Da ich annehme, daß es meine Leser interessieren wird, einige Auskunft über das Land, das obigen Namen trägt, zu erhalten und zu erfahren, was bisher durch chinesische Quellen darüber bekannt war, so will ich im Anschluß an meine Entdeckungen einige von fachkundigster Seite herrührende Mitteilungen anführen. Es sind meine Freunde die Sinologen Karl Himly in Wiesbaden und George Macartney in Kaschgar, die zu Worte kommen, und zwar in den beiden vornehmsten geographischen Zeitschriften der Welt.
Himly hat in „Petermanns Mitteilungen“ (1902, Heft XII) einen Aufsatz, betitelt „Sven Hedins Ausgrabungen am alten Lop-nur“ veröffentlicht, worin er das von mir mitgebrachte Material vorläufig analysiert und daraus mehrere interessante Schlüsse zieht. Er schreibt:
„Der Name Lop-nur ist nicht von den jetzigen (türkischen) Bewohnern erfunden, wie ja auch «nur» = See ein mongolisches Wort ist. Vor Mitte des 18. Jahrhunderts verlief hier die Grenze der Khalkha- und der Westmongolen oder Kalmücken. Von den Chinesen wird jetzt nach Hedins Erkundung das Gebiet des neugegründeten Ortes Dural so genannt, wo ein chinesischer «Amban» seinen Sitz hat. Nach den Ausführungen in Petermanns Ergänzungsheft betrachtete Hedin den etwas weiter südöstlich befindlichen Kara-köl als Überbleibsel des alten Sees. Dieser war aber längst vor der Mongolenzeit den Chinesen bekannt gewesen und hatte verschiedene teils chinesische, teils einheimische Namen: Yen-tsö (chinesisch «Salzsee»), Puthschang-hai («hai» chinesisch = Meer), Yao-tsö, Lôu-lan-hai usw.; Lôu-lan aber war der Name eines Landes, welches trotz seiner Kleinheit wegen seiner Lage zwischen dem nördlichen und dem südlichen Weg von China nach dem Westen schon zur Zeit der Kämpfe zwischen den chinesischen Kaisern aus dem Haus der Han und den Hiung-Nu seit dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine für dasselbe zuweilen verhängnisvolle Rolle gespielt hat, indem es bald auf die eine, bald auf die andere Seite gedrängt wurde. Der berühmte Wallfahrer Hüan-Tschuang berührte 645 das Land auf seiner Rückreise aus Indien, nachdem er von Khoten aus die Wüste mit ihren damals schon in Trümmern liegenden Städten durchzogen hatte. Wenn schon die Wüste die Einwohner der Städte vertrieb und ihre Häuser verschüttete, mußte eine Vereinigung der Staubstürme mit den sich stauenden Gewässern die Gefahr noch vermehren. Nach dem Schuêiking-tschu sammelten sich die Gewässer des Sees nordöstlich von Schan-schan (Lôu-lan) und südwestlich von Lung-thschöng (Drachenstadt), welches im Zeitraum Tschi-ta (1308–11) durch eine Sturmflut zerstört wurde. Doch waren die Trümmer noch vorhanden.
