Siebzehntes Kapitel.
In Gefangenschaft der Tibeter.

Am 6. August sollte sich unser Schicksal entscheiden. Schon gleich nach Sonnenaufgang besuchten uns drei Tibeter, aber andere als die gestrigen Inquisitoren. In gebührender Entfernung banden sie ihre Pferde, indem sie ihnen mit einem Stricke die Vorderbeine zusammenschnürten, nahmen dann am Feuer Platz und stopften ihre Pfeifen mit hellem, trockenem, feinkörnigem Tabak von wenig aromatischem Duft. Ihr eigentliches Anliegen schien Untersuchung meiner Augen zu sein, denn sobald ich mich zwischen zweien von ihnen niedergelassen hatte, baten sie mich, meine schwarze Brille abzunehmen. Nun hatten sie wohl gedacht, daß alle Europäer blond sein und blaue Augen haben müßten, denn sie konnten ihre Verwunderung darüber, daß meine Augen ebenso rabenschwarz waren wie ihre eigenen, nicht unterdrücken. Sie waren sichtlich „betroffen“, nickten mir freundlich zu und sprachen schnell und eifrig miteinander.

Ihre Bitte, unser Arsenal sehen zu dürfen, wurde mit dem größten Vergnügen bewilligt, da unsere Waffen ihnen ohne Zweifel imponieren würden. Schagdur beschrieb sein Magazingewehr, und ich den Offizierrevolver. Als wir ihnen zeigten, wie die Patronen eingeschoben wurden, schüttelten sie den Kopf und baten uns, unsere Mordwaffen wegzulegen.

Bald darauf hielten sie es für das Sicherste, sich zurückzuziehen. Doch teilten sie uns vorher noch mit, daß es von hier bis Lhasa eine Reise von drei Monaten sei, — um uns gründlich vom Weiterziehen abzuschrecken, möglicherweise aber auch in der Hoffnung, daß wir dadurch bewogen würden, freiwillig umzukehren. Ich bat den Lama, ihnen zu sagen, daß es uns nicht eingefallen sei, uns darüber Auskunft zu erbitten, da wir im Lande reichlich so gut Bescheid wüßten wie nur einer von ihnen (Abb. 253). Sie gingen langsam, vorsichtig und — rückwärts zu ihren Pferden und führten diese, bis sie sich außer Schußweite glaubten; anscheinend waren sie der Meinung, daß wir unsere Flinten an ihnen erproben würden.

Dann wurden wir eine halbe Stunde in Ruhe gelassen. Hierauf erschienen vier Männer, die sich unserem Zelte zu Fuß näherten. Drei von ihnen hatten langes schwarzes Haar, sahen schmutzig aus und waren mit Säbeln und Pfeifen versehen, der vierte aber war ein hochgewachsener, kurzgeschorener, grauhaariger Lama in rotem Gewande mit gelber Mütze. Er machte den Eindruck eines wackeren Mannes; eines solchen bedurften wir gerade unter den jetzigen mißlichen Verhältnissen zur Verhandlung. Er musterte mich durchaus nicht mit indiskreten Blicken und erlaubte sich keine dreisten Fragen. Das einzige, was er wissen wollte, war die Stärke unseres Hauptquartiers, und darüber wurde ohne Umschweif Bericht erstattet.

Der alte Mann, der ein erfahrenes, respektables Aussehen hatte, erklärte mit verblüffender Sicherheit:

„Ihr müßt drei oder höchstens fünf Tage hierbleiben. Heute früh haben wir Kuriere an den Gouverneur von Nakktschu geschickt und angefragt, ob ihr weiterreisen dürft oder nicht. Als Antwort auf unser Schreiben trifft entweder ein Brief mit Verhaltungsbefehlen ein oder Kamba Bombo, der Gouverneur, kommt selbst, und bis dahin seid ihr in jedem Falle unsere Gefangenen. Es würde uns das Leben kosten, wenn wir euch hier durchließen und es sich nachher herausstellte, daß ihr Leute seid, die zu der Reise nach Lhasa nicht berechtigt sind. Der Gouverneur von Nakktschu ist unser nächster Vorgesetzter, dem wir zu gehorchen haben, und wir müssen seine Befehle einholen.“

Mein Vorschlag, durch einen besonderen Kurier in Lhasa anfragen zu lassen, wurde verworfen, da es einen Monat dauern könne, bis die Antwort käme. Ebensowenig Lust hatten sie, auf meinen Vorschlag, daß wir selbst nach Nakktschu reiten könnten, einzugehen. Wahrscheinlich sagten sie sich, daß wir, einmal in Freiheit, Nakktschu vermeiden und nach Lhasa weiterreiten würden. Alle Unterhandlungen waren unnötig; sie wußten, was ihnen zu tun oblag, und wir waren in ihrer Gewalt.

Daß wir zu der großen Karawane, die von Norden gekommen war, gehörten, war ihnen klar, ebenso erkannten wir deutlich, daß sie damit bereits vertraut waren und uns nur auf die Glaubwürdigkeit unserer Aussagen prüfen wollten.

Inzwischen kaufte uns der Alte eine Teetasse ab und teilte uns mit, daß uns alles, dessen wir bedürften, zur Verfügung gestellt werden würde.

Im Laufe des Gesprächs erwähnte der Greis seinen Rang als Lama, was unserem guten Schereb Lama sichtlich außerordentlich imponierte, denn er erhob sich, drückte seine Handflächen gegeneinander und berührte die Stirn des Alten mit der seinen. Von beiden Seiten wurden die gebräuchlichen Höflichkeitsbezeigungen beobachtet und mit Versicherungen von Freundschaft und Achtung nicht gegeizt. Nach einer Weile entfernten sich auch diese Gäste.

Jetzt glaubten wir, daß man uns für heute in Frieden lassen werde; doch schon nach ein paar Minuten ereignete sich etwas, das uns mit der größten Unruhe erfüllte. Von allen Seiten versammelten sich bei dem kleinen Zeltlager, das einen Kilometer von dem unsrigen aufgeschlagen war, kleine Gruppen von Reitern, die bis an die Zähne mit Spießen, Lanzen, Säbeln und langen, schwarzen Gabelflinten bewaffnet waren (Abb. 254). Einige trugen hohe, weiße Filzhüte mit Krempen, andere dunkle Binden, und alle waren sie in Mäntel gehüllt, die braun, rot, schwarz oder grau waren. Sie sahen wie richtige Banditen aus, waren aber entschieden Soldaten, die mobilgemacht wurden, um das südliche Tibet gegen unseren drohenden Einfall zu verteidigen. Woher kamen sie, wie hatten sie so schnell bereit sein können? Sie schienen wie Pilze aus der Erde zu schießen; es wurde ganz schwarz um die Zelte herum, und wir konnten eine Kavallerietruppe von 53 Mann zählen. Sie berieten sich unter lebhaften Gesten, saßen ab, schlugen ein großes, weißes Zelt auf und ließen sich in einzelnen Gruppen an den Feuern nieder, uns drei arme Pilger schienen sie aber nicht weiter zu beachten.

