernter Donnerschlag. Der Donner und der Regen täuschen mich unaufhörlich. Ich eile mit dem Revolver unter dem Mantel ins Freie, stehe und warte dort eine Weile in der Nässe, horche angestrengt nach allen Seiten, da aber „im Schipkapasse alles ruhig“ ist, kehre ich zu meinem Lichtstumpfe zurück; die Pfeife will nicht mehr brennen, alles ist naß.
Die Stunden vergehen immer langsamer, und der Regen läßt nicht nach. „Das wird morgen ein schöner Ritt werden!“ dachte ich. Das einförmige Atmen der halbschlafenden Maulesel wirkt einschläfernd, und die Lider fangen an mir schwer zu werden. Es passierte mir aber nie, daß ich auch nur fünf Minuten einschlummerte. Sollten wir noch einmal überlistet werden, so sollte es wenigstens nicht während meiner Wache geschehen; ich hätte mich vor meinen Kameraden wie ein Hund geschämt und mich selbst verachtet.
Dann und wann schlagen die Tiere mit den Schwänzen, wenn der Regen ihre Seiten kitzelt. Die Hunde knurren bisweilen dumpf, und ich mache dann sofort die Runde um das Lager. Um 11½ Uhr streifte ich in der Dunkelheit umher, fest entschlossen, nicht eher ins Zelt zurückzukehren, als bis die Mitternachtsstunde geschlagen hätte und damit die Stunde meiner Befreiung gekommen wäre.
Es war denn auch 12 Uhr vorbei, als ich mich wieder bei meinem Lichtstumpfe niederließ. Jetzt rieselte es vom Pelze herunter, und die Stiefeln waren klatschnaß. Schagdur schlief so fest, daß es mir widerstrebte, ihn zu wecken, und ich hatte mich selbst überredet, seine Wache um eine halbe Stunde abzukürzen, als beide Hunde auf einmal wütend zu bellen begannen. Der Lama erwachte und eilte mit seiner Flinte hinaus, ich folgte ihm mit dem Revolver, das Licht wurde ausgelöscht, und wir schlichen uns gegen den Wind nach der verdächtigen Stelle hin. Dort hörte man deutlich Pferdegetrappel, und in einer anderen Richtung glaubte der Lama Hundegebell zu vernehmen. Er wollte schießen, aber ich wollte unter keinen Umständen derjenige sein, der anfing; gefiel es den Tibetern, uns den Krieg zu erklären, dann sollte ihnen freilich mit gleicher Münze heimgezahlt werden!
Daß sich einige hundert Meter von uns Reiter aufhielten, unterlag keinem Zweifel. Ich ließ den Lama beim Zelte bleiben, weckte Schagdur und ging mit ihm leise und vorsichtig in der Windrichtung, dann und wann lauschend. Da hörten wir, wie sich das Pferdegetrappel hastig entfernte; darauf wurde alles ruhig, und die Hunde stellten ihr Gebell allmählich ein.
Jetzt war die Reihe an Schagdur. Ich hörte seine Schritte draußen in dem Schmutz, als ich unter meinen feuchten Pelz kroch. Solche Nächte bringen mehr Spannung als Ruhe und sind mehr interessant als gemütlich. Aber man gewöhnt sich wohl daran, dachte ich, und nach einer Weile schlief ich gut und fest.
Schon um 5 Uhr weckte uns der Lama, der die letzte Wache hatte und es wohl für besser hielt, weiterzureiten als in den Tag hineinzustarren. Behaglich und vergnügt ist einem nach einer solchen Nacht gerade nicht zumute, nein, ungemütlich, steif, naß und frostig! Alles riecht schlecht und sauer; aber das gehört natürlich zur Sache und trägt dazu bei, den Eindruck der Echtheit zu erhöhen. Von wohlriechenden Lhasapilgern hat man noch nie reden hören! Und was mich betrifft, so fand ich, daß das Ganze sich gut anließ. Unter Verhältnissen wie den unsrigen wird die Stimmung außerordentlich von der Sonne beeinflußt. Man sehnt sich danach, sich umsehen zu können; die Nacht mit ihren heimtückischen Schatten ist auch dem unangenehm, der sich im Dunkeln nicht fürchtet.
Meine Muselmänner hatten mich entschieden für unzurechnungsfähig gehalten, als ich auf dieses wahnsinnige Unternehmen auszog. Es war in der Tat wahnsinnig, das läßt sich nicht leugnen, so viel zu wagen, ja das Leben zu riskieren, nur aus Lust, Lhasa zu sehen, das in seiner Topographie und seinem Aussehen durch Beschreibungen, Karten und Photographien von Punditen und Burjaten weit besser bekannt ist als die meisten Städte des innersten Asien. Doch ich muß ehrlich gestehen, daß ich mich nach den zwei Jahren ruhiger, friedvoller Wanderungen durch unbewohnte Teile des Kontinents und nach all meiner strebsamen Arbeit nun einmal nach einem wirklich haarsträubenden Abenteuer sehnte. Ich fühlte das unwiderstehliche Bedürfnis, meine Person in eine Lage zu bringen, in der das Leben auf dem Spiele stand, eine Situation, die Geschicklichkeit und Umsicht erforderte, wenn sie nicht zu einer Niederlage werden sollte, und in die wir uns so tief verwickeln würden, daß es noch schwerer wäre, sich mit heiler Haut wieder herauszuwickeln. Tatsächlich sehnte ich mich mehr nach dem Abenteuer als gerade nach Lhasa. Der Lama hatte mir die Stadt so gründlich beschrieben, daß ich sie schon satt bekommen hatte. Ich wollte die Tibeter sehen, mit ihnen reden und ausfindig machen, weshalb sie die Europäer so verabscheuen. Ein unkritischer junger Mann hat vor einigen Jahren erzählt, daß er in Tibet gefoltert worden sei, aber seine haarsträubenden Beschreibungen schreckten mich nicht ab — aus dem einfachen Grunde, weil ich ihnen keinen Glauben schenke. Es wäre wirklich ein großer Gewinn für die Menschheit, wenn Personen, denen es schwer wird, bei der Wahrheit zu bleiben, das Bücherschreiben bleiben lassen wollten!