„Vielleicht ist es nun diese alte Trümmerstätte, welche Hedin während seines letzten Aufenthalts in der Gegend des Lop-nur aufgefunden hat. Er begab sich nämlich, von einigen einheimischen Türken — Lopliks, die jedoch noch nie dort gewesen waren — und einem seiner Kosaken begleitet, von der Quelle Altimisch-bulak nach Süden und traf nach zwei kleinen Tagereisen in einer Entfernung von 81½ Kilometer vom Kara-koschun auf die Trümmer einer alten Stadt. Während von den meisten Häusern nur noch die Holzgerüste standen, war eines aus Lehm (oder Luftsteinen?) gebaut mit dicken Außen- und zwei Innenwänden, welche das Haus in drei Räume, einen breiteren mittleren und zwei kleinere an den Seiten teilten. In einem der letzteren wurden eine Menge Stäbe aus Tamariskenholz mit meist chinesischen Schriften und viele Papierfetzen, letztere teilweise auf einer, teilweise entgegen der jetzigen Sitte auf beiden Seiten beschrieben, unter einer Sand- (oder Löß-?)Schicht von höchstens zwei Fuß Dicke aufgefunden. Es befanden sich darunter auch kleine Klötzchen, welche gleichfalls beschrieben waren und meist augenscheinlich zum Zubinden bestimmte Vertiefungen zeigten. Daß diese Klötzchen als Deckel für darunter befindliche Briefschaften gedient hatten, war teils aus der Aufschrift zu entnehmen, teils hatten schon die im Januar 1901 von Stein am Niya-Flusse gemachten Funde an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriggelassen, wie man sich beim ersten Blick auf Tafel IX in seinem «Preliminary report on a journey of archaeological and topographical exploration in Chinese Turkestan» überzeugen kann. Unweit dieser Fundstelle fanden sich sehr wertvolle Holzschnitzereien mit geschmackvollen Verzierungen; die darunter vorkommenden Buddhabilder lassen auf das Vorhandensein eines Tempels schließen. In einem anderen Hause fanden sich Fischknochen in großer Menge, und unzählige Schnecken (Limnaea) lagen umher. Läßt dieser Umstand darauf schließen, daß hier das Ufer eines Sees war, so zeugte ein riesengroßes, aus fünf dicken Brettern bestehendes Rad vom Wagenverkehr zu Land. Die vier Türme aus Fachwerk, welche sich in der Umgebung fanden, mögen teils zur Verteidigung, teils am Weg als Feuer- oder Rauchtürme gedient haben, wie sie weit über das chinesische Reich zerstreut lagen, um vor dem herannahenden Feind zu warnen. Ein riesiger Wasserbehälter von rotem Ton, oben mit schmaler Öffnung versehen, hatte sich vollkommen erhalten.
„Unter den kleineren Fundstücken sind namentlich die Kupfermünzen bemerkenswert, die, bis auf eine chinesischen Ursprungs, auf eine bestimmte Reihe von Jahrhunderten hinweisen. Sie haben alle das bekannte viereckige Loch in der Mitte, an dem sie, zu Hunderten aufgereiht, an Stricken getragen zu werden pflegen. Die Bezeichnungen einer bestimmten Reihe von Jahren, welche frühestens im Jahre 376 n. Chr. begannen und vom Jahre 621 an nie mehr fehlten, finden sich auf keiner der Münzen. Die häufigste Aufschrift ist Wu tschu (5 Tschu oder 5/24 Liang oder Unzen) in alter Siegelschrift, in der die 5 einer römischen Zehn (X) ähnelt, und kommt von 118 v. Chr. bis 581 n. Chr. vor. Zuweilen haben die Münzen die Bezeichnung Huo-thsüan (nach Endlichers Übersetzung «Tauschmittel»), welche von 9–22 n. Chr. aus der Zeit des Wang-Mang angeführt wird. Eine Münze, in der das Loch ein längliches Viereck bildet, trägt die Aufschrift in Schriftzeichen, deren Erklärung der Zukunft vorbehalten werden muß.
Unter den anderen kleineren Gegenständen ist namentlich ein kleiner geschnittener Stein bemerkenswert, welcher den in Hedins Werk «Durch Asiens Wüsten» (erste Auflage, II, 33) abgebildeten «Gemmen aus Borasan» an die Seite zu stellen ist. Es heißt dort (II, S. 35) von der Fundstätte westlich von Khoten, die dortigen «Überreste einer hochentwickelten Kunstindustrie» beständen aus «kleinen Terracottagegenständen, Buddhabildern aus Bronze, Gemmen, Münzen usw., für den Archäologen von größter Bedeutung, da sie bewiesen, daß die durch griechischen Einfluß veredelte antike indische Kunst bis ins Herz von Asien gedrungen wäre». Hier nun handelt es sich augenscheinlich um einen Hermes, der als Gott der Wanderer seinen Weg durch Baktrien nach dem Innern von Asien gemacht hat. Kunstvolle dreikantige Pfeile oder flache kleinere, etwa für Geflügel bestimmte, beide von Bronze, Wirtel, ein mit Perlen usw. geschmückter Ohrring, Kupferdraht, eiserne Nägel, mit einem scharfen Gegenstand oben geöffnete Kaurimuscheln, Schellen (für die Pferde?) von Kupfer- und Messingblech, Bruchstücke von Glöckchen aus Bronze, Bernstein und Perlen aus solchem, kupferne Ringe, allerlei Gerät oder Bruchstücke davon aus verschiedenartigen Steinen oder Halbedelsteinen, worunter Nierstein (Nephrit) und Alabaster, verziertem grünem Glas usw., geben Kunde von der Bildungsstufe, auf welcher entweder der einheimische Gewerbefleiß stand, oder von dem Sinn, welchen man für die Erzeugnisse des fremden hatte.