Mit der größten Spannung beobachteten wir sie durch das Fernglas. Der Lama war sehr niedergeschlagen und glaubte, man habe die Absicht, uns umzubringen. Freilich kamen wir uns einer solchen Übermacht gegenüber begreiflicherweise alle drei recht ohnmächtig vor, aber ich glaubte doch, daß es, falls wirklich die Absicht uns zu töten vorlag, hierzu nicht eines so großen Truppenaufwandes bedürfte und es sich überdies auch viel besser durch einen nächtlichen Überfall bewerkstelligen ließe.

Der Tag war regnerisch und rauh, und manchmal verhüllten Nebel und Regen die Aussicht. Wir wunderten uns und besprachen uns über die Bedeutung der Maßnahmen der Tibeter. Wie als Antwort auf unsere Fragen führten sie jetzt eine Bewegung aus, die nicht geeignet war, uns zu beruhigen. Nachdem sieben Reiter in schnellem Trab nach Osten, wahrscheinlich nach Nakktschu, und zwei nach der Seite von Lhasa fortgeritten waren, sprengten die übrigen in dichtem Haufen über die Ebene des Kesseltales gerade auf unser Zelt los. Einen Augenblick sah ich unsere Lage wirklich für mehr als kritisch an. Wir hielten daher unsere Waffen bereit und saßen oder standen am Eingange unseres Zeltes. Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und Speere über dem Kopfe und heulten wie die Wilden (Abb. 255); sie stürmten einher wie zu einem Reiterangriff, die Hufe der Pferde klappten auf dem durchnäßten Boden, und der Schmutz spritzte von der rasenden Bewegung nach allen Seiten. Einige Männer schwangen ihre Säbel und schienen Kommandorufe auszuteilen.

Die Schar war nicht mehr weit vom Zelt entfernt, als die Reiter ihre Pferde herumwarfen, teils nach rechts, teils nach links, um in zwei Gruppen nach dem Ausgangspunkt zurückzukehren. Dasselbe Manöver wurde ein paarmal wiederholt, und einige kleinere Gruppen umkreisten unseren Lagerplatz. Es lag entschieden die Absicht vor, uns gebührenden Respekt einzujagen, was uns um so klarer wurde, als sie wieder absaßen und mit ihren langen schwarzen Gabelflinten nach der Scheibe zu schießen begannen.

Um 2 Uhr wurde uns noch eine Vorstellung gegeben. Die Tibeter saßen wieder auf, wickelten sich in ihre Mäntel und ritten, während der Regen in dicken Strahlen auf die Erde fiel, nach Nordwesten, d. h. nach der Seite, von der sie gekommen waren. Jetzt wurde ich wirklich unruhig und fürchtete, daß sie beabsichtigten, das Hauptquartier zu überfallen, während wir von ihm abgeschnitten waren, und ich empfand große Sehnsucht, zu den Unsrigen zurückzukehren.

Nachdem das Feld geräumt war und wir wenigstens in unserer unmittelbaren Nähe wieder Ruhe hatten, tauchten zwei Nomaden auf, die uns vom nächsten Zeltdorfe Fett und saure Milch brachten und erklärten, daß ihr Häuptling ihnen verboten habe, sich dafür bezahlen zu lassen. Als wir ihnen eine Porzellantasse schenken wollten, sagten sie, daß sie das Geschenk ohne Erlaubnis des Häuptlings nicht annehmen könnten, kamen aber später mit dem Bescheid wieder, daß ihm der Tausch recht sei.

Auf diese Weise sorgten unsere Nachbarn den ganzen Tag für unsere Unterhaltung. Die letzten und ausdauerndsten waren jedoch vier Männer, die uns gegen 3 Uhr besuchten. Einer von ihnen war ziemlich frech und untersuchte alle umherliegenden Sachen. Dabei kam ein Kompaß zum Vorschein, der bei ihm großes Interesse erregte. Er fragte, was das sei, und erhielt eine genaue Beschreibung, wobei er sagte:

„Freilich, freilich, solche haben die Chinesen auch.“

Ein paarmal zeigte er auf mich und erklärte:

„Der da ist kein Burjate.“

Er war außergewöhnlich zudringlich und fragte, wie es komme, daß wir diese kleine Seitenstraße eingeschlagen hätten, statt dem großen Pilgerwege zu folgen.

„Wißt ihr nicht, daß es euch den Kopf kosten kann, daß ihr diesen Weg gegangen seid? Alle, die auf diesem Wege nach Lhasa gehen, werden hingerichtet.“

Der Lama versuchte die Situation zu retten, indem er erklärte, daß wir die große Karawane vom Lop-nor an begleitet hätten und es unsere Absicht sei, von hier nach Lhasa zu gehen. Der Mann erwiderte darauf, daß nur der Gouverneur von Nakktschu die Erlaubnis dazu erteilen könne.

Im übrigen waren sie freundlich und ungezwungen und versprachen uns morgen allerlei Lebensmittel zu schenken. Als wir diese lästigen Spione gar nicht loswerden konnten, gingen wir ins Zelt und legten uns schlafen. Aber nicht einmal das half. Der Himmel war wieder dunkel und die Wolkendecke dichter geworden, und als wieder ein Platzregen herabströmte, krochen sie alle vier in das Zelt, wo wir es selbst unter gewöhnlichen Verhältnissen ziemlich eng hatten. Erst in der Dämmerung gingen sie ihrer Wege.

Der Regen stürzte hernieder, mit Hagel und Schnee untermischt. Der Boden war da, wo das Zelt stand, ein wenig abschüssig, und ein kleiner Bach bildete sich zwischen den Zeltstangen längs der Filzdecke, auf der ich lag. Wir mußten in die Nässe hinaus und Kanäle graben, um nicht ganz überschwemmt zu werden.

Wir saßen dann noch bis 10 Uhr plaudernd und rauchend bei unseren Holznäpfen mit saurer Milch. Ein kleines Talgflämmchen verbreitete ein schwaches Licht in unserer ungemütlichen Wohnung. Eintönig schlug der Regen auf das Zelttuch. Draußen war es so finster wie in einem Sack, und die Hunde waren verdrießlich über das schlechte Regenwetter. Infolge der Versicherungen des alten Lamas ließen wir unsere Tiere diese Nacht ohne Aufsicht draußen umherlaufen. Ich sagte mir, daß keiner Lust haben würde, uns der Möglichkeit zu berauben, das Land zu verlassen; es lag ja in ihrem eigenen Interesse, uns möglichst schnell loszuwerden. Doch als er uns angeboten hatte, vier Wächter vor unser Zelt zu stellen, hatten wir uns für solche Auskundschafterei bedankt. In weiterer Entfernung wurden wir jedoch von — wie wir später hörten — 37 Wachtposten bewacht! Nachts sah man, besonders auf dem Wege nach Lhasa, die Lagerfeuer derselben schwach durch den Regennebel leuchten.