„Hinsichtlich der Frage, um welchen Zeitraum es sich bei der Zerstörung des Ortes handeln dürfte und wie derselbe, d. h. die Stadt oder das Land, geheißen haben, sprechen die aufgefundenen Schriftstücke eine deutlichere Sprache. Sowohl auf den Stäben als auf den alten Papierfetzen kommt der Name Lôulan vor und zwar in einem Zusammenhang, der keinen Zweifel läßt, daß so der Ort der Bestimmung oder Aufbewahrung hieß. So stehen auf dem oberen Teile eines der Stäbe Angaben über nach Tun-Huang und Tsiu-Thsüan (Su-tschôu) abgesandte Briefe; auf dem unteren Teile ist der 15. Tag des 3. Monats im 6. Jahre des Zeitraums Thai-Schi, d. h. des 6. Jahres des Kaisers Tsin Wu Ti (270 n. Chr.) angegeben als Tag der Ankunft eines Briefes in Lôulan. Auf einem der Deckelklötzchen, welches die auf Tafel IX von Steins «Preliminary report» angegebene Gestalt hat, nur viel kleiner ist, finden sich der Fürst der See-Angelegenheiten und Frau (Tien-schi Wang Hou) in Lôulan als Empfänger angegeben. Die erste Zeitangabe ist vom Jahre 264, in welchem das Haus Wei das nördlichste der «drei Reiche» noch unter seiner Herrschaft hatte. Sonst finden sich noch die Jahre 266, 268, 269 und 270 angegeben, während sich unter den meist anscheinend mit Willen zerfetzten Papieren der Name Lôulan zweimal, wovon einmal aus einer geringfügigen Veranlassung des Inhalts, daß ein gewisser Ma aus Lôulan am 6. des 6. Monats nicht vorzusprechen brauche, und die Jahreszahl 310 in Verbindung mit der Stadt An-Si finden.
„Der Inhalt der verschiedenen schriftlichen Bemerkungen ist ein sehr verschiedenartiger. Es ist darin sonst noch von Getreidelieferungen, von Nachrichten aus Tun-Huang, Verkehr mit Kao-Tschang (dem alten Turfan), von gerichtlichen Verhandlungen usw. die Rede. Die Stäbe dienten augenscheinlich bald als Tagebücher, bald zu Mitteilungen oder Weisungen an Untergebene. Letzterer Art scheint ein abgebrochener kleinerer Stab gewesen zu sein mit der Mitteilung, daß von dem (pien? am Rand, an der Grenze, am Ufer?) angelangten Heer vierzig am Deich empfangene Anführer in den Gehöften Unterkunft finden könnten.
„Ein kleines Brettchen hat eine nicht chinesische Aufschrift, deren Schriftzeichen den Kharoshthi-Zeichen bei Stein (Taf. IX, X und XI bei Stein a. a. O.) ähneln, wie auch das Brettchen von zwei Deckeln von der auf Steins Tafel X veröffentlichten Art begleitet gewesen sein wird.
„Es ist nach dem allem kaum zu bezweifeln, daß hier das alte Lôulan war und am alten Lop-nur lag. Diese alte Stadt scheint Anfang des vierten Jahrhunderts vom Wüstensturm oder von den Gewässern, bezw. durch beide Gewalten zerstört worden zu sein. Man wird in der Nähe eine andere, die sogenannte Drachenstadt, gebaut haben, welche dann ihrerseits in den Jahren 1308–11 durch eine Sturmflut zugrunde ging.“
Mein alter Freund von all meinen Besuchen in Kaschgar, George Macartney, der ebenfalls ein gründlicher Kenner der chinesischen Sprache ist, hat in der Märznummer 1903 des „Geographical Journal“ folgenden Aufsatz erscheinen lassen, den ich hier mit seiner Erlaubnis in extenso mitteile. Einige der historischen Ereignisse, deren Schauplatz Lôu-lan gewesen, passieren hier Revue und zeigen, daß dieses Land einst eine gewisse Bedeutung gehabt hat. Im Verein mit den von Himly gegebenen Mitteilungen und Übersetzungen gibt uns Macartneys Aufsatz Gelegenheit, uns eine ziemlich deutliche Vorstellung von diesem zweitausendjährigen Königreich zu machen. Macartneys Artikel trägt den Titel. „Notices, from Chinese sources, on the ancient Kingdom of Lau-lan or Shen-shen“ (Nachrichten aus chinesischen Quellen über das alte Königreich Lôu-lan oder Schen-Schen) und lautet folgendermaßen:
„In dem Vortrag, den Dr. Sven Hedin in London am 8. Dezember 1902 vor der Königl. Geographischen Gesellschaft über seine dreijährigen Forschungen in Zentralasien hielt, gab er uns eine lebhafte Schilderung von den Ruinen einer alten Stadt am Ufer des alten Lob-nor. Unter den Funden, die er von dieser Örtlichkeit mitgebracht hat, finden wir eine Anzahl chinesischer Manuskripte, die als dem zweiten und dritten Jahrhundert n. Chr. angehörend identifiziert worden sind. Einige von diesen Manuskripten tragen nicht allein das Datum, sondern auch den Namen des Ortes, an welchem sie geschrieben worden sind. Dieser Name ist Lau-lan, und die Kenntnis dieser Tatsache ist von besonderem Interesse. Der Name Lau-lan selbst ist den modernen chinesischen Geographen wohlbekannt, aber bis jetzt sind offenbar weder sie noch Gelehrte in Europa imstande gewesen, mit einiger Genauigkeit die Lage des Landes, das einstmals diesen Namen getragen hat, zu bestimmen. Herr A. Wylie, ein hervorragender Chinaforscher, hatte diese Lage im Jahre 1880 seinen Berechnungen nach auf 39° 40′ nördl. Breite und 94° 50′ östl. Länge angenommen. Dies würde einen Fehler von ungefähr 250 engl. Meilen (etwa 420 Kilometer) bedeuten, wenn ich recht verstanden habe, daß der Platz, wo Dr. Hedin die den Namen Lau-lan tragenden chinesischen Manuskripte gefunden hat, ungefähr auf 40° 40′ nördl. Breite und 90° östl. Länge lag. [Diese Zahlen sind beinahe richtig. Hedin.] Eine genauere Feststellung der Lage von Lau-lan, die jetzt selbstverständlich möglich ist, kann, wie ich hoffe, hinsichtlich anderer benachbarter Länder, deren alte Namen bekannt sind, über deren Lage sich aber die heutigen Geographen noch die Köpfe zerbrechen, zu wertvollen Ergebnissen führen.
„Wenn wir die Geschichte der ersten Hankaiser, das Tsien-Han-shu [ich lasse die englische Schreibweise der chinesischen Namen unverändert. Hedin], und die Aufzeichnungen, welche Fa-Heen und Hsian-Tsang hinterlassen haben, studieren, finden wir viele Orte mit Entfernungen erwähnt, als deren Ausgangspunkt Lau-lan angegeben ist.
„So erwähnt das Tsien-Han-shu (geschrieben, in runden Zahlen, zwischen 100 v. Chr. und 50 n. Chr.) folgende Entfernungen: Von Wu-ni (Hauptstadt von Lau-lan) nach Yang-kuan, dem «südlichen Sperrtor», (augenscheinlich in der Richtung von Tun-huang) 1600 Li; nach Chang-an 6100 Li; nach dem Verwaltungssitze (der Name fehlt) des chinesischen Gouverneurs 1785 Li; nach Si-an-fu 1365 Li; nach Keu-sze (Ouigour) in nordwestlicher Richtung 1890 Li.
„In der Beschreibung seiner Reisen gibt Fa-Heen (im fünften Jahrhundert n. Chr.) folgende Entfernungen an: von Shen-shen oder Lau-lan nach Tun-huang, etwa 17 Tagemärsche, 1500 Li; nach Wu-e (Uigur?) 15 Tagereisen zu Fuß in nordwestlicher Richtung.