Jetzt schliefen wir alle drei gleichzeitig, ohne uns um die Tiere oder den Regen zu kümmern. Die Müdigkeit infolge des forcierten Rittes machte sich geltend. Ich wurde bei Tagesanbruch durch das Stimmengewirr der ersten heute zu Besuch kommenden Tibeter geweckt. Im Laufe des Tages (7. August) kamen sie gruppenweise, so daß wir kaum eine halbe Stunde allein sein konnten. Beständig tauchen neue Gesichter auf, und selten kommt derselbe Mann zweimal. Es ist, als würde die Wache beständig abgelöst. Nur der Dreiste von gestern machte uns auch heute einen Besuch und schenkte uns einen Napf voll saurer Milch, einen Sack voll trocknen, vortrefflichen Argols und einen Blasebalg, der uns besonders nötig war.

Ein anderer Tibeter blieb volle drei Stunden bei uns, trank Tee und aß Tsamba mit uns, rauchte und tat, als sei er hier zu Hause. Sein Gesicht war von einem förmlichen Urwalde schwarzer, zottiger Haarsträhnen ohne eine Spur von Ordnung umgeben. Die „Locken“, die die Augen verdecken, sind gestutzt und tragen keineswegs zur Verschönerung des Ganzen bei; ein Teil des Nackenhaares ist jedoch in einen Zopf geflochten. Dieser ist unten mit einem mit Perlen oder gefärbten Steinen besetzten Bande zusammengebunden und mit einem oder mehreren „Gavo“ oder Götzenbilderfutteralen geschmückt. Beim Reiten wird der Zopf um den Kopf oder Hut gewunden.

Dieser Mann, der nicht wieder gehen wollte, verriet uns zu deutlich, daß er ein Spion war, der den Auftrag erhalten hatte, uns in der Nähe zu beobachten. Er war aufrichtig genug, uns zu bitten, über Nacht nicht durchzubrennen, da es ihm sonst das Leben kosten würde. Nach Lhasa seien es noch fünf Tagereisen, sagte er. Doch gibt es dorthin entschieden auch eine organisierte reitende Post mit Pferdewechsel, denn wir machten später ausfindig, daß ein dorthin gesandter Eilbote in zwei Tagen Antwort brachte, also einen Tag bis Lhasa und einen Tag von Lhasa gebraucht hatte. Das Tal, in dem wir uns befanden, hieß Dschallokk und der uns im Westen zunächstliegende Berg Bontsa.

Als der lästige Gast uns endlich verlassen hatte, um nach seinem Zeltdorfe zurückzukehren, begegnete er drei Reitern, die sich wohl eine halbe Stunde mit ihm unterhielten. Sie fragten ihn sicher darüber aus, was für Beobachtungen er habe machen können und was für Fragen wir an ihn gerichtet hätten. Sie machten sich daher nicht mehr die Mühe, uns ebenfalls zu besuchen, sondern kehrten wieder um, nachdem sie unsere Maulesel und Pferde nach einem anderen Weideplatze getrieben hatten. Frühmorgens konnten wir unsere Tiere nicht finden, aber vormittags kamen sie wieder ins Lager, wahrscheinlich von irgendeinem entfernteren Platze, wohin man sie für die Nacht gebracht hatte. Vermutlich sollte uns dadurch, daß man die Tiere nachts von uns entfernt hielt, jegliche Möglichkeit zum Entfliehen genommen werden.

Unter den heutigen Gästen war ein langhaariger Greis, dem die anderen mit einer gewissen Achtung begegneten. Er redete viel und gern und wurde mit der größten Aufmerksamkeit angehört. Der Lama fing einiges von seinen zur Hälfte geflüsterten Reden auf.

„Diese drei Männer“, sagte er, „sind nicht von der allerbesten Sorte; nach Lhasa dürfen sie natürlich nicht. Kamba Bombo kommt in zwei, drei Tagen, und dann wird man ja sehen. Inzwischen müssen wir dafür sorgen, daß es ihnen an nichts fehlt; alles, was sie brauchen, soll ihnen geschenkt werden, und keiner darf Bezahlung annehmen. Wenn sie zu entfliehen suchen, sei es bei Tag oder bei Nacht, sollen die Wächter es mir sofort melden. Amgon Lama hat die heiligen Bücher befragt und gefunden, daß diese Männer zweideutige Persönlichkeiten sind, die nicht nach Lhasa dürfen. Der Jäger Ondschi hat sie vor langer Zeit im Gebirge in der Gegend von Merik-dschandsem gesehen und gesagt, die Karawane sei bedenklich groß. Nachricht hiervon wurde sogleich nach Lhasa geschickt.“

„Glaubte Amgon Lama, daß der da ein Burjate ist?“ fragte einer, auf mich zeigend.

„Er sagte, daß er dies nicht feststellen könne“, antwortete der Alte.

Jede Auskunft von seinen Lippen beantworteten die anderen mit „Lakso, lakso“, welches Wort Ehrfurcht, Gehorsam und Folgsamkeit ausdrückt. Unser armer Lama Schereb gebraucht es unausgesetzt, wenn er mit den Tibetern redet, vor denen er fast zittert und mit denen er in einem weinerlichen, unterwürfigen Tone spricht. Er sieht unser Schicksal in den allerschwärzesten Farben und befürchtet das Schlimmste.

Auch heute streiften Reiter in der Gegend umher. Bald kamen sie an, bald ritten sie fort. Die größte Schar zählte 10 Mann. Es hatte entschieden eine vollständige Mobilmachung stattgefunden. Einer unserer Gäste gestand aufrichtig ein, daß sie gegen unser großes Lager im Gebirge gerichtet sei. Ein anderer sagte, es seien nur Patrouillen und Kundschafter, die das Land zu bewachen und aufzupassen hätten, daß sich keine Feinde einschlichen. Um uns selbst war ich nicht im geringsten in Sorge, wohl aber des Hauptquartieres wegen. Wären wir nicht die Gefangenen der Tibeter gewesen, so hätte ich dorthin zurückkehren mögen, um eventuell zu seiner Verteidigung beizutragen.

8. August. Die ganze Nacht regnete es in Strömen. Ich erwachte halb erstickt von dem gräßlichen Rauche, der das Zelt füllte, durch dessen Tuch die Regentropfen wie feiner Sprühregen drangen. Der Morgen war naßkalt und die Luft wie in einem Keller. Und dabei sollte noch Brot gebacken werden! Fort mit dem Zelttuch und frische Luft hereingelassen, wenn es auch noch so sehr regnet! Recht bequem ist es, daß man sich bloß aufzurichten braucht, um gleich fertig zu sein; ein weiteres Toilettemachen kommt überhaupt nicht in Frage. Eine dicke Rußschicht hat sich auf dem Fette, mit dem mein Gesicht zuletzt eingerieben worden ist, abgelagert.