„Von Hsian-Tsang erfahren wir, daß Lau-lan, das er auch Na-po-po nennt, 1000 Li nordöstlich von Chem-to-na oder Nimo liegt.
„Aus dem Obigen ergibt sich auch, daß der Ort Lau-lan als Ausgangspunkt für die Bestimmung der Lage mehrerer anderer Orte dienen kann. Vielleicht können die obigen Angaben späteren archäologischen Forschern von Nutzen sein.
„Dies ist aber noch lange nicht alles, was wir aus chinesischen Quellen über Lau-lan erfahren können. Das Tsien-Han-shu erzählt uns, daß China mit diesem Lande unter der Regierung des Kaisers Wu-ti (140–87 v. Chr.) in Verbindung zu treten begann, um welche Zeit sich die Westgrenze des Reiches nicht über das Yang-kuan-Sperrtor (vielleicht bis Tun-Huang) und das Yü-Tor (das moderne Chia Yu Kuan?) hinaus erstreckt zu haben scheint. Das ausgedehnte Land, das hinter diesen Orten lag, wurde von den damaligen chinesischen Geographen mit dem unbestimmten Namen Si-yu (die Westregion) bezeichnet und soll nach ihnen in 36 verschiedene Königreiche geteilt gewesen sein. Man erzählt, daß von China zwei Wege nach dieser Gegend führten. «Der über Lau-lan, welcher längs des Flusses Po (des unteren Tarim?) auf der Nordseite des südlichen Gebirges (des Altyn Ustun Tagh?) hinläuft und westwärts nach Sa-sche (Yarkand) führt, ist der südliche Weg. Der, welcher über den Palast des Häuptlings in Keu-tse (im Ouigourreiche? 1890 Li von Lau-lan) führt und den Fluß Po in der Richtung des nördlichen Gebirges (Tien Shan) bis nach Su-leh (Kaschgar) begleitet, ist der nördliche Weg.»
„Das Wassersystem des Tarimbeckens wird mit folgenden Worten beschrieben: «Der Fluß (Chotan-darja?) strömt nach Norden, bis er sich mit einem Flusse vom Tsung-ling (Zwiebelkette in Sarikol) vereinigt, und fließt dann nach Osten in den Pu-schang-hai (den Schilfsee), der auch der Salzsumpf genannt wird. Dieser liegt über 300 Li von dem Yü-Tore und dem Sperrtore Yang-kuan und ist 300 Li lang und breit. Das Wasser ist stationär und nimmt weder im Winter noch im Sommer ab oder zu. Der Fluß soll sodann unter der Erde weiterfließen und bei Tseih-shih wieder zutage treten, von wo an er den Gelben Fluß Chinas bildet.»
„Das Folgende ist ein Auszug des Berichtes, den wir in dem Tsien-Han-shu über die politischen Verhältnisse zwischen China und Lau-lan während des ersten Jahrhunderts vor Christi Geburt finden.
„Kaiser Wu-ti, heißt es, wünschte, mit Ta-wan und den umliegenden Ländern Verbindung zu unterhalten, und schickte wiederholt Gesandte dorthin. Der Weg derselben ging über Lau-lan, aber die Einwohner von Lau-lan beunruhigten im Verein mit dem Ku-tse-Volke die Reise der Beamten und griffen Wang-Kuei, einen der Gesandten, an und raubten ihn aus. Doch nicht genug damit, die Bewohner von Lau-lan machten sich den Chinesen auch dadurch verhaßt, daß sie den Heun-nu (Hunnen) als Spione dienten und diesen wiederholt bei der Ausplünderung chinesischer Reisender halfen. Dergleichen konnte nicht geduldet werden. Daher rüstete Wu-ti eine Expedition gegen den feindlich gesinnten Staat aus. Chao Po-nu wurde mit einem Heere von 10000 Mann ausgesandt, um das Ku-tse-Volk zu strafen, während der Gesandte Wang-Kuei, der wiederholt unter den Übergriffen der Lau-laner gelitten hatte, Befehl erhielt, Chao Po-nu als Unterfeldherr zu begleiten. An der Spitze von 700 Mann leichter Kavallerie vorrückend, nahm dieser den König von Lau-lan gefangen, eroberte Ku-tse und jagte, auf das Ansehen seines Kriegsheeres vertrauend, auch den Staaten, die Vasallen von Wu-sun und Ta-wan waren, Respekt ein. Die Lau-laner unterwarfen sich bald und schickten Tribut an Kaiser Wu-ti. Doch ihre Unterwerfung erboste ihre Bundesgenossen, die Hunnen, und es dauerte gar nicht lange, so wurden sie von diesen angegriffen. Daher schickte der König von Lau-lan, um seine beiden mächtigen Nachbarn zu besänftigen, einen seiner Söhne als Geisel zu den Hunnen und einen zweiten dem Kaiser von China. So endete die erste Episode der Beziehungen zwischen China und dem Königreiche von Lau-lan.