255. „Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und Speere über dem Kopfe und heulten wie die Wilden.“ (S. 212.)
256. Zelte tibetischer Häuptlinge. (S. 221.)

Die Visiten wurden in gewohnter Weise fortgesetzt und stellten unsere Geduld auf die Probe. Zuerst erschienen fünf Leute mit einem Schafe und fragten, ob wir sonst noch etwas wünschten. Wir bestellten Fett, Butter, süße und sauere Milch und erhielten sofort alles in viel größeren Mengen, als wir bewältigen konnten, selbst wenn wir uns von den Hunden helfen ließen. Sie fragten uns, ob unser großes Lager auch nahe genug bei einem Nomadenlager liege, so daß die Unseren alles, was sie an Proviant brauchten, erhalten könnten. Dies klang wenigstens beruhigend, und ich begann wieder daran zu zweifeln, daß die Mobilmachung unserem Hauptquartier gelte. Ferner war die Nachricht gekommen, daß Kamba Bombo von Nakktschu und Nanso Lama unterwegs seien und morgen hier eintreffen würden.

Darauf begann das Kreuzverhör von neuem, aber jetzt erklärte ich rund heraus, daß sie sich gefälligst gedulden möchten, bis Kamba Bombo angelangt sei; er solle alles erfahren, was er zu wissen brauche, sie jedoch gehe es gar nichts an, wer wir seien. Wenn sie nicht aufhörten, uns tagtäglich mit denselben dummen, zudringlichen Fragen zu überhäufen, würden wir sie künftig nicht mehr ins Zelt hineinlassen. Da verbeugten sie sich ganz verdutzt, murmelten ihr höfliches „Lakso“ und schwiegen. Der Lama erklärte, daß sie fürchterlichen Respekt vor mir hätten. Ich kam mir ungefähr vor wie Karl XII. in der Türkei. Wir waren in ein fremdes Land eingedrungen, ein lächerlich kleiner Haufe gegen eine erdrückende Übermacht. Die Tibeter verhinderten uns, dorthin zu gehen, wohin wir wollten, zugleich aber war es ihnen darum zu tun, uns möglichst schnell wieder loszuwerden. Wir waren gleichzeitig ihre Gäste und ihre Gefangenen, und sichtlich war höheren Ortes Befehl erteilt worden, daß wir mit größter Rücksicht behandelt werden sollten und uns kein Leid zugefügt werden dürfe. Nur der Lama war düster und schwermütig. Er erinnerte sich ganz genau Kamba Bombos von Nakktschu, der die mongolische Pilgerkarawane, mit welcher der Lama nach Lhasa gereist war, so gründlich untersucht hatte. Wenn Kamba Bombo ihn wiedererkennen sollte, sei er verloren, und auch im entgegengesetzten Falle sei sein Schicksal mehr als ungewiß. Er erzählte von einem mongolischen Lama, der durch irgendein Vergehen sein Recht, die heilige Stadt zu besuchen, verwirkt habe und der, um sein Vergehen abzubüßen, von Da-kuren (Urga) nach Lhasa — in Gebetstellung, d. h. auf den Knien, gerutscht sei. Er habe sich mit den Händen auf die Erde gestützt, die Knie nachgezogen, die Hände weiter gesetzt, und so habe er die ganze lange Reise gemacht, zu der er sechs Jahre gebraucht habe! Und als er nur noch eine Tagereise vom Stadttore entfernt gewesen sei, habe ihm der Dalai-Lama das Betreten der Stadt untersagt, und unverrichteter Dinge habe er wieder umkehren müssen. Der Lama sagte noch, daß der Mann seinen Bußgang auf den Knien, die schließlich hart und hornig wie die Liegeschwielen der Kamele geworden seien, noch zweimal wiederholt habe, aber das Herz des Dalai-Lama doch nicht erweicht worden sei.

„Und wie“, fügte er hinzu, „wird es mir jetzt ergehen, da ich mich versündigt habe, indem ich mit euch hierhergekommen bin? Wenn sie mich auch am Leben lassen, so ist doch meine Laufbahn zu Ende, und ich darf Lhasa nie wiedersehen.“

Ein paar hundert Meter südlich von uns wurde heute ein Zelt aufgeschlagen, in welchem der Spion von gestern, Ben Nursu, wie er uns selbst offenherzig mitgeteilt hatte, künftig residieren sollte, um uns unter Augen zu haben.

Um die Mittagszeit sahen wir 15 Reiter nach Süden sprengen; wir nahmen an, daß sie dem Kamba Bombo, der wahrscheinlich nicht mehr sehr weit entfernt sein konnte, entgegenritten.

Nach Tisch schliefen wir ein paar Stunden und wurden wenigstens da in Ruhe gelassen. Schlafen, Essenkochen, Speisen und Milchtrinken sind eigentlich das einzige, womit wir während unserer unfreiwilligen, die Geduld auf die Probe stellenden Gefangenschaft die Zeit totschlagen können. Wir liegen, dehnen uns und schlummern, wir entfernen uns keine 50 Schritt vom Zelte, wir sitzen stundenlang vor der Zeltöffnung und beobachten die Tibeter, ihr Tun und Lassen, ihre schwarzen Zeltdörfer und ihre Herden. Wir sehnen uns danach, daß die Zeit vergehe und Kamba Bombo komme, aber eigentlich ist es ein Trost, daß wir nicht in diesem ewigen Regen zu reiten brauchen, wo es überall kalt, rauh, grau, naß und dunkel ist.

Beständig tauchen neue, unbekannte, neugierige Gesichter um uns herum auf. Der einzige wirkliche Stammgast in unserem Zelte ist Ben Nursu, der beinahe bei uns wohnt und mit uns ißt. Dafür muß er sich aber auch nützlich machen; er muß Leben ins Feuer blasen, wenn es regnet. Es kommt beinahe nie vor, daß uns jemand besucht, ohne etwas Eßbares mitzubringen. Sie nehmen sich unserer mit rührender Fürsorge an. Wie man sagt, geschieht dies auf besonderen Befehl des Dalai-Lama. Die Behörden in Lhasa erhalten ganz gewiß täglich Bericht aus unserem Lager. Die Reiter, die aus jener Richtung kommen und dorthin reiten, sind Kuriere und Eilboten. Wir erfuhren auch, daß die Lebensmittel, die wir von den Nomaden erhalten, ihnen später aus Lhasa ersetzt werden. Auf dieselbe Weise wird bei einer Mobilmachung verfahren. Die Soldaten sind berechtigt, sich alles, was sie wollen, von den Nomaden zu nehmen, und diese erhalten dafür Entschädigung aus der Hauptstadt. Wir hatten also durch unseren friedlichen Zug den Tibetern entsetzlich viel Mühe gemacht, und Dschallokk war gewissermaßen ein militärischer Knotenpunkt geworden. Es wimmelte hier von Stafetten, Spionen, Kundschaftern und Kurieren. Das Land erhob sich wie zur Verteidigung gegen einen feindlichen Einfall. Man würde uns nicht geglaubt haben, wenn man erfahren hätte, wie unschädlich wir selbst und wie wenig böse unsere Absichten waren.

Gegen 2 Uhr guckte die Sonne eine Weile hervor und warf ihren grauen Schleier ab, der übrigens zu der Situation gut paßte. Sieben Tibeter leisteten uns am Feuer im Freien Gesellschaft. Während wir in eifrigster Unterhaltung waren, erschien im Südosten eine Reiterschar. Sie ritt schnell gerade auf das Zelt los.

„Ha“, riefen die Männer, „da haben wir den Bombo von Nakktschu!“

Wir erhoben uns und erwarteten die Fremden; als sie jedoch näherkamen, sahen unsere Gäste, daß es nicht der Gouverneur selbst war, sondern nur sein mongolischer Dolmetscher in Begleitung von vier Häuptlingen aus der Nachbarschaft mit ihrem Gefolge.

Der Dolmetscher war ein geborener Tibeter, und sein Mongolisch war bedeutend schlechter als meines, aber er war ein angenehmer, heiterer Mensch und nicht im geringsten zudringlich. Er erzählte, daß, sobald die Nachricht von unserer Ankunft nach Nakktschu gelangt sei, Kamba Bombo ihm befohlen habe, hierher vorauszureiten, der Gouverneur selbst werde aber so schnell wie möglich nachkommen. Im Nu saß der arme Dolmetscher im Sattel und ritt mit seinen Begleitern Tag und Nacht in strömendem Regen nach Dschallokk. Hier rasteten sie nicht einmal bei den Zelten der Tibeter, sondern begaben sich direkt zu uns.

Jetzt begann das Verhör wieder, und zum zwanzigsten Male mußten wir das Hauptquartier und seine Besatzung ausführlich beschreiben. Trotzdem sie ohne Zweifel durch Spione über die Karawane unterrichtet waren, war es schwer, die Neuangekommenen dahin zu bringen, daß sie unseren Worten glaubten. Sie bildeten sich ein, daß unser Hauptquartier nicht unsere ganze Stärke ausmache, sondern nur der Vortrab sei, dem Tausende von Soldaten folgen würden. Diese Furcht verdrängte alle kritischen Spekulationen in betreff meiner wirklichen Nationalität. Der Dolmetscher sagte, es spiele gar keine Rolle, woher und von welchem Stamme wir seien; nach Lhasa dürften wir unter keinen Umständen reisen, sondern müßten von hier nach unserem Hauptquartiere im Gebirge zurückkehren. Zuleide werde uns jedoch nichts getan werden, denn in dieser Beziehung habe der Dalai-Lama seine Befehle gegeben.

Jetzt begannen Schagdur und ich auf Mongolisch derart zu predigen, daß dem armen Dolmetscher die Ohren gellten. Wir sagten, der Dalai-Lama habe Burjaten, die auf russischem Gebiete wohnen, nie verboten, die Wallfahrt nach Lhasa zu machen. Es könne Kamba Bombo den Kopf kosten, wenn er sich unterstehe, uns an der Weiterreise zu verhindern. Ihn holen zu lassen, sei ganz unnötig, da wir auf jeden Fall nur mit einem hohen Beamten aus Lhasa verhandeln würden.

Alles, was wir sagten, übersetzte der Dolmetscher seinen Kameraden, die mit ernster Miene zuhörten. Von Rußland und Indien hatten sie sehr dunkle Begriffe, und was von der Macht und Größe dieser Reiche gesagt wurde, imponierte ihnen nicht im geringsten.

Schließlich gingen wir darauf ein, daß ein Kurier an Kamba Bombo geschickt werde, um ihn zu ersuchen, sich zu beeilen, — aber nur unter der Bedingung, daß gleichzeitig ein Eilbote nach Lhasa abgehe. Der Dolmetscher war in jeder Beziehung ein Gentleman, nur darin nicht, daß er unaufhörlich um Branntwein bat, eine Ware, die unsere Kisten nicht enthielten. Wir sagten ihm, wir seien hier in ein merkwürdiges Land geraten, wo friedliche Reisende nicht einmal vor Räuberüberfällen sicher seien. Er schien von dem Pferdediebstahl zu wissen und versicherte, der Wert der Tiere werde uns zu unserer völligen Zufriedenheit ersetzt werden und wir hätten nur zu befehlen, falls wir etwas wünschten. Wir hätten gesagt, daß zwei Europäerhäuptlinge in unserem Hauptquartier seien, und er bitte um ihre Namen. „Sirkin und Tschernoff“, antworteten wir; die Namen wurden aufgeschrieben. Als er aber nach unseren Namen fragte, wurde ihm der Bescheid, daß ihn dies gar nichts angehe und wir nur mit vornehmeren Herren verhandeln würden.

Nachdem sie uns endlich verlassen hatten, blieben wir wie gewöhnlich noch lange sitzen und sprachen über die Tageserlebnisse und die Aussichten für die nächste Zukunft, die für den Lama nicht besonders gut waren. Um unsere Tiere bekümmerten wir uns nicht mehr. Sie waren bei den Tibetern gewissermaßen in Pension, und wir sahen sie gar nicht.

Am 9. August herrschte wieder Leben und Bewegung in unserem offenen Kesseltale. Eine Menge Reiter und Patrouillen zogen nach Südwesten die nächsten Berghöhen hinauf und trieben die Herden dorthin. Von allen Seiten ertönte Geschrei und Pferdegetrappel, das Blöken der Schafe und das verdrießliche Grunzen der Yake. Von den Zelten unserer Nachbarn ritten kleine Reiterscharen nach Nakktschu und nach Lhasa. Es gelang uns nicht zu ergründen, was alles dieses bedeutete; es hatte den Anschein, als beabsichtigten die Nomaden, ihre Wohnsitze nach anderen Weidegründen zu verlegen, aber Schereb Lama, der hier alles in schwarzem Lichte sah, glaubte, daß sie das Feld räumten, um freien Spielraum zu haben, wenn der große, vernichtende Reitersturm gegen unser Zelt gerichtet würde.

Um 10 Uhr erschien unser Freund, der Dolmetscher, von drei anderen Männern begleitet. Wir baten ihn, diese fortzuschicken, um mit ihm über verschiedene wichtige Angelegenheiten verhandeln zu können. Hiergegen protestierte er aber auf das Bestimmteste; es war ihm wohl unheimlich, mit so zweideutigen Personen allein zu sein. Er hatte übrigens, wie er sagte, einen besonderen Auftrag auszurichten und würde uns, sobald dies geschehen, verlassen. Er teilte uns mit, daß Kamba Bombo von Nakktschu mit großem Gefolge angekommen sei und uns zu sehen wünsche.