„Aber noch mehr Unruhen standen Lau-lan bevor. Kaiser Wu-ti mußte aus irgendeinem Grunde noch eine Strafexpedition gegen Ta-wan und die Hunnen schicken. Die Hunnen fanden das chinesische Heer so furchtbar, daß sie es für das Klügste hielten, jeden direkten Zusammenstoß mit ihm zu vermeiden, was sie aber nicht hinderte, in Lau-lan, dessen Bewohner noch immer mit ihnen im Bunde standen, Truppen in Hinterhalte zu legen. Diese Truppen beunruhigten Wu-tis Armee unaufhörlich. Die Chinesen kamen bald dahinter, daß die Lau-laner im geheimen Bundesgenossen der Hunnen waren, und infolgedessen wurde General Jen-wan ausgesandt, um sie zu züchtigen. Jen-wan drang bis an das Stadttor vor, welches ihm geöffnet wurde, und machte dem König Vorwürfe über seine Verräterei. Der König antwortete entschuldigend: «Wenn ein kleiner Staat zwischen zwei großen Reichen liegt, zwingt ihn die Notwendigkeit, mit beiden im Bunde zu stehen, sonst hat er nie Frieden; jetzt aber wünsche ich, mein Königreich den Grenzen des chinesischen Reiches einzuverleiben.» Diesen Worten vertrauend, setzte ihn der Kaiser wieder auf den Thron und beauftragte ihn, ein wachsames Auge auf die Bewegungen der Hunnen zu haben.
„Der König starb im Jahre 92 v. Chr. Eine Thronfolgefrage entstand. Man wird sich erinnern, daß einer der Söhne des verstorbenen Königs sich als Geisel am chinesischen Hofe befand. Nun schickten die Lau-laner eine Petition an den Kaiser, er möge ihnen den als Geisel gesandten Prinzen wiederschicken, damit dieser den ledigen Thron besteige. Der Prinz hatte sich jedoch nicht der Gunst des Kaisers erfreut; er war tatsächlich die ganze Zeit, die er in China weilte, im Palaste des Seidenwurmhauses in einer seinem Range entsprechenden Haft gefangen gehalten worden. Daher fand die Petition bei Wu-ti kein williges Ohr, sondern er gab die diplomatische Antwort: «Ich liebe den Prinzen, meinen Gast, sehr und bin nicht gesonnen, ihn von meiner Seite zu lassen.» Der Kaiser schlug dann den Bittstellern vor, sie sollten den nächsten Sohn des toten Königs mit der Königswürde bekleiden.
„Das taten die Lau-laner auch. Aber der neue König regierte nur kurze Zeit, und als er starb, wurde die Nachfolgerfrage wieder brennend. Diesmal dachten die Hunnen, die, wie wir wissen, auch einen Lau-lan-Prinzen als Geisel an ihrem Hofe hatten, daß dies eine passende Gelegenheit sei, ihren verlorenen Einfluß auf diesen Staat wiederzuerlangen. Deshalb schickten sie den Prinzen zurück und setzten ihn auf den Thron. Dieser gelungene Handstreich beunruhigte die Chinesen, die ihren Einfluß durch Bestechungen und Intrigen wiederzugewinnen suchten. Sie machten keinen direkten Versuch, den Schützling der Hunnen zu entthronen, schickten aber an ihn einen Gesandten, der ihn aufforderte, dem chinesischen Hofe einen Besuch abzustatten, wo ihm, wie der Gesandte sagte, der Kaiser reiche Geschenke machen würde. Der Kaiser und der Gesandte konnten jedoch nicht ahnen, daß sie hier auch mit der Verschlagenheit einer Frau zu rechnen hatten. Die Stiefmutter des Königs war dort und riet ihm, indem sie sagte: “«Dein königlicher Vorgänger sandte zwei Söhne als Geiseln nach China; keiner von ihnen ist je zurückgekehrt; ist es da billig, daß du gehen sollst?» Daher verabschiedete der König den Gesandten mit dem Bescheid, daß «die Angelegenheiten des Reiches ihn, da er den Thron erst eben bestiegen habe, noch derartig in Anspruch nähmen, daß er den chinesischen Hof nicht eher als in zwei Jahren besuchen könne».
„Obgleich das Verhältnis zwischen dem neuen König und dem Kaiser ohne Zweifel gespannt war, war es noch nicht zu offenen Feindseligkeiten zwischen ihnen gekommen. Nun aber kam das Ereignis, welches der Unabhängigkeit des Staates Lau-lan ein Ende machen sollte. Am Ostrande von Lau-lan, wo dieses Land an China grenzte, scheint eine Örtlichkeit, der Peh-lung-Wall genannt, gelegen zu haben. Dieser Platz lag auf der großen Heerstraße von China über Lau-lan nach den westlichen Ländern; er litt an Dürre und hatte keine Weiden. Die Lau-laner wurden oft von den Chinesen aufgefordert, Führer, Wasser und Proviant nach diesem Platze zu schicken, wenn durchreisende Beamte dessen bedurften. Hierbei wurden die Ortseinwohner oft von chinesischen Soldaten brutal behandelt. Dadurch entstanden Reibungen; aber die Lage wurde noch verschlimmert durch die Hunnen, welche die Lau-laner immer im geheimen gegen die Chinesen aufhetzten. Schließlich beschlossen die Lau-laner, alle freundschaftlichen Beziehungen zu Wu-ti abzubrechen, und ermordeten einige seiner Gesandten, als diese durch das Gebiet von Lau-lan reisten. Diese Verräterei wurde dem chinesischen Hofe durch Hui Tu-chi, den jüngeren Bruder des Königs, hinterbracht, welcher, nachdem er sich unter die Oberhoheit des Han-Kaisers gestellt hatte, mit dem Plane umging, seinen älteren Bruder vom Throne zu stoßen. Infolgedessen wurde im Jahre 77 v. Chr. der chinesische General Fu-keae-tsu ausgeschickt, um dem König das Leben zu nehmen. Fu-keae-tsu wählte sich schleunigst einige Begleiter aus und begab sich nach Lau-lan. Er hatte vorher das Gerücht verbreiten lassen, daß er beauftragt sei, zu freundschaftlichen Untersuchungen nach einem Nachbarstaate zu reisen, und daß er dem König Geschenke zu überbringen habe. Fu-keae-tsu wurde bei seiner Ankunft von dem König, der nichts Böses ahnte, zu einem großartigen Feste eingeladen. Als der König betrunken war, gab Fu seinen Begleitern ein Zeichen, und nun wurde der König von hinten erstochen. Sein Kopf wurde vom Leibe getrennt und über dem Nordtore der Stadt aufgehängt. Zur Belohnung für seinen Verrat wurde Hui Tu-chi an Stelle seines Bruders zum König eingesetzt und das Königreich unter dem neuen Namen Shen-Shen, auf den der Lehnsbrief ausgefertigt wurde, wiederhergestellt. Damit dem Ansehen des neuen Regenten nichts mangeln sollte, erhielt er eine Dame des kaiserlichen Hofes zur Gemahlin, und als Hui Tu-chi die chinesische Hauptstadt verließ, um sich in sein Reich zu begeben, wurden ihm beim Abschied reiche Ehrenbezeigungen erwiesen. Auf diese Weise gelangte er auf den Thron. Doch er fühlte sich in seiner neuen Stellung nicht sicher. Weil er ein chinesischer Schützling war, betrachtete ihn das Volk, über welches er herrschen sollte, mit Mißtrauen. Außerdem hatte der tote König einen Sohn hinterlassen, und Hui Tu-chi lebte in beständiger Furcht, von diesem ermordet zu werden. Daher forderte Hui Tu-chi den Kaiser auf, in Lau-lan eine Militärkolonie zu errichten, und zwar in der Stadt E-tun, wo das Land, wie er sagte, «reich war und guten Ertrag gab». Dies geschah, und der Kaiser schickte einen Reiterobersten mit 40 Mann nach E-tun, um «die Felder zu bestellen und das Volk zu beruhigen». So gelang es dem großen Han-Monarchen, seine Macht über das Land Lau-lan oder Shen-shen zu erstrecken.