Ein ganzes Zeltdorf erhob sich ein paar Kilometer von uns entfernt auf der Straße nach Lhasa (Abb. 256). Eines der Zelte hatte bedeutende Dimensionen; es war glänzend weiß und oben blaugestreift; die anderen, die es umgaben, waren kleiner, und von mehreren von ihnen stiegen Rauchsäulen auf. Um das „Dorf“ herum schwärmten Massen von Reitern. Der Lama konnte das Fernglas nicht von seinen Augen nehmen und sich nicht von diesem großartigen Anblicke losreißen; unablässig starrte er dorthin und war augenscheinlich eine Beute immer größer werdender Unruhe.

Der Auftrag des Dolmetschers bestand darin, uns in Kamba Bombos Namen einzuladen, uns mit Sack und Pack in seiner unmittelbaren Nachbarschaft anzusiedeln und heute bei dem mächtigen Gouverneur ein Gastmahl einzunehmen. In einem der Zelte tische man bereits die Gerichte auf. In der Mitte stehe ein ganzes gebratenes Schaf, umgeben von Schalen für Tee und Tsamba, und bei unserer Ankunft würden wir jeder mit einer „Haddik“ beehrt werden, mit einer dünnen, hellen Binde, welche Mongolen und Tibeter vornehmen Gästen als Ehrfurchtsbezeugung überreichen.

Auf diese Einladung antwortete ich, ohne mich einen Augenblick zu bedenken, daß wenn Kamba Bombo eine Spur von Manier besitze, es seine Pflicht sei, uns erst einen Besuch zu machen, bevor er uns zum Gastmahl einlade; überdies hätten wir noch nie von ihm gehört und wüßten gar nicht, ob er überhaupt das Recht habe, uns gegenüber als zuständige Behörde aufzutreten. Er werde sich wohl nicht einbilden, daß wir seiner Aufforderung, unseren Lagerplatz zu wechseln, gehorchten; wenn ihm daran liege, uns als Nachbarn zu haben, so stehe es ihm frei, seine Zelte in unserer Nachbarschaft aufzuschlagen. Wir wollten nichts von ihm und hätten nicht nach ihm geschickt; wünsche er uns zu sehen und mit uns zu sprechen, so sei es ihm unbenommen, jederzeit unser Zelt zu besuchen. Während der Tage, die wir in Dschallokk zugebracht, hätten wir hinsichtlich der Dreistigkeit der Tibeter viel zu gründliche Erfahrungen gemacht, um uns freiwillig zu Nachbarn von Kamba Bombo und seinem Gefolge zu machen. Wir seien friedliche Fremdlinge aus dem Norden, die das Recht hätten, die Wallfahrt zu machen, und jetzt wünschten wir nur zu erfahren, ob uns der Weg nach Lhasa offenstehe oder nicht; wenn nicht, würden wir sofort nach unserem Hauptquartier zurückkehren, und Kamba Bombo selbst habe die Verantwortung für die Folgen zu tragen.

Mit allem diesen und noch mehrerem wurde der arme Dolmetscher traktiert, der in seiner unangenehmen Unterhändlerstellung, die er bekleidete, sich wie ein Wurm wand. Er bat und flehte und bediente sich seiner ganzen Überredungskunst, aber wir blieben unbeweglich. „Das Gastmahl ist bereitet, und man erwartet euch; wenn ihr nicht kommt, trage ich die Schuld, falle in Ungnade und werde verabschiedet.“ Er bestürmte uns über zwei Stunden; als ich jedoch meinen Entschluß nicht änderte, erhob er sich, um aufs Pferd zu steigen. Noch im Sattel bat er, wir möchten uns doch besinnen, und versicherte, daß uns kein Leid widerfahren werde. Ich antwortete ihm nur, es sei uns vollkommen gleichgültig, welchen Bescheid er dem Bombo zu bringen gedenke, aber zum Gastmahl kämen wir nicht, und beliebe es dem Gouverneur nicht, uns eine Visite zu machen, so werde er keinen Schimmer von uns zu sehen bekommen. Da grüßte der Dolmetscher zum Abschied und ritt zu den Zelten zurück.

Es mag den Anschein haben, als sei diese Antwort auf eine freundliche Einladung ebenso arrogant wie unhöflich und als hätten drei arme Pilger sich einem so mächtigen, vornehmen Gouverneur gegenüber einen solchen Ton nicht erlauben dürfen. Denn er war es, der in Nakktschu (auch Nagtschu; der Ort liegt am Flusse gleichen Namens, der mit dem oberen Saluen gleichbedeutend ist) residierte und dessen Pflicht es war, alle Karawanen zu untersuchen und alle Reisenden, Pilger und Wanderer, die sich Lhasa auf der großen Straße von Zaidam und über Tang-la nähern, zu visitieren. Jetzt, da wirklich Gefahr im Anzug zu sein schien und eine große europäische Karawane sich näherte, mußte er, um nicht sein Amt und vielleicht auch das Leben zu verlieren, seine Autorität nachdrücklich wahren. Ganz gewiß hatte er auch durch besondere Kuriere von Lhasa Befehl erhalten, seinen Posten auf einige Tage zu verlassen und sich nach Dschallokk zu begeben, um dort die Sachlage genau zu untersuchen.

Tatsächlich war es auch nicht reiner Oppositionsgeist, der unsere Antwort so unfreundlich ausfallen ließ. Aber ringsumher hatte die ganze Zeit über Kriegsstimmung geherrscht, die Tibeter waren mobil gemacht und hatten ihre Streitkräfte gesammelt, und ich meinerseits würde ihnen verziehen haben, wenn sie über unser Unterfangen, das ja darauf ausging, sie zu überlisten, böse geworden wären. Keiner hätte es ihnen verdenken können, wenn sie erklärt hätten: „Hier ist ein Europäer, der sich als Burjate verkleidet hat, um nach Lhasa zu gelangen, und hier ist ein Lama, der seine Studien in Lhasa gemacht hat und jetzt als Führer des ersteren auftritt; laßt uns ein für allemal ein Exempel statuieren und den beiden zeigen, daß solche Versuche übel ablaufen!“ Noch am 9. August ahnten wir nichts von unserem Schicksal; das einzige, was man uns mit absoluter Sicherheit gesagt hatte, war, daß man uns unter keinen Umständen erlauben würde, uns nach der Hauptstadt zu begeben. Jetzt grübelten wir auch darüber nach, ob die heutigen Vorbereitungen und die Unruhe, die unter den Tibetern geherrscht hatte, etwas Besonderes zu bedeuten hätten. War die Einladung ein Versuch, uns in eine Falle zu locken? Zu einem Gastmahl geht man unbewaffnet; sollten die Tibeter nur einen Vorwand suchen, um uns von unseren Waffen, vor denen sie gehörigen Respekt hatten, zu trennen? Wenn es wirklich ihre Absicht war, uns nicht lebendig aus der Gefangenschaft kommen zu lassen, so wollten wir wenigstens erst die fünfzig scharfen Patronen, die wir bei uns hatten, benutzen. Es waren schon Europäer in Tibet verschwunden — zuletzt Dutreuil de Rhins und Rijnhard — wenn auch nicht so nahe bei Lhasa, wie wir uns jetzt befanden. Ein verkleideter Europäer mußte noch viel größeren Gefahren ausgesetzt sein; denn sollten die Tibeter hinterher je zur Rechenschaft gezogen werden, so konnten sie mit vollem Recht sagen. „Wir haben nicht gewußt, daß er ein Europäer war; er sagte selbst, er sei ein Burjate.“

Von diesem Gesichtspunkte aus hielt ich unsere Lage für ziemlich unsicher, obgleich mehrere unserer neuen Freunde uns versichert hatten, daß wir für Leib und Leben nichts zu fürchten hätten. Da ich mich aber keinen Augenblick bedacht hatte, mein Leben einer so großen Gefahr inmitten eines den Europäern feindlich gesinnten Volkes auszusetzen, da ich das Abenteuer bis auf die Spitze getrieben hatte und so weit gegangen war, wie es überhaupt möglich war, wollte ich das Spiel auch auf ehrenvolle Weise beenden!

Unseren eigenen Betrachtungen überlassen, saßen wir ein paar Stunden am Feuer und tauschten unsere Ansichten über die kritische Lage aus. Keine Menschen zeigten sich in unserer Nähe, nur in dem Zeltdorfe des Gouverneurs herrschte Leben und Bewegung; dort wurde augenscheinlich über uns Rat gehalten. Aber was sagte man, in welcher Richtung gingen die Beschlüsse? Wir ahnten, daß eine Entscheidung nahe bevorstand. Vielleicht hatte unsere unhöfliche Antwort Kamba Bombo beleidigt, und er schickte sich jetzt an, uns eine ordentliche Lektion zu geben. Es war ein entsetzlich unbehagliches Warten; ich erinnere mich dieser langen Stunden, als wäre es gestern gewesen.

Zwei volle Stunden waren vergangen, als es um die weißen Zelte wieder lebendiger wurde; es gab ein Laufen und Hinundherreiten, die Tibeter bewaffneten sich und stiegen zu Pferd. Ein ganzer Wald von Reitern sprengte in einer schwarzen Linie auf uns los (Abb. 257). Es regnete nicht, und wir konnten dieses in Wahrheit prächtige Schauspiel ungestört genießen. Sie näherten sich in schnellem Tempo, die Pferde liefen in starkem Galopp. Ein undeutliches Sausen ertönt, bald unterscheidet man das schnelle Aufschlagen der Pferdehufe. Wir hatten das Gefühl, als stürze eine Lawine auf uns herab, um uns im nächsten Augenblick zu begraben. Die Gewehre und der Revolver lagen geladen bereit, wir aber standen vor dem Zelt, und keiner sollte die Unruhe ahnen, die sich unserer bemächtigt hatte.

Die Tibeter ritten in einer Linie heran. In der Mitte ritt der Gouverneur auf einem großen, schönen Maulesel; sonst ritten alle Pferde. Er war von seinem Stabe begleitet, der aus Militär-, Zivil- und geistlichen Beamten in prachtvollen Festgewändern bestand. Die Flügel bildeten Soldaten, die bis an die Zähne mit Gewehren, Säbeln und Lanzen bewaffnet waren, als handle es sich um einen Feldzug gegen einen feindlichen Stamm. Wir konnten 67 Mann zählen.

Jetzt trennten sich einige Reiter von der Schar, erhöhten die Geschwindigkeit und gewannen einen Vorsprung von einigen Minuten, dann saßen sie ab und grüßten. Einer von ihnen war unser Freund, der Dolmetscher, der nur anmeldete, daß Kamba Bombo uns in höchsteigener Person mit einem Besuche beehre. Als dieser in der Nähe des Zeltes anhielt, sprangen einige des Gefolges aus dem Sattel und breiteten auf der Erde einen Teppich aus, auf dem der Gouverneur abstieg. Dann nahm er auf gleichfalls bereitgehaltenen Kissen und Decken Platz, und Nanso Lama, ein vornehmer Priester aus Nakktschu, setzte sich neben ihn.

Jetzt ging ich ruhig zu ihm heran und bat ihn, ins Zelt zu treten, wohin er sich sofort begab und wo er nach einigem Zieren den Ehrenplatz — auf einem nassen Maissack — unter unseren übelriechenden, beinahe schimmeligen Effekten annahm. Er sah listig und schelmisch aus, blinzelte mit den Augen und lächelte oft. Er mochte 40 Jahre alt sein, war klein und bleich, sah abgezehrt und müde, aber doch entzückt aus, daß er uns jetzt endlich in der Falle hatte; er wußte ganz genau, daß er in Lhasa großen Ruhm ernten würde, wenn er seinen geschickten Schachzug dorthin berichtete.

Sein Anzug war geschmackvoll und elegant; er hatte ihn entschieden eigens für die Visite angelegt, denn er war ganz neu und fleckenlos. Die Überkleider, einen großen roten Radmantel und ein rotes Baschlik, nahmen ihm die Diener ab. Nachdem dies geschehen war, präsentierte er sich in einem kleinen blauen chinesischen Käppchen und in einem weitärmeligen Gewande von schwerer gelber Seide; er trug grüne mongolische Samtstiefel und war mit einem Wort wie zu einem Feste geschmückt.

257. Tibetische Kavallerie. (S. 223.)
258. Tibetische Soldaten. (S. 231.)

Nun wurde dem Kamba Bombo ein Tintenfaß, Feder und Papier gebracht, worauf das Verhör begann. Für uns interessierte er sich weniger als für das Hauptquartier und die Stärke der Karawane. Alle Antworten notierte er selbst, denn er sollte einen ausführlichen Bericht nach Lhasa schicken. Dann wurden unsere Habseligkeiten untersucht, aber merkwürdigerweise sprach er nicht einmal den Wunsch aus, unsere Kisten besichtigen zu dürfen. Die Mitteilung, daß sie Proviant enthielten, genügte ihm vollständig. Über mich schien er ganz im reinen zu sein und er hielt es sogar für überflüssig, mir persönliche Fragen vorzulegen. Schagdur gebärdete sich, als er gefragt wurde, wie ein Feldmarschall; er sei russischer Untertan, aber auch Burjate und berechtigt, nach Lhasa zu reisen. Die russischen Behörden würden es als eine Beleidigung betrachten, wenn man uns friedliche Pilger hindere, die Wallfahrt zu machen; niemand, wer es auch sei, dürfe uns antasten. Doch Kamba Bombo erwiderte lachend:

„Du glaubst, mir Furcht einjagen zu können; ich tue meine Pflicht, gerade hinsichtlich eurer habe ich meine Befehle vom Dalai-Lama erhalten und weiß selbst am besten, was ich zu tun habe. Nach Lhasa dürft ihr nicht reisen, nicht einen Tag mehr in dieser Richtung, nein! Einen Schritt weiter, — und es kostet euch den Kopf!“ (Titelbild zum 2. Band.) Und dabei fuhr er mit der flachen Hand, die er wie eine Klinge hielt, um den Hals herum. Und er fügte hinzu, daß es ihm selbst ebenfalls ans Leben gehen würde, wenn er uns durchließe:

„Es ist ganz einerlei, wer ihr seid und woher ihr kommt, aber ihr seid im höchsten Grade verdächtig; ihr seid auf einem Schleichweg hierhergekommen und ihr sollt nach eurem Hauptlager zurückkehren.“

Wir sahen ein, daß hiergegen nichts zu machen war. Schagdur erzählte nun von dem Pferdediebstahl. Anfangs machte Kamba Bombo Ausflüchte und sagte, er sei für das, was außerhalb der Grenzen seiner Provinz passiere, nicht verantwortlich. Schagdur erwiderte:

„So, dies ist also nicht euer Land; ist es denn vielleicht russisches Gebiet?“ Da wurde aber Kamba Bombo ärgerlich und erklärte, daß das ganze Land dem Dalai-Lama gehöre. Schagdur war nachher sehr stolz auf seine Erwiderung. Nun erhob sich der Gouverneur, nahm Schagdur mit und setzte sich draußen auf den Kissen nieder; nach einer Weile wurde ich zu ihm gerufen. Er sei bereit, sagte er, uns zwei neue Pferde zu besorgen, eines davon müsse ich aber bezahlen. Ich lachte ihm gerade ins Gesicht und ging wieder ins Zelt hinein, nachdem ich ihm geantwortet hatte, daß wir derartige Geschenke nicht annähmen: entweder zwei Pferde oder gar keins. Da versprach der Bombo, daß er uns am folgenden Morgen zwei Pferde für die gestohlenen schenken würde.

Schließlich erklärte Kamba Bombo, daß wir aufbrechen könnten, wann wir wollten, daß er jedoch Dschallokk nicht eher zu verlassen gedenke, als bis wir fort seien. Um keine Zeit zu verlieren, beschlossen wir, den Rückweg schon am folgenden Morgen anzutreten. Eine besondere Eskorte sollte uns bis zur Grenze am Satschu-sangpo begleiten, und als wir, um nicht der Tiere wegen nachts Wache halten zu müssen, darum baten, von der Eskorte bis ins Hauptquartier gebracht zu werden, versprach er uns dies. Während der Reise sollte uns alles, was wir an Proviant brauchten, kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Auch jetzt schenkte uns Kamba Bombo eine ganze Menge nützliche Eßwaren.

Im großen ganzen war er sehr freundlich und artig und gar nicht ärgerlich darüber, daß er durch uns Arbeit und Mühe gehabt und selbst hatte hierherreiten müssen. Er war ein rechtlich denkender und handelnder Mensch und wußte genau, was er wollte. Wer ich war, ist ihm wohl nie völlig klar geworden; doch muß er wohl geglaubt haben, daß hinter meiner abgetragenen mongolischen Tracht etwas Außergewöhnliches verborgen sei, sonst wäre er schwerlich mit solchem Pompe und Hofstaate angezogen gekommen. Mit China stehen die Tibeter beständig in Berührung; ihr Land ist nominell ein Vasallenstaat jener Macht, die in Lhasa einen Vertreter und ein „Yamen“ hat, welches in der Nähe von Potala, dem Tempelpalaste des Dalai-Lama, liegt. Ohne Zweifel hatten die Behörden in Lhasa Kenntnis von allem, was kürzlich in China geschehen war, und wußten, wie schwer der Mord des deutschen Gesandten von Ketteler in Peking bestraft worden war. Sie mochten sich daher sagen, daß es klüger sei, sich nicht an einem Europäer zu vergreifen.

Während der Unterhaltung drängten sich die anderen Tibeter um uns und machten ihre Bemerkungen und Beobachtungen. Sie trugen Säbel in reich mit Silber beschlagenen Scheiden, die mit Korallen und Türkisen besetzt waren, Gavo (Amulettfutterale) von Silber, Armbänder, Rosenkränze, bunte Schmucksachen in ihren langen Zöpfen und waren entschieden mit dem Feinsten, was sie anzuziehen hatten, ausstaffiert. Die Vornehmeren trugen große, weiße Hüte mit Federn, andere Binden um den Kopf, die gemeinen Soldaten gingen barhäuptig.

Schereb Lama war von all dieser Pracht ganz überwältigt. Er lag vornübergebeugt auf den Knien, starrte auf die Erde und konnte sich nicht entschließen, dem Blicke Kamba Bombos zu begegnen, als dieser ihn scharf verhörte. Er gab kurze, hastige Antworten, als ob er kein Geheimnis mehr zu wahren hätte. Was er sagte, verstanden wir nicht, denn sie sprachen tibetisch. Nachher sagte er uns, daß der Bombo ihm schwere Vorwürfe darüber gemacht habe, daß er uns begleitet habe, da er doch habe wissen müssen, daß Europäer in Lhasa nicht geduldet würden. Sein Name sei in die Tempelbücher eingetragen, und er werde nie wieder die Erlaubnis erhalten, das Gebiet der heiligen Stadt zu betreten! Versuche er, sich dort mit einer Pilgerkarawane einzuschleichen, so werde es ihm schlimm ergehen. Er sei seiner Priesterwürde untreu geworden und sei ein Verräter!

Zuletzt schlug ich Kamba Bombo noch vor, ich wolle selbst mit Hilfe des Lamas und des Dolmetschers einen Brief an den Dalai-Lama aufsetzen, der uns, wenn er erfahre, wer wir seien, gewiß mit Vergnügen empfangen würde; der Bombo aber antwortete, dies sei ganz unnötig, da er ja seine Befehle über unsere Behandlung täglich direkt von Lhasa erhalte; auch könne er sich in seiner Stellung nicht erlauben, dem Dalai-Lama Ratschläge zu geben; dies würde ihm im besten Falle sein Amt kosten.

Darauf sagte er artig Lebewohl, schwang sich in seinen reichgeschmückten Sattel und ritt, von seinem großen Stabe gefolgt, schnell davon. Die Dämmerung hatte sich schon auf die Gegend herabgesenkt, die Reiterschar entschwand bald unseren Blicken und mit ihr meine Hoffnung, das Mekka des Lamaismus zu schauen! Hell glänzten die Sterne über Lhasa, kein Lüftchen regte sich an diesem stillen Abend, nur dann und wann hörte man in der Ferne einen Hund bellen.