„Um die Zeit, als diese Chroniken geschrieben wurden, was wahrscheinlich um Christi Geburt herum geschah, zählte, wie uns berichtet wird, das Königreich Shen-shen 1570 Familien, was neben 2912 Mann geübten Truppen eine Bevölkerung von 14100 Personen ausmachte.
„Hinsichtlich der physischen Charakterzüge des Landes sagt das Tsien-Han-shu (von Herrn A. Wylie ins Englische übersetzt):
„«Das Land ist sandig und salzig, und es gibt dort wenig angebaute Felder. In betreff des Getreides und der Ackerbauerzeugnisse ist die Gegend auf die benachbarten Reiche angewiesen. Das Land bringt Nephrit, Binsen in Menge, Tamarisken, Elaecocca vernicia und weißes Gras hervor. Die Bevölkerung treibt ihr Vieh überall auf die Weide, wo es genügend Wasser und Gras finden kann. Die Leute besitzen Esel, Pferde und Kamele. Sie können für Kriegsbedarf dieselbe Art Waffen anfertigen wie die Leute in Tso-kiang.»
„Soweit gehen also die in dem Tsien-Han-shu enthaltenen Nachrichten. Hören wir, was Fa-Heen von Lau-lan sagt, durch welches Land er im fünften Jahrhundert n. Chr. reiste, als er sich von China nach Indien begab, um sich die heiligen Bücher des Buddhismus zu verschaffen. Die englische Übersetzung ist von Dr. J. Legge.
„«Nachdem sie 17 Tage gereist waren, welche Entfernung wir auf etwa 1500 Li (von Tun-huang) schätzen können, erreichten die Pilger das Königreich Shen-shen, ein kupiertes, hügeliges Land mit magerem, unfruchtbarem Boden. Die Kleidungsstücke der gewöhnlichen Leute sind einfach und gleichen den in unserem Lande Han gewebten; einige tragen Filz und andere Serge oder härene Stoffe. Der König gehorchte unserem Gesetze, und in dem Königreiche gibt es wohl mehr als 4000 Mönche, die alle das Hinayana (das kleine Erlösungsmittel) studieren. Die breiteren Schichten der Bevölkerung dieses und anderer Königreiche in dieser Gegend, wie auch die Sramanen (Mönche) leben alle auf indische Weise, diese jedoch strenger, jene etwas freier. Hier hielten sich die Pilger ungefähr einen Monat auf und setzten dann ihre Reise fort, worauf sie ein fünfzehntägiger Marsch nach Nordwesten nach dem Lande Wu-e führte. Hier gab es über 4000 Mönche, die alle das Hinayana studierten.»“
„Hsian-Tsang (629–645 n. Chr.) passierte zweihundert Jahre nach Fa-Heen auf der Rückreise von Indien Lau-lan, aber seine Nachrichten von dem Lande sind außerordentlich dürftig. Wir erfahren nur, daß er, nachdem er die mit Mauern umgebene, aber verlassene Stadt Tsche-mo-to-na oder Nimo verlassen hatte, 1000 Li in nordöstlicher Richtung reiste und Na-po-po erreichte, welches dasselbe ist wie Lau-lan.“
Aus diesen von Macartney zusammengestellten Angaben ersehen wir, daß Lôu-lan seinerzeit eine gewisse Bedeutung hatte. Wahrscheinlich würde man durch fortgesetzte Ausgrabungen noch reichere Funde machen können als die, von denen ich kurz berichtet habe.